{"id":4947,"date":"2020-06-01T06:46:28","date_gmt":"2020-06-01T05:46:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4947"},"modified":"2020-06-01T09:58:28","modified_gmt":"2020-06-01T08:58:28","slug":"meine-heimat-ist-die-literatur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4947","title":{"rendered":"\u201eMeine Heimat ist die Literatur\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Nicht nur als \u00dcberlebender des Warschauer Ghettos &#8211; er war in mehrfacher\nHinsicht eine lebende Legende. Wie Willi Winkler f\u00fcr die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>\nbereits 2000 recherchierte, hat er seit 1960 achtzigtausend B\u00fccher rezensiert.\nSeit Friedrich Nicolai (1733 \u2013 1811) hat niemand so viel Einfluss auf den\ndeutschen Buchmarkt ausge\u00fcbt wie der \u201eLiteraturpapst\u201c &#8211; der mehrfach betonte,\ndass er nicht die Autoren, sondern die Leser beeinflussen wolle. Auf das\nVerh\u00e4ltnis von Schriftstellern zu Literaturkritikern angesprochen, soll er\neinmal darauf hingewiesen haben, dass die V\u00f6gel nichts von Ornithologie\nverstehen, aber auch noch kein Ornithologe einem Vogel das Fliegen beibringen\nkonnte: Marcel Reich-Ranicki.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eMan musste ihn lieben, weil er gesagt hat, was er dachte &#8211; und sich keine Sekunde darum scherte, was andere davon halten w\u00fcrden. F\u00fcrchten musste man ihn, weil er dabei weder Freund noch Feind kannte. Was ihm nicht in den Kram passte, wischte er unwirsch zur Seite. Das konnte auch mal ein Fernsehpreis sein\u201c, erkl\u00e4rte Entertainer Thomas Gottschalk anl\u00e4sslich seines Todes im <em>Spiegel<\/em>. Damit meinte er sich selbst: als er ihm f\u00fcr sein Lebenswerk und seine <em>ZDF<\/em>-Sendung \u201eDas Literarische Quartett\u201c am 11.10.2008 den Deutschen Fernsehpreis verleihen wollte, lehnte der Kandidat unter spontanem Hinweis auf den \u201eBl\u00f6dsinn, den wir hier heute Abend zu sehen bekommen haben\u201c, die Auszeichnung ab. Gottschalk bot ihm daraufhin eine einst\u00fcndige Diskussionsrunde zur Qualit\u00e4t des deutschen Fernsehens an \u2013 die auch stattfand. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Reich_Ranicki_Buch.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4957\"\/><figcaption>MRR. Quelle: Von Smalltown Boy, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=28597042<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aufgrund seiner rigorosen Urteile z\u00fcrnten ihm manche der von ihm\nRezensierten bis ins Grab. Rolf Dieter Brinkmann giftete ihn 1968 an: \u201eWenn\ndieses Buch ein Maschinengewehr w\u00e4re, w\u00fcrde ich Sie jetzt \u00fcber den Haufen\nschie\u00dfen\u201c. Peter Handke sagte in einem Interview mit Andr\u00e9 M\u00fcller, dass er es\nnicht bedauern w\u00fcrde, wenn Reich-Ranicki sterben w\u00fcrde. Elfriede Jelinek\nbezeichnete Reich-Ranickis \u00c4u\u00dferung, sie (Jelinek) sei zwar eine tolle Frau,\naber ein gutes Buch sei ihr nicht gelungen, als \u201egr\u00f6\u00dfte Dem\u00fctigung\u201c. Aber auch Kollegen\nurteilten nicht minder scharf: \u201eDas selbstgerechte, wahllos w\u00fctende Hassgebr\u00fcll\ndes entfesselten Kulturspie\u00dfers\u201c, kommentierte Andreas Kilb eine \u00c4u\u00dferung\nRanickis in der <em>Zeit<\/em>. Der so Gescholtene kam am 2. Juni vor 100 Jahren\nzur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ewurzelloser Kosmopolit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren als Marceli Reich in W\u0142oc\u0142awek (Leslau, Provinz\nKujawien-Pommern), war er das dritte Kind einer j\u00fcdischen Mittelstandsfamilie:\nSein Vater David besa\u00df eine kleine Fabrik f\u00fcr Baumaterialien, ging aber 1928\nKonkurs. W\u00e4hrend er seine deutsche Mutter Helene zeitlebens als \u201eliebevoll,\naber weltfremd\u201c verehrte, hielt er seinen polnischen Vater f\u00fcr einen Versager. Marceli\ndurfte als einziger seiner Geschwister die deutsche Schule von Leslau besuchen\nund wurde, um ihm seine berufliche Zukunft nach dem v\u00e4terlichen Gesch\u00e4ftsruin\noffenzuhalten, zu wohlhabenden Verwandten nach Berlin geschickt. Trotz des Gleichbehandlungsgebots\nder j\u00fcdischen Sch\u00fcler, das am Fichte-Gymnasium in Berlin-Wilmersdorf noch galt,\nblieb er von Schulausfl\u00fcgen oder Sportfesten ausgeschlossen und vertiefte sich\nstattdessen in die Lekt\u00fcre der deutschen Klassiker und besuchte Theater,\nKonzerte und Opern. 1938 machte er sein Abitur, wurde aber an der\nFriedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t Berlin, wo er Germanistik studieren wollte,\nwegen seiner j\u00fcdischen Abstammung nicht mehr immatrikuliert.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach kurzer Abschiebehaft nach Polen ausgewiesen, fuhr er mit der Bahn nach Warschau, wo seine Familie inzwischen lebte und von Bruder Alexander, einem Zahnarzt, ern\u00e4hrt wurde. Seine erfolglose Arbeitssuche \u2013 immerhin musste er die polnische Sprache neu lernen \u2013 endet abrupt zum Poleneinmarsch am 1. September 1939. Soldaten der Wehrmacht, die bei Zahn\u00e4rzten Gold vermuteten, pl\u00fcnderten die Wohnung der Familie Reich. Am 21. Januar 1940 bat Helene ihren Sohn, sich um ein gleichaltriges M\u00e4dchen in der Nachbarschaft zu k\u00fcmmern. Die Zwanzigj\u00e4hrige war verzweifelt, denn sie hatte gerade ihren Vater tot vorgefunden; er hatte sich erh\u00e4ngt, nachdem die j\u00fcdische Familie von den Deutschen enteignet und aus Lodz vertrieben worden war. Marcel Reich versuchte, Teofila (\u201eTosia\u201c) Langnas (1919 \u2013 2011) zu tr\u00f6sten. Die beiden verliebten sich und wurden unzertrennlich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/2-format43.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4959\"\/><figcaption>Ehepaar Ranicki.  Quelle: <a href=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/reich-ranicki_teofila_dpa\/4114844\/2-format43.jpg\">https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/reich-ranicki_teofila_dpa\/4114844\/2-format43.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ab November 1940 wurde er mit mehr als 400 000 Juden hinter der 18\nKilometer langen und drei Meter hohen Mauer des Warschauer Gettos zusammengepfercht.\nDie j\u00fcdische Kultusgemeinde (der sog. \u201eJudenrat\u201c) besch\u00e4ftigt ihn als Schreiber\nund \u00dcbersetzer, daneben verfasste er f\u00fcr die Ghettozeitung \u201eGazeta \u017bydowska\u201c\nunter dem Pseudonym Wiktor Hart Konzertrezensionen und arbeitete im\nUntergrundarchiv. Am 22. Juli 1942, dem ersten R\u00e4umungstag des Gettos, lie\u00dfen\ner und Tosia sich von einem Rabbi trauen. Ihnen gelang im Februar 1943 die\nFlucht, sie wurden von dem polnischen Schriftsetzer Bolek Gawin und dessen Frau\nin einem Vorort Warschaus versteckt. Das Paar konnte auch eine Mappe mit\nZeichnungen von Tosia Reich-Ranicki herausschmuggeln, die erst 1999\nver\u00f6ffentlicht wurden. Bis zuletzt \u00fcberwies das dankbare Ehepaar der Tochter\nGawins Geld. Reichs Eltern und sein Bruder fielen dagegen den Nazis zum Opfer,\nseine Schwester war nach England emigriert.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Sowjetische Armee befreit ihn, er tritt der Kommunistischen Partei Polens bei, arbeitet in der Polnischen Milit\u00e4rkommission in Berlin, im Polnischen Au\u00dfenministerium, 1948 und 1949 als Konsul der Republik Polen in London und zugleich im polnischen Geheimdienst im Range eines Hauptmanns. Seine Frau war in London als Korrespondentin f\u00fcr zwei Zeitungen besch\u00e4ftigt. 1948 \u00e4nderte die Familie den zu sehr an die Deutschen erinnernden Namen \u201eReich\u201c in \u201eRanicki\u201c, im selben Jahr wurde Sohn Andrzej, sp\u00e4ter Andrew, geboren, ihr einziges Kind. Marcel galt als arroganter \u201eIntelligenzler\u201c, wurde von Geheimdienst und Au\u00dfenministerium Anfang 1950 entlassen und wegen \u201eideologischer Entfremdung\u201c aus der kommunistischen Partei ausgeschlossen. Im Rahmen der ostblockweiten stalinistischen Aktion gegen \u201ewurzellose Kosmopoliten\u201c und \u201ezionistische Spionage\u201c verbrachte er einige Wochen in Einzelhaft im Gef\u00e4ngnis. Die sp\u00e4ter erhobenen Vorw\u00fcrfe, er habe Exilpolen zur R\u00fcckkehr in die Heimat \u00fcberredet, wo sie dann zum Tod verurteilt worden seien, blieben ungekl\u00e4rt, er bestritt sie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/2-format43-1-1024x1001.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4960\"\/><figcaption>MRR in jungen Jahren. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100986579\/6842506557-ci102l-w1024\/fp-ranicki-gross-BM-Bayern-Berlin-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100986579\/6842506557-ci102l-w1024\/fp-ranicki-gross-BM-Bayern-Berlin-jpg.jpg<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Danach durfte er, unterbrochen von Berufs- und Publikationsverboten, in\njenem Reservat arbeiten, in dem man politisch \u201eunzuverl\u00e4ssigen\u201c Individuen am\nehesten gewisse Narrenfreiheiten zubilligt: auf dem Gebiet der Literatur und\ndes literarischen Lebens. Er arbeitete in einem Verlag, schrieb f\u00fcr die Zeitung\nund f\u00fcr den Rundfunk, und er \u00fcbersetzte &#8211; alles als Vermittler deutscher\nLiteratur f\u00fcr polnische Leser. Nachdem er in der Schweiz weder eine Arbeits-\nnoch eine Niederlassungsbewilligung bekam, kehrte er von einer Studienreise in\ndie Bundesrepublik Deutschland im Sommer 1958 nicht mehr nach Polen zur\u00fcck. Tosia,\ndie sich mit ihrem Sohn nach London abgesetzt hatte, traf sich mit ihm in\nFrankfurt am Main. Heinrich B\u00f6ll und Siegfried Lenz halfen ihm, hier Fu\u00df zu\nfassen, Hans Werner Richter lud ihn zur Teilnahme an einer Sitzung der \u201eGruppe 47\u201c\nein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eso effektvoll wie unaufrichtig\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Weil ihn die <em>Zeit<\/em> am 1. Januar 1960 als Literaturkritiker\neinstellte, zog er nach Hamburg. Vierzehn Jahre lang schrieb er f\u00fcr die\nWochenzeitung und eroberte sich in dieser Zeit den Ruf eines \u201eGro\u00dfkritikers\u201c.\nNebenbei verbrachte Reich-Ranicki 1968 und 1969 jeweils einige Zeit als\nGastprofessor in den USA. Von 1971 bis 1975 war er st\u00e4ndiger Gastprofessor f\u00fcr\nneue deutsche Literatur in Stockholm und Uppsala. Vortragsreisen f\u00fchrten ihn\n1972 bis ans andere Ende der Welt, nach Australien und Neuseeland. 1973 kehrte\nMarcel Reich-Ranicki nach Frankfurt zur\u00fcck, wo er die Leitung der \u201eRedaktion\nf\u00fcr Literatur und literarisches Leben\u201c der <em>FAZ<\/em> \u00fcbernahm und sie zur\nbuch- und literaturfreundlichsten Zeitung Deutschlands machte. Im selben Jahr\nwurde er Dozent f\u00fcr Literaturkritik an der Universit\u00e4t K\u00f6ln und im Jahr darauf\nHonorarprofessor an der Universit\u00e4t T\u00fcbingen. 1979 hielt er sogar in China\nVortr\u00e4ge. Gemeinsam mit anderen Literaturfreunden initiierte er 1977 den\nIngeborg-Bachmann-Preis, der rasch zu einem der bedeutendsten deutschsprachigen\nLiteraturwettbewerbe und -preise wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als er sich 1988 aus Altersgr\u00fcnden aus der Leitung des Literaturteils zur\u00fcckziehen musste, blieb ihm zun\u00e4chst nur noch die w\u00f6chentliche \u201eFrankfurter Anthologie\u201c, die er seit dem 15. Juni 1974 bis zu seinem Tod betreute und auch die j\u00e4hrlich erscheinenden Buchausgaben herausgab. In jeder Samstagsausgabe der<em> FAZ<\/em> erschien ein Gedicht mit einem Kommentar eines Lyrikkenners unter dem Motto: \u201eDer Dichtung eine Gasse.\u201c Doch dann fand er in der <em>ZDF<\/em>-Sendung \u201eDas Literarische Quartett\u201c ein neues Wirkungsfeld. Der temperamentvolle Medienstar bewies, dass Literaturkritik unterhaltsam sein kann. Mit au\u00dfergew\u00f6hnlichem Erfolg wurden vom 25. M\u00e4rz 1988 bis 14. Dezember 2001 siebenundsiebzig Folgen des \u201eLiterarischen Quartetts\u201c ausgestrahlt. Es sei erst das Fernsehen gewesen, das ihn zu einem Helden der \u00d6ffentlichkeit werden lie\u00df, befand Thomas Steinfeld in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>, \u201eund wenn er Bestseller schuf oder verhinderte (keiner konnte das so wie er), dann waren die Form des Urteils, der Witz, die Pointe, aber auch die Schm\u00e4hung und das Indiskrete etwas, das die Menschen ebenso bewegte wie der Inhalt des Urteils.\u201c Er beendete die Sendung mit einem Brecht-Zitat, das die Offenheit literaturkritischer Urteile unterstrich: \u201eWir sehn betroffen den Vorhang zu und alle Fragen offen.\u201c Ein Zitat \u00fcbrigens, mit dem er bereits in den fr\u00fchen Sechzigern eine Radiosendung \u00fcber Literatur beschlossen hatte, die er zusammen mit Hans Mayer moderierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/2-format43-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4961\"\/><figcaption>Das &#8222;Quartett&#8220; in klassischer Besetzung: Sigrid L\u00f6ffler, Ulrich Greiner, MRR und Hellmuth Karasek. Quelle:  <a href=\"https:\/\/image.kurier.at\/images\/cfs_landscape_616w_347h\/693102\/46-2394871.jpg\">https:\/\/image.kurier.at\/images\/cfs_landscape_616w_347h\/693102\/46-2394871.jpg<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zwischendurch ging er 1990 als Gastprofessor nach D\u00fcsseldorf und ein Jahr\nsp\u00e4ter nach Karlsruhe. Das Altern empfand er als Zumutung: \u201eDas Leben ist\nscheu\u00dflich, wenn man alt ist. Sehr unangenehm. Ich kann Ihnen nur sagen, es ist\nkein Vergn\u00fcgen, so alt zu sein\u201c, sagte er der <em>Zeit<\/em>. Weniger erfolgreich\nals mit \u201eDas Literarische Quartett\u201c war Marcel Reich-Ranicki 2002 mit seiner\nSendung \u201eReich-Ranicki-Solo. Polemische Anmerkungen\u201c. 1999 ver\u00f6ffentlichte er\nseine Autobiografie \u201eMein Leben\u201c, die zehn Jahre sp\u00e4ter mit Matthias\nSchweigh\u00f6fer in der Hauptrolle verfilmt wurde. Zu Beginn seiner Autobiographie\nschreibt Reich-Ranicki, dass er \u201ekein eigenes Land, keine Heimat und kein\nVaterland\u201c hat. Seine Heimat sei im Letzten die Literatur gewesen. Und er schreib\ndarin zur \u201earithmetischen Formel\u201c, wonach er einst zu Grass gesagt habe: \u201eIch\nbin ein halber Pole, ein halber Deutscher und ein ganzer Jude\u201c, dass sie \u201eso\neffektvoll wie unaufrichtig\u201c gewesen sei: \u201eHier stimmte kein einziges Wort. Nie\nwar ich ein halber Pole, nie ein halber Deutscher &#8211; und ich hatte keinen\nZweifel, dass ich es nie werden w\u00fcrde. Ich war auch nie in meinem Leben ein\nganzer Jude, ich bin es auch heute nicht.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er bereits 2001 in einem<em> Spiegel<\/em>-Gespr\u00e4ch einen \u201eKanon lesenswerter deutschsprachiger Werke\u201c entwickelt hatte, gab Reich-Ranicki 2002 im Insel-Verlag unter dem Titel \u201eDer Kanon. Die deutsche Literatur\u201c das erste von bislang drei Buchpaketen heraus. 2007 verlieh ihm die Humboldt-Universit\u00e4t als Rechtsnachfolgerin der Friedrich-Wilhelms-Universit\u00e4t, die ihm ein Studium verwehrt hatte, die Ehrendoktorw\u00fcrde. Im selben Jahr wurde an der Universit\u00e4t Tel Aviv ein Marcel-Reich-Ranicki-Lehrstuhl f\u00fcr Deutsche Literatur eingerichtet, 2010 in seinem Beisein eine \u201eArbeitsstelle Marcel Reich-Ranicki f\u00fcr Literaturkritik in Deutschland\u201c an der Uni Marburg als Teil des Forschungsschwerpunkts \u201eLiteraturvermittlung in den Medien\u201c er\u00f6ffnet. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/2-format43-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4962\"\/><figcaption>MRR mit Thomas Gottschalk.  Quelle: <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/497c95f8-0001-0004-0000-000000546412_w718_r1.3869801084990958_fpx44.68_fpy49.97.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/497c95f8-0001-0004-0000-000000546412_w718_r1.3869801084990958_fpx44.68_fpy49.97.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 27. Januar 2012 schilderte Reich-Ranicki in der Rede zur Gedenkstunde zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag, wie er im Warschauer Ghetto den ersten Tag der Deportationen ins Vernichtungslager Treblinka als \u00dcbersetzer des \u201eJudenrats\u201c erlebte. Das Seminar f\u00fcr Allgemeine Rhetorik der Universit\u00e4t T\u00fcbingen w\u00fcrdigte den Vortrag mit der Auszeichnung \u201eRede des Jahres\u201c. Im M\u00e4rz 2013 machte Reich-Ranicki seine Krebserkrankung \u00f6ffentlich und bilanzierte kurz vor seinem Tod in der <em>Zeit<\/em> bitter: \u201eIch bin nicht gl\u00fccklich. Ich bin \u00fcberhaupt nicht gl\u00fccklich. Ich war es nie in meinem Leben. Ich war es nie. Ich war nie in meinem Leben gl\u00fccklich. Das ist etwas, was ich nicht kenne.\u201c Er starb, zwei Jahre nach seiner Frau, die bis zuletzt als Illustratorin und \u00dcbersetzerin gearbeitet hatte, am 18. September 2013. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eKritik ist immer p\u00e4dagogisch\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marcel Reich-Ranicki hat f\u00fcr seine Arbeit als Literaturkritiker und die\nfr\u00fchere Arbeit im politischen Bereich bis heute zahlreiche Auszeichnungen und\nEhrungen in Deutschland und Polen erhalten. \u00c4hnlich wie Robert Lembke hatte er\nUmfragewerte, von denen Politiker nur tr\u00e4umen k\u00f6nnen: 2010 kannten ihn 98\nProzent der deutschen Bev\u00f6lkerung mit Namen. Zu seinen sch\u00e4rfsten Feinden z\u00e4hlt\nMartin Walser, der 2002 den Schl\u00fcsselroman \u201eTod eines Kritikers\u201c ver\u00f6ffentlichte,\nin dem er seinen Einfluss durch das Literarische Quartett thematisierte. Hellmuth\nKarasek, sowohl mit Reich-Ranicki als auch Walser lange beruflich verbunden,\nwertete die postmoderne Generalabrechnung im <em>Tagesspiegel<\/em> als \u201eDokument\neines schier \u00fcbermenschlichen Hasses, der den Autor \u00fcberw\u00e4ltigt, weil er sich\nsein Leben lang unter der Fuchtel von Reich-Ranicki sah\u201c. Auch\nAntisemitismus-Vorw\u00fcrfe wurden laut, die Walser als absurd zur\u00fcckwies.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch das focht Reich-Ranicki nie an: \u201eDie Kritiker sind dazu da, an dem Ast zu s\u00e4gen, auf dem sie sitzen. Unter uns: Sie k\u00f6nnen es getrost tun, denn je mehr man an ihm s\u00e4gt, desto fester wird er.\u201c Sein Grundsatz war: Der Kritiker reagiere auf ein Buch \u201evon Fall zu Fall\u201c, ohne verbindliche Normen, ohne Theorie. Indem er \u00fcber Autoren schrieb, schrieb er immer auch \u00fcber sich selbst, erkennt Hajo Steinert im <em>DLF<\/em>. So habe er sich von Lessing die Legitimation des kritischen Urteils geholt, so vernichtend es auch f\u00fcr den Verfasser des Kunstwerks ausfallen m\u00f6ge. Von Fontane \u00fcbernahm er Schl\u00fcsselbegriffe wie \u201eunmittelbare Empfindung\u201c oder \u201egesunder Menschenverstand\u201c. Selbst Walter Benjamin zitierte er inbr\u00fcnstig: \u201eWer nicht Partei ergreifen kann, der hat zu schweigen. Nur wer vernichten kann, kann kritisieren\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"460\" height=\"345\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/2-format43-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4963\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/2-format43-4.jpg 460w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/2-format43-4-300x225.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><figcaption>Der Autor und sein Schauspieler. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/media\/thumbs\/2\/20fcd86de10e35a36bd642ace93dc127v2_max_460x345_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=2479dd\">https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/media\/thumbs\/2\/20fcd86de10e35a36bd642ace93dc127v2_max_460x345_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=2479dd<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Realistische Literatur, Nat\u00fcrlichkeit, lebensnahes Erz\u00e4hlen gehen dem belesenen Autodidakten \u00fcber Postmoderne und Avantgarde. Von Genre-Literatur wie Science-Fiction und Fantasy hielt Reich-Ranicki wenig, ohne sich aber je umfassend mit ihr besch\u00e4ftigt zu haben; insbesondere von der Science-Fiction glaubte er, dass ihre Vorz\u00fcge \u201emit Kunst nichts zu tun\u201c h\u00e4tten. Aus seinem erzieherischen Auftrag, seinem aufkl\u00e4rerischen Impetus machte er keinen Hehl: \u201eKritik ist immer p\u00e4dagogisch.\u201c So protegierte er Heinrich B\u00f6ll, um ihn als Repr\u00e4sentant der deutschen Nachkriegsliteratur gegen Gerd Gaiser durchzusetzen. Der Adressat seiner \u201eBelehrungen\u201c ist allerdings nicht der Schriftsteller, sondern einzig und allein der Leser: \u201eSchriftsteller sind nicht lenkbare, nicht erziehbare Wesen.\u201c Und so meint Steinert treffend: \u201eSein gr\u00f6\u00dfter Verdienst besteht darin, dass er die Literaturkritik aus dem akademischen Milieu befreit hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4947&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er lieferte zehntausende Rezensionen, die Autoren erfolgreich machen oder vernichten konnten, und lehnte den deutschen Fernsehpreis ab: Marcel Reich-Ranicki. 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