{"id":4954,"date":"2020-06-09T06:51:24","date_gmt":"2020-06-09T05:51:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4954"},"modified":"2020-05-28T16:14:56","modified_gmt":"2020-05-28T15:14:56","slug":"habitus-des-mittelalterlichen-kriegeradels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=4954","title":{"rendered":"\u201eHabitus des mittelalterlichen Kriegeradels\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Starb im Mittelalter ein hochrangiger Deutscher au\u00dferhalb der Heimat,\nwurde er, um dem Verwesen beim R\u00fccktransport zu begegnen, \u201emore teutonico\u201c\nbestattet: der Leichnam wird erst ausgeweidet und dann durch mehrst\u00fcndiges\nKochen in Fleischteile und Knochen zerlegt \u2013 nur die Gebeine wurden dann nach\nDeutschland \u00fcberf\u00fchrt. Der deutsche Kaiser, dem als hochrangigsten Vertreter\ndiese unheimliche Zeremonie wiederfuhr, ist zugleich der einzige Herrscher des\nMittelalters, dessen Grablege bis heute unbekannt ist: seine Eingeweide wurden in\nTarsos und sein Fleisch in Antiochia beigesetzt, seine Gebeine dagegen werden\nin der Kathedrale von Tyros vermutet, die heute nur noch als arch\u00e4ologisches\nAusgrabungsfeld existiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Rahewin, der Sekret\u00e4r des Babenberger Bischoffs Otto von Freising, beschrieb\nzu Lebzeiten das \u00c4u\u00dfere des Kaisers als wohl gebaut: \u201eSeine Augen sind scharf\nund durchdringend, die Nase ist sch\u00f6n, der Bart r\u00f6tlich, die Lippen sind schmal\nund heiter. Sein Gang ist fest und gleichm\u00e4\u00dfig, seine Stimme hell und die ganze\nK\u00f6rperhaltung m\u00e4nnlich. Durch diese Leibesgestalt gewinnt er sowohl im Stehen\nwie im Sitzen h\u00f6chste W\u00fcrde und Autorit\u00e4t.\u201c Mit ihm tauchte nicht nur der\nantike Begriff des furor teutonicus nach fast v\u00f6lliger Vergessenheit wieder in\nder Geschichtsschreibung auf, sondern erstmals f\u00fcr das R\u00f6mische Reich auch das\nAttribut \u201eheilig\u201c: Im Gegensatz zum Papsttum erfuhr das Kaisertum seine\nHeiligkeit aus sich selbst, besa\u00df eine eigene Heiligkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Heimatlosigkeit im Tod eignete sich blendend daf\u00fcr, den vermeintlich ertrunkenen Herrscher zur Symbolfigur der nationalen Sehns\u00fcchte der Deutschen zu machen: Er entwickelte sich im 19. Jahrhundert nach der Aufl\u00f6sung des Heiligen R\u00f6mischen Reiches, den Befreiungskriegen gegen Napoleon und der \u201eKleinstaaterei\u201c Deutschlands zum Bezugspunkt des nationalen Macht- und Einheitsgedankens. Der Verschollene wurde zum schlafenden, aber wiederkehrenden Kaiser im Kyffh\u00e4user, dem die Br\u00fcder Grimm 1816 mit \u201eFriedrich Rotbart im Kyffh\u00e4user\u201c eine Sagensammlung und Friedrich R\u00fcckert 1817 ein eigenes Gedicht widmeten: Friedrich I. Barbarossa.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"411\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_I._Barbarossa.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4975\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_I._Barbarossa.jpg 411w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_I._Barbarossa-206x300.jpg 206w\" sizes=\"(max-width: 411px) 100vw, 411px\" \/><figcaption>Barbarossa. Quelle: Christian Siedentopf; file: James Steakley &#8211; Der Spiegel Nr. 32 (2006), p. 50., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=8304855 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Schon sein Tod im Fluss Saleph (heute G\u00f6ksu, S\u00fcdostt\u00fcrkei), in dem\nbereits Alexander der Gro\u00dfe badete, war geheimnisumwittert. Nach der Legende\nhatte ein Sterndeuter Barbarossa prophezeit, dass er ertrinke, wenn er zum\nKreuzzug ins Morgenland marschiert. Er hatte daher den Seeweg gemieden und den\nbeschwerlichen Landweg nach Jerusalem genommen. Bereits die Zeitgenossen\nwussten nicht, ob der Kaiser den Fluss schwimmend oder zu Pferde \u00fcberqueren\nwollte, ob er allein oder in Begleitung schwamm, ob er nur ein Erfrischungsbad\nnehmen oder ans andere Ufer gelangen wollte, ja ob er \u00fcberhaupt im Wasser oder\nerst am Ufer starb. Eine Theorie besagt, dass er den Fluss mit dem Pferd\ndurchqueren wollte, weil ihm der Vormarsch \u00fcber die einzige, kleine Br\u00fccke zu\nlangsam ging. Eine andere, wahrscheinlichere Variante meint, dass er in der\ngl\u00fchenden Hitze einfach das Verlangen nach einem kurzen Bad versp\u00fcrte und wegen\ndes Temperaturunterschieds einen Herzschlag erlitt. Nur am Todeszeitpunkt gibt\nes nichts zu deuteln: es war der 10. Juni 1190, nach dem Mittagessen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vom\nSchwabenherzog zum Kaiser<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren um 1122 in Hagenau oder Waiblingen, waren seine Eltern Friedrich\nII. der Ein\u00e4ugige und die Welfin Judith zu diesem Zeitpunkt Herzog und Herzogin\nvon Schwaben. Sein Urgro\u00dfvater Friedrich von B\u00fcren hatte auf dem 682 m hohen\nHohenstaufen nahe G\u00f6ppingen die (sp\u00e4tere) Stammburg des gleichnamigen\nKaiserhauses gebaut. Friedrich lernte reiten, jagen und den Umgang mit Waffen,\nkonnte aber weder lesen noch schreiben und war auch der lateinischen Sprache\nnicht m\u00e4chtig. Ab 1138 wurde sein Onkel Konrad III., nachdem dieser bereits\nmehrere Jahre als Gegenk\u00f6nig aktiv war, zum alleinigen K\u00f6nig des Heiligen\nR\u00f6mischen Reiches. Friedrich konnte daher an mehreren k\u00f6niglichen Hoftagen\nteilnehmen und seinem Onkel 1147 auf dem zweiten Kreuzzug folgen. Im selben\nJahr, dem Todesjahr seines Vaters, heiratete er eine bayrische\nMarkgrafentochter, von der er sich nach vier Jahren wegen Kinderlosigkeit\nscheiden lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Onkel\nmacht ihn zum Thronfolger, da sein eigener Sohn noch minderj\u00e4hrig war. Am 4.\nM\u00e4rz 1152 wurde der 30j\u00e4hrige Friedrich in Frankfurt zuerst zum K\u00f6nig gew\u00e4hlt\nund f\u00fcnf Tage sp\u00e4ter in Aachen gekr\u00f6nt. Friedrich steht vor der Aufgabe, die\nRivalit\u00e4ten zwischen Staufern und Welfen einzud\u00e4mmen, die seit der K\u00f6nigswahl\nvon Lothar II. 1125 andauerten. Auf dem W\u00fcrzburger Reichstag verk\u00fcndet er einen\nLandfrieden. Zudem kommt es zu einem Ausgleich zwischen dem Welfen Heinrich dem\nL\u00f6wen, dem Herzog von Sachsen, und seinem langj\u00e4hrigen Widersacher Albrecht dem\nB\u00e4ren, dem Markgrafen von Brandenburg, der immer wieder von Staufern\nunterst\u00fctzt worden war.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dfenpolitisch einigt sich Friedrich I. 1153 im Konstanzer Vertrag mit Papst Eugen III. auf eine gemeinsame Politik gegen Byzantiner und Normannen in Italien. Als im Jahr darauf\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 der staufisch-welfische Konflikt erneut ausbricht, vermittelt er, indem er Heinrich dem L\u00f6wen zus\u00e4tzlich zum Herzogtum Sachsen auch noch das Herzogtum Bayern zuspricht. Daraufhin steht er mit Bayern im Streit. Er beginnt seinen ersten Feldzug nach Italien, wo er wegen seines roten Bartes \u201eBarbarossa\u201c genannt wird. Denn wichtigstes Anliegen des jungen Barbarossa war es, nicht nur dem Kaisertum neuen Glanz zu verleihen, sondern auch die kaiserliche Autorit\u00e4t in Italien durchzusetzen. Mit der Macht des Schwertes versuchte er die oberitalienischen St\u00e4dte gef\u00fcgig zu machen, die ihm den Gehorsam verweigerten. Besonders das widerspenstige Mailand leistete erbitterten Widerstand. Barbarossa vernichtete die Ernten im Umland und setzte der Stadt so stark zu, bis sie sich im Fr\u00fchjahr 1155 dem Kaiser unterwarf. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"520\" height=\"347\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Siegel_Kaiser_Friedrich_I_Barbarossa.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4976\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Siegel_Kaiser_Friedrich_I_Barbarossa.jpg 520w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Siegel_Kaiser_Friedrich_I_Barbarossa-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 520px) 100vw, 520px\" \/><figcaption>Siegel Barbarossas. Quelle: Von unbekannt &#8211; [1], Bild-PD-alt, https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?curid=3371512<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der neue\nPapst Hadrian IV. kr\u00f6nt Barbarossa wenige Wochen sp\u00e4ter zum Kaiser und vertrat\ndabei die \u00dcberzeugung, dass das Reich ein Lehen der r\u00f6mischen Kirche sei. Auf\ndem Reichstag zu Besan\u00e7on 1157 besteht Barbarossa aber auf einer Machtbalance\nzwischen Kaiser und Papst &#8211; als Bekr\u00e4ftigung der Gleichrangigkeit taucht hier\nzum ersten Male der Begriff \u201eSacrum Imperium\u201c (Heiliges Reich) auf, das also\npolitischen Ursprungs ist. Zuvor hatte er die erst 16j\u00e4hrige Beatrix von\nBurgund geheiratet. Die Freigrafschaft Burgund, die sie in die Ehe mit\neinbrachte, st\u00e4rkte Barbarossas Machtposition au\u00dferhalb Italiens. Aus der 28\nJahre dauernden Ehe gingen acht S\u00f6hne und drei T\u00f6chter hervor, darunter sein\nKaiser-Nachfolger Heinrich VI., der schw\u00e4bische Herzog Friedrich V. und der\nsp\u00e4tere r\u00f6misch-deutsche K\u00f6nig Philipp von Schwaben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von Italien ins Reich <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hatte er\n1157 noch kurz und erfolgreich Krieg gegen den Herzog von Polen gef\u00fchrt, ger\u00e4t\nBarbarossa 1158 erneut in Konflikt mit italienischen\nUnabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen: Wohlhabende St\u00e4dte wie Mailand, Piacenza, Brescia\nund Cremona wehren sich gegen die Anerkennung der Reichshoheit und die damit\nverbundenen k\u00f6niglichen Sonderrechte, die Regalien. Zudem m\u00f6chte Barbarossa das\nseit 1054 bestehende Schisma beenden, das durch die gegenseitige\nExkommunizierung hoher Vertreter der orthodoxen und der r\u00f6misch-katholischen\nKirche manifestiert wurde. Er setzt 1159 gegen seinen Widersacher Papst\nAlexander III. einen Gegenpapst ein, Viktor IV. Daneben erobert und unterwirft\ner Mailand erneut. Insgesamt wird er f\u00fcnf Italienfeldz\u00fcge f\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der vierte sollte 1167 in eine Katastrophe m\u00fcnden: Im Hochsommer brach im kaiserlichen Heer vor Rom eine Ruhrepidemie aus, die mit dem Tod zahlreicher Erbs\u00f6hne tiefgreifende dynastische Folgen f\u00fcr den deutschen Laienadel hatte. Unter den Opfern waren der K\u00f6lner Erzbischof Rainald von Dassel, einer der engsten Barbarossa-Vertrauten, mehrere Bisch\u00f6fe, Herz\u00f6ge, Grafen und 2000 Ritter. Als sich im Winter des Jahres der drei Jahre zuvor ger\u00fcndete Veroneser Bund unter F\u00fchrung Venedigs mit dem Lombardenbund\u00a0 unter F\u00fchrung Mailands vereinte, war das Ende besiegelt. Aus Angst um sein Leben floh Barbarossa mitten in der Nacht als Pferdeknecht verkleidet aus Susa \u00fcber den einzigen freien Alpenpass. Kurzzeitig wurde er f\u00fcr tot gehalten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"468\" height=\"721\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/468px-Friedrich-barbarossa-und-soehne-welfenchronik_1-1000x1540.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4977\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/468px-Friedrich-barbarossa-und-soehne-welfenchronik_1-1000x1540.jpg 468w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/468px-Friedrich-barbarossa-und-soehne-welfenchronik_1-1000x1540-195x300.jpg 195w\" sizes=\"(max-width: 468px) 100vw, 468px\" \/><figcaption>Barbarossa mit B\u00fcgelkrone, Reichsapfel und Szepter zwischen seinen S\u00f6hnen Heinrich VI. und Friedrich von Schwaben. Miniatur aus der Historia Welforum. Quelle: Von Not necessary, PD by age., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=228070<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der f\u00fcnfte\n1174 bis 1176 blieb vor allem durch zwei Ereignisse im historischen\nBewusstsein. Zum einen durch den angeblichen Fu\u00dffall Barbarossas vor Heinrich\ndem L\u00f6wen, um ihn zur Unterst\u00fctzung seiner ausged\u00fcnnten Truppen zu \u201ebeknien\u201c\nund die Dringlichkeit der Kl\u00e4rung der Machtfrage gegen\u00fcber den italienischen\nSt\u00e4dten zu unterstreichen. Heinrich lehnte dennoch ab und brach dadurch mit der\ngesellschaftlichen Konvention, ein durch Fu\u00dffall eines H\u00f6heren vor dem\nRangniederen manifestiertes Ersuchen zu akzeptieren. Barbarossa ist zugleich\nder letzte K\u00f6nig, von dem eine so dem\u00fctigende Bitte \u00fcberliefert ist. Als\nMetapher f\u00fcr das Scheitern der mittelalterlichen Zentralgewalt und die\nKontroverse \u00fcber die kaiserliche Italienpolitik war das Ereignis im 19.\nJahrhundert ein h\u00e4ufig auftauchendes Motiv in der Historienmalerei. Und zum\nanderen die verlorene Schlacht von Legnano, die in den Friedensschluss von Venedig\nm\u00fcndete: Barbarossa unterwarf sich dem Papst, seine Position in Italien war\nfortan geschw\u00e4cht. Daf\u00fcr erweitert er das Reich, indem er Polen unter die\nLehenshoheit bringt und B\u00f6hmen zu einem K\u00f6nigreich erhebt. 1178 lie\u00df er sich in\nArles zum K\u00f6nig von Burgund kr\u00f6nen und begann am Sturz Heinrichs des L\u00f6wen zu\narbeiten, der 1181 mit Hilfe vieler anderer F\u00fcrsten gelang. <\/p>\n\n\n\n<p>Dazwischen und danach arbeitete er daran, in seinem Reich die einzelnen Herrscher im Zaum zu halten und das Land zu einen. \u201eSeine Regierungszeit war gepr\u00e4gt von Konflikten\u201c, sagt der M\u00fcnchner Historiker und Barbarossa-Biograf Knut G\u00f6rich in der <em>Welt<\/em>. \u201eDennoch hatte er die F\u00e4higkeit, Kompromisse zu schmieden.\u201c F\u00fcr die Bev\u00f6lkerung des 12. Jahrhunderts bedeutete das n\u00f6rdlich der Alpen weitgehend Frieden. Ein Zustand, der nach dem Ende der Staufer-Herrschaft vorbei war und die Sehnsucht nach einem Anf\u00fchrer wie Barbarossa lange Zeit befeuerte. Im 19. Jahrhundert wurde der Stauferkaiser sozusagen neu entdeckt, weil die Kyffh\u00e4usersage zur Grundlage des Nationalmythos wurde: Vor der deutschen Einigung 1871 hofften viele auf einen Nationalstaat, wie er \u2013 so die damalige Auffassung \u2013 zu Zeiten Barbarossas existierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/640px-2122_-_Milano_Castello_sforzesco_-_Fregio_di_Porta_Romana_1171_-_Foto_Giovanni_DallOrto_-_14-Feb-2008.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4979\"\/><figcaption>Reliefs, die heute im Castello Sforzesco in Mailand verwahrt werden, zeigen die Vertreibung und die R\u00fcckkehr der Mail\u00e4nder Bev\u00f6lkerung vor bzw. nach der Zerst\u00f6rung Mailands durch Barbarossas Truppen. Quelle: Von Giovanni Dall&#8217;Orto. &#8211; Selbst fotografiert, Attribution, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=6049735<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er schuf neue k\u00f6nigliche Territorien in Schwaben und Franken und st\u00e4rkte\ndie Geldwirtschaft. Auf ihn gingen der Bau von zahlreichen Burgen und die\nGr\u00fcndung von St\u00e4dten zur\u00fcck, nicht zuletzt die Reichsburg Kyffhausen. Die\ngewaltige, dreiteilige Burganlage war mit Ausma\u00dfen von 608 x 60 Metern\nseinerzeit die wohl gr\u00f6\u00dfte Deutschlands. Unter Barbarossa bildete sich\nschlie\u00dflich der mittelalterliche Feudalstaat heraus, mit dem der Aufstieg der\nMinisterialen verbunden ist, die Aufgaben in Diplomatie, Kriegsf\u00fchrung und\nReichsgutverwaltung \u00fcbernahmen. Aus Barbarossas Herrschaftszeit sind rund 1200\nUrkunden erhalten. Als oberster Lehnsherr des Reiches band er die geistigen und\nweltlichen F\u00fcrsten durch einen Eid an sich. Auch wurden die wechselseitigen\nVerpflichtungen der Lehnsherren und Vasallen immer genauer festgelegt und\nbeschrieben. Das Lehnsrecht wurde zum vorherrschenden Element des politischen\nZusammenlebens. Im Reich bildeten sich Gruppen heraus, die bestimmte Aufgaben\n\u00fcbernahmen. Die Ritter boten Schutz, die Geistlichkeit sorgte f\u00fcr das\nSeelenheil, und die Bauern erwirtschafteten die Nahrungsmittel f\u00fcr sich und\nalle anderen St\u00e4nde \u2013 G\u00f6rich schreibt von einer \u201eranggeordneten Gesellschaft\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eder\nideale Ankn\u00fcpfungspunkt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1183 scheiterte im Frieden von Konstanz Barbarossas Versuch, eine Sonderentwicklung der Verfassung in Reichsitalien zu verhindern. Die Kommunen waren nun selbstst\u00e4ndige Rechtssubjekte. 1184 l\u00e4sst Barbarossa seinen Sohn als Heinrich VI. zum K\u00f6nig w\u00e4hlen, verheiratet ihn mit Konstanze, der Erbin von Sizilien, und macht ihn zum Mitregenten. Gemeinsam mit seinem Bruder Heinrich war er auf dem Mainzer Hoffest zu Pfingsten 1184 f\u00fcr vollj\u00e4hrig und m\u00fcndig erkl\u00e4rt worden. Zu diesem Fest erschienen neben sechs Erzbisch\u00f6fen, neun Herz\u00f6gen, vielen Grafen und Ministerialen mehrere Zehntausend Besucher; es galt als H\u00f6hepunkt der Verk\u00f6rperung ritterlicher Ideale. In der Sp\u00e4tzeit Barbarossas lie\u00df die Anziehungskraft des Hofes stark nach, er wurde vor allem ein staufischer \u201eFamilien- und Freundestreff\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Friedrich_I._Barbarossa-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4980\"\/><figcaption>Barbarossa auf dem Kyffh\u00e4user. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/2\/2b80b7f5485b9e4756282ff214951832v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=6b2192\">https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/2\/2b80b7f5485b9e4756282ff214951832v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=6b2192<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Saladin im Oktober 1187 Jerusalem eingenommen hatte und zwei P\u00e4pste\nhintereinander zum Kreuzzug aufriefen, brach Barbarossa 1189 von Regensburg aus\n\u00fcber Bayern, Wien und das K\u00f6nigreich Ungarn mit 15.000 Soldaten auf \u2013 es war\ndas gr\u00f6\u00dfte Heer, das je zu einem Kreuzzug unterwegs war. Er besiegt die Muslime\nnoch am 18. Mai 1190 in der Schlacht bei Ikonion (heute Konya), bevor er drei\nWochen sp\u00e4ter stirbt. Ein gro\u00dfer Teil seines Heeres kehrt demoralisiert auf dem\nSeeweg nach Hause zur\u00fcck. Barbarossas Sohn Heinrich VI. tritt mit\nf\u00fcnfundzwanzig Jahren die Nachfolge des Vaters an. Der \u00dcbergang verlief reibungslos,\nerstmals seit 1056 stand ein allgemein akzeptierter Nachfolger bereit.<\/p>\n\n\n\n<p>Neben dem Zeitgenossen Otto von Freising (\u201eGesta Friderici\u201c) kennzeichnete\nihn auch Gottfried von Viterbo (\u201eGesta Friderici I\u201c) als vorbildlichen\nVertreter ritterlicher Gesinnung und als Reichserneuerer. Er sei \u201edie durch\nlanges Leben, Lernf\u00e4higkeit und pers\u00f6nliche Gr\u00f6\u00dfe sein Jahrhundert pr\u00e4gende\ndeutsche Gestalt in den Gegens\u00e4tzen des Jahrhunderts von Altem und Neuem, von\nAdel und Staat, von herrschaftlichen und rationalen Strebungen, von Geistlichem\nund Weltlichem, von bodengebundener Kleinwelt und weltbejahender wie\nwelt\u00fcberwindender Gesamtschau eines an Gott gebundenen Lebens\u201c, befindet Jahrhunderte\nsp\u00e4ter sein Biograph Hermann Heimpel. Er verk\u00f6rpere die Sehnsucht und Hoffnung\ndes Volkes nach Frieden und Gerechtigkeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Die urspr\u00fcnglich um seinen Enkel Friedrich II. entstandene Sage vom bergentr\u00fcckten Kaiser wurde erstmals im \u201eVolksbuch von Friedrich Barbarossa\u201c (1519) auf ihn \u00fcbertragen. Darin eroberte Barbarossa auch entgegen den historischen Tatsachen Jerusalem und starb nicht im Saleph, sondern ging nur verloren und kehrte nach einiger Zeit zur\u00fcck. Im 19. Jahrhundert dann wurde er zur Identit\u00e4tsstiftung herangezogen, erkl\u00e4rt G\u00f6rich: \u201eDas Kaiserreich im 19. Jahrhundert hatte keine Tradition, deshalb wollte man ihm eine Vorgeschichte geben, und die sah man im Mittelalter. Barbarossa war da der ideale Ankn\u00fcpfungspunkt.\u201c Wilhelm I., der Gr\u00fcnder des Deutschen Reiches von 1871, sollte von Barbarossas Ruhm profitieren. Das popul\u00e4re Geschichtsbild und Machtpolitik wurden miteinander verkn\u00fcpft, mit dem Hohenzollernkaiser Wilhelm I. \u201eBarbablanca\u201c (Wei\u00dfbart) sei Barbarossa (Rotbart) endlich wiedererstanden. Auf dem Kyffh\u00e4user wurde 1896 ein Reiterstandbild von Wilhelm I. eingeweiht. \u201eDer eine symbolisierte den Beginn, der andere war derjenige, der nun alles vollendet\u201c, sagt G\u00f6rich. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/640px-Tod_Barbarossas.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-4981\"\/><figcaption> Barbarossa ertrinkt im Saleph. Der anonyme Autor begr\u00fcndet Barbarossas Tod mit der Absicht\u00a0<em>swemmen<\/em>\u00a0(baden) zu wollen und l\u00e4sst ihn daher unbekleidet ertrinken (<em>erdrank<\/em>). Darstellung in der s\u00e4chsischen Weltchronik um 1280. Quelle: Scan aus Buch: Johannes Laudage: Friedrich Barbarossa. Eine Biographie. Regensburg 2009, S. 208, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=59392690<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Jahrzehnte sp\u00e4ter wurde Barbarossas Name noch einmal im Namen der Machtpolitik instrumentalisiert: Die Nazis bezeichneten den \u00dcberfall der Wehrmacht auf die Sowjetunion 1941 als \u201eUnternehmen Barbarossa\u201c. Auch sie nutzten den Mythos des Kaisers, in dessen direkter Nachfolge sie sich sahen. Seine Niederlage bei Legnano wurde dagegen im italienischen Geschichtsbewusstsein zum Sinnbild von nationaler Selbstbestimmung gegen dr\u00fcckende Fremdherrschaft; in Mailand gilt Barbarossa bis heute als deren Symbol. Nach Kriegsende setzte eine Regionalisierung und Entpolitisierung seiner Person ein. Er stellte sich nicht \u00fcber, sondern unter das Recht, w\u00fcrdigt ihn Heimpel und bilanziert, seine \u201ePers\u00f6nlichkeit, seine Autorit\u00e4t, seine Majest\u00e4t hielten Kr\u00e4fte in einem Gleichgewicht, das \u00fcber seinen Tod hinaus nicht dauern konnte\u201c. F\u00fcr G\u00f6rich dagegen war \u201eBarbarossas Handeln vom Habitus des mittelalterlichen Kriegeradels bestimmt, in dem Ehre, Gewalt und das Bed\u00fcrfnis nach r\u00fchmendem Andenken ganz nahe beieinander lagen\u201c. Die Wahrheit wird wohl irgendwo dazwischen liegen.<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D4954&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowtransparency=\"true\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war die sagenumwobene Projektionsfl\u00e4che f\u00fcr nationale Sehns\u00fcchte ebenso wie ein Vorbild f\u00fcr eine lehenshierarchische Reichseinheit: Friedrich I. Barbarossa. Vor 830 Jahren ertrank er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4954"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=4954"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4954\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":4983,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/4954\/revisions\/4983"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=4954"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=4954"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=4954"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}