{"id":5020,"date":"2020-07-11T06:49:18","date_gmt":"2020-07-11T05:49:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5020"},"modified":"2020-06-24T13:01:59","modified_gmt":"2020-06-24T12:01:59","slug":"unbaubar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5020","title":{"rendered":"\u201eunbaubar\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er galt als einer der wichtigsten Vork\u00e4mpfer der modernen Architektur in\nDeutschland, als \u201eBaumeister der deutschen Demokratie\u201c, Verfechter eines Bauens\nohne jede Status- und Machtsymbolik, allen Herrschaftsstrukturen gegen\u00fcber\nskeptisch. \u201eDie erstrebenswerte Ordnung unserer Gesellschaft m\u00f6chte ich nicht\nin geometrische Klein- und Gro\u00dfraster, sondern eher in ihrer m\u00f6glichen Vielfalt\ngespiegelt sehen\u201c, sagte er einmal. Als er vor 10 Jahren, am 12. Juli 2010, in\nStuttgart starb, erschien eine F\u00fclle bewegender W\u00fcrdigungen zu seinem Schaffen.\nDer <em>Spiegel<\/em> titelte \u201eDer Mann, der Deutschland ein junges Gesicht gab\u201c.\nWie kein anderer habe er \u201eDemokratie und Freiheit in eindrucksvolle Bauten\n\u00fcbersetzt\u201c. Seine Arbeit pr\u00e4gt bis heute den Stil j\u00fcngerer Generationen: G\u00fcnter\nBehnisch.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Skepsis gegen autorit\u00e4re Systeme und hierarchische M\u00e4chte wurzelte f\u00fcr viele in seiner Biografie. Geboren am 12. Juni 1922 als zweites von drei Kindern eines SPD-nahen Volksschullehrers in Lockwitz bei Dresden, zog er 1934 mit seiner Familie nach Chemnitz um: sein aus politischen Gr\u00fcnden kurzzeitig verhafteter Vater wurde dorthin strafversetzt. Nach der Reifepr\u00fcfung meldete er sich mit 17 Jahren, drei Monate nach Kriegsbeginn, am 1. Dezember 1939 freiwillig zur Marine als Offiziersanw\u00e4rter und wurde nach dem Ausbildungslager auf der Ostseeinsel D\u00e4nholm und dem Besuch der Marineschule in Flensburg zum Leutnant zur See ernannt. Zuerst als Wachoffizier auf einem U-Boot eingesetzt, wurde er 1944, mittlerweile zum Oberleutnant zur See bef\u00f6rdert, mit 22 Jahren einer der j\u00fcngsten U-Boot-Kommandeure der deutschen Kriegsmarine. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Behnisch-Guenter-2463906.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5021\"\/><figcaption>G\u00fcnter Behnisch. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.dosb.de\/alter_Datenbestand\/Bilder_allgemein\/Personen\/Sonstige\/Sonstige_A-E\/Behnisch-Guenter-2463906.jpg\">https:\/\/cdn.dosb.de\/alter_Datenbestand\/Bilder_allgemein\/Personen\/Sonstige\/Sonstige_A-E\/Behnisch-Guenter-2463906.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach \u00dcbergabe und \u00dcberf\u00fchrung seines U-Bootes U 2237 an die Engl\u00e4nder\nging er bis November 1946 in Kriegsgefangenschaft. Sein Entschluss, eine\nArchitekturausbildung aufzunehmen, entsprang einem Zufall. W\u00e4hrend des Krieges\nhabe er in einem Hotel im italienischen La Spezia ein Buch gefunden; es \u201ehandelte\ndavon, wie man H\u00e4user konstruiert. Der Krieg war zu Ende, und irgendetwas\nmusste ich ja machen.\u201c Ende 1946 kehrte Behnisch nach Deutschland zur\u00fcck und\nkam zun\u00e4chst bei einem ehemaligen Kriegskameraden in Osnabr\u00fcck unter, wo er ein\nviermonatiges Praktikum als Maurer bei der Baufirma Hagedorn absolvierte. Sein\nVersuch, ein Architekturstudium an der Universit\u00e4t in Hannover aufzunehmen,\nscheiterte jedoch. An der TH Stuttgart dann konnte er 1947 endlich \u201eirgendetwas\nmachen\u201c und Architektur studieren. 1952 er\u00f6ffnete er sein B\u00fcro in der\nbaden-w\u00fcrttembergischen Landeshauptstadt, daneben heiratet er und wird mit\nseiner Frau drei Kinder bekommen. Er bleibt ihr und der Stadt bis zu seinem Tod\ntreu.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDurchsichtigkeit ihrer geistigen\nOrdnung\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Renommee erwarb er schnell mit einer Vielzahl von (Hoch-)Schulbauten und\nSporthallen in dem Bundesland, darunter dem Schulensemble in Lorch, dem\ninzwischen denkmalgesch\u00fctzten Hohenstaufengymnasium in G\u00f6ppingen und der\nFachhochschule in Aalen. Die am Hang \u00fcber Terrassen gestaffelten Bauten der\n1959 fertig gestellten Vogelsang-Schule mit ihrem sorgsam gef\u00fcgten\nSichtmauerwerk sind noch Ausdruck der Stuttgarter Tradition \u2013 und weisen doch\nschon weit dar\u00fcber hinaus. Denn zu dieser Zeit experimentierte er bereits mit\nRasterfassaden und Fertigteilen. Die Fachhochschule Ulm wurde 1963 als erstes\ngr\u00f6\u00dferes Bauprojekt aus vorgefertigten Elementen gebaut. Lastende Schwere und\n\u00fcbertrieben lange Achsen waren f\u00fcr Behnisch ebenso tabu wie extreme Symmetrie &#8211;\nund deshalb war zum Beispiel der Berliner Reichstag f\u00fcr ihn lange ein \u201eMonster\u201c,\nein Ausbund \u201ewilhelminischer Machtarchitektur\u201c. Er wollte es anders machen. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Architektur charakterisiert sich durch die Verwendung neuer Materialien\nwie Stahlbeton, Stahl, Glas oder Acryl. Gegen\u00fcber \u00e4lteren Bauweisen mit nat\u00fcrlichen\nMaterialien wie Holz und Stein zeichnen sich diese neuen Baustoffe durch hohe Leistungsf\u00e4higkeit,\nPr\u00e4zision und kurze Bauzeiten aus. Seine U-Boot-Zeit verleitete sp\u00e4ter viele\nArchitektur-Kritiker dazu, seinen Baustil &#8211; offene Geb\u00e4ude, meist mit viel Glas\n&#8211; als Kontrapunkt zur klaustrophobischen Kriegserfahrung unter Wasser zu\ndeuten. Unsinn, beschied der Meister und sagte der <em>Zeit<\/em>: \u201eMeine Liebe\nf\u00fcrs Licht kommt von \u201aBr\u00fcder, zur Sonne, zur Freiheit\u2019\u201c, dem ber\u00fchmten\nArbeiterlied. W\u00e4hrend lange Zeit die tragende Struktur identisch war mit der\nBegrenzung des Raumes, f\u00fchrte Behnischs neue Bauart zur Einf\u00fchrung der\nSkelettkonstruktion. <\/p>\n\n\n\n<p>Der sorgsame Umgang mit der Landschaft, mit den Baustoffen und den Ressourcen der Natur war Behnisch Pflicht und selbstverst\u00e4ndlich, schon Jahrzehnte bevor man vom \u201e\u00f6kologischen Bauen\u201c sprach. In einem Text von 1965 beschwor er \u201eden faszinierenden Ausblick und die Hoffnung auf eine Architektur, die im Gegensatz zur kalten Pracht der Architekturmonumente und im Gegensatz zur Geistlosigkeit der Architekturstile immer lebendig sein wird, die nie fertig sein wird, die anbaut, abrei\u00dft, \u00e4ndert, erneuert, und die ihre Sch\u00f6nheit nicht von einem \u00fcbergest\u00fclpten System sogenannter harmonischer Ma\u00dfe bezieht, sondern von der Durchsichtigkeit ihrer geistigen Ordnung\u201c. \u00a0In seinen Worten zeichnete sich schon jene Spaltung ab, die auf der einen Seite in die technische Perfektion industriell gefertigter Gro\u00dfprojekte f\u00fchrte, von denen sich Behnisch bald nachdr\u00fccklich distanzierte. Und sie waren bereits ein Hinweis auf seine sp\u00e4teren Experimente mit der Eigensinnigkeit, auch Gegenl\u00e4ufigkeit von Strukturen. Die Architektur sollte dem Menschen dienen, der Mensch in der Architektur leben, nicht von ihr beherrscht werden. Kompromisse lehnte Behnisch immer ab: \u201eIch will nicht mehr ins Mittelm\u00e4\u00dfige hineingezogen werden\u201c, zitiert ihn der <em>Spiegel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Behnisch-Guenter-2463906-1-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5022\"\/><figcaption>Hohenstaufen-Gymnasium in G\u00f6ppingen. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn1.stuttgarter-zeitung.de\/media.media.1533e82b-ee88-4d09-a932-257deadd0669.original1024.jpg\">https:\/\/cdn1.stuttgarter-zeitung.de\/media.media.1533e82b-ee88-4d09-a932-257deadd0669.original1024.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1966 wurde die Architektengruppe Behnisch &amp; Partner gegr\u00fcndet, die\nBehnisch unter wechselnden Namen jeweils mit einem oder mehreren Partnern\nf\u00fchrte und erst 2005 aufl\u00f6ste. 1967 \u00fcbernahm er bis zu seiner Emeritierung die\nNachfolge Ernst Neuferts auf dem Lehrstuhl f\u00fcr Entwerfen, Baugestaltung und\nIndustriebaukunde an der TH Darmstadt. Gleichzeitig wurde er Direktor des\ndortigen Instituts f\u00fcr Normgebung. Im Wettbewerb um die Bauten f\u00fcr die\nOlympischen Spiele in M\u00fcnchen entschied er sich f\u00fcr das Abenteuer eines\nEntwurfs, der im Preisgericht zun\u00e4chst als \u201eunbaubar\u201c galt: ein weitr\u00e4umig\nmodelliertes Gel\u00e4nde wird mit einer scheinbar schwebenden Zeltlandschaft\n\u00fcberdacht, dabei h\u00f6chst funktional allen Anforderungen der Wettk\u00e4mpfe tauglich\nund zudem f\u00fcr die G\u00e4ste aus aller Welt ein unvergesslicher Erlebnisraum der &nbsp;intendierten \u201eHeiteren Spiele\u201c, die dann ob\ndes PLO-Anschlags so heiter doch nicht wurden. Die virtuose Inszenierung der\nHeterogenit\u00e4t von Materialien, Elementen und Strukturen machte die Qualit\u00e4t\ndieses Projekts auf dem M\u00fcnchner Oberwiesenfeld aus, das Behnisch schlagartig\nweltbekannt machte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWerkhalle der Demokratie\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In rascher Folge realisierte er jetzt bis zur Wiedervereinigung weitere namhafte Projekte: das Studien- und Ausbildungszentrum sowie die Landesgesch\u00e4ftsstelle der Evangelischen Landeskirche W\u00fcrttemberg in Stuttgart, die Zentralbibliothek der Katholischen Universit\u00e4t in Eichst\u00e4tt, das Bundespostmuseum\/ Museum f\u00fcr Kommunikation in Frankfurt, das Hysolar Forschungs- und Institutsgeb\u00e4ude der Universit\u00e4t in Stuttgart, den Marco-Polo-Tower sowie die Unilever-Zentrale in Hamburg und das Nationale Centrum f\u00fcr Tumorerkrankungen in Heidelberg. 1982 wurde Behnisch Mitglied der Akademie der K\u00fcnste in Berlin in der Sektion Baukunst. 1984 wurde ihm von der Universit\u00e4t Stuttgart die Ehrendoktorw\u00fcrde verliehen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Behnisch-Guenter-2463906-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5023\"\/><figcaption>Teilansicht des Olympia-Gel\u00e4ndes. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.gea.de\/cms_media\/module_img\/2915\/1457616_1_detail_kompromisse-lehnte-guenter-behnisch-immer-ab-ich-will-nicht-mehr-ins-mittelmaessige-hineingezogen-werden-benisch-entwarf-das-muenchner-olympiastadion-.jpg\">https:\/\/www.gea.de\/cms_media\/module_img\/2915\/1457616_1_detail_kompromisse-lehnte-guenter-behnisch-immer-ab-ich-will-nicht-mehr-ins-mittelmaessige-hineingezogen-werden-benisch-entwarf-das-muenchner-olympiastadion-.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein zweites prestigetr\u00e4chtiges Gro\u00dfprojekt nach M\u00fcnchen \u2013 den Wettbewerb dazu hatte er bereits 1973 gewonnen \u2013 war der Umbau des Zentralbereichs und des Plenarsaals des Deutschen Bundestages in Bonn \u2013 auch wenn der erst fertig wurde, als der Umzug nach Berlin bereits beschlossen und im Gang war. Die transparent gestaltete \u201eWerkhalle der Demokratie\u201c (Behnisch) war damals das modernste Parlamentsgeb\u00e4ude der Welt. 1989 gr\u00fcndete sein Sohn Stefan Behnisch ein Zweigb\u00fcro in Stuttgart, das 1991 eigenst\u00e4ndig wurde und inzwischen unter dem Namen Behnisch Architekten weltweit agiert. <\/p>\n\n\n\n<p>1991 wurde er zum Ehrenprofessor an die Internationale Akademie der Architektur in Sofia berufen, ein Jahr darauf zum Ehrenmitglied der K\u00f6niglichen Vereinigung der Architekten in Schottland. Im gleichen Jahr wurde er auch Ehrenmitglied des Bundes Deutscher Architekten (BDA). 1996, inzwischen mehrmals nach Dresden zu Besuchen und Architekturwettbewerben zur\u00fcckgekehrt, wurde er Gr\u00fcndungsmitglied der S\u00e4chsischen Akademie der K\u00fcnste, deren Klasse Baukunst er bis 2000 leitete. Zu seinen Dresdner Arbeiten geh\u00f6rten der Bau des futuristisch anmutenden Katholischen St.Benno-Gymnasiums sowie das \u201eBlumenhaus\u201c, ein Wohn- und Gesch\u00e4ftskomplex im Rahmen des Wiederaufbaus des Neumarkts rings um die Frauenkirche. Seinen Dialekt legte er \u00fcbrigens zeitlebens nicht ab. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Entwurf zur Umgestaltung des Bayerischen Landtags von G\u00fcnter Behnisch sollte das Maximilianeum in M\u00fcnchen eine gl\u00e4serne Krone erhalten: ein Plenarsaal aus Glas. Der Entwurf wurde 2000 im Wettbewerb um die Neugestaltung des Sitzungssaales mit einem Sonderpreis bedacht. 2001 er\u00f6ffnete das von ihm entworfene Museum der Phantasie \u2013 auch Buchheim-Museum genannt \u2013 am Starnberger See. Zwei Jahre zuvor ging sein Kontrollturm am N\u00fcrnberger Flughafen in Betrieb \u2013 seinerzeit der modernste Deutschlands. Sein drittes und zugleich letztes, und umstrittenstes, Gro\u00dfprojekt war der Neubau f\u00fcr die Akademie der K\u00fcnste in Berlin, den er zusammen mit Werner Durth von 1999 bis 2005 f\u00fcr 56 Millionen Euro errichtete. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Behnisch-Guenter-2463906-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5024\"\/><figcaption>Dresdner Benno-Gymnasium. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile101365972\/8501626557-ci23x11-w780\/bs-behnisch-strecke10-DW-Kultur-Dresden-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile101365972\/8501626557-ci23x11-w780\/bs-behnisch-strecke10-DW-Kultur-Dresden-jpg.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er folgte auch hier seinem Prinzip des \u201etransparenten Bauens\u201c &#8211; mit einer Glasfassade zum Pariser Platz und offenen Etagen\u00fcberg\u00e4ngen im Inneren, was zu akustischen Problemen im Alltag f\u00fchrte und Kritik ausl\u00f6ste. Schon in der Entwurfsplanung gab es Konflikte mit den Berliner Stadtplanern, weil die Bausatzung an der historischen Stelle der Hauptstadt eigentlich keine durchgehende Hightech-Glasfassade erlaubte. Aber \u201eich bin gar nicht erst auf die Idee gekommen, da eine Steinfassade zu machen\u201c, sagte Behnisch seinerzeit. \u201eWir wollten schon gar keine Assoziationen an die Gro\u00dfkotzigkeit der Hitler-Architektur und der wilhelminischen Architektur wecken.\u201c Die gigantomanischen Macht-Kl\u00f6tze der NS- und Kaiserzeit, so f\u00fcrchtete er, feierten ein schleichendes Comeback in der neuen Hauptstadt. Er sei \u201etraumatisiert von den ideologischen Architekturinszenierungen der Nazis\u201c und empfinde einen \u201eheftigen Widerwillen gegen das Zurschaustellen steinerner, lastender Baumassen\u201c, zitiert ihn das Portal <em>baunetz<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr Behnisch waren historisierende Bauten wie das Stadtschloss reine\nSicherheitsarchitektur, die eine spie\u00dfig-konservative Sehnsucht nach\nGem\u00fctlichkeit bediente, wo doch eigentlich Wagnisse gefragt waren. Ein\nSentiment, das er nur mit lakonischer Bissigkeit kommentieren konnte: \u201eWenn es\njemand nach Gem\u00fctlichkeit verlangt, soll er sich eine Katze anschaffen.\u201c Berlins\nSenatsbauverwaltung stellte fest, dass \u201eUndichtigkeiten an der vertikalen\nFassade\u201c das Bauwerk sch\u00e4digten. In den Archivr\u00e4umen machte sich beizeiten\nSchimmel breit, so dass die umfangreichen Best\u00e4nde der Akademie seit Jahren in\neinem Lager am Westhafen untergebracht sind. Eine andere Erkl\u00e4rung, bekannte\nBehnisch freim\u00fctig, sei seine landsmannschaftlicher Tradition, die ihn mit\nBerlin nie so recht warm werden lasse: \u201eIch bin ein Sachse, und wir haben immer\nzusammen gegen die Preu\u00dfen gek\u00e4mpft &#8211; und haben immer verloren. Friedrich der\nGro\u00dfe, das war ja ein R\u00e4uber. Die \u00d6sterreicher waren mir immer sympathischer.\nDie kennen das auch, das Laufenlassen und das Schauen-wir-mal-wie&#8217;s-Geht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eHeiter und ernst\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1999 war Behnisch Mitglied der Bayerischen Akademie der Sch\u00f6nen K\u00fcnste in M\u00fcnchen und 2006 Ehrenmitglied der Architektenkammer Keyseri in der T\u00fcrkei geworden. Er starb zu Hause, wo ihn seine Frau in den letzten Jahren gepflegt hat. Nach mehreren Schlaganf\u00e4llen war er halbseitig gel\u00e4hmt und auf Hilfe angewiesen, jedoch bis zum Schluss ansprechbar gewesen, sagte sein Sohn der <em>FAZ<\/em>: \u201eEr hatte ein langes, erf\u00fclltes Leben.\u201c Eines ist den Geb\u00e4uden G\u00fcnter Behnischs immer gemeinsam: Er entwickelte seine Grundrisse nie von au\u00dfen, immer von innen mit einem offenen, der Kommunikation dienenden Mittelpunkt, um den die funktionalen Bereiche gruppiert wurden und so einen vielgliedrigen, von optischer Transparenz und \u00d6ffnung nach au\u00dfen gepr\u00e4gten Bauk\u00f6rper bilden. Gro\u00dfe Kubaturen werden aufgel\u00f6st in Linien und Fl\u00e4chen, geschlossene Mauern weichen filigran gegliederten Glasfassaden, das \u201egro\u00dfe Ganze\u201c wird fragmentiert zugunsten der Vielfalt. Seine Entw\u00fcrfe orientierten sich in erster Linie nicht an Formen und Fassaden (deshalb war f\u00fcr ihn die neuere Berliner Architektur \u00fcberwiegend \u201eAngeberei\u201c), vielmehr strebte er R\u00e4ume und Raumfolgen an, welche die Nutzer mit ihren Aktivit\u00e4ten \u201ebesetzen\u201c k\u00f6nnen.  <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/Behnisch-Guenter-2463906-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5025\"\/><figcaption>AdK in Berlin. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile101366054\/5271622377-ci23x11-w780\/bs-behnisch-strecke8-DW-Kultur-Bernried-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile101366054\/5271622377-ci23x11-w780\/bs-behnisch-strecke8-DW-Kultur-Bernried-jpg.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In bester moderner Tradition suchte er f\u00fcr lebendig interpretierte Bed\u00fcrfnisse das richtige Ma\u00df zu finden, wie er es besonders f\u00fcr Schulen forderte: \u201eHeiter und ernst, geordnet und neu geordnet, individuell und eingef\u00fcgt ins Ganze.\u201c Behnisch kannte nach eigener Aussage weder die Zahl seiner Auszeichnungen noch die Zahl errungener Architekturpreise, darunter wiederholt der Deutsche Architekturpreis. \u201eDie Preise sind wichtig f\u00fcr meine Mitarbeiter, die sich jahrelang mit einem Projekt besch\u00e4ftigen, und f\u00fcr die Eigent\u00fcmer\u201c, sagte er einmal, \u201enicht f\u00fcr mich\u201c. Sch\u00f6n sei es, als Architekt einiges mitbestimmen zu k\u00f6nnen. Und das hat er getan. <\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5020&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Sch\u00f6pfer des M\u00fcnchner Olympiastadions war ein preisgekr\u00f6nter Sachse, der zeitlebens die neue \u201epreu\u00dfische Protzarchitektur\u201c ablehnte: G\u00fcnter Behnisch. Vor zehn Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5020"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5020"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5020\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5027,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5020\/revisions\/5027"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5020"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5020"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5020"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}