{"id":5038,"date":"2020-07-19T06:47:12","date_gmt":"2020-07-19T05:47:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5038"},"modified":"2020-06-24T13:48:03","modified_gmt":"2020-06-24T12:48:03","slug":"stalins-frankenstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5038","title":{"rendered":"\u201eStalins Frankenstein\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Kann man einen Menschen mit einem Affen kreuzen? Allein die Frage jagt\nden meisten einen kalten Schauer \u00fcber den R\u00fccken. Wenige wissenschaftliche\nThemen wecken \u00e4hnlich schwere ethische Bedenken und entfachen hitzigere\nDiskussionen zwischen Darwinisten und Kreationisten. Doch auch dieses heikle\nThema ist dem ehernen Gesetz der Wissenschaft unterworfen: Was erforscht werden\nkann, wird fr\u00fcher oder sp\u00e4ter erforscht. Stets taucht zu dem Thema derselbe\nName als Erstes auf: Ilja Iwanowitsch Iwanow, Professor an der Universit\u00e4t\nCharkiw (Ukraine) und hochrangiger Wissenschaftler am Zoologischen Institut in\nMoskau. Am 20. Juli vor 150 Jahren wurde er in Schtschigry bei Kursk geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Familie sowie seine Kindheit und Jugend liegen, nicht zuletzt seinem Lebens- und Karriereende geschuldet, im Dunkeln. Verb\u00fcrgt ist, dass er in Charkow studierte und bereits 1910 einen Vortrag auf dem Internationalen Zoologenkongress in Graz zur Kreuzung von Menschen und Affen hielt. Von 1917 bis 1921 und von 1924 bis 1930 war er am Staatlichen Institut f\u00fcr experimentelles Veterin\u00e4rwesen t\u00e4tig und arbeitete in den Jahren dazwischen in einer Forschungsstation, die sich mit der Z\u00fcchtung und Fortpflanzung von Haustieren befasste. Seine ersten praktischen Erfolge erzielte er bei Pferden. Iwanow befruchtete edle Stuten mit dem Sperma von ebenso sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlten Hengsten, um ein Superpferd zu kreieren. Ein bedeutsames Unterfangen in einer Zeit, da die Streitkraft der Kavallerie noch nicht von Panzerdivisionen abgel\u00f6st worden war, und zugleich wegbereitend f\u00fcr die k\u00fcnstliche Befruchtung, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Die von ihm dazu entwickelten Methoden bei landwirtschaftlichen Nutztieren waren in der Sowjetunion weit verbreitet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"776\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-776x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5039\"\/><figcaption>Ilja Iwanowitsch Iwanow. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/166c64f4-0001-0004-0000-000001342790_w909_r0.7575_fpx39_fpy35.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/166c64f4-0001-0004-0000-000001342790_w909_r0.7575_fpx39_fpy35.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Iwanow ging aber \u00fcber die urspr\u00fcngliche Forschungsfrage hinaus und\nkreuzte unterschiedliche Tierarten miteinander. Die Ergebnisse blieben zwar\nhinter den Erwartungen zur\u00fcck, allerdings erwiesen sich Iwanows Methoden der\nBefruchtung durchaus als erfolgreich und breit einsetzbar. Es gelang ihm, ein\nZebra und einen Esel zu etwas zu kreuzen, das er \u201eZebroid\u201c nannte. Und einen\nWisent und eine Kuh verm\u00e4hlte er zu einem \u201eZubron\u201c. Nach und nach setzte Iwanow\nseine Arbeit mit anderen Tieren fort, die zoologisch gesehen etwas weiter\nauseinanderlagen. Er kreuzte Antilope und Kuh, Maus und Ratte, Maus und\nMeerschweinchen. Das Tor zum ultimativen Experiment stand nun weit offen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201esehr\nunerfreuliche Folgen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das war gedacht als Test auf Darwins Hypothese, dass die Schimpansen die\nn\u00e4chsten Verwandten des Menschen seien. Pl\u00e4ne, zum Experiment bereite Frauen\nmit Schimpansensperma zu befruchten, scheiterten mangels m\u00e4nnlicher\nSchimpansen. Um diese zu beschaffen, nahm er 1926 Kontakt zu Rosal\u00eda Abreu auf,\ndie seit mehr als 20 Jahren auf Kuba eine Gruppe von Schimpansen hielt. Sie war\ndie Tochter eines wohlhabenden kubanischen Plantagenbesitzers und weltweit die\nerste Tierhalterin, der es gelang, Schimpansen \u00fcber deren gesamte Lebenszeit in\nGefangenschaft zu halten und zu z\u00fcchten. Ihre Erkenntnisse bildeten die\nGrundlage f\u00fcr die erfolgreiche Haltung von Gro\u00dfen Menschenaffen in den Zoologischen\nG\u00e4rten weltweit. Doch sie zog sich aus dem Vorhaben zur\u00fcck nach einem an sie gerichteten\nDrohbrief des Ku-Klux-Klans, der die \u201eVerunreinigung reinrassiger wei\u00dfer Frauen\u201c\nf\u00fcrchtete. <\/p>\n\n\n\n<p>Dann lud das renommierte franz\u00f6sische Institut Pasteur Iwanow nach Westafrika ein und stellte ihm frisch gefangene Affen zur Verf\u00fcgung: Das Institut unterhielt im damaligen Franz\u00f6sisch-Guinea eine Forschungseinrichtung, die sich auf Menschenaffen spezialisiert hatte. Iwanow erhielt die Erlaubnis, seine Forschung dort durchzuf\u00fchren, und warb die finanziellen Mittel f\u00fcr die Reise im eigenen Land ein. Auch das menschliche Sperma organisierte Iwanow selbst. \u201eEs wurde von einem Mann gewonnen, dessen Alter nicht genau bekannt ist. Auf jeden Fall nicht \u00e4lter als 30\u201c, schrieb er in sein Notizbuch, aus dem sich der Ablauf des Experiments rekonstruieren l\u00e4sst. Spermien in die Vagina eines Schimpansenweibchens zu bekommen, erwies sich als schwierig: Schimpansen sind kr\u00e4ftiger als Menschen und schlagen um sich, wenn sie sich bedroht f\u00fchlen. Am 28. Februar 1927 im botanischen Garten von Conakry, einer Stadt im westafrikanischen Guinea, wollte er es mit der Unterst\u00fctzung der russischen Akademie der Wissenschaften, des US-amerikanischen Vereins f\u00fcr den Fortschritt des Atheismus und des Instituts Pasteur dennoch wissen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5042\"\/><figcaption>Kreuzungsskizze 1927. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/8f65354e-0001-0004-0000-000001342793_w920_r1.6597510373443984_fpx39.67_fpy49.94.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/8f65354e-0001-0004-0000-000001342793_w920_r1.6597510373443984_fpx39.67_fpy49.94.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenn die \u00f6rtliche Bev\u00f6lkerung vom Experiment erfahre, k\u00f6nne das \u201esehr\nunerfreuliche Folgen\u201c haben, notierte er. Nur sein 22-j\u00e4hriger Sohn stand ihm\nzur Seite, er hie\u00df ebenfalls Ilja. Einmal sollte ihn ein Schimpanse so heftig\npr\u00fcgeln, dass er ins Krankenhaus musste. Irgendwie schafften die Iwanows es\noffenbar, die Katheter mit den Spermien einzuf\u00fchren. Nun mussten sie warten. Vermutlich\nwar ihnen die politische Sprengkraft ihres Experiments bewusst. Ein\nAffenmenschenbaby w\u00fcrde die Lehre der Bibel widerlegen, dass dem Menschen eine\nSonderstellung in der g\u00f6ttlichen Sch\u00f6pfung zustehe. So hoffte ein\nSowjetfunktion\u00e4r, das Experiment k\u00f6nne Argumente im Kampf gegen die christliche\nSch\u00f6pfungslehre liefern, ja die Arbeiterklasse von der \u201eMacht der Kirche\nbefreien\u201c &#8211; knapp zehn Jahre nach der Oktoberrevolution waren in der\nSowjetunion viele Arbeiter und Bauern religi\u00f6s. Au\u00dferdem w\u00e4re das\nAffenmenschenbaby nicht nur der letzte Beweis f\u00fcr Charles Darwins\nEvolutionstheorie, sondern zugleich ein Prestigeerfolg f\u00fcr die Wissenschaft der\nSowjetunion in Konkurrenz zu den Kollegen im Westen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Experiment schlug fehl: Nach wenigen Wochen musste Iwanow einsehen,\ndass die Schimpansenweibchen nicht tr\u00e4chtig waren \u2013 er wei\u00df noch nicht, dass\ndiese Kreuzung durch die unterschiedliche Chromosomenanzahl von Menschen und\nAffen genetisch unm\u00f6glich ist. Er gab jedoch nicht auf und versuchte, das\nExperiment erneut zu spiegeln: mit menschlichen Frauen und Affensperma. Er\nfragte den Gouverneur von Guinea &#8211; damals Teil einer franz\u00f6sischen Kolonie -,\nob er in den \u00f6rtlichen Krankenh\u00e4usern heimlich Versuche an Einwohnerinnen\ndurchf\u00fchren d\u00fcrfe. Der Franzose lehnte ab. Iwanow nahm einige Affen mit zur\u00fcck\nin die Sowjetunion, vielleicht mit dem Plan, seine Experimente mit\nfortschrittsbejahenden Sowjetb\u00fcrgerinnen fortzusetzen. Die meisten Primaten\nstarben jedoch bei der \u00dcberfahrt. So scheiterte ein renommierter Biologe mit\neinem ethisch fragw\u00fcrdigen Experiment. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wissenschaftler\nohne Gewissen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An dieser Stelle k\u00f6nnte die Geschichte von Iwanow und seinen Affenmenschen schon enden. Denn 1930 fiel Iwanow einer S\u00e4uberungswelle zum Opfer und wurde wegen \u201ekonterrevolution\u00e4rer Aktivit\u00e4ten\u201c nach Kasachstan verbannt. Mit seinen Experimenten hatte das wohl nichts zu tun: Unter Stalins Herrschaft verhaftete die Geheimpolizei den Gro\u00dfteil der Eliten &#8211; oft v\u00f6llig grundlos. Zwei Jahre sp\u00e4ter, am 20. M\u00e4rz 1932, starb er in Alma-Ata. Er galt als Wissenschaftler ohne Gewissen, seine Arbeit als Verirrung &#8211; zwar zu Unrecht, wie Spezialisten auf dem Gebiet der Fruchtbarkeitsforschung wissen. Doch interpretiert wird er als Monster.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-2-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5043\"\/><figcaption>Forschungszentrum Sochumi 1959. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/25913db5-0001-0004-0000-000001342806_w920_r0.66650390625_fpx49.97_fpy33.31.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/25913db5-0001-0004-0000-000001342806_w920_r0.66650390625_fpx49.97_fpy33.31.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn das Experiment sollte der Ausgangspunkt f\u00fcr eine wilde\nVerschw\u00f6rungstheorie werden: Im Auftrag von Sowjetdiktator Stalin habe er\nAffenmenschen als Arbeiter oder Krieger gez\u00fcchtet und dazu ein geheimes Labor\nan der Schwarzmeerk\u00fcste betrieben: Iwanow, der \u201eRote Frankenstein\u201c. Stalin\nhatte viel davon gesprochen, die Gesellschaft und jeden einzelnen Einwohner\numzubauen, umzugraben, umzukrempeln. Waren Iwanows Kreuzungen Teil von Stalins\nPlan zur Schaffung des \u201eneuen Menschen\u201c? Tatsache ist, dass Iwanow den Segen\nvon Nikolai Petrowitsch Gorbunow hatte, damals Rangh\u00f6chster an der Russischen\nAkademie der Wissenschaften. Tatsache ist auch, dass er am grunds\u00e4tzlichen\nGelingen des Experiments festhielt. Ob er aber seine Forschung in die\nsowjetische Stadt Sochumi am Schwarzen Meer verlagerte, wird bis heute\nbestritten. <\/p>\n\n\n\n<p>Als\ngesichert gilt, dass Iwanow eine Gruppe Affen nach Sochumi brachte, Weibchen\nund M\u00e4nnchen. Danach verschwimmt sein Treiben wieder im Nebel der Geschichte.\nLie\u00df er tats\u00e4chlich menschliche Eierst\u00f6cke in ein Weibchen transplantieren? Und\nstimmt es, dass er vergeblich versuchte, es k\u00fcnstlich zu befruchten? Bis heute sind\ndie Antworten unklar. Dies gilt auch f\u00fcr den n\u00e4chsten Schritt: die k\u00fcnstliche\nBefruchtung von Frauen mit Affensperma. Historische Dokumente belegen\nanscheinend, dass Iwanow \u00f6ffentlich nach Freiwilligen suchte. Laut historischen\nAufzeichnungen meldeten sich daraufhin tats\u00e4chlich f\u00fcnf Frauen, und von diesen \u201eHeldinnen\ndes Vaterlandes\u201c wurden sogar Fotos verbreitet. <\/p>\n\n\n\n<p>In Sochumi lernten die Wissenschaftler bald, die Affen im Schwarzmeerklima und in Gefangenschaft am Leben zu halten. Sie testeten an den Primaten Antibiotika sowie Impfstoffe gegen Tetanus und Diphtherie. Gemeinsam mit ihren Kollegen vom Raumfahrtprogramm erforschten sie, wie Primaten Schwerelosigkeit verkraften. Iwanow arbeitete dort allerdings nie. Bei seinem einzigen Besuch im Sommer 1928 waren nicht einmal Primaten vor Ort. Ein weiteres Fragezeichen. Doch noch immer tuschelten die Einwohner der Sowjetunion \u00fcber Stalins Geheimlabor. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5045\"\/><figcaption>J. Parnov. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/25913db5-0001-0004-0000-000001342806_w920_r0.66650390625_fpx49.97_fpy33.31.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/25913db5-0001-0004-0000-000001342806_w920_r0.66650390625_fpx49.97_fpy33.31.jpg<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als 1989 die\nSowjetunion zusammenbrach und sich ehemals geheime Archive \u00f6ffneten, w\u00fchlte\nsich der Science-Fiction-Autor Jeremei Parnow durch die Akten und fand\nangeblich belastendes Material. \u201eEin Blick in die geheimen Dokumente w\u00fcrde\nselbst die Herzen der h\u00e4rtesten Kerle in Angst versetzen\u201c, schrieb er in einem\nText, der in einer russischen Zeitschrift namens <em>Medizinische Mysterien<\/em> erschien. Er galt rasch als Experte f\u00fcr das\nSochumi-Institut und raunte in Fernsehsendungen \u00fcber das geheime\nForschungsprogramm, dessen Ziel darin bestehe, \u201edumme, gehorsame Sklaven\nhervorzubringen, die schwere Arbeit verrichten.\u201c Die angeblich erstrebte\nKreatur nannte er \u201eYahoo Sovieticus\u201c, in Anspielung auf Jonathan Swifts\nRomanklassiker \u201eGullivers Reisen\u201c, in dem \u201eYahoos\u201c, menschen\u00e4hnliche Wesen, die\nSklaven von pferde\u00e4hnlichen Wesen sind. <\/p>\n\n\n\n<p>Vermutlich setzte Parnow auch das Ger\u00fccht in die Welt, dass Stalin h\u00f6chstpers\u00f6nlich in einem Brief ans Politb\u00fcro Affenmenschenkrieger bestellt habe. Das russische Staatsfernsehen drehte die Dokumentation \u201eRoter Frankenstein\u201c, die auf einem gleichnamigen Buch des Journalisten Oleg Schischkin basiert. Die Doku kam zu dem Schluss, dass Iwanow keine Affenmenschen gez\u00fcchtet hatte. Und doch machte sie die Verschw\u00f6rungstheorie eher bekannt, als sie einzud\u00e4mmen. Die meisten Biologen bezweifelten zwar, dass Affen und Menschen \u00fcberhaupt \u00fcberlebensf\u00e4hige Nachkommen zeugen k\u00f6nnen &#8211; \u00fcber Versuche nach Iwanows Experiment in Afrika ist nichts bekannt. Aber den Boulevardbl\u00e4ttern aus den USA, Gro\u00dfbritannien, Italien und Deutschland war das egal. Aus Iwanows Notizen, den Briefen der freiwilligen Probandinnen und Parnows Science-Fiction schufen sie steile Schlagzeilen. <em>Bild<\/em> etwa titelte: \u201eIrrer Geheimplan enth\u00fcllt: Stalin z\u00fcchtete Affen-Menschen f\u00fcr den Krieg\u201c. So wurde Ilja Iwanow Jahrzehnte nach seinem Tod noch einmal weltber\u00fchmt. Nicht wegen seiner zweifellos vorhandenen Verdienste f\u00fcr die Biologie, sondern als Stalins \u201eroter Frankenstein\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Doch inzwischen ist klar, dass sich derartige Experimente meist nicht nur einem dubiosen Wissenschaftler, einem zweifelhaften Regime zuschreiben und in der fernen Vergangenheit verorten lassen. Bereits 1717 riet Jean Zimmermann in Paris zur Produktion einer Arbeiterschaft ein \u201eleichtes M\u00e4dchen\u201c von einem Orang-Utan bzw. ein Menschenaffenweibchen von M\u00e4nnern schw\u00e4ngern zu lassen. 1889 schlug der Rassismustheoretiker Georges Vacher de Lapouge in Montpellier vor, durch solche Kreuzungen \u201egelehrige Arbeiter \u2013 Halbmenschen \u2013 herzustellen\u201c. Er hielt dies f\u00fcr m\u00f6glich, denn \u201eder Unterschied zwischen Menschenaffen und Menschen ist geringer als z. B. der zwischen Makaken und Langschwanzaffen. Und diese Affen aus unterschiedlichen Familien haben schon mehrfach erfolgreiche Kreuzungen hervorgebracht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"298\" height=\"398\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5047\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-4.jpg 298w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-4-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 298px) 100vw, 298px\" \/><figcaption>Lapouge. Quelle:  <a href=\"https:\/\/atlantisforschung.de\/images\/Vacher-de-lapouge.jpg\">https:\/\/atlantisforschung.de\/images\/Vacher-de-lapouge.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der\nniederl\u00e4ndische Autor und Historiker Piet de Rooy schildert 2015 in seinem Buch\n\u201eDe Nederlandse Darwin\u201c die Geschichte von Herman Marie Bernelot Moens (1875 \u2013\n1938). Der Anthropologe und Biologielehrer hatte in Deutschland studiert und\nwar den Theorien von Ernst Haeckel zugetan, einem renommierten deutschen\nZoologen, der zu Zeiten Bismarcks f\u00fcr den Darwinismus und gegen den\nKreationismus der Kirche k\u00e4mpfte. Laut dem \u201eBiografisch Woordenboek van\nNederland\u201c wollte Moens Anfang des 20. Jahrhunderts einen gemeinsamen\nNachkommen von Mensch und Affe schaffen, und Haeckel hielt einen Erfolg\nangeblich f\u00fcr m\u00f6glich. Moens wollte damit der Evolutionstheorie handfeste\nArgumente liefern und warb \u00f6ffentlich f\u00fcr sein Anliegen, erntete aber viel\nEmp\u00f6rung. In dieser Phase blieb sein Vorhaben 1908 anscheinend stecken.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ehalb Mensch, halb Schimpanse\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einen anderen Weg in dieselbe Richtung nahm ab 1930 Wladimir Petrowitsch Demichow. Der geniale russische Chirurg und Pionier der Transplantationschirurgie f\u00fchrte unter anderem die erste Herztransplantation bei einem Warmbl\u00fcter, die erste Lungentransplantation und die erste Herz-Lungen-Transplantation in der Geschichte der Chirurgie durch. In der \u00d6ffentlichkeit wurde er vor allem durch Operationen bekannt, bei denen er K\u00f6pfe und Vorderk\u00f6rper von und an Hunden verpflanzte. Seine Versuche wurden in der Sowjetunion als \u201eSputnik der Chirurgie\u201c bezeichnet. Der s\u00fcdafrikanische Herzchirurg Christiaan Barnard, der 1967 die erste erfolgreiche Herztransplantation bei einem Menschen durchf\u00fchrte, hat 1960 und 1963 Demichows Labor besucht und betrachtete ihn als seinen Lehrer. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"550\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5048\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-5.jpg 550w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-5-275x300.jpg 275w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><figcaption>Demichow mit einer seiner Kreaturen.  <a href=\"http:\/\/www.rebirths.de\/439403133\">http:\/\/www.rebirths.de\/439403133<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der\nScience-Fiction-Autor Gert Prokop kreierte in der DDR der 70er Jahre den\nBegriff \u201eDemichont\u201c: einem todgeweihten Senior, der damit den Erbschleichereien\nverhasster Angeh\u00f6riger ein Schnippchen schlagen will, wird der Oberk\u00f6rper eines\ngesunden jungen Mannes transplantiert. \u00dcberhaupt erfreuten sich Gedankenspiele\nzur menschlichen Optimierung in der Science Fiction des Ostblocks gro\u00dfer\nBeliebtheit. Als namhaftester Ahne in dieser literarischen Tradition muss\nAlexander Beljajew gelten, der zu Lebzeiten Iwanows \u201eDer Kopf des Prof. Dowell\u201c\n(1925) und \u201eDer Amphibienmensch\u201c (1928) schrieb. In letzterem implantiert ein\nChirurg seinem Sohn Kiemen, da der an einer unheilbaren Lungenkrankheit litt. So\nkann er nun an Land und im Ozean leben. <\/p>\n\n\n\n<p>Unklar ist bis heute die Rolle von Erich Traub (1906 &#8211; 1985), einem deutschen Veterin\u00e4rmediziner, der ab 1942 Laborchef in einem NS-Geheimlabor auf der Ostseeinsel Riems war und dessen Forschungen f\u00fcr die biologische Kriegsf\u00fchrung von Bedeutung waren. Er arbeitete von 1949 bis 1955 in Fort Detrick, wo die US-Army ihr Hauptquartier f\u00fcr biologische Kriegsf\u00fchrung hatte, sowie auf Plum Island, wo er mit mehr als 40 t\u00f6dlichen Keimen arbeitete. Unter anderem wird seinen Aktivit\u00e4ten auf Plum Island die Verbreitung der Lyme-Borreliose angelastet, er soll aber auch an der Z\u00fcchtung von Mensch-Schwein-Hybriden im geheimen Labor der Insel beteiligt gewesen sein.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5049\"\/><figcaption>Filmcover &#8222;Amphibienmensch&#8220;. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.videobuster.de\/dvd-bluray-verleih\/131341\/der-amphibienmensch#bilder-offen&amp;bilder\">https:\/\/www.videobuster.de\/dvd-bluray-verleih\/131341\/der-amphibienmensch#bilder-offen&amp;bilder<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>2018 offenbarte der Evolutionspsychologe Gordon Gallup von der New York State University, er wisse von einem \u201eAffenmenschen\u201c, der in den 1920er Jahren im Primatenforschungszentrum Orange Park in Florida geboren wurde: \u201eSie befruchteten ein Schimpansenweibchen mit menschlichem Sperma und behaupteten, die vollendete Schwangerschaft habe zu einer Geburt gef\u00fchrt\u201c, wird der Forscher zitiert. Nach ein paar Tagen oder Wochen, so hei\u00dft es weiter, h\u00e4tten sie das Neugeborene wegen moralischer und ethischer Bedenken get\u00f6tet. Auch f\u00fcr den Evolutionsbiologen David P. Barash, Professor f\u00fcr Psychologie an der University of Washington, soll der Mensch der Zukunft halb Mensch, halb Schimpanse sein: \u201eDie Schaffung eines Affenmenschen mittels Genmanipulation ist nicht nur denkbar, sondern k\u00f6nnte eine hervorragende Idee sein. Der Mensch w\u00e4re so gezwungen zu erkennen, dass er sich im Grunde nicht von Tieren unterscheidet. Das k\u00f6nnte helfen, dem grotesken Missbrauch von anderen Lebewesen auf der Erde ein Ende zu setzen.\u201c Mit anderen Worten: Zu einem der umstrittensten wissenschaftlichen Szenarien ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5038&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er ging in die Geschichte der Genetik ebenso wie in die von Verschw\u00f6rungstheorien ein als Biologe, der Affe und Mensch kreuzen wollte: Vor 150 Jahren kam Ilja Iwanow zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5038"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5038"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5038\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5050,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5038\/revisions\/5050"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5038"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5038"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5038"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}