{"id":5051,"date":"2020-07-18T07:07:44","date_gmt":"2020-07-18T06:07:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5051"},"modified":"2020-06-24T14:08:11","modified_gmt":"2020-06-24T13:08:11","slug":"die-ehre-der-nation-fordert-krieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5051","title":{"rendered":"\u201eDie Ehre der Nation fordert Krieg\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Skulptur, die Gottfried Schadow von ihr und ihrer Schwester Friederike\nanl\u00e4sslich ihrer preu\u00dfischen Doppelhochzeit am Weihnachtsabend 1793 schuf, habe\nso viel Erotik ausgestrahlt, dass sie ihr Mann lange vor der \u00d6ffentlichkeit\nversteckte. In Filmen wurde sie von Hansi Arnst\u00e4dt, Henny Porten oder Ruth\nLeuwerik gespielt. Wie viele Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, Parks, Schiffe und Institutionen\nwie Schulen, Krankenh\u00e4user, Apotheken oder B\u00e4der ihren Namen tragen, ist fast\nun\u00fcberschaubar und daher strittig. Allein bis zum 1. Weltkrieg erschienen 391\nTexte der Trivialliteratur, die ihr Leben w\u00fcrdigten, selbst heute noch\nexistieren Webseiten zu ihrem Gedenken \u2013 K\u00f6nigin Luise von Preu\u00dfen, die am 19.\nJuli vor 210 Jahren starb.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSie w\u00e4r\u2019 in H\u00fctten K\u00f6nigin der Herzen \/ Sie ist der Anmut G\u00f6ttin auf dem\nThron\u201c dichtet August Wilhelm Schlegel und beweist damit, dass lange vor Lady\nDiana das gefl\u00fcgelte Wort verbreitet war \u2013 f\u00fcr die nach Friedrich dem Gro\u00dfen\nmeistpopul\u00e4re Pers\u00f6nlichkeit Preu\u00dfens. Ihr fr\u00fcher Tod\nsorgte daf\u00fcr, dass sie in der Vorstellung auch nachfolgender Generationen als\njung und sch\u00f6n in Erinnerung blieb, doch schon zu Lebzeiten erfuhr sie eine\nfast kultische Verehrung: als b\u00fcrgerliche Frau, liebevolle Mutter und\npreu\u00dfische Patriotin, die sich dem Vaterland geopfert hat, als sie dem\nlegend\u00e4ren Treffen mit Napoleon zustimmte. <\/p>\n\n\n\n<p>Geboren am 10. M\u00e4rz 1776 in Hannover als vorletztes Kind von Herzog Karl zu Mecklenburg und Prinzessin Friederike von Hessen-Darmstadt, verlor sie bereits als Sechsj\u00e4hrige ihre Mutter und wurde mit zwei Schwestern 1786 ihrer Gro\u00dfmutter in Darmstadt zur weiteren Erziehung anvertraut. Mit Kosenamen wie \u201eJungfer Husch\u201c bedacht, war sie lange kindlich unbefangen, verspielt und bestach durch eine unbek\u00fcmmerte Frische: Sie sagte, was sie dachte, war unp\u00fcnktlich und naschte gern und viel \u2013 heute w\u00fcrde man sie sicher eine \u201ewilde Hummel\u201c nennen. Im Unterricht galt sie als lebhaft, vorlaut und aufs\u00e4ssig, zeigte wenig Motivation und, bis auf den Religionsunterricht, eher mangelhafte Leistungen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"525\" height=\"719\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/525px-Grassi_Josef_Mathias_-_Luise_von_Mecklenburg-Strelitz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5052\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/525px-Grassi_Josef_Mathias_-_Luise_von_Mecklenburg-Strelitz.jpg 525w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/525px-Grassi_Josef_Mathias_-_Luise_von_Mecklenburg-Strelitz-219x300.jpg 219w\" sizes=\"(max-width: 525px) 100vw, 525px\" \/><figcaption>K\u00f6nigin Luise. Quelle: Von Josef Mathias Grassi &#8211; Stiftung Preu\u00dfische Schl\u00f6sser und G\u00e4rten, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=64422861<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zeit ihres Lebens konnte sie weder auf Deutsch noch Franz\u00f6sisch\nfehlerfrei schreiben. Ihr Interesse an geistiger Bildung erwachte erst sp\u00e4ter,\nsie beeindruckte durch nat\u00fcrliche Intelligenz. In einem Brief an Heinrich von\nKleists Cousine Marie schrieb sie: \u201eM\u00f6ge Gott mich davor bewahren, meinen Geist\nzu pflegen und mein Herz zu vernachl\u00e4ssigen\u201c; sie w\u00fcrde eher \u201ealle B\u00fccher in\ndie Havel werfen\u201c, als den Verstand \u00fcber das Gef\u00fchl zu stellen. Sie reiste viel\nund n\u00e4chtigte 1792, anl\u00e4sslich der Kr\u00f6nungsfeierlichkeiten f\u00fcr Franz II., den\nletzten Kaiser des Heiligen R\u00f6mischen Reiches, bei Goethes Mutter. Den Festball\nin der Botschaft \u00d6sterreichs er\u00f6ffnete Luise gemeinsam mit dem jungen Klemens\nvon Metternich &#8211; zugleich ihre Einf\u00fchrung in die Gesellschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eIkone\neiner neuen B\u00fcrgerlichkeit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Monate\nsp\u00e4ter wurde sie mit ihrer j\u00fcngeren Schwester dem preu\u00dfischen K\u00f6nig Friedrich\nWilhelm II. vorgestellt, der prompt schrieb: \u201eIch w\u00fcnschte sehr, dass meine\nS\u00f6hne sie sehen m\u00f6chten und sich in sie verlieben\u201c. Der Wunsch wurde wahr. Zum\nersten Mal traf Luise den 22-j\u00e4hrigen Kronprinzen Friedrich Wilhelm am 14. M\u00e4rz\n1793, schon am 19. M\u00e4rz machte er seinen pers\u00f6nlichen Heiratsantrag. Es war\nLiebe auf den ersten Blick. Luises Schwester Friederike verlobte sich\nunterdessen mit Prinz Louis, der nach ungl\u00fccklicher Ehe bereits drei Jahre\nsp\u00e4ter an Diphterie starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz anders Luise: noch in der Hochzeitsnacht bot sie ihrem Gemahl das \u201eDu\u201c an, beide galten als immer verliebtes Traumpaar. Das war f\u00fcr den Hof in Preu\u00dfen derart ungew\u00f6hnlich, dass es als Zeichen einer neuen Zeit gedeutet wird. Und nicht nur das: Luise mischt das n\u00fcchterne Berlin auf. \u201eSie bringt aus Darmstadt s\u00fcddeutsches Temperament mit; setzt durch, dass zu ihrer Hochzeit der bei Hofe verp\u00f6nte Walzer getanzt wird, umarmt als Braut ein B\u00fcrgerm\u00e4dchen am Wegesrand und treibt die Oberhofmeisterin Sophie Marie Gr\u00e4fin von Vo\u00df, die ihr beibringen soll, wie man sich als preu\u00dfische Prinzessin zu verhalten hat, zuverl\u00e4ssig an den Rand der Verzweiflung\u201c, erg\u00f6tzt sich Judith Scholter in der <em>Zeit<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/imagegroup.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5055\"\/><figcaption>Das K\u00f6nigspaar im Berliner Schlo\u00dfgarten. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.zeit.de\/reisen\/2010-03\/wilhelm-luise\/wilhelm-luise-540x304.jpg\/imagegroup\/wide__820x461__desktop\">https:\/\/img.zeit.de\/reisen\/2010-03\/wilhelm-luise\/wilhelm-luise-540&#215;304.jpg\/imagegroup\/wide__820x461__desktop<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1797, da Kronprinz\nFriedrich Wilhelm nach dem Tod seines Vaters zu K\u00f6nig Friedrich Wilhelm III. wurde,\nbegleitet sie ihren Gatten auf seiner Antrittsreise zu den preu\u00dfischen St\u00e4nden,\n\u201eum ohne Zwang die Liebe der Untertanen durch [&#8230;] zuvorkommendes Wesen [&#8230;]\nzu gewinnen und zu verdienen, und so, glaube ich, werde ich mit Nutzen reisen\u201c.\nEin Sekret\u00e4r der britischen Gesandtschaft schrieb seinen Schwestern: \u201eIn der\nBerliner Gesellschaft, besonders unter den j\u00fcngeren Leuten, herrscht ein Gef\u00fchl\nritterlicher Ergebenheit gegen die K\u00f6nigin [\u2026] Wenige Frauen sind mit so viel\nLieblichkeit begabt als sie.\u201c Spazierg\u00e4nge ohne Gefolge Unter den Linden oder\nBesuche von Volksbelustigungen wie dem Berliner Weihnachtsmarkt und dem\nStralauer Fischzug wurden von der Bev\u00f6lkerung beif\u00e4llig zur Kenntnis genommen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei hatten es die Eheleute schwer, \u00fcbernahmen sie doch einen heruntergewirtschafteten Staat. Friedrich Wilhelm III. m\u00f6chte im Stile Friedrichs des Gro\u00dfen regieren und setzte sich zum Ziel, den Schuldenberg abzutragen. Aus lauter Sparsamkeit blieb er mit seiner Familie im Kronprinzenpalais Unter den Linden in Berlin wohnen. Luise erhielt nicht den sonst \u00fcblichen eigenen Wohnsitz und musste mit einem Etat von 1000 Talern monatlich auskommen. Modisch ehrgeizig, machte sie bald Schulden. Im kleinen Dorf Paretz wurde ein l\u00e4ndliches Schl\u00f6sschen gebaut, das von Freunden \u201eSchloss Still-im-Land\u201c genannt wurde, eine l\u00e4ndliche Einsiedelei, in der sich die k\u00f6nigliche Familie gern aufhielt, ein b\u00fcrgerliches Leben f\u00fchrte und sich erholte. Dabei galt der Thronfolger als sch\u00fcchtern in der \u00d6ffentlichkeit, sprachlich wenig ausdrucksf\u00e4hig und nicht als Freund schneller Entscheidungen. Er soll \u00e4u\u00dferst unschl\u00fcssig gewesen sein und galt zudem als kaum vorbereitet, ein problembeladenes K\u00f6nigreich in schwierigen Zeiten zu regieren. Luise ist 21 Jahre alt, als sie K\u00f6nigin wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-7-1024x489.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5056\"\/><figcaption>Luise mit Gemahl auf einem Berliner Weihnachtsmarkt. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098329\/7041624497-ci23x11-w1136\/luise-markt-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098329\/7041624497-ci23x11-w1136\/luise-markt-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eLuise war\ndie Ikone einer neuen B\u00fcrgerlichkeit. Damals war es etwas Revolution\u00e4res, heute\nist es der Versuch, in einem Haufen Asche noch einen Kr\u00fcmel Glut zu finden\u201c,\nbefand Eckard Fuhr in der <em>Welt<\/em>. Der\nK\u00f6nig, der die m\u00fcndliche Konversation gern auf milit\u00e4rische Formeln verknappte,\nschrieb seiner Frau poetisch-z\u00e4rtliche Briefe; beide waren sich treu. Aus dem\nHof verschwanden die Schw\u00e4rme der M\u00e4tressen, neue Empfindsamkeit hielt Einzug. Das\nbefriedigende Eheleben f\u00fchrte zu fast st\u00e4ndigen Schwangerschaften und insgesamt\nzehn Kindern, von denen sieben erwachsen wurden. Prinz Friedrich Wilhelm IV.,\nder \u00e4lteste, folgte seinem Vater als preu\u00dfischer K\u00f6nig nach. Prinz Wilhelm I.,\nder Zweitgeborene, wurde 1861 preu\u00dfischer K\u00f6nig und ab 1871 der erste Kaiser\ndes Deutschen Kaiserreiches. Die \u00e4lteste Tochter, Prinzessin Charlotte von\nPreu\u00dfen, bestieg als Alexandra Fjodorowna den russischen Zarenthron.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201e\u00fcber unsere Mittel get\u00e4uscht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Dichter, Maler und Bildhauer ist die Familie ein Fest: \u201eAlle Herzen flogen ihr entgegen, und ihre Anmut und Herzensg\u00fcte lie\u00dfen keinen unbegl\u00fcckt\u201c, schrieb Friedrich de la Motte Fouqu\u00e8 \u00fcber K\u00f6nigin Luise. Besonders tat sich Novalis hervor mit seinem programmatischen Aufsatz \u201eGlaube und Liebe oder Der K\u00f6nig und die K\u00f6nigin\u201c vom Sommer 1798, dem er eine Reihe \u00fcberschw\u00e4nglicher Gedichte an das K\u00f6nigspaar vorangestellt hatte. Friedrich Wilhelm III. lehnte den Text ab, eine Monarchie auf parlamentarischer Grundlage entsprach nicht seinen Vorstellungen. Dennoch blieben Luise und er Hoffnungstr\u00e4ger f\u00fcr die Wunschvorstellungen der B\u00fcrger Preu\u00dfens nach einem Volksk\u00f6nigtum, in dem die Ideale der Franz\u00f6sischen Revolution nach der \u00dcberwindung von Standesschranken ohne Terror und Blut Wirklichkeit w\u00fcrden. Zwischen 1798 und 1805 unternahm das Paar mehrere sogenannte Huldigungsreisen zwischen Pommern und Franken und bestieg 1800 die Schneekoppe in Schlesien. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-8-1024x489.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5057\"\/><figcaption>Luise bei Napoleon. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098447\/7731626587-ci23x11-w1136\/luise-1807-napoleon-1-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098447\/7731626587-ci23x11-w1136\/luise-1807-napoleon-1-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1795 hatte\nder alte K\u00f6nig noch den Friedensschluss von Basel ausgehandelt, der f\u00fcr ein\nEnde der Allianz Preu\u00dfens mit den anderen Staaten im Ersten Koalitionskrieg\ngegen Frankreich bedeutete. Die linksrheinischen Landesteile gingen verloren,\ndas n\u00f6rdliche Deutschland wurde f\u00fcr neutral erkl\u00e4rt. Preu\u00dfen kann sich so\neinige Jahre aus dem Krieg heraushalten. 1802 und 1805 kommt es zu Treffen\nzwischen Friedrich Wilhelm III. und K\u00f6nigin Luise mit Zar Alexander I. von\nRussland, den Luise sehr sympathisch findet. Nach der Dreikaiserschlacht 1805 bei\nAusterlitz, da Napoleon gegen die Russen und \u00d6sterreicher gewinnt, sind Preu\u00dfens\nstille Jahre Geschichte. Die Neutralit\u00e4t endete sp\u00e4testens, als im Juli 1806 in\nParis der Vertrag \u00fcber den Rheinbund geschlossen wird und Napoleon seinen\nEinflussbereich im deutschen Gebiet erh\u00f6ht. Da Friedrich Wilhelm III. wieder\nz\u00f6gert, dauert es, bis Preu\u00dfen Frankreich am 9. Oktober den Krieg erkl\u00e4rt &#8211; wohl\nauch auf Druck von K\u00f6nigin Luise hin: \u201eIch habe K\u00f6nige geboren, ich muss\nk\u00f6niglich denken: die Ehre der Nation fordert Krieg.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nur f\u00fcnf\nTage sp\u00e4ter erlitten die schlecht gef\u00fchrten, getrennt k\u00e4mpfenden preu\u00dfischen\nTruppen bei Jena und Auerstedt vernichtende Niederlagen, die Reservearmee wurde\nbei Halle geschlagen, fast alle befestigten St\u00e4dte ergaben sich kampflos. Keine\n20 Tage sp\u00e4ter zog Napoleon als Sieger in Berlin ein und schm\u00e4hte Luise noch in\nseinen Bulletins. Die traurige, tiefverletzte K\u00f6nigin muss mit ihren Kindern in\nmehreren Wochen unter abenteuerlichen Umst\u00e4nden bei widrigem Winterwetter \u00fcber\nK\u00fcstrin und K\u00f6nigsberg bis ins abgelegene Memel fliehen und \u00fcbersteht dabei\neinen Typhus. Die n\u00e4chste Dem\u00fctigung bereitet ihr der gesch\u00e4tzte Zar, der nach\nder verlorenen Schlacht bei Friedland einen Separatfrieden mit Napoleon\naushandelte. Da Preu\u00dfen drohte, v\u00f6llig untergebuttert zu werden, schlug Graf\nKalckreuth dem K\u00f6nig vor, \u201edass es von guter Wirkung sein w\u00fcrde, wenn Ihre\nMajest\u00e4t die K\u00f6nigin hier sein k\u00f6nnten, und zwar je eher, je lieber\u201c. Der K\u00f6nig\n\u00fcbermittelte den Wunsch, sie sagt zu, \u201ewie eine Bittstellerin vor den Gebieter\nder Welt [zu] treten, ohne von ihm eingeladen worden zu sein\u201c, meint Gertrude\nAretz.<\/p>\n\n\n\n<p>Das denkw\u00fcrdige, rund einst\u00fcndige Treffen fand am 6. Juli 1807 in Tilsit statt. Karl August von Hardenberg hatte ihr geraten, liebensw\u00fcrdig zu sein, vor allem als Ehefrau und Mutter zu sprechen und keinesfalls ein betont politisches Gespr\u00e4ch zu f\u00fchren. Der Zar sprach ihr beruhigend zu und sagte: \u201eNehmen Sie es auf sich und retten Sie den Staat!\u201c Als Napoleon eintraf, schien er \u201ezum ersten Mal vielleicht in seinem Leben die Situation nicht zu beherrschen\u201c, schreibt Aretz. Er selbst teilt seiner Josephine nach Paris brieflich mit: \u201eDie K\u00f6nigin von Preu\u00dfen ist wirklich bezaubernd, sie ist voller Koketterie zu mir. \u2026 Ich musste mich t\u00fcchtig wehren, da sie mich zwingen wollte, ihrem Mann noch einige Zugest\u00e4ndnisse zu machen. Aber ich war nur h\u00f6flich und habe mich an meine Politik gehalten. Sie ist sehr reizvoll&#8230; Der K\u00f6nig von Preussen ist zur rechten Zeit dazugekommen, denn eine Viertelstunde sp\u00e4ter h\u00e4tte ich der K\u00f6nigin alles versprochen.\u201c W\u00e4hrend der Unterredung gab sie auf Napoleons Frage, wie die Preu\u00dfen so unvorsichtig sein konnten, ihn anzugreifen, die oft zitierte Antwort: \u201eDer Ruhm Friedrichs des Gro\u00dfen hat uns \u00fcber unsere Mittel get\u00e4uscht.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-9-1024x489.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5059\"\/><figcaption>Luises Tod. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098515\/6381626587-ci23x11-w1136\/luise-sterbelager-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098515\/6381626587-ci23x11-w1136\/luise-sterbelager-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In einem\nebenso bedr\u00fcckenden wie politisch wachen Brief an ihren Vater vertiefte sie\n1808 diesen Gedanken: \u201eWir sind eingeschlafen auf den Lorbeeren Friedrichs des\nGro\u00dfen, welcher, der Herr seines Jahrhunderts, eine neue Zeit schuf. Wir sind\nmit derselben nicht fortgeschritten, deshalb \u00fcberfl\u00fcgelt sie uns.\u201c Konkret\nerreicht sie nur, dass Napoleon seine Sticheleien gegen sie beendet, politisch\nerfolgreich war sie nicht. Zwar blieb Preu\u00dfen als Staat erhalten, da sich wohl\nauch Zar Alexander daf\u00fcr eingesetzt hatte, um eine Art Puffer zwischen sich und\nden Franzosen zu haben. Aber im Frieden von Tilsit vom 9. Juli 1807 verlor Preu\u00dfen\nrund die H\u00e4lfte seines Territoriums und seiner Bev\u00f6lkerung \u2013 alle Gebiete\nwestlich der Elbe und die polnischen Besitzungen. Hinzu kamen die Versorgung\ndes franz\u00f6sischen Besatzungsheeres und Zahlungsverpflichtungen von 400\nMillionen Talern. \u201eSo arm war der K\u00f6nig, dass er und Luise sich von manchem\nwertvollen Familienst\u00fcck, von manchem Schmuckgegenstand trennen mussten. Das\ngoldene Tafelservice Friedrichs des Grossen fiel in jenen Tagen der Entbehrung\nder M\u00fcnze zum Opfer\u201c, wei\u00df Aretz.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMeine Gesundheit ist v\u00f6llig\nzerst\u00f6rt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die n\u00e4chsten\nJahre verbringt das Paar in K\u00f6nigsberg. Luise bildet sich, liest viel, versammelte\nK\u00fcnstler und Gelehrte und hat immer wieder mit gesundheitlichen Problemen zu\nk\u00e4mpfen: \u201eDas Klima Preu\u00dfens ist \u2026 abscheulicher, als es sich ausdr\u00fccken l\u00e4sst.\n\u2026 Meine Gesundheit ist v\u00f6llig zerst\u00f6rt\u201c, klagt sie in einem Brief an den Bruder.\nEinziger Lichtblick war eine Reise von acht Wochen im Winter 1808\/09 an den\nZarenhof nach Sankt Petersburg. \u00dcber ihre Einflussnahme auf die von Hardenberg\nund von Stein angesto\u00dfenen preu\u00dfischen Reformen (Oktoberedikt 1807, St\u00e4dteordnung\n1808) sind die Historiker uneins: sie waltete wohl als wichtigste Beraterin\nihres Mannes, obwohl der ihren Einfluss nicht wahrhaben wollte und ihn st\u00e4ndig\nherunterspielte, und setzte sich f\u00fcr den von ihr gesch\u00e4tzten Hardenberg ein, doch\ngalt sie als politisch eher unbeteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Erst zum 23. Dezember 1809 erlaubt Napoleon ihre R\u00fcckkunft nach Berlin. Sie wird in der festlich illuminierten Stadt triumphal empfangen. Im Sommer war ein Treffen mit ihrem Vater und ihrer Gro\u00dfmutter geplant, das dann ab 25. Juni auf Schloss Hohenzieritz bei Neustrelitz stattfand. Bei der fiebrigen Luise wird eine Lungenentz\u00fcndung diagnostiziert, von der sie sich nicht mehr erholte. Ihr Mann und die beiden \u00e4ltesten S\u00f6hne waren im Tod bei ihr. Bei der Obduktion fand sich neben einem v\u00f6llig zerst\u00f6rten Lungenfl\u00fcgel auch eine Geschwulst im Herzen, \u201eeine Folge zu gro\u00dfen und anhaltenden Kummers\u201c notiert Gr\u00e4fin Vo\u00df die Aussage der \u00c4rzte in ihrem Tagebuch. Unter gro\u00dfer Anteilnahme der Bev\u00f6lkerung wurde der Leichnam nach Berlin \u00fcberf\u00fchrt, drei Tage im Berliner Stadtschloss aufgebahrt, am 30. Juli im Berliner Dom beigesetzt und am 23. Dezember 1810 &#8211; genau 17 Jahre, nachdem die damals 17-j\u00e4hrige nach Berlin gekommen war &#8211; zu ihrer letzten Ruhest\u00e4tte \u00fcberf\u00fchrt: einem Mausoleum, das inzwischen von Heinrich Gentz unter Mitarbeit von Karl Friedrich Schinkel im Park des Schlosses Charlottenburg gebaut worden war und bald zu einem Wallfahrtsort werden sollte, der erst 1947 mit der Aufl\u00f6sung Preu\u00dfens durch die Alliierten an Anziehungskraft verlor.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/iwanow-10-1024x489.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5060\"\/><figcaption>Luises Mausoleum. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098546\/9561628677-ci23x11-w1136\/luise-mausoleum-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile100098546\/9561628677-ci23x11-w1136\/luise-mausoleum-DW-Wissenschaft-Berlin-jpg.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach ihrem\nfr\u00fchen Tod wurde sie als Verk\u00f6rperung weiblicher Tugenden und Vaterlandsliebe\ngeradezu mystifiziert. \u201eLuise sei der Schutzgeist deutscher Sache \/ Luise sei\ndas Losungswort zur Rache!\u201c dichtet Theodor K\u00f6rner schon 1813. Der K\u00f6nig, seit\nihrem Tod ein untr\u00f6stlicher, gebrochener Mann, stiftet im selben Jahr das\nEiserne Kreuz als Tapferkeits-Auszeichnung und datiert diesen Akt auf den 10.\nM\u00e4rz zur\u00fcck, den Geburtstag seiner Frau. Wer immer nun f\u00fcr Preu\u00dfen k\u00e4mpft, tut\ndies im Namen Luises. \u201eLuise, du bist ger\u00e4cht\u201c, soll Marschall Bl\u00fccher auf dem\nMontmartre gesagt haben, als er 1814 in Paris einzieht. Preu\u00dfens\nKriegserkl\u00e4rung gegen Frankreich erfolgt am 19. Juli 1870, also genau am 60.\nJahrestag ihres Todes. Als K\u00f6nig kniete Wilhelm I., bevor er in den Krieg zog,\nam Sarkophag seiner Mutter nieder; als Kaiser suchte er bei seiner R\u00fcckkehr am\n17. M\u00e4rz 1871 wiederum ihr Grab auf. Nach diesen symbolbeladenen historischen\nVorg\u00e4ngen geh\u00f6rten Luises Leben und Wirken als \u201ePreu\u00dfische Madonna\u201c zu den\nunverzichtbaren und systematisch verbreiteten Gr\u00fcndungsmythen des Kaiserreichs,\nin der \u00f6ffentlichen Darstellung f\u00fchrte eine direkte Linie von ihrem sogenannten\nOpfertod zum Sieg \u00fcber Napoleon und zur Reichsgr\u00fcndung.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf Anordnung der Schulbeh\u00f6rde fiel an ihrem 100. Geburtstag an allen M\u00e4dchenschulen der Unterricht aus. Als Leitbild wurde sie in der Weimarer Republik von politischen Gruppierungen wie der Deutschnationalen Volkspartei in Anspruch genommen, sp\u00e4ter aber nochmal nicht mehr bei der Werbung f\u00fcr den staatlich angestrebten Kinderreichtum: Das tradierte Bild der passiv leidenden Frau passte nicht in das ideologische Konzept von m\u00e4nnlicher Kraft und H\u00e4rte. Nach 1945 verloren links und rechts der Elbe sowohl der \u201eErbfeind\u201c-Bezug als auch das Frauenideal \u2013 die Personalunion von treusorgender Ehefrau, vielfacher Mutter und unersch\u00fctterlich dem Vaterland dienender Dulderin \u2013 an Aktualit\u00e4t und Anziehungskraft. Auf einer K\u00f6nigin-Luise-Route kann man seit 2010 zehn Stationen ihres Lebens zwischen Hohenzieritz im Norden und Paretz im S\u00fcden besichtigen. Eine vor allem emotional interessante Figur der deutschen Geschichte bleibt sie allemal.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5051&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie galt als \u201eK\u00f6nigin der Herzen\u201c und wurde als patriotische Wegbereiterin des deutschen Kaisertums teils kultisch verehrt: Luise von Preu\u00dfen. Vor 210 Jahren starb sie.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5051"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5051"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5051\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5061,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5051\/revisions\/5061"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5051"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5051"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5051"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}