{"id":5062,"date":"2020-07-06T06:35:19","date_gmt":"2020-07-06T05:35:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5062"},"modified":"2020-06-24T14:35:46","modified_gmt":"2020-06-24T13:35:46","slug":"klang-der-extreme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5062","title":{"rendered":"\u201eKlang der Extreme\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Allein bis 1996 griffen 38 Filme auf seine Musik zur\u00fcck. Rechnet man\nDokumentarfilme hinzu, waren es gar 46. Gleich zweimal bediente sich Woody\nAllen; die japanische Kultkom\u00f6die \u201eTampopo\u201c, der vielleicht \u201ewitzigste Film\naller Zeiten \u00fcber die Verbindung von Essen und Sex\u201c, so Hal Hinson in der <em>Washington Post<\/em>, nutzte gen\u00fcsslich seine\nMotive. Luigi Visconti hat das Adagio seiner f\u00fcnften Sinfonie in der\nMann-Verfilmung \u201eTod in Venedig\u201c zum \u201eLeidmotiv\u201c erhoben, selbst Hannibal\nLecter mordete mit ihm: Gustav Mahler. Der \u00f6sterreichische Wirtssohn war nicht\nnur einer der bedeutendsten Komponisten der Sp\u00e4tromantik, sondern auch einer\nder ber\u00fchmtesten Dirigenten seiner Zeit und als Operndirektor ein bedeutender\nReformer des Musiktheaters. Am 7. Juli vor 160 Jahren wurde er im b\u00f6hmischen\nKalischt geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>In seinem Geburtsjahr verkauften seine Eltern ihren Gasthof und zogen in\ndie m\u00e4hrische Stadt Iglau, wo Mahler den \u00fcberwiegenden Teil seiner Jugend\nverbrachte. Sie sollte traumatisch werden. Er musste mit ansehen, wie der Vater\ndie Mutter schlug, und erleben, wie sechs seiner vierzehn Geschwister fr\u00fch\nstarben. Sein \u00e4lterer Bruder Isidor war bei seiner Geburt schon gestorben, so\ndass er mit dieser Fehlstelle zum \u00e4ltesten Kind wurde. Als 15j\u00e4hriger machte\nihm besonders der Tod seines 13j\u00e4hrigen Bruders Ernst sehr zu schaffen. Zudem starben\nbeide Eltern, als Mahler noch keine drei\u00dfig war, so dass er sich danach verpflichtet\nf\u00fchlte, f\u00fcr seine j\u00fcngeren Geschwister zu sorgen, bis sie selbstst\u00e4ndig waren.\nMahler nahm seine Schwester Justine zu sich, die ihm bis zu ihrer Heirat viele\nJahre den Haushalt f\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon als Vierj\u00e4hriger hatte er seinen ersten musikalischen Unterricht auf dem Akkordeon, kurz danach auch auf dem Klavier. Seine Begabung war so herausragend, dass er mit sechs Jahren, als er zur Schule kam, bereits selbst in der Lage war zu unterrichten. Mahler war von\u00a0 schneller Auffassungsgabe und von gro\u00dfer Wissbegierde. Er komponierte, befasste sich mit Literatur und interessierte sich f\u00fcr alle Musikrichtungen, die ihm in Iglau zu Ohren kamen. Elemente der j\u00fcdischen Musik, der Milit\u00e4rmusik oder der Volks- und Tanzmusik flossen mehrfach in seine sp\u00e4teren Werke ein. 1870 bekam er Gelegenheit, im Iglauer Theater erstmals als Pianist \u00f6ffentlich aufzutreten. Auch im Gymnasium, an das er zwischenzeitlich gewechselt war, konnte er sein gro\u00dfartiges K\u00f6nnen am Klavier zeigen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"550\" height=\"700\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5065\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler.jpg 550w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-236x300.jpg 236w\" sizes=\"(max-width: 550px) 100vw, 550px\" \/><figcaption>Gustav Mahler. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.muk.ac.at\/fileadmin\/_processed_\/7\/f\/csm_Gustav_Mahler__c__Gustav_Mahler.com_3ae678b5b6.jpg\">https:\/\/www.muk.ac.at\/fileadmin\/_processed_\/7\/f\/csm_Gustav_Mahler__c__Gustav_Mahler.com_3ae678b5b6.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1875 ging Mahler nach Wien, um am Konservatorium Klavier und Komposition\nzu studieren. F\u00fcr den Abschluss am Gymnasium in Iglau lernte er nebenbei weiter\nund schaffte ihn schlie\u00dflich 1877 im zweiten Anlauf: er war trotz seiner\nIntelligenz ein recht mittelm\u00e4\u00dfiger Sch\u00fcler. W\u00e4hrend seiner Studienzeit\nentstanden mehrere Kompositionen, au\u00dferdem begann Mahler mit der Arbeit an seiner\nM\u00e4rchen-Kantate \u201eDas klagende Lied\u201c, die er nachtr\u00e4glich als Op.1 bezifferte. Zus\u00e4tzlich\nbesuchte er Vorlesungen in Germanistik, Philosophie und Bildender Kunst an der\nUniversit\u00e4t. Auch bei Anton Bruckner sa\u00df er im H\u00f6rsaal, wenn dieser \u00fcber\nMusikgeschichte referierte. <\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Konservatoriumsjahren arbeitete er an zwei Opern, die unvollendet\nblieben: \u201eDie Argonauten\u201c nach einem Drama von Franz Grillparzer und \u201eR\u00fcbezahl\u201c.\nMit einer \u00f6ffentlichen Auff\u00fchrung seines heute verschollenen Klavierquintetts,\nf\u00fcr das er zuvor wiederholt einen Konservatoriums-Preis bekommen hatte,\nbeendete er erfolgreich sein Studium. Er hatte inzwischen Freundschaften mit\nMusikerkollegen, Literaten und Philosophen geschlossen und war allen neuen\nEinfl\u00fcssen zug\u00e4nglich. Das ging soweit, dass er sich sogar mehrere Jahre als\nabsoluter Vegetarier ern\u00e4hrte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEs ist nun alle Not vor\u00fcber\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1891 sammelte er dann quer durch Europa Erfahrungen als Kapellmeister in Bad Hall, Laibach, Olm\u00fctz, Kassel, Prag und Leipzig sowie die letzten drei Jahre als K\u00f6niglicher Operndirektor in Budapest. Sein Anfangsverdienst am Kurtheater Bad Hall betrug 30 Gulden, das w\u00e4ren f\u00fcr gegenw\u00e4rtige Verh\u00e4ltnisse etwa 240 Euro. Mahler konnte dieser Anstellung nichts abgewinnen, er konnte nur seinen Lebensunterhalt damit verdienen. Wie fatal ihm diese drei Monate waren, zeigte sich darin, dass er sie in Bewerbungen einfach unterschlug. W\u00e4hrend der elf Jahre kristallisierte sich ein Muster heraus, dem er bis zu seiner Hochzeit folgen sollte: in jeder Stadt fand er eine \u201egro\u00dfe Liebe\u201c, die ihn musikalisch inspirierte und die doch mit jedem Wegzug endete. In Kassel etwa war es die Sopranistin Johanna Richter; in Leipzig schrieb er, berauscht durch seine Liebe zu Marion von Weber, der Frau eines Enkels von Carl Maria von Weber, und durch den Roman \u201eTitan\u201c von Jean Paul in sechs Wochen die 1. Sinfonie, die er dann in Budapest urauff\u00fchrte, und erste Lieder zu \u201eDes Knaben Wunderhorn\u201c, einer Textsammlung mit Volksdichtungen, die er sehr sch\u00e4tzte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5066\"\/><figcaption>Alma mit den gemeinsamen T\u00f6chtern. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile101321830\/6081624157-ci23x11-w780\/mahler-06-alma-mit-kindern-DW-Kultur-Steinach-am-Attersee-jpg.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/mobile101321830\/6081624157-ci23x11-w780\/mahler-06-alma-mit-kindern-DW-Kultur-Steinach-am-Attersee-jpg.jpg<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend seiner Jahre als Kapellmeister dirigierte er zahlreiche Opern und\nhatte Gelegenheit, zwischendurch immer wieder Konzertauff\u00fchrungen anderer\nMusiker zu erleben. Er wurde mit Richard Strauss bekannt und lernte bei einem\nBesuch in Bayreuth Cosima Wagner und ihren Sohn Siegfried kennen. Der Ruf als\nhervorragender Dirigent eilte ihm voraus, als er 1891 an das Stadt-Theater\nHamburg ging. Seine Arbeit reformierte den Musiktheater-Stil nachhaltig und\nhatte weitreichende Auswirkungen auch auf andere B\u00fchnen. Das Opernhaus erlangte\ndank seines Chefdirigenten den Status, eine der besten deutschen Operb\u00fchnen zu\nsein. Eine Hommage an die Stadt und an den Hamburger Michel findet sich in\nMahlers \u201eAuferstehungs-Symphonie\u201c wider. Spektakul\u00e4r waren Mahlers\nErst-Auff\u00fchrung des \u201eTe Deum\u201c in C-Dur von Anton Bruckner, das als dessen\nbedeutendstes Chorwerk in der Zeit des Deutschen Kaiserreiches galt, sowie, in\nAnwesenheit des hochzufriedenen Komponisten, die deutsche Erstauff\u00fchrung von\nTschaikowskis Oper \u201eEugen Onegin\u201c. Mit der auch im Alltag hochdramatischen Anna\nvon Mildenburg ging er die leidenschaftlichste Liebesbeziehung vor seiner Ehe\nein, die er jedoch mit seinem n\u00e4chsten Wechsel wiederum ad acta legte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach sechs Jahren beendete Mahler seine Hamburger T\u00e4tigkeit und\nkonvertierte vom j\u00fcdischen Glauben zum Katholizismus. Er hat seinem Glauben nie\nbesonders nahe gestanden, seine Weltanschauung war, wie an seinen Angaben und\nTexten zur 3. Sinfonie, zur 8. Sinfonie und zum Lied zu erkennen ist, eher eine\nnaturreligi\u00f6se und philosophische. Allerdings befasste er sich auch intensiv\nmit dem Auferstehungs- und Erl\u00f6sungsgedanken des Christentums, was unter\nanderem in der 2. und 3. Sinfonie deutlich wird. Dennoch bef\u00fcrchtete Mahler\nnicht zu Unrecht, dass seine j\u00fcdische Herkunft der Grund sein k\u00f6nnte, ihm\nweitere Aufstiegsm\u00f6glichkeiten zu versperren. \u201eMein Judentum verwehrt mir, wie\ndie Sachen jetzt in der Welt stehen, den Eintritt in jedes Hoftheater. \u2013 Nicht\nWien, nicht Berlin, nicht Dresden, nicht M\u00fcnchen steht mir offen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Dennoch wurde sein Anschreiben aus M\u00fcnchen abschl\u00e4gig beantwortet. Das freute die Wiener Hofoper, die ihn kurz darauf zum Kapellmeister mit einem Jahreshonorar von 5000 Gulden machte. Mahlers erste Wiener Auff\u00fchrung \u2013 er dirigierte den \u201eLohengrin\u201c von Richard Wagner \u2013 wurde ein sensationeller Erfolg. An Anna von Mildenburg schrieb er euphorisch: \u201eEs ist nun alle Not vor\u00fcber! Ganz Wien hat mich geradezu mit Enthusiasmus begr\u00fc\u00dft&#8230;\u201c In den n\u00e4chsten zehn Jahren wird er seine an Richard Wagners Begriff des Gesamtkunstwerks orientierte Vorstellung von Oper als Einheit von Musik und Darstellung verfeinern und eine Rollendarstellung durchsetzen, die situativ und psychologisch genau war und mit der s\u00e4ngerisch-musikalischen Gestaltung im Einklang stand. W\u00e4hrend der Wiener Jahre reiste er durch ganz Europa, um zu dirigieren und seine eigenen Kompositionen \u2013 mit unterschiedlichem Erfolg \u2013 aufzuf\u00fchren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"419\" height=\"255\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5067\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-2.jpg 419w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-2-300x183.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 419px) 100vw, 419px\" \/><figcaption>Komponierh\u00e4uschen in Maiernigg am W\u00f6rthersee. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/89543\/Gustav-Mahler-(1860-1911)-Musik-und-Medizin-an-der-Schwelle-zur-Moderne#group-2\">https:\/\/www.aerzteblatt.de\/archiv\/89543\/Gustav-Mahler-(1860-1911)-Musik-und-Medizin-an-der-Schwelle-zur-Moderne#group-2<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1899 engagierte er Selma Kurz, die erst 17-j\u00e4hrige, \u00f6sterreichische\nS\u00e4ngerin an seine Wiener B\u00fchne. Es dauerte nicht lange, und die beiden K\u00fcnstler\nwurden, ungeachtet des Altersunterschiedes, ein Liebespaar. Da die Bestimmungen\nder Hofoper den K\u00fcnstlern verboten, untereinander eine Ehe einzugehen, zog die\nS\u00e4ngerin nach der kurzen Aff\u00e4re ihre Karriere vor und blieb, von Mahler\ngef\u00f6rdert, als erfolgreiche Diva am Haus. Im Fr\u00fchjahr 1901 erkrankte Mahler so\nschwer, dass eine Operation unumg\u00e4nglich war. Danach widmete er sich wieder mehr\nseinen Kompositionen und lie\u00df sich dazu an seinen Urlaubsorten kleine\n\u201eKomponierh\u00e4uschen\u201c errichten, in denen er ungest\u00f6rt arbeiten konnte: Bereits seit\n1893 in Steinbach am Attersee, seit 1901 in Maiernigg am W\u00f6rthersee und seit\n1908 in Toblach in S\u00fcdtirol. Deshalb wird er oft auch als \u201eSommerkomponist\u201c\nbezeichnet. Die Natur diente ihm als st\u00e4rkste Inspirationsquelle.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Schicksalsjahr 1907<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1901 lernte Mahler die 20 Jahre j\u00fcngere Alma Schindler kennen. Er verliebte sich in die sch\u00f6ne Frau, deren Elan als musikalisch aktive K\u00fcnstlerin abgeklungen war und die es stattdessen vorzog, ihre Sch\u00f6nheit zu Markte zu tragen, um namhaften K\u00fcnstlern eine Muse sein zu k\u00f6nnen. Nach kaum zwei Monaten verlobten sich beide. Die Verbindung erregte nicht nur wegen des Altersunterschiedes gro\u00dfes Aufsehen: Mahler war nur ein Meter sechzig klein, fiel eher durch seine hohe Stirn als durch ebenm\u00e4\u00dfige Z\u00fcge auf, litt unter H\u00e4morrhoiden und galt dennoch als dominant. Prompt legte er seiner Zuk\u00fcnftigen in einem zwanzig Seiten umfassenden Brief dar, was er von ihr erwartete, und stellte sie vor die Wahl, ihre eigenen Kompositionen einzustellen oder von der Heirat Abstand zu nehmen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-3-1024x733.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5068\" width=\"435\" height=\"311\"\/><figcaption>Gustav und Alma bei einem Spaziergang nahe ihrem Sommerdomizil in Toblach (heute: Dobbiaco, Italien) 1909. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/a9a1eec4-0001-0004-0000-000001055774_w1528_r1.3965313362238865_fpx66.59_fpy54.99.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/a9a1eec4-0001-0004-0000-000001055774_w1528_r1.3965313362238865_fpx66.59_fpy54.99.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Alma willigt ein und lebt acht Jahre nur f\u00fcr ihren Mann und sein Werk:\nAls Muse, Managerin, Haush\u00e4lterin und Mutter. Am 9. M\u00e4rz 1902 fand die Trauung\nin der Wiener Karlskirche statt. Die Hochzeitsreise, die gleichsam eine\nKonzertreise war, f\u00fchrte das Paar nach Sankt Petersburg. Anschlie\u00dfend ging\nMahler nach Maiernigg und stellte dort die im Jahr zuvor begonnen\n\u201eKindertotenlieder\u201c fertig. Seine schwangere Frau war sichtlich befremdet \u00fcber\ndiese Arbeit. 1902 wurde Mahlers Tochter Maria Anna geboren, 1904 seine zweite\nTochter Anna Justine. Im Sommer desselben Jahres vollendete Mahler seine 6.\nSinfonie.<\/p>\n\n\n\n<p>Mahlers Ungeduld mit Personal, das seinen Anspr\u00fcchen nicht gen\u00fcgte, seine\nTourneen als Dirigent eigener Werke, eine Pressekampagne gegen ihn mit\nantisemitischen Tendenzen und Streitigkeiten mit seinen Vorgesetzten bei Hof\n\u00fcber h\u00e4ufige Abwesenheiten und die Programmgestaltung, deren Gipfel das Verbot\nder Urauff\u00fchrung von Richard Strauss\u2019 \u201eSalome\u201c war, brachten schlie\u00dflich beide\nSeiten 1907 dazu, Mahlers Wiener Amtszeit zu beenden. Die tiefgreifenden\nKonflikte zeigten sich nicht zuletzt in der Tatsache, dass Mahler nicht\noffiziell verabschiedet wurde. Dennoch bekam er eine hohe Abfindung, die Kaiser\nFranz Joseph pers\u00f6nlich bewilligte.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Jahr sollte zu Mahlers Schicksalsjahr werden: neben dem Ende seines\nWiener Engagements musste er im Sommer 1907 den Tod seiner \u00e4lteren Tochter\nMaria verkraften, die an Scharlachdiphterie qualvoll starb, und unmittelbar\ndarauf die Diagnose einer schweren Herzerkrankung, die eine rigorose \u00c4nderung\nder Lebens- und Arbeitsgewohnheiten des bislang robusten, sportlichen Mannes\nerzwang. Heute nimmt man an, dass immer wiederkehrende, nie wirklich\nauskurierte Mandelentz\u00fcndungen die Ursache f\u00fcr seine Herzinnenhautentz\u00fcndung\nwar, der er letztlich erliegen sollte. Mahler nahm daraufhin zum 1. Januar 1908\neine Stelle an der Metropolitan Opera an. Hier erg\u00e4nzte er seine Opernt\u00e4tigkeit\ndurch ein breites Wirken als Konzert- und Tourneedirigent, zumal mit dem New\nYorker Philharmonischen Orchester. Er kehrte im Sommer stets nach Europa zur\u00fcck\nund schrieb noch zwei Meisterwerke: \u201eDas Lied von der Erde\u201c, eine Symphonie f\u00fcr\nAlt, Tenor und Orchester nach Dichtungen von Hans Bethges \u201eDie chinesische\nFl\u00f6te\u201c, die sp\u00e4ter seine 9. genannt wurde, und die 10. Symphonie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201emelancholisch-morbide\nGrundt\u00f6nung\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die entstand in der Auseinandersetzung mit seiner Ehekrise: Alma war eine Aff\u00e4re mit dem Architekten Walter Gropius eingegangen. In einem Anfall rasender Leidenschaft bittet Gropius inst\u00e4ndig Alma, alles zu verlassen und zu ihm zu kommen. Allerdings adressiert er den Brief nicht an die \u201eHei\u00dfersehnte\u201c, sondern an Gustav Mahler. Der \u00f6ffnet nichts ahnend den Brief, seine Welt bricht zusammen. \u201eWahnsinn, fass mich an, Verfluchten! Vernichte mich, dass ich vergesse, dass ich bin! dass ich aufh\u00f6re zu sein, dass ich ver&#8230;\u201c, schreibt er auf das Notenblatt der Partitur. Seine Gef\u00fchle leben in der Musik weiter, die Sinfonie pendelt zwischen Himmel und H\u00f6lle. Mahler konsultierte im holl\u00e4ndischen Leyden sogar Sigmund Freud. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"718\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-4-718x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5069\"\/><figcaption>Letztes Foto 1911 vor dem Tod. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/b90c93ae-0001-0004-0000-000001055768_w1528_r0.7016742770167428_fpx50_fpy64.54.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/b90c93ae-0001-0004-0000-000001055768_w1528_r0.7016742770167428_fpx50_fpy64.54.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Januar 1911 gab Mahler seine letzten Konzerte in Europa, bevor ihn\nseine Krankheit immer mehr am Arbeiten hinderte. Er raffte sich noch einmal\nauf, am 21. Februar 1910 in New York ein Konzert zu dirigieren, und reist im\nApril nach Paris, hoffend, dass ihm die Spezialisten des Pasteur-Instituts helfen\nk\u00f6nnen. Ein befreundeter Arzt empfahl Alma Mahler, mit ihrem Mann umgehend nach\nWien weiterzureisen, da es keine Heilungsaussichten g\u00e4be und Mahler jetzt\ngerade noch transportf\u00e4hig sei. Die Reise wurde zu einem \u00f6ffentlichen Ereignis.\nUnterwegs wurden Journalisten \u00fcber den Zustand des im Sterben liegenden\nK\u00fcnstlers informiert. Sechs Tage vor seinem Tod war der K\u00fcnstler endlich in\nWien angekommen. Am 18. Mai 1911 starb er und wurde auf dem Grinzinger Friedhof\nneben seiner geliebten Tochter begraben.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Mahlers Tod heiratete Alma den Architekten Walter Gropius (1915) und sp\u00e4ter (1929), nach ihrer Scheidung von Gropius, den Dichter Franz Werfel und war Geliebte von Oskar Kokoschka. In ihren Memoiren schrieb sie, sie habe sich ihr Leben lang als \u201eMahlers Witwe\u201c gef\u00fchlt. Sie nannte ihn einmal ihren \u201eAmokl\u00e4ufer\u201d, weil er mit seinem musikalischen Temperament die ganze Welt auseinander nehmen wollte. Ein anderes Mal zeichnet sie das Bild des \u201evergessenen\u201c Kindes im Walde &#8211; des kleinen Gustavs, der furchtlos inmitten der D\u00fcsternis, versunken in sich selbst, auf seine Erlebnisse wartet. \u201eDie melancholisch-morbide Grundt\u00f6nung seiner Musik, zu der vielfache Einbeziehungen von Naturpoesie und volkst\u00fcmlichen Z\u00fcgen unvermittelt kontrastieren, wirken heute noch ergreifend. Mahlers Musik spiegelt das Lebensgef\u00fchl vieler Menschen seiner Zeit wider, gepr\u00e4gt ist sie durch Zerrissenheit, Unrast und Unruhe\u201c, hei\u00dft es auf dem Portal <em>judentum-projekt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"939\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/06\/csm_Gustav_Mahler-5-1024x939.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5070\"\/><figcaption>&#8222;Verhasst und verehrt&#8220; &#8211; Karikatur von 1900. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/30a8bf7e-0001-0004-0000-000001055777_w1528_r1.090293453724605_fpx49.49_fpy50.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/30a8bf7e-0001-0004-0000-000001055777_w1528_r1.090293453724605_fpx49.49_fpy50.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er galt als neuer Musiker-Typus, ein Au\u00dfenseiter als B\u00f6hme unter \u00d6sterreichern, als \u00d6sterreicher unter Deutschen und als Jude in der ganzen Welt &#8211; zwischen 1933 und 1945 war er hierzulande mit einem v\u00f6lligen Auff\u00fchrungsverbot belegt. Er habe den Glanz des Vergangenen noch einmal grandios aufleuchten lassen, den Schmerz \u00fcber seinen Verlust und das Gef\u00fchl der Gebrochenheit im neuen Jahrhundert deutlich vorgestellt, befindet Axel Br\u00fcggemann auf dem Portal <em>Klassik-Akzente<\/em>: \u201eMahler wollte in der Musik \u00fcber die Zukunft der Menschheit erz\u00e4hlen, als das etablierte B\u00fcrgertum noch gar nicht begriffen hatte, dass l\u00e4ngst eine neue Zeit eingel\u00e4utet war.\u201c In der <em>Welt<\/em> erg\u00e4nzt er: \u201eEr hat eine Zwischenwelt von Traum, Psychoanalyse und Sehnsucht in den Klang der Extreme verpackt, lie\u00df den Beelzebub zu Engelsstimmen lachen.\u201c Der Dirigent Rafael Kubelik sagte einst: \u201eBeethoven bezeichnet man immer als Prometheus, er wollte den Menschen den Himmel bringen. F\u00fcr die Zukunft sehe ich in Mahlers Werken diese Mission.\u201c Die Zeit wird zeigen, ob er Recht beh\u00e4lt.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5062&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit ihm habe die Postmoderne begonnen, er selbst den Soundtrack zur Psychoanalyse geliefert: Gustav Mahler, der sogar Kuhglocken zu Instrumenten adelte. 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