{"id":5109,"date":"2020-08-17T07:13:09","date_gmt":"2020-08-17T06:13:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5109"},"modified":"2020-07-30T14:30:48","modified_gmt":"2020-07-30T13:30:48","slug":"mir-bleibt-doch-nichts-erspart","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5109","title":{"rendered":"\u201eMir bleibt doch nichts erspart\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Den sardinischen und den deutschen Krieg verlor er; seine Kriegserkl\u00e4rung\nan Serbien m\u00fcndete auf Grund der B\u00fcndnisdynamik in den Ersten Weltkrieg. Eine\nTochter starb als Kleinkind, sein einziger Sohn beging Selbstmord, sein Bruder\nwurde hingerichtet, sein Neffe erschossen, seine Frau erstochen \u2013 nach ihrem\nTod soll er den Satz \u201eMir bleibt doch nichts erspart auf dieser Welt\u201c gesagt\nhaben. Und sein als Neoabsolutismus bezeichneter Versuch, ohne jedes Parlament\nzu regieren, lie\u00df ihn erst verhasst, sp\u00e4ter aber, auch aufgrund seines \u00e4u\u00dferen\nErscheinungsbilds, mehr und mehr wie einen g\u00fctigen \u00e4lteren Herrn erscheinen, der\nals archetypischer \u201eLandesvater\u201c als letzte Instanz der Bewahrung und des\nZusammenhalts seines Vielv\u00f6lkerstaats auftrat.<\/p>\n\n\n\n<p>Der k.u.k. Hofballdirektor Johann Strau\u00df (Sohn) komponierte gleich zwei M\u00e4rsche f\u00fcr ihn. Dreimal wurde er erfolglos f\u00fcr den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Im Bewusstsein der meisten Deutschen sieht er aus wie Karl-Heinz B\u00f6hm, der ihn Mitte der 50er Jahre in der Sissi-Trilogie gespielt hatte: einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Filmproduktionen nach 1945. Joseph Roth beschreibt in seinem Roman \u201eRadetzkymarsch\u201c die letzten Lebensstunden des Monarchen: Franz Joseph I. Am 18. August w\u00fcrde der erste und zugleich letzte Kaiser der k.u.k. Monarchie seinen 190. Geburtstag feiern. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"458\" height=\"585\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5112\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz.jpg 458w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-235x300.jpg 235w\" sizes=\"(max-width: 458px) 100vw, 458px\" \/><figcaption>Franz Joseph I. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.habsburger.net\/de\/personen\/habsburger-herrscher\/franz-joseph-i\">https:\/\/www.habsburger.net\/de\/personen\/habsburger-herrscher\/franz-joseph-i<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Eltern waren Erzherzog Franz Karl und Prinzessin Sophie von Bayern;\nals Franz II. war sein Gro\u00dfvater bis 1806 der letzte Kaiser des Heiligen\nR\u00f6mischen Reichs Deutscher Nation. Bereits von fr\u00fchester Kindheit an wurde der\nkleine \u201eFranzi\u201c als m\u00f6glicher Kandidat f\u00fcr den Kaiserthron gesehen und\nkonsequent darauf vorbereitet. Vor allem die stolze, dominante, staatsbewusste\nMutter Sophie beobachtete die k\u00f6rperliche und geistige Entwicklung ihres\nErstgeborenen in ihren Tageb\u00fcchern penibel \u2013 so wurde das Kleinkind in seiner\nUmgebung bald \u201eGottheiterl\u201c genannt. Die Erziehung lag bis zum siebten\nLebensjahr in den H\u00e4nden der Kinderfrau Louise von Sturmfeder. In einem\n\u00dcberschwang kindlicher Liebe meinte Franzi: \u201eWenn Du einmal stirbst, la\u00df\u2018 ich\nDich ausstopfen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Danach begann eine harte Staatserziehung: Franz Joseph hatte in seiner\nKindheit wenig Freiraum. Der Sechsj\u00e4hrige hatte 13 bis 18 Wochenstunden zu\nabsolvieren, mit sieben Jahren bereits 32 Wochenstunden. Im Alter von 16 Jahren\nwar sein Tagesprogramm von sechs Uhr morgens bis neun Uhr abends vollkommen\ndurchstrukturiert, was viele Biografen als regelrechte Dressur ansehen, durch\ndie seine sp\u00e4tere Pers\u00f6nlichkeit vorgeformt wurde. Das Fundament f\u00fcr sein Selbstverst\u00e4ndnis\nals Soldat und Erster Diener des Staates wurde damals gelegt. Das Hauptaugenmerk\nlag auf dem Spracherwerb: Deutsch und Franz\u00f6sisch vor allem, aber auch Tschechisch\nund Ungarisch sowie sp\u00e4ter Italienisch und Polnisch als wichtigste Sprachen der\nMonarchie. Aber auch Latein und Altgriechisch wurden nicht vergessen. Neben der\nzeit\u00fcblichen Allgemeinbildung erhielt er Unterricht in k\u00fcnstlerischen F\u00e4chern\nwie Zeichnen, in dem er sich erstaunlich begabt erwies und Musik, aber\nnat\u00fcrlich auch in Leibeserziehung wie Turnen, Schwimmen, Fechten, Reiten,\nTanzen sowie der Einf\u00fchrung in milit\u00e4risch-strategische Grundkenntnisse. Die\nEinf\u00fchrung in das Staatswesen wurde von Metternich pers\u00f6nlich vorgetragen. Anl\u00e4sslich\nseines 13. Geburtstages wurde er zum Obersten des Dragonerregiments Nr. 3\nernannt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeinige\ngravierende Fehlentscheidungen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als es schlie\u00dflich im M\u00e4rz 1848 in gro\u00dfen Teilen von Deutschland und \u00d6sterreich zu Revolutionsversuchen kam, beschloss der Familienrat der Habsburger, ihrer Monarchie ein neues Gesicht zu verleihen. Franz-Josephs Onkel Ferdinand I. entsagte im m\u00e4hrische Fluchtort Olm\u00fctz dem Thron, Vater Erzherzog Franz Karl verzichtete nach energischem Zureden seiner Gattin Sophie. Die sah nun den Moment gekommen, ihren Lebenstraum zu verwirklichen, ihren gerade 18j\u00e4hrigen Erstgeborenen auf dem Kaiserthron zu sehen. Zu seinem Wahlspruch erkor er \u201eViribus Unitis\u201c (\u201emit vereinten Kr\u00e4ften\u201c). Er sah seine Hauptaufgabe zun\u00e4chst darin, eine erneute Revolution unm\u00f6glich zu machen. Sein absolutistisches Vorgehen, gest\u00fctzt auf Milit\u00e4r und katholische Kirche, das im Silvesterpatent 1851 gipfelte, mit dem der neue Reichstag mit Ober- und Unterhaus wieder abgeschafft wurde, machte ihn keineswegs beliebt. 1853 versuchte der ungarische Schneidergeselle J\u00e1nos Lib\u00e9nyi vergebens, ihn zu erdolchen. Franz-Joseph erlitt eine Wunde unterhalb des Hinterkopfs, der Geselle wurde hingerichtet. An dieses Attentat erinnert die Votivkirche in Wien, die als Dank f\u00fcr die Errettung des Monarchen auf Initiative seines Bruders Ferdinand Maximilian errichtet wurde \u2013 der 1867 als Kaiser von Mexico, in Wirklichkeit Spielball von Napoleon III., erschossen werden wird.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"396\" height=\"560\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5113\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-1.jpg 396w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-1-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 396px) 100vw, 396px\" \/><figcaption>Franz und Sisi. Quelle:  <a href=\"https:\/\/i.pinimg.com\/474x\/1d\/91\/7c\/1d917cbe51b97044a5dc7bfd26072d88--sissi-franz.jpg\">https:\/\/i.pinimg.com\/474x\/1d\/91\/7c\/1d917cbe51b97044a5dc7bfd26072d88&#8211;sissi-franz.jpg<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ebenfalls 1853 suchte die dynastiebewusste Erzherzogin nach einer\ngeeigneten Braut f\u00fcr ihren Sohn, fasste eine Verbindung mit dem Haus\nWittelsbach in Gestalt der T\u00f6chter ihrer Schwester ins Auge und sorgt f\u00fcr ein\nTreffen der 19j\u00e4hrigen Helene und der 15j\u00e4hrigen Elisabeth (genannt Sisi)\nanl\u00e4sslich seines Geburtstags in Bad Ischl. Unerwartet zog er Elisabeth vor. Am\n24. April 1854 kam es in der Wiener Augustinerkirche zur Hochzeit. Aus der Ehe\ngingen drei T\u00f6chter und ein Sohn hervor: Der angedachte Thronfolger Kronprinz\nRudolf. Derweil machte der autorit\u00e4r regierende Franz-Joseph, der es auf 15\nEnkelkinder und 55 Urenkel bringen wird, au\u00dfenpolitisch eine h\u00f6chst\nungl\u00fcckliche Figur: \u201eDie ersten Jahre waren gepr\u00e4gt von Willk\u00fcr, Unsensibilit\u00e4t\nund politischer Kurzsichtigkeit, die in einige gravierende Fehlentscheidungen\nm\u00fcndeten\u201c, befand sein Biograph Martin Mutschlechner. Sein erster gro\u00dfer Fehler\nwar die Positionierung im Krimkrieg 1853\u20131856: \u00d6sterreich erkl\u00e4rte sich\nneutral, wodurch Franz Joseph seinen engsten Verb\u00fcndeten, den russischen Zaren\nNikolaus I., br\u00fcskierte, war doch die ungarische Revolution nur durch\nWaffenhilfe Russlands niedergeschlagen worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Der Verlust der norditalienischen Gebiete w\u00e4hrend des Risorgimento, der Einigung Italiens, stellte einen weiteren R\u00fcckschlag dar, der zudem auch von einem pers\u00f6nlichen Tiefschlag begleitet war: bei der Schlacht von Solferino 1859 \u00fcbernahm Franz Joseph pers\u00f6nlich das Oberkommando, und als die Schlacht f\u00fcr \u00d6sterreich desastr\u00f6s endete, galt seine Unf\u00e4higkeit als Heerf\u00fchrer als erwiesen. \u00d6sterreich hatte in der Folge schwere Gebietsverluste hinzunehmen. Eine fundamentale Ersch\u00fctterung erfuhr Franz Josephs Regierung dann durch die Niederlage in der Schlacht von K\u00f6niggr\u00e4tz 1866, die den endg\u00fcltigen Verlust der habsburgischen Vorherrschaft unter den deutschen F\u00fcrsten zur Folge hatte. Preu\u00dfen \u00fcbernahm dank der energischen Politik Bismarcks die F\u00fchrerschaft, der nach 1871 das \u00f6sterreichische Kaiserreich zu einer B\u00fcndnispolitik mit dem wirtschaftlich st\u00e4rkeren Deutschen Kaiserreich als \u201eJuniorpartner\u201c zwang. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-2-1024x489.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5114\"\/><figcaption>So stellte sich Presse die Trag\u00f6die von Mayerling vor. Quelle: <a href=\"https:\/\/i.pinimg.com\/474x\/1d\/91\/7c\/1d917cbe51b97044a5dc7bfd26072d88--sissi-franz.jpg\">https:\/\/i.pinimg.com\/474x\/1d\/91\/7c\/1d917cbe51b97044a5dc7bfd26072d88&#8211;sissi-franz.jpg<\/a>   <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1867 half ihm seine Frau Elisabeth, vor allem durch Beziehungen zu hohen\nungarischen Familien, den \u00d6sterreichisch-Ungarischen Ausgleich herzustellen und,\nzum K\u00f6nig von Ungarn gekr\u00f6nt, den Staat \u00d6sterreich-Ungarn aus der Taufe zu\nheben: Die Insuffizienz des neoabsolutistischen Zentralismus hatten Reformen in\nRichtung eines konstitutionellen Systems (\u201emonarchischer Konstitutionalismus\u201c) unausweichlich\nwerden lassen. Die k.u.k. Monarchie hatte nun zwei Hauptst\u00e4dte \u2013 Wien und\nBudapest, das in wenigen Jahrzehnten einen rasanten Ausbau zu einer Metropole\neurop\u00e4ischer Geltung durchmachte, sowie zwei gesonderte Regierungen und zwei\nVolksvertretungen nebeneinander. Zu dieser Zeit war es jedoch l\u00e4ngst\nzu Entfremdung zwischen den Eheleuten gekommen, da Sissi das strenge\nHofzeremoniell absto\u00dfend fand und ihre Zeit lieber auf Reisen verbrachte. So\nist es auch nicht verwunderlich, dass Franz-Joseph mehrere Beziehungen zu\nGeliebten einging: mit Anna Nahowski zeugte er vermutlich eine Tochter, die\nSchauspielerin Katharina Schratt vermittelte ihm seine Frau h\u00f6chstselbst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wiener\nHof als Hort der Traditionen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Habsburgerreich erlebte nun einen Gr\u00fcnderzeit-Aufschwung, neue\nIndustriezweige und ein finanzstarkes B\u00fcrgertum entstanden \u2013 auch wenn\nanl\u00e4sslich der Wiener Weltausstellung 1873 ein B\u00f6rsenkrach nebst Gr\u00fcnderkrach\nfolgte. Die Monarchie wandelte sich vom feudalen Agrarstaat zu einer\nIndustriegesellschaft, wenn auch enorme Unterschiede zwischen hochentwickelten\nund r\u00fcckst\u00e4ndigen Landesteilen bestehen blieben. Franz Joseph stand dem\ngesellschaftlichen Wandel ambivalent gegen\u00fcber. Der Wiener Hof blieb weiterhin\nein Hort der Traditionen und galt als elit\u00e4rster Europas. Die neuen\nb\u00fcrgerlichen Eliten und der Finanzadel wurden als \u201eZweite Gesellschaft\u201c zwar\nTr\u00e4ger des kulturellen Lebens der Stadt \u2013 die von ihm gebaute Wiener Ringstra\u00dfe\ngilt als Symbol dieser Zeit. Dennoch wurden sie vom Hof nicht als der\nalteingesessenen Aristokratie gleichwertig angesehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die sp\u00e4teren Jahre des Kaisers verliefen dann alles andere als erfreulich: Nach dem Tod seines Bruders musste er am 30. Januar 1889 den Selbstmord seines einzigen Sohns verkraften. Nach einer ungl\u00fccklichen Ehe mit Stephanie von Belgien, die nur unter Druck von Franz-Joseph arrangiert wurde, erschoss Kronprinz Rudolf in Mayerling erst seine Geliebte Mary Vetsera und dann sich selbst. Rudolf hatte seine streng milit\u00e4risch gepr\u00e4gte private Ausbildung abbrechen d\u00fcrfen, sich naturwissenschaftlichen Studien gewidmet und an Brehms Tierleben mitgearbeitet \u2013 und sein Vater ihn von allen Staatsgesch\u00e4ften ferngehalten. Nur neun Jahre sp\u00e4ter wurde Kaiserin Elisabeth in Genf von einem italienischen Attent\u00e4ter mit einer Feile ermordet. Die Thronfolge war zu diesem Zeitpunkt bereits auf seinen ungeliebten Neffen Franz-Ferdinand \u00fcbergegangen, da auch der Kaiserbruder, Erzherzog Karl Ludwig, bereits verstorben war.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"749\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-3-749x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5115\"\/><figcaption>Darstellung des Feilen-Attentats. Quelle:  <a href=\"https:\/\/img.welt.de\/img\/geschichte\/mobile181480108\/9187939767-coriginal-w780\/Assassination-of-Elisabeth-of-Bavaria-by-Luigi-Lucheni-1898-Artist-Anon-2.jpg\">https:\/\/img.welt.de\/img\/geschichte\/mobile181480108\/9187939767-coriginal-w780\/Assassination-of-Elisabeth-of-Bavaria-by-Luigi-Lucheni-1898-Artist-Anon-2.jpg<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ab 1893 verf\u00fcgte die \u00f6sterreichische Reichsh\u00e4lfte \u00fcber keine stabilen\nRegierungen mehr, da diese nacheinander an der L\u00f6sung der brennenden sozialen\nProbleme und angesichts des nationalistischen Extremismus scheiterten. Das\nMilit\u00e4r und der Beamtenapparat wurden somit zur wichtigsten St\u00fctze der\nMonarchie, die nach veralteten Prinzipien weiterverwaltet wurde, ohne dass es\nzu einer grundlegenden Bereinigung der Missst\u00e4nde kam: \u201eFortwursteln\u201c nannte\ndas der Volksmund. Das Reich und sein Kaiser wurden von der Moderne \u00fcberrollt.\n\u201eDer alte Herr in Sch\u00f6nbrunn\u201c hielt sich aus dem politischen Tagesgesch\u00e4ft\nheraus und wurde mit zunehmendem Alter zu einer mystifizierten, \u00fcber jede\nKritik erhabenen Symbolfigur f\u00fcr den Zusammenhalt der Monarchie. Kein Staatspatriotismus,\nsondern die Loyalit\u00e4t zum Monarchen wurde als Ausdruck des\nZugeh\u00f6rigkeitsgef\u00fchls der B\u00fcrger zur Monarchie propagiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende seiner Amtszeit sollte es zur folgenschwersten Entscheidung\nFranz-Josephs kommen, dessen endg\u00fcltige Folgen der Kaiser nicht mehr erleben\nmusste. Nachdem Franz-Ferdinand 1914 einem Attentat in Sarajewo zum Opfer fiel,\nnahm dies der greise Franz-Joseph zum Anlass, einen Krieg gegen Serbien zu\nbeginnen: Er verstand das Attentat als einen Angriff auf die Ehre der Dynastie\nund das K\u00f6nigreich Serbien als Drahtzieher des Attentats. In v\u00f6lliger\nVerkennung der Weltlage f\u00fchrte er damit die Donaumonarchie in den Weltkrieg und\nzu ihrem sp\u00e4teren Untergang. Noch bevor es soweit war, starb Franz-Joseph\nschlie\u00dflich am 21. November 1916, nach 68 Jahren auf dem Thron, im Alter von 86\nJahren an einer Lungenentz\u00fcndung. Seine letzten Stunden lesen sich in der\nRekonstruktion von Michaela und Karl Vocelka wie eine ewige Wiederholung,\ngepr\u00e4gt von der Pflicht. Er stand zwischen drei und vier Uhr auf, Termine,\nAkten und Audienzen folgten bis in den Abend, unterbrochen von kurzen\nMahlzeiten, die die meisten Teilnehmer hungrig lie\u00dfen, weil sich der Kaiser\nnicht einmal an seinem geliebten Tafelspitz lange aufhielt, das Essen aber mit\nseiner S\u00e4ttigung beendet war. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein\ntrockener Pragmatiker\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch diesen 21. November verbrachte Franz Joseph am Schreibtisch, an dem er mehrfach Schw\u00e4cheanf\u00e4lle erlitt. Gegen 18 Uhr wurde der stark fiebernde Monarch auf Anraten der \u00c4rzte zu Bett gebracht, um 20 Uhr war man sich sicher, dass sein Tod unmittelbar bevorstand. Seine letzten Worte waren: \u201eBitte, mich morgen um halb vier wecken; ich bin mit meiner Arbeit nicht fertig geworden.\u201c Dann verlor er das Bewusstsein. Um 21.05 Uhr, eine halbe Stunde nach der letzten \u00d6lung, stellte der Leibarzt Joseph Ritter von Kerzl den Tod fest. Um 22.30 Uhr wurde er dem Publikum vor dem Schloss Sch\u00f6nbrunn bekannt gegeben. Der Titel der Extraausgabe der amtlichen \u201eWiener Zeitung\u201c lautete: \u201eDas edle Herz eines gro\u00dfen Monarchen hat aufgeh\u00f6rt zu schlagen!\u201c Am 11. November 1918, verzichtete sein Nachfolger Karl I. auf \u201ejeden Anteil an den Staatsgesch\u00e4ften\u201c. Am Tag darauf folgte die Ausrufung der Republik. Doch den meisten Zeitgenossen schien es, als sei das Kaiserreich bereits zwei Jahre zuvor untergegangen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"815\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-4-815x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5116\"\/><figcaption>Das Attentat von 1914. Quelle:  <a href=\"https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/79307cca-0001-0004-0000-000000713950_w1528_r0.7960935187925422_fpx44.99_fpy51.74.jpg\">https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/79307cca-0001-0004-0000-000000713950_w1528_r0.7960935187925422_fpx44.99_fpy51.74.jpg<\/a>  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Manche Biographen meinen, der alte Kaiser habe sein Reich sehenden Auges\nin den Untergang gef\u00fchrt, da er das Ende seiner gewohnten Welt gekommen sah.\nAls Ausdruck seines Fatalismus muss sein bekannter Ausspruch herhalten: \u201eWenn\nwir schon zugrunde gehen m\u00fcssen, dann wenigstens anst\u00e4ndig!\u201c Seine Trauerfeier\nwar der letzte gro\u00dfe Staatsakt der k.u.k. Monarchie &#8211; ein \u201ed\u00fcster-prachtvolles\nSchauspiel, das sich in absoluter Totenstille vollzog\u201c, wie es ein\nZeitungsreporter beschrieb. Viele sahen mit dem toten Kaiser den letzten Anker\nihrer Welt schwinden. Denn Franz Joseph I. hat tats\u00e4chlich einer ganzen Epoche\nseinen Stempel aufgedr\u00fcckt. Als gro\u00dfer Bewahrer und Besch\u00fctzer \u00fcberkommener\nTraditionen und Werte, zugleich aber auch als Trugbild ihrer tats\u00e4chlichen\nMacht, denn sein Kaisertum verschleierte auf fatale Weise die s\u00e4kularen\nGewalten, die am Ende den zweitgr\u00f6\u00dften Staat Europas aus den Angeln heben\nsollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem Tod verlor \u00d6sterreich-Ungarn die verbindende Klammer, die noch die zentrifugalen Kr\u00e4fte hatte im Zaum halten k\u00f6nnen. \u201eDurch die Dauer der Regierung Franz Josephs ist jenes Gef\u00fchl der Best\u00e4ndigkeit erzeugt worden, das gerade in diesem zerrissenen und schwankenden Staate wohlt\u00e4tig wirkte\u201c, best\u00e4tigte selbst das \u201eZentralorgan der Deutschen Sozialdemokratie in Oesterreich\u201c in seinem Nachruf dem toten Kaiser. Er \u201ewar kein gro\u00dfer Denker, sondern ein trockener Pragmatiker\u201c, befindet Mutschlechner, der \u201edurch seinen erstarrten Traditionalismus entgegen seinen Absichten zum Ende der Monarchie\u201c beitrug. Die Pers\u00f6nlichkeit des Kaisers wird unisono als n\u00fcchtern und fantasielos geschildert: Pflichtbewusst bis zur Pedanterie, galten ihm P\u00fcnktlichkeit und Ordnungssinn als h\u00f6chste Tugenden. Franz Joseph galt als \u201eAktenmensch\u201c, der ein enormes Arbeitspensum absolvierte und wie ein Uhrwerk funktionierte. Sein Hobby war die Jagd. 55.000 St\u00fcck Wild sind auf den Abschusslisten erfasst.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/kaiser_franz-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5117\"\/><figcaption> Der Trauerzug auf dem Heldenplatz. Quelle:  <a href=\"https:\/\/www.mediathek.at\/der-erste-weltkrieg\/der-erste-weltkrieg-ausgabe-4\/der-alte-kaiser\/begraebnis-einer-epoche\/\">https:\/\/www.mediathek.at\/der-erste-weltkrieg\/der-erste-weltkrieg-ausgabe-4\/der-alte-kaiser\/begraebnis-einer-epoche\/<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Franz Joseph pr\u00e4sentierte sich als statische, leidgepr\u00fcfte Gestalt, die \u201emit der zwangsneurotischen Pedanterie einer Maschine\u201c am Schreibtisch sa\u00df, Akten studierte und unterschrieb, wie Erwin Ringel meinte: \u201eDer Mann wurde schon in der Kindheit durch seine Mutter und die Erziehung vernichtet, hat dann 68 Jahre regiert, \u2026 und hat in dieser \u00fcberlangen Zeit keine einzige konstruktive Idee gehabt \u201c. Diese Diagnose resultiert aus dem Pessimismus des Kaisers und seinem Wissen um die eigene Erfolglosigkeit, die jedoch vom Gedanken der Pflichterf\u00fcllung bis zum letzten Atemzug und dem Wunsch, mit Ehren zugrunde zu gehen, flankiert wurden, ferner von einer tief eingewurzelten \u201eScheu vor Entscheidungen, Reformen und Ver\u00e4nderungen\u201c. Seinen Spuren begegnet man in \u00d6sterreich allerorten; unz\u00e4hlige Verkehrsfl\u00e4chen, Geb\u00e4ude, Schiffe oder Institutionen wie Schulen wurden nach ihm benannt und k\u00fcnden von einem Glanz, dem doch seit hundert Jahren keine Politur mehr zuteil wurde.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5109&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In seiner Person vereinten sich milit\u00e4risches Ungeschick, pers\u00f6nliche Tragik und politisches Patriarchat: Franz Joseph I. Der erste und letzte Kaiser der k.u.k. Monarchie w\u00fcrde nun 190 Jahre.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5109"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5109"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5109\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5119,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5109\/revisions\/5119"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5109"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5109"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5109"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}