{"id":5237,"date":"2020-10-30T06:52:51","date_gmt":"2020-10-30T05:52:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5237"},"modified":"2020-09-30T14:57:51","modified_gmt":"2020-09-30T13:57:51","slug":"tutti-fratelli","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5237","title":{"rendered":"\u201eTutti fratelli\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eDie Sonne des 25. Juni [1859] beleuchtet eines der schrecklichsten\nSchauspiele, das sich erdenken l\u00e4sst. Das Schlachtfeld ist allerorten bedeckt\nmit Leichen von Menschen und Pferden. In den Stra\u00dfen, Gr\u00e4ben, B\u00e4chen, Geb\u00fcschen\nund Wiesen, \u00fcberall liegen Tote, und die Umgebung von Solferino ist im wahren\nSinne des Wortes mit Leichen \u00fcbers\u00e4t. Getreide und Mais sind niedergetreten,\ndie Hecken zerst\u00f6rt, die Z\u00e4une niedergerissen, weithin trifft man \u00fcberall auf\nBlutlachen.\u201c Der das schrieb, war eigentlich Gesch\u00e4ftsmann und nur zuf\u00e4llig am\nOrt des Geschehens vorbeigekommen. Der Tag sollte sein Erweckungserlebnis\nwerden und zur Gr\u00fcndung des \u201eRoten Kreuzes\u201c f\u00fchren: Henry Dunant. Am 30.\nOktober 1910 starb er.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Soziale war ihm in die Wiege gelegt: Der Vater, ein Kaufmann, ist\neinflussreich im Rat der Stadt Genf, spendet f\u00fcr die Armen, betreut\nWaisenkinder. Die Mutter nimmt den am 8. Mai 1828 als erstes von f\u00fcnf Kindern geborenen\nHenry fr\u00fch in die Arbeiterviertel mit, in denen sie sich um Bed\u00fcrftige k\u00fcmmert.\nMitpr\u00e4gend war f\u00fcr ihn eine Reise mit seinem Vater nach Toulon, wo er die\nQualen von Galeerenh\u00e4ftlingen mitansehen musste. Der Junge macht den streng\ncalvinistischen Eltern zun\u00e4chst keine Ehre. Zweimal bleibt er sitzen, fliegt vom\nColl\u00e8ge de Gen\u00e8ve und begann 1849 eine dreij\u00e4hrige Lehre bei den Geldwechslern\nLullin und Sautter. Nach dem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung blieb\nDunant als Angestellter in der Bank t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Erziehung zur N\u00e4chstenliebe erweist sich als fruchtbarer: Der Jugendliche bringt Strafgefangenen die Bibel nahe, geh\u00f6rt in der Evangelischen Allianz, die zur Entstehung der CVJM-Gruppen in verschiedenen L\u00e4ndern beitrug, 1847 zu den f\u00fcnfzehn Gr\u00fcndern des schweizerischen Ablegers und gr\u00fcndet 1852 den Genfer Christlichen Verein Junger M\u00e4nner (CVJM) mit. Seine Bank vermittelt Dunant zu einer Kolonialgesellschaft, f\u00fcr die er nach Sizilien, Tunesien und Algerien reist. Er ist erfolgreich, auch mit waghalsigen Gesch\u00e4ften. Seine Reiseeindr\u00fccke schreibt er in einem Buch auf, das ihm Zugang zu wissenschaftlichen Gesellschaften er\u00f6ffnet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"495\" height=\"693\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5238\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-4.jpg 495w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-4-214x300.jpg 214w\" sizes=\"(max-width: 495px) 100vw, 495px\" \/><figcaption>Dunant ca. 1860. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/3\/38\/Henry_Dunant-young.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1856 gr\u00fcndete er eine eigene Kolonialgesellschaft und, nachdem er im\nfranz\u00f6sisch besetzten Algerien eine Landkonzession erworben hatte, zwei Jahre\nsp\u00e4ter unter dem Namen \u201eFinanz- und Industriegesellschaft der M\u00fchlen von\nMons-Dj\u00e9mila\u201c ein M\u00fchlengesch\u00e4ft. 1858 nahm Dunant neben seiner Schweizer auch\ndie franz\u00f6sische Staatsb\u00fcrgerschaft an, um sich dadurch den Zugang zu\nLandkonzessionen der Kolonialmacht Frankreich in Algerien zu erleichtern. Doch\ndie Land- und Wasserrechte waren nicht klar geregelt, die zust\u00e4ndigen\nKolonialbeh\u00f6rden verhielten sich dar\u00fcber hinaus nicht kooperativ. So beschloss\ner, sich direkt an Kaiser Napol\u00e9on III. zu wenden, als dieser sich w\u00e4hrend des\nSardinischen Krieges mit seinem Heer in der Lombardei aufhielt, und begab sich\nauf die Reise nach Solferino, um den Kaiser in seinem Hauptquartier pers\u00f6nlich\nzu treffen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edas\ngleiche Wohlwollen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als 300.000 Soldaten hatten einander an einer 16 Kilometer langen\nFront gegen\u00fcbergestanden, als er am Abend des Schlachttags eintrifft. Die\n\u00d6sterreicher werden geschlagen, der Weg zur Einigung Italiens ist frei. Auf dem\nSchlachtfeld bleiben 38.000 Verletzte, Verst\u00fcmmelte, Sterbende, Tote zur\u00fcck. In\nCastiglione delle Stiviere, acht Kilometer von Solferino, erlebt Dunant, wie\nSoldaten ihre verwundeten Kameraden auf den Schultern in improvisierte\nLazarette schleppen. Der Handlungsreisende vergisst das Gesch\u00e4ftliche und\nhilft, wo er kann. \u201eDie Frauen von Castiglione erkennen bald, dass es f\u00fcr mich\nkeinen Unterschied der Nationalit\u00e4t gibt, und so folgen sie meinem Beispiel und\nlassen allen Soldaten, die ihnen v\u00f6llig fremd sind, das gleiche Wohlwollen\nzuteilwerden. \u201aTutti fratelli\u2018 wiederholen sie ger\u00fchrt immer wieder\u201c, schreibt\nDunant. Tutti fratelli, alle sind Br\u00fcder \u2013 ein verwundeter Soldat, so sein Postulat,\nhat ein Recht auf Hilfe, ganz gleich, welche Uniform sein Blut befleckt.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr sein Wirken in Solferino erhielt er im Januar 1860, zusammen mit dem Genfer Arzt Louis Appia, vom sardischen K\u00f6nig Viktor Emanuel II. den Orden des Heiligen Mauritius und Lazarus, sp\u00e4ter die zweith\u00f6chste Auszeichnung des K\u00f6nigreichs Italien. Da er das Erlebte nicht vergessen konnte, begann er ein Buch mit dem Titel \u201eEine Erinnerung an Solferino\u201c zu schreiben, in dem er die Schlacht, das Leiden und die chaotischen Zust\u00e4nde in den Tagen danach darstellte. Dar\u00fcber hinaus entwickelte er die Idee, wie k\u00fcnftig das Leid der Soldaten verringert werden k\u00f6nnte: Auf einer Basis von Neutralit\u00e4t und Freiwilligkeit sollten in allen L\u00e4ndern Hilfsorganisationen gegr\u00fcndet werden, die sich im Fall einer Schlacht um die Verwundeten k\u00fcmmern w\u00fcrden. Im September 1862 lie\u00df er das Buch auf eigene Kosten in einer Auflage von 1.600 Exemplaren drucken und verteilte es anschlie\u00dfend in ganz Europa an Pers\u00f6nlichkeiten aus Politik und Milit\u00e4r. Rasch folgten zwei weitere Auflagen und \u00dcbersetzungen in elf Sprachen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"473\" height=\"250\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5239\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-5.jpg 473w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-5-300x159.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 473px) 100vw, 473px\" \/><figcaption>Schlacht von Solferino (zeitgen\u00f6ss. Darstellung). Quelle: https:\/\/www.lto.de\/fileadmin\/<em>processed<\/em>\/4\/1\/csm_solferino_schlacht_473_e931de423e.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Pr\u00e4sident der Genfer Gemeinn\u00fctzigen Gesellschaft, der Jurist Gustave\nMoynier, machte das Buch und Dunants Ideen zum Thema der Mitgliederversammlung\nder Gesellschaft am 9. Februar 1863. Dunants Vorschl\u00e4ge wurden von den\nMitgliedern als sinnvoll und durchf\u00fchrbar bewertet, er selbst wurde zum\nMitglied einer Kommission ernannt, der neben ihm und Moynier den General Dufour\nsowie die \u00c4rzte Appia und Maunoir angeh\u00f6rten. W\u00e4hrend der ersten Tagung am 17.\nFebruar 1863 beschlossen die f\u00fcnf Mitglieder, die Kommission in eine st\u00e4ndige\nEinrichtung umzuwandeln. Dieser Tag gilt damit als Gr\u00fcndungsdatum des\nInternationalen Komitees der Hilfsgesellschaften f\u00fcr die Verwundetenpflege, das\nseit 1876 den Namen Internationales Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) tr\u00e4gt.\nDufour wurde zum ersten Pr\u00e4sidenten ernannt, Moynier Vizepr\u00e4sident und Dunant\nSekret\u00e4r.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch zwischen Moynier und Dunant entwickelten sich rasch Meinungsverschiedenheiten. So hatte der Jurist wiederholt den Vorschlag Dunants, Verwundete, Pflege- und Hilfskr\u00e4fte sowie Lazarette unter den Schutz der Neutralit\u00e4t zu stellen, als undurchf\u00fchrbar bezeichnet und Dunant aufgefordert, nicht auf dieser Idee zu beharren. Dunant setzte sich jedoch bei seinen nun folgenden umfangreichen Reisen durch Europa und seinen Gespr\u00e4chen mit hochrangigen Politikern und Milit\u00e4rs mehrfach \u00fcber die Meinung Moyniers hinweg. Auf seine Bitte um Unterst\u00fctzung w\u00e4hrend einer Audienz antwortete K\u00f6nig Johann von Sachsen mit einem Satz, den Dunant in der Folgezeit vielfach zitierte: \u201eIch werde tun, was in meinen Kr\u00e4ften steht, denn sicherlich w\u00fcrde ein Volk, das sich nicht an diesem menschenfreundlichen Werke beteiligte, von der \u00f6ffentlichen Meinung Europas in die Acht erkl\u00e4rt werden.\u201c Dies versch\u00e4rfte den Konflikt zwischen dem Pragmatiker Moynier und dem Idealisten Dunant weiter und f\u00fchrte zu Bestrebungen Moyniers, Dunants ideellen F\u00fchrungsanspruch zu diskreditieren. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5242\"\/><figcaption>Originaldokument 1864. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Genfer_Konventionen#\/media\/Datei:Original_Geneva_Conventions.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf einer Konferenz auf Einladung des Schweizer Bundesrates unterzeichneten\nam 22. August 1864 zw\u00f6lf Staaten die erste Genfer \u201eKonvention, die Linderung\ndes Loses der im Felddienste verwundeten Milit\u00e4rpersonen betreffend\u201c. Hier\neinigte man sich auch auf ein einheitliches Symbol zum Schutz der Verwundeten\nund des Hilfspersonals: das leicht und weithin erkennbare Rote Kreuz auf wei\u00dfem\nGrund, die Umkehrung der Schweizer Flagge. Dunant, auf dieser Konferenz nur mit\nsekund\u00e4ren Aufgabe betraut, stand in den folgenden zwei Jahren dennoch im\nZentrum der \u00f6ffentlichen Aufmerksamkeit und erhielt zahlreiche Ehrungen und\nEinladungen. Im Mai 1865 traf er in Algier pers\u00f6nlich mit Napoleon III. zusammen\nund erhielt die unverbindliche Zusage, dass seine Unternehmungen in Algerien\nunter dem Schutz der franz\u00f6sischen Regierung stehen w\u00fcrden. 1866 erlebte er\nnach dem Ende des Preu\u00dfisch-\u00d6sterreichischen Krieges auf Einladung Augustas,\nder Frau des preu\u00dfischen K\u00f6nigs, zu den Siegesfeierlichkeiten in Berlin, wie\nbei der Siegesparade der preu\u00dfischen Armee Fahnen mit dem Roten Kreuz neben der\nNationalflagge gezeigt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Krieg mit\nMoynier<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch so rasch er gestiegen war, sank sein Stern auch. Mehr und mehr\nvernachl\u00e4ssigt Dunant seine eigentlichen Gesch\u00e4fte. Sein Algerien-Projekt\nscheitert, damit sind die Investitionen seiner Verwandten und Freunde dahin.\n1867 wird Dunant gar des betr\u00fcgerischen Bankrotts f\u00fcr schuldig befunden, was\nzwingend den moralischen Ruin in der Genfer Gesellschaft nach sich zog. Das\nRote Kreuz 1867 und der CVJM 1868 schlie\u00dfen ihren Mitgr\u00fcnder aus. Dunant, der\nseine Heimatstadt nie wiedersehen sollte, irrt durch Europa, ist zeitweise\nobdachlos. Moynier nutzte in der Folgezeit offenbar seine Beziehungen und\nseinen Einfluss, um zu verhindern, dass Dunant von Freunden und Unterst\u00fctzern\naus verschiedenen L\u00e4ndern finanzielle Hilfe erhielt. So scheiterte ein Angebot\nNapol\u00e9on III., die H\u00e4lfte der Schulden Dunants zu \u00fcbernehmen, wenn dessen\nFreunde f\u00fcr die andere H\u00e4lfte aufk\u00e4men, ebenfalls an Moynier. Beide werden sich\nzeitlebens nicht auss\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Dunant versuchte jedoch weiter, sich entsprechend seinen Vorstellungen und Idealen zu bet\u00e4tigen. Im Deutsch-Franz\u00f6sischen Krieg 1870\/1871 gr\u00fcndete er eine Allgemeine F\u00fcrsorgegesellschaft und kurz darauf eine Allgemeine Allianz f\u00fcr Ordnung und Zivilisation. Deren Ziele waren die Verminderung der Zahl bewaffneter Konflikte und des Ausma\u00dfes von Gewalt und Unterdr\u00fcckung, indem durch Bildung die moralischen und kulturellen Standards der einfachen B\u00fcrger der Gesellschaft verbessert werden sollten. Zusammen mit dem Italiener Max Gracia regte er die Gr\u00fcndung einer Weltbibliothek an \u2013 eine Idee, die etwa 100 Jahre sp\u00e4ter durch die UNESCO aufgegriffen wurde. Zu seinen weiteren, teils vision\u00e4ren Ideen geh\u00f6rte die Gr\u00fcndung eines Staates Israel. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"860\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-7-860x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5243\"\/><figcaption>Dunants Grab. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/f0\/Grab_Henry_Dunant02.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit seinem Engagement vernachl\u00e4ssigte er seine pers\u00f6nlichen Angelegenheiten, verschuldete sich weiter und wurde nur nicht von der Umgebung gemieden, sondern auch von der Rotkreuzbewegung nahezu vergessen, obwohl ihn mehrere nationale Gesellschaften zum Ehrenmitglied ernannten. Dunant zog sich noch weiter aus der \u00d6ffentlichkeit zur\u00fcck und entwickelte eine ausgepr\u00e4gte Menschenscheu, die sein Verhalten bis zu seinem Lebensende entscheidend pr\u00e4gte. Er f\u00fchrte eine einsame Existenz in materiellem Elend, zwischen 1874 und 1886 unter anderem in Stuttgart, Rom, Korfu, Basel und Karlsruhe. Nur wenige Details zu seinem Leben sind aus dieser Zeit bekannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1887 erhielt er, zu der Zeit in London lebend, von seinen Angeh\u00f6rigen\neine kleine monatliche finanzielle Unterst\u00fctzung, die ihm einen zwar\nbescheidenen, aber dennoch sicheren Lebensstil ohne Armut erm\u00f6glichte. Er lie\u00df\ner sich im Juli des gleichen Jahres in Heiden im Gasthof \u201eParadies\u201c nieder, ab\n1892 dann im Spital des Ortes: In Zimmer 12 verbrachte er v\u00f6llig zur\u00fcckgezogen\nseinen Lebensabend, der zunehmend von religi\u00f6s-mystischen Gedanken und\nprophetischen Vorstellungen gepr\u00e4gt war. Erst als der St. Galler Journalist\nGeorg Baumberger 1895 in einem vielfach nachgedruckten Artikel an Dunants\nVerdienste erinnert, erh\u00e4lt dieser Ehrungen, Orden, Sympathiebekundungen und\nUnterst\u00fctzung aus der ganzen Welt &#8211; auch wenn das Internationale Komitee in\nGenf weiterhin jeden Kontakt zu ihm vermied. Dank einer j\u00e4hrlichen Rente der\nrussischen Zarenwitwe und Kaiserinmutter Maria Feodorowna besserte sich seine finanzielle\nLage. Er beginnt seine Lebenserinnerungen zu schreiben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ebegraben\nwie einen Hund\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1901 wird ihm gemeinsam mit dem Friedensaktivisten Fr\u00e9d\u00e9ric Passy der erste aller Friedensnobelpreise verliehen \u2013 eine Rehabilitation nach 34 Jahren. Eine im Sinne von Nobels Testament unumstrittene Verleihung, erkl\u00e4rt die Heidener Museumsleiterin Elvira Steccanella im <em>DLF<\/em>: \u201eBertha von Suttner war nicht so gl\u00fccklich, ich denke einerseits, dass sie nicht den Friedensnobelpreis gekriegt hat. Andererseits: sie war eine aktive Pazifistin und meinte eigentlich, dass Dunant mit seinem Friedenskonzept nicht zur Abschaffung des Krieges beitrage, wie es im Testament formuliert war, sondern nur zur Minderung des Krieges. Aber der Krieg wurde eigentlich mit seinem Handeln, mit dem Roten Kreuz nicht abgeschafft.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/Willis_Carrier_1915-8-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5244\"\/><figcaption>Friedensnobelpreis (Mitte). Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/d\/df\/Friedensnobelpreis_Henry_Dunant_2010-07-01.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Einem Freund gelang es, Dunants Anteil des Preisgeldes in H\u00f6he von\n104.000 Schweizer Franken bei einer norwegischen Bank zu verwahren und so vor\ndem Zugriff durch dessen Gl\u00e4ubiger zu sch\u00fctzen. Dunant selbst tastete das Geld\nzeit seines Lebens nicht an. 1903 erhielt er zusammen mit Moynier die\nEhrendoktorw\u00fcrde der Universit\u00e4t Heidelberg. Die letzten Jahre seines Lebens\nverbrachte er zunehmend in Depressionen sowie der Angst vor Verfolgung durch seine\nGl\u00e4ubiger und seinen Widersacher Moynier. Er wurde in Z\u00fcrich bestattet. In\nseinem Testament stiftete er ein Freibett im Spital in Heiden f\u00fcr die Kranken\nunter den armen B\u00fcrgern des Ortes und spendete an gemeinn\u00fctzige Organisationen\nin Norwegen und der Schweiz. Dass ihm eine vollst\u00e4ndige Begleichung seiner\nSchuldenlast nicht m\u00f6glich war, hatte ihn bis an sein Lebensende belastet. <\/p>\n\n\n\n<p>Bis heute ist Henry Dunant ein Mann, der polarisiert. Seine umfangreichen Schriften m\u00fcssen gr\u00f6\u00dftenteils noch aufgearbeitet werden, um die vielf\u00e4ltigen Facetten seiner calvinistisch gepr\u00e4gten Pers\u00f6nlichkeit zu verstehen, meint der Theologe Andreas Ennulat im <em>DLF<\/em>: \u201eDas, was er an Positivem hat erreichen k\u00f6nnen, seine vielen gro\u00dfartigen Ideen, die er gehabt hat, die von anderen wohlbemerkt umgesetzt wurden, das hat ihm einfach nie gen\u00fcgt. Und das hat mit seiner religi\u00f6sen Grundauffassung zu tun, entweder geh\u00f6re ich dazu, zum Heil, oder ich geh\u00f6re nicht dazu und dann, dann sollen sie mich begraben, wie einen Hund.\u201c Vier Jahre nach seinem Tod beginnt ein Krieg, gegen den die Schlacht von Solferino nur ein Scharm\u00fctzel war. 1949 wurde die \u201eGenfer Konvention\u201c angepasst an moderne Formen der Kriegsf\u00fchrung, sie ist heute von fast allen Staaten anerkannt. Der Geburtstag des Weltverbesserers wird j\u00e4hrlich ihm zu Ehren als Weltrotkreuz- und Rothalbmond-Tag begangen. Die Zahl der weltweit nach ihm benannten Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, Schulen und anderen Einrichtungen ist kaum zu z\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5237&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war Begr\u00fcnder des Roten Kreuzes, Initiator der Genfer Konvention und erster Friedensnobelpreistr\u00e4ger: Henry Dunant. Vom Leben gebrochen, ist er vor 110 Jahren gestorben.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5237"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5237"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5237\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5245,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5237\/revisions\/5245"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5237"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5237"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5237"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}