{"id":5278,"date":"2020-11-22T06:43:07","date_gmt":"2020-11-22T05:43:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5278"},"modified":"2020-10-27T14:58:18","modified_gmt":"2020-10-27T13:58:18","slug":"jeder-tag-ist-eine-last","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5278","title":{"rendered":"\u201eJeder Tag ist eine Last\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>In die politische Geschichte des Landes ging er ein als\nwirkm\u00e4chtigster Literat. W\u00e4hrend es der vor wenigen Monaten verstorbene Rolf\nHochhuth zu Lebzeiten mit Hans Filbinger \u201enur\u201c zum Sturz eines\nMinisterpr\u00e4sidenten gebracht hatte, f\u00e4llte er posthum einen\nBundestagspr\u00e4sidenten: Am 10. November 1988 tr\u00e4gt Ida Ehre, die gro\u00dfe alte Dame\ndes deutschen Theaters, zum Gedenken an die Pogromnacht 1938 seine <em>Todesfuge<\/em> im Bonner Bundestag vor. \u201e\u2026Der\nTod ist ein Meister aus Deutschland sein Auge ist blau \/ er trifft dich mit\nbleierner Kugel er trifft dich genau&#8230;\u201c Sie hat die Worte ins Parlament \u201ehineingebr\u00fcllt\u201c,\nerinnerte sich der damalige Hausherr Philipp Jenninger. \u201eAlle, die dort sa\u00dfen,\nich inbegriffen, waren ersch\u00fcttert von diesem Schrei.\u201c Jenninger, rhetorisch\nnicht ansatzweise zum Kontern begabt, dr\u00fcckt sich auch noch\nerinnerungspolitisch missverst\u00e4ndlich aus, so dass viele Abgeordnete, nicht nur\nder Gr\u00fcnen, schlie\u00dflich den Saal verlassen. Am Tag darauf tritt Jenninger\nzur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese <em>Todesfuge<\/em>, 1944\/45 als erstes ver\u00f6ffentlichtes Gedicht des Autors entstanden, wurde zum Inbegriff von Holocaust-Lyrik und relativierte auch wegen ihres musikalisierten Duktus\u2018 Adornos Diktum, \u201enach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch\u201c. Der ersch\u00fctternde Text, befindet John Felstiner, erweist sich im Sinne \u00e4sthetischer Vergangenheitsbew\u00e4ltigung als das \u201e\u201aGuernica\u2018 der Nachkriegsliteratur\u201c \u2013 und musste sich trotzdem vorwerfen lassen, dass die \u201eSch\u00f6nheit\u201c der lyrischen Umsetzung der Thematik der Judenvernichtung nicht gerecht werde. Wolfgang Emmerich spricht von einem \u201eJahrhundertgedicht\u201c, Winfried Freund vom \u201eber\u00fchmtesten Gedicht der klassischen Moderne\u201c, Harald Hartung gar vom \u201ewichtigsten und folgenreichsten Gedicht der Epoche\u201c. Laut Claus-Michael Ort wurde kein anderes deutschsprachiges Gedicht aus der Nachkriegszeit in vergleichbarem Umfang \u201eTeil einer \u00f6ffentlichen Kanonisierung, die es als Ganzes sowie einzelne Bildformeln zum sprachlichen Ausdruck des Holocausts erhob\u201c: Die Metapher \u201eDa habt ihr ein Grab in den Wolken, da liegt man nicht eng\u201c verst\u00f6rt bis heute.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"482\" height=\"720\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5281\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan.jpg 482w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan-201x300.jpg 201w\" sizes=\"(max-width: 482px) 100vw, 482px\" \/><figcaption>Paul Celan. Quelle: https:\/\/ais.badische-zeitung.de\/piece\/0a\/df\/ca\/a1\/182438561-h-720.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dabei hat sich sein Autor gar drei Mal mit Martin Heidegger\nin Freiburg und auf der Philosophenh\u00fctte in Todtnauberg getroffen. 1954 nannte\ner ihn in einem nie abgeschickten, fast devoten Brief seinen \u201eDenk-Herrn\u201c: Ihn habe\nfasziniert, \u201edass Heidegger der Dichtung eine Mission und ein Wesen\nzugesprochen hat, das sie ganz in der N\u00e4he des \u201aSeins\u2018 platzierte\u201c, so Emmerich.\nNach den Griechen, die diesem \u201eSein\u201c n\u00e4her waren, sehe Heidegger nur noch die\nVerfallsgeschichte der Menschheit, manifestiert in ihrer technologischen\nEntwicklung. Innerhalb dieser Verfallsgeschichte gebe es nur ein Medium, das\ndieses \u201eSein\u201c ber\u00fchren kann \u2013 das ist die Sprache und ganz speziell die\ndichterische Sprache. Ob Heidegger wirklich auf \u201eeine vertrackte Weise ger\u00fchrt\nwar \u00fcber sich und diesen j\u00fcdischen Dichter\u201c, der von ihm \u201eein kl\u00e4rendes Wort\nverlangte \u00fcber sein philosophisches Edel-Nazitum\u201c, wie Hans-Peter Kunisch\nvermutet, ist unklar. Angeblich, schreibt Kunisch, habe der Lyriker, nachdem\nder deutsche Philosoph auf die Zusendung seines Gedichts <em>Todtnauberg<\/em> (\u201emit einer Hoffnung auf\nein kommendes Wort im Herzen\u201c) nur phrasenhaft reagiert habe, von diesem \u201egar\nnichts mehr erwartet\u201c. Dieser Lyriker wurde am 23. November vor 100 Jahren als\nPaul Antschel geboren: Paul Celan. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>ohne Lebensvertrauen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seine Heimatstadt Czernowitz, die Hauptstadt der Bukowina, war\nbis 1918 habsburgisch, dann rum\u00e4nisch, sp\u00e4ter sowjetisch, heute ukrainisch, und\ngalt mit ihren K\u00fcnstlern, Philosophen, Musikern und Schriftstellern als\nvielsprachiges Zentrum deutsch-j\u00fcdischer Kreativit\u00e4t. Diese Pluralit\u00e4t pr\u00e4gte\nauch Paul, der als Einzelkind in einer deutsch sprechenden, orthodox-j\u00fcdischen\nFamilie aufw\u00e4chst. Sein strenger Vater Leo ist Vertreter einer Holzfirma. Mit\nder Mutter Fritzi teilt der Junge die fr\u00fche Begeisterung f\u00fcr deutsche Dichtung.\nZun\u00e4chst besucht Paul die deutsche, dann die hebr\u00e4ische Volksschule, von 1930\nan ein rum\u00e4nisches, sp\u00e4ter ein ukrainisches Staatsgymnasium. Mit vierzehn\nJahren feiert er die Bar-Mizwa, vergleichbar mit der protestantischen Konfirmation\nim christlichen Kulturraum. Danach wird er nie wieder einen j\u00fcdischen\nGottesdienst besuchen. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Abitur beginnt er im franz\u00f6sischen Tours das Studium der Medizin. Als sein Schnellzug auf dem Weg nach Frankreich Berlin erreicht, hatte die Stadt gerade die Reichspogromnacht hinter sich. Wegen des beginnenden Krieges kehrt er nach Czernowitz zur\u00fcck und studiert dort Romanistik. 1940 besetzen gem\u00e4\u00df der Annexionsbestimmungen des Hitler-Stalin- Pakts sowjetische Truppen die Stadt. Ein Jahr sp\u00e4ter trifft die SS-Einsatztruppe D in Czernowitz ein. Das Judenviertel wird zum Ghetto erkl\u00e4rt, ab Oktober 1941 werden 55.000 Juden in die Vernichtungslager Transnistriens deportiert. Nur 5.000 Menschen \u00fcberleben. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan-1-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5283\"\/><figcaption>Gedenktafel an seinem Geburtshaus. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/5\/53\/Celan-Tafel_%28Czernowitz%29.jpg\/1280px-Celan-Tafel_%28Czernowitz%29.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der 21j\u00e4hrige wird vierhundert Kilometer s\u00fcdlich von Czernowitz\nals Stra\u00dfenbauer eingesetzt \u2013 in einem von den Rum\u00e4nen eingerichteten\nArbeitslager. Dadurch entgeht er der Deportation. Als er im Juni 1942 seine\nEltern in Czernowitz besuchen will, findet er die Wohnung leer vor &#8211;&nbsp; sie waren nach Transnistrien geschafft\nworden. Sein Vater stirbt dort kurz darauf an Cholera, seine Mutter wird im\nfolgenden Winter mit einem Genickschuss umgebracht. Die Deportation seiner\nEltern und ihr Tod hinterlie\u00dfen tiefe Spuren in Paul. Er litt f\u00fcr den Rest\nseines Lebens unter dem Gef\u00fchl, seine Eltern im Stich gelassen zu haben. In\nseinen Gedichten sind zahlreiche Verweise auf dieses Trauma der \u201e\u00dcberlebensschuld\u201c\nzu finden: \u201eSprachvertrauen ist nichts ohne Lebensvertrauen und das war ihm\nzerst\u00f6rt worden\u201c, meint der Theologe Karl-Josef Kuschel im <em>DLF<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDer liest ja wie\nGoebbels\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Einnahme durch die Rote Armee kehrte Paul im\nDezember 1944 nach Czernowitz zur\u00fcck und nahm sein Studium wieder auf. 1945\n\u00fcbersiedelte er nach Bukarest und studierte dort weiter, war sp\u00e4ter als \u00dcbersetzer\nund Lektor t\u00e4tig und nennt sich nun Celan \u2013 ein Anagramm des rum\u00e4nisierten\nAncel. 1947 floh er \u00fcber Ungarn nach Wien und siedelte 1948 nach Paris \u00fcber, wo\ner bis zum seinem Tod als Lyriker, \u00dcbersetzer, Sprachlehrer und Dozent der\nEcole Normale Superieure arbeitete \u2013 das Sprachgenie \u00fcbersetzt Texte von \u00fcber\nvierzig Autoren in sieben Sprachen, darunter der Creme de la Creme der\nWeltliteratur: Apollinaire, Baudelaire, \u00c9luard, Jewtuschenko, Mallarm\u00e9, Pessoa\noder Shakespeare. Noch im selben Jahr erschien in Wien mit <em>Der Sand aus den Urnen<\/em> sein erster Gedichtband mit der <em>Todesfuge<\/em>, dessen gesamte Auflage er\njedoch wegen zahlreicher Satzfehler einstampfen lie\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p>Hier begegnet er Ingeborg Bachmann, die zur Liebe seines Lebens wurde &#8211; der Briefwechsel <em>Herzzeit<\/em> (Frankfurt 2008) k\u00fcndet davon. Inhalt und Form seiner Gedichte \u00e4ndern sich radikal. Der Tod, das Schicksal des j\u00fcdischen Volkes und der ferne Gott durchziehen seine Texte \u2013 selbst die Liebesgedichte. Der Reim verschwindet immer mehr aus seinem Werk. \u201eDiese Dialektik von Muttersprache und M\u00f6rdersprache ist einer der Schl\u00fcssel, um zu verstehen, wie er seine Gedichte schreibt\u201c, befindet Kuschel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5284\"\/><figcaption>Paul und  Gis\u00e8le. Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/4\/40d6f45ef557efb5791afef63bf1582cv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=c8dc22<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vier Jahre sp\u00e4ter ver\u00f6ffentlicht Celan seinen Gedichtband <em>Mohn und Ged\u00e4chtnis<\/em> und heiratete die\n25-j\u00e4hrige Tochter des Marquis de Lestrange, Gis\u00e8le, mit der er im\ngro\u00dfb\u00fcrgerlichen 16. Pariser Arrondissement in der Rue de Longchamps logiert.\nIm selben Jahr las er zum ersten und letzten Mal vor der Gruppe 47 \u2013 ein\nDesaster, erinnerte sich Walter Jens: \u201e\u2026er las sehr pathetisch. Wir haben\ndar\u00fcber gelacht. \u201aDer liest ja wie Goebbels\u2018, sagte einer. Das war eine v\u00f6llig\nandere Welt, da kamen die Neorealisten nicht mit. \u2026 Hans Werner Richter war der\nAnsicht gewesen, Celan habe \u201ain einem Singsang vorgelesen wie in einer Synagoge\u2018\u201c.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Celan entwickelte zwar Freundschaften mit deutschen\nSchriftstellerkollegen, doch die endeten regelm\u00e4\u00dfig in Zerw\u00fcrfnissen. Das\nbetraf vor allem das deutsch-franz\u00f6sische Schriftstellerpaar Yvan und Claire\nGoll. Nach dem Tode ihres Mannes erhebt Claire Goll 1960 \u00f6ffentlich\nPlagiatsvorw\u00fcrfe, auch gegen die <em>Todesfuge<\/em>.\nDer Dichter wird zwar sp\u00e4ter von den Ankl\u00e4gern vollst\u00e4ndig rehabilitiert, aber\nseine Psyche erleidet durch die \u201ePlagiatsaff\u00e4re\u201c dauerhaften Schaden: \u201eCelan\nwar unheilbar verletzt. Die in deutschen Bl\u00e4ttern ausgebreiteten Zweifel an\nseiner k\u00fcnstlerischen Integrit\u00e4t erlebte er wie neuerliche \u201aHitlerei\u2018\u201c, so Iris\nRadisch in der <em>Zeit<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Beeinflusst vom franz\u00f6sischen Symbolismus und Surrealismus, gilt er dennoch als der bedeutendste Lyriker der deutschen Nachkriegsliteratur \u2013 als der bis heute einzige, dessen Gedichte dem Unaussprechlichen der Shoah angemessen sind, die er in die geistigen Traditionen des Judentums der letzten dreitausend Jahre einzubetten versuchte, sie mit religi\u00f6sen Motiven verband, vor allem aus dem Alten Testament. Seine Zweifel, sein Glauben-Wollen, aber nicht k\u00f6nnen, werden ihn bis zu seinem Tod begleiten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"372\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5285\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan-3.jpg 372w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan-3-186x300.jpg 186w\" sizes=\"(max-width: 372px) 100vw, 372px\" \/><figcaption>Deutsche Gesamtausgabe. Quelle: https:\/\/images-eu.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/41gf3S7tqWL.<em>AC_UL600_SR372,600<\/em>.jpg  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein erster Sohn stirbt bald nach der Geburt. 1955 wird\nClaude Francois geboren, zugleich erhielt Celan die Staatsb\u00fcrgerschaft der\nRepublik Frankreich. In den 1960er Jahren erscheinen Gedichtb\u00e4nde, die ihn,\ninzwischen B\u00fcchner-Preistr\u00e4ger, weltber\u00fchmt machen, etwa <em>Die Niemandsrose<\/em>, <em>Atemwende<\/em>\noder <em>Fadensonnen<\/em>. Seine ungeheure\nSprachverdichtung gilt als Indiz f\u00fcr seine zunehmende psychische Implosion, die\nzu mehreren Aufenthalten in psychiatrischen Kliniken f\u00fchrt. So wollte er in\neinem Wahnzustand einmal sich selbst umbringen, in einem anderen seine Ehefrau\nmit einem Messer t\u00f6ten. Seit November 1967 lebten sie getrennt voneinander,\nblieben aber in Verbindung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMan hat mich\nzerheilt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Oktober 1969 unternahm Celan seine einzige Reise nach\nJerusalem \u2013 ein weiteres Desaster. Er sieht sich nicht in der Lage, sich mit\neinem Leben dort zu identifizieren, f\u00fchlt sich aber auch in seiner Pariser\nExilheimat zunehmend einsam. An seine Jugendliebe Ilana Schmueli schreibt er:\n\u201eIch muss t\u00e4glich in meine Abgr\u00fcnde hinab. Jeder Tag ist eine Last. Das, was Du\n\u201ameine Gesundheit\u2018 nennst, kann es wohl nie geben. Die Zerst\u00f6rungen reichen bis\nan den Kern meiner Existenz. Man hat mich zerheilt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Im Februar 1970 tauchte pl\u00f6tzlich ein angeblich aus dem Jahr 1944 stammendes Gedicht seines Czernowitzer Schulfreundes Immanuel Wei\u00dfglas auf, das ausgerechnet die eindringlichen Sprachbilder der kurz darauf entstandenen <em>Todesfuge<\/em> noch ganz ungelenk und wie im Rohentwurf vorwegzunehmen schien. Eine weitere Plagiatsdiskussion wollte Celan wom\u00f6glich nicht mehr erleben; sie blieb \u00fcbrigens aus. Am 1. Mai 1970 findet ein Fischer seinen Leichnam in der Seine \u2013 zehn Kilometer abw\u00e4rts von Paris. Wahrscheinlich hat er sich in der Nacht vom 19. auf den 20. April am Pont Mirabeau in der N\u00e4he seiner Wohnung in den Fluss gest\u00fcrzt. Einen Abschiedsbrief gibt es nicht. \u201eEr hat sich\u201c, schreibt Gis\u00e8le an Ingeborg Bachmann, \u201eden einsamsten und anonymsten Tod ausgesucht.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Celan-4-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5286\"\/><figcaption>Celans Grab.  https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/b\/b3\/Grave-Paul-Celan.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aus seinen sp\u00e4ten Gedichten ist die rauschhafte Musikalit\u00e4t\nseiner Anf\u00e4nge verschwunden: \u201eSie sind von grandioser Trostlosigkeit, Verse wie\nKarstlandschaften, wie Steinw\u00fcsten, nah am Verstummen und stolz in der W\u00fcrde\ndes Scheiterns. Man muss sie noch immer lesen\u201c, befindet Radisch. Seine\n\u201eweltliterarisch fast einzigartige Wirkung\u201c bestehe darin, dass er in einer\n\u201edurch die Gr\u00e4uel des Massenmordes hindurch gegangenen Sprache schreibe\u201c, ohne\n\u201eje der Illusion anzuh\u00e4ngen, ,\u00fcber\u2018 Auschwitz und die Millionen von Opfern mit\nden Mitteln des Abbildrealismus schreiben zu k\u00f6nnen\u201c, fasst Emmerich sein\nWirken zusammen. Zu Ehren des nachdichtenden \u00dcbersetzers stiftete der Deutsche\nLiteraturfonds 1988 den Paul-Celan-Preis f\u00fcr ebenfalls herausragende\n\u00dcbersetzerleistungen. Sein Nachlass liegt im Marbacher Literaturarchiv, auch\ndie Handschrift der <em>Todesfuge<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch habe nie eine Zeile gedichtet, die nichts mit meiner Existenz zu tun gehabt h\u00e4tte. Ich bin, Du siehst es, Realist auf meine Weise\u201c, schreibt der Dichter anfangs der 60er Jahre an einen Freund. Sp\u00e4testens seit dieser Zeit hat er die <em>Todesfuge<\/em> nicht mehr gelesen, er hielt sie f\u00fcr \u201elesebuchreif gedroschen\u201c. Hans Mayer, selbst Jude, gebrauchte die Formulierung, Celan habe sie \u201ezur\u00fcckgenommen\u201c. Celan entgegnete: \u201eIch nehme niemals ein Gedicht zur\u00fcck, lieber Hans Mayer.\u201c Den Vers \u201eder Tod ist ein Meister aus Deutschland\u201c hat \u00fcbrigens Heiner M\u00fcller noch zu Zeiten der DDR adaptiert zu \u201eDeutschland dein Meister ist der Tod\u201c. Dar\u00fcber kann man nun lange nachdenken.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5278&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der traumatisierte Heidegger-Adept zwang posthum einen Bundestagspr\u00e4sidenten zum R\u00fcck-tritt: Paul Celan. Der bedeutendste deutsche Lyriker j\u00fcdischer Zunge w\u00fcrde nun 100 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5278"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5278"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5278\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5287,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5278\/revisions\/5287"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5278"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5278"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5278"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}