{"id":5298,"date":"2020-11-10T06:39:55","date_gmt":"2020-11-10T05:39:55","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5298"},"modified":"2020-11-11T11:33:14","modified_gmt":"2020-11-11T10:33:14","slug":"perfekt-inszenierte-tragoedie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5298","title":{"rendered":"\u201eperfekt inszenierte Trag\u00f6die\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er galt damals wie heute als umstrittenster deutscher Kaiser.\nZeitgenossen beschrieben ihn als hinterh\u00e4ltig, berechnend und heimt\u00fcckisch, ja\nals Tyrannen; ein \u201eMonster auf dem Thron\u201c erkennt Gerd Tellenbach. F\u00fcr Stephan\nDraf war er dagegen \u201eder gr\u00f6\u00dfte Pechvogel, der je auf dem deutschen Kaiserthron\ngesessen hat\u201c. Er sei mehrfach traumatisiert gewesen, sein Leben \u201eeine perfekt\ninszenierte Trag\u00f6die\u201c, denn er habe \u201eersch\u00fctternd begriffsstutzig, daran\ngeglaubt, dass etwas Gutes in den Menschen sei\u201c.&nbsp; Bei aller menschlichen Sympathie, die einem sein\nbewegtes und bewegendes Schicksal abzwinge, \u201ekann man ihm doch nur sehr bedingt\nhistorische Gr\u00f6\u00dfe zusprechen \u2026 Schwere Missgriffe der Anfangsjahre st\u00fcrzten ihn\nin einen Konflikt, der den Weg zu einer gesunden Evolution versperrte und an\ndem er f\u00fcr seine Person zugrunde ging\u201c, befand auch Theodor Schieffer. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit seiner fast 50-j\u00e4hrigen Regierung geh\u00f6re er aufgrund seiner Territorialpolitik, der Beg\u00fcnstigung von St\u00e4dteb\u00fcrgertum, Reichsministerialit\u00e4t und Judentum (\u201eWormser Privileg\u201c) sowie seiner Landfriedenspolitik zu den bedeutendsten mittelalterlichen deutschen Herrscherpers\u00f6nlichkeiten, lautete dagegen der Tenor marxistischer Geschichtsschreibung. Als 1900 sein Grab im Dom von Speyer ge\u00f6ffnet wird, ergab sich das Bild \u201eeines gro\u00dfen, starken, untadelig gewachsenen Mannes \u2026 die Gestalt eines schlanken, aber kr\u00e4ftigen, beinahe athletischen Mannes, zu allen ritterlichen \u00dcbungen geschickt und in ihnen ge\u00fcbt.\u201c Das kontrastiert mit einem unterstellten \u201esensiblen Charakter\u201c, mit dem manche seine scheinbare politische Schw\u00e4che begr\u00fcndeten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"356\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV.jpg_b.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5302\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV.jpg_b.jpg 356w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV.jpg_b-178x300.jpg 178w\" sizes=\"(max-width: 356px) 100vw, 356px\" \/><figcaption>Heinrich IV. Quelle: https:\/\/www.wasistwas.de\/files\/wiwtheme\/wissenswelten\/geschichte\/Artikel\/Gross\/PD_HeinrichIV.jpg_b.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn den meisten ist er heute pr\u00e4sent durch seinen Canossa-Gang, durch\nden das deutsche K\u00f6nigtum \u201eseine Todeswunde\u201c empfangen habe, wie es Hermann\nHeimpel noch in den 50er Jahren formulierte. Das Papsttum mit seinem Streben\nnach Vorrangstellung und die deutschen F\u00fcrsten mit ihren partikularen\nInteressen galten als \u201eTotengr\u00e4ber\u201c der Kaisermacht, die erst 1871 wieder\nauferstehen durfte. Die Fixierung eines Geschichtsbildes auf eine starke\nZentralgewalt und einen m\u00e4chtigen K\u00f6nig musste also zu seiner Verteidigung\nf\u00fchren \u2013 Canossa kann als Sinnbild politischer Dem\u00fctigung ebenso interpretiert\nwerden wie als politische Weitsicht. Alle seine Gegner habe er \u00fcberlebt und sei\nnur durch Verrat zuletzt doch noch besiegt worden: Die listvolle Entmachtung\ndes Vaters durch den Sohn galt Karl Hampe gar als \u201edie teuflischste Tat der\nganzen deutschen Geschichte\u201c: Heinrich IV. Am 11. November 1050 kam der Salier in\nder Goslarer Kaiserpfalz zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Kindheit\nund Entf\u00fchrung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er war nach vier T\u00f6chtern der lang ersehnte Thronfolger Kaiser Heinrichs\nIII. und seiner zweiten Frau Agnes von Poitou und erhielt zun\u00e4chst den Namen\ndes Gro\u00dfvaters, Konrad. Schon zu Weihnachten lie\u00df Heinrich III. die anwesenden\nF\u00fcrsten schw\u00f6ren, dem Thronfolger treu ergeben zu sein. Wohl unter dem Einfluss\ndes Abts Hugo von Cluny wurde sein Name in Heinrich ge\u00e4ndert. Damit der\nangesehene Abt, um die Verbindung zur Kirche zu st\u00e4rken, Taufpate des\nThronfolgers werden konnte, wurde die Taufe bis zum n\u00e4chsten Osterfest\nverz\u00f6gert. Bereits im Alter von drei Jahren wird er zum Herzog von Bayern\nernannt. 1054 l\u00e4sst Heinrich III. seinen Sohn vor einer gr\u00f6\u00dferen Versammlung\nvon Adligen zu seinem Nachfolger w\u00e4hlen \u2013 die Gro\u00dfen machen die Einschr\u00e4nkung, ihm\nnur zu folgen, wenn er sich als gerechter Herrscher erweise. 1055 wird der F\u00fcnfj\u00e4hrige\nmit der dreij\u00e4hrigen Bertha von Turin verlobt, damit es sp\u00e4ter eine\ndeutsch-italienische Machtkonstellation gibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Heinrich III. am 5. Oktober 1056 unerwartet stirbt, wird der Thronfolge des sechs Jahre alten Heinrich IV. nicht widersprochen. Die Kaiserwitwe Agnes, der ein Liebesverh\u00e4ltnis mit dem Bischof Heinrich von Augsburg, ihrem wichtigstem Berater, nachgesagt wurde, f\u00fchrte f\u00fcr ihren Sohn die Regierungsgesch\u00e4fte im Sinne ihres Mannes. Das wurde zum Problem, denn Heinrich hatte auf der Durchsetzung der k\u00f6niglichen Gewalt und Autorit\u00e4t beharrt, die ihn weit \u00fcber die F\u00fcrsten heraushebe. Mit dieser Haltung wich er von der durch clementia, die herrscherliche Milde, gepr\u00e4gten Regierungsweise der Ottonen ab. Gegen die selbstherrliche Art und den autokratischen, allein der Verantwortung gegen\u00fcber Gott verpflichteten Regierungsstil rebellierten vor allem die Sachsen und die Bayern. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"789\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV-1.jpg_b-1-1024x789.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5304\"\/><figcaption>Anton von Werner: Heinrichs Entf\u00fchrung durch Anno. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Heinrich_IV_(Germany).jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach einer ersten misslungenen Verschw\u00f6rung 1057 gelang unter der F\u00fchrung\ndes K\u00f6lner Erzbischofs Anno 1062 die zweite als Entf\u00fchrung bei einer\nBootspartie in Kaiserswerth bei D\u00fcsseldorf. \u201eKaum hatte er das Boot betreten\u201c,\nberichtet der M\u00f6nch Lampert von Hersfeld, \u201eda umringten ihn die vom Erzbischof\nangestellten Helfershelfer, rasch stemmten sich die Ruderer mit aller Kraft in\ndie Riemen und trieben das Boot in die Mitte des Stroms.\u201c In Todesangst springt\nder Junge in vollem Gewand in den Fluss und kann gerade noch gerettet werden. Seine\nMutter verzichtet darauf, ihn zur\u00fcckzuholen. Anno regierte als Reichsverweser, muss\ndieses Amt sp\u00e4ter mit dem Erzbischof von Hamburg-Bremen, Adalbert, teilen, was\nzu einem st\u00e4ndigen Konflikt f\u00fchrt, und wird dem jungen K\u00f6nig zeitlebens\nverhasst bleiben: Als Heinrich am 29. M\u00e4rz 1065 die Schwertleite erh\u00e4lt und\nsomit vollj\u00e4hrig war, soll ihn seine Mutter Agnes gerade noch davon abgehalten\nhaben, das Schwert, das er eben umg\u00fcrtet bekommen hatte, gegen den verhassten Erzbischof\nzu erheben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sachsenkriege\nund Investitursteit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ein Jahr\nsp\u00e4ter heiratet er Berta. Ein 1069 eingereichtes Scheidungsverlangen wurde von\nPapst Alexander II. abgelehnt, was ihn dazu veranlasste, sich seinem Schicksal\nzu f\u00fcgen. 1070 bekam das K\u00f6nigspaar eine Tochter und bald darauf auch einen\nm\u00f6glichen Thronfolger. Der junge K\u00f6nig begann seine Vorstellung eines\nbefehlsorientierten K\u00f6nigtums zu verwirklichen, was zwangsl\u00e4ufig zu Konflikten mit\ndem Adel f\u00fchren musste, die im \u201eSachsenkrieg\u201c 1073 \u2013 1075 eskalierten. Als er\nsich vor allem im Harzgebiet bem\u00fchte, Krongut aus dem s\u00e4chsischen Kernland\nzur\u00fcckzufordern und es durch Burgen zu sichern, wobei er sich der Hilfe\nschw\u00e4bischer Ministerialen versicherte, brachte diese Hausmachtpolitik den\ns\u00e4chsischen Adel gegen ihn auf. Bereits im ersten Jahr der Auseinandersetzungen\nbelagerten die Sachsen die Harzburg und zwangen Heinrich IV., der wiederum\nTodesangst erfuhr, in der Nacht des 9.\/10. August 1073 zur Flucht. <\/p>\n\n\n\n<p>In einem\nAnfang 1074 vereinbarten Frieden musste Heinrich erkl\u00e4ren, die Burgen wieder abzubauen.\nAls das den Sachsen zu langsam ging, pl\u00fcnderten sie die Harzburg und sch\u00e4ndeten\nzahlreiche Gr\u00e4ber der Salier. Dieses Vorgehen spielte nun Heinrich in die\nH\u00e4nde, da viele F\u00fcrsten des Reichs bereit waren, ihn bei seinem Rachefeldzug zu\nunterst\u00fctzen. Am 9. Juni 1075 errang er in der Schlacht bei Homburg an der\nUnstrut einen vollst\u00e4ndigen Sieg. Die F\u00fchrer des Aufstands, darunter Otto von\nNortheim und der Sachsenherzog Magnus Billung, unterwarfen sich. Zu Weihnachten\ngelang es ihm, die Gro\u00dfen eidlich zu verpflichten, seinen 1074 geborenen Sohn\nKonrad zu seinem Nachfolger zu w\u00e4hlen.<\/p>\n\n\n\n<p>Unterdessen tat sich eine andere politische Baustelle auf: mit dem Papstwahldekret \u201eIn nomine Domini\u201c war 1059 das Wahlrecht des Papstes an die Kardinalbisch\u00f6fe \u00fcbertragen worden, der Kaiser und dessen Nachfolger erhielten ein, eher allgemein formuliertes, Best\u00e4tigungsrecht (\u201eK\u00f6nigsparagraph\u201c) zugesprochen. Damit sollte der Wahl von Gegenp\u00e4psten und der Beeinflussung der Wahl durch stadtr\u00f6mische Adelsgruppen entgegengesteuert werden. Im April 1073 wurde unter tumultartigen Umst\u00e4nden gegen den Willen Heinrichs in einer Inspirationswahl der r\u00f6mische Archidiakon Hildebrand als Gregor VII. zum Papst gew\u00e4hlt. Petrus Damiani, ein enger Mitstreiter, bezeichnete ihn als \u201eheiligen Satan\u201c, ja \u201eZuchtrute Gottes\u201c, gegen den Widerstand zwecklos sei. 1075 verabschiedet Gregor die Bulle \u201eDictatus Papae\u201c, die in Artikel drei festlegt, dass nur der Papst Bisch\u00f6fe einsetzen kann, und in Artikel zw\u00f6lf gar verf\u00fcgt, dass er Kaiser und K\u00f6nige absetzen kann. Damit wird das Gef\u00fcge des mittelalterlichen Systems aus den Angeln gehoben: erg\u00e4nzten sich geistliche und weltliche Macht bisher, konkurrieren sie nun miteinander.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV-2.jpg_b-2-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5305\"\/><figcaption>Papst Gregor. Quelle: https:\/\/img.welt.de\/img\/iphone_app\/historyapp\/mobile100125244\/5381359077-ci16x9-w1200\/History-Februar-22-02-1076-Gregor-VII-BM-Lifestyle-Peking-jpg.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Heinrich\nunter Missachtung des p\u00e4pstlichen Willens im Erzbistum Mailand sowie den Di\u00f6zesen\nFermo und Spoleto provokante Personalentscheidungen traf, also ungeliebte\nPersonen in ihr Amt investierte, forderte der Papst am Neujahrstag 1076\nGehorsam. Heinrich ver\u00f6ffentlichte die Drohungen des Papstes und berief die\nBisch\u00f6fe des Reichs nach Worms, wo er am 24. Januar 1076 zusammen mit den\nbeiden Erzbisch\u00f6fen Siegfried von Mainz und Udo von Trier sowie weiteren 24\nBisch\u00f6fen eine gepfefferte Antwort formulierte: Er sei entgegen den\nVorschriften des Papstwahldekrets in das Amt gelangt. Die lange Liste der\nVorw\u00fcrfe an ihn, der im Brief nur \u201eBruder Hildebrand\u201c genannt wurde, endet mit\nder legend\u00e4ren Aufforderung: \u201eSteige herab, steige herab!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Gregor VII.\nlie\u00df das unbeeindruckt, am 22. Februar 1076 setzte er den K\u00f6nig ab,\nexkommunizierte ihn und l\u00f6ste alle Christen von den Treueiden, die sie Heinrich\ngeschworen hatten. Nebenbei setzte er auch noch Siegfried von Mainz ab. Diese\nMa\u00dfnahmen bewegten die Zeitgenossen tief, ihre ungeheuerliche Wirkung wird in\nden Worten des Gregorianers Bonizo von Sutri deutlich: \u201eAls die Nachricht von\nder Bannung des K\u00f6nigs an die Ohren des Volkes drang, erzitterte unser ganzer\nErdkreis.\u201c Nach einer Reihe ungl\u00fccklicher Umst\u00e4nde \u2013 der Brand der Kathedrale\nvon Utrecht zu Ostern wurde als Zeichen f\u00fcr Gottes Zorn aufgefasst \u2013 schwand\nseine klerikale Unterst\u00fctzung. Die immer noch renitenten F\u00fcrsten, vor allem Welf\nvon Bayern, Rudolf von Schwaben und Berthold von K\u00e4rnten, witterten Morgenluft\nund erkl\u00e4rten im Oktober, nach einer F\u00fcrstenversammlung in Trebur, Heinrich m\u00fcsse\nsich bis zum Jahrestag der Exkommunikation vom p\u00e4pstlichen Bann befreien, sonst\nw\u00fcrde man ihn nicht mehr als Herrscher akzeptieren. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Canossa und die Folgen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Angesichts dieses Ultimatums blieb Heinrich im Winter 1076\/77 nur der Weg nach Italien, um sich mit dem Papst ins Benehmen zu setzen. Da die feindlichen Herz\u00f6ge die Alpenp\u00e4sse belagerten, blieb seiner Familie samt kleinem Gefolge nur der gefahrvolle Weg \u00fcber den Mont Cenis in Burgund. Nach Lampert von Hersfeld krochen die M\u00e4nner auf H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen, die Frauen wurden auf Rinderh\u00e4uten \u00fcber das Eis gezogen, die meisten Pferde starben oder wurden schwer verletzt. Gregor begab sich auf die Burg Canossa seiner Parteig\u00e4ngerin Mathilde von Tuszien. Heinrich verbrachte im B\u00fc\u00dfergewand, barfu\u00df und ohne Herrschaftszeichen drei Tage im Vorhof der Burg und flehte unter Tr\u00e4nen der Reue um Erbarmen. Als Vermittler traten unter anderen sein Taufpate Hugo von Cluny und Markgr\u00e4fin Mathilde auf. Gregor war in der Zwickm\u00fchle: Verzeiht er dem K\u00f6nig nicht, ist sein Ruf als g\u00fctiger Oberhirte beim gemeinen Volk dahin. Er spricht Heinrich vom Kirchenbann los, setzt ihn aber nicht mehr als K\u00f6nig ein &#8211; was er als Papst eigentlich auch nicht kann, denn das ist Sache der F\u00fcrsten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"712\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV-3.jpg_b-3-1024x712.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5308\"\/><figcaption>Canossa in der Darstellung Otto Bitschnaus. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Gregor7_Canossa.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was dann geschah, ist unter Historikern bis heute strittig. F\u00fcr die einen\nhaben die Beteiligten durch ein abschlie\u00dfendes gemeinsames Mahl gezeigt, dass sie\nk\u00fcnftig friedlich und freundschaftlich miteinander umgehen wollten. Bischof\nAnselm von Lucca berichtet hingegen, Heinrich IV. habe geschwiegen, keine\nSpeisen anger\u00fchrt und auf der Tischplatte mit seinem Fingernagel herumgekratzt,\num keine rechtlichen Verpflichtungen einzugehen: Ein gemeinsames Mahl stellte\neine rechtsrituelle Handlung dar, durch die man sich zu einem bestimmten\nVerhalten gegen\u00fcber dem Tischgenossen verpflichtet. Die Wertung ist dennoch\nfast einheitlich: Der B\u00fc\u00dfergang nach Canossa wird vor allem als taktischer\nSchachzug des K\u00f6nigs angesehen, um der drohenden Absetzung zu entgehen, und\nschw\u00e4chte Papst wie F\u00fcrsten gleicherma\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn die hatten nichts Eiligeres zu tun, Rudolf von Schwaben 1077 zum\nGegenk\u00f6nig auszurufen. Heinrich entsetzte die Herz\u00f6ge prompt ihrer \u00c4mter und\nLehen, Schwaben gab er 1079 an Friedrich von B\u00fcren, der zugleich seiner Tochter\nAgnes verlobt wurde und Stammvater der Staufer werden sollte. Der Krieg der\nbeiden K\u00f6nige endete am 15. Oktober 1080 in Th\u00fcringen mit Rudolfs Tod, der Heinrichs\nAnh\u00e4ngern als Gottesurteil erschien: bei seiner t\u00f6dlichen Verwundung hatte er die\nrechte Hand, die Schwurhand, verloren. Zwar wurde im August 1081 mit Graf\nHermann von Salm erneut ein Gegenk\u00f6nig gew\u00e4hlt, der au\u00dferhalb Sachsens jedoch\nweitgehend wirkungslos blieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Schon einige Monate zuvor hatte Papst Gregor erneut die Exkommunikation\n\u00fcber Heinrich verh\u00e4ngt und dessen Untergang bis zum 1. August 1080\nvorhergesagt. Da sich dies nicht erf\u00fcllt hatte und die meisten Bisch\u00f6fe nun auf\nder Seite Heinrichs standen, gelang es ihm, mit Clemens III. einen Gegenpapst\nzu installieren. Heinrich machte sich nun mit einem Heer erneut auf den Weg\nnach Italien und gelangte Pfingsten 1081 bis vor Rom, schaffte aber erst drei\nJahre sp\u00e4ter den Einmarsch und setzt Gregor VII. ab. Am Ostersonntag lie\u00df er\nsich von Papst Clemens zum Kaiser kr\u00f6nen und erreichte damit, trotz je zweier K\u00f6nige\nund P\u00e4pste, den H\u00f6hepunkt seiner Macht. Als sich Graf Hermann 1088 entnervt in\nseine Erblande zur\u00fcckzog, schlossen die Sachsen endlich Frieden mit Heinrich\nund verzichteten auf einen dritten Gegenk\u00f6nig. Nach dem 1087 seine Frau Berta\ngestorben war, heiratete er 1089 erneut: Adelheid (Eupraxia) von Kiew, die sich\nschon kurz darauf auf die Seite seiner Gegner schlug. Die Ehe wurde 1095 wieder\ngeschieden; Heinrich warf seiner attraktiven Frau Untreue vor, angeblich soll\nsie sogar ihren Stiefsohn Konrad verf\u00fchrt haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Absetzung\nund Tod<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von dem sollte schlie\u00dflich Gefahr f\u00fcr Heinrichs Thron ausgehen. Nachdem sich Clemens III. in Italien nicht behaupten konnte und mit Urban II. ein neuer Papst auf dem Heiligen Stuhl Platz nahm, schlug sich Konrad \u00fcberraschend auf dessen Seite, weil der ihm die Kaiserkrone in Aussicht stellte und nach Eupraxias Sitten-Vorw\u00fcrfen Heinrich zum 3. Mal exkommunizierte. Ein daraus resultierender dritter Italienzug endete damit, dass Heinrich drei Jahre in Oberitalien festhing, ehe er nach Norden zur\u00fcckkehren konnte. 1098 gelang es ihm unter Zustimmung der F\u00fcrsten, Konrad zu enterben, seinem j\u00fcngeren Sohn Heinrich V. als Nachfolger festzulegen und ein Jahr sp\u00e4ter als Mitk\u00f6nig zu kr\u00f6nen. Der daraus resultierende Zwist zwischen Konrad und dem j\u00fcngeren Heinrich wurde durch Konrads Gift-Tod im Jahre 1101 endg\u00fcltig beigelegt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV-4.jpg_b-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5309\"\/><figcaption>Die Grabkrone von Heinrich IV. aus der Domschatzkammer des Dom zu Speyer. Quelle: https:\/\/www.heraldik-wiki.de\/wiki\/Datei:Grabkrone_Heinrich_4.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Womit Heinrich IV. allerdings nicht gerechnet hatte: Auch sein zweiter\nSohn Heinrich V. stellte sich gegen ihn, da er um seine Nachfolgeanspr\u00fcche\nf\u00fcrchtete und die eigenen Thronanspr\u00fcche dem immer noch gebannten Vater zum\nTrotz erhalten wollte. Er trat zur p\u00e4pstlichen Partei \u00fcber, nachdem auch ihm\ndie Kaiserkrone versprochen worden war. Als zu Weihnachten 1105 eine\nReichsversammlung zur Entscheidung des Thronstreits einberufen wurde, lie\u00df der\nSohn den Vater auf der Burg B\u00f6ckelheim festsetzen und dann vor die Reichsversammlung\nin Ingelheim bringen. Hier dankte Heinrich IV. am 31.12.1105 unter h\u00e4rtestem\nDruck der F\u00fcrsten ab, am 6. Januar 1106 wurde sein Sohn Heinrich V. zum\nNachfolger gew\u00e4hlt. Aber noch einmal b\u00e4umte sich der gest\u00fcrzte Kaiser, entkam\naus Ingelheim, aber starb aber vor einem neuen Entscheidungskampf &nbsp;am 7. August 1106 in L\u00fcttich. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen Grabeswirren wurde er nach Speyer \u00fcberf\u00fchrt und sein Sarg in der noch ungeweihten sp\u00e4teren Afrakapelle abgestellt, weil Bischof Gebhardt ein Begr\u00e4bnis im Dom verbot \u2013 der Kirchenbann war noch nicht genommen. Erst als sein Sohn die Aufhebung erwirkte, wurde er am 7.8.1111 im Dom beigesetzt. Die k\u00f6nigsfreundliche Geschichtsschreibung hatte in den erbitterten politischen Auseinandersetzungen teilweise den Charakter von Rechtfertigungs- oder Verteidigungsschriften angenommen. In der Hervorhebung bestimmter Eigenschaften und Handlungsweisen des K\u00f6nigs wurde h\u00e4ufig eine Gegenposition zu den Angriffen und Verleumdungen der Gegenseite deutlich, meint Tilman Struve aus moderner Perspektive. Gerd Althoff neigte in seiner Biografie dazu, die von Heinrichs Gegnern erhobenen Vorw\u00fcrfe als Indizien f\u00fcr tats\u00e4chliches Fehlverhalten zu werten, und&nbsp; gewinnt den \u201eEindruck von taktischen R\u00e4nkespielen und unaufrichtigem Verhalten\u201c. In seinem recht negativen Gesamturteil \u00fcberwiegen in Heinrichs Pers\u00f6nlichkeit die \u201eSchattenseiten\u201c\u00b4; Heinrich habe \u201eganz ohne Zweifel die Krise der K\u00f6nigsherrschaft seiner Zeit zu verantworten\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"246\" height=\"270\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/PD_HeinrichIV-5.jpg_b-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5311\"\/><figcaption>Tafel an der Canossas\u00e4ule in Bad Harzburg. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Gang_nach_Canossa <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eDie heroische Z\u00e4higkeit, mit der er die St\u00f6\u00dfe auffing, hat die Substanz des ottonisch-salischen Reichsgef\u00fcges \u00fcber die t\u00f6dlich scheinende Krise hinweggerettet. Freilich musste er die Investiturfrage, an der sich der Streit entz\u00fcndet hatte, ungel\u00f6st seinem Nachfolger hinterlassen\u201c, bilanziert Schieffer und liegt damit sicher richtig. Die ungeheure Wirkungsgeschichte Canossas wird nicht zuletzt im Kulturkampf des Deutschen Reiches von 1871 mit der katholischen Kirche deutlich. Als es zum Konflikt mit der Kurie um die Bestellung eines deutschen Gesandten beim Heiligen Stuhl kam, formulierte Reichskanzler Otto von Bismarck die ber\u00fchmten Worte: \u201eSeien Sie au\u00dfer Sorge: Nach Canossa gehen wir nicht \u2013 weder k\u00f6rperlich noch geistig!\u201c <\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5298&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach trostloser Jugend und zerm\u00fcrbendem Papststreit, der im Canossa-Gang gipfelte, wurde er von den eigenen S\u00f6hnen verraten: Kaiser Heinrich IV. 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