{"id":5313,"date":"2020-11-25T06:54:48","date_gmt":"2020-11-25T05:54:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5313"},"modified":"2020-11-11T09:09:35","modified_gmt":"2020-11-11T08:09:35","slug":"steht-auf-und-sterbt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5313","title":{"rendered":"\u201eSteht auf und sterbt!\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Seine Existenz\nzeichnete eine mehr als nur gewisse Zerrissenheit aus. Privat changierte sein\nLeben zwischen B\u00fcrgertum und Provokation: Er heiratete und wurde Vater zweier\nKinder, nachts durchstreifte er hingegen die einschl\u00e4gigen Homosexuellen-Bars\nin Tokio. K\u00fcnstlerisch machte der weltweit anerkannte, dreimal f\u00fcr den\nLiteraturnobelpreis vorgeschlagene Schriftsteller Seitenspr\u00fcnge, indem er auch\nRollen in billig produzierten Trashfilmen spielte \u2013 teilweise nach eigenen\nDrehb\u00fcchern. Auch sein Verh\u00e4ltnis zum Westen, insbesondere zu den USA, blieb\nzeitlebens ein gespaltenes. Am deutlichsten dr\u00fcckte sein Haus diese Ambivalenz\naus: Es bestand aus einem westlich und einem traditionell japanisch m\u00f6blierten\nTrakt. <\/p>\n\n\n\n<p>Darin gefiel er sich in vielen mond\u00e4nen Posen; so als Gastgeber von &#8211; damals in Japan un\u00fcblicher &#8211; europ\u00e4ischer Eleganz, als wolle er das lateinische persona (\u201eMaske\u201c) in Leben und Werk raffiniert variieren, ja Maske sein. Zu diesem Vexierspiel geh\u00f6rte nicht nur die mond\u00e4ne Attit\u00fcde, mit der er die Chefredakteure von <em>Time<\/em> oder <em>New York Times<\/em> wie ein Kulturminister empfing, sondern auch eine Art literarischer Spagat &#8211; er sah sich als Bewahrer und Erneuerer japanischer Tradition und band doch unendliche Einfl\u00fcsse des europ\u00e4ischen Geisteslebens in seine Texte, die er mit eiserner Disziplin t\u00e4glich f\u00fcnf Stunden am Schreibtisch im westlichen Trakt erfand. Und darin trug er auch nachts Sonnenbrillen oder lie\u00df sich in Marlon-Brando-Pose fotografieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"538\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-538x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5316\"\/><figcaption>Yukio Mishima. Quelle: https:\/\/m.media-amazon.com\/images\/M\/MV5BNWVmZDE2NmQtZWU5OC00MzUzLTg2MTUtZTQ4NzUwNDljYTFjL2ltYWdlL2ltYWdlXkEyXkFqcGdeQXVyMTc4MzI2NQ@@.<em>V1_UY1200_CR148,0,630,1200_AL<\/em>.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er sei nicht\nsicher, ob \u201eFaschist\u201c die richtige Kategorie f\u00fcr seine \u201eekstatische\nR\u00fcckgewandtheit\u201c w\u00e4re, meinte Fritz J. Raddatz vor 20 Jahren in der <em>Zeit<\/em> und f\u00fchrte aus: \u201eFaschismus, gar\nNationalsozialismus hatten ja praktische Gegenangebote; beide lebten wesentlich\nvon dem Ideologiegebr\u00e4u aus Krieg und Rassismus. Beider Rhythmus war der\nMarschtritt der Masse &#8211; keineswegs das Todesfanal des heroischen Einzelnen. Sie\nhatten konkrete politische F\u00fchrer und pr\u00e4zise sozio\u00f6konomische\nGesellschaftsmodelle. Nichts davon bei Yukio Mishima &#8211; er ist ein\ntodess\u00fcchtiger Tr\u00e4umer jenseits der Wirklichkeit; f\u00fcr eine bessere hat er keine\nEntw\u00fcrfe, weil Wirklichkeit ihn \u00fcberhaupt nicht interessiert.\u201c Und diese\nTodessucht lie\u00df Mishima am 25. November 1970 traditionellen Seppuku begehen: publikumswirksam\nassistierten Suizid.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDas werde ich\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der am 14.\nJanuar 1925 als Kimitake Hiraoka in Tokio geborene Sohn eines\nMinisterialbeamten litt unter der dominanten Gro\u00dfmutter, bei der er seine\nKindheit und Schulzeit an einer Eliteschule verbrachte: Sie verbat dem schm\u00e4chtigen,\nblassen und zur\u00fcckhaltenden Jungen den Umgang mit gleichaltrigen\nGeschlechtsgenossen; er durfte nur mit M\u00e4dchen spielen. M\u00e4nnerk\u00f6rper \u2013 vor\nallem Samuraikrieger und europ\u00e4ische Ritter, die er aus Bilderb\u00fcchern kannte \u2013\n\u00fcbten daher bereits im Kindesalter einen besonderen Reiz auf ihn aus. Als er\nmit 12 Jahren zur\u00fcck in seine Familie kam, drillte ihn mit milit\u00e4rischer\nDisziplin nun sein Vater und verspottete seine Hingabe f\u00fcr Literatur als\n\u201eweibisch\u201c. Unter anderem soll er sein Zimmer regelm\u00e4\u00dfig auf Manuskripte\nkontrolliert haben, die der kr\u00e4nkliche Knabe zu schreiben begann &#8211; auch\nfranz\u00f6sischer, deutscher und englischer Sprache, die er sich autodidaktisch\nbeigebracht hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>Europ\u00e4ische\nLiteratur, insbesondere Raymond Radiguet, dessen Roman \u201eDer Teufel im Leib\u201c&nbsp; (1923) vielfach verfilmt wurde, Oscar Wilde\nund Rainer Maria Rilke, pr\u00e4gte ihn besonders. Sp\u00e4ter wird er Thomas Mann als\nden Schriftsteller benennen, den er am meisten sch\u00e4tzt. Mit dreizehn Jahren schreib\ner seine erste Kurzgeschichte \u201eDer Wald in voller Bl\u00fcte\u201c, in der ein Junge das\nGef\u00fchl hat, dass seine Vorfahren in seinem K\u00f6rper weiterleben, und dies f\u00fcr\nseine inneren Unruhen verantwortlich macht. Die renommierte\nLiteraturzeitschrift <em>Bungei-Bunka<\/em>\ndruckte sie. Erst sp\u00e4t sollte der Vater mit dem Satz \u201eWenn du schon Romancier\nwerden willst, dann bitte der allererste Japans\u201c aufgeben; die Antwort des\nSohnes \u201eDas werde ich\u201c, ist \u00fcberliefert.<\/p>\n\n\n\n<p>Um Mobbing durch seine Schulkameraden zu vermeiden, wurde die Geschichte unter dem Pseudonym Yukio Mishima publiziert, das er fortan f\u00fcr alle seine literarischen Werke verwendete. Er selbst w\u00e4hlte Mishima nach den \u201edrei Inseln\u201c, von denen man den schneebedeckten Fudschijama sehen kann, sein Japanischlehrer r\u00e4t zu dem Vornamen Yukio, abgeleitete von Yuki = Schnee. In der Pubert\u00e4t entwickelte er sadomasochistische Fantasien, in denen Sch\u00f6nheit, Begehren und Tod zu einem \u00e4sthetischen Ideal verschmolzen. Da er bei der Musterung eine Tuberkulose vort\u00e4uschte, musste er im Zweiten Weltkrieg keinen Milit\u00e4rdienst leisten. Der Tuberkulosetod seiner siebzehnj\u00e4hrigen j\u00fcngeren Schwester nahm ihn sehr mit. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"210\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5317\"\/><figcaption>Mishima in seinem Arbeitszimmer. Quelle: https:\/\/im-wald-des-tapio.blogspot.com\/2010\/11\/hagakure-nyumon-zu-einer-ethik-der-tat.html <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er ekelte\nsich vor k\u00f6rperlicher Schw\u00e4che und dem mit dem Alter unausweichlich verbundenen\nVerfall und begann, um dem Eindruck der Verletzlichkeit entgegenzuwirken,\nseinen von Natur aus eher zierlichen K\u00f6rper als Material zu betrachten, aus dem\nes mithilfe von Bodybuilding und Schwertkampf\u00fcbungen eine erotische Skulptur\nherauszumei\u00dfeln galt. Dank einer gnadenlosen Selbstdisziplin hatte er bald den\nmuskelgest\u00e4hlten K\u00f6rper, den er sich w\u00fcnschte. So wurde er sein eigenes Ideal &#8211;\nder Held, den er als Kind so bewundert hatte. Er verlie\u00df die Universit\u00e4t Tokio\n1947 mit einem Abschluss in Jura und arbeitete zun\u00e4chst im Finanzministerium,\nk\u00fcndigte aber innerhalb eines Jahres, um mehr Zeit zum Schreiben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSehnsucht und Sucht zugleich\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1949 gelingt\nihm mit \u201eGest\u00e4ndnis einer Maske\u201c sein erster Erfolg. Das streckenweise\nautobiographische Werk ist das Portr\u00e4t eines sensiblen, von Selbstzweifeln\nbedr\u00e4ngten Jungen an der Schwelle zum Erwachsensein: \u201eMein Selbstbetrug war der\neinzige zuverl\u00e4ssige Halt in meinem Leben\u201c, erkl\u00e4rt der Ich-Erz\u00e4hler, der die \u201eLeser\nzu Zeugen einer Selbstzerfleischung\u201c macht, befindet Jonas Lages im <em>Tagesspiegel<\/em>. Bereits hier treten\nzahlreiche Themen auf, die sich wie rote F\u00e4den durch Mishimas Werk ziehen: die\nTodessehnsucht, die erotische Zuneigung zu Knaben, die auffallende Betonung von\nBrust- und vor allem Achselhaar an m\u00e4nnlichen K\u00f6rpern \u2013 eine \u201eTonfolge\nSch\u00f6nheit-Liebe-Tod\u201c erkennt Raddatz: \u201eDas Buch ist eine schwarze Messe,\nZeremonie von Lust aus Qual und Qu\u00e4len, ein Gesang in der Tradition Walt\nWhitmans von der Sch\u00f6nheit zum Tode hin, Sehnsucht und Sucht zugleich. Was dann\nBasso continuo seines gesamten Werks werden sollte; seines Lebens, dessen\nschwarze R\u00e4usche und blutr\u00fcnstige Fantasien er gleichsam aufschrieb in Romanen,\nGedichten, No-Spielen: Das ist, einem Notenschl\u00fcssel gleich, alles bereits in\ndem furiosen Erstling angelegt.\u201c &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein hier eingef\u00fchrtes, wiederkehrendes Motiv ist die Figur des Heiligen Sebastian, des r\u00f6mischen Soldaten, der zum christlichen M\u00e4rtyrer wurde. 1966 lie\u00df sich Mishima f\u00fcr eine \u00dcbersetzung von Gabriele d\u2019Annunzios B\u00fchnenwerk \u201eM\u00e4rtyrertum des heiligen Sebastian\u201c in der Pose fotografieren, die Guido Reni f\u00fcr sein Sebastian-Gem\u00e4lde ausgew\u00e4hlt hatte: mit nacktem, von mehreren Pfeilen durchbohrtem Oberk\u00f6rper \u2013 wobei ein Pfeil markant aus seiner linken, schwarz behaarten Achselh\u00f6hle herausragt. Rasch avancierte er zu einem auch international erfolgreichen und gefeierten Schriftsteller, der auf dem quantitativen H\u00f6hepunkt seines Schaffens bis zu drei Romane und ein Dutzend Kurzgeschichten im Jahr schrieb. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"548\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-2-1024x548.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5318\"\/><figcaption>Werkauswahl. Quelle: eigene Collage<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aus der\nbreiten Masse der in den 50er Jahren entstandenen Werke stechen \u201eDie Brandung\u201c\n(1954), eine zeitgen\u00f6ssische japanische Interpretation der antiken\nLiebesgeschichte um Daphnis und Chloe, und \u201eDer goldene Pavillon\u201c (1956)\nhervor. Hierin erz\u00e4hlt Mishima von dem authentischen Fall des Priesteranw\u00e4rters\nMizoguchi, der im Nachkriegsjapan einen der sch\u00f6nsten buddhistischen Tempel,\nder den Bombenhagel im Zweiten Weltkrieg unbeschadet \u00fcberstanden hat, anz\u00fcndet:\n\u201eDie au\u00dfergew\u00f6hnliche Klarheit des Fr\u00fchlingshimmels erschien mir manchmal wie\nder Glanz der k\u00fchlen Klinge einer Axt, gro\u00df genug f\u00fcr die ganze Erde. Ich\nwartete nur, dass sie herniedersausen w\u00fcrde\u201c, hei\u00dft es in dem Ideenroman.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenngleich\ner sich nicht im Psychogramm eines Brandstifters ersch\u00f6pft, den der\nSchriftsteller eigens im Gef\u00e4ngnis besuchte, sind die menschlichen Schw\u00e4chen\ndes Helden nicht ohne Bedeutung: Mizoguchi stottert und findet sich h\u00e4sslich.\nEr erf\u00e4hrt Ablehnung bei seinen Kameraden. Er ist in ein M\u00e4dchen verliebt,\nUiko, die ihn verschm\u00e4ht und vor seinen Augen von ihrem Liebhaber erschossen\nwird. Schlie\u00dflich findet Mizoguchi zwei Freunde: den freundlichen,\nwohlwollenden Tsurukawa und den zynischen Kashiwagi, einen ebenfalls gehandicapten\nMitsch\u00fcler, von dem er mit d\u00fcsteren Obsessionen manipuliert wird. <\/p>\n\n\n\n<p>Es sind\ndies, wenn man so will, die Zutaten eines klassischen Bildungsromans,\nallerdings vor einem radikal-pessimistischen Hintergrund. Frauen beispielsweise\ntreten hier vornehmlich in Gestalt von Prostituierten auf. Der Abt des Tempels,\nRoshi, vergn\u00fcgt sich gern mit ihnen, was ihm die Verachtung des Erz\u00e4hlers\neintr\u00e4gt. \u201eIn den Irrungen des Z\u00f6glings kondensieren Verblendung, politischer\nWahn, Suche nach dem Absoluten, Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung und\nMinderwertigkeitsgef\u00fchle\u201c, erkennt Dirk Fuhrig im <em>DLF<\/em> <em>Kultur<\/em>. Das Buch zeige,\nwie sich ein junger Mensch in eine fixe Idee verrennt und aus seiner einsamen\nWelt nicht mehr herauskommt. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eder Himmel voll mit sch\u00f6nen, jungen\nMenschen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Durch seine steigende Popularit\u00e4t war Mishima h\u00e4ufig auf Reisen und lernte fremde Kulturen kennen, die er in seine Arbeit einflie\u00dfen lie\u00df. So wohnte er 1952 einige Zeit in Griechenland und 1957 in den USA. Verbittert und unvermittelt brach er seinen Aufenthalt am Silvestertag ab: Ihn h\u00e4tten Selbstsucht und die Fixierung auf Materielles ange\u00f6det, wie sein englischer \u00dcbersetzer Donald Keene mit Blick auf das nicht ins Deutsche \u00fcbersetzte&nbsp; \u201eReisebilderbuch\u201c Mishimas feststellt. Nach kurzer Verlobung mit der Anglistin Michiko Sh\u014dda, die danach Kaiser Akihito heiraten sollte, nahm Mishima 1958 Yoko Sugiyama zur Frau, mit der er zwei Kinder hatte. Die Unklarheit \u00fcber Mishimas sexuelle Orientierung war ein laufender Konflikt zwischen ihm und seiner Ehefrau, die bis nach seinem Tod verneinte, dass Mishima jemals Interesse am eigenen Geschlecht gehabt habe. Im Jahre 1998 ver\u00f6ffentlichte der japanische Autor Jiro Fukushima einen Brief, in dem er eine sexuelle Aff\u00e4re mit Mishima beschreibt. Dessen Kinder verklagten Fukushima daraufhin erfolgreich auf Unterlassung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5319\"\/><figcaption>Mishima bei der Linken-Debatte. Quelle: https:\/\/philipbrasordotcom.files.wordpress.com\/2020\/03\/184260_1.jpg?w=640<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Literarisch\nn\u00e4herte sich Mishima erstmals 1960 politischen Themen an. Der Roman \u201eNach dem\nBankett\u201c erz\u00e4hlt von den Verstrickungen eines Diplomaten in politische\nMachtstrukturen, zweifelhafte Geldgesch\u00e4fte und private Liebschaften. Die\nGeschichte beruht auf einem authentischen Fall \u2013 die Romanfigur ist an einen\nehemaligen liberalen Au\u00dfenminister Japans angelehnt. In der im selben Jahr\nerschienenen, wiederum auf realen Ereignissen basierenden Kurzgeschichte \u201ePatriotismus\u201c\nerkannte Daniel Napiorkowski vor zehn Jahren in der <em>Sezession<\/em> \u201eeine deutliche Verbeugung vor dem Ethos des japanischen\nSoldatentums\u201c. Beschrieben wird der letzte Abend eines jungen, frisch\nverheirateten Leutnants, der gemeinsam mit seiner Frau den Freitod w\u00e4hlt, um\nnicht gegen seine Kameraden \u2013 aufst\u00e4ndische Offiziere \u2013 vorgehen zu m\u00fcssen. In\nder f\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter unter seiner Regie entstandenen Verfilmung spielte\nMishima die Rolle des jungen Offiziers selbst. Inwieweit er hier sein Schicksal\nvorwegnahm, ist umstritten.<\/p>\n\n\n\n<p>In einem\nArtikel von 1962 schrieb er: \u201eIn der Bronzezeit betrug die durchschnittliche\nLebenserwartung der Menschen achtzehn Jahre; zur R\u00f6merzeit waren es\nzweiundzwanzig. Damals muss der Himmel voll gewesen sein mit sch\u00f6nen, jungen\nMenschen. In letzter Zeit muss es dort oben erb\u00e4rmlich aussehen.\u201c 1968, als\nnicht er, sondern Yasunari Kawabata den Literaturnobelpreis erhielt, gr\u00fcndete\ner eine paramilit\u00e4rische Vereinigung, die sogenannte \u201eSchildgesellschaft\u201c\n(Tatenokai), die sich ausschlie\u00dflich aus jungen Studenten rekrutierte und die\nf\u00fcr die R\u00fcckkehr der klassischen Kaiserherrschaft eintrat. Es war sein Versuch,\neine an \u00e4sthetischen Idealen und traditionellen japanischen Vorstellungen orientierte\nElite aufzubauen. Mishima machte die jungen M\u00e4nner mit den Tugenden des bushido\nvertraut, dem Verhaltenskodex der Samurai, unterrichtete sie in Karate sowie in\nSchwertkampf, lie\u00df eigene Uniformen schneidern, ein Wappen entwerfen und\nkreierte sogar eine eigene Hymne. <\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund der\nstrengen Aufnahmevoraussetzungen hatte die Schildgesellschaft niemals mehr als\nhundert Mitglieder, was Mishima nur recht war; er sprach von der \u201ekleinsten\nArmee der Welt und der gr\u00f6\u00dften an Geist\u201c. Die japanischen Medien beachteten\nMishimas private Miliz kaum, und wenn, dann nahmen sie sie als den Spleen eines\nexzentrischen Schriftstellers wahr, der eine \u201eSpielzeugarmee\u201c unterhielt. 1969\nnahm Mishima die Einladung radikaler linker Studenten zu einer\nPodiumsdiskussion an der Universit\u00e4t von Tokio an, deren verschollener\nMitschnitt im April 2020 wieder auftauchte. Es entwickelte sich ein teilweise\nrecht aggressives Streitgespr\u00e4ch, w\u00e4hrend dem Mishima seine politischen\nStandpunkte, insbesondere seine Verehrung des Kaisers bekr\u00e4ftigte, aber auch\nBer\u00fchrungspunkte zu den linken Studenten betonte. Er schloss seine Rede mit dem\nVersprechen: \u201eEines Tages werde ich aufstehen gegen das System, so wie ihr\nStudenten aufgestanden seid \u2013 aber anders.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLang lebe der Kaiser!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was er darunter verstand, wurde dann am 25. November 1970 sichtbar. Gemeinsam mit vier Mitgliedern seiner Privatarmee verschaffte er sich Zugang zum Hauptquartier der Streitkr\u00e4fte Ost in Tokio, nahm den kommandierenden Offizier, General Kanetoshi Mashita fest und machte zur Bedingungen seiner Freilassung, auf dem Balkon vor dessen B\u00fcro eine Rede zu halten. Es sei ihre Aufgabe, appellierte er an Hunderte im Hof der Kaserne versammelte Soldaten und Zivilangestellte, das durch die Herrschaft des Tenno repr\u00e4sentierte traditionelle Japan vor dem Zugriff des Westens zu sch\u00fctzen, und rief die Armee zur Besetzung des Parlaments und zur Wiedereinsetzung des Kaisers auf. Zu verstehen war von seinen Worten am Ende kaum etwas: Zu laut waren die herbeigeeilten Helikopter. \u201eSteht auf und sterbt!\u201c war allerdings deutlich vernehmbar. Mit der dreimal ausgesto\u00dfenen Formel \u201eLang lebe der Kaiser!\u201c beendete der Schriftsteller seinen Aufruf. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"317\" height=\"368\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5320\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-4.jpg 317w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-4-258x300.jpg 258w\" sizes=\"(max-width: 317px) 100vw, 317px\" \/><figcaption>Mishima bei seiner Ansprache. Quelle: https:\/\/im-wald-des-tapio.blogspot.com\/2010\/11\/hagakure-nyumon-zu-einer-ethik-der-tat.html<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was wie ein\nheroischer Akt des Patriotismus wirken sollte, endete als Farce. \u201eSie haben mir\nnicht einmal zugeh\u00f6rt\u201c, sagte er anschlie\u00dfend seinen im B\u00fcro des gefesselten\nMashita wartenden Gefolgsleuten. Beirren lie\u00dfen sich die Verschw\u00f6rer davon\nnicht, im Gegenteil. Nun begann der finale und ausgesprochen blutige Teil des\nvon langer Hand geplanten Spektakels: die rituelle Selbstt\u00f6tung Mishimas, auch\nSeppuku genannt. Er schlitzte sich mit einem Dolch den Bauch auf und lie\u00df sich\nvon seinem Gef\u00e4hrten Masakatsu Morita mit dem Schwert den Kopf abschlagen.\nUnmittelbar nach der blutigen Tat folgte Morita dem geliebten Meister auf\ndieselbe, ausgesprochen schmerzhafte Weise in den Tod. \u201eZeitlebens hat er in\nder Niederlage Japans und im erzwungenen Verzicht auf eine offensiv\nausgerichtete Streitmacht eine tiefe Dem\u00fctigung gesehen. Auch sein 1970\nvollzogener ritueller und grausamer Suizid l\u00e4sst sich als symbolischer Protest\ngegen die Unterwerfung seines Volkes lesen\u201c, bringt Martin Krumbholz im <em>WDR<\/em> das verbreitetste Deutungsmuster auf\nden Punkt.<\/p>\n\n\n\n<p>1968 hatte\nMishima in einem Interview ge\u00e4u\u00dfert, dass, anders als das westliche Bild des\nSelbstmords, der meist als Niederlage betrachtet werde, \u201eHarakiri einen\nmanchmal siegen l\u00e4sst\u201c. In seinem Abschiedsbrief an Keene schrieb er: \u201eEs war\nschon seit langem mein Wunsch, nicht als Literat, sondern als Soldat zu sterben\u201c.\nLaut der Biografie von Henry Scott Stokes hatte Mishima seinen Suizid bereits\nseit einigen Jahren geplant und seinen Todestag ein Jahr im Voraus festgelegt.\nSein Glaube an eine Erfolgsaussicht bez\u00fcglich der Restauration des\nKaiserreiches erscheint daher fraglich. Literarisch war er auf dem H\u00f6hepunkt\nseines Schaffens. Mit \u201eDie Todesmale des Engels\u201c \u2013 das Manuskript hierzu\nkorrigierte er noch am Vorabend seines Todes und adressierte es an seinen\nVerleger \u2013 beendete er sein monumentales, vierb\u00e4ndiges Epos \u201eDas Meer der\nFruchtbarkeit\u201c, an dem er die letzten sechs Jahre gearbeitet hatte &#8211; Namensgeber\nist eine Ger\u00f6llw\u00fcste auf dem Mond. Insgesamt schuf er mehr als 50 St\u00fccke und 30\nRomane.<\/p>\n\n\n\n<p>Er entfremdete sich zunehmend von einer Gesellschaft, die f\u00fcr Begriffe wie Ehre und Tradition immer weniger empf\u00e4nglich war, meint Napiorkowski: \u201eAlles Kommende h\u00e4tte dem Gesamtkunstwerk Yukio Mishima an Glorie genommen. Das Todesfanal aber vollendete es auf eine morbide Weise.\u201c Das Bild mit Mishimas abgetrenntem Kopf ging um die Welt. Sein Verh\u00e4ltnis zu anderen politisch rechtsstehenden Organisationen blieb von Desinteresse gepr\u00e4gt. Erst posthum entdeckten einige Gruppierungen aus dem Umfeld der japanischen \u201eNeuen Rechten\u201c die politische Strahlkraft Mishimas, allen voran die nationalistische Issuikai, die seit 1972 ein Heldengedenken mit anschlie\u00dfendem Besuch an Mishimas Grab veranstaltet. Sein Leben sowie seine Hauptwerke wurden nicht nur verfilmt, sondern auch musikalisiert, so in \u201eDas verratene Meer\u201c durch Hans Werner Henze. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/mishima-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5321\"\/><figcaption>Mishimas Grab. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/thumb\/2\/26\/Grave_of_Yukio_Mishima.jpg\/800px-Grave_of_Yukio_Mishima.jpg?1603812308193 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wie es um seine Rezeption \u2013 und den Zeitgeist \u2013 steht, machten 2019\/20 Leserdiskussionen deutlich, die sich unter Rezensionen deutscher Neu\u00fcbersetzungen seiner Hauptwerke \u201eGest\u00e4ndnis einer Maske\u201c und \u201eDer goldene Pavillon\u201c entsponnen. Die Neuauflage spr\u00e4che f\u00fcr einen Zeitgeist, \u201ein dem rechtsnationales Gedankengut wieder popularisiert wird\u201c, hie\u00df es etwa im <em>Tagesspiegel<\/em>. \u201eEs bleibt zu hoffen, dass uns eine Wiederauflage der Blut-und-Boden-Schundliteratur mit ihren l\u00e4cherlichen Heroisierungen des \u201am\u00e4nnlichen Kriegers\u2018 und des sogenannten Heldentods f\u00fcrs Vaterland erspart bleibt\u201c, kommentiert ein weiterer. Und ein dritter befindet: \u201eObwohl Faschist, ist er sicherlich keine Identifikationsfigur f\u00fcr simpel gestrickte hiesige rechtsradikale Dumpfbacken, dazu d\u00fcrfte seine Welt denen zu fern sein. Ich staune nur, mit welcher Unbedarftheit das hiesige unverd\u00e4chtige literarische Establishment (Kritik, Verlagswesen) diesem Autor gegen\u00fcbertritt.\u201c Das l\u00e4sst tief blicken und ist ein Armutszeugnis sowohl f\u00fcr das Niveau kulturellen Welt- und Selbstverst\u00e4ndnisses hierzulande als auch f\u00fcr den Zustand linkspolitischer Arroganz, die sich in alleinigem Wahrheitsbesitz w\u00e4hnt. <\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5313&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwischen \u201efaschistischem Aktivist\u201c und \u201ePerformance-Dandy\u201c bewegen sich seine Bewertungen: Yukio Mishima. 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