{"id":5376,"date":"2020-12-16T06:34:39","date_gmt":"2020-12-16T05:34:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5376"},"modified":"2020-11-26T13:39:31","modified_gmt":"2020-11-26T12:39:31","slug":"eine-ganz-ungebaendigte-persoenlichkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5376","title":{"rendered":"\u201eeine ganz ungeb\u00e4ndigte Pers\u00f6nlichkeit\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>F\u00fcrst Karl Lichnowsky geh\u00f6rte zu seinen gr\u00f6\u00dften G\u00f6nnern: er bewilligte\nihm eine Unterst\u00fctzung von 600 Gulden j\u00e4hrlich, die solange gezahlt werden\nsollte, bis er eine feste Anstellung als Musiker erlangt \u2013 was aber nie\ngeschah. Lichnowskys Zahlungen endeten infolge eines schweren Zerw\u00fcrfnisses,\nals er im Herbst 1806 zu Gast auf Schloss Gr\u00e4tz war und sich auf seine \u201etypische\nArt\u201c weigerte, f\u00fcr franz\u00f6sische Offiziere zu musizieren, die beim F\u00fcrsten zu\nBesuch waren. Nach zeitgen\u00f6ssischen Quellen hatte er \u201eden Stuhl schon\naufgehoben, um ihn auf des F\u00fcrsten Kopf in seinem eigenen Hause zu zerbrechen,\nnachdem der F\u00fcrst die Zimmerth\u00fcr, die B. nicht aufmachen wollte, zertreten\nhatte, wenn Graf Oppersdorf ihm nicht in die Arme gefallen w\u00e4re\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Diese typische Art hat auch Goethe nach nur wenigen Stunden ihres ersten und einzigen Treffens im Juli 1812 in Teplitz erkannt: \u201eSein Talent hat mich in Erstaunen gesetzt; allein er ist leider eine ganz ungeb\u00e4ndigte Pers\u00f6nlichkeit, die zwar gar nicht unrecht hat, wenn sie die Welt detestabel findet, aber sie freilich dadurch weder f\u00fcr sich noch f\u00fcr andre genu\u00dfreicher macht. \u2026 Ich begreife recht gut, wie er gegen die Welt wunderlich stehen mu\u00df.\u201c Der so Beschriebene teilte seinem Verleger nur mit: \u201eG\u00f6the behagt die Hofluft sehr, mehr als einem Dichter ziemt. Es ist nicht vielmehr \u00fcber die L\u00e4cherlichkeiten der Virtuosen hier zu reden, wenn Dichter, die als die ersten Lehrer der Nation angesehen sein sollten, \u00fcber diesem Schimmer alles andere vergessen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-23.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5442\"\/><figcaption>Beethoven. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Ludwig_van_Beethoven#\/media\/Datei:Beethoven.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Legend\u00e4r wurden aber auch seine Frauengestalten \u2013 mindestens zehn mehr\noder weniger langj\u00e4hrige Beziehungen haben seine Biographen nachgewiesen,\ndarunter zur minderj\u00e4hrigen S\u00e4ngerin Elisabeth R\u00f6ckel, f\u00fcr die er 1810 sein\nAlbumblatt \u201eF\u00fcr Elise\u201c komponierte. Die bezaubernde Gr\u00e4fin Josephine Deym k\u00f6nnte\nnicht nur die Mutter seines einzigen Kindes sein, einer Tochter, die sie Minona\nnannte (was r\u00fcckw\u00e4rts gelesen \u201eanonym\u201c hie\u00dfe), sondern 1812 auch die Adressatin\nseines Briefs an die \u201eUnsterbliche Geliebte\u201c, der mit der Anrede \u201eMein Engel,\nmein alles, mein Ich\u201c begann. Der Brief hat wegen des Fehlens unzweifelhafter\nAnhaltspunkte f\u00fcr die Identit\u00e4t der Adressatin zahlreiche und andauernde\nSpekulationen ausgel\u00f6st. Sein Verfasser war Ludwig van Beethoven, der am 17.\nDezember 1770 in Bonn getauft wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eLied an\neinen S\u00e4ugling\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Vater Johann war Tenor an der kurk\u00f6lnischen Hofkapelle sowie\nMusiklehrer und sollte mit seiner Frau Maria Magdalena sieben Kinder haben, von\ndenen nur drei das S\u00e4uglingsalter \u00fcberlebten. Ludwig war der zwei\u00e4lteste und\nhatte das musikalische Talent geerbt, das der Vater fr\u00fch erkannte \u2013 prompt\nwollte er aus ihm mit teilweise rabiaten Methoden einen zweiten Mozart machen.\nDie erste echte F\u00f6rderung erfuhr er durch den Hoforganisten Christian Gottlob\nNeefe. Schon als Kind lernte er Klavier, Orgel und Bratsche, trat mit sieben\nerstmals \u00f6ffentlich als Pianist auf und komponierte ab zw\u00f6lf bereits St\u00fccke mit\nlustigen Namen wie etwa das \u201eLied an einen S\u00e4ugling\u201c oder die \u201eElegie auf den\nTod eines Pudels\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Ludwigs Schulbildung ging \u00fcber Grundlegendes wie Lesen, Schreiben und Rechnen kaum hinaus. Zus\u00e4tzlich erhielt er aber zeitweise Privatunterricht in Latein, Franz\u00f6sisch und Italienisch. 1782 wurde er Stellvertreter Neefes an der Orgel, zwei Jahre sp\u00e4ter erhielt er eine feste Anstellung als Organist. Dar\u00fcber hinaus wirkte er als Cembalist und Bratschist in der Hofkapelle. Ende Dezember 1786 brach Beethoven vergebens zu einer Reise nach Wien auf, um Kompositionssch\u00fcler Mozarts zu werden. Wenige Wochen danach starb im Fr\u00fchjahr 1787 seine Mutter, der Vater wurde zum Trinker und konnte nicht mehr f\u00fcr seine drei S\u00f6hne sorgen. 1789 wurde er vom Dienst suspendiert und Ludwig die Verf\u00fcgungsgewalt \u00fcber die H\u00e4lfte der Pension des Vaters erteilt, wodurch ihm faktisch die Rolle des Familienoberhaupts zufiel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"483\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-24.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5444\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-24.jpg 483w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-24-242x300.jpg 242w\" sizes=\"(max-width: 483px) 100vw, 483px\" \/><figcaption>Der K\u00fcnstler als Kind, ca. 1783. Quelle: https:\/\/www.kinderzeitmaschine.de\/fileadmin\/user_upload\/Neuzeit\/Franzoesische_Revolution\/Beethoven_als_Kind.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1792 wurde ein zweiter Studienaufenthalt in Wien mit und bei Joseph Haydn\nvereinbart. Noch im November des Jahres brach Ludwig auf \u2013 und blieb f\u00fcr den\nRest seines Lebens. Denn im Dezember starb sein Vater, und als 1794\nfranz\u00f6sische Truppen das Rheinland besetzten und der kurf\u00fcrstliche Hof floh,\nwar ihm nicht nur der Boden f\u00fcr die R\u00fcckkehr nach Bonn entzogen, auch die\nGehaltszahlungen des Kurf\u00fcrsten blieben nun aus. Seine beiden Br\u00fcder folgten\nihm nach. In Wien fand er bald die Unterst\u00fctzung adliger Musikliebhaber,\ndarunter F\u00fcrst Lobkowitz und eben Lichnowsky, der ihn anfangs sogar bei sich\nwohnen lie\u00df. Das Verh\u00e4ltnis zwischen dem renommierten Lehrer Haydn und ihm war nicht\neinfach, er war mit Haydn als Lehrer unzufrieden und nahm heimlich Unterricht\nbei anderen, darunter Antonio Salieri in Gesangskomposition. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAllegro\ndi Confusione\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den ersten zehn Jahren in Wien entstanden allein 20 seiner 32 Klaviersonaten. Am 29. M\u00e4rz 1795 trat Beethoven mit seinem Klavierkonzert B-Dur op. 19 erstmals als Pianist an die Wiener \u00d6ffentlichkeit. Besonderes Aufsehen erregte er auch durch seine herausragende F\u00e4higkeit zum freien Fantasieren. 1796 unternahm der junge Virtuose eine Konzertreise nach Prag, Dresden, Leipzig und Berlin, die ein gro\u00dfer k\u00fcnstlerischer und finanzieller Erfolg wurde. Die von Lichnowsky initiierte Tournee folgte der Route der Reise, die der F\u00fcrst 1789 schon mit Mozart unternommen hatte. Die ersten Kompositionen, die Ludwig drucken lie\u00df, waren drei 1794\/95 entstandene Klaviertrios, die er mit der Opusnummer 1 versah. Zwischen 1798 und 1800 komponierte er, nach intensivem Studium der Quartette Haydns und Mozarts, eine erste Serie von sechs Quartetten, kurz darauf pr\u00e4sentierte er sich auch als Sinfoniker mit seinen ersten beiden Sinfonien. Schon 1800 rissen sich die Musikverlage um sein Musik: \u201eich fordere und man zahlt\u201c. Ein genialer Coup war sein erstes selbst veranstaltetes Konzert am 2. April 1800 im Hofburgtheater mit St\u00fccken von Mozart und Haydn neben seinen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"532\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-1024x532.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5445\"\/><figcaption>Noten der 1. Sinfonie. Quelle: https:\/\/cdn.shortpixel.ai\/client\/q_glossy,ret_img,w_1200\/https:\/\/www.michael-schoenstein.com\/wp-content\/uploads\/foto-noten-beethoven-1-c-dur-001-1200&#215;624.png<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Musik galt als neuartig, interessant, bewunderungsw\u00fcrdig \u2013 aber\nschwierig. Manche Werke, so hie\u00df es, verstehe man erst nach mehrmaligem H\u00f6ren.\nWertkonservativen Zeitgenossen war sie schon mal etwas \u00fcber. Ein Kritiker fand\n\u201edes Grellen und Bizzarren allzu viel\u201c, ein anderer h\u00f6rte nur noch \u201ewirklich\ngr\u00e4\u00dfliche Harmonie\u201c. Angeblich verstie\u00df Beethoven gegen das Sch\u00f6nheitsideal der\nNat\u00fcrlichkeit. 1828 befand ein Kritiker \u201eGewiss keine von allen jemals bekannt\ngemachten Sinfonien ist so kolossal und kraftvoll, so tief und kunstreich wie\ndie Zweite von Beethoven\u201c, ein anderer nannte sie dagegen immer noch \u201eein krasses\nUngeheuer\u201c. F\u00fcr ihn waren derlei Anw\u00fcrfe nicht mehr als \u201eM\u00fcckenstiche\u201c: l\u00e4stig,\naber vor\u00fcbergehend. Er beharrte darauf: \u201eWahre Kunst ist eigensinnig und l\u00e4sst\nsich nicht in schmeichelnde Formen zwingen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Leider legte sich auf seine Karriere ab 1797 ein Schatten: er wurde taub.\nHohe T\u00f6ne aus der Ferne h\u00f6rte er 1801 nicht mehr, dazu qu\u00e4lte ihn Tinnitus.\n\u201eNur die Kunst\u201c, schrieb er 1802 im \u201eHeiligenst\u00e4dter Testament\u201c, halte ihn vom\nSelbstmord ab. 1808 konnte er noch \u00f6ffentlich konzertieren. 1813 dirigiert er\ndie 7. Symphonie, ohne die leisen Stellen zu h\u00f6ren. Ab 1814 benutzte er\nH\u00f6rrohre, ab 1818 die \u201eKonversationshefte\u201c, in die seine Besucher ihre\n\u00c4u\u00dferungen schreiben, so dass er antworten konnte. \u00dcber 100 davon sind\nerhalten, \u201eeinzigartige Zeugnisse der Allt\u00e4glichkeiten des Verkehrs eines der\ngr\u00f6\u00dften Genien der Menschheit\u201c, so sein Biograph Walter Riezler. Bei der\nUrauff\u00fchrung der 9. Symphonie (1824) h\u00f6rte er den tosenden Applaus nicht mehr. <\/p>\n\n\n\n<p>Beim Komponieren beeintr\u00e4chtigte ihn die Schwerh\u00f6rigkeit aufgrund seines\nabsoluten Geh\u00f6rs nicht, am meisten litt Ludwig an der sozialen Isolation. Er\nwurde m\u00fcrrisch und argw\u00f6hnisch, neigte immer mehr zu sinnlosen Zornesausbr\u00fcchen\nund zog sich zunehmend von den Mitmenschen zur\u00fcck. Er galt als Sonderling mit\nwirren Haaren, der brummend durch die Gassen stapft und Noten in die Luft malt.\nDas hatte Auswirkungen bis in den Alltag hinein. Auf dem Fl\u00fcgel h\u00e4ufen sich\nNotenbl\u00e4tter und Staub, darunter steht ein voller Nachttopf, auf dem Tisch\nFr\u00fchst\u00fccksreste nebst halbleeren Weinflaschen, auf dem Boden gro\u00dfe Pf\u00fctzen von\nder Morgenw\u00e4sche: So berichten Besucher, und er selbst gab zu, sein Haushalt\nsei ein \u201eAllegro di Confusione\u201c. Haush\u00e4lterin und K\u00f6chin mussten her, deren\nErziehung allerdings wieder Unordnung in die Wohnung brachte: \u201eDie Nany ist\nganz umgewandelt, seit ich ihr das halb dutzend B\u00fccher an den Kopf geworfen. Es\nist wahrscheinlich durch Zufall etwas davon in ihr Gehirn geraten. Der Baberl\nwarf ich meinen schweren Sessel auf den Leib. Da hatte ich den ganzen Tag\nRuhe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ewacker\nherumtummeln\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Vage Heiratsabsichten sind erstmals Ende 1801 dokumentiert: Ein \u201eliebes zauberisches M\u00e4dchen\u201c, hinter dem sich wohl seine gr\u00e4fliche Klaviersch\u00fclerin Giulietta Guicciardi verbirgt, k\u00f6nne ihn gl\u00fccklich machen. Aber die sei nicht \u201evon meinem Stande\u201c, und au\u00dferdem m\u00fcsse er sich noch \u201ewacker herumtummeln\u201c. Sein Freund Franz Gerhard Wegeler schreibt: \u201eIn Wien war Beethoven immer in Liebesverh\u00e4ltnissen\u201c. Am Standesunterschied scheiterte auch die lange, komplexe Beziehung zur verwitweten Gr\u00e4fin Deym. Sehnlichst w\u00fcnschte sich Beethoven eine Familie. Nun sollte ein Freund ihm die Frau suchen. 1810 fand sich die Kaufmannstocher Therese Malfatti. Beethoven hatte schon die Papiere f\u00fcr die Trauung, als er die Absage erhielt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"522\" height=\"728\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-26.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5449\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-26.jpg 522w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-26-215x300.jpg 215w\" sizes=\"(max-width: 522px) 100vw, 522px\" \/><figcaption>Neffe Karl van Beethoven. Quelle: https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Karl_van_Beethoven#\/media\/File:Karl_van_Beethoven.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als anf\u00e4nglicher Anh\u00e4nger der Franz\u00f6sischen Revolution widmete er\nNapoleon seine 3. Sinfonie, die \u201eEroica\u201c. Nachdem sich Napoleon 1804 allerdings\nzum Kaiser gekr\u00f6nt hatte, l\u00f6schte Beethoven diese Widmung wutentbrannt aus dem\nTitelblatt der Partitur. Als 1808 K\u00f6nig Jer\u00f4me von Westfalen ihn f\u00fcr seinen Hof\nzu gewinnen sucht, setzten ihm drei Freunde und G\u00f6nner, darunter Erzherzog\nRudolf, ein Jahresgehalt von 4000 Gulden aus, um ihn in Wien zu halten. Im\nselben Jahr beendet er die 5., die Schicksalssinfonie: \u201eSo pocht das Schicksal\nan die Pforte\u201c, beschreibt er das legend\u00e4re Eingangsmotiv. Am 22. Dezember 1808\npackte er die F\u00fcnfte mit der Sechsten nebst anderen gewichtigen Werken in ein\nvierst\u00fcndiges Konzert in einem unbeheizten Theater. Das war dann selbst f\u00fcr\naufgeschlossene Besucher \u201edes Starken zu viel\u201c. Die gr\u00f6\u00dften Triumphe erntete er\nin den Festkonzerten zum Wiener Kongress 1815, wo neben Gelegenheitswerken\nseine 7. und 8. Sinfonie uraufgef\u00fchrt wurden. Im Jahre zuvor hatte er mit dem\numgearbeiteten \u201eFidelio\u201c gro\u00dfen Erfolg. Daraus stammt das musikalische\nPausenzeichen (\u201eEs sucht der Bruder seine Br\u00fcder\u201c), das jahrzehntelang im <em>DW<\/em>-H\u00f6rfunkprogramm zu h\u00f6ren war.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod seines Bruders Caspar 1815 erk\u00e4mpfte Beethoven vor Gericht\ndas alleinige Sorgerecht f\u00fcr seinen Neffen Karl, den er 1818 zu sich holt,\nvielleicht ein letzter, verzweifelter Versuch, so etwas wie eine Familie zu\nhaben. An ihm wollte er sein Ideal eines \u201eh\u00f6heren Menschen\u201c verwirklichen, ihn\nzu einem gro\u00dfen K\u00fcnstler oder Gelehrten machen. Das Erziehungsprojekt scheiterte.\nKarl, der einfach nur Soldat werden wollte, war hoffnungslos \u00fcberfordert und\nlitt an der fast schon psychotischen Bevormundung durch den Onkel. 1826\nversuchte er, sich zu erschie\u00dfen. Nicht unzutreffend erkl\u00e4rte er: \u201eIch bin\nschlechter geworden, weil mich mein Onkel besser haben wollte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er war Perfektionist, komponierte nicht f\u00fcr seine Zeitgenossen, sondern f\u00fcr die Nachwelt. Immer wieder feilte er, \u00fcberarbeitete und korrigierte die Partituren bis sp\u00e4t in die Nacht. Bei dieser Sorgfalt verwundert nicht, dass er manche St\u00fccke, gerade Auftragskompositionen, zu sp\u00e4t fertig stellte. Die \u201eMissa Solemnis\u201c, eine grandiose Messe zur Inthronisation des Erbbischofs von Olm\u00fctz 1820, wurde erst 1823 fertig. Im Jahr danach folgte dann der H\u00f6hepunkt seines Schaffens: am 7. Mai fand im Theater am K\u00e4rntnertor die Urauff\u00fchrung der 9. Sinfonie statt. Geleitet von Kapellmeister Michael Umlauf, stand Ludwig mit ihm zur Unterst\u00fctzung am Dirigentenpult. Einen Chor hatte es in einer klassischen Sinfonie bis dato nicht gegeben, der Applaus war frenetisch. Umso mehr \u00e4rgerte ihn der billige Ring, den Preu\u00dfenk\u00f6nig Friedrich Wilhelm III. f\u00fcr die Widmung des Jahrtausendwerks zu schicken geruhte: Er hat ihn gleich verscherbelt. Die Zahl Neun in Bezug auf Sinfonien schien die Nachwelt zu pr\u00e4gen: Gustav Mahler oder Anton Bruckner etwa kamen \u00fcber eine neunte Symphonie nicht hinaus.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-27-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5453\"\/><figcaption> 9. Sinfonie in der Christuskirche Karlsruhe. Quelle: https:\/\/provocal.eu\/wp-content\/uploads\/2018\/01\/2018-01-27_Beethoven_Foto-Bernadette-Fink_web-1024&#215;683.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach 1945 nahm das Gewandhausorchester in Leipzig seine Tradition wieder\nauf, das Silvesterkonzert mit Beethovens Neunter zu beenden. Seit 1972 gelten\ndie einschl\u00e4gigen 16 Takte (\u201eFreude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken\u201c) als \u201eEuropahymne\u201c. Zehn\nJahre zuvor hatten dieselben Takte den englischen Schriftsteller Anthony\nBurgess und mehr noch 1971 den amerikanischen Filmregisseur Stanley Kubrick zu\ng\u00e4nzlich anderen Assoziationen verleitet: In \u201eA Clockwork Orange\u201c sind sie der\ndynamisierende Begleitsound zu Vergewaltigung und Totschlag. Die Sinfonie hat\n1982 auch die Entwicklung der CD mit einer Speicherkapazit\u00e4t von 80 Minuten\nbeeinflusst: Herbert von Karajan, der von Produktentwicklern dazu befragt\nwurde, sagte, dass es m\u00f6glich sein m\u00fcsse, Beethovens Neunte an einem St\u00fcck zu h\u00f6ren.\nUnd im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, dirigierte der amerikanische\nSuperstar Leonard Bernstein die 9. Sinfonie im Ostberliner Konzerthaus am\nGendarmenmarkt mit einem Orchester, das Musiker aus Ost und West vereinte. Das\nKonzert wurde in 20 L\u00e4nder \u00fcbertragen. Die Originalpartitur wurde 2001 als\nerste Komposition Weltkulturerbe. 2003 versteigerte Sothebys die von Beethoven\nkorrigierte Druckvorlage f\u00fcr drei Millionen Euro.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSchade,\nschade \u2013 zu sp\u00e4t!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit der Urauff\u00fchrung war Ludwig bereits ersch\u00f6pft und von der Leberzirrhose gezeichnet, an der er letztlich sterben wird. Sein letztes Werk, das f\u00fcnfte einer Serie von Streichquartetten, vollendete er 1826. Pl\u00e4ne wie eine dritte Messe, eine zehnte Sinfonie oder ein Oratorium blieben ungeschrieben \u2013 rund 240 Werke sind von ihm \u00fcberliefert. Die Bauchwassersucht machte ihm die letzten drei Monate zur Qual. Mehr zum Trost als zur Heilung verschrieb ihm der Arzt eine Kiste Rheinwein, deren Ankunft er sehnlich erwartete. Beethoven war nicht zwingend ein klassischer Alkoholiker, und eine Leberzirrhose kann auch andere Ursachen haben. Aber er trank sicher mehr, als ihm gut tat: Ein Fl\u00e4schchen zum Essen, ein paar Fl\u00e4schchen unter Freunden\u2026 Auch bleihaltigen Billigwein verschm\u00e4hte er nicht: Wei\u00dfwein wurde von den Winzern damals mit Bleizucker statt mit teurem Rohrzucker ges\u00fc\u00dft. Die \u00c4rzte schufen ihm noch manche Erleichterung, so dass er immer noch Besuche von Freunden empfangen konnte. Zu retten war er nicht mehr. Er wusste um seinen Zustand, machte sein Testament zugunsten des Neffen und lag schon im Sterben, als die Kiste endlich eintraf. Seine letzten Worte sollen gewesen sein: \u201eSchade, schade \u2013 zu sp\u00e4t!\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"338\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-28-1024x338.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5456\"\/><figcaption>Beethovens Begr\u00e4bnis. Quelle: https:\/\/www.sepulkralmuseum.de\/ressources\/images\/leichenzug_1591800069_SUPERHERO_xl.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er starb am 26. M\u00e4rz 1827 w\u00e4hrend eines Schneegewitters. Die Obduktion\nergab eine stark geschrumpfte Leber, \u201elederartig fest, gr\u00fcnlichblau gef\u00e4rbt\u201c;\nsp\u00e4ter wird an Knochenst\u00fccken seines Sch\u00e4dels auch eine abnorm hohe\nBleikonzentration gemessen. Am Tag seiner Beerdigung blieben die Schulen in\nWien geschlossen, mindestens 20.000 Menschen gaben ihm das letzte Geleit. Franz\nGrillparzer hielt die Grabrede. Unter den Musikern, die Fackeln tragend den\nSarg umgaben, war der j\u00fcngste Franz Schubert &#8211; der ihm schon nach einem Jahr in\nden Tod folgte. \u201eWas in den Herzen der Menschen lebt, ist die Gewalt des\nmenschlichen Ausdrucks in seiner Musik, aus der ein unendlicher Reichtum an Gef\u00fchlen\nauf den H\u00f6rer eindringt, und damit verbunden das &#8211; freilich sehr verzeichnete &#8211;\nBild des Menschen, des einsamen \u201atauben Musikers\u2018, der mit dem Schicksal\nringt\u201c, bilanziert Riezler. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinem Aufbegehren gegen die Form, seiner Konzentration auf die pers\u00f6nliche Aussage in der Musik, seinem dramaturgischen Komponieren und der Wahl kurzer Motive mit hohem Wiedererkennungswert vollendete der Rebell die Klassik und schlug die Br\u00fccke zur Romantik. Mit ihm beginne die \u201eVervollkommnung der Tendenz zu deutscher Einsamkeit\u201c, befand Carl Schmitt: \u201eSeitdem die Instrumente reden, k\u00f6nnen die Menschen nicht mehr reden; ein stummes, musikalisches Volk.\u201c Neben Romanen und Gedichten thematisierten zahlreiche B\u00fchnenst\u00fccke und Filme das Leben des Komponisten, der unter anderem von Karlheinz B\u00f6hm, Donatas Banionis, Gary Oldman, Ian Hart und Ed Harris verk\u00f6rpert wurde. Anl\u00e4sslich des runden Jubil\u00e4ums hatten die Bundesrepublik, das Land Nordrhein-Westfalen, der Rhein-Sieg-Kreis und die Bundesstadt Bonn eine Beethoven Jubil\u00e4ums gGmbH gegr\u00fcndet, die das ganze Jahr lang Ausstellungen, Konzerte, Performances und Kongresse organisierte \u2013 die im Corona-Lockdown versandeten. Im weltweiten Klassikranking f\u00fchrt er immer noch vor Mozart und Bach die Liste der meistgespielten Komponisten an, \u00fcber 13% aller klassischen Konzerte rings auf der Erde hatten 2019 ein Werk von Beethoven im Programm.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5376&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In Bonn wurde gleich das ganze Jahr nach ihm benannt: Ludwig von Beethoven. Der noch immer meistgespielte Komponist der Welt w\u00fcrde nun seinen 250. 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