{"id":5379,"date":"2020-12-23T06:36:59","date_gmt":"2020-12-23T05:36:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5379"},"modified":"2020-11-26T13:54:14","modified_gmt":"2020-11-26T12:54:14","slug":"ich-verpuffe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5379","title":{"rendered":"\u201eIch verpuffe\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Ob ihn erfreut h\u00e4tte, dass die Deutsche Post eine Briefmarkenserie mit\nf\u00fcnf Motiven von ihm auflegte, ist wohl fraglich. Die Sache mit dem Krokodil\naber h\u00e4tte ihm sicher gefallen. Fast sechs Meter lang, lebte es vor etwa 164\nMillionen Jahren und war \u201eeine der b\u00f6sesten Kreaturen, die jemals die Erde\nbewohnt haben\u201c, sagte die Londoner Museumskuratorin Lorna Steel <em>dpa<\/em>. Lemmysuchus obtusidens wurde das\ngigantische Reptil getauft. Auch ein Asteroid und ein ausgestorbener Wurm sind\nnach ihm benannt worden, nicht aber eins von vier neuen superschweren Elementen\ndes Periodensystems. Eine Petition, die dazu aufrief und \u00fcber 150.000\nUnterst\u00fctzer fand, begr\u00fcndete das so: \u201eLemmy war eine Naturgewalt und\nverk\u00f6rperte das Wesen des Heavy Metal\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Er galt als einer der Pioniere der Gegenkultur und seltenen Vertreter der letzten authentischen Rocker-Generation: Der <em>Spiegel <\/em>sieht in ihm \u201eeinen britischen Exzentriker, der seinen Feinsinn und seine Sanftmut hinter m\u00e4chtigen Verst\u00e4rkern und martialischen Zeichen verbarg.\u201c 2014 befragt, ob er sich nun endlich auf der B\u00fchne das Recht erworben habe, Ohrenst\u00f6psel zu tragen, antwortete er: \u201eWenn man sich entscheidet, diese Art L\u00e4rm zu machen, hat man eine gewisse Verantwortung. Nur andere Menschen zuzudr\u00f6hnen und sich selbst fein rauszuhalten gilt nicht. Ohrenst\u00f6psel sind unfair.\u201c Und er galt als belesener, ja mindestens freizeitphilosophischer Freigeist, der mit lockeren Spr\u00fcchen wie diesem \u00fcberraschen konnte: \u201eEinen Kater vermeidest du am besten, indem du nie aufh\u00f6rst zu trinken.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-29-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5458\"\/><figcaption>Lemmy 2015. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Lemmy_Kilmister#\/media\/Datei:Mot%C3%B6rhead_-_Rock_am_Ring_2015-0343.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Band nannte er Mot\u00f6rhead \u2013 f\u00fcr die <em>New York Times<\/em> die lauteste der Welt, 140 dB wurden auf manchen\nKonzerten gemessen. Dabei blieb er Realist: \u201eWir sind an der\nSpitze der zweiten Liga, und das reicht mir vollkommen.\u201c Die Musik\nbezeichnete er einmal als \u201eUnfall, bei\ndem Motorrad, Auto und Bulldozer aufeinander krachen. Nur der Motorradfahrer\n\u00fcberlebt.\u201c Markus Lanz schockte er im <em>ZDF<\/em>\nmit der Beschreibung \u201eMeine Musik h\u00f6rt sich an wie der dritte Weltkrieg in\neiner Telefonzelle.\u201c Mit dem \u00f6 in Mot\u00f6rhead wollte er niemanden \u00e4rgern: \u201eEs sah\neinfach gemeiner aus. Deutscher.\u201c Die Kriegs- und Deutschenmetaphorik war\nseiner Herkunft geschuldet und sollte ihn zeitlebens nicht nur musikalisch\npr\u00e4gen: Bandleader Lemmy Kilmister. Am 24. Dezember 1945 kam er in\nStoke-on-Trent zur Welt: Als \u201eChristkind des Hardrock\u201c, hei\u00dft es sp\u00e4ter.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMacht\nist Versuchung\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seine Mutter war Bibliothekarin, sein leiblicher Vater Feldkaplan der\nRoyal Air Force im Zweiten Weltkrieg: \u201eMein Vater wollte ein Kind zeugen, bevor\ner in den Krieg zog. Ich bin, so gesehen, eine direkte Konsequenz des Kriegs.\u201c\nEr verlie\u00df die Familie drei Monate nach Lemmys Geburt: \u201eEr hat den Soldaten\nfromme Spr\u00fcche vorgebetet und Werte gepredigt, die er dann selber nicht gelebt\nhat\u201c, \u00e4rgert er sich noch Jahrzehnte sp\u00e4ter. Religion h\u00e4lt er zeitlebens f\u00fcr\neinen Fehler: \u201eUnd zwar alle Religionen. Es ist wie mit den Politikern: Die\nPartei ist v\u00f6llig egal. Sobald sie an der Macht sind, vermasseln sie es. Macht\nist Versuchung. Und Priester und Politiker sind eben auch nur Menschen.\u201c Und\n\u00fcberhaupt: \u201eGott kommt sowieso nie vorbei. Er zeigt sich h\u00f6chstens in der\nMusik, die er Auserw\u00e4hlte schreiben l\u00e4sst. Etwa Beethoven.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Seine fr\u00fcheste Erinnerung beschreibt er augenzwinkernd: \u201eIch steh im Laufstall, klammere mich an den St\u00e4ben fest und br\u00fclle. Ich muss wohl geprobt haben\u201c. Kilmister besuchte die Grundschule in Madeley, einem Dorf nahe seiner Geburtsstadt. \u201eIch wurde von meiner Mutter und meiner Oma gro\u00dfgezogen, sie lehrten mich, h\u00f6flich zu Frauen zu sein und ihnen mit Respekt zu begegnen\u201c. Mit zehn Jahren zog er nach Benllech, einem Seebad auf der zu Wales geh\u00f6renden Insel Anglesey, wo seine Mutter den ehemaligen Profifu\u00dfballer und Fabrikanten George Willis geheiratet hatte. 1957 nahm Kilmister erstmals eine Gitarre in die Hand, es war die Hawaiigitarre seiner Mutter, weil er damit den M\u00e4dchen seiner Schule imponieren wollte. Er hatte nie Gitarrenunterricht, sondern brachte sich das Spielen selber bei.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"682\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-30-1024x682.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5460\"\/><figcaption> Pal\u00e4oart-Rekonstruktion von Lemmysuchus obtusidens. Quelle: https:\/\/www.augsburger-allgemeine.de\/img\/wissenschaft\/crop42344711\/1689678073-cv3_2-w1880\/Palaeoart-Rekonstruktion-von-dem-Meereskrokodil-Lemmysuchus-obtusidens.jpg<br> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nachdem Kilmister mit 15 Jahren ohne Abschluss der Schule verwiesen\nworden war, jobbte er in einer Fabrik am Flie\u00dfband und in einer Reitschule: \u201eIch\nbesa\u00df eine Farm in Wales mit zwei Hengsten, die ich f\u00fcr 34 Pfund gekauft und\nselbst zugeritten hatte. Dann h\u00f6rte ich Little Richard, verkaufte die Pferde,\nund los ging\u2018s.\u201c Er erkannte, dass Rock\u2018n\u202fRoll ihm die Chance bot, einem\neint\u00f6nigen Leben in der Provinz zu entkommen und ein Abenteuer mit offenem\nAusgang zu beginnen. Mit 16 verlie\u00df er sein Elternhaus und zog nach Manchester,\nwo er bei verschiedenen Bands spielte. Seine erste eigene Truppe, die \u201eRockin\u2018\nVickers\u201c, mit der er drei Singles aufnahm, brachte es zu einigem lokalen\nErfolg.<\/p>\n\n\n\n<p>1967 traf Kilmister in London ein, wohnte im Haus der Mutter des sp\u00e4teren\n\u201eRolling Stones\u201c-Gitarristen Ron Wood, teilte sich eine Wohnung mit Noel\nRedding, dem Bassisten von \u201eJimi Hendrix Experience\u201c, und hielt sich zun\u00e4chst\nmit Gelegenheitsjobs \u00fcber Wasser, unter anderem als Roadie bei Hendrix und Keith\nEmersons \u201eThe Nice\u201c. Nach Gastauftritten etwa bei P.P. Arnold wurde er 1968\nS\u00e4nger bei \u201eSam Gopal\u201c, mit der er 1969 das Album \u201eEscalator\u201c aufnahm, f\u00fcr das\ner einige Songs unter dem Namen \u201eIan Willis\u201c beisteuerte, dem Nachnamen seines\nStiefvaters. Das Projekt scheiterte wie auch sein n\u00e4chstes \u201eOpal Butterfly\u201c.\n1971 bekam er dann Kontakt zur Spacerockband \u201eHawkwind\u201c, wollte als Gitarrist\neinsteigen \u2013 und wurde schlie\u00dflich neuer Bassist. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei verhalf ihm ein Zufall zu seinem ersten Instrument: \u201eEs war ein\ndeutsches Instrument, ein Bass von \u201aHopf\u2018. Del Dettmar, der Keyboarder von\nHawkwind hat ihn am Flughafen Heathrow bei einem Preisausschreiben gewonnen.\nSeitdem bin ich Bassist &#8211; was f\u00fcr ein Zufall.\u201c Sp\u00e4ter bevorzugte er Instrumente\nvon Rickenbacker, die er selbst \u201eRickenbastard\u201c nannte. In dieser Zeit soll\nsein Spitzname Lemmy entstanden sein: der oft exzessive Spieler litt an\nchronischer M\u00fcnzknappheit und ging seine Kollegen mit den Worten \u201eCan you\nlem\u2019me five?\u201c oder \u201eLemme a fiver\u201c (\u201eKannste mir \u2019nen F\u00fcnfer leihen?\u201c) um Geld\nan. In seiner Autobiographie \u201eWhite Line Fever\u201c (M\u00fcnchen 2006) erkl\u00e4rt er\nallerdings, dass er bereits als zehnj\u00e4hriger Grundsch\u00fcler diesen Spitznamen\nerhalten habe. Er sang die erfolgreichste Single der Band, \u201eSilver Machine\u201c,\ndie bis auf Platz 2 der Charts gelangte \u2013 und wurde 1975 vom Management\ngefeuert, nachdem er wegen Drogenbesitzes durch den kanadischen Zoll\nfestgenommen worden war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeine\nHiobsbotschaft\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Irgendwann im Sommer desselben Jahres gr\u00fcndete er seine eigene Band, da konnte ihn niemand feuern, und wollte sie \u201eBastard\u201c nennen. Auf Anraten seines Managers, der ihm sagte, dass er damit kaum ins Fernsehen k\u00e4me, benannte er sie in Anlehnung an den Titel des letzten Songs, den er f\u00fcr \u201eHawkwind\u201c geschrieben hatte, um. Bis zu seinem Tod war die Band mit ihm als musikalischem Kopf aktiv; die letzten 23 Jahre in konstanter Besetzung. Weil die drei Mot\u00f6rhead-Musiker &#8211; Kilmister, Gitarrist Phil Campbell und Schlagzeuger Mikkey Dee &#8211; auf den Tourneen so viel Zeit miteinander verbrachten, gingen sie sich ansonsten aus dem Weg, wann immer es ging. Alle drei hatten eigene Garderoben und im Tourbus ihre eigene Ecke.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"708\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-31-1024x708.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5461\"\/><figcaption>Mot\u00f6rhead 2015. Quelle: https:\/\/www.rollingstone.de\/wp-content\/uploads\/2016\/12\/07\/14\/getty-motorhead-463000442.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor jedem Auftritt trat der Mann in Schwarz mit den hohen Cowboystiefeln,\ndem Eisernen Kreuz oder Indianerkunsthandwerk um den Hals, mit den markanten\nFibromen, dem unverwechselbaren Westernbackenschnauzer, dem schnurgeraden\nlangen Haar unter einem Cowboyhut und der Pik-Ass-T\u00e4towierung auf dem Arm an\nden Mikrofonst\u00e4nder und erkl\u00e4rte allen, auch denen, die es schon wussten: \u201eWe\nare Mot\u00f6rhead. We play Rock and Roll.\u201c Ihrem Klang war die Band \u00fcber die Jahre\nund die 22 Alben, die sie ver\u00f6ffentlichte, immer treu. Rau musste es sein und\nschnell. \u201eIch kann Heavy\nMetal eigentlich nicht leiden\u201c, sagte Kilmister. \u201eDie Beatles sind die beste\nBand.\u201c Manche Marketing-Gags seiner Truppe wurden legend\u00e4r, etwa Babystrampler mit Logo und dem Aufdruck\n\u201eEverything Louder than Everything Else\u201c oder Kondome \u201eGo to Bed with\nMot\u00f6rhead\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Bass, den er wie eine Rhythmusgitarre spielte, korrespondierte dabei mit seiner Stimme, die genauso klang, wie er lebte, nach Zigaretten und Whiskey. Kilmister hat die Freiheiten, die ihm seine Karriere bot, genossen. Einmal behauptete er von sich, dass er seit seinem 30. Geburtstag jeden Tag eine Flasche Whiskey getrunken habe: \u201eWenn ich ins R\u00f6hrchen puste, w\u00fcrde das Ger\u00e4t wahrscheinlich zu Staub zerfallen.\u201c In Interviews war das Glas mit der Jack-Daniels-Cola-Mischung sein st\u00e4ndiger Begleiter. Sex, Drogen, Alkohol, Nikotin \u2013 Lemmy nahm alles mit; au\u00dfer Heroin, das er hasste, weil seine gro\u00dfe und einzige Liebe mit 19 daran zugrunde gegangen war. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"786\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-32-1024x786.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5464\"\/><figcaption>Lemmys Sammlung. Quelle: https:\/\/www.schnittberichte.com\/schnittbericht.php?ID=353700 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Obwohl\nkolportiert wird, dass er tausend Frauen gehabt habe, wird er nie heiraten,\nallerdings mit zwei Frauen zwei S\u00f6hne bekommen. Der eine, Paul, arbeitet in den USA als Musiker und\nProduzent; beide sehen sich gelegentlich. \u00dcber den Verbleib seines anderen\nSpr\u00f6sslings wei\u00df er nicht viel: \u201eMein anderer Sohn ist ein Jahr j\u00fcnger und\nwohnt, glaube ich, noch in England\u201c, erz\u00e4hlt er dem <em>Spiegel<\/em>. \u201eIch bin mir aber nicht sicher. Ich habe ihn nie\ngetroffen, weil er direkt nach der Geburt zur Adoption freigegeben wurde. Die\nMutter war damals 15. Das war vielleicht eine Hiobsbotschaft&#8230;\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWir\nm\u00f6gen die b\u00f6sen Buben\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kilmister hatte manche Eigenart. Oft stieg er, w\u00e4hrend die\nKonzertbesucher schon in die Halle eingelassen wurden, mit einem Beutel M\u00fcnzen\nin ein Taxi und lie\u00df sich zu einem Spielcasino fahren. Dort verdaddelte er das\nKleingeld an Automaten. Zwei Stunden sp\u00e4ter, wenn die Vorgruppen ihren Auftritt\nbeendet hatten, kam er zur\u00fcck und trat auf. Auch positionierte er sein Mikrofon\nstets etwas zu hoch, sodass er seinen Kopf w\u00e4hrend der Gesangspassagen anheben\nmusste. Das war ein Markenzeichen seiner B\u00fchnenpr\u00e4senz, diente nach seinen\nAussagen der Bequemlichkeit und sollte ein Relikt aus den Anfangstagen sein,\nals die Band nur wenige Zuschauer hatte und er \u201eso das Elend im Publikum nicht\nmitansehen musste\u201c. Der erfolgreichste Song der Band war \u201eAce of Spades\u201c vom\ngleichnamigen Album aus dem Jahr 1980. 25 Jahre sp\u00e4ter gab\u2018s f\u00fcr eine\nMetallica-Adaption den einzigen Grammy.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Inhalte der Songs waren dabei trotz mancher Monotonie und erst recht Lautst\u00e4rke nie zu vernachl\u00e4ssigen. Lemmy war ein durchaus politischer Mensch, der in den Texten Themen wie Religion (\u201eDon\u2018t Need Religion\u201c, \u201eBad Religion\u201c), Kindesmissbrauch (\u201eDon\u00b4t let Daddy kiss me\u201c) und vor allem Krieg (\u201e1916\u201c) aufgriff. Diesen unpathetisch-melancholischen Song, in dem ein schwerverletzter Soldat in der Schlacht an der Somme in Dreck, Blut und Eingeweiden nach seiner Mutter schreit, die jedoch nie kommt, singt er nur begleitet von einer Orgel, dem Marschrhythmus eines Schlagzeugs und im Mittelteil von einem klagenden Cello. Das Kriegsthema war nicht nur eine Eigenart: \u201eDer Zweite Weltkrieg\u201c antwortet er der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em> auf die Frage, welche die tief gehende Katastrophe in seinem Leben war, auf die seine Musik die logische Antwort ist. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-33.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5465\"\/><figcaption>Lemmys zweite Leidenschaft. Quelle: https:\/\/classicrock.net\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/lemmy-mot%C3%B6rhead-clean-your-clock-press.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Besch\u00e4ftigung mit diesem Geschichtskapitel kann man fast manisch\nnennen. Seine Wohnung ist vollgestopft mit Andenken und Troph\u00e4en aus\nHitlerdeutschland, darunter einem Aschenbecher von Eva Braun und einem Jagdmesser\nvon Hermann G\u00f6ring: \u201eKultur ist alles, was das Bewusstsein der Bev\u00f6lkerung\nerweitert\u201c. In Deutschland bekam er polizeilichen \u00c4rger: \u201eAuf einem\nZeitungsfoto trug ich einen Nazi-Hut. Ich wusste aber nicht, dass der Kram in\nDeutschland verboten ist. Eigentlich ist das ja logisch. Aber die B\u00f6sen haben\nnun mal einfach die sch\u00f6neren Uniformen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Er fand nichts dabei, auf einer Kost\u00fcmparty in Hollywood in voller SS-Uniform\naufzutreten. Hitler war f\u00fcr ihn \u201eder zwingende Redner des zwanzigsten\nJahrhunderts. Nach Hitlers Charisma kam nur noch Ozzy Osbourne, aber &#8211; Ozzy\nkann singen!\u201c Die <em>S\u00fcddeutsche Zeitung<\/em>\nfragte Lemmy direkt: \u201eWeshalb lieben die Engl\u00e4nder Hitler so wahnsinnig?\u201c Seine\nAntwort: \u201eWir m\u00f6gen die b\u00f6sen Buben. Du m\u00f6chtest nichts \u00fcber langweilige\nLandwirtschaftsreformen h\u00f6ren. Du willst, dass Mackie Messer wieder zuschl\u00e4gt.\u201c\nSein Lieblingsmoment im Zweiten Weltkrieg war: \u201eAls sie Frankreich \u00fcberrannten.\nIn nur drei Wochen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;\u201eetwas ruhiger angehen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1990 hatte er sich in Los Angeles niedergelassen, in einem Zweizimmer-Apartment gegen\u00fcber seiner geliebten \u201eRainbow Bar\u201d am Sunset Boulevard 9015, in dem er bis zuletzt wohnte: \u201eIch kann nicht 30 Zimmer bewohnen, Mann! Stress! In 28 Zimmern herrscht dann Totenstille. Wozu?\u201c Oft wurde er erkannt und um Selfies gebeten: \u201eWenn man sich sein ganzes Leben lang w\u00fcnscht, ber\u00fchmt zu sein, dann sollte man auch nicht anfangen zu meckern, wenn man es dann ist\u201c, sagte er der <em>Welt<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-34.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5466\"\/><figcaption>Trauerfeier. Quelle: https:\/\/www.laut.de\/bilder\/upload\/2016\/01\/11\/motorchurch.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eigenen Angaben zufolge hat Lemmy versucht, dem als unmusikalisch\ngeltenden Sex-Pistols-Mitglied Sid Vicious das Bassspielen beizubringen, und nach\ndrei Tagen aufgegeben: \u201eSid war ein hoffnungsloser Fall.\u201c Er hatte einige\nkleine bis mittlere Filmrollen, so mit vielen anderen Musikerkollegen in der\nSozialgroteske \u201eEat the Rich\u201c, f\u00fcr die er den Titelsong schrieb, sowie in Videoclips\ndiverser Bands, bemerkenswert oft als Fahrer oder Fahrgast. Zudem sprach er in\n\u201eBr\u00fctal Legend\u201c eine Videospiel-Rolle und ist spielbarer Charakter im\nMusikspiel \u201eGuitar Hero: Metallica\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nat\u00fcrlich\nhat ein Leben, wie er es f\u00fchrte, seinen Preis, und Kilmister klagte nicht, als\nes daranging, ihn zu zahlen. 2000 wurde bei\nihm, der f\u00fcr sein Leben gern Marzipan nascht, ein Diabetes diagnostiziert. 2013\nbekam er einen Herzschrittmacher, der ihn auf der B\u00fchne nicht beeintr\u00e4chtigte: \u201eUnser\nGeheimnis ist wohl, dass wir eigentlich immer noch Kinder sind. Mehr muss man\nda nicht hineindichten. Wir stehen immer noch gern auf der B\u00fchne und toben nun\nmal gern herum.\u201c Kilmister beglich dabei immer cash, weil, wie er in der\nihm eigenen Nonchalance bemerkte, die Krankenversicherung, die ihn nehmen\nw\u00fcrde, erst noch erfunden werden m\u00fcsste. <\/p>\n\n\n\n<p>Befragt nach seiner Angst, tot umzufallen, antwortete er: \u201eIch fall\u2018 nicht um. Ich verpuffe\u201c. Wegen seiner anhaltenden gesundheitlichen Probleme mussten 2013 viele Konzerte und die Promotiontour des letzten Albums \u201eAftershock\u201c abgesagt, ein Auftritt beim Wacken Open Air abgebrochen werden. Kurz nach seinem 70. Geburtstag wurden bei ihm Tumore im Kopf- und Nackenbereich diagnostiziert. Er verstarb schlie\u00dflich am 28. Dezember 2015 in seiner Wohnung an einer aggressiven Prostatakrebserkrankung. Sein Begr\u00e4bnis wurde live im Internet \u00fcbertragen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/2017-06-08-14.51.05-Grab-Lemmy_preview-1024x768-1024x768.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5467\"\/><figcaption>Lemmys Grab. https:\/\/www.udiscover-music.de\/wp-content\/uploads\/sites\/21\/2018\/01\/2017-06-08-14.51.05-Grab-Lemmy_preview-1024&#215;768.jpeg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Auf der \u201eanderen Seite\u201c solle er es \u201eetwas ruhiger angehen\u201c, scherzte Mot\u00f6rhead-Schlagzeuger Mikkey Dee dabei. \u201eUnser Mitgef\u00fchl gilt dem Geh\u00f6rnten, der sich von nun an dort unten mit Dir wird messen lassen m\u00fcssen\u201c, schrieb J\u00f6rg Scheller in der <em>S\u00fcddeutschen Zeitung<\/em>. Lemmy wurde auf dem Forest Lawn Memorial Park in Hollywood beigesetzt. Obwohl man sein Verm\u00f6gen auf mehrere Millionen sch\u00e4tzte, hinterlie\u00df er dem Haupterben, seinem Sohn Paul, laut <em>Mirror<\/em> nur ungef\u00e4hr 600.000 Euro. \u201eEs ist nicht wirklich schwierig, zu \u00fcberleben \u2013 du darfst nur nicht aufgeben\u201c, sagte er 2002. Daran hat er sich gehalten. Bis zum Ende.<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5379&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowtransparency=\"true\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der singende Bassist sammelte mit Vorliebe NS-Memorabilia, gilt als Erfinder des Metal und trank t\u00e4glich eine Flasche Whisky: Ian Fraser \u201eLemmy\u201c Kilmister. 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