{"id":5382,"date":"2020-12-04T06:38:52","date_gmt":"2020-12-04T05:38:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5382"},"modified":"2020-11-25T14:32:10","modified_gmt":"2020-11-25T13:32:10","slug":"destruktive-megalomanie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5382","title":{"rendered":"\u201edestruktive Megalomanie\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Sobald Hitler einen Narren an einem Film, Schauspieler oder Regisseur\ngefressen hatte, war der erste Antisemit im Staate ideologisch erstaunlich\nflexibel: Obwohl Halbjude, trug er dem Meisterregisseur 1933 via Goebbels die\nLeitung des deutschen Filmwesens an, lie\u00df sich von \u201eMetropolis\u201c zu\nBegeisterungsst\u00fcrmen hinrei\u00dfen und soll nach Angaben seines Leibfotografs\nHeinrich Hoffmann den \u201eSiegfried\u201c-Film mindestens 20-mal gesehen haben. Das\nlaut Branchenportal <em>Filmdienst<\/em> \u201emonumentale\nR\u00fchrst\u00fcck von unerf\u00fcllter Liebe und grenzenloser Rache, von schw\u00fclstiger Poesie\nund destruktiver Megalomanie, von selbstverleugnender Aufopferung und\nschlie\u00dflich der ber\u00fchmten Nibelungentreue, die aus Kriemhild ein gewissenloses\nMonster macht, das die Burgunder und die Hunnen mit sich in den Abgrund rei\u00dft\u201c,\nsei exakt nach seinem Geschmack gewesen. Der Macher dieses \u201eR\u00fchrst\u00fccks\u201c, Friedrich\nChristian Anton \u201eFritz\u201c Lang, wurde am 5. Dezember 1890 in Wien geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sohn des Architekten und Stadtbaumeisters Anton Lang und dessen j\u00fcdischer Frau Pauline begann nach dem Abschluss der Realschule 1907 auf Wunsch seines Vaters ein Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Wien, wechselte jedoch ein Jahr sp\u00e4ter an die Wiener Akademie der bildenden K\u00fcnste, um dort Malerei zu studieren. Au\u00dferdem war er an der Staatlichen Gewerbeschule in M\u00fcnchen eingeschrieben und trat w\u00e4hrend des Studiums nebenbei als Kabarettist auf. Von 1910 an unternahm er wie ein unsteter Boh\u00e8me Reisen in die Mittelmeerl\u00e4nder und nach Afrika, ging 1911 erneut nach M\u00fcnchen, um diesmal an der Kunstgewerbeschule zu studieren, und begann wieder zu reisen. 1913\/14 setzte er seine Ausbildung in Paris beim Maler Maurice Denis fort und entdeckte dort f\u00fcr sich den Film.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5411\"\/><figcaption>Fritz Lang. Collage von Agata Marsza\u0142ek. Quelle: https:\/\/d2ycltig8jwwee.cloudfront.net\/features\/222\/fullwidth.3b62e943.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er meldete sich 1914 als Kriegsfreiwilliger und wohnte 1915 w\u00e4hrend der\nEinj\u00e4hrig-Freiwilligen-Schule in der Steiermark im Hause des intellektuellen Anwalts\nKarl Grossmann, der selbst k\u00fcnstlerisch arbeitete. Angeregt durch \u00f6rtliche,\ntraditionelle T\u00f6pfereien, stellte er zwei (Selbstportr\u00e4t?-)B\u00fcsten und zwei\nGartenvasen aus Terrakotta her, die von Grossmanns Familie bewahrt werden &#8211; wahrscheinlich\nLangs einzige erhaltene Werke der bildenden Kunst. Nach zwei Verwundungen f\u00fcr\nkriegsuntauglich erkl\u00e4rt, war der Artillerie-Offizier im Rahmen der\nTruppenbetreuung bei einer Theatergruppe des \u201efeldgrauen Spiels\u201c zum ersten Mal\nals Regisseur t\u00e4tig und kn\u00fcpfte Kontakte zu Filmleuten wie Joe May (Julius Otto\nMandl), f\u00fcr den er ab 1917 als Drehbuchschreiber zu arbeiten begann, so f\u00fcr \u201eDie\nHochzeit in Exzentricclub\u201c und \u201eHilde Warren und der Tod\u201c. Dabei lernte er die\nAutorin Thea von Harbou kennen und bald auch lieben, mit der er sp\u00e4ter\ngemeinsam die Drehb\u00fccher f\u00fcr Mays \u201eDie Herrin der Welt\u201c und \u201eDas indische\nGrabmal\u201c schreiben wird. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDem\ndeutschen Volke zu eigen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1919\nrealisierte er f\u00fcr die Decla seine ersten eigenen Streifen, darunter die\nfern\u00f6stlichen Romanze \u201eHarakiri\u201c mit der jungen Lil Dagover und \u201eHalbblut\u201c, f\u00fcr\ndie er auch das Drehbuch schrieb. Er lebt inzwischen in Berlin und heiratet die\nSchauspielerin Elisabeth Rosenthal. Schon im folgenden Jahr, am 25. September\n1920 fand sie den Tod durch einen Schuss aus Langs Browning-Pistole. Es wird heute\ndavon ausgegangen, dass sie sich spontan das Leben nahm, nachdem sie Zeugin der\nAff\u00e4re ihres Mannes mit Thea von Harbou geworden war. Die genauen Umst\u00e4nde\nbleiben jedoch zeitlebens im Dunkeln, als Todesursache wurde \u201eUngl\u00fccksfall\u201c\nstatt \u201eSelbstt\u00f6tung\u201c angegeben. Lang hielt diese erste Ehe sein weiteres Leben\nlang geheim, doch hat deren Ende mutma\u00dflich seine k\u00fcnftigen Filmthemen von\nSchuld, Verstrickung, Tod und Suizid stark beeinflusst. <\/p>\n\n\n\n<p>Die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Lang und von Harbou \u2013 beide heirateten im August 1922 und galten als Glamourpaar \u2013, nahm mit dem Melodram \u201eDas wandernde Bild\u201c (1920) ihren Anfang und sollte bis 1933 w\u00e4hren. Sie brachte eine ganze Reihe von Filmen hervor, die heute als Klassiker des deutschen Stummfilms gelten. In \u201eDer m\u00fcde Tod\u201c (1921) wird eine dreifach variierte Geschichte \u00fcber Liebe und Tod erz\u00e4hlt. Der Zweiteiler \u201eDr. Mabuse, der Spieler\u201c (1922) nach einem Kolportage-Roman f\u00fchrte die Hauptfigur als vom \u201eCaligarismus\u201c gepr\u00e4gtes Verbrechergenie vor, das seine Opfer durch Hypnose beherrscht und am Ende dem Wahnsinn verf\u00e4llt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-6-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5412\"\/><figcaption>Lang und Harbou. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Fritz_Lang_und_Thea_von_Harbou,_1923_od._1924.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bei den\nDreharbeiten verlor er sein linkes Auge und kaschierte das durch ein Monokel. Die\nStreifen bescherten ihm schlie\u00dflich auch auf internationaler Ebene den\nk\u00fcnstlerischen und kommerziellen Durchbruch. Zwei Jahre sp\u00e4ter feierte er mit\ndem Nibelungen-Epos einen weiteren gro\u00dfen Publikumserfolg. Die Widmung \u201eDem\ndeutschen Volke zu eigen\u201c sollte einige nationalistische Spekulationen\nausl\u00f6sen. Das Ornamentale, etwa in Bildaufbau und Massenregie &#8211; Siegfried\nKracauer sah die \u201eMassenornamente\u201c der N\u00fcrnberger Reichsparteitage vorgebildet\n&#8211; wurde in diesem Film f\u00fcr Lang zum Kompositionsprinzip. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein Prinzip, das er in seinem n\u00e4chsten Film, dem monumentalen \u201eMetropolis\u201c (1926), noch perfektionieren sollte. Die visuell eindrucksvolle, ideologisch jedoch oft als fragw\u00fcrdig kritisierte Technikutopie, die er im Anschluss an eine Kreativpause drehte, die ihn zwischen Oktober und Dezember 1924 nach New York, wo ihn die Wolkenkratzer gewiss inspirierten, und Hollywood gef\u00fchrt hatte, sprengte vom Aufwand her jedes Ma\u00df, fiel aber bei Kritikern durch und hatte auch beim Publikum keinen Erfolg. Im \u00a0August 1927 lief eine auf knapp zwei Stunden verk\u00fcrzte Version in Deutschland neu an; etwa ein Viertel des Originals wurde vernichtet. Seit 1961 wurden mehrfach Versuche unternommen, die Originalfassung wiederherzustellen. In der Rekonstruktion von 2001 wurde der Film als erster \u00fcberhaupt ins Weltdokumentenerbe der UNESCO aufgenommen. Die restaurierte Fassung der Murnau-Stiftung, die mit einer 2008 in Buenos Aires gefundenen Kopie hergestellt wurde, feierte 2010 Premiere bei der Berlinale. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"717\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-7-1024x717.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5414\"\/><figcaption>Maschinenmensch aus &#8222;Metropolis&#8220;. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/94da4ddd-0001-0004-0000-000001091924_w1528_r1.42781875658588_fpx46.92_fpy54.98.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie f\u00fchrte aber\nzum Bruch zwischen der Direktion der finanziell angeschlagenen Ufa und Lang,\nder sich mit der Fritz Lang-Film GmbH selbst\u00e4ndig machte lie\u00df seine Filme von\nder Ufa k\u00fcnftig nur noch verleihen lie\u00df. Nach einer R\u00fcckkehr ins Milieu der\nSuperverbrecher mit \u201eSpione\u201c (1927) nahm er die Technikaffinit\u00e4t seiner Zeit\nzum Anlass, um mit \u201eFrau im Mond\u201c (1929) einen filmischen Flug zum Mond zu\ninszenieren. Kolportiert wird, dass der eine wahre Raketenbegeisterung in\nDeutschland ausl\u00f6ste, zu der auch Langs technische Berater, die Raketenpioniere\nHermann Oberth und Willy Ley, beitrugen. \u201eFrau im Mond\u201c markierte zugleich das\nEnde von Langs Stummfilmzeit und seine Hinwendung zum Tonfilm.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zwischen Tonfilm und Exil<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eM\u201c (1931),\nLangs erster Tonfilm, nutzte geschickt die M\u00f6glichkeiten der neuen Technik:\nGer\u00e4usche und ein von Lang pers\u00f6nlich gepfiffenes Grieg-Motiv (\u201eIn der Halle\ndes Bergk\u00f6nigs\u201c) untermalen die Geschichte eines psychopathischen Kinderm\u00f6rders\n(Peter Lorre), der eine Stadt in Angst und Schrecken versetzt, woraufhin sich\ndie Unterwelt seiner annimmt. Der Film, der damalige Zuschauer an die reale\nHysterie um den Massenm\u00f6rder Peter K\u00fcrten erinnerte, wurde von der\nlinksliberalen Presse als Pl\u00e4doyer f\u00fcr die Todesstrafe missverstanden, w\u00e4hrend\nLang in Wirklichkeit die verminderte Schuldf\u00e4higkeit eines Zwanghaften\nhervorzuheben versuchte. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Kriminalfilm \u201eDas Testament des Dr. Mabuse\u201c (1933) kehrte er zu seiner Figur des manipulierenden Machtmenschen zur\u00fcck und schuf eine kunstvolle Parabel auf Machtmissbrauch und Herrschaftswahn: Die Titelfigur schreibt, w\u00e4hrend sie in einer Zelle in der Psychiatrie einsitzt, ein Handbuch f\u00fcr Verbrecher. Kracauer sah darin eine deutliche Anspielung auf Hitlers \u201eMein Kampf\u201c, was Lang sp\u00e4ter bestritt. Die Machtergreifung der Nationalsozialisten verhinderte die Urauff\u00fchrung: Der Film wurde am 29. M\u00e4rz 1933 von der Filmpr\u00fcfstelle verboten. Beide Streifen gelten nicht zuletzt wegen ihrer kunstvollen Montage als handwerkliche H\u00f6hepunkte in Langs filmischem Schaffen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5415\"\/><figcaption>Mabuse-Szenenbild. Quelle: http:\/\/www.filmstarts.de\/kritiken\/2890\/bilder\/?cmediafile=18447452<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Lang, der\nden Nazis lange Zeit indifferent gegen\u00fcberstand und noch am 27. M\u00e4rz 1933\nzusammen mit Carl Boese, Victor Janson und Luis Trenker die Regie-Gruppe der\nNationalsozialistischen Betriebsorganisation (NSBO) gegr\u00fcndet hatte, entschied\nsich nach einem Treffen mit Goebbels Anfang April daf\u00fcr, Deutschland zu\nverlassen, und ging \u00fcber \u00d6sterreich und Belgien nach Paris ins Exil. Parallel\ndazu war am 20. April 1933 seine Ehe mit Thea von Harbou geschieden worden &#8211; das\nPaar lebte da allerdings nach einer Aff\u00e4re Langs mit der Schauspielerin Gerda\nMaurus schon eine Weile nicht mehr zusammen. Nach der sowohl in einer franz\u00f6sisch-\nals auch deutschsprachigen Version gedrehten Sozialschmonzette \u201eLiliom\u201c&nbsp; kam Lang in London mit dem US-Filmproduzenten\nDavid O. Selznik zusammen und unterzeichnete einen Vertrag \u00fcber einen Film f\u00fcr\nMGM. Er reiste in die USA, wobei ihn seine neue Lebensgef\u00e4hrtin Lily Latt\u00e9 an\nBord der \u00cele de France begleitete, wurde 1939 US-amerikanischer Staatsb\u00fcrger\nund sollte erst 22 Jahre sp\u00e4ter wieder einen Fu\u00df auf deutschen Boden setzen.<\/p>\n\n\n\n<p>In der\nZwischenzeit drehte er nach anf\u00e4nglichen Startschwierigkeiten in Hollywood\nzahlreiche Filme. Sein Deb\u00fct war \u201eFury\u201c (1936), eine Variante von \u201eM\u201c mit\nSpencer Tracy in der Hauptrolle. Es folgten unter anderem \u201eYou and Me\u201c (1938),\nzu dem Kurt Weill einige Songs verfasste, die Farbwestern \u201eThe Return of Frank\nJames\u201c (1940) mit Henry Fonda und \u201eWestern Union\u201c (1940) mit Robert Young und\nRandolph Scott sowie die rei\u00dferische Agentengeschichte \u201eMan Hunt\u201c (1941), in\nder auch die gegenw\u00e4rtige Lage in Nazi-Deutschland thematisiert wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der\nArbeiten an \u201eHangmen Also Die\u201c \u00fcber den Anschlag auf Heydrich zerstritt sich Lang\n1942 mit Co-Drehbuchautor Bertolt Brecht. Doch die Bekanntschaft mit diesem und\nHanns Eisler sowie der auf einem Graham-Greene-Roman basierende Anti-Nazi-Film \u201eThe\nMinistry of Fear\u201c (1944) brachte ihn sp\u00e4ter ins Visier des Komitees gegen\nunamerikanische Aktivit\u00e4ten. F\u00fcr seine mit Partnern gegr\u00fcndete Firma \u201eDiana\nProductions\u201c dreht er dann &nbsp;d\u00fcstere\nThriller wie \u201eSecret Beyond the Door\u201c (1947) sowie films noirs wie \u201eThe Big\nHeat\u201c (1953), die heute als sp\u00e4te H\u00f6hepunkte der \u201eklassischen \u00c4ra\u201c gelten. Dazwischen\ninszenierte er den Western \u201eRancho Notorious\u201c (1952) mit Marlene Dietrich. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edefinitiv die Idee aufgegeben\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1956 kehrte Lang nach Deutschland zur\u00fcck, dem er vier Jahre sp\u00e4ter entt\u00e4uscht und entnervt endg\u00fcltig den R\u00fccken kehrte. Zun\u00e4chst musste er erleben, wie einige seiner Projekte, etwa \u00fcber die Ereignisse des 20. Juli oder den Seer\u00e4uber St\u00f6rtebeker, nicht zur Herstellungsreife gelangten: \u201eDie Leute, mit denen man da arbeiten muss, sind wirklich unertr\u00e4glich. Nicht nur, dass sie keine Versprechen halten, schriftlich oder nicht, es ist auch noch so, dass die Filmindustrie, wenn es \u00fcberhaupt noch m\u00f6glich ist, den k\u00fcmmerlichen Rest dessen, was das Land einmal in seiner Filmproduktion weltber\u00fchmt gemacht hat, so zu nennen, heute geleitet wird von ehemaligen Rechtsanw\u00e4lten, SS-M\u00e4nnern oder Exporteuren von Gott wei\u00df was. Ihre Hauptarbeit besteht darin, Koproduktionen unter solchen Bedingungen zustande zu bringen, dass ihre Kassenb\u00fccher bereits \u00dcbersch\u00fcsse aufweisen, bevor man den Film \u00fcberhaupt angefangen hat.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5416\"\/><figcaption>&#8222;Indian-Edition&#8220;. Quelle: https:\/\/blob.cede.ch\/catalog\/16221000\/16221820_1_92.jpg?v=1<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den\nProduzenten Artur Brauner dreht er dann doch zwei Filme, seine letzten. Dem\nZweiteiler \u201eDer Tiger von Eschnapur \/ Das indische Grabmal\u201c (1959), der auf\neinem stark abgewandelten Lang-Drehbuch von 1921 basierte, folgte mit \u201eDie 1000\nAugen des Dr. Mabuse\u201c (1960) ein weiterer Mabuse-Film. Darin zeichnete Lang ein\nSittenbild der fr\u00fchen Bundesrepublik: Gro\u00dfe, scheinbar tote, vergessene\nVerbrecher, die im Hintergrund weiter wirken; ein Hotel als Beobachtungsapparat\nund Metapher f\u00fcr Totalitarismus; willige Handlanger und Vollstrecker; ein\nscheinbarer Frieden, der nur m\u00fchsam schwelende Konflikte verdeckt; eine\nAtmosph\u00e4re der K\u00fcnstlichkeit und gro\u00dfspurig gespielten Lockerheit. Alle drei\nerwiesen sich vor allem als kommerzielle, jedoch nicht als k\u00fcnstlerische\nErfolge. \u201eIch habe diese Filme nicht gemacht, weil ich sie f\u00fcr wichtig hielt,\nsondern weil ich hoffte, dass ich, wenn ich jemandem einen gro\u00dfen finanziellen\nErfolg machen w\u00fcrde, wieder die Chance haben w\u00fcrde, so wie bei \u201aM\u2018, ohne\nirgendwelche Einschr\u00e4nkungen zu arbeiten. Ein Fehler. Nach 14monatiger Arbeit\ndort habe ich schlie\u00dflich definitiv die Idee aufgegeben, noch einmal einen Film\nin Deutschland zu machen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Gesundheit verschlechtert sich, zuletzt ist er fast blind. 1963 trat er in Jean-Luc Godards \u201eLe M\u00e9pris\u201c als alternder Filmregisseur, der sich wegen einer Verfilmung von Homers \u201eOdyssee\u201c mit seinem Produzenten \u00fcberwirft, noch einmal selbst vor die Kamera. Daneben reiste er, gab Interviews und besuchte Filmfestivals. 1971 heiratete er in Amerika seine langj\u00e4hrige Lebensgef\u00e4hrtin Lily Latt\u00e9, starb am 2. August 1976 in Beverly Hills und wurde auf dem Forest-Lawn-Friedhof in Hollywood beigesetzt. Im September 2010 geh\u00f6rte Lang zu den ersten vierzig Gro\u00dfen des deutschen Bewegtbilds, die in Berlin mit einem Stern auf dem unweit des Potsdamer Platzes neu installierten \u201eBoulevard der Stars\u201c geehrt wurden, einem wachsenden Denkmal nach dem Vorbild des \u201eWalk of Fame\u201c in Los Angeles.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5417\"\/><figcaption>Langs Stern auf dem Berliner Boulevard der Stars. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Fritz_Lang#\/media\/Datei:Fritz_Lang_-_Boulevard_der_Stars.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er hat in 40 Jahren 40 Filme gedreht, von denen viele als Meilensteine der Filmgeschichte gelten, ja die zu \u201eSensationsfilmen\u201c wurden, wenn sie den Aufstand des Individuums gegen die Macht der Organisationen, den Terror des Staats, die blinde Wut der Masse darstellten. In den 20er Jahren war Regie f\u00fchren \u201eErfinden, Ausprobieren, Zaubern; der Regisseur ein Ingenieur des Sehens, Maler, Erz\u00e4hler und Architekt zugleich\u201c, meinte Michael Althen in der <em>Zeit<\/em>. Dem selbstverst\u00e4ndlichen Bilderfluss, oberstes Gebot in Hollywood, setzte Lang die statische Kamera und den sp\u00fcrbaren Schnitt entgegen: Geometrisch konturierte Szenen, in denen die Helden nur \u201eSklaven des Bildrahmens\u201c sind, wie Claude Chabrol einst kritisierte. \u201eTr\u00e4ume von der Welt, die sich durch minimale Erweiterung des Blicks zu Alptr\u00e4umen wandeln: Darin liegt Langs eigentliche Kunst\u201c, befindet Althen und trifft damit ins Schwarze.<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5382&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowtransparency=\"true\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er galt als Pionier der deutschen Filmphantastik an der Grenze von Stumm- und Tonfilm und drehte unerreichte Klassiker \u00fcber verfolgte Opfer: Fritz Lang. Jetzt w\u00fcrde er 130 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5382"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5382"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5382\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5418,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5382\/revisions\/5418"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5382"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5382"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5382"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}