{"id":5391,"date":"2020-12-06T06:50:38","date_gmt":"2020-12-06T05:50:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5391"},"modified":"2020-11-25T15:46:19","modified_gmt":"2020-11-25T14:46:19","slug":"propagandistisches-architekturtheater","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5391","title":{"rendered":"\u201epropagandistisches Architekturtheater\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Mit der \u201eThingbewegung\u201c\nstartete das noch junge Dritte Reich ein kulturelles Gro\u00dfvorhaben. Der Name\nkn\u00fcpfte an die historische Bezeichnung nordisch-germanischer Versammlungspl\u00e4tze\nan, hatte damit allerdings wenig zu tun. Vielmehr ging es um ein umfassendes\nTheatererlebnis in freier Natur, das unter Bezug auf ein imagin\u00e4res Germanentum\nden Geist einer deutschen Volks- und Schicksalsgemeinschaft beschwor.\nAuff\u00fchrungsorte waren eigens daf\u00fcr angelegte Theater; Bergketten, T\u00e4ler und der\ndeutsche Wald gaben das nat\u00fcrliche B\u00fchnenbild ab. Die Thing-Euphorie entfachte\neine gigantische Masseninitiative: Errichtet aus Natursteinen, entstanden in\nausgew\u00e4hlter Lage sogenannte Thingst\u00e4tten &#8211; weltweit die gr\u00f6\u00dfte Anzahl neu\ngeschaffener Freilichtb\u00fchnen seit der Antike. <\/p>\n\n\n\n<p>400 waren vom Propagandaministerium\ngeplant, mit exakten Vorgaben: Ausgerichtet nach Norden und eingebettet in die\nLandschaft sollten die Zuschauerr\u00e4nge im Halbkreis ansteigen, durchzogen von\nbreiten Treppen sowie Querg\u00e4ngen f\u00fcr Auf- und Abm\u00e4rsche. H\u00e4ufig gab es noch\neinen vorgelagerten Aufmarschplatz sowie ein Ehrenmal f\u00fcr die Gefallenen des\nErsten Weltkriegs. Neben dem offiziellen Bauprogramm spr\u00fchten\nNS-Funktion\u00e4re auf Gemeindeebene vor Eigeninitiative. Ca. 60 existieren so oder so heute noch \u2013 die Bad Segeberger\nKarl-May-B\u00fchne ist sicher die bedeutendste, die Berliner \u201eWaldb\u00fchne\u201c wohl die bekannteste.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte der Thingbewegung beschreibt der Historiker Gerwin Strobl als Coup von vier Theaterenthusiasten, die mit den Nationalsozialisten urspr\u00fcnglich nichts am Hut hatten, sondern lediglich die Gunst der Stunde nutzten, um gemeinsam einer Idee zum Durchbruch zu verhelfen, die schon aus Weimarer Tagen stammte: Alle vier wollten das Freilichtspiel als \u201eVolkstheater\u201c wiederbeleben. Neben dem Regisseur Hanns Niedecken-Gebhard und dem Schriftsteller Hans Brandenburg muss Wilhelm Karl Gerst als zeitgeschichtlich sicher namhaftester unter den vieren gelten. Der Architekt, Theatermacher und Begr\u00fcnder des Katholischen B\u00fchnenvolksbundes war nach Kriegsende Mitbegr\u00fcnder der \u201eFrankfurter Rundschau\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5420\"\/><figcaption>Niessen 1955. Quelle: https:\/\/www.koelner.de\/wp-content\/uploads\/2016\/07\/nl-niessen_portrait_foto-stuckmann_300dpi_0071.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Und da war noch Carl Niessen \u2013 der Theaterwissenschaftler ist Sch\u00f6pfer\ndes Ausdrucks \u201eThingspiel\u201c, das Festspiel und Kundgebung in einem sein sollte: Thingspiele\nsollten haupts\u00e4chlich ein emotionales und ethisches Aufgehen des Einzelnen in\nHeimat und Volksgemeinschaft erleben lassen. Die Bezeichnung \u201eThing\u201c wurde von\nder Jugendbewegung \u00fcbernommen; einige Jugendb\u00fcnde (Pfadfinder, Quickborn und\nandere) hatten Versammlungen so bezeichnet. Der Begriff wurde, obwohl nur von\n1933 bis 1936 mit Leben erf\u00fcllt, sp\u00e4ter als der bedeutendste Beitrag\nbezeichnet, den das 3. Reich zur Kunstform des Theaters und der Literatur\nleistete und der im Vergleich der Konfigurationen zum Arbeitermassenspiel zu\neiner K\u00f6rpergeschichte sozialer Bewegungen einerseits, ja einem \u201epropagandistischen\nArchitekturtheater\u201c andererseits f\u00fchrte.\nAm 7. Dezember vor 130 Jahren kam Niessen in K\u00f6ln als Sohn eines\nHotelbesitzers zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mitbegr\u00fcnder der \u201eRheinischen\nLandesb\u00fchne\u201c <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber seine Kindheit\nund Jugend ist wenig bekannt au\u00dfer dass er, wie viele beg\u00fcterte Einzelkinder\njener Zeit, eher \u00e4sthetisch denn k\u00f6rperlich aktiv aufwuchs und in K\u00f6ln das Realgymnasium\nbesuchte. Er studierte dann Kunst- und\nKulturgeschichte in Heidelberg, Bonn, M\u00fcnchen, Berlin und schlie\u00dflich Rostock,\nwo er 1913 promovierte. Im Mai 1914 gr\u00fcndete er eine B\u00fchne in Oberhausen und\nbespielt mit seinem Ensemble au\u00dferdem eine von ihm ins Leben gerufene\nFreilichtb\u00fchne. Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 endet dieses erste\nEngagement, er leistet als Freiwilliger Kriegsdienst, zuletzt als Leutnant der\nReserve. <\/p>\n\n\n\n<p>1919 erfolgte seine Habilitation f\u00fcr deutsche Literatur und Theatergeschichte an der Universit\u00e4t K\u00f6ln, wo er bis 1929 als Privatdozent, bis 1938 als apl. Professor lehrte. An theaterwissenschaftlichen und -praktischen Aufgaben gleicherma\u00dfen interessiert, wirkte er in verschiedenen kulturpolitischen Gremien und zeitweise in der Theaterpraxis selbst. W\u00e4hrend des Studiums und in den ersten Jahren seiner Privatdozentent\u00e4tigkeit war er an B\u00fchnen in K\u00f6ln, Wuppertal, Beuthen, Koblenz, Siegburg und Antwerpen als Schauspieler und Regisseur engagiert. Regen Anteil nahm er nach dem 1. Weltkrieg an der Schaffung von staatlich gef\u00f6rderten Volksbildungseinrichtungen wie Wanderb\u00fchnen: Die Gr\u00fcndung der \u201eRheinischen Landesb\u00fchne\u201c 1920 mit Sitz in D\u00fcren ist wesentlich auf seine Initiative zur\u00fcckzuf\u00fchren. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-12.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5421\"\/><figcaption>Niessen vor rheinischen Puppen in den 1920er Jahren. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Carl_Niessen#\/media\/Datei:NL_Niessen_300dpi_003.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mit Nachdruck setzte sich Niessen f\u00fcr die Erhaltung bzw.\nWiederbelebung des rheinischen Puppenspiels ein, insbesondere f\u00fcr die Rettung\ndes K\u00f6lner \u201eH\u00e4nneschen-Theaters\u201c. Auf zahlreichen\nAuslandsreisen erwarb er wesentliche Teile seiner Bibliothek und einer Sammlung\nvon Bilddokumenten, Modellen, Masken, Porzellanen u. a. zur Geschichte des\nTheaters, die rasch als eine der gr\u00f6\u00dften Privatsammlungen dieser Art galt und\ninternationalen Ruf erlangte. Vereinigt mit universit\u00e4tseigenen Best\u00e4nden,\nwurde die Sammlung schon 1927 auf der \u201eDeutschen Theaterausstellung\u201c in\nMagdeburg gezeigt, 1932 fand eine erste Ausstellung mit Zeugnissen zur\nWeltgeschichte des Theaters in eigenen Museumsr\u00e4umen in K\u00f6ln statt. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Bekanntschaft mit Gerst, der 1931 den \u201eReichsausschuss\nf\u00fcr deutsche Volksschauspiele\u201c organisierte und viele Theaterautoren wie \u00d6d\u00f6n\nvon Horvath oder Carl Zuckmayer zur Mitarbeit gewann, f\u00fchrte ihn dann\nkurzzeitig ins Zentrum der Macht. Gerst hatte nach der Wirtschaftskrise, die auch viele Theaterleute in Existenzn\u00f6te\nbrachte, ein neues Medienformat gesucht, bei dem sie gemeinsam mit Laien\ndramatisches Geschehen \u00f6ffentlich gestalten sollten. Nach dem Vorbild von\nSchillers \u201eSchaub\u00fchne als moralische Anstalt\u201c sollte das gemeinsam gestaltete\nund erlebte dramatische Geschehen alle Teilnehmer (auf der B\u00fchne, dahinter und\ndavor) emotional, moralisch und politisch einen, ihre Gesinnung festigen, ja sogar\numstimmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 22. Dezember 1932 gr\u00fcndeten die vier Enthusiasten den\n\u201eReichsbund zur F\u00f6rderung der Freilichtspiele\u201c, der als Verein sieben Tage vor\nder Machtergreifung ins Vereinsregister eingetragen wurde. Nach der\nMachtergreifung sorgte der Schauspieler und NS-Funktion\u00e4r Otto Laubinger, sp\u00e4terer\nPr\u00e4sident der Reichstheaterkammer, daf\u00fcr, dass der Reichsminister f\u00fcr\nVolksaufkl\u00e4rung und Propaganda die junge Vereinigung anerkannte. Damit war der\nReichsbund einerseits unter den Schutz von Goebbels gestellt, andererseits aber\ndessen Einfluss ausgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>sozialistische\nVorw\u00e4rtsbewegung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Niessens Schrift <em>Thingpl\u00e4tze als Spielpl\u00e4tze der Nation<\/em> (1934) bildete die Grundlage des \u201eThingspiels\u201c, dessen Idee sich aus vielerlei Quellen speiste. In den zwanziger Jahren inszenierte die sozialistische Bewegung Arbeitermassenspiele von neuartiger Qualit\u00e4t. Hunderte oder Tausende von Akteuren traten mit Zehntausenden von Zuschauern \u00fcber Sprechch\u00f6re und Bewegungsch\u00f6re in Interaktion. Sie wurden als \u201eMassenspiele\u201c, \u201eFestspiele\u201c oder auch \u2013 mit quasi-religi\u00f6sen Untert\u00f6nen \u2013 als \u201eWeihespiele\u201c bezeichnet, waren h\u00e4ufig mit der Freidenkerbewegung verbunden und thematisierten im Schnittfeld zwischen Massengymnastik, Agitpropgruppen und \u201eproletarischer Feierkultur\u201c die Richtung der sozialistischen \u201eVorw\u00e4rtsbewegung\u201c \u00fcber den Sturz der kapitalistischen Verh\u00e4ltnisse hin zum Sieg allgemeiner Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-13.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5423\"\/><figcaption>Waldb\u00fchne &#8211; Auff\u00fchrung von &#8222;Das Frankenburger W\u00fcrfelspiel&#8220; von Eberhard Wolfgang M\u00f6ller am 29. Juli 1936 vor der NS-Kulturgemeinde. Quelle: https:\/\/www.akg-images.co.uk\/Docs\/AKG\/Media\/TR3_WATERMARKED\/1\/2\/d\/0\/AKG61156.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Anregungen kamen vom jugendbewegten Laienspiel, teils von den\nMassenspielen des sowjetischen Proletkults und vom expressionistischen\nRevolutionstheater. Thematisch inszenierten sie etwa den Spartakus-Aufstand im\nalten Rom, den deutschen Bauernkrieg und die Franz\u00f6sische Revolution, sp\u00e4ter\nmehr symbolisch-abstrakte K\u00e4mpfe um Krieg und Frieden. Im Massenspiel\n\u201eFlammende Zeit\u201c, das 1929 in Magdeburg mit tausend Statisten auf einer\nNaturb\u00fchne vor Zehntausenden von Zuschauern stattfand, hie\u00df es etwa <\/p>\n\n\n\n<pre class=\"wp-block-verse\">\u201eWer den wuchtigen Hammer schwingt <br>\nWer im Felde m\u00e4ht die \u00c4hren <br>\nWer ins Mark der Erde dringt <br>\nWeib und Kinder zu ern\u00e4hren (\u2026) <br>\nJedem Ehre \u2013 jedem Preis <br>\nEhre jeder Hand voll Schwielen <br>\nEhre jedem Tropfen Schwei\u00df <br>\nDer in H\u00fctten fiel und M\u00fchlen (\u2026)<\/pre>\n\n\n\n<p>Der franz\u00f6sische Publizist Stefan Priarcel kennzeichnete in <em>Les Nouvelles Litt\u00e9raires<\/em> die gewisserma\u00dfen\n\u201eenergetische\u201c Ausstrahlung solcher Spiele: \u201eGlaube &#8230; Rhythmus &#8230; Disziplin\n&#8230; all dies l\u00f6st einen Kraftstrom aus, dem gegen\u00fcber niemand unempfindlich\nbleiben kann\u201c. Die Stimmung des Massenspiels war eine Energie oder\nAusstrahlung, die allein \u00fcber r\u00e4umliche und zeitliche Kategorien nicht erfasst\nwerden kann, meint der d\u00e4nische Soziologe Henning Eichberg, weswegen sie\nanalytisch schwerer greifbar sei und unterschiedlich erlebt und interpretiert\nwerden k\u00f6nne. \u201eOft wurde sie als rauschhaft und als Begeisterung beschrieben.\nDie Atmosph\u00e4re des Festspiels kam im Gemeinschaftsgesang zum Ausdruck, in\nMusik, Sprechchor und Sprechbewegungschor. Durch das Massenspiel geschah\nGef\u00fchlsbildung. Diese Gef\u00fchle waren typisch von \u201areligi\u00f6ser\u2018 Ernsthaftigkeit.\nDas Massenspiel war kein Ort des Lachens.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unter dem Begriff \u201eThingspiel\u201c fasste Niessen nun alle Initiativen zusammen, die Festspiele in Stadien und den neu eingerichteten Freilichtb\u00fchnen arrangierten, um die \u201enationale Revolution\u201c zu feiern. Federf\u00fchrend war innerhalb der nazistischen Kulturpolitik die eher dem Expressionismus zuneigende Gruppe um Joseph Goebbels, w\u00e4hrend die mehr v\u00f6lkische Gruppe um Alfred Rosenberg sich kritisch bis abweisend verhielt. Sie bem\u00fchte sich um die Etablierung konkurrierender, mehr archaisierender \u201eThingst\u00e4tten\u201c. Ein dritter Akteur in dieser Konkurrenz wurde die Organisation \u201eKraft durch Freude\u201c unter dem DAF-F\u00fchrer Robert Ley, die sogenannte \u201eWerkspiele\u201c veranstaltete und f\u00fcr jedwedes Ereignis Zuschauer und Beteiligte in Bataillonsst\u00e4rke garantieren konnte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-14-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5427\"\/><figcaption>Thingst\u00e4tte Heidelberg. Quelle: https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Thingst%C3%A4tte_(Heidelberg)#\/media\/Datei:Thingst%C3%A4tte_Draufsicht.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Neben und zwischen diesen Fraktionen gab es ferner die Laienspiele und \u201eSpielscharen\u201c,\ndie sich um HJ, SA und im \u201eReichsbund Volkstum und Heimat\u201c unter dem\nHitler-Stellvertreter Rudolf He\u00df sammelten; dieser Reichsbund wurde sp\u00e4ter als \u201eAmt\nVolkstum und Heimat\u201c der KdF untergeordnet. Die Dimension der Spiele lag zum\nTeil bei 3000 Akteuren und 60.000 Zuschauern. Sogar einige Verfasser\nsozialistischer Festspiele begaben sich auf dieses neue Feld und steuerten\nTexte mit Untert\u00f6nen sozialer Erweckung bei. Als Thema kristallisierte sich nun\ndie j\u00fcngere deutsche Geschichte heraus, besonders die \u201eSchmachgeschichte\u201c seit 1918.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>chorische Massentheaterst\u00fccke<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gezeigt wurde, wie\n\u201edas Volk\u201c (vorgestellt wie der Chor im altgriechischen Theater) politisch\n\u201ehandelte\u201c. Nur wenige Spieler hatten Einzelrollen, darunter die Chorf\u00fchrer &#8211;\nman kann, im Gegensatz zu dem von den Nationalsozialisten verfemten\nlinksliberalen Elitentheater, von chorisch-patriotischen Massentheaterst\u00fccken\nsprechen: Mythos, Heroismus und ein v\u00f6lkisches Gemeinschaftserlebnis unter\nfreiem Himmel. \u201eThingspiele waren eine Mischung aus Tanz, Gesang,\nDichtung und Laienspiel, stilistisch zwischen expressionistischer B\u00fchnenkunst,\nmittelalterlichem Mysterienspiel und N\u00fcrnberger Parteitag\u201c, erkannte Solveig\nGrothe im <em>Spiegel<\/em>. Selbst die Anreise war durchdacht, Stra\u00dfen\nund neue Bahnh\u00f6fe wurden entsprechend geplant, wei\u00df sie: \u201eDer gemeinsame Weg\nhinauf zur Thingst\u00e4tte als Teil der Inszenierung sollte das Gef\u00fchl der\ngemeinsamen Herkunft und Zusammengeh\u00f6rigkeit vermitteln.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Bei der \u00f6rtlichen Bev\u00f6lkerung und auch innerhalb der NSADP konnte sich der beabsichtigte Thing-Kult jedoch nicht durchsetzen. Zum einen stockten viele Bauvorhaben, zum anderen kamen die gezeigten St\u00fccke nicht an. Hinzu kam, dass mit der Niederschlagung des R\u00f6hm-Putschs die politische Entwicklung der NSDAP und damit des Reichs in eine neue Phase eingetreten war: Die sozialistische Komponente wurde schw\u00e4cher, die nationalistische nahm zu. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"672\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-15-1024x672.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5428\"\/><figcaption> Standorte der ersten 66 vom Reichspropagandaministerium geplanten Thingpl\u00e4tze.  Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/cea876b4-05ee-44ab-a079-92839a0d704b_w1528_r1.5227272727272727_fpx29.56_fpy49.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Propagandaminister Goebbels sah in Film und Radio wesentlich bessere\nM\u00f6glichkeiten der Massenbeeinflussung als in den ideologisch plakativ\n\u00fcberladenen Thingspielen und setzte von nun an wieder auf die herk\u00f6mmlichen\nMuster der faschistischen Parade und der Reichsparteitage einerseits \u2013 und auf\nden \u201eunpolitischen\u201c Unterhaltungsfilm andererseits: \u201eDiese Formen erforderten\nnicht mehr Spontaneit\u00e4t und Mitwirkung von unten, sondern entweder\nquasimilit\u00e4rische Organisation von oben oder Konsumverhalten\u201c, meint Eichberg.<\/p>\n\n\n\n<p>Goebbels erkannte auch, dass Veranstaltungen der \u201eBewegung\u201c eher\nschadeten, wenn sie als Kult durchschaut wurden. Die in Heidelberg als\nThingst\u00e4tte geplante Anlage wurde nach Fertigstellung nur noch als Feierst\u00e4tte\nbezeichnet, was auf ein Verbot des Begriffes Thing durch Goebbels 1935\nzur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Von da an hie\u00dfen sie auch Weihest\u00e4tte oder Freilichtb\u00fchne. Ohne\ndie F\u00f6rderung durch die Partei f\u00fchrten Thingspiele von da an nur noch ein\nSchattendasein bei der Hitlerjugend und in eher sektiererischen Splittergruppen\ninnerhalb der NSDAP wie den Artamanen. Das bekannteste und meistgespielte\nThingspiel war das <em>Frankenburger\nW\u00fcrfelspiel<\/em> von Eberhard Wolfgang M\u00f6ller, es wurde auch bei den Olympischen\nSommerspielen 1936 in Berlin aufgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1933 Truppf\u00fchrer der SA, wurde Niessen mit der Abspaltung des Fachs in eine selbst\u00e4ndige, von der Literaturwissenschaft unabh\u00e4ngige Disziplin 1938 zum nichtbeamteten, au\u00dferordentlichen Professor f\u00fcr Theaterwissenschaft an der Universit\u00e4t zu K\u00f6ln berufen \u2013 als erster in Deutschland. Er trat nachdr\u00fccklich f\u00fcr eine praxisorientierte wissenschaftliche Ausbildung ein und z\u00e4hlt hierzulande neben Max Herrmann und Artur Kutscher zu den Begr\u00fcndern der Disziplin. Warum er seine volkstheatralischen Ideen nicht weiterverfolgte, ist bis dato offen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"728\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-16-1024x728.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5429\"\/><figcaption> Die Freilichtb\u00fchne &#8222;Stedingsehre&#8220; in Bookholzberg, heute Gemeinde Ganderkesee im Oldenburger Land, wurde am 27. Mai 1934 er\u00f6ffnet. Den Namen erhielt die bis zu 20.000 Menschen fassende Thingst\u00e4tte in Anlehnung an das Theaterst\u00fcck &#8222;De Stedinge&#8220;, zu dessen Auff\u00fchrung sie eigens gebaut worden war. Der Oldenburger Autor August Hinrichs hatte das &#8222;Volksschauspiel&#8220; zum 700. Jahrestag der Schlacht von Altenesch verfasst. Quelle: https:\/\/www.spiegel.de\/geschichte\/nazi-freilichttheater-und-thingbewegung-das-thing-ging-schief-a-34e879ae-ad60-4a1d-97cd-2002d50a79ed#fotostrecke-9c30bb5d-c353-4529-b6b0-5ff51bdf360c<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wenngleich nicht Mitglied der NSDAP und deshalb gelegentlich\nder \u201epolitischen Unzuverl\u00e4ssigkeit\u201c geziehen, war er von der Reichstheaterkammer\nals \u201eDekan auf Lebenszeit\u201c einer Theaterakademie vorgesehen, die allerdings nie\nverwirklicht wurde. Er war neben seiner T\u00e4tigkeit als Institutsleiter Autor\nzahlreicher theaterwissenschaftlicher Fachb\u00fccher, darunter <em>Die Schaub\u00fchne<\/em> (1928) und <em>An\nder Wiege des H\u00e4nneschen<\/em> (1937) und schrieb f\u00fcr die Zeitschrift <em>Musik im Kriege<\/em>. Deutlich\nnationalistische T\u00f6ne klingen in Publikationen wie <em>Der Film, eine unabh\u00e4ngige deutsche Erfindung<\/em> (1934) oder <em>Theater im Kriege<\/em> (1940) an.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Von der Euphorie zum\nVergessen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Zweiten\nWeltkrieg setzte er seine wissenschaftliche T\u00e4tigkeit nahtlos fort. Im\nLaufe der Zeit verbreiterte er die methodische Basis seiner Forschung durch die\nIntegration von vergleichender V\u00f6lkerkunde, Religions- und Kulturwissenschaft\nmit dem Ziel, eine allgemeine \u201eTheorie des Mimus\u201c zu erstellen, wie er sie in\nseinem unvollendeten Hauptwerk, dem <em>Handbuch\nder Theaterwissenschaft<\/em> (3 Bde., 1949\n&#8211; 1958) zu skizzieren versuchte. <\/p>\n\n\n\n<p>Bis zu seiner Emeritierung 1959 veranstaltete er auch weitere Theaterausstellungen. 1955 erwarb die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen die \u201eSammlung Niessen\u201c, die heute einen Bestandteil des Theatermuseums der Universit\u00e4t in Porz-Wahn bildet. Den Erl\u00f6s verwandte Niessen f\u00fcr eine Studienstiftung, die die Publikation wissenschaftlicher Arbeiten zu Theater, Film, Funk und Fernsehen unterst\u00fctzt. Erst 1962 feierte er mit einer 24 Jahre j\u00fcngeren Schauspielerin Hochzeit und starb am 6. M\u00e4rz 1969 in Troisdorf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-17.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5430\"\/><figcaption> Das Ensemble des alten K\u00f6lner H\u00e4nneschen-Theaters im Jahr 1925: Niessen vorne links. Quelle: https:\/\/www.ksta.de\/image\/22845934\/2&#215;1\/940\/470\/d9cb78c145645c6f8e8dd11dde2e8175\/qN\/71-88275591&#8211;das-ensemble-d&#8211;24-08-2015-14-06-18-500-.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Niessen ist, ebenso\nwie die meisten Thingspiele und Thingst\u00e4tten, heute vergessen, die Gr\u00fcnde sind\ntrotz der einst regelrechten Thingeuphorie unklar. Akten, die Aufschluss\ndar\u00fcber geben k\u00f6nnten, existieren nicht mehr. Im erw\u00e4hnten Geheimerlass\nGoebbels\u2018 vom 23. Oktober 1935 wurde der Begriff \u201eThing\u201c mit einem Tabu belegt.\nDie Presse erhielt Anweisung, das Wort notfalls auch aus den Reden angesehener\nPers\u00f6nlichkeiten zu tilgen. 1936 wurde den Thingspielen dann die \u201eReichswichtigkeit\u201c\naberkannt. \u00d6ffentlich thematisiert wurde diese Kehrtwende in der Kulturpolitik aber\nnie. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch in der Sowjetunion trat an die Stelle der fr\u00fchen\nMassenspiele inzwischen die stalinistische Parade. Die sp\u00e4teren sowjetischen\nRituale zum 1. Mai, zu Weltjugendfestspielen und Spartakiaden hatten als von\noben her inszenierte Massengeometrie und Aufm\u00e4rsche einen anderen Charakter als\ndie Erweckungsspiele des fr\u00fchen Proletkults. In der Fr\u00fchzeit der DDR gab es\nzun\u00e4chst einzelne Versuche, das Fest- und Massenspiel wiederzubeleben, aber sie\nbest\u00e4tigten eher, dass dessen Zeit abgelaufen war. 1959 wurde die dramatische\nBallade <em>Klaus St\u00f6rtebeker<\/em> von Kurt\nBarthel im Rahmen der R\u00fcgenfestspiele in Ralswiek aufgef\u00fchrt, laut Eichberg der\n\u201ebisher gelungenste Versuch einer Massenspielinszenierung\u201c. Es gibt sie bis\nheute.<\/p>\n\n\n\n<p>Die germanistischen Darstellungen zu diesem Kapitel der deutschen Literaturgeschichte seien \u201eziemlich knapp\u201c, befand der Bochumer Emeritus Uwe-K. Ketelsen schon 2004 in der <em>Kritischen Ausgabe<\/em>: \u201eSolche Selbstbeschr\u00e4nkung d\u00fcrfte vor allem der Ratlosigkeit gegen\u00fcber diesen Texten und den zu ihnen geh\u00f6renden theatralen Praktiken entspringen. So bleibt es meist bei konsensf\u00e4higen Geschmacksurteilen und politisch korrekten, manipulationstheoretisch fundierten Einsch\u00e4tzungen.\u201c Er verwies darauf, dass sich die einschl\u00e4gigen Texte als belletristische Aufarbeitungen von Hitler-, Goebbels-, Rosenberg-, etc.-Zitaten lesen und damit in den Horizont des III .Reichs einschr\u00e4nken lie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/naturbuehne-ralswiek-in-action.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5431\"\/><figcaption>St\u00f6rtebecker-Festspiele in Ralswiek. https:\/\/www.auf-nach-mv.de\/images\/njyvtjsvdim-\/naturbuehne-ralswiek-in-action.jpeg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eAber lie\u00dfe sich die Blickrichtung nicht auch umkehren und konstatieren,\ndass Hitler, Goebbels, Rosenberg etc. mit den Verfassern dieser Texte an einem gemeinsamen\nPool von Vorstellungen, Bildern und Argumenten partizipieren, der aus \u00e4lteren historischen\nBest\u00e4nden stammt?\u201c, fragt er ketzerisch. Eine solche Umkehrung verletze ein\nTabu, \u201eindem sie den Panzer sprengt, der beruhigend um das III. Reich gelegt\nworden ist; sie macht es zu einem integralen Bestandteil unserer Geschichte\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Zuletzt versuchte die Bielefelder Kunstprofessorin Katharina Bosse aus eher linker Perspektive, diesen Panzer interdisziplin\u00e4r zu sprengen, und ver\u00f6ffentlichte neben dem Bildband \u201eThingst\u00e4tten\u201c (Bielefeld:Kerber 2020) auch eine zugeh\u00f6rige Internetseite <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.thingstaetten.info\/\" target=\"_blank\">www.thingstaetten.info<\/a>, die ein umfangreiches Archiv werden, Regionalforschungen vernetzen und Dokumentationen zusammenf\u00fchren soll. Interessierte k\u00f6nnen das Portal mit Material und Erkenntnissen erg\u00e4nzen.<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5391&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowtransparency=\"true\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Thingspiele galten als der bedeutendste Beitrag des 3. Reichs zu den Kunstformen von Theater und Literatur. 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