{"id":5394,"date":"2020-12-03T06:53:51","date_gmt":"2020-12-03T05:53:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5394"},"modified":"2020-11-25T14:05:50","modified_gmt":"2020-11-25T13:05:50","slug":"rose-oh-reiner-widerspruch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5394","title":{"rendered":"\u201eRose, oh reiner Widerspruch\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eDie\nneuzeitliche Gepflogenheit, dass wir Deutsche immer einen gr\u00f6\u00dften Dichter haben\nm\u00fcssen &#8211; gewisserma\u00dfen einen Langen Kerl der Literatur &#8211; ist eine \u00fcble\nGedankenlosigkeit, die nicht wenig Schuld daran tr\u00e4gt, dass seine Bedeutung\nnicht erkannt worden ist. Wei\u00df Gott, woher sie stammt! Sie kann ebenso gut vom\nGoethekult kommen wie vom Exerzieren\u201c, schimpft durchaus unfein Robert Musil am\n16. Januar 1927 im Renaissance-Theater Berlin, wo die \u201eGruppe der 25\u201c, \u00fcbrigens\ngegen den erkl\u00e4rten Willen Bertolt Brechts, eine Gedenkfeier ihm zu Ehren\nveranstaltete: Rainer Maria Rilke. Als Ren\u00e9 Karl Wilhelm Johann Josef Maria\nRilke wurde er am 4. Dezember 1875 in Prag geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Vater Josef\ngelang die angestrebte milit\u00e4rische Karriere nicht, er war Eisenbahninspektor\ngeworden. Seine Mutter \u201ePhia\u201c (Sophie), die einer wohlhabenden Prager\nFabrikantenfamilie entstammte und ihre Hoffnungen auf ein vornehmes Leben in\nder Ehe nicht erf\u00fcllt sah, galt als ambitionierte und dominierende Frau, deren\nEhrgeiz auf den Wohlstand der Familie gerichtet war \u2013 den sie nun nicht erreichen\nkonnte, was zu einer angespannten Familiensituation f\u00fchrte. Zudem hatte sie bei\nseiner Geburt den Tod ihrer \u00e4lteren Tochter noch nicht verkraftet, die 1874 im\nAlter von einer Woche gestorben war. Rilkes Mutter \u00fcbertrug nicht nur ihre\nunerf\u00fcllten Ambitionen auf den einzigen Sohn, sondern dr\u00e4ngte ihn auch in die\nRolle der verstorbenen Schwester. Bis zu seinem sechsten Lebensjahr wurde er als\nM\u00e4dchen erzogen, fr\u00fche Fotografien zeigen Ren\u00e9 \u2013 franz\u00f6sisch f\u00fcr \u201eder\nWiedergeborene\u201c \u2013 mit langem Haar im Kleidchen. Er wuchs ohne nennenswerte\nKontakte zu Gleichaltrigen auf.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Verh\u00e4ltnis zwischen dem \u00dcberbeh\u00fcteten und der Mutter, die ihren Sohn noch um f\u00fcnf Jahre \u00fcberleben sollte, \u00fcberschattete sein Leben. Mit sechs Jahren besuchte Rilke eine katholische Volksschule im vornehmsten Viertel von Prag und brachte trotz kr\u00e4nklicher Konstitution gute Leistungen. 1884 zerbrach die Ehe der Eltern, die fortan ohne Scheidung getrennt lebten. Eine kurze Zeit wurde Ren\u00e9 von seiner Mutter allein erzogen, bevor seine Eltern ihn in die Kadettenanstalt St. P\u00f6lten zur Vorbereitung auf eine Offizierslaufbahn gaben. Die Zumutungen milit\u00e4rischen Drills und die Erfahrungen einer reinen M\u00e4nnergesellschaft traumatisierten den zarten Knaben zus\u00e4tzlich, nach sechs Jahren brach er die Ausbildung, die er dichtend und zeichnend zu bew\u00e4ltigen versuchte, krankheitshalber ab. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"385\" height=\"512\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5401\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed.jpg 385w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-226x300.jpg 226w\" sizes=\"(max-width: 385px) 100vw, 385px\" \/><figcaption>Rilke. Quelle: https:\/\/img.br.de\/8e31ebce-c060-4147-bf9a-8790d53dfe30.jpeg?width=525&amp;q=85 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1891 besuchte\ner die Handelsakademie von Linz, wo allerdings eine Aff\u00e4re mit einem\nKinderm\u00e4dchen, das mehrere Jahre \u00e4lter war, einen weiteren Akademiebesuch\nverhinderte. Der milit\u00e4rischen als auch der kaufm\u00e4nnischen Karriere gleicherma\u00dfen\nberaubt, bereitete er sich mittels Privatunterricht auf das Abitur vor und\nbestand es 1895. Kurz darauf schrieb er sich in Prag zum Studium f\u00fcr\nKunstgeschichte, Literatur und Philosophie ein, wechselte 1896 an die\njuristische Fakult\u00e4t in Prag und bereits im September desselben Jahres an die\nUniversit\u00e4t von M\u00fcnchen. Nach halbherzigen Studienambitionen entschloss er sich,\nnachdem bereits 1894 sein erster Gedichtband \u201eLeben und Lieder\u201c erschienen war,\nkurzerhand dazu, sein Studium abzubrechen und fortan als freier Dichter zu\narbeiten. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201esachliches Sagen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit dieser\nEntscheidung begann f\u00fcr ihn ein unkonventionelles, unstetes Reiseleben:\nNirgends hielt es ihn l\u00e4nger, st\u00e4ndig zog es ihn weiter. Er wohnte in dubiosen Mietswohnungen\nebenso wie bei Freunden und G\u00f6nnern auf Schl\u00f6ssern. Sein lyrisches Fr\u00fchwerk (\u201eLarenopfer\u201c,\n1895; \u201eAdvent\u201c, 1898) wird der Neuromantik zugerechnet und ist durch Formtreue\nund subjektive Einf\u00fchlsamkeit gekennzeichnet. Ornamentale und sentimentale Z\u00fcge\nsowie das dialoghafte Ansprechen eines geliebten Gegen\u00fcbers finden sich dort\nebenso wie das Einssein des Dichters mit der Natur. Im M\u00e4rz 1897 f\u00fchrten ihn\nseine Wege erstmals nach Venedig und zwei Monate darauf, wie der zur\u00fcck in\nM\u00fcnchen, zu Lou Andreas-Salom\u00e9. Die um einiges \u00e4ltere Schriftstellerin und sp\u00e4tere\nPsychoanalytikerin wurde nicht nur f\u00fcr drei Jahre zu seiner erotischen Freundin,\nsondern auch zeitlebens zur emanzipierten und geistigen Lebenspartnerin.<\/p>\n\n\n\n<p>Kurze Zeit nach der Begegnung \u00e4nderte er seinen urspr\u00fcnglichen Namen Ren\u00e9 in Rainer: Lou empfand den Namen als m\u00e4nnlicher und passender f\u00fcr einen Dichter. Sigmund Freud berichtet 1937, \u201edass sie dem gro\u00dfen, im Leben ziemlich hilflosen Dichter Rainer Maria Rilke zugleich Muse und sorgsame Mutter gewesen war\u201c. Im Herbst 1897 zog Rilke um nach Berlin in direkte Nachbarschaft von Lou. 1899 und 1900 war er mit ihr zweimal in Russland unterwegs, betrieb Studien f\u00fcr eine geplante, aber nie geschriebene Monografie \u00fcber russische Maler, traf Tolstoi und Pasternak, der daraus die autobiografische Geschichte \u201eDer Schutzbrief\u201c machte. Als Rilke von Lous Trennungsabsichten erfuhr, hielt er sich gerade in der K\u00fcnstlerkolonie Worpswede bei Heinrich Vogeler auf, der ihn zu einem l\u00e4ngeren Aufenthalt eingeladen hatte. Im Haus von Vogeler verkehrte unter anderen auch die Bildhauerin Clara Westhoff, die im Fr\u00fchjahr 1901 Rilkes Frau wurde. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"416\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5403\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-1.jpg 416w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-1-208x300.jpg 208w\" sizes=\"(max-width: 416px) 100vw, 416px\" \/><figcaption>Rilke mit Clara. Quelle: https:\/\/de.m.wikipedia.org\/wiki\/Datei:Rainer_Maria_Rilke_und_Clara_Rilke-Westhoff_1901.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Dezember\ndesselben Jahres kam seine Tochter Ruth zur Welt. Doch Rilke entzog sich allen\nseiner zahlreichen Liebesbeziehungen, bevor sie zu seinem Schicksal werden\nkonnten. Sobald Zuneigung und Liebe f\u00fcr ihn zur Verpflichtung zu werden drohten,\nverlie\u00df er seine Beziehungen. Trotzdem versuchte er bei Westhoff zu einem\nfamili\u00e4ren Leben zu gelangen \u2013 vergebens. Schon 1902 trennte er sich von ihr &#8211; Mittellosigkeit\nzwingt ihn zur Aufl\u00f6sung des Hausstandes und zur \u00dcbernahme monographischer\nAuftragsarbeiten &#8211; und ging nach Paris, blieb jedoch \u00fcber alle weiteren\nLebensjahre mit ihr verbunden. <\/p>\n\n\n\n<p>Der \u201ePanther\u201c,\ndas erste der \u201eNeuen Gedichte\u201c, entsteht; und seine Monografie \u00fcber den\nBildhauer Auguste Rodin. Dessen Bekanntschaft sowie weitere Reisen nach Paris,\nRom und Skandinavien ver\u00e4ndern Rilkes poetische Produktionsweise zugunsten\neines \u201esachlichen Sagens\u201c, man spricht sp\u00e4ter von \u201eDinglyrik\u201c. 1905 erscheint das\n\u201eStunden-Buch\u201c; Rilke nimmt sein Philosophiestudium in Berlin bei Georg Simmel\nwieder auf. Im Jahr darauf ist er f\u00fcr kurze Zeit Privatsekret\u00e4r bei Rodin, mit\ndem er sich \u00fcberwirft, und ver\u00f6ffentlicht die zur Zeit der Jahrhundertwende\nentstandene und durch den Jugendstil beeinflusste \u201eWeise von Liebe und Tod des\nCornets Christoph Rilke\u201c. In einer Nacht herunter geschrieben, wurde sie sp\u00e4ter\nNummer 1 der Insel-B\u00fccherei und sofort \u2013 wie auch viele andere Werke dieser\nReihe \u2013 zum Bestseller: Allein zu Lebzeiten Rilkes wurden 200.000 St\u00fcck\nverkauft. F\u00fcr den Leipziger Insel Verlag, dessen Leitung Anton Kippenberg 1905\n\u00fcbernommen hatte, wurde Rilke zum wichtigsten zeitgen\u00f6ssischen Autor:\nKippenberg erwarb f\u00fcr den Verlag bis 1913 die Rechte an allen bis dahin\nverfassten Werken Rilkes.<\/p>\n\n\n\n<p>Die\nlyrisch-impressionistische Prosa vermittelt Gef\u00fchle von Jugend und\nLebenshunger, Liebe und Tod. Besonderer Popularit\u00e4t erfreute sich das\nromantisierte Soldatentum &nbsp;aus dem 17.\nJahrhundert in der Zeit der beiden Weltkriege. Das letztlich\nzeitlos-universelle Schicksal des jungen Soldaten schwankt zwischen\nGlorifizierung des Heldentodes und der Sinnlosigkeit (jungen) Sterbens, Gef\u00fchlen\nvon \u00fcberzogener Ehre, Verlust und Traurigkeit. Dem Langemarck-Mythos zufolge\nhatten die \u201ejungen\u201c Regimenter das Deutschlandlied auf den Lippen und \u201eRilkes\nCornet im Tornister\u201c. 1908 schreibt er zur Erinnerung an die verstorbene Paula Modersohn-Becker\ndas \u201eRequiem f\u00fcr eine Freundin\u201c, vollendet \u201eDer neuen Gedichte anderer Teil\u201c\n(1908) sowie die beiden \u201eRequiem\u201c-Gedichte (1909) und ver\u00f6ffentlicht 1910\nseinen Tagebuchroman \u201eDie Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge\u201c, an dem er seit\n1904 gearbeitet hat. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edie Welt synthetisch generieren\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieser geh\u00f6rt fraglos zum Kanon der klassischen Moderne, befindet Rilkes Biograph Ralph M. K\u00f6hnen. Ausgehend von tagebuch\u00e4hnlichen Aufzeichnungen mit Gro\u00dfstadtimpressionen, entwickle er in avantgardistischer Weise den Versuch, \u201edurch Vielfalt des Erz\u00e4hlens, Polyperspektive, Montagetechnik und Aufbau synthetischer Raum- und Zeitbegriffe der Erfahrung des heterogenen modernen Lebens und des akzelerierten Gro\u00dfstadttempos eine Langerz\u00e4hlung an die Seite zu stellen\u201c. Fragment geblieben, zeigt der Roman auch formal die Krisis der Moderne, die er trotz Reiz\u00fcberflutung, Gewalt, Krankheit, Armut, Angst und Tod bei aller Fremdheit aber nicht ablehnt. Rilkes Modernit\u00e4t erweise sich vielmehr darin, dass er den Weltzweifel als dichterische Chance wertet: \u201eWenn die innere und die \u00e4u\u00dfere Welt mit Sprache nicht ad\u00e4quat dargestellt werden k\u00f6nnen, so kann man aus sprachlichen Entw\u00fcrfen diese Welten sch\u00f6pfen bzw. aus sprachlichen Einzelteilen die Welt synthetisch generieren\u201c, so K\u00f6hnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-2-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5406\"\/><figcaption>Schlo\u00df Duino. Quelle: http:\/\/www.fondation-rilke.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Duino.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine\nanschlie\u00dfende Schaffenskrise sucht er wiederum mit Reisen zu kompensieren. 1910\/11\nreiste er nach Nordafrika, was sich ebenso auf sein Sp\u00e4twerk auswirkte wie der\nAufenthalt auf Schlo\u00df Duino bei Triest bis Mai 1912, zu dem ihn seine\nbedeutendste F\u00f6rderin, F\u00fcrstin Marie von Thurn und Taxis, eingeladen hatte und\nwo er die \u201eDuineser Elegien\u201c begann. Anschlie\u00dfend reiste er nach Spanien, hielt\nsich erneut in Paris auf, um 1914 nach M\u00fcnchen \u00fcberzusiedeln. Es sollten f\u00fcnf\nJahre werden: Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges \u00fcberraschte ihn. Nach Paris\nkonnte er nicht mehr zur\u00fcckkehren; sein dort zur\u00fcckgelassener Besitz wurde\nbeschlagnahmt und versteigert. Zu Beginn schreibt er f\u00fcnf \u201eKriegsges\u00e4nge\u201c, doch\nseine anf\u00e4ngliche Kriegsbegeisterung weicht der Ersch\u00fctterung.<\/p>\n\n\n\n<p>So beginnt er \u00dcbersetzungen zu verfertigen, und \u00fcbertr\u00e4gt Werke von Michelangelo, Petrarca, Paul Valery, Paul Verlaine, Stephane Mallarme und Andr\u00e9 Gide ins Deutsche. Auf der Suche nach neuer Inspiration setzte er sich erstmals auch intensiver mit dem Werk Goethes und Shakespeares auseinander. Von 1914 bis 1916 hatte er eine st\u00fcrmische Aff\u00e4re mit der Malerin Lou Albert-Lasard. Anfang 1916 wurde Rilke eingezogen und musste in Wien eine milit\u00e4rische Grundausbildung absolvieren, wo er in der Breitenseer Kaserne im Westen der Stadt stationiert war. Auf F\u00fcrsprache einflussreicher Freunde wurde er zur Arbeit ins Kriegsarchiv und ins k.u.k. Kriegspressequartier \u00fcberstellt und am 9. Juni 1916 aus dem Milit\u00e4rdienst entlassen. Das traumatische Erlebnis des Milit\u00e4rdienstes, empfunden auch als eine Wiederholung in der Milit\u00e4rschulzeit erfahrener Schrecken, sowie weitere f\u00fcr ihn entt\u00e4uschende Liebschaften lie\u00dfen Rilke als Dichter danach nahezu v\u00f6llig verstummen. Allerdings erkannte er diese scheinbar verlorenen Jahre sp\u00e4ter selbst als Inkubationszeit und Bedingung f\u00fcr weiteres Reifen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"673\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-3-1024x673.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5407\"\/><figcaption> Rilke vor der Kulisse des Kreml.  \u00d6lgem\u00e4lde Leonid Pasternaks. Quelle: https:\/\/cdn1.stuttgarter-zeitung.de\/media.media.2f330667-c252-4fa0-b2fc-4244faebf38e.original1024.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er macht die\nBekanntschaft von Hanns Eisler und Ernst Toller und verl\u00e4sst M\u00fcnchen 1919, um an\nwechselnden Orten in der Schweiz zu wohnen, zuletzt im Chateau de Muzot im\nKanton Wallis, das ihm sein Schweizer M\u00e4zen Werner Reinhart mietfrei zur\nVerf\u00fcgung stellte. Hier vollendete er auf dem H\u00f6hepunkt seines Schaffens\n1922\/23 die \u201eDuineser Elegien\u201c und die \u201eSonette an Orpheus\u201c. Er versuche, seine\nExistenzverzweiflung dichterisch aufzul\u00f6sen, indem er in der Kunstsprache\nInnen- und Au\u00dfenwelt zum \u201eWeltinnenraum\u201c verwebt, in dem die festen Zeitstufen\nund Raumkategorien aufgel\u00f6st sind, meint K\u00f6hnen. Diese \u201eneue Mythologie\u201c\nspiegele sich in den Gedichtfiguren: Engelsfiguren treten auf, Liebende,\nVerzweifelnde und Hoffende, jung Verstorbene, die im dichterischen Eingedenken\nlebendig werden, schlie\u00dflich Orpheus, der mythische Liebende und S\u00e4nger, der\nzugleich Selbstbild des Dichters wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDifferenz zur Alltagssprache\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1924\nerkrankte Rilke an einer seltenen Form der Leuk\u00e4mie, was h\u00e4ufige\nSanatoriumsaufenthalte zur Folge hatte. Der lange Paris-Aufenthalt von Januar\nbis August 1925 war ein Versuch, der Krankheit durch Ortswechsel und \u00c4nderung\nder Lebensumst\u00e4nde zu entkommen. Indes entstanden in den letzten Jahren zwischen\n1923 und 1926 noch zahlreiche wichtige Einzelgedichte (etwa \u201eGong\u201c und \u201eMausoleum\u201c)\nsowie ein umfangreiches lyrisches Werk in franz\u00f6sischer Sprache, das an die\nLyrik des franz\u00f6sischen Sp\u00e4tsymbolisten Paul Val\u00e9ry ankn\u00fcpfte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Januar\nund Februar 1926 schrieb Rilke der Mussolini-Gegnerin Aurelia Gallarati Scotti\ndrei Briefe nach Mailand, in denen er die Herrschaft Mussolinis lobte, den\nFaschismus als \u201eHeilmittel\u201c pries und staatliche \u201eGewalt\u201c billigte: Er war\nbereit, eine gewisse, vor\u00fcbergehende Gewaltanwendung und Freiheitsberaubung zu\nakzeptieren, um \u00fcber Ungerechtigkeiten hinweg zur Aktion zu schreiten. Italien\nsah er als das einzige Land, dem es gut gehe und das im Aufstieg begriffen sei.\nMussolini sei zum Architekten des italienischen Willens geworden, zum Schmied\neines neuen Bewusstseins, dessen Flamme sich an einem alten Feuer entz\u00fcnde.\n\u201eGl\u00fcckliches Italien!\u201c rief Rilke aus, w\u00e4hrend er den Ideen der Freiheit, der\nHumanit\u00e4t und der Internationale eine scharfe Absage erteilte. Sie seien nichts\nals Abstraktionen, an denen Europa beinahe zusammengebrochen w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Er starb am 29. Dezember 1926 im Sanatorium Valmont sur Territet bei Montreux und wurde am 2. Januar 1927 \u2013 seinem Wunsch entsprechend \u2013 in der N\u00e4he seines letzten Wohnorts auf dem Bergfriedhof von Raron beigesetzt. Auf seinem Grabstein steht der von Rilke selbst verfasste Spruch:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"700\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/unnamed-4-700x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5408\"\/><figcaption>Grab mit Grabspruch. Quelle: http:\/\/www.fondation-rilke.ch\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Tombe-Rilke.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Postum erschienen sein Buch \u201eDichtungen des Michelangelo\u201c und\nsein umfangreiches Briefwerk. Rilke verstand sich nicht als Schulengr\u00fcnder und\nist so auch kaum rezipiert worden, sieht man von der Naturlyrik der 1920er bis\n1950er Jahre und von einzelnen Autoren wie Peter Handke ab. Popul\u00e4r wurde\ninsbesondere sein von neuromantischer Schw\u00e4rmerei und Dichteremphase getragenes\nFr\u00fchwerk. Die Rubrizierung seines \u0152uvres unter eine Epoche oder eine bestimmte\nRichtung ist kaum m\u00f6glich; akzeptiert ist allenfalls die Zurechnung zum\nSymbolismus. Eine Perspektive, die sich bis heute durchgesetzt hat, zielt \u00fcber\ndie Motive hinaus \u201eauf jene Besonderheiten der Dichtungssprache bei Rilke,\nderen Differenz zur Alltagssprache nach wie vor Entdeckungen zul\u00e4sst\u201c, so\nK\u00f6hnen. Seine k\u00fchne Metaphorik rings um Abstrakta wie Gott, Stille, Existenz,\nTrauer oder Zeit gilt bis heute als unerreicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Werke sind h\u00e4ufig vertont oder musikalisch bearbeitet worden: In der langen und illustren Reihe seiner Adepten finden sich etwa Alban Berg, Arnold Sch\u00f6nberg, Leonard Bernstein, Dmitri Schostakowitsch und selbst Udo Lindenberg. Popul\u00e4r geworden ist vor allem die musikalische Ann\u00e4herung an Rilkes lyrisches Werk durch das \u201eRilke Projekt\u201c, das im Jahr 2001 begonnen wurde. In bisher vier CD-Ver\u00f6ffentlichungen interpretieren bekannte zeitgen\u00f6ssische Schauspieler und Musiker Texte von Rilke. Die ersten drei CDs erreichten Goldstatus. Zu den bekanntesten Mitwirkenden geh\u00f6ren Ben Becker, Mario Adorf, Iris Berben, Nina Hagen und Xavier Naidoo. \u201eGenerationen deutscher Leser galt und gilt er als Verk\u00f6rperung des Dichterischen, sein klangvoll-rhythmischer Name wurde zum Inbegriff des Poetischen\u201c, befand 2007 Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki. Damit hat er 13 Jahre sp\u00e4ter immer noch Recht.<\/p>\n\n\n\n<figure><iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5394&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\" scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowtransparency=\"true\"><\/iframe><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gilt vielen als einer der gr\u00f6\u00dften deutschen Dichter, sein \u201ePanther\u201c war in Ost und West Schulstoff und ist es bis heute: Rainer Maria Rilke. Vor 145 Jahren kam er zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5394"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5394"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5394\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5410,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5394\/revisions\/5410"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5394"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5394"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5394"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}