{"id":5546,"date":"2021-02-03T15:11:41","date_gmt":"2021-02-03T14:11:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5546"},"modified":"2021-02-03T15:11:42","modified_gmt":"2021-02-03T14:11:42","slug":"wissenschaft-als-schachfigur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5546","title":{"rendered":"Wissenschaft als Schachfigur"},"content":{"rendered":"\n<p>Es waren nicht nur S\u00e4tze von\nbemerkenswerter Klarheit, die Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Ende Januar in der\nBundespressekonferenz formulierte. Die promovierte Physikerin gab mit diesem\nStatement offenkundig bedenkenlos zu, dass f\u00fcr sie Wissenschaft nicht (mehr?)\nwertfrei und objektiv, sondern ideologisch subjektiv aufgeladen ist: \u201eEs gibt\nin dem ganzen auch politische Grundentscheidungen, die haben mit Wissenschaft\nnichts zu tun. Mit der Einladung von bestimmten Wissenschaftlern wollen wir auf\nbestimmte Fragen, die uns interessieren und die nicht politischer Natur sind,\nAntworten bekommen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Genau dies war und ist der\nVorwurf von Kritikern, dass eben nur \u201ebestimmte\u201c Wissenschaftler mit Antworten\nauf \u201ebestimmte\u201c Fragen geh\u00f6rt werden und deshalb \u201ebestimmte\u201c Antworten und\n\u201ebestimmte\u201c Entscheidungen herauskommen. Prompt warf der Bundesverband\nmittelst\u00e4ndische Wirtschaft der Bundesregierung vor, sich in der Corona-Krise\neinseitig beraten zu lassen. Es fehle \u00f6konomischer Sachverstand, sagte\nBundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer Markus Jerger <em>dpa<\/em>.\nBei einem Expertengespr\u00e4ch vor Beratungen von Bund und L\u00e4ndern sei keiner der\nf\u00fcnf \u201eWirtschaftsweisen\u201c dabei gewesen, sondern vor allem Virologen. Der nichteingeladene\nVirologe Henrik Streeck wiederum verk\u00fcndete in der <em>FAZ<\/em> stracks: \u201eDie Entscheidungen sind politisch, nicht\nwissenschaftlich\u201c &#8211; und best\u00e4tigte damit Merkel von der entgegen gesetzten\nSeite der Argumentation.<\/p>\n\n\n\n<p>Die r\u00e4umte mit ihren \u00c4u\u00dferungen faktisch ein, dass ihr Kurs nicht alternativlos ist &#8211; dass sie sich aber gegen die Alternative entschieden habe und nur mehr mithilfe von Zirkelschl\u00fcssen regiert: Man hat eine politische Linie, l\u00e4dt nur solche Berater ins Kanzleramt, die diese Linie st\u00fctzen, und erkl\u00e4rt dem B\u00fcrger, die politische Linie werde ja durch die Berater gest\u00fctzt. Es ist nicht v\u00f6llig klar, ob man damit vor allem das Volk t\u00e4uschen will oder sich selbst oder beides &#8211; das war ein vollst\u00e4ndiger intellektueller Offenbarungseid. Das befand selbst FDP-Urgestein Wolfgang Kubicki auf <em>Facebook<\/em>: \u201eDass sich die Bundeskanzlerin \u2026 lieber von selbst ausgew\u00e4hlten Beratern best\u00e4tigen l\u00e4sst, zeigt, dass sie nicht mehr nach dem besseren Weg sucht, sondern den einmal eingeschlagenen Weg durchbringen will. Koste es, was es wolle.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/2020-08-28-merkel-sommer-pk.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5550\"\/><figcaption>Merkel vor der BPK. Quelle: https:\/\/www.bundesregierung.de\/resource\/image\/1780820\/16&#215;9\/990\/557\/c728effa2d94b66083ffde49415279fd\/Is\/2020-08-28-merkel-sommer-pk.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der wie \u00fcblich medial kaum\nbeachtete Vorgang kann gar nicht laut, oft und drastisch genug kommentiert\nwerden, zeigt er doch, dass seit sp\u00e4testens 2015 nicht nur das Recht, sondern\nauch die Wissenschaft massiven Verwerfungen ausgesetzt ist. Corona wirkte\ninsofern wie ein Brennglas, das entz\u00fcndete, was schon seit l\u00e4ngerem in der\n\u201escientific community\u201c schwelt: die ideologische Zurichtung von Erkenntnis,\nverbunden mit der politisch-medialen Abwertung nicht genehmer Forscher bzw.\nForschungsergebnisse sowie akademischer Grade, geklammert von der\nGeringsch\u00e4tzung der Geisteswissenschaften bei gleichzeitiger \u00d6konomisierung der\nNaturwissenschaften. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Absurde Einseitigkeit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So zeugt vor allem der Umgang\nmit Corona von einer absurden Einseitigkeit, die gepaart ist mit dem beinahe\nvollst\u00e4ndigen Schweigen anderer Wissenschaftler, die es einfach hinnehmen, dass\nWissenschaft zur Spielfigur auf dem politischen Schachbrett degradiert wird,\noder andernfalls medial totgeschwiegen werden. Allen voran ereifert sich die Hallenser\nWissenschaftsvereinigung Leopoldina mit ihren knapp 2000 Mitgliedern, darunter\ndem Kanzlergatten, und l\u00e4sst sich willig als Inhaberin der absoluten Wahrheit\nfeiern, indem sie dem B\u00fcrger suggeriert, sie sei im Besitze des Wissens, das\naus der Pandemiekrise f\u00fchren werde. Leopoldinas Weisheit letzter Schluss ist\nder harte Lockdown, wie es in einer Stellungnahme von Anfang Dezember 2020\nhei\u00dft und der dann auch so umgesetzt wurde. Dass diese Stellungnahme die\nPrinzipien wissenschaftlicher und ethischer Redlichkeit verletzt, ist so\nevident, dass mit dem T\u00fcbinger Professor Thomas Eigner inzwischen ein\nLeopoldina-Mitglied ausgetreten ist, weil er es mit seinem Gewissen nicht\nvereinbaren k\u00f6nne, ein Teil dieser Art von Wissenschaft zu sein. <\/p>\n\n\n\n<p>So ist der\nBegriff \u201eInzidenz\u201c ein rein politischer und hat nichts mit dem viel umfangreicheren\nepidemiologischen Inzidenzbegriff zu tun. Der politische Begriff ist eigentlich\nnur eine Melderate, doch auf dieser baut die absurde Logik auf, dass zum einen\nInfiziert gleich krank und krank gleich potentieller Beatmungspatient bzw.\npotentieller Toter hei\u00dft. Sie verkennt zum anderen, dass jeder Symptomlose\ntrotzdem infiziert und damit potentieller Ansteckungsherd sein kann. Hier\nwerden s\u00e4mtliche medizinischen Ma\u00dfst\u00e4be ins Groteske gekippt und neben dem\nwirtschaftlichen Totalschaden des Landes auch sein sozialer Tod in Kauf\ngenommen. Das ist keine Politik, das ist Selbstmord aus Angst vor dem Tod; und\nmanche lauten Wissenschaftler gerieren sich dabei als Totengr\u00e4ber. <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem\nZusammenhang muss zu denken geben, dass just mit der Amts\u00fcbernahme von Joe\nBiden und seinem am ersten Amtstag verf\u00fcgten Wiedereintritt in die\nWeltgesundheitsorganisation WHO eben diese ihre Richtlinien f\u00fcr die\nInterpretation von PCR-Tests \u00e4nderte. Darin hei\u00dft es nun, man solle den\nSchwellenwert, ab dem ein Testergebnis als positiv gilt, unter Umst\u00e4nden\nmanuell anpassen. Ergebnisse, die \u201egerade so\u201c noch positiv seien, m\u00fcssten sehr\nvorsichtig interpretiert werden. Ein PCR-Test kann also positiv sein \u2013 und man\nwei\u00df dennoch nicht, ob der positiv Getestete nun viele Viren in sich tr\u00e4gt (und\nvielleicht ansteckend ist) oder ob es nur ganz wenige Virenanteile sind, die\nlediglich aufgrund einer hohen Zyklenzahl so stark vervielf\u00e4ltigt wurden, dass\nschlie\u00dflich ein positives Testergebnis herauskam. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn das\nTestergebnis nun nicht mit dem gesundheitlichen Zustand des Getesteten\n\u00fcbereinstimmt (wenn er positiv ist, aber putzmunter wirkt, also keine Symptome\nhat), dann muss ein erneuter Test durchgef\u00fchrt werden, so die WHO. Auf gut\nDeutsch: Die PCR-Tests sind also \u00fcberhaupt nicht geeignet, um eine\nCorona-Infektion zuverl\u00e4ssig festzustellen, vor allem, wenn es sich um Menschen\nohne klinische Symptome handelt. Es sind also viel zu viele Menschen aufgrund\neines vermutlich falschen Testergebnisses in Quarant\u00e4ne geschickt worden. Wurden\nfr\u00fcher Pandemien anhand von Todeszahlen als solche bestimmt, gen\u00fcgen heute die\nZahlen von Infizierten. Wie sehr muss eine Regierung ihren\n\u201ewissenschaftlich begr\u00fcndeten\u201c Ma\u00dfnahmen misstrauen, wenn die B\u00fcrger in Bussen,\nBahnen und an Bahnh\u00f6fen st\u00e4ndig mit der Erinnerung an die Maskenpflicht\npenetriert werden?<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDenn der unaufgeregte Diskurs \u00fcber Daten und Fakten wurde schnell einer global entfachten Panikstimmung geopfert, die den seri\u00f6sen Blick der Wissenschaft beiseiteschob, um sich als Propagandawelle in die Gem\u00fcter der Menschen zu ergie\u00dfen\u201c, befindet Fabian Nicolai auf <em>achgut<\/em>. \u201eDer Bezug auf medizinwissenschaftliche Basisdaten konnte entfallen und das Rudiment als Tatsache verkauft werden\u201c. Mit Prof. Dr. Michael Esfeld stellte ein Leopoldina-Mitglied in einem Protestschreiben fest: \u201eEs gibt in Bezug auf den Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus keine wissenschaftlichen Erkenntnisse, die bestimmte politische Handlungsempfehlungen wie die eines Lockdowns rechtfertigen.\u201c Er hat sogar gefordert, die Akademie solle das Papier zur\u00fcckziehen, weil es den Anschein erweckte, die Forscher seien sich einig. So ist es aber nicht. \u201eEs gab keine \u201aepidemische Lage von nationaler Tragweite\u2018, wenngleich dies der Bundestag mit Wirkung ab dem 28.03.2020 festgestellt hat\u201c, urteilte jetzt, endlich, ein Weimarer Amtsrichter. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schaubild_Wissenschaftsreflexion_dt.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5552\"\/><figcaption>Wissenschaftsreflexion. Quelle: https:\/\/www.lcss.uni-hannover.de\/de\/forschung\/wissenschaftsreflexion\/<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Esfeld habe mit seiner Aussage\nv\u00f6llig Recht, dass h\u00f6chst umstritten ist, ob der Nutzen scharfer politischer\nMa\u00dfnahmen wie ein Lockdown die dadurch verursachten Sch\u00e4den aufwiegt, so der\nwissenschaftspolitische Sprecher der Stuttgarter AfD-Fraktion Dr. Bernd Grimmer\nMdL. \u201eAuch seiner Aussage, dass es ethisch in der auf Immanuel Kant\nzur\u00fcckgehenden Tradition Gr\u00fcnde gibt, grundlegende Freiheitsrechte und die\nW\u00fcrde des Menschen auch in der gegenw\u00e4rtigen Situation f\u00fcr unantastbar zu\nhalten, stimme ich uneingeschr\u00e4nkt zu. So geh\u00f6rt zur W\u00fcrde des Menschen die\nFreiheit, selbst entscheiden zu d\u00fcrfen, welche Risiken sie einzugehen bereit\nist.\u201c Das betrifft vor allem die Frage des Impfens: \u201eDie Pandemie wird nicht\nverschwinden, wenn der Impfstoff zur Verf\u00fcgung steht. Sie wird dann zu Ende\ngehen, wenn das Virus alle Menschen gefunden hat\u201c, so der Epidemiologe Klaus\nSt\u00f6hr, Ex-Chef des weltweiten Influenza-Programms der WHO, der leider nur auf <em>Tichys Einblick<\/em> zitiert wird. Ein Virus\nist von Natur aus unbesiegbar, auch wenn das dem Narzissmus der schon l\u00e4nger\nhier Regierenden ein Dorn im Auge ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201everwirrend und irritierend\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eine andere Facette dieser\nEinseitigkeit ist das nachgerade totalit\u00e4re Wissenschaftsverst\u00e4ndnis, wie es\nj\u00fcngst die Pr\u00e4sidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG, die\nHeidelbergerin Katja Becker, an den Tag legte. Wer will, dass Virologen \u201e\u00f6fter\nmit einer Stimme sprechen\u201c, und f\u00fcr w\u00fcnschenswert h\u00e4lt, dass die\nWissenschaftler \u201ezun\u00e4chst untereinander diskutieren und sich dann auf eine\ngemeinsame Linie verst\u00e4ndigen\u201c, offenbart die Sehnsucht nach einer\nStromlinienf\u00f6rmigkeit von Erkenntnis, die diese zum Gl\u00fcck nie haben wird. Ihre\nW\u00fcrdigung der \u201eVielstimmigkeit einer wissenschaftlichen Community\u201c\nkonterkariert sie sofort selbst, wenn sie beklagt, dass diese Stimmen hinterher\n\u201eoft m\u00fchsam wieder in Einklang gebracht werden\u201c m\u00fcssen, \u201ewenn es beispielsweise\ndarum geht, politische Entscheidungen zu treffen\u201c. Das sei \u201ebisweilen\nverwirrend und irritierend, au\u00dferdem kostet es zu viel Zeit\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Da liegt der Hase im Pfeffer. Becker\nwill offenbar ebenso wie Merkel \u201edurchregieren\u201c und sich der einstimmigen\nwissenschaftlichen Unterst\u00fctzung sicher sein: \u201eDas ist ebenso feige wie\ndiktatorisch und nicht nur einer Demokratie unw\u00fcrdig, sondern bef\u00f6rdert ihre\nAbschaffung von oben\u201c, erboste sich Grimmer und forderte Beckers R\u00fccktritt.\nZugleich erinnerte er daran, dass auch der vor Monaten noch f\u00fchrbare Streit\nzwischen Christian Drosten und Alexander Kekul\u00e9 gezeigt habe, dass es \u201edie\neine\u201c wissenschaftliche Erkenntnis und L\u00f6sung nicht gibt. Nur das immer\nwiederkehrende Wechselspiel von These und Antithese garantiert fortschreitende\nErkenntnis. Noch 1931 versuchten 100 Autoren gegen Einstein, eine\n\u201eMehrheitsmeinung\u201c durchzusetzen, was diesen sinngem\u00e4\u00df zu der Aussage\nveranlasst haben soll: \u201eGleich 100? Wenn sie Recht h\u00e4tten, w\u00fcrde doch einer\ngen\u00fcgen\u201c. Wie dieser Streit ausging, ist bekannt. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch die kritische \u00dcberpr\u00fcfung\nvon Forschungsergebnissen wird nicht mehr als notwendiger Bestandteil wissenschaftlichen\nArbeitens gesehen, sondern als St\u00f6rfaktor auf dem Weg zur absoluten Wahrheit,\ndie zu einer idealen linken Gesellschaft f\u00fchrt. \u201eDer Marxismus ist allm\u00e4chtig,\nweil er wahr ist\u201c, hie\u00df es bis 1990. Wir sind entsetzlicherweise auf dem Weg in\nein Gemeinwesen, das genau solche Verdikte \u00fcber die wissenschaftliche\nErkenntnis stellt. Becker hatte sich schon Anfang August 2020 disqualifiziert,\nals unter ihrer Verantwortung ein selbst in Auftrag gegebenes Videostatement\ndes Kabarettisten Dieter Nuhr zum 100. DFG-Gr\u00fcndungsjubil\u00e4um nach einem\nShitstorm auf den Seiten der DFG feige gel\u00f6scht wurde. Dieses Ph\u00e4nomen der \u201eCancel\nCulture\u201c begann sp\u00e4testens 2017 mit der Absage eines zuwanderungskritischen\nVortrags \u00fcber den \u201ePolizeialltag in der Einwanderungsgesellschaft\u201c an der\nFrankfurter Goethe-Universit\u00e4t durch die Ethnologin Susanne Schr\u00f6ter. Reden\nsollte der Bundesvorsitzenden der Polizeigewerkschaft Rainer Wendt, doch 60 von\nSchr\u00f6ters Kolleginnen und Kollegen hatte in einem offenen Brief die Wiederausladung\ndes Gewerkschaftsmannes gefordert und sich durchgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine bereits 2018 durchgef\u00fchrte Befragung von 932 Studenten der eher linken Sozialwissenschaften in Frankfurt brachte j\u00fcngst den alarmierenden Befund, ein Drittel bis die H\u00e4lfte der Befragten dagegen sind, Redner mit abweichenden Meinungen zu den am meisten umstrittenen Themen Islam, Geschlecht und Zuwanderung an der Hochschule zu dulden. Noch h\u00f6her ist der Anteil derer, die solchen Personen keine Lehrbefugnis geben w\u00fcrden, wiederum ein Drittel will ihre B\u00fccher aus den Bibliotheken verbannen. Eine derartige Haltung ist nicht mehr weit von der B\u00fccherverbrennung aus unseligen Zeiten entfernt. Die Toleranz f\u00fcr andere Ansichten war unter den sich als links bezeichnenden Studenten au\u00dferdem deutlich geringer als im konservativen Spektrum. Die Studienautoren Revers und Traunm\u00fcller erkennen in den restriktiven Sprachcodes, gewaltt\u00e4tigen Protesten gegen kontroverse Vortragende und im Wunsch nach Demission unliebsamer Professoren einen \u201eklaren Indikator f\u00fcr die entsetzliche Zukunft der Meinungsfreiheit\u201c insgesamt \u2013 und der Wissenschaftsfreiheit, muss man hinzusetzen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/2020-08-28-merkel-sommer-pk-1-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5553\"\/><figcaption>Uni FFM . Quelle: https:\/\/www.fnp.de\/bilder\/2018\/02\/02\/10416227\/34416904-2083280-446b.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Prompt hat sich heute ein\nNetzwerk gegr\u00fcndet, das Wissenschaftler bei umstrittenen Forschungsthemen\nunterst\u00fctzen soll, falls sie sich nicht mehr Positionen einzunehmen getrauen,\ndie zum Mainstream divergieren. \u201eVersuchen Sie mal in einem biologischen\nSeminar \u00fcber Genetik und Vererbung zu sprechen sowie \u00fcber die Frage, wie weit\nWeiblichkeit etwas Angeborenes oder etwas kulturell Anerzogenes ist \u2026 Die\nLockerheit und Entspanntheit im freien gemeinsamen gedanklichen Experimentieren\nist bei den wirklich wichtigen politischen Themen verloren gegangen\u201c, so die\nPhilosophin Maria-Sibylla Lotter im <em>Cicero<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs ist emp\u00f6rend, dass die\nFurcht vor medialen Emp\u00f6rungswellen so immens ist, dass die Wissenschaftler\nlieber schweigen\u201c, befindet Grimmer und spricht von einer \u201eTrendwende im Kampf\num die Meinungsfreiheit\u201c. Dass Wissenschaft zum Schweigen gebracht wird, sei zwar\nkein neues Ph\u00e4nomen, doch w\u00fcrde es jeder Demokrat einem diktatorischen Regime\nzuschreiben. \u201eDoch diese demokratieunw\u00fcrdigen Verh\u00e4ltnisse sind nun auch bei\nuns angekommen. Die Freiheit der Lehre und Wissenschaft aber ist ein Grundrecht,\ndas nicht verwehrt werden kann. Dass sie sich zusammenschlie\u00dfen, um f\u00fcr etwas\nzu k\u00e4mpfen, was eigentlich selbstverst\u00e4ndlich sein m\u00fcsste, ist ein untragbarer\nZustand\u201c, so Grimmer.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDroh- und Schm\u00e4hanrufe\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Gegenzug allerdings werden\nandere, politisch erw\u00fcnschte Forschungsgebiete geradezu \u201egehypt\u201c. Laut dem im\nDezember verabschiedeten Bundeshaushalt f\u00fcr das Jahr 2021 soll der Etat f\u00fcr\nBildung und Forschung zwar von 18,2 auf 20,8 Milliarden Euro steigen.\nBundesbildungsministerin Anja Karliczek sah jedoch in ihrer Rede im Bundestag im\nFokus von Bildung und Wissenschaft: die Bew\u00e4ltigung der Corona-Pandemie, die\ndigitale Bildung, die Mitgestaltung von Schl\u00fcsseltechnologien, darunter die\nK\u00fcnstliche Intelligenz und Quantentechnologie, und &#8211; die Klimaforschung. <\/p>\n\n\n\n<p>Klimasch\u00fctzer h\u00e4tten sich mit\nihrem Engagement f\u00fcr eine nachhaltigere, lebenswertere Welt hinter der\nWissenschaft verschanzt, befindet <em>Welt<\/em>-Chef\nUlf Poschardt. \u201eSie haben eine tolle Meinung und sagen nur zwei Sachen: Pariser\nAbkommen einhalten und \u201alisten to the science\u2018. Die Wissenschaft \u2013 oder,\ngenauer, der besonders alarmistische Teil \u2013 wird als der Weisheit letzter\nSchluss pr\u00e4sentiert, sie d\u00fcrfe auch demokratische Kompromissformeln und gesellschaftliche\nProzesse infrage stellen. Es ist kein Zufall, dass die aktuellen\nLockdown-Fetischisten im Zweifel die Bek\u00e4mpfung der Corona-Krise mit der\nBek\u00e4mpfung der Klima-Krise vergleichen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Der renommierte Klimaforscher Hans von Storch bezweifelt im <em>Spiegel<\/em>, \u201edass junge unausgebildete Leute in Nordeuropa beurteilen k\u00f6nnen, was Regierungschefs \u2026 tun oder nicht tun \u2013 geschweige denn welche schwierigen Abw\u00e4gungsprozesse in den einzelnen L\u00e4ndern ablaufen. Was die jungen Klimaaktivisten anbieten, ist ein wilder Mix aus Fakten und Spekulationen. \u2026 Fr\u00fcher war ein Sturm einfach ein Sturm, heute gilt er manchen als ein Vorbote des Weltuntergangs.\u201c Allein die Helmholtz-Gemeinschaft verzeichnete allein 2013 f\u00fcr die Klimaforschung 450 Mio. Euro F\u00f6rdermittel, davon 325 Mio. Programm- und 125 Mio. Drittmittel.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schaubild_Wissenschaftsreflexion_dt-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5554\"\/><figcaption>Wie sich die Klimaforschung sieht. Quelle: https:\/\/www.deutsches-klima-konsortium.de\/fileadmin\/<em>processed<\/em>\/5\/5\/csm_dkk-aufgaben-klimasforschung_ebbda34a3a.png<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Ex-US-Vize Al Gore quasi\n\u00fcber Nacht zum \u201ePapst in Sachen Global Warming\u201c wurde, \u201ewar die\nKlimawissenschaft mit dem Virus der Politik infiziert. Der ist t\u00f6dlich, denn in\nder Wissenschaft geht es um Wahrheit, in der Politik aber um Mehrheit. Als\nFolge davon ist heute eine sachliche Untersuchung der Physik der Erdatmosph\u00e4re\nnicht mehr m\u00f6glich\u201c, so der Kernphysiker Hans Hofmann-Reinecke auf <em>achgut<\/em>. Er erkennt weltweit entstandene\nInstitutionen, \u201ewelche die Unterst\u00fctzung der M\u00e4chtigen genie\u00dfen und daf\u00fcr\npseudo-wissenschaftliche Rechtfertigungen derer Politik liefern. Solche Arbeit\nist nicht von Selbstkritik gepr\u00e4gt, sondern von der Hexenjagd auf externe\nKritiker, die ihren Schwindel aufdecken k\u00f6nnten. Aber Selbstkritik w\u00e4re hier\ndringend notwendig, denn die zu messenden Effekte sind so schwach, dass man\nsich leicht selbst zum Narren halten kann\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes politisch\nerw\u00fcnschtes Forschungsgebiet sind die \u201eGender Studies\u201c, von denen sich Deutschland\nknapp 300 Lehrst\u00fchle und Zentren leistet. Wurden von 1995 bis 2005 hierzulande 663\nProfessorenstellen in den Sprach- und Kulturwissenschaften trotz steigender\nStudentenzahlen eingespart, hat sich das gr\u00f6\u00dfte Bundesland Nordrhein-Westfalen\nf\u00fcr die Gender-Studies h\u00f6chst gro\u00dfz\u00fcgig gezeigt und allein zwischen 1986 bis\n1999 an 21 Hochschulen 40 Professuren f\u00fcr das \u201eNetzwerk Frauenforschung NRW\u201c\nneu geschaffen, darunter auch eine f\u00fcr \u201efeministische \u00d6konomie\u201c in M\u00fcnster. Wie\nstreng die Sanktionen gegen Andersdenkende sind, erfuhr 2004 ein Professor an\neiner deutschen Universit\u00e4t, der in einem Essay Gender-Mainstreaming als\ntotalit\u00e4re Steigerung der Frauenpolitik bezeichnet hatte. Der\nWissenschaftsminister untersagte ihm unter Androhung disziplinarischer und\nstrafrechtlicher Konsequenzen, Derartiges weiter zu publizieren. \u201eDiskutieren\nwollte niemand, dagegen bekam ich anonyme Droh- und Schm\u00e4hanrufe sowie soziale\nDistanzierungen und Ridik\u00fclisierungen\u201c, sagt der Wissenschaftler anonym dem <em>Handelsblatt<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSt\u00fcnde es um die akademische Freiheit, um die Freiheit des Denkens und Forschens, nicht besser, wenn es diese Katheder mit ihrer behaupteten Allzust\u00e4ndigkeit nicht g\u00e4be\u201c, fragt Alexander Kissler im <em>Focus<\/em>. \u201eDort werden Waffen geschmiedet im Kampf gegen das M\u00e4nnliche als Prinzip, Form und Person, mal auf grammatikalischen, mal auf diskurspolitischen Wegen.\u201c Der Linguist Peter Eisenberg erkennt, dass der Streit \u00fcber Sinn und Unsinn von Bem\u00fchungen um einen Umbau des Deutschen zur geschlechter- oder gendergerechten Sprache auch die Mitte der Sprachwissenschaft erreicht habe, und emp\u00f6rt sich \u00fcber die Abschaffung des generischen Maskulinums der Duden-Redaktion. \u201eDer Duden vertritt nicht die Sprache, wie sie ist, sondern er will die Sprache umbauen. In dieser Offenheit, in dieser Dreistigkeit hat es das bisher nicht gegeben\u201c, sagte er dem <em>NDR<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schaubild_Wissenschaftsreflexion_dt.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5556\"\/><figcaption>Peter Eisenberg. Quelle: https:\/\/media0.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/karriere-hochschule\/2511106376\/1.5981950\/width610x580\/peter-eisenberg-ist.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Duden bildet sich offenbar\nein, er k\u00f6nne auf diese Weise den allgemeinen Sprachgebrauch manipulieren, um\ndann festzustellen, der Gebrauch habe sich ver\u00e4ndert und er folge ihm: \u201eMan\nkann das nur als skandal\u00f6sen F\u00e4lschungsversuch bezeichnen\u201c, so Eisenberg. Damit\nw\u00fcrde der Gegenstand der Sprachwissenschaft desavouiert, seine Bedeutung f\u00fcr\ndie Disziplin als empirische Wissenschaft negiert, ja ihr buchst\u00e4blich der\nBoden unter den F\u00fc\u00dfen weggezogen. \u201eHier versucht ein winziges H\u00e4uflein\npseudofeministischer Sprachmoralisten, den allgemeinen Sprachgebrauch zu\nbeeinflussen, eine wissenschaftlich einseitige Sichtweise zu propagieren und\ndamit in eine ideologisch genehme Richtung zu lenken\u201c, emp\u00f6rt sich auch die\nStuttgarter gleichstellungspolitische AfD-Fraktionssprecherin Carola Wolle MdL.\n\u201eDe facto aber besitzt nicht der Duden die Deutungs- oder gar Definitionshoheit\n\u00fcber die deutsche Sprache, sondern allein die Sprachgemeinschaft der rund 100\nMillionen deutschen Muttersprachler weltweit.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMitglieder mit R\u00fcckgrat\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Abwertungsindizien finden sich vor\nallem im Umgang mit akademischen Graden. W\u00e4hrend Freiherr zu Guttenberg und\nAnnette Schavan (Union) noch gehen mussten und \u00fcberdies deren Doktortitel aberkannt\nwurden, darf Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) weiter Karriere\nmachen und ihren zun\u00e4chst behalten. Die Ank\u00fcndigung der erneuten Pr\u00fcfung ihrer Doktorarbeit\ndurch den Pr\u00e4sidenten der Freien Universit\u00e4t FU Berlin, G\u00fcnter M. Ziegler, kann\nman nur \u201eakademische Schande\u201c nennen: er sagte allen Ernstes, es werde \u201eergebnisoffen\u201c\ngepr\u00fcft. \u201eWieso muss diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit betont werden\u201c, wundert sich\nGrimmer und fragt sich, was als n\u00e4chstes folgt: \u201eErgebnisoffene Forschung?\nPromotionsverfahren, bei denen politische Kontakte keine Rolle spielen? Auch\nder Satz, dass die Mitglieder der neuen Pr\u00fcfungskommission alle \u201aMitglieder mit\nR\u00fcckgrat sein\u2018 werden, l\u00e4sst tief blicken: hatten die alten keins? Oder steht\nwegen der politischen Prominenz der Kandidatin zu bef\u00fcrchten, dass nicht\ngenehme Ergebnisse karrierehindernd wirken k\u00f6nnten? Diese Wortwahl ist ebenso\nentlarvend wie emp\u00f6rend und eines deutschen Universit\u00e4tspr\u00e4sidenten unw\u00fcrdig.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Daneben verweist Grimmer darauf,\ndass die Giffey-Debatte schon viel zu lange und vor allem grunds\u00e4tzlich falsch\ngef\u00fchrt wird. \u201eDie erste Reaktion der FU auf Giffeys Plagiat, n\u00e4mlich nur eine\nR\u00fcge auszusprechen, also faktisch gar nichts zu tun, war bereits unrechtm\u00e4\u00dfig,\nweil es f\u00fcr die R\u00fcge schlicht an einer Rechtsgrundlage fehlt und es die im\nPromotionsverfahren gar nicht gibt. Schon hier w\u00e4re nur die Aberkennung in\nFrage gekommen\u201c. Es sei verlogen, auf den Doktortitel zu verzichten und ihn\nk\u00fcnftig nicht mehr zu f\u00fchren mit der Begr\u00fcndung \u201eWer ich bin und was ich kann,\nist nicht abh\u00e4ngig von diesem Titel.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Denn bislang stand dieser Titel\nf\u00fcr wissenschaftliche Gr\u00fcndlichkeit, akademische Reife, die F\u00e4higkeit\nselbstst\u00e4ndigen und akribischen Forschens und daf\u00fcr, der allgemeinen\nNivellierung unserer Gesellschaft etwas entgegenzusetzen. Prompt schlug der\nBerliner Wirtschaftswissenschaftler Steffen Huck in der <em>Zeit <\/em>vor, den Doktortitel zugunsten eines\nPeer-Review-Publikationsprozesses abzuschaffen, weil er \u201eblo\u00df die Macht von\nBetreuern, B\u00fcrokraten und Erbsenz\u00e4hlern\u201c sichere. Die auf Giffey &amp; Co.\ngem\u00fcnzte Begr\u00fcndung, dass der Welt \u201eSkandale wie dieser Tage endlich erspart\u201c\nblieben, ist dabei ebenso kurzsichtig wie nivellierend. Wir haben schon das\nGeschlecht abgeschafft, jetzt auch den Doktortitel &#8211; wozu eine Goldmedaille,\nwenn dabei sein alles ist? \u201eDiese Begr\u00fcndung w\u00e4re eher eine Kapitulation vor\nden Scharlatanen\u201c, meint Grimmer. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Problem ist nicht der Doktortitel, sondern wie leicht bzw. mit wie wenig Aufwand er teilweise erworben werden kann &#8211; angesichts von \u201ePromotionsagenturen\u201c, Ghostwritern usw. muss man sich f\u00fcr seine Redlichkeit scheinbar schon rechtfertigen. Einer Recherche des ARD-ZDF-Content-Netzwerks <em>Funk<\/em> zufolge schreiben inzwischen ukrainische Ghostwriter gar schon Bachelorarbeiten f\u00fcr deutsche Studenten. Zwischen 900 und 2.700 Euro kostet eine 30-seitige Arbeit; der Autor sieht davon kaum 20 %. Wenn man also wissenschaftlich Unbrauchbares abschaffen will, m\u00fcsste man zuerst den Bachelorgrad diskutieren, ist sich Grimmer sicher. \u201eDenn er f\u00fchrt \u00fcblicherweise nicht zu Publikationen und l\u00e4hmt das System mit massenhaften Modulpr\u00fcfungen &#8211; oft genug f\u00fcr Studenten, die sich weder f\u00fcr Forschung interessieren noch irgendein Talent daf\u00fcr haben.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schaubild_Wissenschaftsreflexion_dt-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5557\"\/><figcaption>Was ist der Doktor heute noch wert? Quelle: https:\/\/cdn.iz.de\/media\/images\/image-0030907_s768xauto_c0x40_1284x864.jpg  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hinzu kommt, dass die\nPeer-Review-Praxis in den letzten Jahren zunehmender Kritik ausgesetzt ist.\nEinerseits gibt es auch bei den Peer-Reviewed Journals Zitier- und\nGef\u00e4lligkeitskartelle, ja den Editor und Forscher in Personalunion. Der niederl\u00e4ndische\nWissenschaftsverlag Elsevier hat 2019 in seinen Journalen in 433 F\u00e4llen\nwissenschaftliches Fehlverhalten von hunderten Peer-Reviewern gefunden.\nAndererseits haben j\u00fcngst Autoren zwei gro\u00dfe Studien zu COVID-19 zur\u00fcckgezogen,\nobwohl sie nach Peer Reviews in hochrangigen Journals ver\u00f6ffentlicht worden\nwaren. <\/p>\n\n\n\n<p>Zudem geht dank Preprint-Servern\nwie bioRxiv und medRxiv die Ver\u00f6ffentlichung eventuell bahnbrechender\nStudienergebnisse viel schneller. Mehr als 3300 Studien zu Corona sind bisher\nauf bioRxiv ver\u00f6ffentlicht worden; die meisten politischen Entscheidungen in\nZusammenhang mit dem Umgang mit SARS-CoV-2 st\u00fctzen sich in erster Linie darauf.\nPublikationsdruck wie gerade der einer Promotion f\u00fchrt da nur zu Fehlanreizen\nund k\u00f6nnte damit tats\u00e4chlich die Abh\u00e4ngigkeit junger Wissenschaftler von ihren\nBetreuern vergr\u00f6\u00dfern statt im Gegenteil zur wissenschaftlichen Emanzipation der\nPromovenden beizutragen. Eine Dissertation ist mehr als nur eine Anh\u00e4ufung von\nein paar Aufs\u00e4tzen, weil die geistige Architektur, die man daf\u00fcr errichten\nmuss, viel komplexer und gr\u00f6\u00dfer ist.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eBrotgelehrter als Symbol von Enge\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wer promoviert, weist auch nach,\nsich unbekannte Inhalte strukturiert anzueignen, zu kontextualisieren, damit\nsich und sein Denken auf ein h\u00f6heres Niveau zu heben. Auf diesem Potential\nberuhte gerade in den Naturwissenschaften die St\u00e4rke unseres Landes. Man geht\ndoch auch nicht aufs Gymnasium, um dann kein Abitur zu machen. Eine solche\nSelbstbeschneidung kann nicht im Sinne unseres nationalen Wohlergehens sein.\nDoch \u201eSelbstbeschr\u00e4nkung und Meinungskonformismus\u201c konstatiert selbst der\nHamburger Historiker Christoph Plo\u00df, der f\u00fcr die CDU im Bundestag sitzt. In\nTeilen der Wissenschaft werde immer st\u00e4rker infrage gestellt, andere Meinungen\nanzuh\u00f6ren und diese als Gedankenansto\u00df zu empfinden, weil \u201eKraft und Mut\u201c\nfehlten: \u201eDabei w\u00e4ren gerade in Zeiten schnelllebiger Meinungskonjunkturen und\neiner Flut von Fake News grundlegende Erkenntnisse der Wissenschaft wichtiger\ndenn je\u201c, schreibt er im <em>Cicero<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Vor allem der Drittmittelzirkus\nw\u00fcrde zu einem selbstreferentiellen b\u00fcrokratischen System f\u00fchren, das das\n\u201eInteresse, aus den eigenen akademischen Echokammern herauszutreten und mit\neiner breiteren \u00d6ffentlichkeit zu diskutieren\u201c, sinken lie\u00dfe. Das beklagte in\nder <em>Tagesstimme<\/em> auch\nEx-Lehrerverbandschef Josef Kraus: \u201eDie Fragen der Universit\u00e4tspolitik lauten\nn\u00e4mlich heute: Wie gestalten wir Forschung und Wissenschaft so, dass wir einen\npraktischen Nutzen davon haben? Wie kommen wir an Drittmittel? Wie schaffen wir\nes, in den Rang der Exzellenz-Universit\u00e4t zu kommen? Wie kann Hochschule zu\neinem betriebswirtschaftlich-kundenorientierten Dienstleister werden?\u201c F\u00fcr Ferdinand\nKnauss hat sich auf <em>Tichys Einblick <\/em>die\nPolitisierung des Lehr- und Forschungsbetriebs im Dienste bestimmter\nideologischer Botschaften aus den Sozial- und Kulturwissenschaften auch schon\nin die Naturwissenschaften ausgebreitet.<\/p>\n\n\n\n<p>Solche Konzentration auf Quantit\u00e4ten und Verwertbarkeit ist falsch; eine Reduktion von Bildung und Wissenschaft auf blo\u00dfe Qualifikationen und Kompetenzen hinterlassen ein Vakuum. Nur der umfassende Gebildete aber ist frei und m\u00fcndig, weil er sich gelegentlich zur\u00fccknehmen und reflektieren kann: \u201eWissenschaft schafft Wissen, nicht Maschinen oder Reichtum\u201c, wei\u00df Hofmann-Reinecke. Vor diesem Hintergrund \u2013 Gender-Studies einer- und Klimaforschung andererseits zum Trotz \u2013 muten das \u00a0Selbst- und Fremdverst\u00e4ndnis um unsere Geisteswissenschaften befremdlich an: Von den insgesamt 48.547 Professoren des Jahres 2019 stellten die Geisteswissenschaften nur 4.693. Zum Vergleich: 14.527 waren es in den Rechts-\/ Wirtschafts-\/ Sozialwissenschaften, 12.535 in den Ingenieurswissenschaften, 6.456 in Mathematik und Naturwissenschaften, 4.442 in der Medizin\u2026 <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"681\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Schaubild_Wissenschaftsreflexion_dt-2-1024x681.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5558\"\/><figcaption>Geisteswissenschaft. Quelle: https:\/\/i0.wp.com\/userpage.fu-berlin.de\/melab\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Geisteswissenschaft.png?resize=1200%2C798&amp;ssl=1<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gewiss garantieren die Natur-\nund Ingenieurswissenschaften Wertsch\u00f6pfung, ohne die ein differenziertes\nBildungswesen nicht finanzierbar ist. Aber es sind die Geisteswissenschaften,\nvor allem die Philosophie, die Theologie, die Geschichtswissenschaften, die\nLiteratur- und Sprachwissenschaften, die Orientierungsverluste der\nnihilistischen Moderne mit ihrem \u201eanything goes\u201c und \u201ealternative\u201c, in\nKommunikationsblasen verbreitete Fakten ausgleichen beziehungsweise widerlegen\nhelfen, ist sich Kraus sicher. Diese Ideologien bedeuten n\u00e4mlich Beliebigkeit.\nFehlende traditionelle Sinnbez\u00fcge m\u00f6gen als \u201eunmodern\u201c gelten, aber sie\nhinterlassen Orientierungslosigkeit. Geisteswissenschaften erbringen ihre\nbesondere Leistung als historisch-erinnernde, als Werte- und\nGeltungswissenschaften. Sie tragen dazu bei, das eigene Menschsein zu\nverstehen, zu entfalten und zu gestalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Mensch ist eben nicht nur\nein m\u00f6glichst gut funktionierender \u201ehomo oeconomicus\u201c, sondern ein\nhistorisches, sittliches, sprachlich-\u00e4sthetisches, sinnsuchend-religi\u00f6ses Wesen\nund ein \u201ezoon politikon\u201c. Er bedarf des \u00fcbern\u00fctzlichen Sinns. Das hei\u00dft f\u00fcr\nKraus: Eine Reduktion von Bildung und Wissenschaft auf blo\u00dfe Qualifikationen\nund Kompetenzen hinterlassen ein Vakuum. Nur der umfassende Gebildete aber ist\nfrei und m\u00fcndig, weil er sich gelegentlich zur\u00fccknehmen und reflektieren kann.\nFriedrich Schiller hatte in seiner Jenaer Antrittsvorlesung vom 26. Mai 1789\nmit dem Titel \u201eWas hei\u00dft und zu welchem Ende studiert man Universalgeschichte?\u201c\ndie faustische Kernaussage get\u00e4tigt: Der Brotgelehrte ist Symbol von Enge, der\nphilosophische Kopf erforscht, was die Welt im Innersten zusammenh\u00e4lt. \u201eWo der\nBrotgelehrte trennt, vereinigt der philosophische Geist.\u201c Diese Einheit ist\nnicht mehr gewollt, Diversifizierung und Dekonstruktion sind die aktuellen Rezepte\nzur Medikamentation eines karzinogen verstandenen Wissenschaftsbetriebs, der\n\u00fcberdies seit Monaten auf Pr\u00e4senz verzichtet und Studenten allein l\u00e4sst.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Fazit ist mehr als bitter. \u201eIn\nden letzten Jahren sind wir Zeugen eines vollendeten Schulterschlusses aus\nPolitik, Wissenschaft und Medien geworden, der die zur gegenseitigen Kontrolle\nnotwendige kritische Distanz zum Staat und seiner Regierung restlos nivellierte\u201c,\nbilanziert Nicolai. Dazu habe sich ein widerstandslos anbiederndes\nGro\u00dfunternehmertum gesellt, das \u201eim Appeasement-Modus nicht unge\u00fcbt mit den\nGretas und Luisas dieser Welt\u201c sei, was \u201ezur Gleichschaltung der Antagonisten\ngef\u00fchrt\u201c habe. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den 2018 an der TU Berlin in den (Un-)Ruhestand verabschiedeten Medienphilosophen Norbert Bolz lassen sich immer mehr Wissenschaftler dazu \u00fcberreden, ihre Prognosen als Gewissheiten anzubieten. In seinem B\u00e4ndchen \u201eAvantgarde der Angst\u201c f\u00e4llt auch der Begriff der \u201eGef\u00e4lligkeitsforschung\u201c sowie der Satz \u201eAls Prophet wird der Wissenschaftler zum Demagogen und Journalisten.\u201c Solche \u201ePropheten des Elends\u201c w\u00fcrden aber nicht als \u201ebeamtete Scharlatane\u201c psychoanalytisch behandelt, sondern politisch und medial geadelt. Wer wei\u00df, wie dieser neuen St\u00e4ndegesellschaft zu entkommen ist, d\u00fcrfte gute Chancen auf die n\u00e4chste Kanzlerschaft haben.<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5546&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Corona, Gender, Klima \u2013 noch nie war die Wissenschaft in Deutschland so einseitig verpolitisiert und ver\u00f6konomisiert. Titelskandale drohen sie zus\u00e4tzlich zu besch\u00e4digen. 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