{"id":5577,"date":"2021-03-27T06:31:10","date_gmt":"2021-03-27T05:31:10","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5577"},"modified":"2021-03-27T11:05:07","modified_gmt":"2021-03-27T10:05:07","slug":"der-schrullige-onkel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5577","title":{"rendered":"Der schrullige Onkel"},"content":{"rendered":"\n<p>Sein Leben war mit schwierigen Toden verwoben. 1910 starb seine\nj\u00fcngste Schwester Carla ebenso durch Suizid wie 1927 seine Schwester Julia,\n1944 seine zweite Frau Nelly, die unter schweren Alkoholproblemen gelitten\nhatte, und 1949 sein Neffe Klaus (\u201eMephisto\u201c). Seine erste, geschiedene &nbsp;Frau, die Schauspielerin Maria Kanov\u00e1, war\nwegen ihrer j\u00fcdischen Abstammung drei Jahre im KZ Theresienstadt interniert und\nerlag kurz nach Kriegsende den Folgen der Haft. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Leben war auch von der Rivalit\u00e4t mit seinem j\u00fcngeren\nBruder Thomas gezeichnet. Der f\u00fchlte sich bspw. von \u201edieser Fratzenwelt der\nkrassen Effekte\u201c im Roman \u201eDie Jagd nach Liebe\u201c (1903) abgesto\u00dfen und mutma\u00dfte,\n\u201edie Begierde nach Wirkung\u201c habe seinen Bruder \u201ekorrumpiert\u201c. Der noch\n\u00e4sthetisch-literarisch begrenzte Konflikt der Br\u00fcder erreichte 1909 mit dem\nRoman \u201eDie kleine Stadt\u201c ein neues Niveau und wurde nach dem Erscheinen von\nThomas Manns \u201eGedanken im Kriege\u201c (1914), in denen dieser sich deutschnational\n\u00e4u\u00dferte, politisch. Nach des \u00c4lteren Essay \u201eZola\u201c (1915) herrschte zwischen den\nBr\u00fcdern bis 1922 komplette Funkstille. Nach Thomas\u2018 Nobelpreis 1929 war die\nRivalit\u00e4t mindestens literarisch zu Gunsten des j\u00fcngeren entschieden &#8211; aufgrund\nseiner politischen Dimension erreicht der \u00c4ltere nicht \u201edas ewig G\u00fcltige\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Und sein Leben war mit politischen Wirren verbunden. Sein Roman \u201eProfessor Unrat\u201c (1905) wurde in seiner Heimatstadt L\u00fcbeck totgeschwiegen. Als er, inzwischen Pr\u00e4sident der Sektion Dichtkunst der Preu\u00dfischen Akademie der K\u00fcnste, gemeinsam mit K\u00e4the Kollwitz und Albert Einstein 1932 und 1933 gleich zweimal den \u201eDringenden Appell zur Aktionseinheit der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands gegen die Nationalsozialisten\u201c unterzeichnet hatte, drohte der sp\u00e4tere Kultusminister Bernhard Rust, die Akademie aufzul\u00f6sen, wenn er nicht abtr\u00e4te. Er tat\u2019s, verlie\u00df Deutschland und sah sein Vaterland nie wieder. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bundesarchiv_Bild_183-R98911_Heinrich_Mann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5580\"\/><figcaption>Mann 1906. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-R98911 \/ o.Ang. \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=11723625 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Schriften waren die ersten, die bei der\nber\u00fchmt-ber\u00fcchtigten B\u00fccherverbrennung in Berlin am 10. Mai 1933 in die Flammen\nflogen. W\u00e4hrend seiner Emigration wurde er Vorsitzender des Vorbereitenden\nAusschusses der deutschen Volksfront (Lutetia-Kreis) und Ehrenpr\u00e4sident der\nSPD. 1949 wurde er schlie\u00dflich zum Pr\u00e4sidenten der Deutschen Akademie der\nK\u00fcnste in Ost-Berlin gew\u00e4hlt, starb jedoch im Exilland USA, bevor er das Amt\nantreten konnte: Heinrich Mann. Am 27. M\u00e4rz 1871 wurde er in L\u00fcbeck als Sohn\neines Kaufmanns und dessen brasilianisch-deutscher Ehefrau geboren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wortf\u00fchrer des\n\u201eAktivismus\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er wuchs in wohlhabenden Verh\u00e4ltnissen in L\u00fcbeck auf, wo\nsein Vater von 1877 bis zu seinem Tod 1891 Senator f\u00fcr Wirtschaft und Finanzen\nwar. Heinrich brach sowohl das Gymnasium als auch eine Buchhandelslehre in\nDresden ab und volontierte von 1890 bis 1892 beim S. Fischer Verlag in Berlin,\num sich auf eine journalistische Laufbahn vorzubereiten. Nach einer\nLungenblutung 1892 unternahm er mehrere Kurreisen u.a. mit seinem Bruder nach\nItalien; die Familie zieht derweil nach M\u00fcnchen. Er ver\u00f6ffentlicht erste\nErz\u00e4hlungen und poetische Texte und ist als Herausgeber der nationalkonservativen\nund antisemitischen Monatsschrift \u201eDas Zwanzigste Jahrhundert. Bl\u00e4tter f\u00fcr\ndeutsche Art und Wohlfahrt\u201c t\u00e4tig.<\/p>\n\n\n\n<p>Zur Zeit des wilhelminischen Kaiserreiches entstanden politische und kulturkritische \u2013 zum Teil aber auch antisemitische \u2013 Essays, so 1900 \u201eIm Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten\u201c und 1903 \u201eDie G\u00f6ttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy\u201c, in denen Heinrich Eindr\u00fccke verarbeitet, die er durch seinen gemeinsam mit seinem Bruder Thomas verbrachten l\u00e4ngeren Aufenthalt in Italien, vor allem in Riva am Gardasee, gewonnen hatte. Gottfried Benn, Ren\u00e9 Schickele und Otto Flake waren begeistert. \u201eEs sind die Abentheuer einer gro\u00dfen Dame aus Dalmatien. Im ersten Theile gl\u00fcht sie vor Freiheitssehnen, im zweiten vor Kunstempfinden, im dritten vor Brunst\u201c, schreibt Mann an seinen Verleger Albert Langen. 1910 bis 1913 wurden in Berlin allj\u00e4hrlich Schauspiele Heinrich Manns uraufgef\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"210\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bundesarchiv_Bild_183-R98911_Heinrich_Mann-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5581\"\/><figcaption>Die Br\u00fcder 1902. Quelle: Atelier Elvira, M\u00fcnchen &#8211; first upload to de.wikipedia by Benutzer:Nocturne on 6 Oct 2004, but no source given, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=442464<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>An dem Roman \u201eDer Untertan\u201c arbeitete er ab 1912. Der\nVorabdruck in der \u201eZeit im Bild\u201c fiel der Zensur zum Opfer und wurde mit Beginn\ndes Ersten Weltkrieges unterbunden. Das Werk erschien 1915 zuerst auf Russisch\nund ab 1916 als Privatausgabe in deutscher Sprache. Erst nach Kriegsende 1918\nwurde der Roman in nennenswerter Auflage in Deutschland ver\u00f6ffentlicht. Darin kritisiert\ner, wie auch schon im \u201eUnrat\u201c, in pointierten, zuweilen belustigenden\nFormulierungen die politischen und sittlichen Verh\u00e4ltnisse im wilhelminischen\nDeutschland, die Servilit\u00e4t des deutschen B\u00fcrgertums und die sozialen\nUngerechtigkeit dieser Zeit. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAlle seine schreiberischen F\u00e4higkeiten \u2013 Witz und\nPointenreichtum sowie ein unbestechlicher Blick f\u00fcr Phrasen, Floskeln,\nDenkschablonen, die er hinrei\u00dfend aufzuspie\u00dfen vermag \u2013 explodieren f\u00f6rmlich in\ndiesem literarischen Al-fresco-Gem\u00e4lde\u201c, lobt Tilman Krause in der <em>Welt<\/em>. Zugleich das zug\u00e4nglichste von\nHeinrich Manns vielen B\u00fcchern, schuf der Autor mit seinem Helden Diederich\nHe\u00dfling, der so gern wie \u201eunser herrlicher junger Kaiser\u201c Wilhelm II. sein\nwill, dem er in schneidigem Auftreten, vor allem aber in operettenhafter\nInszenierung von Macht und St\u00e4rke nacheifert, einen Typus, der nicht auf den\nWilhelminismus beschr\u00e4nkt ist: den gewissenlosen Karrieristen und\nOpportunisten. 1951 verfilmte den Stoff Wolfgang Staudte f\u00fcr die DEFA mit\nWerner Peters in der Hauptrolle.<\/p>\n\n\n\n<p>Die moralische Entr\u00fcstung \u00fcber die, wie er empfand,\n\u201eheuchlerische Wohlanst\u00e4ndigkeit\u201c seiner Zeit- und Standesgenossen, ihren\n\u201edumpfen Nationalismus\u201c und ihre \u201er\u00fccksichtslose Ausbeutung\u201c der arbeitenden\nBev\u00f6lkerung war auch Thema vieler Erz\u00e4hlungen. Seit dem Erscheinen dieser\nRomane und der zuvor publizierten politisch-kulturpolitischen Essays \u201eVoltaire\n\u2013 Goethe\u201c und \u201eGeist und Tat\u201c galt er der jungen\nexpressionistisch-literarischen Generation als Wortf\u00fchrer des \u201eAktivismus\u201c. Mann\ngeh\u00f6rte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs zu den wenigen europ\u00e4ischen\nIntellektuellen, die sich gegen die chauvinistische Kriegsbegeisterung wandten.\n1914 heiratete er Maria Kanov\u00e1, zieht mit ihr nach M\u00fcnchen, wo zwei Jahre\nsp\u00e4ter Tochter Leonie zur Welt kommt, sein einziges Kind. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edas beste\nDeutschland\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In den ersten Jahren der Weimarer Republik versuchte er, den Erfolg des \u201eUntertan\u201c fortzusetzen. Dem negativen Bildungsroman des imperialistischen Bourgeois f\u00fcgte er die Darstellungen des Proletariats (\u201eDie Armen\u201c, 1917) sowie der Gro\u00dfindustrie, der leitenden B\u00fcrokratie und der Diplomatie (\u201eDer Kopf\u201c, 1925) an; er begriff diese drei Werke als \u201edie Romane der deutschen Gesellschaft im Zeitalter Wilhelms II.\u201c und fasste sie unter dem Titel \u201eDas Kaiserreich\u201c zusammen. Geschult an den Franzosen, besonders an Zola, sah er sich selbst als einen linksengagierten Schriftsteller und wurde auch von den Zeitgenossen so eingeordnet. Die literarische Wirkung der Fortsetzungen blieb allerdings gering. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bundesarchiv_Bild_183-R98911_Heinrich_Mann-2-1024x751.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5582\"\/><figcaption>Erstausgabe des Alterswerks. Quelle: \u00a9 Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) &#8211; Antiquariat Dr. Haack Leipzig \u2192 Privatsammlung Frankfurt am Main, CC BY 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3994900<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bedeutsamer als sein belletristisches war sein\npublizistisches und essayistisches Werk der 20er Jahre. In ihm setzte er sich\nf\u00fcr die deutsch-franz\u00f6sische Verst\u00e4ndigung sowie f\u00fcr eine paneurop\u00e4ische\nBewegung ein. Nach der Trennung von Maria, auf die 1930 die Scheidung folgen\nsollte, zog Mann 1928 wieder nach Berlin, wo er ein Jahr sp\u00e4ter seine zweite Ehefrau\nNelly Kr\u00f6ger kennenlernte und danach den Welterfolg der UFA-Verfilmung von\n\u201eProfessor Unrat\u201c als \u201eDer blaue Engel\u201c mit Marlene Dietrich und Emil Jannings\nmiterlebt. 1932 brachte ihn der Publizist Kurt Hiller als m\u00f6glichen\nReichspr\u00e4sidenten ins Spiel.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Machtergreifung der Nazis \u2013 er stand auf der ersten\nAusb\u00fcrgerungsliste, als einem der ersten Prominenten wurde ihm die deutsche\nStaatsb\u00fcrgerschaft aberkannt \u2013 floh er im Februar 1933 nach Nizza, wo er bis\n1940 lebte und durch sein umf\u00e4ngliches publizistisches Engagement zu einem intellektuellen\nWortf\u00fchrer der antinazistischen Emigration wurde. Bereits 1933\/34\nver\u00f6ffentlichte er in Paris die beiden politischen Streitschriften \u201e<em>Der Ha\u00df\u201c<\/em> und<em> \u201eDer Sinn dieser Emigration\u201c<\/em>.\n\u201eDie Emigration \u2026 ist die Stimme ihres stumm gewordenen Volkes, sie sollte es\nsein vor aller Welt. [&#8230;] Die Emigration wird darauf bestehen, dass mit ihr\ndie gr\u00f6\u00dften Deutschen waren und sind, und das hei\u00dft zugleich: das beste\nDeutschland\u201c, hei\u00df es darin. Zudem schrieb er zahllose Beitr\u00e4ge f\u00fcr\nExil-Zeitschriften wie <em>Die Neue Weltb\u00fchne<\/em>.\n<\/p>\n\n\n\n<p>In der Emigration schrieb Mann aber auch die gro\u00dfangelegten Romane \u201eDie Jugend des K\u00f6nigs Henri Quatre\u201c (1935) und \u201eDie Vollendung des K\u00f6nigs Henri Quatre\u201c (1938). Er stellte mit diesem Volksk\u00f6nig des Toleranzedikts von Nantes einen vorbildlichen humanistischen Politiker dar, der die von ihm selbst propagierte Synthese von \u201eMacht\u201c und \u201eGeist\u201c praktizierte. Dieser historische Roman sollte gem\u00e4\u00df seinem pragmatischen Geschichtsdenken ein \u201ewahres Gleichnis\u201c f\u00fcr die Gegenwart sein und wurde als solches von Kollegen und Kritikern wie Arnold Zweig, Lion Feuchtwanger oder Bertolt Brecht erkannt und ger\u00fchmt. 1936 wurde ihm die tschechische Staatsb\u00fcrgerschaft gew\u00e4hrt, 1939 feiert er Hochzeit mit Nelly.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bundesarchiv_Bild_183-R98911_Heinrich_Mann-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5584\"\/><figcaption>Szenenbilder aus dem &#8222;Blauen Engel&#8220; und dem &#8222;Untertan&#8220;. Quelle eigene Darstellung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1940, nach der Niederlage Frankreichs, musste der fast\nSiebzigj\u00e4hrige noch unter abenteuerlichen Umst\u00e4nden \u00fcber die Pyren\u00e4en und\nLissabon nach Amerika fliehen, gemeinsam mit seiner Frau Nelly, seinem Neffen\nGolo sowie Franz Werfel und Alma Mahler-Werfel \u2013 von einer \u201eActionszene der Weltliteratur\u201c\nschreibt Krause. Dort lebte er in Hollywood, dann in einem anderen Stadtteil\nvon Los Angeles und zuletzt in Santa Monica in \u00e4u\u00dferst eingeschr\u00e4nkten\nVerh\u00e4ltnissen &#8211; er kam in den USA nie wirklich an geschweige wurde dort\nheimisch. Hier entstand \u2013 in Dialogformen und Struktur teilweise angeregt durch\nseinen Broterwerb als Scriptwriter f\u00fcr die Filmgesellschaft Warner Brothers \u2013\ndas bisher weitgehend unbeachtet und unverstanden gebliebene Alterswerk,\ndarunter die Antinazi-Satire \u201eLidice\u201c (1943), mit der er auf die \u201eAusmerzung\u201c\ndes b\u00f6hmischen Dorfes durch die SS am 9.6.1942\nreagierte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eGesp\u00fcr f\u00fcr\nAtmosph\u00e4re\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein letztes Opus, \u201eEin Zeitalter wird besichtigt\u201c,\nbeschw\u00f6re wie kein anderes Memoirenwerk der deutschen Literatur das herauf, was\nHeinrich \u201eLebensgef\u00fchl\u201c nennt, so Krause: \u201eDas Lebensgef\u00fchl der Deutschen unter\nder sp\u00e4ten Monarchie und der ersten Republik hat jedenfalls niemand so\nanschaulich wie er gespiegelt, vielleicht weil auch niemand sonst ein solches\nGesp\u00fcr f\u00fcr Atmosph\u00e4re besa\u00df.\u201c Nach dem Freitod Nellys zieht er sich mehr und\nmehr in die Einsamkeit zur\u00fcck. Auch die Versuche der Kulturpolitiker der\nsp\u00e4teren DDR, ihn als \u201eintellektuelle Galionsfigur\u201c zur Umsiedelung zu bewegen,\ntrugen keine Fr\u00fcchte. 1947 wurde Heinrich Mann die Ehrendoktorw\u00fcrde der Philosophischen\nFakult\u00e4t der Humboldt-Universit\u00e4t verliehen, 1949 der Nationalpreis 1. Klasse\nf\u00fcr Kunst und Literatur der DDR. Er wurde instrumentalisiert und lie\u00df sich instrumentalisieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Warum er, trotz seiner erkl\u00e4rten Sympathie f\u00fcr Stalin und seiner Annahme der Wahl zum Pr\u00e4sidenten der DDR-Akademie der K\u00fcnste doch mit der Abreise zauderte, sich vor den Karren der DDR-Propaganda spannen zu lassen, war lange Forschungsgegenstand. Heute erscheint plausibel, dass es neben Alter, Hinf\u00e4lligkeit und der Angst vor Ver\u00e4nderung auch ein gravierendes politisches Problem f\u00fcr Heinrich gab: die Abneigung gegen Walter Ulbricht, den er kannte und dem er nicht traute. Nach seinem Tod am 11. M\u00e4rz 1950 infolge einer Gehirnblutung wurde Manns Urne 1961 nach Deutschland \u00fcberf\u00fchrt und auf dem <em>Dorotheenst\u00e4dtischen Friedhof<\/em> in Berlin beigesetzt, die Grabst\u00e4tte geh\u00f6rt heute zu den Ehrengr\u00e4bern des Landes Berlin. Dar\u00fcber hinaus wurde nach ihm der <em>Heinrich-Mann-Preis<\/em>benannt, der seit 1953 j\u00e4hrlich verliehen wird. Anfangs mit 10.000 DDR-Mark f\u00fcr Prosa datiert, wird er seit der Wiedervereinigung als Preis f\u00fcr Essayistik vergeben, das Preisgeld betr\u00e4gt 20.000 Euro.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"506\" height=\"787\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bundesarchiv_Bild_183-R98911_Heinrich_Mann-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5585\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bundesarchiv_Bild_183-R98911_Heinrich_Mann-4.jpg 506w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/Bundesarchiv_Bild_183-R98911_Heinrich_Mann-4-193x300.jpg 193w\" sizes=\"(max-width: 506px) 100vw, 506px\" \/><figcaption>25.3.1961 Beisetzung der Urne Heinrich Manns u.a. mit Arnold Zweig und Ludwig Renn. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-81659-0008 \/ CC-BY-SA, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5358771<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Hinneigung zum \u201eRegime von Pankow\u201c, um es mit Adenauer\nzu sagen, der dabei das \u201ew\u201c so ver\u00e4chtlich mitsprach, hat ihm in der BRD\ngewaltig geschadet. Dass man in der Bundesrepublik seine B\u00fccher \u00fcber Jahrzehnte\nhinweg nur als DDR-Lizenzausgaben bekommen konnte, marginalisierte ihn. Auch\nals die gesamte Familie Mann in den Nullerjahren zur deutschen Vorzeigesippe\naufgewertet wurde, profitierten davon alle \u2013 Thomas und Katja, Klaus und Erika,\nGolo und Elisabeth \u2013 nur Heinrich nicht. Er blieb der schrullige Onkel, selbst\nnoch in dem popul\u00e4ren und \u2013zigfach preisgekr\u00f6nten Fernsehmehrteiler von\nHeinrich Breloer \u201eDie Manns\u201c (2001). <\/p>\n\n\n\n<p>Heinrich Manns politische Position ist nicht einfach zu\nverstehen, l\u00e4sst sich aber mit dem Begriff der \u201eFreiheit\u201c auf einen Nenner\nbringen. Er k\u00e4mpfte f\u00fcr ein freiheitliches und republikanisches Deutschland,\nteilweise mit sozialistischer Grundierung. F\u00fcr diese Ideale trat er bereits vor\ndem Ersten Weltkrieg ein, am engagiertesten in seinem Zola-Essay. In der\nWeimarer Republik k\u00e4mpfte er f\u00fcr ihren Erhalt und nahm sie gegen \u00fcberzogene\nErwartungen in Schutz, z\u00f6gerte aber auch nicht, bestehende Missst\u00e4nde anzuprangern.\nAls Hindenburg 1932 erneut als Reichspr\u00e4sident kandidierte, w\u00e4hlte er ihn in\nder Hoffnung, dass die Republik so \u00fcberleben w\u00fcrde. Seine \u201eRepublik-Romane\u201c\nlesen sich wie ein moralischer Appell, die W\u00fcrde der Demokratie zu verteidigen.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Im Exil bek\u00e4mpfte er den Nationalsozialismus und \u00fcberzog ihn mit Orgien des Hasses und der Verachtung. Er glaubte an den Erfolg einer deutschen Volksfrontbewegung gegen den Faschismus und sah nicht, dass die Kommunisten kein republikanisches freiheitliches Deutschland anstrebten. Als er von Paul Merker gebeten wurde, ein Vorwort zur DDR-Verfassung zu schreiben, lehnte er darin jedwede Form der Parteiendiktatur ab. Er schrieb: \u201eWer die ganze Wahrheit w\u00fcnscht, rechnet mit der Verschiedenheit der Meinungen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<iframe src=\"http:\/\/www.facebook.com\/plugins\/like.php?href=http%3A%2F%2Fwww.dr-thomas-hartung.de%2F%3Fp%3D5577&amp;send=true&amp;layout=standard&amp;width=450&amp;show_faces=true&amp;action=like&amp;colorscheme=light&amp;font&amp;height=80\"scrolling=\"no\" frameborder=\"0\" style=\"border:none; overflow:hidden; width:450px; height:80px;\" allowTransparency=\"true\"><\/iframe>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zeitlebens im Schatten von Bruder Thomas, hielt er Kaiserreich und 3. Reich gleicherma\u00dfen den Spiegel vor: Heinrich Mann. Vor 150 Jahren kam der Autor des \u201eUntertan\u201c zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5577"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5577"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5577\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5586,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5577\/revisions\/5586"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5577"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5577"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5577"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}