{"id":5602,"date":"2021-03-22T08:45:46","date_gmt":"2021-03-22T07:45:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5602"},"modified":"2022-03-09T04:45:03","modified_gmt":"2022-03-09T03:45:03","slug":"langweiliges-blutleeres-pubertaeres-geschwaetz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5602","title":{"rendered":"langweiliges, blutleeres, pubert\u00e4res Geschw\u00e4tz"},"content":{"rendered":"\n<p>Meine letzte Rezension liegt schon\nein Weilchen zur\u00fcck, aber ich fand zwischendurch auch kein Buch, das mich zu\neinem l\u00e4ngeren Text herausgefordert h\u00e4tte. Das \u00e4nderte sich nach der\nKrankenbettlekt\u00fcre eines 399-Seiten-Romans, der in den Feuilletons 2019 nachgerade\nenthusiastisch besprochen wurde: Sally Rooneys \u201eGespr\u00e4che mit Freunden\u201c (orig. \u201eConversations\nwith Friends\u201c 2017) &#8211; das Manuskript der damals vollkommen unbekannten irischen\nAutorin, Jahrgang 1991, war lukrativ versteigert worden. \u201eDie wichtigste Stimme\nder Millennialliteratur\u201c hat der <em>Independent<\/em>\nsie genannt. F\u00fcr ihr Erstlingswerk wurde Rooney 2017 von der <em>Sunday Times<\/em> als \u201eYoung Writer of the\nYear\u201c ausgezeichnet. Man kann noch erw\u00e4hnen, dass sie mit 22 Jahren\nEuropameisterin im Debattierwettbewerb der europ\u00e4ischen Universit\u00e4ten, dem EUDC,\nwurde.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eGnadenlos intelligent\u201c jubelt die\n<em>FAS<\/em>, die Generation der Millenials\nw\u00fcrde darin \u201ehellsichtig seziert\u201c (<em>FAZ<\/em>),\ndie Sprache sei \u201eschn\u00f6rkellos\u201c und \u201emond\u00e4n\u201c (<em>FAZ<\/em>), ja \u201ewarmherzig\u201c (<em>DLF<\/em>),\ndie Dialoge gar \u201eatemberaubend\u201c (<em>FAZ<\/em>),\nkurz der ganze Hype \u201ein diesem Fall gl\u00fccklicherweise komplett berechtigt\u201c (<em>S\u00fcddeutsche<\/em>). Von gelegentlicher\nEinzelkritik abgesehen, fand ich nicht einen Verriss. Soso. Nach meiner Lekt\u00fcre\nallerdings war ich ordentlich durchge\u00e4rgert. Weniger wegen der vertanen\nLebenszeit (h\u00e4tte ich halt ein anderes Buch gelesen), sondern eher der geradezu\nunheimlichen Kongruenz von schlechter Literatur mit bester Kritik: wieso werden\nselbst abartige literarische Fehler derart unisono positiviert und ins\nGewollte, ja Gekonnte uminterpretiert, wie das etwa der <em>Spiegel<\/em> mit dem Terminus \u201egeniale Vagheit\u201c praktiziert? <\/p>\n\n\n\n<p>Was ich las, war, knappstm\u00f6glich\nbilanziert, langweiliges, blutleeres, pubert\u00e4res Geschw\u00e4tz. Dabei, und die\nPlattit\u00fcde muss jetzt sein, entsprach die Autorin perfekt meiner Imagination\nder Protagonistin: Ein langweilig-schnippisches \u201eWasch-mich-aber-mach-nicht-nass\u201c-P\u00fcppchen\nmit Emaille-Wangen, ausdruckslosen Augen, zu gro\u00dfer Nase, daf\u00fcr sehr sinnlichem\nMund und kleinen Br\u00fcsten, gekleidet in eine unscheinbare Bluse und einen\nFaltenrock, der einen Blick auf ihre etwas zu strammen Waden freigab. Die <em>NZZ<\/em> nannte sie \u201eein bisschen linkisch\u201c,\nobwohl sie genau diesen Eindruck ihrer Hauptfigur machte: Den einer\nLiteraturstudentin mit dem Drang zu geradezu zwanghafter Selbstbeobachtung und \u2013beschreibung,\nzwischen Selbstzweifel und Selbststilisierung, die mehr Geist als K\u00f6rper ist\nund zu ihren eigenen Gef\u00fchlen keinen Zugang findet. \u201eIch war nicht, wer ich\nvorgab zu sein\u201c, bringt die Ich-Erz\u00e4hlerin das selbsterkannte Dilemma auf den\nPunkt.<\/p>\n\n\n\n<p>Sie hei\u00dft Frances und war mit ihrer besten Freundin Bobbi w\u00e4hrend der Schulzeit ein Paar \u2013 das Switchen zwischen verschiedenen sexuellen Identit\u00e4ten wird nicht weiter thematisiert, sondern ungeachtet aller psychischen Folgen als selbstverst\u00e4ndlich genommen. Mittlerweile studieren beide am prestigetr\u00e4chtigen Trinity College in Dublin und treten als Duo bei Spoken-Word-Events auf \u2013 Poetry Slam, sagt man hierzulande. Frances schreibt alle Texte, Bobbi ist die bessere Performerin. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Cover-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5604\"\/><figcaption>Cover. Quelle: https:\/\/www.fr.de\/bilder\/2019\/08\/21\/12932551\/516675114-feu_cover_rooney_200819_4c-3N6b.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als die beiden eines Abends die\n37-j\u00e4hrige Kulturjournalistin Melissa und sp\u00e4ter ihren j\u00fcngeren, erfolgloseren\nMann Nick, einen mittelm\u00e4\u00dfigen Aktor kennenlernen, \u00fcbertr\u00e4gt sich diese\nAufgabenteilung auch auf ihr Liebesleben. W\u00e4hrend Bobbi direkt mit Melissa zu\nflirten beginnt, ist Frances\u2018 erster Schritt bei Nick, ihm eine Mail zu\nschreiben. Die restliche Handlung verliert sich in minimalistischer,\nunterk\u00fchlter Sprache an unterschiedlichen Schaupl\u00e4tzen und mittels diverser\nMedien wie Dialogen, Mails, Chats im komplizierten Beziehungsgeflecht aus\nZuneigung, Abneigung, heimlichen und sp\u00e4ter offenen Aff\u00e4ren zwischen diesen vier\nFiguren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMarxismus als Stilrepertoire\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch kreist dabei um zwei\nDinge. Zum einen um Geld, Macht und den Kapitalismus. Auf dem Weg zu Melissas\nHaus erkl\u00e4rt Bobbi ihrer neuen Bekannten: \u201eIch bin lesbisch, und Frances ist\nKommunistin\u201c. W\u00e4hrend der ersten richtigen, postkoitalen Unterhaltung zwischen\nFrances und Nick hei\u00dft es: \u201eBeim Abendessen tauschten wir ein paar Details aus\nunserem Leben aus. Ich erkl\u00e4rte ihm, dass ich den Kapitalismus zerst\u00f6ren wolle\nund dass ich M\u00e4nnlichkeit pers\u00f6nlich als unterdr\u00fcckend empfand. Nick sagte, er\nsei ,grunds\u00e4tzlich&#8216; ein Marxist, und er wolle nicht, dass ich ihn verurteile,\nweil er ein Haus besa\u00df.\u201c An einer anderen Stelle sagt Frances \u201eFerienh\u00e4user\negal wo zu haben sollte gesetzlich verboten sein.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eBobbi hatte eine Art an sich, mit\nder sie \u00fcberall dazugeh\u00f6rte\u201c, beschreibt Frances. \u201eObwohl sie sagte, sie hasse\ndie Reichen, war ihre Familie reich, und andere wohlhabende Menschen erkannten\nsie als eine der ihren an. Ihre radikale politische Einstellung betrachteten\nsie als so etwas wie bourgeoise Selbstkritik, nichts allzu Ernsthaftes, und\nsprachen mit ihr \u00fcber Restaurants oder wo man in Rom wohnte. Ich f\u00fchlte mich in\ndiesen Situationen fehl am Platz, unwissend und bitter, hatte aber auch Angst\ndavor, als halbwegs armer Mensch und Kommunistin identifiziert zu werden.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Scheinbar alles, was Frances (und auch Bobbi) tun, tun sie in einer st\u00e4ndigen Auseinandersetzung mit den gesellschaftlichen Umst\u00e4nden und in gewisser Weise auch mit sich selbst, filtern es durch Klassen- und Geschlechterverh\u00e4ltnisse, gepr\u00e4gt von Zukunfts\u00e4ngsten und echter materieller Not: Eine Zeit lang lebt Frances von Toastbrot. Denn Frances\u2018 alkoholkranker Vater kann seiner Tochter monatelang keinen Unterhalt \u00fcberweisen, auf den die Studentin dringend angewiesen ist. Trotzdem strebt Frances keine Karriere an. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"686\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2020-686x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5605\"\/><figcaption>Die Autorin, inszeniert von Klaus Holsting. Quelle: https:\/\/img.nzz.ch\/2019\/7\/30\/9c1113bb-41a8-4f56-9af1-70afed8f0548.jpeg?width=1360&amp;height=2029&amp;fit=crop&amp;quality=75&amp;auto=webp  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Anfang Zwanzigj\u00e4hrigen\nerscheint eine Festanstellung, ja Lohnarbeit \u00fcberhaupt weder aussichtsreich\nnoch erstrebenswert. Lustlos absolviert sie zwar ein unbezahltes Praktikum in\neiner Dubliner Literaturagentur. Ihren prek\u00e4ren Lebensstil hat sie jedoch\nl\u00e4ngst zum Programm erhoben. \u201eIch hatte verschiedene Niedriglohnjobs in den\nvergangenen Sommerferien und ich ging davon aus, dass es nach meinem Abschluss\nso weitergehen w\u00fcrde. Auch wenn ich wusste, dass ich irgendwann eine\nVollzeitstelle antreten musste, phantasierte ich garantiert nie von einer\nstrahlenden Zukunft, in der ich daf\u00fcr bezahlt wurde, eine wirtschaftlich\nrelevante Rolle einzunehmen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Einmal erkl\u00e4rt sie wie f\u00fcrs\nProtokoll, \u201edass mein Desinteresse an Reichtum ideologisch gesund war. Ich\nhatte nachgesehen, wie hoch das durchschnittliche Jahreseinkommen w\u00e4re, wenn\ndas Weltbruttosozialprodukt gerecht auf alle verteilt w\u00fcrde, und laut Wikipedia\nl\u00e4ge es bei 16 100 Dollar. Ich sah keinen Grund, weder politisch noch\nfinanziell, warum ich je mehr als diese Summe verdienen sollte.\u201c Das h\u00e4lt sie\njedoch nicht davon ab, sich ins franz\u00f6sische Sommerhaus von Melissa und Nick\neinladen zu lassen und Wein und Lamm zu genie\u00dfen. <\/p>\n\n\n\n<p>Klassenunterschiede mobilisieren\nkeine Wut, m\u00fcnden noch nicht einmal in Konsumkritik oder werden sonstwie\nhinterfragt, sondern einfach nur vage als \u201eschlecht\u201c beschrieben.\nSelbstgen\u00fcgsamkeit, provozierte Bescheidenheit oder passive Duldungsstarre vor\neinem als monstr\u00f6s empfundenen sozialen Moloch: Nichts genaues wei\u00df man nicht. \u201eMarxismus\nerscheint so als ein Stilrepertoire, ein Slang unter vielen, dessen sich\nRooneys polyglotte Figuren je nach Bedarf bedienen\u201c, erkennt Anna Pilarczyk im <em>Spiegel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edas Recht, niemanden zu lieben\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen geht es um Krankheit,\nLiebe, Freundschaft, die vielen Abstufungen dazwischen, und um Gef\u00fchle, die so\nstark sind, dass die Ich-Erz\u00e4hlerin sie nur ertragen kann, indem sie sich\nselbst physische Schmerzen zuf\u00fcgt und ritzt, womit sich der Kreis zur Krankheit\nschlie\u00dft: sie leidet, wie sp\u00e4ter festgestellt wird, unter Endometriose, was\nfatal heilkundliche Befunde unterst\u00fctzt, wonach Gef\u00fchle, wenn sie nicht\nexternalisiert werden, sich nach innen richten. <\/p>\n\n\n\n<p>Denn Frances tut alles daf\u00fcr, um\nvon ihrer Umgebung f\u00fcr cool, souver\u00e4n und unabh\u00e4ngig gehalten zu werden:\nGef\u00fchle unterdr\u00fccken, l\u00fcgen, Chatnachrichten erst schreiben und dann doch\nwieder l\u00f6schen\u2026 als sei sie in eine st\u00e4ndige Selbstbefragung verstrickt. Wie\nwirke ich auf andere, wie komme ich an, bin ich gut genug? Wichtig ist eine\ngewisse Coolness, die nur aufrechtzuerhalten ist, wenn man Distanz wahrt, zu\nanderen, aber auch zu sich selbst. So lebt sie ihr Leben nicht, sondern\nkuratiert es. Aber wo wird es ausgestellt, wer soll es sehen?<\/p>\n\n\n\n<p>Denn gleichzeitig dreht sich bei ihr alles um das eigene Ego, die eigene Befindlichkeit. Ein gef\u00e4hrlicher Spagat, der verletzbar macht. Sich dem zu entziehen, gelingt halbherzig, indem sie m\u00f6glichst wenige Gef\u00fchle zeigt, auch wenn sie sie in den Sozialen Medien oft inflation\u00e4r zur Schau stellt, aber in der Realit\u00e4t vorsichtig, ja misstrauisch ist: \u201eAls Feministin habe ich das Recht, niemanden zu lieben.\u201c Sie ist trotz der fast symbiotischen Beziehung zu Bobby einsam \u2013 als sie Sexbilder eines US-Studenten erh\u00e4lt, ist sie v\u00f6llig \u00fcberfordert und findet au\u00dfer der L\u00f6schtaste keine Bew\u00e4ltigung: \u201eIch erz\u00e4hlte niemandem davon, es gab niemanden, dem ich davon h\u00e4tte erz\u00e4hlen k\u00f6nnen.\u201c So verh\u00e4lt es sich auch in der Liebesbeziehung, die Frances mit Nick eingeht, zun\u00e4chst im Geheimen, dann mehr oder weniger geduldet von Melissa.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Debattenk\u00f6nigin-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5606\"\/><figcaption>Die Autorin als europ\u00e4ische Debattenk\u00f6nigin. Quelle: http:\/\/www.universitytimes.ie\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/883839_10151857318394199_431750601_o.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Also seziert sie neben den anderen\nund der Welt vor allem sich selbst, auch im Spiegel, auch auf Fotos. Das geht\nsoweit, dass sie oft genug ihren Gesichtsausdruck ahnt und beschreibt, ohne ihn\nzu sehen. Was sie erlebt, ist oft genug begleitet von einem Bewusstsein daf\u00fcr,\nwie man es sp\u00e4ter beschreiben k\u00f6nnte, und wenn etwas Unangenehmes passiert,\ndenkt Frances \u201esogar dar\u00fcber nach, wie lustig ich in einer E-Mail dar\u00fcberschreiben\nk\u00f6nnte\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Zwang, verbunden mit ihrer\n\u00e4rmlichen Herkunft, macht sie oft blind f\u00fcr die N\u00f6te und Empfindlichkeiten der\nanderen \u2013 mit manchmal verheerenden Folgen. Ihre Liebe zu Nick tr\u00e4gt das\nKorsett eines prononcierten Machtanspruchs: Gl\u00fcck hei\u00dft f\u00fcr sie, \u201edie volle\nKontrolle\u201c in der Beziehung zu haben. \u201eIch k\u00f6nnte gehen, dachte ich, und\ndar\u00fcber nachzudenken f\u00fchlte sich gut an, als h\u00e4tte ich wieder die Kontrolle\n\u00fcber mein Leben.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei wird permanent die\nAmbivalenz zwischen ihrem eigenen Innenleben und ihrer Au\u00dfenwirkung thematisiert:\n\u201eIch war aufgeregt, bereit f\u00fcr die Herausforderung, in die Wohnung einer\nFremden zu gehen, und legte mir schon ein paar Mienen und Komplimente zurecht,\num charmant zu wirken.\u201c Zu wirken, wohlbemerkt, nicht zu sein. Reflektieren\nstatt leben. Diese Kombination aus Unsicherheit, Verletzlichkeit und Narzissmus\nist nicht nur die h\u00e4rteste Waffe, die Frances im Umgang mit ihrem Umfeld hat,\nsondern eben auch ihre offene Flanke.<\/p>\n\n\n\n<p>Ihre Verfasstheit gipfelt in\nreligi\u00f6sem Sendungsbewusstsein: \u201eJesus wollte immer der bessere Mensch sein,\nich auch.\u201c \u201eDie gr\u00f6\u00dfte Grausamkeit f\u00fcr Rooneys Generation, zu der ich auch\ngeh\u00f6re, ist aber, dass wir von der Welt geliebt werden wollen, von der wir vorgeben,\nsie zu hassen\u201c, hat die junge Kritikerin Madeleine Schwarz Rooneys Paradox in\nder <em>New York Review of Books<\/em>\nzusammengefasst.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eihr Inneres zu verschleiern\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dabei geizt Rooney geradezu mit\nDetails, jede Information, die ein zu klares Bild von einer Figur geben k\u00f6nnte,\nspart sie aus. Nick wird schn\u00f6de mit den Worten \u201eEr hatte ein gro\u00dfes, sch\u00f6nes\nGesicht\u201c skizziert. Konterkariert wird diese fig\u00fcrliche Detailarmut von\nfunktionalem Detailreichtum, wenn es etwa vor einem Lyrikevent hei\u00dft: \u201eWir\nhatten eine Flasche Wei\u00dfwein reingeschmuggelt, die wir uns auf dem Klo\nteilten.\u201c Dass Plastebecher beim Vertilgen der Konterbande zum Einsatz kamen,\nversteht sich von selbst. <\/p>\n\n\n\n<p>Selbst popkulturelle Verweise h\u00e4lt Rooney abstrakt. So hei\u00dft es an einer Stelle, dass sich Nick und Frances \u201eeinen iranischen Film \u00fcber Vampire\u201c ansehen. Als Ausweis daf\u00fcr, dass die beiden einen anspruchsvollen Filmgeschmack haben, reicht das v\u00f6llig. Wer es wei\u00df, denkt sich hinzu, dass es sich um \u201eA Girl Walks Home Alone At Night\u201c von Ana Lily Amirpour handeln muss. Wer es nicht wei\u00df, hat an Bedeutung aber auch nichts verpasst. Diese Ambiguit\u00e4t aus einerseits pseudointellektuellem Gebaren, das andererseits gar nichts bedeutet, macht den Roman in G\u00e4nze so belanglos: Nicht umsonst fragt sich Frances, \u201ewarum ich mich nicht f\u00fcr mein eigenes Leben interessierte\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/2017-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5607\"\/><figcaption>Die Autorin 2017. Quelle: https:\/\/i2.wp.com\/literaturreich.de\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/24872619808_b01b153932_b.jpg?w=1024&amp;ssl=1 Foto von Chris Boland <a href=\"http:\/\/www.chrisboland.com\">www.chrisboland.com<\/a> <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Rooneys lakonische Dialoge drehen\nsich permanent um das Offensichtliche und zugleich mitschwingende Verborgene,\ndie Figuren sind nicht d\u00fcmmer als die Autorin. Tilman Spreckelsen mutma\u00dft in\nder <em>FAZ<\/em>, dass das \u201enicht nur an den\nL\u00fcgen und Heimlichkeiten\u201c liege, an dem vielen, das angedeutet und falsch oder\ngar nicht verstanden wird, an dem, was auf der Zunge liegt und dann doch nicht\ngesagt wird oder den intensiv empfundenen, aber h\u00f6chst wandelbaren Emotionen. \u201eEs\nliegt auch nicht nur an den Techniken, die gerade die \u00e4lteren Protagonisten\nausgebildet haben, ihr Inneres zu verschleiern, was wiederum auf den Argwohn\nder anderen trifft.\u201c Wer eine moderne Auspr\u00e4gung des Spengler\u2019schen \u201eIbsen-Weibs\u201c\nsucht \u2013 hier wird er f\u00fcndig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Titel l\u00e4sst zu Recht\ndurchblicken, dass es sich um ein schier endloses Palaver handelt, das sich\nnoch dazu in Textnachrichten und Mails fortsetzt, die als Frances\u2019 Ged\u00e4chtnis\nerscheinen: Hier geht sie mit der praktischen Suchfunktion vergangenen\n\u201eGespr\u00e4chen\u201c nach, die Melancholie beim Lesen alter Briefe findet ihre\nzeitgem\u00e4\u00dfe Fortsetzung. Denn wenn unsere Gegenwart immer komplexer und jede\nInformation darin digital jederzeit verf\u00fcgbar wird, l\u00e4sst sich die Welt \u2013 auch\nerz\u00e4hlerisch \u2013 nur durch radikale Selektion bew\u00e4ltigen. <\/p>\n\n\n\n<p>Bei dieser Selektion kann man als\nAutorin subjektiv vorgehen oder die Datenmenge per Suchalgorithmus eingrenzen,\nso wie Frances es anhand ihrer Chats mit Bobbi beschreibt: \u201eDiesmal lud ich mir\nunsere Unterhaltungen als riesige Textdatei mit Zeitstempeln herunter. Ich\nsagte mir, sie sei zu gro\u00df, um sie von Anfang bis Ende zu lesen, und sie hatte\nauch keine durchgehende erz\u00e4hlerische Form, also beschloss ich, sie zu lesen,\nindem ich nach bestimmten W\u00f6rtern oder Phrasen suchte und um sie herum las.\u201c Miriam\nZeh orakelt im <em>DLF<\/em>: \u201eDie Autorin\nh\u00e4tte vermutlich nichts dagegen, wenn ihre Romane auf dieselbe Weise gelesen w\u00fcrden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Auch psychologisch verbl\u00fcfft der\nRoman durchs Ungef\u00e4hre. Immer wieder werfen die Figuren mit ihrem Verhalten\nR\u00e4tsel auf, irritieren durch pl\u00f6tzliche Tr\u00e4nen oder zynische Ausbr\u00fcche. Ihre\nFiguren entstammen einem bestimmten Milieu, einer wei\u00dfen und \u00fcberdurchschnittlich\ngebildeten, urbanen Mittelschicht. Hier \u2013 und nur hier \u2013 diskutiert man \u00fcber\nden kapitalistischen Nutzen von Monogamie, \u00fcber das kommunistische Manifest und\n\u00fcber Gilles Deleuze. \u201eNervig-pseudointellektuelles Gelaber\u201c st\u00f6hnt selbst Nina\nApin in der <em>taz<\/em>, aber meint zugleich:\n\u201eDie Sexszenen sind ziemlich gut. Und das ist wirklich selten.\u201c Entweder hat\nsie einen anderen Text gelesen, oder ich will mir nicht ausmalen, wie ihr\nSexleben aussieht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eIch habe keine Agenda\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201e\u00dcber weite Strecken scheint Sally\nRooney selbst nicht zu wissen, wohin sie sich als n\u00e4chstes schreibt. Ein\nheimliches Treffen von Nick und Frances reiht sich ans n\u00e4chste\u201c, erkennt Zeh. Erz\u00e4hlstr\u00e4nge\nversanden mit offenen Enden, Konsequenzen werden nicht ausgesprochen und Fragen\nnicht gestellt. Als \u201eGeschichte ohne Fazit\u201c, die zu peinlich sei, um erz\u00e4hlt zu\nwerden, bezeichnet Frances einmal einen ihrer Tage und fasst damit Rooneys\ngesamten Roman zusammen: \u201eeine Absage an die vollst\u00e4ndige Erz\u00e4hlbarkeit einer\nzwischenmenschlichen Beziehung und eine Absage an den Autor als Allmacht.\u201c Dazwischengetupft\nimmer mal ein Bild, das ihre durchaus vorhandenen Ans\u00e4tze erkennen lasst wie \u201eIm\nBett falteten wir uns wie Origami ineinander\u201c oder \u201eDie Luft schien hilflos auf\nden Stra\u00dfen gefangen\u201c. Aber auch hier Begrenztheit und Passivit\u00e4t. <\/p>\n\n\n\n<p>Der \u00dcbersetzung von Zo\u00eb Beck gelinge\nes, dabei immer dieselbe Texttemperatur zu halten, meint Meredith Haaf in der <em>S\u00fcddeutschen<\/em>. Es stecke ein \u201eaustrainierter\u201c\nund doch \u201ewarmer, lebendiger Intellekt\u201c hinter dem Text. Aha. \u201eEasy reads\u201c\nnennt man im Englischen s\u00fcffige, voraussetzungsarme Lekt\u00fcren, bei denen man\nrasch von einer Seite zur n\u00e4chsten bl\u00e4ttert \u2013 das trifft es besser. Einen\n\u201eEntwicklungsroman\u201c, den Anne Kohlick im <em>DLF<\/em>\ngelesen haben will, konnte ich gleich gar nicht entdecken. Denn der Text \u2013 der\nMann bleibt bei seiner Frau, die Liebhaberin vielleicht ratlos-verletzt,\ndennoch solo \u2013 steuert auf ein offenes Ende hin: \u201eIst es m\u00f6glich, dass wir ein\nAlternativmodell entwickeln, wie wir einander lieben?\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Da wird eine Beziehung zer- und die Emotionalit\u00e4t einer naiven Kind-Frau nachhaltig verst\u00f6rt, aber all das pl\u00e4tscherte so dahin, h\u00e4tte auch anders verlaufen k\u00f6nnen und wird in seinen Folgen eher niedlich ausfallen \u2013 oder gewaltig. Weder die Erz\u00e4hlerin noch die Autorin k\u00fcmmerts: \u201eIch habe keine Agenda. In meinem Roman bin ich nicht daran interessiert, \u00fcber die Dinge zu urteilen &#8211; auch nicht \u00fcber Dinge, die mir sehr am Herzen liegen &#8230; Ich bin nur daran interessiert, es zu beobachten, und wenn ich es sehe, werde ich dar\u00fcberschreiben\u201c, sagte sie der <em>FAZ<\/em>. Angela Schade befand in der <em>NZZ<\/em>: \u201eDas kalte Feuer, das durch diesen Roman irrlichtert, hat die Figuren zwar nicht verzehrt; aber es l\u00e4sst sie als gebrannte Kinder zur\u00fcck.\u201c&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Preisverleihung.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5608\"\/><figcaption>Die Autorin bei einer ihrer vielen Preisverleihungen. https:\/\/www.irishtimes.com\/polopoly_fs\/1.3719652!\/image\/image.jpg_gen\/derivatives\/landscape_620\/image.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mich frappierte daneben die Menge\nan Meta-Text, die Rooney und ihr Roman produzierten: neben Essays,\nAutorenportr\u00e4ts und Rezensionen auch Instagram-Posts von Prominenten wie Sarah\nJessica Parker. Prompt musste auch Haaf die Frage aufwerfen, \u201eob das nicht einfach\nWohlf\u00fchlliteratur f\u00fcr ein arriviertes Publikum ist. Und ob man da nicht einfach\nnur einer sehr gut gemachten intellektuell-literarischen Hochstapelei\naufgesessen ist.\u201c Sie traute sich offenbar nicht, Ja zu antworten. Ich schon. Was\nsich vielleicht aufmachte, die Formen und Bedingungen ihres eigenen Begehrens\nund das der anderen zu reflektieren und den Versuch zu machen, sich diesen\nPr\u00e4gungen zu entziehen, endet im literarischen Nirvana. <\/p>\n\n\n\n<p>Es gab mal Zeiten, da galten irische\nAutoren als Ma\u00df aller Dinge. Zu den irischen Tr\u00e4gern des Literaturnobelpreises\nz\u00e4hlen William Butler Yeats (1923), George Bernard Shaw (1925), Samuel Beckett\n(1969) und Seamus Heaney (1995). Diese Zeiten, muss man angesichts von Rooney\nkonstatieren, sind dahin. Unwiederbringlich. Das f\u00fcr mich positivste an der\nCausa folgt zum Schluss: Mit ihrem zweiten Roman \u201eNormal People\u201c stach Rooney\n2019 in Gro\u00dfbritannien Michelle Obamas Autobiografie als \u201eBuch des Jahres\u201c aus.\nWas wiederum viel \u00fcber die Qualit\u00e4t des Obama-Textes aussagt. Oder die der\n\u00dcbersetzung. Vielleicht stammte die ja von einem unsensiblen, alten, wei\u00dfen\nMann, der sie gar nicht h\u00e4tte verfertigen d\u00fcrfen\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Hype um Sally Rooneys \u201eGespr\u00e4che mit Freunden\u201c bringt die Postmoderne trefflich auf den Punkt: eine ebenso handlungsleere wie folgenlose Sexromanze zwischen salonkommunistischer Studentin von Anfang 20 und depressivem Schauspieler Anfang 30 tr\u00e4fe den \u201eNerv ihrer Generation\u201c (ZEIT). Echt jetzt? Dann nehmen wir uns alle eine Kerze, gehen auf den Friedhof und warten, bis wir dran sind.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5602"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5602"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5602\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6217,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5602\/revisions\/6217"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5602"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5602"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5602"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}