{"id":5619,"date":"2021-04-02T07:03:11","date_gmt":"2021-04-02T06:03:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5619"},"modified":"2021-03-26T09:03:42","modified_gmt":"2021-03-26T08:03:42","slug":"in-katastrophen-zu-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5619","title":{"rendered":"\u201ein Katastrophen zu leben\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er gilt als einer der meistverfilmten Autoren des 20.\nJahrhunderts: Im Zeitraum 1934 bis 2010 waren 66 Filme nach seinen Romanen,\nSt\u00fccken und Erz\u00e4hlungen entstanden. Die Liste der Hauptdarsteller liest sich\nwie ein Who is who der Filmgeschichte: Laurence Olivier, Alec Guinness, Anthony\nHopkins, Ralph Fiennes oder Michael Caine. Das trifft auch auf die Liste der\nRegisseure zu: Fritz Lang, John Ford, Ken Annakin, Otto Preminger oder George\nCukor. 1950 war er f\u00fcr seine Arbeit an \u201eKleines Herz in Not\u201c, eine Verfilmung\nseines eigenen Stoffes, f\u00fcr den Oscar in der Kategorie Bestes adaptiertes\nDrehbuch nominiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei w\u00e4re er fast nicht zum Schriftsteller geworden: Als\nJugendlicher unternahm er &#8211; unter anderem durch Russisches Roulette &#8211; mehrere\nSelbstmordversuche, weil er in einem Loyalit\u00e4tskonflikt zwischen seinen\nMitsch\u00fclern und seinem Vater stand &#8211; der war sein Schulleiter. Prompt wurde er\nim Alter von 16 Jahren nach London zu einer halbj\u00e4hrigen psychoanalytischen\nBehandlung geschickt. Als 18j\u00e4hriger war er f\u00fcr kurze Zeit Mitglied der\nKommunistischen Partei und w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs gar\nGeheimdienstmitarbeiter. Doch seine publizistische Pr\u00e4gung &#8211; \u00fcber seine Mutter\nwar er Gro\u00dfneffe von Robert Louis Stevenson (\u201eDie Schatzinsel\u201c), ein j\u00fcngerer\nBruder wurde sp\u00e4ter Generaldirektor der <em>BBC<\/em>\n&#8211; tat schlie\u00dflich ihr \u00dcbriges, um den Journalisten seine literarische Berufung\nfinden zu lassen: (Henry) Graham Greene. Am 3. April von 30 Jahren starb er.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren am 2. Oktober 1904 in Berkhamsted, Hertfordshire n\u00f6rdlich von London viertes von sechs Kindern eines wohlhabenden P\u00e4dagogen, der seine Cousine geheiratet hatte, studierte er nach seiner depressiven Schulzeit, die f\u00fcr manche Biographen seine Rolle als Au\u00dfenseiter begr\u00fcndete, Geschichte in Oxford und ver\u00f6ffentlichte 1925 einen unbeachteten Gedichtband. Er arbeitete dann vier Jahre lang als Journalist, zun\u00e4chst beim <em>Nottingham Journal<\/em>, dann als sub-editor im Redaktionsstab der <em>Times<\/em>. Nach einer Korrespondenz mit der gleichaltrigen Katholikin Vivien Dayrell-Browning konvertierte der Agnostiker mit 22 Jahren zur \u00dcberraschung seiner anglikanischen Umgebung zum Katholizismus, so dass 1927 eine Trauung m\u00f6glich wurde. Der Ehe entstammen zwei T\u00f6chter.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"554\" height=\"765\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5620\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-4.jpg 554w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-4-217x300.jpg 217w\" sizes=\"(max-width: 554px) 100vw, 554px\" \/><figcaption>G. Greene. Quelle: Von Bassano Ltd &#8211; National Portrait Gallery: NPG x15393, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=65819874<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der positiven Resonanz auf seinen ersten Roman \u201eThe Man\nWithin\u201c (1929) f\u00fchlte er sich ermutigt, die journalistische T\u00e4tigkeit zu\nbeenden und von nun an als Romanschriftsteller zu leben. Die beiden n\u00e4chsten\nVersuche waren Fehlschl\u00e4ge, der Durchbruch kam 1932 mit \u201eOrient Express\u201c, der schon\n1934 verfilmt wurde. Greene selbst unterteilte seine Werke lange in novels (\u201eernste\u201c\nRomane wie \u201eSchlachtfeld des Lebens\u201c 1934) und entertainments\n(Unterhaltungsromane wie \u201eJagd im Nebel\u201c 1939), gab diese Unterscheidung aber\nsp\u00e4ter auf. Er schrieb daneben Drehb\u00fccher, Erz\u00e4hlungen, Kinderb\u00fccher, ab 1953\nauch Dramen sowie Essays f\u00fcr Zeitungen, zum Beispiel Filmkritiken f\u00fcr <em>The Spectator<\/em>, in denen er Alfred\nHitchcock verriss. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ekritischer Katholik\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Beim Magazin <em>Night and\nDay<\/em> war er Mitherausgeber. \u00c4u\u00dferungen \u00fcber den US-Kinderstar Shirley Temple\nin seiner Besprechung des Films <em>Wee\nWillie Winkie<\/em> (1937) f\u00fchrten zu einem Verleumdungsprozess, der die\nZeitschrift in den Ruin trieb. Greene war unterdessen nach Mexiko gereist und\nwartete dort das Prozessende ab. In dieser Zeit begann seine Leidenschaft f\u00fcr\ndas Reisen, die sich dann auch in umfangreicher Reiseliteratur spiegeln sollte.\nGreene war als Schriftsteller au\u00dferordentlich produktiv, au\u00dferdem war er ein\ngef\u00fcrchteter Verfasser von Leserbriefen.<\/p>\n\n\n\n<p>In Mexiko reiften in ihm Ideen f\u00fcr jenen Roman, der oft als sein Meisterwerk bezeichnet wird: \u201eDie Kraft und die Herrlichkeit\u201c (The Power and the Glory, 1940). Darin beschreibt er als \u201ekritischer Katholik\u201c, der zeitlebens Kritiker der Amtskirche war, den blutigen Kampf eines jungen revolution\u00e4ren Offiziers in Lateinamerika, vermutlich Mexiko, gegen einen der letzten Arme-Leute-Priester der katholischen Kirche auf dem Land. Weder der eine noch der andere dieser beiden diametralen Figuren wird denunziert: Beide sind in die Ideale ihrer gegens\u00e4tzlichen Bewegungen und zugleich in ihre Verbiegungen verstrickt, das Recht und nicht weniger das Unrecht sind auf beiden Seiten zu finden. 1953 belegte Giuseppe Kardinal Pizzardo, Sekret\u00e4r der Kongregation f\u00fcr die Glaubenslehre, den Roman mit einem Bannspruch, der bis heute nicht aufgehoben ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5622\"\/><figcaption>Szenenbild &#8222;Der stille Amerikaner&#8220; mit Michael Caine. Quelle: https:\/\/www.pinterest.ch\/pin\/289285976044628618\/ <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges arbeitete Greene von 1942 bis 1943 in einer Sondermission des britischen Auslandsgeheimdienstes f\u00fcr das Au\u00dfenministerium in Westafrika. Aus dieser Zeit stammen seine pr\u00e4zise Kenntnisse der verborgenen Seiten des Diplomatischen Korps, die er in seinen Romanen genussvoll ironisierend darstellte, etwa in \u201eUnser Mann in Havanna\u201c (1958). Greene wurde von dem ewigen Gef\u00fchl der Langeweile getrieben, dem er entkommen wollte, wie er in seiner Autobiographie \u201eWays of Escape\u201c erz\u00e4hlt. Das f\u00fchrte ihn zum Alkohol, der in vielen seiner Romane eine Rolle spielt, so beim \u201eSchnaps-Priester\u201c in \u201eDie Kraft und die Herrlichkeit\u201c. Greene reiste in die Krisengebiete seiner Zeit, er st\u00fcrzte sich in viele Aff\u00e4ren und war auch ein h\u00e4ufiger Gast in Bordellen. Das Ehepaar Greene trennte sich 1947 wegen der zahlreichen Aff\u00e4ren, blieb aber bis zu seinem Tod verheiratet.<\/p>\n\n\n\n<p>Besonders in seinen fr\u00fchen Romanen bis \u201eEin ausgebrannter\nFall\u201c (1960) herrscht eine sch\u00e4bige, triste Atmosph\u00e4re, in der die Menschen\nErl\u00f6sung suchen und f\u00fcr die sich im englischen Sprachgebrauch der Begriff\n\u201eGreeneland\u201c etablierte. In seinen reifen Jahren wurde Greene zu einem scharfen\nKritiker des Kolonialismus und seiner Ausw\u00fcchse, aber auch der US-Au\u00dfenpolitik,\nund unterst\u00fctzte die Politik von Fidel Castro. In \u201eDer stille Amerikaner\u201c\n(1955) kritisierte er implizit die US-Au\u00dfenpolitik in Indochina. Olaf Ihlau und J\u00fcrgen Kremb erkennen im <em>Spiegel<\/em> eine \u201eParabel auf die\nVerstrickung von fehlgeleitetem Idealismus mit Terrorismus, auf die Konfrontation\nzwischen amerikanischem Sendungsbewusstsein und europ\u00e4ischer Melancholie\u201c.\nDer Roman galt in den USA weithin als antiamerikanisch. Der <em>Guardian<\/em> hat 2002 aus\nUS-Regierungsdokumenten erschlossen, dass das Buch, zusammen mit anderen\nkritischen \u00c4u\u00dferungen Greenes, Anlass daf\u00fcr war, dass er bis zu seinem Tod vom US-Geheimdienst\n\u00fcberwacht wurde. Als er in dem Roman \u201eDie Stunde der Kom\u00f6dianten\u201c (1966) das\nTerrorregime in Haiti darstellte, wurde er von Staatschef Fran\u00e7ois Duvalier mit\nVerleumdungen verfolgt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201enicht moralisch\ngenug\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zwar war Greene in der \u00d6ffentlichkeit \u00fcber vierzig Jahre lang pr\u00e4sent, sein Privatleben hielt er jedoch m\u00f6glichst abgeschirmt. Bis heute wird kolportiert, dass er seine Arbeit f\u00fcr den Geheimdienst nach dem Zweiten Weltkrieg nicht wirklich beendet habe \u2013 zumal er dem Doppelagenten Kim Philby unterstellt war. Im \u201eOrientexpress\u201c hei\u00dft es: \u201eEin Romanschriftsteller ist so etwas wie ein Spion.\u201c Greens gro\u00dfer Freundeskreis umfasste Autorenkollegen wie Evelyn Waugh, Politiker wie Panamas Pr\u00e4sidenten Omar Torrijos oder Filmemacher wie Fran\u00e7ois Truffaut, in dessen \u201eDie amerikanische Nacht\u201c (1973) Greene eine stumme Rolle spielte. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er in Vevey am Genfersee, wo er sich mit Charlie Chaplin anfreundete und bis zu dessen Tod 1977 regelm\u00e4\u00dfigen Umgang pflegte. Greene selbst starb an Leuk\u00e4mie, seine geschiedene Frau \u00fcberlebte ihn um 12 Jahre. Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof von Corseaux im Kanton Waadt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-6-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5624\"\/><figcaption>Greenes Grab. Quelle: Von Philoum &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=6511130<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Geheimnisse und zwielichtige Figuren bev\u00f6lkern Graham\nGreenes zum Teil au\u00dferordentlich erfolgreiche Romane. Die nuanciert\nwiedergegebene Psychologie der Figuren, die straffe Handlungsf\u00fchrung, die\npolitischen Hintergr\u00fcnde und die kritischen Untert\u00f6ne zu diesen heben seine\nB\u00fccher von der Trivialliteratur ab. Ihm ging es immer um das gew\u00f6hnliche B\u00f6se\nin den Menschen, das er dennoch, einem Entertainer gleich, mit teilweise\nschwarzem Humor und ausgepr\u00e4gtem Hang zu T\u00e4uschungsscherzen, zur Verstellung,\nzum \u201eAls ob\u201c ergr\u00fcndete: \u201eDer Mensch ist ein Gesch\u00f6pf, dem es bestimmt ist, in\nKatastrophen zu leben.\u201c Er thematisiert immer wieder Schuld, (Un-)Glaube und\nVerrat im \u00e4u\u00dferen Gewand von Abenteuergeschichte, \u201espy story\u201c und Krimi: \u201eDie\nUnschuld ist eine Form des Wahnsinns.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Der langj\u00e4hrige Feuilleton-Chef der <em>Zeit<\/em>, Rudolf\nWalter Leonhardt, der Greene pers\u00f6nlich kannte, sah in dem britischen Autor vor\nallem einen Individualisten, der f\u00fcr die Literaturwissenschaft und erst recht\nf\u00fcr die Jury des Literaturnobelpreises zu schwer einzuordnen war: \u201eEr hat zwar\nMillionen von Lesern und Bewunderern in aller Welt, aber er hat keine Lobby\neinflussreicher Freunde\u201c. So mutma\u00dfte er, dass er vielleicht \u201enicht moralisch\ngenug (zuviel Whisky und zuviel Sex)\u201c gewesen sein k\u00f6nnte; oder \u201eden Kommunisten\nzu liberal, den Liberalen zu sehr \u201aSympathisant\u2018, den Katholiken zu ketzerisch,\nden Atheisten zu katholisch, den intellektuellen Kritikern zu unterhaltend, den\nFarbigen zu sehr wei\u00dfer Mann, den Wei\u00dfen zu sehr Cham\u00e4leon.\u201c Wie auch immer:\nGreene gilt als der Autor mit den meisten Nominierungen f\u00fcr den\nLiteraturnobelpreis. Bekommen hat er ihn nie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber f\u00fcnf Dutzend Filme entstanden nach seinen Stoffen, seine Melange aus schwarzem Humor und Spionagekrimi war oft nobelpreisverd\u00e4chtig: Graham Greene. 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