{"id":5632,"date":"2021-04-28T06:31:57","date_gmt":"2021-04-28T05:31:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5632"},"modified":"2021-04-28T12:26:51","modified_gmt":"2021-04-28T11:26:51","slug":"ihr-werdet-es-nie-verstehen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5632","title":{"rendered":"\u201eihr werdet es nie verstehen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Die Verteidigung einer Doktorarbeit an der Universit\u00e4t in\nCambridge: \u201eDas ist das Albernste, was mir je in meinem Leben vorgekommen ist\u201c,\nsagt der Doktorand, noch bevor ihm die Professoren Bertrand Russell, sp\u00e4terer\nLiteraturnobelpreistr\u00e4ger, und George Edward Moore ihre ersten Fragen stellen\nk\u00f6nnen. \u201eEr hatte mich \u00fcberzeugt, dass die Probleme der Logik zu schwer f\u00fcr\nmich waren\u201c, schreibt Russel Jahre danach. Die Diskussion bleibt kurz und der\nPr\u00fcfling stur, viel hat er nicht zu sagen. Zum Abschluss klopft er den beiden\nPr\u00fcfern auf die Schulter und sagt: \u201eIch wei\u00df, ihr werdet es nie verstehen.\u201c\nDamit ist er Doktor der Philosophie. <\/p>\n\n\n\n<p>Seine Philosophie in K\u00fcrze zu erkl\u00e4ren ist kaum m\u00f6glich. Seine Werke sind nicht als Lehre zu verstehen, sondern zeigen vielmehr eine Herangehensweise. Er formulierte keine zusammenh\u00e4ngenden Texte wie die meisten Philosophen, sondern schrieb einzelne S\u00e4tze bzw. Abs\u00e4tze, bestehend aus wenigen zusammenh\u00e4ngenden S\u00e4tzen. Man kann sagen, dass man ihn beim Denken beobachtet, wenn man seine Werke liest. Er entwickelte seine Philosophie w\u00e4hrend des Schreibens, wodurch es m\u00f6glich ist, seinen Gedankeng\u00e4ngen zu folgen, auch denen, die letztendlich ins Leere laufen. F\u00fcr ihn ist nur ein \u201eseltsamer Zufall, dass alle die Menschen, deren Sch\u00e4del man ge\u00f6ffnet hat, ein Gehirn hatten.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-11.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5633\"\/><figcaption>Wittgenstein. Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/c\/cca7c082729589136d16752380dfed22v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=838593<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach seinem Ziel in der Philosophie gefragt, antwortete er\n\u201eDer Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.\u201c Die Fliege sei in ihrer\nFalle gefangen in ihrer Art, den Ausweg zu suchen. Sie strebt dabei der\nFaszination des Lichts entgegen und \u00fcbersieht, dass es die Option g\u00e4be, die\nFliegenfalle wieder so zu verlassen, wie sie hineingeraten ist. Die Aufgabe der\nPhilosophie k\u00f6nnte es nun sein, das Glas abzudecken, sodass die Faszination weg\nf\u00e4llt und die Fliege den Weg erkennt. Mit der Dissertation namens \u201eLogisch-philosophische\nAbhandlung\u201c (Tractatus logico-philosophicus) begr\u00fcndet er den Logischen\nPositivismus und schlie\u00dft mit dem Satz: \u201eWovon man nicht sprechen kann, dar\u00fcber\nmuss man schweigen\u201c. Damit beendet er mit einem Handstreich ein paar\nJahrtausende Philosophiegeschichte: Ludwig Wittgenstein, der am 29. April 1951\nstarb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAlle Philosophie ist\nSprachkritik\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Ludwig Josef Johann Wittgenstein wurde er am 26. April\n1889 in Wien als Sohn einer reichen Industriellen-Familie geboren. Der Vater\nKarl und die Mutter Leopoldine stammten aus fr\u00fch assimilierten j\u00fcdischen\nFamilien. Karl begr\u00fcndete das erste \u00f6sterreichische Eisen-Kartell und erwarb\nsich als Stahlmagnat unvorstellbaren Reichtum. Er zog sich schon mit 52 Jahren\naus dem Stahlgesch\u00e4ft zur\u00fcck und investierte in Immobilien, Aktien und\nAnleihen. Durch geschickte Anlagepolitik vergr\u00f6\u00dferte sich das Familienverm\u00f6gen\nauch noch nach seinem Tod w\u00e4hrend des Ersten Weltkrieges, weshalb alle\nWittgensteinkinder als gro\u00dfz\u00fcgige M\u00e4zene auftreten konnten; Ludwig etwa half\nGeorg Trakl. Der einflussreiche Sozialphilosoph Friedrich August von Hayek war sein\nGro\u00dfcousin. Der Anspruch in der Familie mit insgesamt acht Kindern war immens\nhoch: \u201eEs galt immer, den bequemen Weg zu vermeiden und den schwierigsten zu\nw\u00e4hlen\u201c, erkennt Barbara Giese im <em>DLF<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Dieser Zwang, sich mit etwas zu besch\u00e4ftigen, was er eigentlich gar nicht wollte, passt gut in das Bild eines Menschen mit schweren Depressionen. In der Tat galt Wittgenstein stets als depressiv. Russel sagte einst \u00fcber ihn: \u201eSeine Verfassung ist die eines K\u00fcnstlers, intuitiv und stimmungshaft. Er sagt von sich, dass er jeden Morgen voller Hoffnung beginne, aber jeder Abend in Verzweiflung ende.\u201c Die Veranlagung zu Depressionen scheint bei Wittgenstein in der Familie zu liegen, denn immerhin begingen seine drei Br\u00fcder Hans, Kurt und Rudolf Selbstmord. Ludwig studierte von 1906 bis 1908 Ingenieurwissenschaft in Berlin. Nach dem Abschlussdiplom als Ingenieur 1908 ging Wittgenstein nach Manchester, wo er an der Universit\u00e4tsabteilung f\u00fcr Ingenieurwissenschaften versuchte, einen Flugmotor zu bauen. Diesen Plan gab er jedoch bald auf. Er konstruiert sp\u00e4ter eine neue Antriebstechnik f\u00fcr Flugzeuge, bei der die Brennkammern an den Blattspitzen des Rotors angeordnet sind. Mit dem \u201eWittgensteinschen Antrieb\u201c, f\u00fcr der er am 17. August 1911 ein Patent erhielt, ben\u00f6tigt man kein Getriebe und keinen Heckrotor als Drehmomentausgleich.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-12.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5634\"\/><figcaption>Aus der Patentschrift. Quelle: https:\/\/brill.com\/view\/book\/9783846765708\/9783846765708_webready_content_m00001.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In Manchester wurde er mit Russells Schriften \u00fcber die\nGrundlagen der Mathematik bekannt, die ihn so sehr beeindruckten, dass er 1912\nsein Ingenieurs-Studium aufgab, um in Cambridge unter Russells Anleitung\nMathematik und Logik zu studieren: \u201eIch fange an, ihn zu m\u00f6gen; er kennt sich\naus in der Literatur, ist sehr musikalisch, angenehm im Umgang, und ich glaube,\nwirklich intelligent.\u201c Unter dem Einfluss auch von Friedrich Ludwig Gottlob\nFrege begann Wittgenstein eine umfassende Theorie \u00fcber die Grundlage der Logik\nund die Wirkungsarten der Sprache zu entwickeln. Dieses Projekt verfolgte er\nmit gro\u00dfem Eifer w\u00e4hrend eines Aufenthalts 1913\/14 in Norwegen und w\u00e4hrend der\nKriegsjahre, in denen er sich freiwillig als Artillerist an die Ostfront\nmeldete. <\/p>\n\n\n\n<p>Ergebnis dieser Studien war der Tractatus, mit dem\nWittgenstein seine philosophische Aufgabe f\u00fcr beendet hielt. Abgesehen von zwei\nkleineren philosophischen Aufs\u00e4tzen und einem W\u00f6rterbuch f\u00fcr Volksschulen blieb\ner das einzige zu Lebzeiten ver\u00f6ffentlichte Werk Wittgensteins. Philosophische\nProbleme kann nur verstehen oder aufl\u00f6sen, wer begreift, durch welche\nFehlanwendung von Sprache sie \u00fcberhaupt erst erzeugt werden, so Wittgenstein.\nZiel philosophischer Analysen ist die Unterscheidung von sinnvollen und\nunsinnigen S\u00e4tzen durch eine Kl\u00e4rung der Funktionsweise von Sprache: \u201eAlle\nPhilosophie ist \u201aSprachkritik\u2018.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Unter anderem mit Russells Unterst\u00fctzung wurde Wittgenstein im November 1911 in die elit\u00e4re Geheimgesellschaft Cambridge Apostles gew\u00e4hlt. In David Pinsent fand er dort seinen ersten Geliebten. In Skjolden in Norwegen lie\u00df er auf einem entlegenen Fels ein von ihm selbst entworfenes Holzhaus aufstellen, das er mit Pinsent bewohnte und wo er, mehrmals f\u00fcr einige Monate ab 1913, an einem System der Logik arbeitete &#8211; das 1958 abgetragene Haus wurde 2019 wieder am originalen Standort aufgebaut. Dass Wittgenstein homosexuell war, wurde zuerst durch seinen Biographen William Warren Bartley im Jahre 1973 auf der Basis von Aussagen anonymer Freunde Wittgensteins und zweier in Geheimschrift verfasster Tageb\u00fccher \u00f6ffentlich gemacht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"433\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-1024x433.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5635\"\/><figcaption>Die ersten beiden Ebenen des Tractatus gem\u00e4\u00df der Wittgenstein\u2019schen Nummerierung. Quelle: Von Mkleine &#8211; Mindmap wurde von mir selbst erstellt, CC BY-SA 3.0, https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?curid=1433211<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der Lekt\u00fcre der \u201eKurzen Darlegung des Evangeliums\u201c von\nLeo Tolstoi \u00e4u\u00dferte er den Wunsch, in Zukunft Kinder das Evangelium zu lehren.\nDurch die Schrecken des Krieges wurde er vom Logiker zum Mystiker im Sinne der\n\u201enegativen Theologie\u201c. So reifte in ihm der Plan, Lehrer zu werden. Nach der\nEntlassung aus italienischer Kriegsgefangenschaft lie\u00df er sich deshalb als\nVolksschullehrer ausbilden, um 1920 in kleinen \u00f6sterreichischen D\u00f6rfern zu\nunterrichten: Von Trattenbach \u00fcber Puchberg nach Otterthal f\u00fchrte sein Weg. Bekannt\nist, dass er seine Sch\u00fcler und sich selbst hoffnungslos \u00fcberforderte und mit\nseinen Bildungsidealen dramatisch scheiterte. \u201eDie Trattenbacher hatten in\nWittgenstein den verr\u00fcckten Sonderling gesehen, in Cambridge dagegen galt er\nals faszinierender Exzentriker. Gerecht werden ihm wohl beide Einsch\u00e4tzungen\nnicht\u201c befand Andrea Roedig im <em>DLF<\/em>. \u201eEr\nmag ein engagierter, vielleicht sogar guter Lehrer gewesen sein. Ein P\u00e4dagoge\nwar er nicht\u201c, meinte Libu\u0161e Mon\u00edkov\u00e1.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSprache ist viel zu\nungenau\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1926 lie\u00df er sich in Wien nieder und erstellte bis 1928 zusammen\nmit dem Architekten Paul Engelmann, einem Sch\u00fcler von Adolf Loos, f\u00fcr seine\nSchwester Margarethe Stonborough-Wittgenstein ein repr\u00e4sentatives Stadt-Palais\nin Wien (Haus Wittgenstein). Das im Stil der Moderne erbaute Palais wurde bald\nzu einem Mittelpunkt kulturellen Lebens in Wien und zu einem Treffpunkt des\nWiener Kreises, einer Gruppe von Philosophen und Wissenschaftstheoretikern, mit\ndenen er in Kontakt stand. Wittgenstein war haupts\u00e4chlich f\u00fcr die\ninnenarchitektonische Gestaltung des Hauses zust\u00e4ndig. Daneben war er\nbildhauerisch t\u00e4tig. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei diesen praktischen T\u00e4tigkeiten zeigte sich die selbstbezogene Arbeitsweise Wittgensteins. Ziel seiner Arbeit war nicht allgemeiner gesellschaftlicher Nutzen, sondern er strebte intellektuelle und psychische Reinheit und Klarheit an. In den folgenden Jahren nahm Wittgenstein Kontakte mit Moritz Schlick und dem einflussreichen \u201eWiener Kreis\u201c auf, wo der \u201eTractatus\u201c mit gr\u00f6\u00dftem Interesse studiert wurde. 1929 kehrte Wittgenstein nach Cambridge zur\u00fcck, um dort seine philosophische Arbeit fortzusetzen. Seine Vorlesungen und Notizen aus den Jahren 1930-36 zeigen die Entwicklung neuer Gedanken, die er ab 1936 zu den \u201ePhilosophischen Untersuchungen\u201c zusammenstellte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-13-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5636\"\/><figcaption>Haus Wittgenstein. Quelle: Von Thomas Ledl &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=39620610<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1939 erhielt Wittgenstein eine Professur in Cambridge und\nbesch\u00e4ftigte sich vor allem mit Problemen der Bedeutungsanalyse und wurde\ndadurch zu einem der Begr\u00fcnder der sprachanalytischen Philosophie. Da die\nnat\u00fcrliche Sprache eine Reihe von Unzul\u00e4nglichkeiten besitzt, wie\nbeispielsweise die Mehrdeutigkeit der W\u00f6rter, entwickelte er die Idee der Schaffung\neiner k\u00fcnstlichen, logisch vollkommenen Sprache, die aus Symbolen geschaffen\nwird, wie sie in der Logik \u00fcblich sind. Von der M\u00f6glichkeit, eine logisch\nperfekte Sprache zu schaffen, eine Zeichensprache, die einer logischen\nGrammatik gehorcht, sagte sich Wittgenstein jedoch sp\u00e4ter wieder los. Entgegen\nder Etikette an der englischen Elite-Institution trug er niemals Hut, Krawatte\noder Anzug. Mit offenem Hemd, Wollpullover oder Lederjacke hielt er seine\nVorlesungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Etwa ab 1936 begann Wittgenstein mit den \u201ePhilosophischen\nUntersuchungen\u201c, die sich bis etwa 1948 hinzogen. Dieses zweite gro\u00dfe Werk hat\ner selbst weitgehend fertiggestellt, es erschien jedoch erst posthum 1953.\nHierdurch gelangte er schnell zu Weltruhm. W\u00e4hrend der Kriegsjahre 1941-44\narbeitete Wittgenstein als Hilfskraft in Krankenh\u00e4usern in London und\nNewcastle. 1943 schloss er sich als Laborassistent einer medizinischen\nForschungsgruppe an, die den h\u00e4morrhagischen Schock untersuchte, und entwarf\nExperimente und Laborger\u00e4te. Er entwickelte Apparaturen zur kontinuierlichen\nMessung von Puls, Blutdruck, Atemfrequenz und Atemvolumen, dabei bediente er\nsich auch der Erfahrungen, die er w\u00e4hrend der Entwicklung seines Flugmotors\ngemacht hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>1944 nahm er seine Vorlesungen in Cambridge wieder auf,\nentwickelte jedoch so gro\u00dfen Widerwillen gegen die Lehrt\u00e4tigkeit und das\nakademische Leben, dass er 1947 seinen Abschied einreichte, um fortan in\nl\u00e4ndlicher Abgeschiedenheit in Irland zu leben und zu arbeiten. Der Schwerpunkt\nseiner Arbeiten lag auf der \u201ePhilosophie der Psychologie\u201c, die Gegenstand des\nII. Teils der \u201ePhilosophischen Untersuchungen\u201c wurde. Es ist umstritten, ob die\nAufnahme dieser Gedanken in die Philosophischen Untersuchungen dem Willen\nWittgensteins entspricht. 1949 konnte er sein zweites Hauptwerk dann\nabschlie\u00dfen. Darin stellte er fest, dass die reale Verwendung der Sprache\n\u00fcberhaupt nicht zu den im Tractatus festgehaltenen Folgerungen passte. Die\nSprache ist viel zu ungenau, um den Regeln der Logik folgen zu k\u00f6nnen. Als er\ndar\u00fcber nachdachte, erkannte er, dass man die Bedeutung gesprochener W\u00f6rter nur\nverstehen kann, indem man ihre Verwendung im Alltag versteht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein wundervolles\nLeben gehabt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wittgenstein bezeichnete Kommunikation als Sprachspiel, das ein Mensch mit einem anderen Menschen spielt, wenn er mit ihm spricht. Dieses Spiel folgt gewissen Regeln, die man durch Beobachtung ableiten kann. Wer die Regeln nicht kennt, kann an dem Sprachspiel nicht teilnehmen. Wittgenstein zieht in den Philosophischen Untersuchungen einen Vergleich zum Schachspiel. Die Regeln des Schachspiels sind nicht absolut. Wer kein Schach spielen kann, kann durch Beobachtung von zwei Schachspielern auf die Regeln schlie\u00dfen. Ob die Spieler aber die \u201eabsoluten\u201c Schachregeln befolgen oder nach ihren eigenen Regeln spielen, bleibt dem Beobachter verborgen. Haben sich die beobachteten Spieler darauf geeinigt, dass der Spieler, der gerade eine Figur des anderen geschlagen hat, nach dem Spielzug dreimal um den Tisch h\u00fcpfen muss, d\u00fcrfte es f\u00fcr gro\u00dfe Belustigung sorgen, wenn der Beobachter sp\u00e4ter mit jemandem Schach spielt, dem diese Regel nicht gel\u00e4ufig ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/03\/Helmuth_Karl_Bernhard_von_Moltke-14-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5637\"\/><figcaption>Grab in Cambridge. Quelle: CC BY-SA 2.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=30544<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Wittgenstein unterteilt die Menschheit in unterschiedliche\nLebensformen. Er bezeichnet eine Gruppe von Menschen, die bestimmte\nSprachspiele spielen, als eigene Lebensformen. Beispiel: Ein obdachloser\nHauptschulabbrecher, ein theoretischer Physiker und ein Onlineredakteur sitzen\nzusammen und sollen ein Gespr\u00e4ch f\u00fchren. Das Gespr\u00e4ch wird \u00e4u\u00dferst schleppend\nverlaufen, da der allgemeine Sprachgebrauch der drei Gespr\u00e4chsteilnehmer nur in\nwenigen Punkten \u00fcbereinstimmt. Alle drei verwenden die Sprache und f\u00fchren ihr\nLeben in einer bestimmten Form. Somit kann man jeden der drei Personen als\neigene Lebensform bezeichnen. Es gibt aber keine konkreten\nAbgrenzungskriterien. Der Begriff ist etwas schwammig und es gibt keine\nDefinition, nach der bestimmte Kriterien erf\u00fcllt sein m\u00fcssen, um verschiedene\nLebensformen voneinander abgrenzen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wittgensteins meist kurze Dialoge in seinem Sp\u00e4twerk gelten\nals stilistisch brillant. Als problematisch f\u00fcr das Verst\u00e4ndnis wird angesehen,\ndass sein Zugang traditionslos ist; besonders der sp\u00e4te Wittgenstein hat in der\nPhilosophiegeschichte keine Vorl\u00e4ufer und stiftet eine neue, beispiellose Art\nzu denken. Viele meinen daher, diese Art zu denken m\u00fcsse erlernt werden wie\neine fremde Sprache. Seine Arbeitsf\u00e4higkeit litt unter einer 1950\nfestgestellten, weit fortgeschrittenen Krebserkrankung. Da er es ablehnte, ins\nKrankenhaus zu gehen, verlebte er die letzten Wochen im Hause seines Arztes Edward\nBevan, der ihn bei sich aufgenommen hatte. Als dessen Frau Wittgenstein am Tag\nvor seinem Tod mitteilte, seine englischen Freunde w\u00fcrden ihn am n\u00e4chsten Tag\nbesuchen, soll er gesagt haben: \u201eSagen Sie ihnen, dass ich ein wundervolles\nLeben gehabt habe.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte vor Jahren im Tratctatus geschrieben: \u201eDer Tod ist\nkein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht.\u201c Die Beisetzung findet ohne\nFamilienmitglieder statt. Sein Bruder Paul, der nur sehr wenig \u00fcber seine\nFamilie spricht, schreibt zwei Jahre nach Ludwigs Tod: \u201eIch will \u00fcbrigens bei\ndieser Gelegenheit noch feststellen, dass ich mit meinem Bruder seit dem Jahre\n1939 au\u00dfer Kontakt geblieben bin; ein oder zwei Briefe, die er mir anl\u00e4sslich\nmeines Besuches in England, und weil ihn Fr\u00e4ulein Deneke eingeladen hatte,\ngeschrieben hat, habe ich nicht beantwortet. Ob ich es auch dann nicht getan\nh\u00e4tte, wenn mir bekannt gewesen w\u00e4re, dass er todkrank ist, wei\u00df ich nicht.\u201c Sein\nrund 20.000 Seiten umfassender philosophischer Nachlass wurde 2017 in die Liste\ndes Weltdokumentenerbes eingetragen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war Flugzeugbauer, Offizier, Volksschullehrer, Architekt und einer der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts: Ludwig Wittgenstein. Vor 70 Jahren starb er &#8211; und z\u00e4hlt heute zum Welterbe.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5632"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5632"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5632\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5664,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5632\/revisions\/5664"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5632"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5632"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5632"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}