{"id":5655,"date":"2021-05-21T06:16:26","date_gmt":"2021-05-21T05:16:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5655"},"modified":"2021-04-27T09:17:16","modified_gmt":"2021-04-27T08:17:16","slug":"man-kann-auf-zwei-stuehlen-nicht-sitzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5655","title":{"rendered":"\u201eMan kann auf zwei St\u00fchlen nicht sitzen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Wegen solcher S\u00e4tze\navancierte der meist zur\u00fcckhaltend, ja fast sch\u00fcchtern auftretende Kernphysiker\nzum \u201eStaatsfeind Nr. 1\u201c des sowjetischen Geheimdienstes KGB: \u201eIch bin kein\nTheoretiker auf dem Gebiet der politischen \u00d6konomie. Ich denke einfach \u00fcber das\nGl\u00fcck, den Frieden und die Gerechtigkeit in der Welt nach und ich f\u00fchle, dass\nder totalit\u00e4re Sozialismus nicht effektiv ist, dass das System flexibler sein\nmuss, menschlicher, f\u00f6deralistischer.\u201c Dabei hatte zun\u00e4chst nichts darauf\nhingedeutet, dass das Genie zu einem der f\u00fchrenden Dissidenten in der\nSowjetunion werden w\u00fcrde: Andrei Dmitrijewitsch Sacharow, der am 21.Mai 1921 in\nMoskau als Sohn eines Physiklehrers und einer Pontosgriechin geboren wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Gepr\u00e4gt von seinem\nVater, der auch Lehr- und popul\u00e4rwissenschaftlichen B\u00fccher zur Physik schrieb,\nschloss er 1938 die Oberschule mit Auszeichnung ab, begann im gleichen Jahr an\nder Lomonossow-Universit\u00e4t in Moskau Physik zu studieren, meldete sich 1939\nfreiwillig zur Roten Armee und beendete das Studium in Aschgabat, Turkmenistan,\nwohin er 1941 w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs mit Teilen der Universit\u00e4t verlegt\nworden war. Von 1942 bis 1945 war er Ingenieur in einer Munitionsfabrik in\nUljanowsk an der Wolga und studierte dann weiter am Lebedew-Institut der\nSowjetischen Akademie der Wissenschaften, wo er mehrere Erfindungen auf dem\nGebiet der Kontroll- und Messtechnik machte und 1947 in Kernphysik promoviert\nwurde \u2013 er arbeitete damals auf dem Gebiet der kosmischen Strahlung und blieb f\u00fcr\nJahrzehnte Mitarbeiter der Theoretischen Abteilung.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1948 wurde Andrei Sacharow Mitglied einer Arbeitsgruppe, die unter der Leitung von Igor Tamm mit der Entwicklung der sowjetischen Wasserstoffbombe besch\u00e4ftigt war, und zog 1950 von Moskau in die geschlossene Stadt \u201eArsamas 16\u201c, eine Spezialsiedlung, die Zentrum des sowjetischen Atombombenbaus wurde. Sacharow war dort einer der wissenschaftlichen Leiter des Programms f\u00fcr den Wasserstoffbombenbau, womit er fortan zur wissenschaftlich-technischen Elite der UdSSR geh\u00f6rte und direkt mit den Partei- und Regierungschefs verkehren konnte. Er befasste sich mit der kontrollierten Kernfusion, in der er den Schl\u00fcssel zur Bew\u00e4ltigung ungel\u00f6ster Menschheitsprobleme sah. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Napo-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5657\"\/><figcaption>Sacharow 1969. Quelle: Von RIA Novosti archive, image #25981 \/ Vladimir Fedorenko \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=16787252<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Gemeinsam mit Tamm entwickelte er die Konzeption f\u00fcr eine\nkontrollierte thermonukleare Reaktion: die sogenannte Tokamak-Anordnung. Von\nihm stammen auch die Myonenkatalyse der Kernfusionsreaktion, die er \u201eKalte\nFusion\u201c nannte, und der Einsatz gepulster Laserstrahlung zur Aufheizung von\nFusionsbrennstoff. 1951 lieferte Sacharow Grundideen f\u00fcr den Flusskompressionsgenerator\nund schlug sogar vor, mit durch Nuklearexplosion betriebenen Generatoren\nTeilchenbeschleuniger zu bauen. Auch wissenschaftlich machte Sacharow eine\nrasante Karriere und habilierte sich im Juni 1953 auf dem Gebiet der Physik und\nMathematik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eunmenschliche Sachen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 12. August 1953 wurde die erste sowjetische\nWasserstoffbombe gez\u00fcndet, zu der er die Konfiguration der beiden Sprengs\u00e4tze\nund des Sprengstoffs sowie dessen Beschaffenheit (Lithiumdeuterid) beisteuerte.\nIm Oktober dieses Jahres wurde er j\u00fcngstes Vollmitglied der Akademie der\nWissenschaften der UdSSR und insgesamt drei Mal mit dem Titel \u201eHeld der Sozialistischen\nArbeit\u201c ausgezeichnet. 1953 erhielt er den Stalin- und 1956 den Leninpreis. Die\ngr\u00f6\u00dfte je gez\u00fcndete Wasserstoffbombe, die auf seinen Ideen beruhende Zar-Bombe,\nwurde ohne die letzte Spaltungsstufe 1961 getestet und hatte 50 bis 60\nMegatonnen Sprengkraft. In dieser Zeit heiratete er seine Frau Klawdija und\nbekam mit ihr zwei T\u00f6chter und einen Sohn.<\/p>\n\n\n\n<p>Sacharow sah seine Mitarbeit an der Wasserstoffbombe nicht nur als patriotische Pflicht, sondern auch als Dienst f\u00fcr die Menschheit und als Beitrag zur Verhinderung eines Dritten Weltkrieges. Jahre sp\u00e4ter schrieb er in seinen Erinnerungen: \u201eNat\u00fcrlich war ich mir dar\u00fcber im Klaren, mit welchen schrecklichen, unmenschlichen Sachen wir uns besch\u00e4ftigten. Doch der Krieg war noch nicht lange vorbei, und er war ebenfalls unmenschlich gewesen! In jenem Krieg war ich kein Soldat, aber nun f\u00fchlte ich mich als Soldat des wissenschaftlich-technischen Krieges. [\u2026] Mit der Zeit h\u00f6rten wir von Begriffen wie strategisches Gleichgewicht, gegenseitige thermonukleare Abschreckung usw. oder kamen selbst auf diese. Auch jetzt noch denke ich, dass in diesen Ideen tats\u00e4chlich eine \u2013 wenn auch nicht vollst\u00e4ndig \u00fcberzeugende \u2013 intellektuelle Rechtfertigung f\u00fcr den Bau der Wasserstoffbombe und unserer Beteiligung liegt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"538\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Napo-6-1024x538.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5658\"\/><figcaption> Sacharow spricht am 28.05.1989 auf dem 1.Kongress der Volksdeputierten in Moskau (im Hintergrund Michail Gorbatschow). Quelle: https:\/\/static4.evangelisch.de\/get\/ccd\/3lwxsK46LlJq2KUryzsG17N_00085031\/i-62<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Doch ab 1955 wurde ihm immer st\u00e4rker bewusst, dass der\nPreis, den die Menschheit f\u00fcr die Sicherheit des nuklearen Gleichgewichts\nbezahlt, die globale Verseuchung durch radioaktive Zerfallsprodukte ist, die\nnach jeder Atomexplosion in der Atmosph\u00e4re oder unter Wasser zur\u00fcckbleiben.\nBesonders beunruhigten ihn die biologischen Folgen der Verstrahlung. Sacharows\nBerechnungen zufolge konnten Atomtests in der Atmosph\u00e4re hunderttausende\nvorzeitige Todesf\u00e4lle oder schwere Erkrankungen verursachen, von denen nicht\nnur gegenw\u00e4rtige, sondern auch zuk\u00fcnftige Generationen bedroht waren. 1961\nprotestierte Sacharow gegen die Verletzung des Kernwaffenteststoppabkommens\ndurch die UdSSR und lie\u00df sich dabei auf einen Streit direkt mit Staats- und\nParteichef Chruschtschow ein, der ihn daraufhin \u00f6ffentlich r\u00fcgte.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Herbst 1962 protestierte Sacharow gegen Pl\u00e4ne, zwei gro\u00dfe\nNukleartests in der Atmosph\u00e4re durchzuf\u00fchren, die weder durch technische noch\ndurch politische Erfordernisse gerechtfertigt w\u00e4ren. Er verlangte die\nBeschr\u00e4nkung auf nur eine Z\u00fcndung, aber Chruschtschow ignorierte seine\nProteste. Am 26. September explodierte \u00fcber der Nordpolarinsel Nowaja Semlja\ndie zweite, ausgerechnet unter Sacharows Leitung gebaute Atombombe. In seinen\nErinnerungen schrieb er dazu: \u201eDieses furchtbare Verbrechen wurde ver\u00fcbt und\nich konnte es nicht verhindern. Mich \u00fcberw\u00e4ltigte ein Gef\u00fchl von\nMachtlosigkeit, Verbitterung, Scham und Erniedrigung. Ich st\u00fcrzte mit dem\nGesicht auf den Tisch und weinte. Das war sicher die schlimmste Lektion, die\nich in meinem Leben erhalten habe: Man kann auf zwei St\u00fchlen nicht sitzen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Genfer\nAtomteststopp-Verhandlungen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So konzentrierte er sich darauf, einen Atomteststopp in der Atmosph\u00e4re, im Weltraum und unter Wasser zu konzipieren, und pr\u00e4sentierte ihn der Regierung als Ausweg aus der Sackgasse der Genfer Atomteststopp-Verhandlungen. Dieser Kompromissvorschlag erwies sich als erfolgreich. 1963 unterzeichneten die UdSSR, Gro\u00dfbritannien und die USA den Moskauer Vertrag \u00fcber das Verbot von Kernwaffenversuchen in der Atmosph\u00e4re, im Weltraum und unter Wasser. Sp\u00e4ter trat die Mehrzahl der Staaten diesem Abkommen bei. Die \u00d6ffentlichkeit wusste damals nichts von der Rolle, die Sacharow beim Abkommen gespielt hatte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"683\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Napo-7-683x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5659\"\/><figcaption>Grab Sacharows auf dem Friedhof Wostrjakowo. Quelle: Von A.Savin (Wikimedia Commons \u00b7 WikiPhotoSpace) &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=11216736<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das \u00e4nderte sich 1967.&nbsp;\nZun\u00e4chst unterschrieb Sacharow einen Appell von 25 Vertretern aus\nWissenschaft, Literatur und Kunst an den XIII. Parteitag der KPdSU, in dem vor\nden Folgen einer m\u00f6glichen politischen Rehabilitation Stalins gewarnt wurde.\nDann schrieb Sacharow aus Anlass der Verhaftung von Alexander Ginsburg einen\nprivaten Brief an den neuen Staats- und Parteichef Breschnew und unterzeichnete\ngemeinsam mit 167 Pers\u00f6nlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur eine Petition an\ndas Pr\u00e4sidium des Obersten Sowjets, die die Verabschiedung eines Gesetzes \u00fcber\nInformationsfreiheit forderte. Diese Petition war die erste von Sacharow\nunterzeichnete \u00f6ffentliche Erkl\u00e4rung, in der es um die Verteidigung der\nMenschenrechte ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit Anfang der 60er Jahre verbrachte Sacharow immer mehr\nZeit in Moskau. Der Kreis seiner Bekannten erweiterte sich, Intellektuelle\nstie\u00dfen dazu, die mit der entstehenden Dissidentenbewegung verbunden waren. Er\nwandte sich der Teilchenphysik und Kosmologie zu und steuerte zu letzterer die\nErkl\u00e4rung der Baryonenasymmetrie des Weltalls bei. Hierf\u00fcr stellte er drei\nGrundbedingungen auf, die Sacharowkriterien, die noch heute die Basis\nentsprechender Theorien bilden. Au\u00dferdem gab er wichtige Denkanst\u00f6\u00dfe zum Thema\nQuantengravitation und war der erste, der Modelle mit \u00fcber die\nGravitationskraft verbundenen Universen untersuchte. Seine Massenformeln f\u00fcr\nMesonen und Baryonen Mitte der siebziger Jahre werden seine letzten\nwissenschaftlichen Leistungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Sacharow verurteilte 1968 die Zerschlagung des\nreformkommunistischen Prager Fr\u00fchlings und ver\u00f6ffentlichte im Juli das\nMemorandum \u201eGedanken \u00fcber Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige\nFreiheit\u201c, in dem er sich f\u00fcr internationale Abr\u00fcstung und Kernwaffen-Kontrolle\neinsetzte. Er betrachtete die \u201efriedliche Koexistenz\u201c nicht nur als Verzicht\nauf milit\u00e4rische Konfrontation, sondern auch als Ann\u00e4herung der zwei\nrivalisierenden politischen Systeme Sozialismus und Kapitalismus. Tats\u00e4chlich\ntrat Sacharow damit als Anh\u00e4nger der Konvergenztheorie von John Galbraith auf.\nAus Sicht der sowjetischen Staatsideologie war das ein unverzeihlicher Verrat, er\nwurde aus dem sowjetischen Atomprogramm entlassen, woraufhin er anfing, sich\nder theoretischen Physik und seinen gesellschaftlichen Anliegen zu widmen. Mit\nder sowjetischen Invasion in Prag im August verliert er endg\u00fcltig den Glauben\nan den Sozialismus. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201efreien Republiken\nEuropas\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein \u00f6ffentliches Engagement unterbrach Sacharow 1969 wegen des Todes seiner Frau, bis er im Fr\u00fchjahr 1970 wieder einen \u201eAppell an die Partei- und Staatsf\u00fchrung\u201c richtete, in dem er zur Demokratisierung des Landes aufrief und ein konkretes Reformprogramm unterbreitete. Dabei zog er es vor, auf sich selbst gestellt zu handeln und keinen Organisationen beizutreten, mit Ausnahme des \u201eKomitees f\u00fcr Menschenrechte in der UdSSR\u201c. \u00dcber die Mitglieder und vor allem \u00fcber ihn ergoss sich eine Lawine von Briefen und Besuchern vor allem aus der Provinz. Sacharow sah keinen Grund, den Menschen Hilfe zu verweigern und sich hinter dem Statut des Komitees zu verbergen &#8211; vor allem damals entstand in der Bev\u00f6lkerung das Bild des gro\u00dfen Mannes, der bereit ist, den Kampf gegen jede Ungerechtigkeit der Staatsmacht aufzunehmen. 1971 protestierte er gegen die Praxis, Regimegegner in psychiatrische Kliniken einzuweisen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Napo-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5660\"\/><figcaption>East Side Gallery in Berlin: Bild Sacharows von Dmitri Wrubel. Quelle: Von Bundesarchiv, B 145 Bild-F086695-0013 \/ Lemmerz, Wolfgang \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5473400<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seit 1972 in zweiter Ehe mit der Kinder\u00e4rztin Jelena Bonner\nverheiratet, engagierte er sich f\u00fcr politische H\u00e4ftlinge und Personen, die aus\nunterschiedlichen Gr\u00fcnden verfolgt wurden, fuhr zu Gerichtsprozessen, obwohl\nihm der Zutritt zu Gerichtss\u00e4len verwehrt war, erteilte Interviews und\norganisierte Pressekonferenzen, so am 30. Oktober 1974, da der er \u00fcber den\nHungerstreik von politischen H\u00e4ftlingen in mehreren Lagern informierte, nachdem\ner w\u00e4hrend des Nixon-Besuchs selbst einen Hungerstreik begann &#8211; seit 1991 wird\nan diesem Datum in Russland der \u201eTag der Erinnerung an die Opfer der\npolitischen Repressionen\u201c begangen. Am 10. Dezember 1975 wurde Sacharow f\u00fcr seine\nUnterst\u00fctzung Andersdenkender und sein Streben nach einer rechtsstaatlichen und\noffenen Gesellschaft der Friedensnobelpreis verliehen. Die sowjetische\nRegierung verbot ihm, zur Verleihung nach Oslo zu reisen. Den Preis nahm seine\nFrau entgegen. In den Augen des KGB wurde Sacharow damit zum \u201eStaatsfeind\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach Protesten gegen die sowjetische Intervention in\nAfghanistan wurde Sacharow am 22. Januar 1980 verhaftet und ohne Gerichtsprozess\nnach Gorki verbannt, wo er unter Aufsicht des KGB leben musste. Dort arbeitete\ner am Entwurf einer neuen sowjetischen Verfassung und erleidet mehrere\nHerzinfarkte. Jelena Bonner blieb sein einziger Kontakt zur Au\u00dfenwelt, bis auch\nsie 1984 nach Gorki verbannt wurde. Im Dezember 1986 wurde die Verbannung Sacharows\nund Bonners aufgehoben. Parteichef Michail Gorbatschow bat ihn telefonisch,\nnach Moskau zur\u00fcckzukehren und seine politische T\u00e4tigkeit fortzusetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>1988 wurde er in die Leitung der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften berufen und ein Jahr sp\u00e4ter als Parteiloser in den Kongress der Volksdeputierten gew\u00e4hlt. Dort schloss er sich der interregionalen Arbeitsgruppe der Radikalreformer an und versuchte, die sowjetische Verfassung zu reformieren \u2013 er entwarf eine Staatsform, die seiner Meinung nach aus der UdSSR hervorgehen sollte: die \u201eF\u00f6deration der freien Republiken Europas und Asiens\u201c. Im Herbst 1989 war er Mitinitiator einer Kampagne f\u00fcr die Aufhebung der sechs Artikel der Verfassung der UdSSR, in denen die f\u00fchrende Rolle der Kommunistischen Partei festgeschrieben war. Anfang Dezember 1989 appellierte er auf den Sitzungen der \u201eInterregionalen Abgeordnetengruppe\u201c daf\u00fcr, einen Generalstreik zur Durchsetzung dieser Forderung auszurufen. Im selben Jahr wurde Sacharow Gr\u00fcndungsvorsitzender der russischen Gesellschaft Memorial, die die Geschichte der Gulag-Lager aufarbeitet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/04\/Napo-9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5661\"\/><figcaption>Briefmarke 1991. Quelle: Von Scanned and processed by Mariluna &#8211; Personal collection, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=2724973<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die radikalen Ver\u00e4nderungen und den Zerfall der Sowjetunion erlebt er jedoch nicht mehr. Er stirbt am 14. Dezember 1989 nach einem weiteren Herzinfarkt. An seiner Beisetzung nahmen mehrere zehntausende Menschen teil. In den USA wurde er in mehrere wissenschaftliche Akademien gew\u00e4hlt. Ihm zu Ehren vergibt das Europ\u00e4ische Parlament j\u00e4hrlich den \u201eSacharow-Preis f\u00fcr geistige Freiheit\u201c, eine Auszeichnung, die nicht vor Verfolgung und Repressionen sch\u00fctzt. Daneben existieren noch drei weitere Freiheitspreise mit seinem Namen. Die Universit\u00e4t Minsk ist nach ihm benannt, ein Asteroid, eine Br\u00fccke im niederl\u00e4ndischen Arnheim sowie ein Park in Jerusalem. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war der Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe, verbannter Dissident und Friedensnobelpreistr\u00e4ger: Andrej Sacharow. Vor 100 Jahren kam er zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5655"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5655"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5655\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5663,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5655\/revisions\/5663"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5655"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5655"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5655"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}