{"id":5687,"date":"2021-06-05T06:16:31","date_gmt":"2021-06-05T05:16:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5687"},"modified":"2021-06-02T05:08:21","modified_gmt":"2021-06-02T04:08:21","slug":"reine-albernheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5687","title":{"rendered":"\u201ereine Albernheit\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Sein Leben war untrennbar mit Krankheit verkn\u00fcpft. Im Alter\nvon wenigen Monaten erlitt er eine schwere Hirnhautentz\u00fcndung. 1884 in Rom\nhaben seine Braut und der Arzt nach einem Unterleibstyphus \u201eeigentlich bereits\nAbschied\u201c&nbsp; von ihm genommen. Als er ohne\nabgeschlossene Ausbildung, Beruf und Einkommen seine Braut ein Jahr sp\u00e4ter aufs\nDresdner Standesamt f\u00fchrte, h\u00f6rte er einen Zufallspassanten sagen: \u201eDer Kerl\nkrepiert ja in den ersten acht Tagen!\u201c Prompt wurde er bei der milit\u00e4rischen\nMusterung f\u00fcr dienstuntauglich befunden, als kurze Zeit darauf Bluthusten auftrat,\nder sich als rezidivierendes Symptom einer Lungentuberkulose erwies. \u201eJeden\nAugenblick konnte es, f\u00fcrchtete ich, mit mir zu Ende sein\u201c \u2013 so drastisch\nbeschrieb er das im autobiografischen \u201eAbenteuer meiner Jugend\u201c. Erst nach 1906\nstabilisierte sich sein Gesundheitszustand nachhaltig.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht selten nahm er kranke und sterbende Personen aus seinem engsten Umkreis als Stoffquelle seiner Dichtung. So diente der im Coma diabeticum gestorbene Malerfreund Hugo Ernst Schmidt als Vorbild der zuckerkranken Hauptfigur im Drama \u201eGabriel Schilling\u201c. Der junge Bakteriologe Dietrich von Sehlen wurde Vorbild f\u00fcr den Protagonisten seines Romans \u201eAtlantis\u201c.\u00a0 Zahlreich und vielf\u00e4ltig sind auch die \u00fcbrigen kranken Figuren in seinem \u0152uvre: Das Spektrum reicht vom alkoholkranken Professor Crampton bis zum wahnhaften Emanuel Quint, von den vielen Lungenkranken bis hin zu den vielen Suizidenten \u2013 in nicht weniger als 19 Dramen des Autors, z\u00e4hlte Christel Meier in ihrer Dissertation, spielt das Motiv des Selbstmords eine zentrale Rolle.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Gerhart_Hauptmann.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5689\"\/><figcaption>Gerhart Hauptmann. Quelle: Von Charles Scolik &#8211; \u00d6sterreichische Nationalbibliothek, Bildarchiv Austria, Inventarnummer: Pf 5.006\u00a0: D (3), Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=17007017<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Und aus dieser unterschwelligen Lebensangst heraus, die ihn\nwiederum f\u00fcr menschliches Leid sensibilisierte, machte er schreibend neue\nPersonen aus sich, die er anders nie kennengelernt h\u00e4tte. Es waren vorzugsweise\nsolche, die unter ihm standen: Weber, Fuhrleute, M\u00e4gde. Er ist einer der gro\u00dfen\nFigurenerfinder unserer Literatur, so Peter K\u00fcmmel in der <em>Zeit<\/em>. Mit allen f\u00fchlte er sich verbunden, alle liebte er, und in\neinem Gespr\u00e4ch \u00e4u\u00dferte er einmal: \u201eEtwas vom Geiste der Bergpredigt ist\n\u00fcberhaupt in meiner Dichtung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Leben und Schreiben entfaltete sich in\nunterschiedlichsten Epochen, die er allesamt mit pr\u00e4gte, aber nicht entscheidend\nbestimmte: Im wilhelminischen Kaiserreich beginnt er als sozialkritischer\nRevoluzzer, 1914 begeistert er sich f\u00fcr den Ersten Weltkrieg, in der Weimarer\nRepublik l\u00e4sst er sich als Nachfolger Goethes und moralische Instanz feiern,\ndoch nach 1933 arrangiert sich der \u201elebende Klassiker\u201c mit dem NS-Regime. Ein\nwenig bedeutender Mensch, aber ein gro\u00dfer Dramatiker, so Klaus Brath im <em>\u00c4rzteblatt<\/em>. Heute gilt er als der\nbedeutendste deutsche Vertreter des Naturalismus: Gerhart Hauptmann, der am 6. Juni\n1946 starb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Alkohol und\nSexualit\u00e4t offen dargestellt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wurde Gerhard Johann Robert Hauptmann am 15. November 1862 als viertes Kind des Hotelwirts Robert und seiner Frau Marie Hauptmann im schlesischen Obersalzbrunn (heute Szczawno Zdr\u00f3j). In seiner Kinder- und Jugendzeit wurde er in Latein und Geige unterrichtet und galt als fabulierfreudig. Nach seiner als qualvoll empfundenen Schulzeit in Breslau \u2013 er blieb einmal sitzen und \u00e4rgerte sich \u00fcber die Besserstellung adliger Mitsch\u00fcler \u2013 lie\u00df sich der kr\u00e4nkelnde 16-J\u00e4hrige bei seinem Onkel in der Landwirtschaft ausbilden, brach aber gesundheitlichen Gr\u00fcnden ab. In dieser Zeit entstanden erste Gedichte. Auf die Zeit der fr\u00fchesten Kindheit, die er in seinem Geburtsort verlebte, besonders auf das Milieu des v\u00e4terlichen Hotels, verweisen so verschiedene Dichtungen wie das Drama \u201eFuhrmann Henschel\u201c (1899) oder der 1. Akt der \u201eDorothea Angermann\u201c (1926) und die sp\u00e4te Novelle \u201eDie Spitzhacke\u201c (1931). <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Gerhart_Hauptmann-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5690\"\/><figcaption>Gerhart und Marie 1881. Quelle: Von unbekannt &#8211; http:\/\/www.vorschau-rueckblick.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/1-person.jpg, aus Jens Baumann; Thomas Gerlach: Ein Gedenkblatt f\u00fcr Gerhart Hauptmann. In: Vorschau &amp; R\u00fcckblick; Monatsheft f\u00fcr Radebeul und Umgebung. Radebeuler Monatshefte e.V., November 2012, abgerufen am 1. November 2012., PD-alt-100, https:\/\/de.wikipedia.org\/w\/index.php?curid=7348687<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter ging er in eine Bildhauer-Lehre an der\nBreslauer K\u00f6niglichen Kunst- und Gewerbeschule. In dieser Zeit unternahm er\neinige Reisen, so zum Beispiel in die Schweiz, nach Italien oder Spanien. 1881\nfolgte f\u00fcr ein Semester ein Geschichtsstudium in Jena und am Ende des Jahres\ndie heimliche Verlobung mit Marie Thienemann, der Tochter eines Gro\u00dfkaufmanns\naus Dresden. Zwei Jahre sp\u00e4ter siedelte er nach Rom \u00fcber, um dort als Bildhauer\nt\u00e4tig zu sein. 1884 wurde er in die Zeichenklasse der K\u00f6niglichen Akademie in\nDresden aufgenommen, zudem nahm er in Berlin Schauspielunterricht. Die\nVerbindung mit Marie sicherte dem Unsteten den notwendigen Lebensunterhalt,\nnachdem er sie 1885 geheiratet hatte. Die Flitterwochen verbrachten sie auf\nR\u00fcgen, wo Hauptmann erstmals die Insel Hiddensee, sein sp\u00e4terer zeitweiser\nWohn- und Lebensmittelpunkt, besuchte. Dort schrieb er das Gedicht \u201eMondscheinlerche\u201c.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Im gleichen Jahr lie\u00dfen sich die Eheleute, die zusammen die\ndrei S\u00f6hne Ivo, Eckart und Klaus hatten, in der Kleinstadt Erkner s\u00fcd\u00f6stlich\nvon Berlin nieder. Dort stie\u00df Gerhart Hauptmann auf den Dichterverein \u201eDurch\u201c,\nin dem er die Bekanntschaft mit naturalistischen Schriftstellern wie Arno Holz,\nBruno Wille oder Wilhelm B\u00f6lsche machte. 1888 erschien die Novelle \u201eBahnw\u00e4rter\nThiel\u201c, das erste naturalistische Werk deutscher Sprache \u00fcberhaupt. Er pr\u00e4gte\nin dem sozialkritischen Titel Sprache, Stil, In-halt und Darstellung des\nNaturalismus. Protagonist Bahnw\u00e4rter Thiel ist nicht nur Gegenstand einer\npsychopathologischen Untersuchung, sondern zugleich Willenloser seiner\nTriebkr\u00e4fte aufgrund des gesellschaftlichen Milieus. Hauptmann benutzt die\nDarstellung aufkommender Industrialisierung \u2013 symbolhaft dargestellt in der\nEisenbahn \u2013 als Spiegel innerer Befindlichkeit. Weitere naturalistische\nStilelemente sind neben detaillierter Beschreibungen von Geschehnissen, exakten\nOrts- und Zeitangaben sowie chronologischer Erz\u00e4hlweise vor allem der\nSekundenstil. <\/p>\n\n\n\n<p>Im April 1889 wurde die \u201eFreie B\u00fchne\u201c gegr\u00fcndet, ein Verein,\nder es dem Schriftsteller erm\u00f6glichte, einige seiner Titel ohne Zensur\naufzuf\u00fchren. Im Oktober des gleichen Jahres wurde dort das Sozialdrama \u201eVor\nSonnenaufgang\u201c uraufgef\u00fchrt. Die Vorstellung brach vor allem mit k\u00fcnstlerischen\nTabus, aber auch mit gesellschaftlichen, moralischen, religi\u00f6sen Werten, weil\nauf der B\u00fchne Themen wie soziale Verelendung, Alkohol, Sexualit\u00e4t und\nSelbstmord offen dargestellt wurden. Der Skandal folgte prompt: Neben Tumulten\nim b\u00fcrgerlichen Lager der Zuschauer gab es auch weitere Proteste sowie\nZensureingriffe und Auff\u00fchrungsverbote. Das St\u00fcck machte Gerhart Hauptmann, der\nsich mittlerweile mit \u201et\u201c am Ende des Vornamens schrieb, ber\u00fchmt und zum\nwichtigsten Dramatiker des Naturalismus, der durch ihn zugleich B\u00fchnenreife\nerlangte. In der Folge machten weitere Theaterst\u00fccke des Naturalismus, darunter\nauch hauptmannsche, in gleicher Weise Furore. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wilhelm II. k\u00fcndigte\nseine Loge<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Hauptmann stellte 1892 sein bedeutendstes und intensiv recherchiertes sozialkritisches Drama \u201eDie Weber\u201c fertig, nachdem er von einer Reise durch Schlesien wieder zur\u00fcckgekehrt war. Die erste Fassung \u00fcber den Aufstand schlesischer Weber 1844 im Eulengebirge fasste er in schlesischem Dialekt als \u201eDe Waber\u201c ab. Der als exzentrisch eingestufte Schriftsteller musste vor der Urauff\u00fchrung erst einige Zensuren und Verbote \u00fcberwinden, bevor das St\u00fcck, das auch sein bekanntestes wurde, 1894 vom \u201eDeutschen Theater\u201c uraufgef\u00fchrt wurde. Es beschwor einen weiteren Skandal herauf, indem es nicht nur verboten wurde, sondern auch Kaiser Wilhelm II. zu der aufgeregten Ank\u00fcndigung brachte, er werde das Theater nicht wieder betreten: Er k\u00fcndigte seine Loge. Die \u00e4sthetische Emp\u00f6rung aus dem b\u00fcrgerlichen Lager und der Oberschicht wurde wiederum durch die ungefilterte B\u00fchnendarstellung der Auflehnung von Proletariern gegen Hunger, Leid und Polizeigewalt als Folge gesellschaftlicher Unterdr\u00fcckungsmechanismen der Industriellen Revolution hervorgerufen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Gerhart_Hauptmann-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5691\"\/><figcaption>Plakat zu &#8222;Die Weber&#8220;. Quelle: Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=436356 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hauptmanns sozialkritische Kom\u00f6die \u201eDer Biberpelz\u201c wurde\n1893 uraufgef\u00fchrt, ebenso wie seine neoromantische Dichtung \u201eHanneles\nHimmelfahrt\u201c. Im Jahr darauf ging seine Ehe endg\u00fcltig in die Br\u00fcche, nachdem\nder Schriftsteller durch die Bekanntschaft mit der Musikstudentin Margarete\nMarschalk die Verbindung in die Krise gebracht hatte. Erstmals 1896 bekam\nGerhart Hauptmann den Grillparzer-Preis in Wien ausgeh\u00e4ndigt, den er danach\nnoch zweimal erhielt. Im gleichen Jahr sollte er aus den H\u00e4nden von Wilhelm II.\nden Schillerpreis empfangen, doch dieser lehnte eine \u00dcbergabe ab. Nebenbei\nschrieb er M\u00e4rchen und Sagen als neuromantische Werke wie \u201eDie versunkene\nGlocke\u201c (1896). Im Jahr 1901 fand er in Agnetendorf im Riesengebirge einen\nzeitweisen st\u00e4ndigen Wohnsitz, wie sp\u00e4ter auch auf der Insel Hiddensee oder in\nItalien. Zwei Jahre sp\u00e4ter fand die Urauff\u00fchrung des Sozialdramas \u201eRose Bernd\u201c\nim Deutschen Theater in Berlin statt. Das St\u00fcck beruht auf der Mitwirkung von Gerhart\nHauptmann als Geschworener in einem Mordprozess gegen eine Landarbeiterin. In\nWien wurde seine Auff\u00fchrung verboten. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Eheleute Hauptmann lie\u00dfen sich 1904 scheiden. Der Schriftsteller heiratete im Anschluss Margarete Marschalk, mit der er noch einen Sohn hatte. Hauptmann war 1905 eines der ersten von 31 Mitgliedern der Berliner Sektion in der Gesellschaft f\u00fcr Rassenhygiene des Alfred Ploetz und wurde zum Ehrenmitglied der Berliner Secession ernannt. Im Jahr darauf wurde seine erste Gesamtausgabe in sechs B\u00e4nden ver\u00f6ffentlicht. Gerhart Hauptmann feierte mit \u201eDer Narr in Christo Emanuel Quint\u201c 1910 die Ersterscheinung seines gro\u00dfen Erz\u00e4hlwerks. Ein Jahr sp\u00e4ter wurde Hauptmanns tragisch-kom\u00f6diantisches Schauspiel \u201eDie Ratten\u201c im Berliner Lessing-Theater uraufgef\u00fchrt, das sp\u00e4ter wegen seiner kompromisslosen Symbolik hohe Akzeptanz als Gro\u00dfstadtdichtung feierte. Die gr\u00f6\u00dfte Ehre eines Dichters und Schriftstellers wurde dem 50-J\u00e4hrigen 1912 zuteil, als er den Nobelpreis verliehen bekam. Vor allem seine Milieustudien, seine detailgetreuen Beschreibungen von Zeitumst\u00e4nden und Menschen sowie seine ungew\u00f6hnlichen Psychogramme als Ausgeburt gesellschaftlicher Zeitzw\u00e4nge wurden zur Preisverleihung gelobt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Gerhart_Hauptmann-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5692\"\/><figcaption>Gerhart und Margarethe. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 102-14016 \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5481271<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hauptmann, in der m\u00fcndlichen Sprache eher nicht nobelpreisw\u00fcrdig,\ngenoss diesen Triumpf und bewahrte um diese Zeit bemerkenswertes \u00f6ffentliches\nStillschweigen zur sozialen Lage. Das Preisgeld soll er in kurzer Zeit f\u00fcr eher\nprivate Angelegenheiten ausgegeben haben. Zahlreiche seiner Werke fanden nun den\nWeg ins Medium Film, erstmals der Roman \u201eAtlantis\u201c 1913. Er bejahte den Ersten\nWeltkrieg, unterzeichnete das Manifest der 93 und publizierte entsprechende\nGelegenheitsverse, doch wandelte sich seine Gesinnung bald. Der Dichter\nengagierte sich nach dem Ende des Ersten Weltkriegs f\u00fcr die Weimarer Republik,\nindem er 1918 im \u201eBerliner Tageblatt\u201c seine Mithilfe am deren Zustandekommen\n\u00f6ffentlich bekannte. Dass Hauptmann eine Kandidatur als Reichspr\u00e4sident erwog,\nwurde 1921 dementiert, das Amt des Reichskanzlers ihm aber angeboten. Im\ndarauffolgenden Jahr wurde ihm als erstem der Adlerschild des Deutschen Reiches\nverliehen. Im Ausland galt der \u201eStaatsdramatiker\u201c als der Repr\u00e4sentant der\ndeutschen Literatur schlechthin. Im Jahr 1924 wurde er Ehrenmitglied der Wiener\nAkademie der bildenden K\u00fcnste, im gleichen Jahr Tr\u00e4ger des Pour le M\u00e9rite in\nder Friedensklasse. W\u00e4hrend sich Hauptmann zum Goethejahr 1932 in den USA\naufhielt, wurde er zum Ehrendoktor der Columbia University ernannt und vom US-amerikanischen\nPr\u00e4sidenten Hoover im Wei\u00dfen Haus empfangen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201esondern im Mitwirken\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Warum er das Land nicht verlie\u00df, schrieb er am 16. M\u00e4rz 1933\nin einem Brief an den Schriftsteller Rudolf G. Binding: Sein Wesen sei zum \u201eFrondieren\u201c\nviel zu positiv. \u201eNicht im Gegenwirken sieht es das Heil, sondern im Mitwirken.\u201c\nUnd so wirkte er mit. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten\nunterzeichnete Hauptmann eine Loyalit\u00e4tserkl\u00e4rung der Deutschen Akademie der\nDichtung, Sektion der Preu\u00dfischen Akademie der K\u00fcnste. Im Sommer desselben\nJahres beantragte er die Mitgliedschaft in der NSDAP, sein Antrag wurde aber\nvon den \u00f6rtlichen Parteidienststellen abgelehnt. Als er am 15. November 1933\nHitler die Hand sch\u00fcttelt, sehen sich die beiden M\u00e4nner lang und stumm an, und\nHauptmann schw\u00e4rmt von des F\u00fchrers Blick: \u201eseltsames und sch\u00f6nes Auge\u201c. Hitler\nnennt er den \u201eSternenschicksalstr\u00e4ger des Deutschtums\u201c, \u201eMein Kampf\u201c bezeichnet\ner als die \u201ehochbedeutsame Hitlerbibel\u201c, die B\u00fccherverbrennung vom 10. Mai 1933\nerkennt er als \u201ereine Albernheit\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Hans Frank, genannt der \u201eJudenschl\u00e4chter von Krakau\u201c, war mehrmals bei Hauptmann zu Gast, verbrachte Stunden in dessen Archiv und las ihm abends aus dessen eigenen Schriften vor; Hauptmann nannte ihn daraufhin einen \u201eMann tiefmenschlicher Absichten, gebildet durchaus und im leidenschaftlichen Trieb sich fortzubilden\u201c. Sp\u00e4ter sagte Hauptmann, das \u201eWunder des Nichtwissens\u201c sei immer sein Trost gewesen. Seine Auff\u00fchrungen und Ver\u00f6ffentlichungen erlitten keine Restriktionen oder Verbote von oben, im Gegenteil &#8211; er wurde als wichtigster Schriftsteller eingestuft. 1937 erschien seine Autobiographie \u201eDas Abenteuer meiner Jugend\u201c. 1940 begann der Dichter mit der so genannten Atriden-Tetralogie einen Dramenzyklus seines Alterswerks. Die f\u00fcnfb\u00e4ndige Ausgabe im jambischen Versma\u00df fand in antiken Werken von Euripides, Aischylos und Sophokles ihre Vorlage. Vor allem wegen seiner Nazi-N\u00e4he und der Sperrigkeit des Werkes hatte es wenig B\u00fchnenerfolg. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Gerhart_Hauptmann-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5694\"\/><figcaption> Hauptmann beim Golfen auf Hiddensee, um 1930. Quelle: https:\/\/img.nzz.ch\/C=W900,H507,X0,Y0\/O=75\/http:\/\/s3-eu-west-1.amazonaws.com\/nzz-img\/2013\/01\/11\/1.17935000.1357936246.jpg?width=1360&amp;height=764&amp;fit=bounds&amp;quality=75&amp;auto=webp&amp;crop=900,506,x0,y0<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine Distanz zwischen dem Nationalsozialismus und Hauptmann\nist dennoch un\u00fcbersehbar. Das Amt Rosenberg schreibt 1942 in einer\nStellungnahme: \u201eBei aller Anerkennung der k\u00fcnstlerischen Gestaltungskraft\nHauptmanns ist die weltanschauliche Haltung der meisten seiner Werke vom\nnationalsozialistischen Standpunkt aus kritisch zu betrachten.\u201c Auch die Zensur\nvon Goebbels wachte \u00fcber Hauptmanns Wirken: So verbot er eine Neuauflage von \u201eDer\nSchuss im Park\u201c, weil darin eine Schwarze vorkommt. Dennoch kam es zu\nHauptmanns 80. Geburtstag auch unter Beteiligung von Repr\u00e4sentanten des\nnationalsozialistischen Regimes zu Ehrungen, Jubil\u00e4umsfeiern und -auff\u00fchrungen.\nHauptmann wurden von seinen Verlegern Suhrkamp und Behl die ersten Exemplare\nder 17-b\u00e4ndigen Gesamtausgabe seiner Werke \u00fcberreicht. Arno Breker schuf eine\nPortr\u00e4tb\u00fcste von ihm.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend des Luftangriffs auf Dresden am 13. Februar 1945 weilte Hauptmann mit Margarete im Stadtteil Wachwitz im Sanatorium, weil er eine schwere Lungenentz\u00fcndung auskurieren musste. \u00dcber das Inferno sagte er: \u201eWer das Weinen verlernt hat, der lernt es wieder beim Untergang Dresdens\u201c. Hauptmann erlebte das Kriegsende in seinem Haus \u201eWiesenstein\u201c in Agnetendorf, wo er an einer Bronchitis starb, kurz bevor er vertrieben werden sollte. Gegen seinen testamentarisch erkl\u00e4rten Willen wurde Hauptmann nicht in seiner Heimat begraben, sondern Wochen danach in einem Zinksarg per Sonderzug nach Hiddensee geschafft, wo er am 28. Juli \u201evor Sonnenaufgang\u201c auf dem Inselfriedhof in Kloster bestattet wurde. Die Witwe des Dichters vermischte ein S\u00e4ckchen Riesengebirgserde mit Ostseesand. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Gerhart_Hauptmann-5-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5696\"\/><figcaption>Grab auf Hiddensee. Quelle: Von Metzner &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4757008<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eSuchte man eine Formel f\u00fcr den zentralen Gehalt der Dichtung Hauptmanns, so w\u00e4re die polare Spannung seines Wesens vielleicht zu erfassen, wenn man ihn den Dichter des Leides, ja der \u201aBluthistorie der Menschheit\u2018 und zugleich den Dichter des Eros, des Dionysischen und der gl\u00fcckhaften F\u00fclle des Lebens nennt\u201c, erkl\u00e4rt sein Biograph Hans-Egon Hass. Die meisten Konflikte der Hauptmannschen Dichtung beruhen auf dem Ringen mit der \u201enackten Faktizit\u00e4t einer Wirklichkeit\u201c, die ganz auf ihre eigenen Kr\u00e4fte zur\u00fcckverwiesen ist. Diese Wirklichkeit dennoch als sinnhaft erfahren und dichterisch vermitteln zu k\u00f6nnen, erm\u00f6glichte dem Autor die Magie einer poetisch-mythischen Gestaltung des ewigen Kampfs, der in allem Leben tobt. Das muss heute zwangsl\u00e4ufig unzeitgem\u00e4\u00df wirken, er wird zunehmend seltener aufgef\u00fchrt. K\u00fcmmel prognostizierte zu seinem 50. Todestag gar: \u201eEs kann sehr wohl sein, dass in weiteren 50 Jahren Hauptmanns Kunst v\u00f6llig verblasst ist\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl er dem NS-Regime huldigte, ist der Naturalist, Vielschreiber und Literatur-Nobelpreistr\u00e4ger heute &#8211; immer noch &#8211; Schulstoff: Gerhart Hauptmann. Vor 75 Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5687"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5687"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5687\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5697,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5687\/revisions\/5697"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5687"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5687"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5687"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}