{"id":5698,"date":"2021-06-04T06:30:54","date_gmt":"2021-06-04T05:30:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5698"},"modified":"2021-06-02T05:08:41","modified_gmt":"2021-06-02T04:08:41","slug":"die-wiedererstandene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5698","title":{"rendered":"\u201edie Wiedererstandene\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Anfang der 1920er Jahre war die Sehnsucht nach einem\nhoffnungsspendenden Zeichen des Himmels unertr\u00e4glich geworden: Die Spekulation\nauf einen raschen Zusammenbruch der Oktoberrevolution hatte sich als tr\u00fcgerisch\nerwiesen. Die Seelen hungerten in einem immer endloseren Winter der Emigration.\nZweifel am Untergang der gesamten Zarenfamilie waren buchst\u00e4blich Nahrung f\u00fcr\nalle, denen die russische Revolution die Welt zerst\u00f6rt hatte. Vielleicht lag es\nan ihrem Namen &#8211; Anastasia bedeutet \u201edie Wiedererstandene\u201c -, dass gerade sie\nals j\u00fcngste Tochter von Nikolaus II. das Blutbad \u00fcberlebt haben soll, das in\nder Nacht vom 16. auf den 17. Juli 1918 im sibirischen Jekaterinburg (heute\nSwerdlowsk), im Erdgescho\u00df des Hauses Ipatjew, die gesamte Zarenfamilie mit\nBediensteten, insgesamt elf Personen, ausl\u00f6schte. Vor 120 Jahren, am 5. Juni\n1901, kam sie in Petersburg zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Die vierte Tochter des letzten russischen Zaren und seiner\nFrau Alexandra Fjodorowna, vormals Alix von Hessen-Darmstadt, sollte eigentlich\nein Junge und Thronerbe werden, da das Paar bereits drei T\u00f6chter hatte. Dennoch\nliebten beide ihre neue Tochter und erfreuten sich, dass das Baby gesund war:\nIhr j\u00fcngerer Bruder Alexei, mit dem sie ein inniges Verh\u00e4ltnis pflegte, sollte von\nseiner Mutter die Bluterkrankheit (H\u00e4mophilie B) erben. Anastasia wurde, wie\nihre anderen T\u00f6chter vorher, von Alexandra selbst gestillt und von ihr \u201eShivzik\u201c\ngenannt, das russische Wort f\u00fcr \u201eKobold\u201c, da niemand vor ihren Scherzen sicher\nwar.<\/p>\n\n\n\n<p>Anastasia galt als furchtlos, weinte selten, spielte gerne Streiche, verkleidete sich und hatte gro\u00dfes schauspielerisches Talent. Sie imitierte gerne andere Leute und erfreute damit ihr Umfeld. Obwohl sie wie ihre Schwestern Gro\u00dff\u00fcrstin war, schlief sie wie ihre Geschwister auf Feldbetten und musste jeden Morgen ein kaltes Bad nehmen. Sie litt an Spreizf\u00fc\u00dfen, beidseitigem Zehenschiefstand (Hallux valgus) und an R\u00fcckenproblemen, weshalb sie regelm\u00e4\u00dfig massiert wurde. Anastasia war zwar keine gute Sch\u00fclerin, liebte aber Sprachen. Die Kinder sprachen Englisch mit der Mutter, Russisch mit dem Vater, Deutsch mit den hessischen Verwandten der Mutter und lernten Franz\u00f6sisch. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"711\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-711x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5700\"\/><figcaption>Anastasia. Quelle: Von Boissonnas et Eggler, St. Petersburg, Nevsky 24. \u2013 Bain News Service, publisher. &#8211; Dieses Bild ist unter der digitalen ID ggbain.38336 in der Abteilung f\u00fcr Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugeh\u00f6rigen Werks an. Es ist in jedem Falle zus\u00e4tzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen f\u00fcr weitere Informationen., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=27287143<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ging es dem Zarewitsch aufgrund seiner Krankheit nicht gut,\nvermochte meist nur Anastasia, ihren Bruder von den Schmerzen abzulenken und\nihn ein wenig zu erheitern. Auch mit ihrer \u00e4lteren Schwester Maria verband sie\nein enges Band, und die beiden waren als \u201eKleines Paar\u201c bekannt. Ihre beiden\n\u00e4lteren Schwestern Olga und Tatjana waren das \u201eGro\u00dfe Paar\u201c \u2013 die Bezeichnungen\nstammen von einer Hebamme, die gleich nach Anastasias Geburt zur Kaiserin\nAlexandra meinte, sie solle nicht traurig sein, dass es wieder ein M\u00e4dchen sei,\ndenn nun habe sie ein gro\u00dfes und ein kleines Paar M\u00e4dchen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201enicht gen\u00fcgend\nhistorisch bedeutsam\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Revolution wurde Nikolaus II. am 15. M\u00e4rz 1917 zur\nAbdankung gezwungen und die Familie in Zarskoje Selo unter Hausarrest gestellt.\nAufgrund der Kriegswirren und der Rachepl\u00e4ne der Bolschewiki deportierte\nMinisterpr\u00e4sident Kerenski die Romanows samt Gefolge Ende Juli per Zug und\nSchiff nach Tobolsk in Sibirien. Der Zar sollte in einem gro\u00dfen Schauprozess\nf\u00fcr seine Verbrechen am russischen Volk gerichtet werden, \u00e4hnlich wie einst in\nder Franz\u00f6sischen Revolution Ludwig XVI. Da der Prozess in Moskau stattfinden\nsollte und die Anwesenheit des Zaren verlangte, sollte die Familie \u00fcber\nJekaterinburg in die Hauptstadt reisen. Am 30. April bezog sie dort das\nIpatjew-Haus.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Zeit der Gefangenschaft versuchten die Geschwister, ihre Fr\u00f6hlichkeit zu erhalten \u2013 was Anastasia am besten gelang, nicht zuletzt auch durch und mit ihrem King Charles Spaniel Jemmy. Selbst die Wachsoldaten gingen auf ihre Scherze ein. Doch das Schicksal nahm seinen Lauf: In den ersten Juliwochen fiel in Moskau die Entscheidung, die Familie hinzurichten, da Lenin einen Prozess gegen den ehemaligen Zaren f\u00fcr zu riskant hielt. Ein unschuldiger Zar h\u00e4tte die Richtigkeit der Revolution in Frage gestellt. Auf keinen Fall sollte die Familie den herannahenden Wei\u00dfen Truppen in die H\u00e4nde fallen und als Symbolfigur f\u00fcr eine etwaige Konterrevolution dienen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"729\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-1-1024x729.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5701\"\/><figcaption>Der Kellerraum des Ipatjew-Hauses, in dem die Zarenfamilie ermordet wurde. Quelle: Von Anonym &#8211; \u0432\u044b\u0441\u0442\u0430\u0432\u043a\u0430 \u00ab\u0413\u0438\u0431\u0435\u043b\u044c \u0441\u0435\u043c\u044c\u0438 \u0438\u043c\u043f\u0435\u0440\u0430\u0442\u043e\u0440\u0430 \u041d\u0438\u043a\u043e\u043b\u0430\u044f II. \u0421\u043b\u0435\u0434\u0441\u0442\u0432\u0438\u0435 \u0434\u043b\u0438\u043d\u043e\u0439 \u0432 \u0432\u0435\u043a\u00bb \u0412\u044b\u0441\u0442\u0430\u0432\u043e\u0447\u043d\u044b\u0439 \u0437\u0430\u043b \u0444\u0435\u0434\u0435\u0440\u0430\u043b\u044c\u043d\u044b\u0445 \u0430\u0440\u0445\u0438\u0432\u043e\u0432. 2012., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=19584445<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Unter F\u00fchrung von Jakow Jurowski erschossen dann vier\nTschekisten und sieben ungarische Kriegsgefangene die Familie mitsamt Gefolge;\nselbst Jemmy wurde nicht verschont. Die Revolverkugeln prallten jedoch an\nAnastasias Kleid ab, weil in ihr Mieder Familienschmuck eingen\u00e4ht war. Die\nM\u00f6rder erstachen das M\u00e4dchen daraufhin mit Bajonetten. Nach dem Mord versuchte\nJurowski, die Spuren des Verbrechens zu verwischen, und brachte die sterblichen\n\u00dcberreste zu einem Bergwerksschacht namens Ganina Jama in einem Wald etwa 15 km\nvon Jekaterinburg. Die Leichen wurden gr\u00f6\u00dftenteils verbrannt, teilweise in\nSchwefels\u00e4ure aufgel\u00f6st und an verschiedenen Stellen verscharrt. <\/p>\n\n\n\n<p>Nur acht Tage sp\u00e4ter nahmen Wei\u00dfe Truppen die Stadt ein und setzten\nein Ermittlungsverfahren unter Nikolai Sokolow in Gang, um den Fall Romanow\naufzukl\u00e4ren. Doch es gab bereits Ger\u00fcchte, dass Anastasia zu diesem Zeitpunkt\nnoch lebte. Wenigstens erw\u00e4hnt sei hier die Tatsache, dass auch Anastasias\nBruder Alexej Wiederg\u00e4nger haben sollte, darunter den Dreifachagenten Michael\nGoleniewski, den 1927 von einer Warschauer Zeitung zum \u201eechten\u201c Zarewitsch\nausgerufenen Eugene Nikolaiwitsch Iwanoff, den Esten Alexei Tammet, der in\nWirklichkeit Ernest Veermann hie\u00df, oder Alexander Savin, den die sowjetische\nGeheimpolizei 1928 festnahm \u2013 \u00fcberf\u00fchrt wurden sie allesamt, weil sie keine\nBluter waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Sokolows Buch \u00fcber die Ermordung der Zarenfamilie erschien Ende 1924 kurz nach seinem Tod in Paris. Seinen Indizien f\u00fcr die Hinrichtung der gesamten Familie fehlten allerdings die Leichen als letzter Beweis. Das Haus selbst wurde 1977 vom Sekret\u00e4r des Gebietssowjets und nachmaligen Pr\u00e4sidenten Boris Jelzin auf Befehl Moskaus als \u201enicht gen\u00fcgend historisch bedeutsam\u201c abgerissen, nachdem es mehr und mehr zu einer Wallfahrtsst\u00e4tte f\u00fcr russische Monarchisten geworden war. Zwei Jahre sp\u00e4ter fanden zwei Aktivisten ein Grab der Hingemetzelten. Es dauerte bis zum 12. Juli 1991, kurz vor der endg\u00fcltigen Aufl\u00f6sung der Sowjetunion, bis die sterblichen \u00dcberreste exhumiert wurden. Die Fundstelle barg neun der elf Ermordeten. Mittels DNA-Analyse konnten die geborgenen Leichen 1993 eindeutig identifiziert werden. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-2-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5703\"\/><figcaption>Kathedrale auf dem Blut. Quelle: Von \u0421\u043c\u0438\u0440\u043d\u043e\u0432 \u0415\u0432\u0433\u0435\u043d\u0438\u0439 &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=70884549<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Da im Grab zwei Leichen fehlten, die von Alexei und einer\nseiner Schwestern, verstummten die Ger\u00fcchte \u00fcber ein m\u00f6gliches \u00dcberleben eines\nFamilienmitgliedes nicht. 2007 wurden auch diese Leichen gefunden und 2009\nzweifelsfrei als Alexei und Maria identifiziert. Achtzig Jahre nach der\nErmordung von Anastasia und ihrer Familie wurden ihre sterblichen \u00dcberreste in\nSt. Petersburg in der Peter-und-Paul-Kathedrale beigesetzt. Die Familie wurde\naufgrund ihres Martyriums von der orthodoxen Kirche in Russland 2000\nheiliggesprochen, die russische Auslandskirche kanonisierte die Familie bereits\n1981. Am Platz ihrer Ermordung in Jekaterinburg wurde 2002\/2003 die orthodoxe \u201eKathedrale\nauf dem Blut\u201c errichtet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mindestens zehn\nfalsche Gro\u00dff\u00fcrstinnen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Doch die Jahrzehnte bis dahin, ja teilweise bis heute h\u00e4lt\nsich das Ger\u00fccht, dass die damals 17-J\u00e4hrige entkommen konnte und sich unter\nfalschen Namen ein neues Leben aufgebaut haben soll. So lebt Anastasia noch\n2018 in einer Musicalfassung des Stuttgarter Stage-Palladium-Theaters als\nStra\u00dfenkehrerin Anja in Leningrad und macht sich nach Paris auf, ihre wahre\nIdentit\u00e4t zu finden, wo sie an der Seite eines charmanten Betr\u00fcgers in\ngef\u00e4hrliche Abenteuer mit Kommunisten rutscht, die ihr bereits auf den Fersen\nsind. Obwohl es nach dem Zweiten Weltkrieg mindestens zehn Antragsteller auf\ndie Identit\u00e4t der Gro\u00dfherzogin Anastasia gab, stellvertretend erw\u00e4hnt seien die\nNamen Eleonora Albertowa Kr\u00fcger und Nadeschda Iwanova Wasilyewa, erreichten nur\ndrei einen mehr als kleinen Kreis von Gl\u00e4ubigen. <\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin die wahre Anastasia\u201c, behauptete Franzisca Czenstkowski, als sie 1920 nach einem Selbstmordversuch aus dem Berliner Landwehrkanal gefischt wurde \u2013 obwohl sie 1896 in der Kaschubei zur Welt kam, wie man heute wei\u00df. \u00a0Die Arbeiterin hatte keine Schneidez\u00e4hne mehr und wies Verletzungen auf, nachdem sie in einer Waffenfabrik eine Granate fallengelassen hatte. Diese Verletzungen schrieb sie selbst jedoch den Bajonetten und Schusswunden durch die M\u00f6rder im Ipatjew-Haus zu. Viele Menschen glaubten ihr. Sie klammerten sich an die Hoffnung, dass die russische Zarenfamilie doch nicht komplett ausgel\u00f6scht wurde, da bislang noch keine Leichen gefunden werden konnten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"400\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5704\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-3.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-3-225x300.jpg 225w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption>Anna Anderson. Quelle: Von Autor unbekannt &#8211; http:\/\/www.tonnel.ru\/?l=gzl&amp;uid=659&amp;op=bio, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4245160<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass sie kaum Russisch sprach, erkl\u00e4rte Anna Anderson durch\ndie traumatischen Erlebnisse in der Mordnacht; genau wie ihr mangelndes Wissen\n\u00fcber die Zarenfamilie. Aber genau wegen dieser Details hielten sie viele f\u00fcr\neine dreiste Hochstaplerin. In der historischen Aufarbeitung konnte nie\nzweifelsfrei gekl\u00e4rt werden, ob Franziska Schanzkowsky die \u00d6ffentlichkeit 64\nJahre lang bewusst t\u00e4uschte oder sie durch ein Nervenleiden tats\u00e4chlich\nglaubte, die \u00fcberlebende Zarentochter zu sein. Sp\u00e4tere Untersuchungen ergaben,\ndass Schanzkowsky von den behandelnden \u00c4rzten geradezu gedr\u00e4ngt wurde, in die\nRolle der Anastasia zu schl\u00fcpfen. Sie legte sich das Pseudonym Anna Anderson zu\nund spielte zeit ihres Lebens die Rolle der verkannten Gro\u00dff\u00fcrstin. <\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1938 forderte die vermeintliche Adlige vor Gericht das Erbe des Zaren heraus. Zig Prozesse wurden gef\u00fchrt, darunter 1958 in Wiesbaden als Ortstermin des Hamburger Landgerichts. Felix Dassel, einstiger Fl\u00fcgeladjutant des Zaren, beharrt darauf, in Anna Anderson die Tochter des Regenten zu erkennen (\u201eDas muss sie sein.\u201c), w\u00e4hrend der aus Lausanne angereiste Hauslehrer der Romanows, Pierre Gilliard, das verneint (\u201eAu\u00dfer der Augenfarbe gibt es keine \u00c4hnlichkeit.\u201c). Tatjana Melnik-Botkin, Tochter des Leibarztes der Romanows, steht auf Andersons Seite: \u201eIch bin \u00fcberzeugt, dass Frau Anderson die Zarentochter Anastasia ist.\u201c So weit will Serge Lifar, Ballettmeister der Pariser Oper und als \u00dcberraschungszeuge nach Wiesbaden geeilt, nicht gehen. Er behauptet nur: \u201eAnastasia hat \u00fcberlebt.\u201c Der Bundesgerichtshof in Karlsruhe glaubte ihr letztinstanzlich 1970 (!) nicht. Schlie\u00dflich wanderte Anna Anderson in die USA aus, heiratete einen Million\u00e4r und starb 1984 verarmt inmitten von drei Dutzend Katzen. Erst zehn Jahre nach ihrem Tod kl\u00e4rte eine DNA-Untersuchung zweifelsfrei, dass sie nicht mit dem russischen Zarengeschlecht Romanow verwandt gewesen sein konnte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"423\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5706\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-4.jpg 423w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-4-212x300.jpg 212w\" sizes=\"(max-width: 423px) 100vw, 423px\" \/><figcaption>Trickfilmfigur. Quelle: https:\/\/assets.thalia.media\/img\/artikel\/a5ed87f81195b1d037225e2be5f54b057bf83cb2-00-00.jpeg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ihr Leben wurde mehrmals verfilmt, erstmals schon 1928. Am\nbekanntesten ist die Hollywood-Verfilmung von 1956 mit Ingrid Bergman, die\ndaf\u00fcr mit einem Oscar und dem Golden Globe geehrt wurde. Im selben Jahr entstand\nder Film \u201eAnastasia, die letzte Zarentochter\u201c mit Lilli Palmer in der\nTitelrolle. Aber auch der Trickfilm \u201eAnastasia\u201c (1997) mit Meg Ryans Stimme basiert\nauf der Geschichte Anna Andersons und brachte ihr weitere Bekanntheit und Popularit\u00e4t\nein: <em>Das Zelluloid-Kinomagazin<\/em> sah\neinen \u201eperfekten Zeichentrickfilm, der zwar jeden Geschichtsprofessor in\nOhnmacht fallen l\u00e4sst, aber Gro\u00df und Klein werden wohl \u201aAnastasia\u2018 in ihr Herz\nschlie\u00dfen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>von einer unbekannten\nFrau gerettet<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die zweite im Bunde war Eugenia Smith (1899 in der Bukowina\n\u2013 1997 in den USA), auch bekannt als Eugenia Drabek Smetisko. Smith ist Autorin\neiner Autobiographie von \u201eAnastasia Nicholaevna\u201c (1963), in der sie \u201eihr\u201c Leben\nin der russischen Kaiserfamilie bis zu dem Zeitpunkt erz\u00e4hlt, als Bolschewiki\nsie in Jekaterinburg ermordeten. Nach eigenen Angaben erlangte sie nach der\nHinrichtung das Bewusstsein wieder und wurde von einer unbekannten Frau\ngerettet, die sie wieder gesund pflegte. Smith begann eine Wanderung nach\nWesten, begleitet von zwei M\u00e4nnern, von denen einer sp\u00e4ter als Alexander\nidentifiziert wurde, ein Soldat, der im Ipatjev-Haus stationiert war. Die lange\nReise, die mit dem Zug und zu Fu\u00df unternommen wurde, f\u00fchrte Smith und ihre\nRetter durch die St\u00e4dte Ufa, Bugulma, Simbirsk und Kursk, bevor sie Serbien\nerreichten, wo die Memoiren endeten.<\/p>\n\n\n\n<p>Die jugoslawische Staatsb\u00fcrgerin wanderte zweimal in die USA ein, freundete sich mit einem Bundesrichter an und schrieb mit dessen j\u00fcngerer Tochter ab 1930 die Memoiren, die sie vier Jahre sp\u00e4ter als ersten Entwurf abschloss. Prinz Rostislav, ein Neffe von Nikolaus II., wurde auf sie aufmerksam und lud sie dreimal zum Mittagessen ein. In jedem Falle lehnte die Eingeladene jedoch mit der Begr\u00fcndung ab, sie sei zu nerv\u00f6s. Vor der Ver\u00f6ffentlichung wurden vom <em>Life Magazine<\/em> Ausz\u00fcge gedruckt, zusammen mit Artikeln, die die Ergebnisse von L\u00fcgendetektortests, der Handschriftenanalyse und des Vergleichs von Smiths Gesichtsz\u00fcgen durch einen Anthropologen mit Fotografien der tats\u00e4chlichen Gro\u00dfherzogin beschreiben. Die Ergebnisse sprachen nicht f\u00fcr Smith. 2013 brachte die Bremer Musical-Company den Kampf der beiden Kontrahentinnen um ihre jeweilige Echtheit als Musical auf die B\u00fchne.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"650\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Anastasia-5-1024x650.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5707\"\/><figcaption>Anastasia in Stuttgart. Quelle: https:\/\/www.h-hotels.com\/_Resources\/Persistent\/cd695b34434b46f5935c57df47323a9a8c13b0d3\/C-ANA_STU_Prio_2_Anja_jung_und_Zarenmutter-1356&#215;860.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>2002 trat dann als Dritte Natalija Bilichodse in\nErscheinung. Die 101-j\u00e4hrige Georgierin behauptete, die wahre Anastasia zu\nsein. Sie konnte sich tats\u00e4chlich an Details erinnern, zum Beispiel das\nTapetenmuster des Zarenhofs beschreiben. Au\u00dferdem bescheinigte der Leiter der \u201ePrinzessin\nAnastasia Romanowa Wohlt\u00e4tigkeitsstiftung\u201c, Professor Wladlen Sirotkin, eine\ngro\u00dfe \u00c4hnlichkeit zu der verschollenen Gro\u00dff\u00fcrstin; dies\nsei nur in \u201eeinem von 700 Milliarden F\u00e4llen m\u00f6glich\u201c. Auch Natalija\nBilichodse forderte Geld aus dem Millionenverm\u00f6gen der Romanows. Jedoch starb\nsie, bevor Tests ihre Identit\u00e4t einwandfrei beweisen konnten. <\/p>\n\n\n\n<p>Was bleibt? Der Hunger nach Geschichten ist uners\u00e4ttlich, nach\nGeschichten, die das Unertr\u00e4gliche fasslich machen: \u201eUnd wie dr\u00e4ngt es den\nMenschen erst zu Geschichten, die von Wundern handeln, von Auferstehung aus den\nGr\u00e4bern der Revolutionen\u201c, res\u00fcmierte Gerhard Mauz bereits 1967 im <em>Spiegel <\/em>einen der vielen\nAnderson-Prozesstage. \u201eDie M\u00fche um eine Wahrheit, die zwangsl\u00e4ufig das Recht\nzur Folge haben muss, gelangt \u2026 dorthin, wo jene Wahrheit beginnt, die \u201ain die\nalten Zeiten\u2018 geh\u00f6rt, \u201awo das W\u00fcnschen noch geholfen hat\u2018.\u201c Erst durch diese\nWunschwahrheit konnte die historisch eigentlich unbedeutende Zarentochter\nAnastasia zu einer M\u00e4rchenprinzessin verkl\u00e4rt werden, deren Legende bis heute pr\u00e4sent\nist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wiederg\u00e4nger befeuern bis heute die Legende, dass sie 1918 nicht mit ihrer Familie ermordet wurde:  Anastasia, die j\u00fcngste Tochter des letzten russischen Zarenpaars. Vor 120 Jahren kam sie zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5698"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5698"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5698\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5708,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5698\/revisions\/5708"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5698"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5698"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5698"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}