{"id":5709,"date":"2021-06-06T06:55:43","date_gmt":"2021-06-06T05:55:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5709"},"modified":"2021-05-26T11:56:31","modified_gmt":"2021-05-26T10:56:31","slug":"furor-teutonicus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5709","title":{"rendered":"\u201efuror teutonicus\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Januar 1939 erschien im New Yorker <em>International Cosmopolitan<\/em> unter dem Titel \u201eDiagnose der\nDiktatoren\u201c sein sogenanntes \u201eKnickerbocker\u201c-Interview, in dem er versuchte,\nHitler und den Nationalsozialismus der Deutschen aus psychologischer\nPerspektive zu erkl\u00e4ren. Er bezeichnete darin Hitler als einen \u201eErgriffenen\u201c\nund \u201eBesessenen\u201c. Hitler sei von Inhalten des \u201ekollektiven Unbewussten\u201c\n\u00fcberw\u00e4ltigt, sei einer, der unter dem Befehl einer \u201eh\u00f6heren Macht steht, einer\nMacht in seinem Inneren\u201c, der er zwanghaft folge. \u201eEr ist das Volk\u201c, er\nrepr\u00e4sentiere f\u00fcr die Deutschen das im \u201eUnbewussten des deutschen Volkes\u201c\nLebendige, weswegen andere Nationen die Faszination der Deutschen durch Hitler\nnicht verstehen k\u00f6nnten. In diesem Sinne beziehe Hitler seine Macht durch sein\nVolk und sei \u201ehilflos \u2026 ohne sein deutsches Volk\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser psychischen Funktion entspr\u00e4che Hitler am ehesten\ndem \u201eMedizinmann\u201c, \u201eOberpriester\u201c, \u201eSeher\u201c und \u201eF\u00fchrer\u201c einer primitiven\nGesellschaft. Dieser sei dadurch m\u00e4chtig, dass man vermute, er besitze Magie.\nEr sei \u201eder Lautsprecher, der das unh\u00f6rbare Raunen der deutschen Seele\nverst\u00e4rkt, bis es vom unbewussten Ohr der Deutschen geh\u00f6rt werden kann\u201c, er\nspiele f\u00fcr die Deutschen die Rolle eines Vermittlers zu den \u00c4u\u00dferungen ihres\nUnbewussten. Das dort Aktivierte war nach seiner Auffassung das fr\u00fchere\nGottesbild des \u201eWotan\u201c, aber auf eine zerst\u00f6rerische Art. Er konstatiert zudem\neinen \u201eMinderwertigkeitskomplex\u201c der Deutschen, der eine notwendige\nVoraussetzung f\u00fcr die \u201eMessianisierung\u201c Hitlers bilde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei versteht er unter Wotan eine Personifikation seelischer Gewalten. Die \u201eParallele zwischen Wotan redivivus [auferstanden] und dem sozialpolitischen und psychischen Sturme, der das gegenw\u00e4rtige Deutschland ersch\u00fcttert, [k\u00f6nne] wenigstens als ein Gleichsam-als-Ob gelten.\u201cMan k\u00f6nne ebenso den m\u00e4chtig wirksamen \u201eautonomen seelischen Faktor\u201c psychologisierend als \u201efuror teutonicus\u201c bezeichnen: \u201eIn Deutschland ist das Unwetter ausgebrochen, w\u00e4hrend wir [in der Schweiz] noch an das Wetter glauben\u201c. Und: \u201eDeutschland ist ein geistiges Katastrophenland\u201c. Er folgerte, Wotan verk\u00f6rpere \u201edie triebm\u00e4\u00dfig-emotionale sowohl wie die intuitiv-inspirierende Seite des Unbewu\u00dften [\u2026] einerseits als Gott der Wut und Raserei, andererseits als Runenkundiger und Schicksalsk\u00fcnder.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lossy-page1-800px-ETH-BIB-Jung_Carl_Gustav_1875-1961-Portrait-Portr_14163_cropped.tif.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5711\"\/><figcaption>C.G. Jung um 1935. Quelle: Von Unbekannt &#8211; Dieses Bild stammt aus der Sammlung der ETH-Bibliothek und wurde auf Wikimedia Commons im Rahmen einer Kooperation mit Wikimedia CH ver\u00f6ffentlicht. Berichtigungen und zus\u00e4tzliche Informationen sind gern gesehen., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=94177705<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er gilt als Mystiker unter den V\u00e4tern der Psychoanalyse,\ndenn w\u00e4hrend Freud vieles vom Sexualtrieb ableitete und Adler den Machttrieb in\nden Vordergrund stellte, sah der humanistisch denkende und in protestantischer\nTradition aufgewachsene Schweizer das Individuum in Verbundenheit mit den \u201eAhnen\u201c,\nalso durchaus heidnisch als magisches Wesen. Er lebte mit dem Bewusstsein, in\neine Familie geboren worden zu sein, die sich aufs Vision\u00e4re verstand: der eine\nGro\u00dfvater war Geistlicher, der andere Freimaurer. Er galt als unehelicher Enkel\nGoethes, war sich dessen sicher und betonte zeitlebens diese Abstammung. Seine\nMutter fiel regelm\u00e4\u00dfig in Trance, verkehrte in diesen Zust\u00e4nden mit Geistern\nund blieb dem Sohn immer ein r\u00e4tselhaft-geheimnisumwittertes Wesen: Carl Gustav\nJung, kurz meist C.G. Jung, der am 6. Juni 1961 in K\u00fcsnacht\/Kanton Z\u00fcrich\nstarb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeine geheimnisvolle\nWelt f\u00fcr mich allein\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Carl Gustav kommt am 26. Juli 1875 in Kesswil, einem Dorf am\nSchweizer Ufer des Bodensees, als zweiter Sohn seiner Eltern zur Welt. Der\nVater ist evangelischer Pfarrer, die Mutter interessiert sich f\u00fcr Spiritismus\nund Okkultismus. In der Schule nach dem Umzug in Kleinh\u00fcningen bei Basel findet\nJung kaum Kontakt. Er f\u00fchlt sich unverstanden und einsam: \u201e\u2026blieb ich mit\nmeinen Gedanken allein. Das war ich auch am liebsten. Ich habe allein f\u00fcr mich\ngespielt, bin allein gewandert, habe getr\u00e4umt und hatte eine geheimnisvolle\nWelt f\u00fcr mich allein\u201c. Als er neun Jahre alt war, wurde seine Schwester Johanna\nGertrud (\u201eTrudi\u201c) geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1895 studierte Jung Medizin an der Universit\u00e4t Basel und besuchte zudem Vorlesungen in Jura und Philosophie. In seiner fr\u00fchen Studienzeit besch\u00e4ftigte er sich u. a. mit Spiritismus, einem Gebiet, das damals laut seiner Biografin Deirdre Bair \u201eals mit der Psychiatrie verwandt\u201c angesehen wurde. Sein Interesse daran wurde zum einen durch zwei unerkl\u00e4rliche \u201ePoltergeistph\u00e4nomene\u201c in seinem ersten Studiensemester geweckt. Jung besuchte von 1894 bis 1899 S\u00e9ancen seiner Cousine Helly Preiswerk, die in Trance mediale F\u00e4higkeiten zu haben schien, sowie zwei Jahre lang, von 1895 bis 1897, die w\u00f6chentlichen S\u00e9ancen eines \u201eGl\u00e4ser- und Tischr\u00fccker-Kreises\u201c, der sich um ein f\u00fcnfzehnj\u00e4hriges \u201eMedium\u201c gebildet hatte. Nach dem Tod seines Vaters 1896 musste er als junger Student f\u00fcr den Unterhalt seiner Mutter und seiner Schwester sorgen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"680\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lossy-page1-800px-ETH-BIB-Jung_Carl_Gustav_1875-1961-Portrait-Portr_14163_cropped.tif-1-680x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5712\"\/><figcaption>Universit\u00e4t Basel. Quelle: Von Ralf Roletschek (talk) &#8211; Infos \u00fcber Fahrr\u00e4der auf fahrradmonteur.de &#8211; Eigenes Werk, FAL, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=21559869<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Jung spezialisierte sich auf Psychiatrie und war 1900 nach\nseinem Staatsexamen als Assistent von Eugen Bleuler in der Irrenheilanstalt\nBurgh\u00f6lzli in Z\u00fcrich t\u00e4tig. W\u00e4hrend dieser Zeit entstand aus seinen\nBeobachtungen des Ph\u00e4nomens der gespaltenen Pers\u00f6nlichkeit, die er anhand von\nProtokollen spiritistischer Sitzungen gewonnen hatte, 1902 seine Dissertation \u201eZur\nPsychologie und Pathologie sogenannter occulter Ph\u00e4nomene\u201c. Im Jahr darauf heiratete\nJung die wohlhabende Schaffhauserin Emma Rauschenbach. Sie gebar bis 1914 vier\nT\u00f6chter und einen Sohn, &nbsp;interessierte\nsich f\u00fcr Naturwissenschaften, Geschichte und Politik und war fasziniert von der\nGralslegende. Ihr Ehemann f\u00f6rderte ihre Interessen; sie war f\u00fcr ihn nicht nur\neine wichtige Gespr\u00e4chspartnerin und Kritikerin seiner Texte, sondern half ihm\nbei seiner Arbeit, indem sie Schreibarbeiten \u00fcbernahm. Ab 1930 arbeitete sie\nselbst als Analytikerin. Ihr in die Ehe mitgebrachtes Verm\u00f6gen war eine\nwichtige Voraussetzung f\u00fcr Jungs Forschungsfreiheit.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Bleuler habilitierte sich Jung 1905, stieg im selben\nJahr zum Oberarzt der psychiatrischen Klinik Burgh\u00f6lzli und ersten\nStellvertreter Bleulers auf und wurde zum au\u00dferordentlichen Professor f\u00fcr\nPsychiatrie an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich ernannt. Seine Vorlesungen als\nPrivatdozent waren gut besucht, die Habilitationsarbeit brachte ihm erste internationale\nAnerkennung ein. 1907, im Jahr seiner ersten Begegnung mit Sigmund Freud,\nfolgte seine Arbeit \u201e\u00dcber die Psychologie der Dementia praecox\u201c. Wegen eines\nZerw\u00fcrfnisses mit Bleuler gab Jung 1909 seine T\u00e4tigkeit am Burgh\u00f6lzli auf und\ner\u00f6ffnete in seinem neuen Haus in K\u00fcsnacht am Z\u00fcrichsee eine Privatpraxis. Zwischen\n1906 und 1912 standen Jung und Siegmund Freud in regem Austausch. Doch er\n\u00fcberwarf sich auch mit ihm \u2013 Freuds Libidobegriff hielt er f\u00fcr zu eng.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eWiederverzauberung\u201c\nder Welt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1912 arbeitete Antonia Wolff f\u00fcr und mit Jung, wurde seine engste Vertraute und f\u00fcr viele Jahre seine wichtigste Mitarbeiterin und Geliebte &#8211; Bair nannte sie Jungs \u201eZweitfrau\u201c; sie wird manchmal auch als \u201eJungs Analytikerin\u201c bezeichnet und war w\u00e4hrend seiner schweren Krise nach dem Bruch mit Freud sein wichtigster Beistand. Er blieb jedoch mit Emma verheiratet, oft traten sie zu dritt auf. Jung gab 1913 seine Lehrt\u00e4tigkeit als au\u00dferordentlicher Professor an der Universit\u00e4t Z\u00fcrich auf und konzentrierte sich auf seine eigene Praxis, unterbrochen durch ausgedehnte Reisen in den 1920er Jahren, so nach Nordamerika zu den Pueblo-Indianern, nach Nord- und Ostafrika sowie nach Indien. Zwischen 1917 und 1918 diente er als Sanit\u00e4tsarzt in einem britischen Internierungslager. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"724\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/thumb_1200_1697-724x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5713\"\/><figcaption>Pers\u00f6nlichkeitstypen. Quelle: https:\/\/d20ohkaloyme4g.cloudfront.net\/img\/document_thumbnails\/3a3952378d5f4f3a5625c5fc9df83c4f\/thumb_1200_1697.png<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am Ende des Ersten Weltkrieges wandte sich Jung der Gnosis\nzu. Das religi\u00f6se Thema besch\u00e4ftigte ihn von da an sein Leben lang. Er selbst\nintegriert Gnosis, Philosophie, Alchimie und Mystik zu einer eigenen\nReligiosit\u00e4t, die nicht konfessionell gebunden ist. &nbsp;Er gilt oft als der erste moderne Psychologe,\nder sagt, dass die menschliche Psyche \u201evon Natur aus religi\u00f6s\u201c sei, und sie\neingehend erforscht hat. Seine \u00dcberlegungen und Ansichten nannte er nunmehr \u201eAnalytische\nPsychologie\u201c. W\u00e4hrend Freud das Kausalit\u00e4tsprinzip der Naturforschung auch auf\ndie Seelenkunde anwendet, erg\u00e4nzt Jung Kausalit\u00e4t um Finalit\u00e4t: Seelisches ist\nnicht nur kausal bedingt, sondern auch durch Ziele, Zwecke und Werte. Wichtig\nf\u00fcr das Verst\u00e4ndnis der Psyche ist nicht so sehr, woher sie kommt, sondern\nwohin sie strebt. Dem Diktum des Soziologen Max Weber von der \u201eEntzauberung der\nWelt\u201c durch Rationalisierung und der damit verbundenen Entfremdung h\u00e4lt Jung\nseine Forderung nach \u201eWiederverzauberung\u201c entgegen. <\/p>\n\n\n\n<p>Freud hatte sich bereits vom Traum einen \u201eEinblick in die\nphylogenetische Kindheit\u201c und \u201eKenntnis der archaischen Erbschaft des Menschen\u201c\nversprochen. Diese Annahme f\u00fchrt Jung zum Konzept des kollektiven Unbewussten\nund der Archetypen aus. Das kollektive Unbewusste als \u00fcberpers\u00f6nlicher Bereich\ndes Unbewussten ist der \u201eTeil der Psyche, der von einem pers\u00f6nlichen\nUnbewussten dadurch negativ unterschieden werden kann, dass er seine Existenz\nnicht pers\u00f6nlicher Erfahrung verdankt und daher keine pers\u00f6nliche Erwerbung\nist\u201c. Die erfahrungswissenschaftliche Basis, auf der er das Konzept des\nkollektiven Unbewussten induktiv formulierte, bestand im Wesentlichen aus\nTr\u00e4umen und Motiven aus der Kulturgeschichte (Religionen, Mythen, M\u00e4rchen) im\ninterkulturellen Vergleich, die auf eine \u00e4hnliche psychische Grundlage aller\nMenschen schlie\u00dfen lie\u00dfen. Davon zu unterscheiden ist das pers\u00f6nliche\nUnbewusste, das sich in \u201epersona\u201c (das Au\u00dfen, die repr\u00e4sentative Maske) und\n\u201eSchatten\u201c (das Innen, das verborgene Negative) gliedern lie\u00dfe. <\/p>\n\n\n\n<p>Beider Pers\u00f6nlichkeitsintegration im Laufe der individuellen Reifung nennt Jung \u201eIndividuation\u201c, Ganzwerdung &#8211; das zentrale Konzept der analytischen Psychologie. Archetypen nun seien Formen, ja Energiekomplexe, die \u201espontan und mehr oder weniger universal, unabh\u00e4ngig von Tradition, in Mythen, M\u00e4rchen, Phantasien, Tr\u00e4umen, Visionen und Wahngebilden auftreten\u201c und keine vererbten Vorstellungen, wohl aber \u201evererbte instinktive Antriebe und Formen\u201c bildeten, die die Individuation ma\u00dfgeblich beeinflussten. Das Konzept definiert kein \u201eSet\u201c von Archetypen, sondern ist prinzipiell offen. F\u00fcr Jung geh\u00f6ren zu solchen Archetypen prim\u00e4r die Grundformen des Weiblichen und M\u00e4nnlichen (anima und animus), auch in religi\u00f6ser Erscheinung, darunter die \u201eGro\u00dfe Mutter\u201c, der \u201ealte Weise\u201c oder das \u201eg\u00f6ttliche Kind\u201c. Diese Archetypen k\u00f6nnen in verschiedenen Auspr\u00e4gungen dann zu \u201eTypen\u201c, ja \u201eStereotypen\u201c werden. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/thumb_1200_1697-1.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5714\"\/><figcaption>Archetypen nach Jung. Quelle: https:\/\/www.zitrus.com\/wp-content\/uploads\/2019\/11\/archetyp_branding.png<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Inzwischen mehren sich Anzeichen, dass verschiedene\narchetypische M\u00e4rchenplots teilweise bis zu 6000 Jahre ins Indoeurop\u00e4ische\nzur\u00fcck verfolgbar sind: \u201eDie Sch\u00f6ne und das Biest&#8220; etwa sei der Versuch,\nunserer Beziehung zur Natur einen Sinn zu geben und ihr die Bedrohlichkeit zu\nnehmen; \u00e4hnlich alt seien u.a. \u201eRumpelstilzchen\u201c oder \u201eDer Schmied und der\nTeufel\u201c mit dem \u201e\u00fcbernat\u00fcrlichen Helfer\u201c. Jede Dramaturgie, vom Werbespot \u00fcber\nOper und Musical bis zum Spielfilm, arbeitet mit archetypischen Versatzst\u00fccken,\ndie dem Protagonisten w\u00e4hrend seiner \u201eReise\u201c begegnen, ja lassen Marken selbst\nzu Archetypen werden wie etwa zum Gott, Helden oder Magier.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein Gott wird da\nsein\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er war nicht der Erste, der Tr\u00e4ume analysiert hat, doch sicher\nder vielleicht bekannteste Pionier auf dem Gebiet der Traumanalyse. Hermann\nHesse war sein bekanntester Klient. Obwohl er ein theoretischer Psychologe und\npraktizierender Kliniker war, hat er einen gro\u00dfen Teil seines Lebens damit\nverbracht, andere Bereiche zu erforschen, darunter \u00f6stliche und westliche\nPhilosophie, Alchemie, Astrologie, Soziologie sowie Literatur und Kunst.&nbsp; Viele bahnbrechende psychologische Konzepte\nwurden urspr\u00fcnglich von Jung vorgeschlagen, neben den Archetypen und dem\nkollektiven Unbewusste auch der \u201eKomplex\u201c und die \u201eSynchronizit\u00e4t\u201c. Auf ihn\ngehen auch die Bezeichnungen des extro- und introvertierten Menschen zur\u00fcck. 1933\n\u00fcbernahm er an der Eidgen\u00f6ssischen Technischen Hochschule Z\u00fcrich wieder eine\nLehrt\u00e4tigkeit, ab 1935 als Titularprofessor, die er bis 1942 fortf\u00fchrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Von 1934 bis 1939 stand er der \u201eInternationalen Allgemeinen \u00c4rztlichen Gesellschaft f\u00fcr Psychotherapie\u201c (IA\u00c4GP) vor, um nach seinen Worten die Psychotherapie \u00fcber die NS-Zeit hinaus zu retten. Seine Pr\u00e4sidentschaft wurde vielfach kritisiert und brachte ihn in den Verdacht der Anbiederung. Als Motivation f\u00fcr sein Verhalten verwies der Schweizer auf seine Neutralit\u00e4t und sein Verantwortungsgef\u00fchl: \u201eMan wird im Kriegsfalle den Arzt, der seine Hilfe den Verwundeten der gegnerischen Seite angedeihen l\u00e4sst, doch auch nicht als Landesverr\u00e4ter auffassen.\u201c Trotz seiner Aussagen zu germanisch-j\u00fcdischen Unterschieden und des NS-Lobes seiner Psychologie als \u201eaufbauende Seelenlehre\u201c, w\u00e4hrend gleichzeitig die Schriften von Freud der B\u00fccherverbrennung zum Opfer fielen, wurden Jungs Werke 1939 im Deutschen Reich auf die \u201eschwarze Liste\u201c gesetzt, 1940 nach der deutschen Invasion auf die franz\u00f6sische \u201eOtto-Liste\u201c der verbotenen Werke. 1942\/43 diente Jung dem US-amerikanischen Geheimdienst als eine Art \u201eProfiler\u201c, um die f\u00fchrenden Nationalsozialisten des deutschen Volkes zu analysieren, ihre Handlungsweisen und m\u00f6glichen Reaktionen zu prognostizieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"550\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/lossy-page1-800px-ETH-BIB-Jung_Carl_Gustav_1875-1961-Portrait-Portr_14163_cropped.tif-2-1024x550.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5715\"\/><figcaption>Gesammelte Werke. Quelle: https:\/\/www.booklooker.de\/B%C3%BCcher\/Carl-Gustav-Jung-C-G+Gesammelte-Werke-1-20-Kassette-mit-24-B%C3%A4nden-Carl-Gustav-Jung-Ungek%C3%BCrzte\/id\/A02uPHYM01ZZf?collectionID=2484 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Jungs teilweise widerspr\u00fcchlich wirkendes Verhalten in den\n1930er Jahren, durch das er sich starken Angriffen aussetzte, empfand sein\nRechtsanwalt Wladimir Rosenbaum gerade als Beweis f\u00fcr Jungs Aufrichtigkeit. Nach\n1945 meinte Jung, er sei zu optimistisch \u00fcber die M\u00f6glichkeiten einer positiven\nEntwicklung gewesen und h\u00e4tte mehr schweigen sollen. Auch viele \u00c4u\u00dferungen \u00fcber\nJuden erscheinen zum Teil politisch naiv, unsensibel oder opportunistisch. Die\ndamals starke Rezeption der Psychologie C. G. Jungs durch deutsche Juden und\nderen sp\u00e4tere Vertreibung aus Deutschland beg\u00fcnstigte wohl die internationale\nVerbreitung der Jung\u2018schen Psychologie: Im Jahr 2007 war jeder dritte Jung\u2018sche\nAnalytiker j\u00fcdischer Abstammung. 1944 wurde er als Professor f\u00fcr Medizinische Psychologie\nan die Universit\u00e4t Basel berufen. Zuletzt war er eng mit dem Physiker und\nNobelpreistr\u00e4ger Wolfgang Pauli befreundet, vertiefte seine Forschungen \u00fcber\ndas kollektive Unbewusste, Alchemie und die Bedeutung der Religion f\u00fcr die\nPsyche und wurde drei Tage nach seinem Tod auf dem Friedhof K\u00fcsnacht begraben. Der\nSpruch auf seinem Grabstein ist auch der \u00fcber der T\u00fcrschwelle seines Hauses: \u201eVocatus\natque non vocatus deus aderit\u201c (\u201eGerufen oder nicht gerufen, ein Gott wird da\nsein\u201c).<\/p>\n\n\n\n<p>Jung beeinflusste neben der Psychotherapie auch die\nAstrologie und die Religionspsychologie. Als sein Hauptwerk gilt das \u201eRote\nBuch\u201c: entstanden von 1914 bis 1930, wurde es 2009 in New York erstmals der\n\u00d6ffentlichkeit zug\u00e4nglich gemacht und gedruckt. Das grossformatige, ann\u00e4hernd\nsieben Kilogramm schwere, in rotes Leder gebundene Werk ist in eigenartig\nfeierlicher deutscher Sprache verfasst, in kunstvoller Kalligraphie\nmittelalterlicher Handschriften gehalten und von ihm selbst mit\nfarbenpr\u00e4chtigen Illustrationen versehen. Es war aus den Notizen und Skizzen der\n\u201eSchwarzen B\u00fccher\u201c entstanden, die er als Notizb\u00fccher auf seinen Reisen nach\nFreud begonnen hatte. Seine Gesammelten Werke, darunter die ebenfalls\nbedeutenden \u201ePsychologische Typen\u201c (1921), \u201eDie Beziehungen zwischen dem Ich\nund dem Unbewussten\u201c (1928) und das Sp\u00e4twerk \u201eMysterium Coniunctionis\u201c(1956),\nerschienen dieses Jahr als Neuauflage in 22 Taschenb\u00fcchern. Das 1948 von ihm\ngegr\u00fcndete C. G. Jung-Institut Z\u00fcrich bildet bis heute Psychotherapeuten in\nseiner Tradition aus. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er begr\u00fcndete die Analytische Psychologie, entwarf die Lehre der \u201eArchetypen\u201c und hielt Hitler f\u00fcr den Repr\u00e4sentanten des \u201eUnbewussten des deutschen Volkes\u201c: Carl Gustav Jung. 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