{"id":5743,"date":"2021-07-16T06:17:16","date_gmt":"2021-07-16T05:17:16","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5743"},"modified":"2021-06-24T16:01:17","modified_gmt":"2021-06-24T15:01:17","slug":"wir-gehen-jetzt-dessauern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5743","title":{"rendered":"\u201ewir gehen jetzt dessauern\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Die See seiner Wahl war die baltische. Von Berlin aus reiste\ner sommers von 1908 bis 1921 auf die Insel Usedom und von 1924 bis 1935 nach\nDeep an der pommerschen Ostseek\u00fcste nahe Kolberg, wo Skizzenzeichnungen\nentstanden, die er \u201eNatur-Notizen\u201c nannte. \u201eMit ihnen schuf er sich die\nGrundlage f\u00fcr das Kapital, aus dem er bis zu seinem Tode k\u00fcnstlerisch sch\u00f6pfte\u201c,\nso der Kunsthistoriker Ulrich Luckhardt in der<em> Welt<\/em>. Die Zuneigung zur Ostsee blieb auch in seiner Geburtsstadt\nNew York lebendig, in die der amerikanische Staatsb\u00fcrger 1937 remigrierte. <\/p>\n\n\n\n<p>Im selben Jahr beschlagnahmten die Nazis in den deutschen\nMuseen 410 Werke des K\u00fcnstlers, zeigten acht Gem\u00e4lde und mehrere Grafiken als \u201eEntartete\nKunst\u201c. \u201eIch f\u00fchle mich 25 Jahre j\u00fcnger, seit ich wei\u00df, dass ich in ein Land\ngehe, wo Phantasie in der Kunst und Abstraktion nicht als absolutes Verbrechen\ngelten wie hier\u201c, schrieb Feininger vor der Abreise seinem Sohn. \u201eHier male ich\nseither anders, aber nicht besser\u201c, befand er dennoch in seinem Todesjahr: Lyonel\nCharles Adrian Feininger, der am 17. Juli 1871 in New York als Kind zweier\nangesehener deutscher Musiker zur Welt kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Sohn eines Konzertgeigers und einer Pianistin reiste mit 16 Jahren mit seinen Eltern, die auf Konzerttour waren, erstmals nach Deutschland. Er sollte dort am Leipziger Konservatorium Musik studieren, um auch Geiger zu werden. Doch bereits auf der \u00dcberfahrt \u00e4nderte der junge Feininger seine Pl\u00e4ne, da ihm das reine Reproduzieren von Musik auf dem Instrument nicht gen\u00fcgte. Mit v\u00e4terlicher Erlaubnis durfte er die Kunstgewerbeschule Hamburg besuchen. Am 1. Oktober des folgenden Jahres bestand er die Aufnahmepr\u00fcfung der K\u00f6niglichen Akademie in Berlin. Er fing fr\u00fch an, f\u00fcr Verleger und Zeitschriften zu zeichnen. 1892 nahm er ein Studium an der Pariser Acad\u00e9mie Colarossi auf, die vom italienischen Bildhauer Filippo Colarossi gegr\u00fcndet worden war. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5745\"\/><figcaption>Feininger. Quelle: https:\/\/www.swr.de\/swr2\/kunst-und-ausstellung\/1621433950306,lyonel-feininger-100~<em>v-16&#215;9@2dM<\/em>-ad6791ade5eb8b5c935dd377130b903c4b5781d8.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach siebenmonatigem Aufenthalt in Paris kehrte er 1893 nach\nBerlin zur\u00fcck, wo er als freier Illustrator und Karikaturist f\u00fcr Zeitschriften wie\n<em>Harpers Young People<\/em>, <em>Humoristische Bl\u00e4tter<\/em>, <em>Ulk<\/em>, <em>Das\nSchnauferl<\/em> und <em>Die Lustigen Bl\u00e4tter<\/em>\nt\u00e4tig wurde. Seine Themen variierten zwischen harmlosen Witzbildern und\npolitischen Karikaturen, deren Themen allerdings von den Redakteuren der\nBl\u00e4tter vorgegeben wurden, f\u00fcr die er arbeitete. Sein Interesse galt ohnedies\nmehr der k\u00fcnstlerischen Ausarbeitung dieser Sujets, und sein graphischer Stil\norientierte sich zunehmend an Fl\u00e4che und kantigen Konturen mit deutlichem Hang\nzur Groteske, was ihm schon um die Jahrhundertwende in der Kritik erste\nBeachtung einbrachte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eneue\nWeltperspektive\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1901 heiratete Feininger die Pianistin Clara F\u00fcrst und bekam\nmit ihr die T\u00f6chter Leonore und Marianne. Nachdem er 1905 die Liebe seines\nLebens, die j\u00fcdische K\u00fcnstlerin Julia Berg kennengelernt hatte, die an der Gro\u00dfherzoglichen\nKunstschule Weimar studierte, trennten sich beide von ihren Familien. Zusammen\nreisten sie 1906 nach Paris, wo Sohn Andreas zur Welt kam, sp\u00e4ter ein bekannter\nFotograf. Feininger schloss mit der <em>Chicago\nSunday Tribune<\/em> einen Vertrag \u00fcber zwei kurzlebige Comic-Serien, darunter \u201eWee\nWillie Winkie\u2019s World\u201c, eine traumhafte Serie von kurzen Bildergeschichten mit\nProsatexten, in denen die Metamorphosen diverser Landschaften aus der Sicht\neines kleinen, phantasievollen Jungen geschildert werden. H\u00e4user bekommen\nGesichter, B\u00e4ume, Wolken werden zu phantastischen Gestalten, Naturgeistern\ngleich, und Gegenst\u00e4nde rund um den Kamin stecken pl\u00f6tzlich voller Leben. Sie wird\nheute zu den Klassikern des Genres gez\u00e4hlt. 1908 heirateten Lyonel und Julia,\nlie\u00dfen sich in Berlin nieder und bekamen zwei weitere S\u00f6hne, Laurence und\nTheodore Lux, der ebenfalls ein erfolgreicher Maler wurde und vor 10 Jahren\n101j\u00e4hrig starb.<\/p>\n\n\n\n<p>1909 wurde er Mitglied der \u201eBerliner Secession\u201c, die in jenem Jahr mit 97 Mitgliedern, darunter Max Beckmann, Ernst Barlach und Wassily Kandinsky, ihren k\u00fcnstlerischen H\u00f6hepunkt erreichte. In dieser Zeit kam er erstmals mit dem Kubismus in Ber\u00fchrung, lernte die K\u00fcnstlergruppe \u201eBr\u00fccke\u201c kennen, stellte seine ersten architektonischen Kompositionen her und nahm gemeinsam mit den K\u00fcnstlern des \u201eBlauen Reiter\u201c 1913 auf Einladung von Franz Marc am Ersten Deutschen Herbstsalon teil. Zugleich verl\u00e4sst er die Secession wieder. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"500\" height=\"677\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5746\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-1.jpg 500w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-1-222x300.jpg 222w\" sizes=\"(max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><figcaption>Winkie-Comic. Quelle: https:\/\/i.pinimg.com\/originals\/23\/9d\/cc\/239dcc93e1f0e6c0b590148b8c1c7654.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Mittdrei\u00dfiger verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig sp\u00e4t wandte er sich\nausschlie\u00dflich der Malerei zu und entwickelte, ausgehend von seinen\nKarikaturen, einen sehr markanten Malstil, der Objekte abstrahiert und\ngestalterisch \u00fcberh\u00f6ht. Nach der ersten gro\u00dfen Einzelausstellung in Herwarth\nWaldens Galerie \u201eDer Sturm\u201c zieht er sich 1918 mit seiner Familie aufgrund der\nschwierigen Situation als amerikanischer Staatsb\u00fcrger am Ende des Ersten\nWeltkriegs nach Braunlage (Harz) zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier legt er bis 1920 sein einzigartiges Holzschnittwerk von\n\u00fcber 300 Drucken an. Neben dem Erfindungsreichtum der Motive verbl\u00fcfft vor allem\ndie Radikalisierung der Bildsprache, f\u00fcr die auch die Zeichnungen seiner S\u00f6hne\neine inspirierende Rolle spielen. Kinder erreichen sofort, wonach die damalige\nAvantgarde sucht \u2013 eine von Vorwissen unverdorbene Wahrnehmung der Welt. Kinder\nzeichnen nie \u201erichtig\u201c im Sinne einer korrekten Wiedergabe, sondern begn\u00fcgen\nsich mit dem, was ein Motiv in ihren Augen \u201evollst\u00e4ndig\u201c macht. Fluchtpunkt und\nTiefenraum haben f\u00fcr sie keinen Sinn, sie denken konsequent in der Fl\u00e4che und\nbevorzugen die Bedeutungsperspektive. Darum zeichnen sie das Wichtige gro\u00df und\ndas Nebens\u00e4chliche klein. Zum Vorschein kommt das Paradox einer\ngegenst\u00e4ndlichen Naturferne. Sie ist k\u00fcnstlerisch genau das, was Feininger die\n\u201eneue Weltperspektive\u201c nannte. Ihr Ziel ist, die konkrete Form des Gesehenen in\nder abstrakten Bildgesetzlichkeit zu kl\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<p>1919 unterschreibt Feininger das Programm des \u201eArbeitsrats f\u00fcr Kunst\u201c, der versucht, die Novemberrevolution 1918 auch auf den Bereich der Kunst auszudehnen. Zugleich beruft ihn Walter Gropius als ersten Lehrer, n\u00e4mlich \u201eMeister der Formlehre\u201c und Leiter der Druckwerkst\u00e4tten, ans Bauhaus in Weimar. Auf dem Titelblatt des Bauhausmanifests von 1919 ist sein Holzschnitt \u201eKathedrale\u201d abgebildet. Besonders das Weimarer Land, aus dem Julia stammte, mit D\u00f6rfern wie Oberweimar, Vollersroda und Gelmeroda, die er mit dem Fahrrad erkundete, fesselten seine Phantasie. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image is-resized\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-2-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5747\" width=\"438\" height=\"292\"\/><figcaption>ge\u00e4tztes Klischee des Bauhaus-Holzschnitts im Weimarer Museum. Quelle: https:\/\/pavillon-presse.de\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/klischee1.jpg <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Vor allem tat es ihm die kleine gotische Dorfkirche von\nGelmeroda an, die er in unz\u00e4hligen Naturnotizen und Gem\u00e4lden festhielt und die zum\nSymbol einer romantisch verkl\u00e4rten M\u00e4rchenwelt wurde, die er in seine anderen\nWerke einflie\u00dfen lie\u00df und die von seltsam \u00fcberl\u00e4ngten und historisch\ngekleideten Menschen bev\u00f6lkert sind. Etwa seit Anfang der 1920er Jahre\nerschienen St\u00e4dte und D\u00f6rfer im Lichte einer eingefrorenen Weltentr\u00fccktheit und\nSpiritualit\u00e4t und bezeichnen Feiningers romantische Hinwendung zu einer Welt,\ndie durch Massengesellschaft und Industrialisierung vor dem Untergang stand und\nnur noch in einer illusion\u00e4ren \u201eTraumstadt\u201c zu finden war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeinfach wonnig\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1923 hatte er eine gro\u00dfe Ausstellung in New York und gr\u00fcndete\nim Jahr darauf mit Kandinsky, Paul Klee und Alexej von Jawlensky die K\u00fcnstlergemeinschaft\n\u201eDie Blaue Vier\u201c, die 1925 wiederum in New York ihre erste gro\u00dfe Ausstellung\nhat. \u201eEs hat ausgeweimart, meine Herren, wir gehen jetzt dessauern\u201c schrieb er\nim selben Jahr in einem Brief an Julia. Gemeint war der bevorstehende Umzug des\nBauhauses nach Dessau, nachdem es in Weimar infolge von Eingaben der\nth\u00fcringischen Handwerkerschaft und des deutsch-v\u00f6lkischen Blocks im Th\u00fcringer\nLandtag geschlossen worden war. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr der Er\u00f6ffnung 1926 waren die Meisterh\u00e4user fertiggestellt worden, auch Feininger konnte mit seiner Familie eine der Doppelhaush\u00e4lften beziehen. Die anf\u00e4nglichen Vorbehalte, die er gegen\u00fcber deren Architektur hatte, waren bald verflogen: \u201eIch sitze hier auf unserer Terrasse, die einfach wonnig ist\u201c, schrieb er begeistert. Allerdings lie\u00df sich Feininger auf eigenen Wunsch von s\u00e4mtlichen Lehrverpflichtungen am Bauhaus entbinden, blieb aber bis 1932 auf Dr\u00e4ngen Gropius\u2018 \u201eMeister\u201c. In dieser Zeit entstanden unter anderem seine vielger\u00fchmten Stadtansichten von Halle. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"622\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-3-1024x622.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5748\"\/><figcaption>Gelmeroda real und artifiziell. Quelle: eigene Darstellung. <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Trotz seiner Erfolge als Maler und Lehrer lie\u00df die Musik Feininger nie los. Als Autodidakt am Klavier lernte er das \u201eWohltemperierte Klavier\u201c von Johann Sebastian Bach kennen, den er gl\u00fchend verehrte. Durch hartn\u00e4ckiges \u00dcben \u2013 oft mehr als sechs Stunden am Tag \u2013 konnte er bald alle 48 Pr\u00e4ludien und Fugen auswendig spielen und von jedem beliebigen Ton aus transponieren. Er komponierte von 1921 bis 1927 dreizehn Fugen, drei f\u00fcr Klavier und zehn f\u00fcr Orgel. 1924 wurde zum ersten Mal ein St\u00fcck von ihm im Meistersaal des Bauhauses \u00f6ffentlich pr\u00e4sentiert. Der Erfolg dieser Auff\u00fchrung best\u00e4rkte ihn darin, weiter \u201eauf autodidaktischem Wege Musik zu gestalten\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Sinne einer gegenseitigen Durchdringung der K\u00fcnste\nversuchte Feininger aber auch, die \u201evielstimmig aufeinander bezogene\nKomplexit\u00e4t und gleichzeitige Durchschaubarkeit\u201c der Bach\u2019schen Kompositionen\nauf seine Malerei zu \u00fcbertragen und eine \u201eklare Raumgestaltung\u201c sowie\nthematische und formale Bez\u00fcge innerhalb der Bilder herzustellen. Besonders das\nKonstruktivistische und Architektonische in seinem Malstil l\u00e4sst sich aus\nseiner intensiven Besch\u00e4ftigung mit dem musikalischen Kompositionsprinzip der\nFuge herleiten. Es sollte bis zu seinem 50. Todestag 2006 dauern, da erstmals\neine CD mit seinen Orgelfugen erschien, interpretiert von neun verschiedenen\nOrganisten.<\/p>\n\n\n\n<p>Feininger reist 1936 f\u00fcr eine Lehrt\u00e4tigkeit am \u201eMills College\u201c in Oakland (Kalifornien) erstmals in die USA, kehrt aber Ende des Jahres zun\u00e4chst nach Berlin zur\u00fcck. Zuvor hatte er den promovierten Juristen und Bauhaus-Studenten Hermann Klumpp kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. Klumpp hat dann 64 Feininger-Bilder gerettet und nach Quedlinburg \u00fcberf\u00fchrt, nachdem er dem Ehepaar geholfen hatte, am 11. Juni 1937 Deutschland in Richtung USA zu verlassen. Feininger arbeitete als freier Maler in New York und entwirft 1939 Wandbilder f\u00fcr die Weltausstellung in New York. W\u00e4hrend die ersten Exilbilder noch stark von den Erinnerungen an die Heimat Deutschland gepr\u00e4gt sind, werden die Wolkenkratzer Manhattans in den folgenden Jahren zu seinem neuen Bildmotiv.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-4-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5749\"\/><figcaption>Feiningers Musik. Quelle: https:\/\/i.ytimg.com\/vi\/Pz7N7EZY_mE\/maxresdefault.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1944 stellte er eine Retrospektive im Museum of Modern Art\naus, wurde 1947 zum Pr\u00e4sidenten der Federation of American Painters und\nSculptors gew\u00e4hlt und ein Jahr vor seinem Tod zum Mitglied des National\nInstitute of Arts and Letters ernannt. Feininger beteiligte sich 1953 an der\ndritten Jahresausstellung des Deutschen K\u00fcnstlerbundes in Hamburg sowie 1955 der\nersten \u201edocumenta\u201c und stellte auch in Frankfurt, Baden-Baden und D\u00fcsseldorf\naus. Er entwirft ein Wandbild f\u00fcr den Passagierdampfer \u201eConstitution\u201c und malt\nzuletzt vor allem Aquarelle. Am 13. Januar 1956 starb er in New York und wurde\ndort auch begraben. Seine Frau wird ihn um 14 Jahre \u00fcberleben. Neben Radwegen\nauf Usedom und in Th\u00fcringen wurde ein Asteroid nach ihm benannt und eine\nSondermarke der Deutschen Post f\u00fcr ihn aufgelegt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein Vers\u00e4umnisurteil\nerlassen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Erbe f\u00fchrte allerdings noch zu einer kulturpolitischen\nPosse zwischen der DDR und den USA. Denn sind die 64 geretteten Bilder Klumpps\nEigentum oder geh\u00f6ren sie Feiningers S\u00f6hnen? Dar\u00fcber wurde seit 1971 am\nBezirksgericht Halle verhandelt. Das Urteil 1976 ist eindeutig: Die\n\u00fcberwiegende Mehrheit der Bilder geh\u00f6rt den Amerikanern. Doch inzwischen haben\nsich die DDR-Beh\u00f6rden eingeschaltet. Als \u201esch\u00fctzenswertes Kulturgut\u201c d\u00fcrfen sie\nnach DDR-Recht nicht au\u00dfer Landes gebracht werden. <\/p>\n\n\n\n<p>1983 platzt den amerikanischen Anw\u00e4lten der Geduldsfaden: Sie verklagen die DDR vor einem New Yorker Gericht. DDR-Au\u00dfenminister Oskar Fischer richtet folgende Worte an das SED-Politb\u00fcro: \u201eGeht dem Gericht eine termingerechte Erwiderung nicht zu, kann ein Vers\u00e4umnisurteil erlassen sowie Antrag auf Zwangsvollstreckung gestellt werden.\u201c Nun kommt endlich Bewegung in die Verhandlung. Die Amerikaner geben ein wenig Raubkunst von 1945 zur\u00fcck und Feiningers S\u00f6hne bekommen ihr Erbe.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"512\" height=\"245\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5750\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-5.jpg 512w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/feininger-5-300x144.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 512px) 100vw, 512px\" \/><figcaption>Feininger-Galerie Quedlinburg. Quelle: https:\/\/lh3.googleusercontent.com\/proxy\/6a4eU6AoX2cJOaExZkv1xZ4m990LhKxx1mntvPRcl95xb5SVzYhLt6o5lIg_L2UGgiisic12KMnskul5NpqU15O7sG5CuZqzMQsk68M2-mtXFMNMicizxLvNf3_X84K9ZXYkBjZP4XM87W7gNuZ59OCKDUBL5A<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Hermann Klumpp jedoch ger\u00e4t mit den ihm verbliebenen Werken\nin die Zwickm\u00fchle: Solche Kultursch\u00e4tze in privater Hand sind dem\nKulturministerium ein Dorn im Auge. In einer internen Vorlage des Amtes f\u00fcr\nRechtsschutz hei\u00dft es: \u201eKlumpp ist nicht bereit, mit staatlichen Institutionen\nzur Sicherung und Nutzung der Sammlung zusammenzuarbeiten.\u201c Schlie\u00dflich gelingt\nes doch: der Rat des Kreises Quedlinburg gr\u00fcndet 1986 die\nLyonel-Feininger-Galerie und Hermann Klumpp \u00fcbereignet ihr seine Sammlung. Als\nwenige Tage nach Feiningers 30. Todestag die Feininger-Galerie in der Domstadt er\u00f6ffnet\nwird, erinnerte eine Gedenktafel auch an ihn. Das Museum ist seit 2014 Teil der\nKulturstiftung Sachsen-Anhalt, beherbergt einen der weltweit umfangreichsten\ngeschlossenen Best\u00e4nde von Grafiken, Radierungen, Lithografien und Holzschnitten\ndes K\u00fcnstlers und ist zudem das einzige Feininger-Museum in Europa.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war ein Klassiker der Moderne und erster berufener Bauhaus-Lehrer: Lyonel Feiniger. Der Mann, wegen dem die USA die DDR verklagte, feierte jetzt seinen 150. 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