{"id":5761,"date":"2021-06-30T06:38:31","date_gmt":"2021-06-30T05:38:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5761"},"modified":"2021-06-24T16:39:02","modified_gmt":"2021-06-24T15:39:02","slug":"wegbereiter-der-moderne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5761","title":{"rendered":"Wegbereiter der Moderne"},"content":{"rendered":"\n<p>Er ist kein Weltmann, sondern Beamter der drittletzten\nStufe, Geheimer Justizrat im Dienst des Hannoverschen Hofs; ein blasser, leicht\nunbeholfener, schnell verlegener Einzelg\u00e4nger. Er hat keine Frau und keine\nengeren Freunde, und die Mahlzeiten, die er sich aus dem Gasthaus kommen l\u00e4sst,\nverzehrt er meist allein auf seinem Zimmer. Seine Stimme ist hoch und d\u00fcnn,\nsein Blick kurzsichtig, seine F\u00fc\u00dfe und Finger zu lang f\u00fcr seinen Geschmack. Und\nsein gesamter Leib scheint nicht zur Bewegung gemacht. Doch dieser einsame Mann\nsteht mit ganz Europa in Verbindung. Er hat Audienzen bei F\u00fcrsten, bei zwei\ndeutschen Kaisern und dem russischen Zaren. Er korrespondiert mit 1100 Partnern\nin 16 L\u00e4ndern, denen er mehr als 15 000 Briefe schreibt \u2013 die heute UNESCO-Weltdokumentenerbe\nsind. <\/p>\n\n\n\n<p>In diesem unabl\u00e4ssigen Austausch bewegt er seine Gedanken\nund h\u00e4lt sie zugleich fest \u2013 gedruckte B\u00fccher ver\u00f6ffentlicht er zu Lebzeiten\nnur wenige. In einer Zeit der wissenschaftlichen Explosion, in der die\nKenntnisse in unerh\u00f6rtem Ma\u00df anwachsen, ist er der wohl letzte\nUniversalgelehrte \u2013 der \u201eintelligenteste Mensch seiner Epoche\u201c, wie ihn ein\nBiograf r\u00fchmen wird. Er verschwendet sich als Doktor der Rechte, Philosoph und\nForscher, als Mathematiker und Erfinder, arbeitet als Techniker, Physiker,\nHistoriker und Bibliothekar, wirkt als Diplomat, Sprachwissenschaftler und\nTheologe. Denn nur wer sich \u00fcberall auskennt, kann das Entlegenste miteinander\nverkn\u00fcpfen: \u201eWer nur an einer Sache arbeitet, entdeckt selten etwas Neues.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>So findet er, was seine Zeitgenossen nicht einmal suchen. Er entwickelt Theorien zu Arch\u00e4ologie und Sprachgeschichte, aber auch eine Vorform des D\u00fcbels und einen gefederten Sitz f\u00fcr lange Kutschfahrten sowie eine revolution\u00e4re mechanische Rechenmaschine mit Staffelwalze und Zahnrad &#8211; die zwar vorerst nur vor\u00fcbergehend funktioniert, deren Bauprinzip sich jedoch fast 300 Jahre nach seinem Tod als fehlerfrei erweisen wird. Zudem formuliert er die \u201eDyadik\u201c, die s\u00e4mtliche Zahlen mit den Ziffern 1 (Gott) und 0 (nichts) ausdr\u00fcckt, und legt so die Grundlagen f\u00fcr die digitale Rechenweise des Computers. Er entdeckt auch eine Methode zur Beschreibung von Kurven, die als Infinitesimalrechnung die Mathematik umw\u00e4lzen wird und ohne die weder Raketen noch Smartphones denkbar w\u00e4ren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Leibniz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5762\"\/><figcaption>Leibniz. Quelle: Von Christoph Bernhard Francke &#8211; Herzog Anton Ulrich-Museum, online, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=53159699<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Doch eigentlich geht es ihm immer und immer wieder vor allem\num eines: die Harmonie. Denn \u201eGl\u00fcck\u201c, schreibt er, beruhe auf \u201eh\u00f6chstm\u00f6glicher\nHarmonie\u201c. Und weil Harmonie, so seine Definition, \u201edie Vollkommenheit des\nDenkbaren\u201c sei, f\u00fchrten nur das Denken und das Wissen zuverl\u00e4ssig zu diesem\nZiel \u2013 zur \u201eHarmonie des Geistes\u201c und schlie\u00dflich zur Erkenntnis jener\n\u201eUniversalharmonie\u201c, die in Gottes Sch\u00f6pfung wirke. Und weil die Harmonie\nseiner Ansicht nach nur durch das Denken entstehen kann, schafft er sie in\nseinem Kopf &#8211; mit den Werkzeugen der Logik will er diese verr\u00fcckt gewordene\nZeit in die Bahn bringen: Gottfried Wilhelm Leibniz, der am 1. Juli 1646 in\nLeipzig zur Welt kam.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201enach meinem eigenen\nWillen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon vor der Einschulung mag das Professorenkind lieber\nlesen als spielen, unterh\u00e4lt sich besser mit B\u00fcchern als mit gleichaltrigen Freunden.\nUnd dass sein Vater stirbt, als er sechs ist, sieht er im R\u00fcckblick nicht als\nTrauma, sondern als Chance: Nur so kann er ohne elterliche Vorgaben lernen, was\nihm gef\u00e4llt, und \u201eauf viele Dinge kommen, an die ich sonst nimmermehr gedacht\nh\u00e4tte\u201c. Mit acht Jahren besucht er nicht nur die Nikolaischule, sondern w\u00e4lzt\nnebenbei den altr\u00f6mischen Historiker Livius \u2013 und erschlie\u00dft sich die\nlateinische Sprache ohne W\u00f6rterbuch, nur anhand der Holzschnitt-Abbildungen,\nmit denen die B\u00fccher verziert sind. Mit neun st\u00fcrzt er sich auf die\nKirchenv\u00e4ter, die Logik des Aristoteles und die Metaphysik der Scholastik. Mit\nzw\u00f6lf denkt er erstmals \u00fcber eine \u201eArt Alphabet der menschlichen Gedanken\u201c\nnach: Ein Arsenal aus klar definierten, als Zeichen darstellbaren Grundbegriffen,\ndie sich eindeutig und nachvollziehbar zu gedanklichen Urteilen kombinieren\nlassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch als er mit 17 in Leipzig das Studium der Rechtswissenschaft beginnt, findet er noch genug Energie, sich nebenher in allerlei wissenschaftlichen Disziplinen auszuprobieren \u2013 und zwar ausschlie\u00dflich \u201enach meinem eigenen Willen\u201c. 1666, noch im Alter von 19 Jahren, ver\u00f6ffentlichte Leibniz sein erstes Buch \u201e\u00dcber die Kunst der Kombinatorik\u201c, mit dessen erstem Teil er in Jena in Philosophie promoviert wurde. Die Professur, die ihm die Universit\u00e4t N\u00fcrnberg mit 21 Jahren anbietet, lehnt er selbstbewusst ab: Er will sich nicht im akademischen Betrieb einmauern: Sein Leben lang wird er keinen Hochschulposten bekleiden. Stattdessen trat er in den Dienst des Mainzer Erzbischofs Johann Philipp von Sch\u00f6nborn. Er arbeitete an einer Reform des r\u00f6mischen Rechts und ver\u00f6ffentlichte zwei Traktate zur Physik. 1672 reiste Leibniz auf eigenen Wunsch nach Paris, wo er dem Sonnenk\u00f6nig Ludwig XIV. einen Plan f\u00fcr einen Eroberungsfeldzug gegen \u00c4gypten unterbreiten wollte, um ihn von den geplanten Eroberungskriegen in Europa abzubringen. Doch Ludwig hatte l\u00e4ngst beschlossen, in die Niederlande einzumarschieren &#8211; und Leibniz traute sich nicht, den Plan zu \u00fcbergeben. \u00dcber einhundert Jahre sp\u00e4ter jedoch wird ihn Napoleon Bonaparte in seiner \u00c4gyptischen Expedition umsetzen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"636\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Leibniz-1-1024x636.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5764\"\/><figcaption>Leibniz&#8216; Rechenmaschine. Quelle: Von uploader was Hajotthu at de.wikipedia &#8211; Museum Herrenhausen Palace, CC BY 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=28141911<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Aber eigentlich w\u00fcrde er gern sein Wissen mit vollen H\u00e4nden\nverteilen, meint J\u00f6rg-Uwe Albig in <em>Geo\nEpoche<\/em>. P\u00e4dagogische Erlebnisparks \u201ezum leichteren Erlernen aller Dinge\u201c\nmalt er sich aus, mit Laternae magicae, k\u00fcnstlichen Meteoriten, nachgestellten\nLand- und Seeschlachten sowie den ber\u00fchmten Vakuumkugeln des Magdeburger\nB\u00fcrgermeisters Otto von Guericke, deren H\u00e4lften 32 Pferde nicht\nauseinanderzerren konnten. Er stellt sich \u00f6ffentliche Bluttransfusionen vor,\nShows mit Rechenmaschinen und Artisten, die durch Schreie Glas zerspringen\nlassen. Solches Infotainment, wie wir heute sagen w\u00fcrden, k\u00f6nnte den Menschen\ndie Welt der Vollkommenheit n\u00e4herbringen, sprich: der Harmonie. Unerm\u00fcdlich und\nauf allen Ebenen bem\u00fcht er sich um diese Harmonie, verhandelt mit\nprotestantischen Kirchenm\u00e4nnern und katholischen Bisch\u00f6fen um die Einheit der\nKonfessionen, t\u00fcftelt weiter an seinem universalen Zeichensystem. <\/p>\n\n\n\n<p>Am liebsten m\u00f6chte er in die Politik: Mitmachen, an den\nHebeln ziehen, die Geschicke der Nationen beeinflussen \u2013 oder wenigstens die\nder Kleinstaaten, die in Deutschland um Macht und Prestige rangeln. Meist\nbleibt es aber nur bei Projekten, gro\u00dfen Entw\u00fcrfen. Er schmiedet Pl\u00e4ne f\u00fcr\neinen Reichsbund deutscher F\u00fcrsten, die niemand umsetzen will. Um Geld zu\nverdienen, verfasst Leibniz juristische Gutachten und dient sich 1673 sogar,\nmit einer Spottschrift auf Ludwig XIV., dem Kaiser in Wien f\u00fcr einen Posten als\nHofsatiriker an. Doch ein Beamter richtet ihm aus, Majest\u00e4t besch\u00e4ftige bereits\neinen spa\u00dfigen Bibliothekar, es bestehe kein weiterer Bedarf. 1676 nimmt er das\nAngebot des Herzogs Johann Friedrich von Braunschweig-L\u00fcneburg an, in der\nResidenz Hannover als Rechtsbeistand und Bibliothekar zu dienen \u2013 allerdings\nerst nach langem Z\u00f6gern, denn Hannover ist tiefe Provinz: Ein Nest mit kaum 10\n000 Einwohnern, erst 40 Jahre zuvor zur f\u00fcrstlichen Residenz avanciert. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201emein Besonderer\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Johann Friedrich ist ein rachs\u00fcchtiger, auf den ersten Blick wenig einnehmender Mensch, selbst seine Mutter findet ihn h\u00e4sslich, \u201eabscheulich dick, dabei viel k\u00fcrzer als die anderen\u201c. Auch ein Mann des Geistes ist er nicht: Viel mehr als B\u00fccher interessiert ihn seine kostspielige Armee. Leibniz, den Intellektuellen, h\u00e4lt sich der F\u00fcrst eher zu seinem Am\u00fcsement. Er bringt ihn in einer Kammer der Bibliothek unter, wo der Gelehrte zun\u00e4chst f\u00fcrchtet, er sei zu einer wahren \u201eSisyphusarbeit der Gerichtsgesch\u00e4fte\u201c verdammt, doch tats\u00e4chlich l\u00e4sst Johann Friedrich ihm reichlich Zeit, seinen mathematischen, naturwissenschaftlichen und philosophischen Einf\u00e4llen zu folgen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Leibniz-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5765\"\/><figcaption>Leibniz-Haus in Hannover. Quelle: Von Axel Hindemith &#8211; Foto aufgenommen von Benutzer Benutzer:AxelHH, Februar 2008, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4557489 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Manchmal darf er dem Herzog auch seine Ideen vortragen. Dann\nbegibt sich Leibniz zum \u201eAudienzbett\u201c, in dem Johann Friedrich ab acht Uhr\nmorgens seine Tage verbringt, und pr\u00e4sentiert ihm Entw\u00fcrfe f\u00fcr\nVerschl\u00fcsselungsmaschinen, Pl\u00e4ne zur Mechanisierung der Seidenproduktion, zur\nVerwaltungsreform, zu Ackerbau und Manufakturwesen. Er unterbreitet ihm ein\ngigantisches Programm zur Datensammlung, schl\u00e4gt Mikrokredite f\u00fcr Arme vor,\nVersicherungen gegen Flut und Feuer und f\u00fcr Hinterbliebene. \u201eMein Guter\u201c, \u00e4chzt\nder F\u00fcrst dann, \u201emein Besonderer\u201c, und will von den Pl\u00e4nen meist doch nichts\nwissen. Nur der Vorschlag seines Hofgelehrten, die Bergwerke im Harz mit\nWindkraft zu entw\u00e4ssern, st\u00f6\u00dft bei Johann Friedrich auf Interesse. Doch die\nLeibniz\u2019schen Windm\u00fchlen sind zu schwach, und auch Wind und Wetter nicht\nverl\u00e4sslich auf seiner Seite. Zudem sabotiert das Bergamt den wunderlichen\nQuereinsteiger, der sich kaum unter Tage wagt, \u201ewo ich mich selbst nicht sehen\nk\u00f6nnte\u201c. Viele seiner Ideen werden heute noch im Bergbau eingesetzt wie etwa\ndie Endlosf\u00f6rderkette oder die konische Seiltrommel.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Johann Friedrich 1680 stirbt und dessen Bruder Ernst August\nin Hannover das Regiment \u00fcbernimmt, verschlechtert sich die Stellung des\nGelehrten noch weiter. Der neue F\u00fcrst k\u00fcrzt Leibniz den Etat f\u00fcr die Bibliothek\nvon 1500 auf nicht einmal 100 Taler pro Jahr. Daf\u00fcr spannt er ihn als\nPR-Manager ein, l\u00e4sst ihn Erbanspr\u00fcche wie den Gewinn der britischen\nK\u00f6nigskrone 1714 legitimieren und Gl\u00fcckwunschgedichte verfassen. Und erteilt\nihm den Auftrag, eine umfassende Geschichte des Welfenhauses zu erstellen, dem\nder Herzog angeh\u00f6rt. Immerhin darf der Forscher f\u00fcr diese Arbeit reisen. Auf\nder Suche nach den Wurzeln seines Chefs durchk\u00e4mmt er S\u00fcddeutschland und\n\u00d6sterreich, durchquert Italien bis nach Rom und Neapel. Und es gelingt ihm\nsogar, in Wien eine Audienz bei Kaiser Leopold I. zu erhaschen, ihm Pl\u00e4ne zur\nM\u00fcnzreform vorzulegen, zur Finanzierung der T\u00fcrkenkriege, zum Aufbau eines\nReichsarchivs. Doch der Kaiser nickt nur gn\u00e4dig \u2013 und wendet sich anderen\nDingen zu. Die Welfengeschichte bleibt unabgeschlossen, aber an politischen\nErfolgen der Hannoveraner Welfen wie der Erhebung in den Kurf\u00fcrstenstand 1692\nwar Leibniz beteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es erscheint wie ein Gl\u00fccksfall, dass sich Sophie Charlotte,\ndie hochgebildete Tochter von Ernst August und Gattin des brandenburgischen\nKurf\u00fcrsten Friedrich III., f\u00fcr Berlin ein Observatorium w\u00fcnscht, so wie bereits\nin Paris eins steht. Leibniz wittert eine Chance. Darf es nicht vielleicht eine\nganze Akademie sein: ein Haus f\u00fcr die Mathematik und Medizin, f\u00fcr Botanik und\nBergbau, Astronomie und Architektur, Physik und Chemie? Diese \u201eSociet\u00e4t\u201c, so schwebt\nihm vor, soll nicht nur dienen, sondern regieren. Eine sanfte Diktatur des\nGeistes soll sie sein, eine Wissensbeh\u00f6rde, ein Superministerium, das nach und\nnach den ganzen Staat \u00fcbern\u00e4hme \u2013 und schlie\u00dflich den Erdkreis: Beherrschte\neine solche Institution erst einmal \u201emehr als die H\u00e4lfte der Welt\u201c, h\u00e4tten auch\nKrieg und Gewalt ein Ende. Immer wieder reist er nach Berlin, umgarnt die\nKurf\u00fcrstin mit seinem Scharfsinn, bis die schlie\u00dflich bekennt, seine\n\u201eSch\u00fclerin\u201c zu sein. Und 1700 bewilligt Friedrich III. tats\u00e4chlich die\nAkademie: mit Leibniz als Pr\u00e4sidenten, allerdings ohne Budget. Der Gelehrte\nsucht Mitglieder zusammen, doch findet er eher Dilettanten als Genies. Das\nProjekt verebbt in Bedeutungslosigkeit. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eals eigenes\nVerdienst angeeignet\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Immer klarer entwickelt er jetzt eine Philosophie, die seiner Sehnsucht nach Harmonie das theoretische R\u00fcstzeug verschafft, die nicht einfach Metaphysik ist, sondern \u201esozusagen g\u00e4nzlich Mathematik\u201c. In seiner \u201eTheodizee\u201c, dem umfangreichsten Werk, das er je publiziert, unternimmt er nicht weniger als die Verteidigung Gottes mit den Mitteln der Logik: Er besteht darauf &#8211; dem Irrsinn der Europa immer wieder ersch\u00fctternden Kriege zum Trotz -, dass der Gang der Dinge so vern\u00fcnftig ist wie Algebra. \u201eIndem Gott rechnet und seinen Gedanken ausf\u00fchrt\u201c, so schreibt er, \u201eentsteht die Welt.\u201c Nichts in ihr geschehe ohne zureichenden Grund. Und so sei sie vielleicht nicht uneingeschr\u00e4nkt gut \u2013 aber doch die \u201ebeste aller m\u00f6glichen Welten\u201c: die einzige logische Option, die dem rechnenden Gott zur Auswahl stand. Der Satz wurde vielfach missverstanden und missinterpretiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"659\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Leibniz-3-659x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5767\"\/><figcaption>Windkunst zur Stollenentw\u00e4sserung, 1:15. Quelle: https:\/\/www.hannover.de\/Wirtschaft-Wissenschaft\/Wissenschaft\/Initiative-Wissenschaft-Hannover\/Leibniz-in-Hannover\/Leibniz%27-Leben\/Leibniz-Der-Ingenieur<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend sich der Gelehrte noch im Glanz seines wachsenden\nRuhms sonnt, pocht der hannoversche F\u00fcrst Georg Ludwig, der 1698 seinem Vater\nErnst August nachgefolgt ist, immer wieder auf die Erf\u00fcllung der\nDienstpflichten. Allm\u00e4hlich, so kolportiert jedenfalls ein hannoverscher\nGesandter am Kaiserhof in Wien, habe Georg Ludwig genug von den \u201eunendlichen\nKorrespondenzen\u201c seines Untertanen, dessen \u201eHin- und Wiederreisen\u201c, dessen\n\u201euners\u00e4ttlicher Kuriosit\u00e4t\u201c. Der Herrscher argw\u00f6hnt, Leibniz habe \u201eentweder\nkein Talent oder keine Lust\u201c, eine Aufgabe \u201ezusammenzubringen oder zu beenden\u201c.\nLeibniz f\u00fcgt sich in die Pflicht, die er seinem F\u00fcrsten schuldet, auch wenn sie\nihn zwingt, wie er klagt, \u201ealle mathematischen, philosophischen und\njuristischen \u00dcberlegungen, zu denen ich mich hingezogen f\u00fchle,\nzur\u00fcckzustellen\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Und als w\u00e4ren diese profanen Bel\u00e4stigungen noch nicht genug,\neskaliert auch noch ein gro\u00dfer Gelehrtenstreit um die Infinitesimalrechnung. F\u00fcr\nLeibniz ist der Fall klar: 1684 hat er in einer Wissenschaftszeitschrift\nerstmals die wesentlichen Elemente seines \u201eCalculus\u201c publiziert. Erst drei\nJahre sp\u00e4ter hat Isaac Newton in seiner Schrift \u201eMathematische Grundlagen der\nNaturphilosophie\u201c \u00f6ffentlich nachgezogen. Doch seit Langem lancieren die\nAnh\u00e4nger des Mannes aus Cambridge den b\u00f6sen Verdacht, in Wahrheit sei der Brite\nder Erste gewesen. Leibniz habe einfach nur zwei Briefe ausgewertet, in denen\nNewton dem Deutschen seine neue Methode dargestellt habe \u2013 und die mit leicht\nver\u00e4nderten Begriffen als eigene Leistung ausgegeben. Bald tobt der Zwist um\ndie mathematische Erstgeburt.<\/p>\n\n\n\n<p>1712 nimmt sich eine Untersuchungskommission der Londoner\n\u201eRoyal Society\u201c des Falls an, der angesehensten Wissenschaftsinstanz weltweit.\nBinnen nur 50 Tagen kommt sie zu dem Schluss, dass \u201eMr. Newton der erste\nErfinder\u201c der \u201edifferenziellen Methode\u201c sei. Pr\u00e4sident der Society: Isaac\nNewton. Autor des Abschlussberichts: Isaac Newton. Leibniz wankt unter diesem\nSchlag. Gekr\u00e4nkt l\u00e4sst er sich zu einem Flugblatt hinrei\u00dfen, das er anonym in\nder Mathematiker-Gemeinde zirkulieren l\u00e4sst: In Wirklichkeit sei Newton\nderjenige, der \u201esich die Ehre eines anderen als eigenes Verdienst angeeignet\nhat\u201c \u2013 und seine Unterst\u00fctzer nichts als \u201eSchmeichler\u201c, erf\u00fcllt von \u201eEitelkeit\u201c\nund \u201eUngerechtigkeit\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Urvater der Kybernetik<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Leibniz peinigen jetzt auch noch Gicht und offene Beine, die er der \u00dcberlieferung nach mit L\u00f6schpapier trocknet. Als der Universalgelehrte am 14. November 1716 stirbt, fast gel\u00e4hmt, ohne Frau und Familie, prahlt sein Gegner Newton einem sp\u00e4teren Bericht zufolge, er habe des Kontrahenten \u201eHerz gebrochen\u201c. Und anders als der Brite, dessen Sarg 1727 Herz\u00f6ge und viele Tausend Anh\u00e4nger begleiten werden, verl\u00e4sst Gottfried Wilhelm Leibniz die Welt halb vergessen. Zu seinem Begr\u00e4bnis erscheint gerade ein einziges Mitglied der Beamtenschaft: Hofrat Johann Georg von Eckhart. Auf dem Sarg aber prangen, in silbernem Zinn auf schwarzem Samt, die Eins und die Null seiner Dyadik \u2013 Eckhart hatte sie anbringen lassen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"576\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Leibniz-4-576x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5768\"\/><figcaption>Denkmal in Leipzig. Quelle: Von Reinhard Ferdinand &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=46818636<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In der Wohnung des Toten finden sich Hunderttausende\nbeschriebener Bl\u00e4tter und Zettel, darunter viele fast fertige, doch\nunver\u00f6ffentlichte Manuskripte \u2013 die der hannoversche Herrscher eilig\nkonfiszieren l\u00e4sst, um darin wom\u00f6glich enthaltene Hofgeheimnisse zu sch\u00fctzen. Die\nentdeckte man zwar nicht, daf\u00fcr aber Pl\u00e4ne f\u00fcr ein Unterseeboot, zur\nVerbesserung der Technik von T\u00fcrschl\u00f6ssern oder ein Ger\u00e4t zur Bestimmung der\nWindgeschwindigkeit. Seine Monadentheorie gab dem Atomismus der antiken\nPhilosophen neue Impulse. Er gilt auch als Begr\u00fcnder der Indogermanistik. Angeblich\nwurde er Ende 1711 von Kaiser Karl VI. geadelt und in den Freiherrenstand\nerhoben; es fehlt allerdings die entsprechende Urkunde.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Streit aber, wer denn nun die Infinitesimalrechnung\nerfunden hat, kommt durch den Tod der zwei Genies noch lange nicht zur Ruhe.\nMehr als zwei Jahrhunderte lang dauert er an, und erst 1949 wird ein\nMathematikhistoriker Leibniz endg\u00fcltig rehabilitieren: Der sei zwar nach Newton\nals Zweiter, doch v\u00f6llig selbstst\u00e4ndig zu der bahnbrechenden Methode gelangt. Zudem\nhat Leibniz die eleganteren Zeichen und Begriffe gefunden; daher rechnet schon\nbald fast die ganze gelehrte Welt mit seinen Symbolen \u2013 au\u00dfer den Engl\u00e4ndern,\ndie mit ihrem unhandlichen Werkzeug so f\u00fcr mindestens ein Jahrhundert den\nAnschluss an die Entwicklung der Mathematik verpassen. <\/p>\n\n\n\n<p>Den unterlegenen Leibniz aber wird man lange nach seinem Tod\nals Urvater von Kybernetik und Computer verehren, als Propheten des Siegeszugs\nformaler Logik, kurz: als Wegbereiter der Moderne. Ein Zusammenschluss\ndeutscher Forschungsinstitute unterschiedlicher Fachrichtungen mit Sitz in\nBerlin nennt sich Leibniz-Gemeinschaft. Der Supercomputer HLRN-III des\nNorddeutschen Verbunds f\u00fcr Hoch- und H\u00f6chstleistungsrechnen am Standort\nHannover ist nach ihm benannt. Universit\u00e4ten, Stra\u00dfen und bedeutende\nWissenschaftspreise tragen seinen Namen, ein Asteroid, ein Mondkrater, ein Berg\nim Pamirgebirge \u2013 und nicht zuletzt der Keks der \u201eHannoverschen Cakes-Fabrik H.\nBahlsen 1891\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er erfand Rechenmaschinen, Unterseeboote und F\u00f6rdertechnik: Gottfried Wilhelm Leibniz. Das letzte Universalgenie feierte jetzt seinen 375. 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