{"id":5770,"date":"2021-07-02T06:50:02","date_gmt":"2021-07-02T05:50:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5770"},"modified":"2021-06-24T16:50:23","modified_gmt":"2021-06-24T15:50:23","slug":"ich-toete-gerne","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5770","title":{"rendered":"\u201eIch t\u00f6te gerne\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Thomas Burmeister erkannte bei <em>dpa<\/em> ein Leben, \u201ein dem unentwegt Flaschen geleert, Fische geangelt,\nFrauen geliebt und Viecher aller Art geschossen wurden, kein Kriegsschauplatz\nausgelassen und nun auch noch eine neue wunderbare Droge entdeckt wurde &#8211;\nAfrika.\u201c Und dort kam er 1954 bei Flugzeugabst\u00fcrzen gleich zweimal fast ums\nLeben. Der erste ereignete sich bei einem Sightseeing-Trip in Belgisch-Kongo,\nder zweite tags darauf auf dem Weg ins Hospital in Entebbe. Der\nschwergewichtige Autor konnte sich nur retten, indem er die Flugzeugt\u00fcr mit seinem\nSch\u00e4del aufbrach. Er verlor Gehirnfl\u00fcssigkeit, erlitt Risse in Nieren, Milz und\nLeber, eine Quetschung des R\u00fcckenwirbels und Verbrennungen auf dem Kopf. Aber\ner war dem Tod so knapp entkommen, wie es sich f\u00fcr einen echten Abenteurer\ngeh\u00f6rt. Doch es war der Beginn seines qu\u00e4lend lang andauernden physischen\nVerfalls.<\/p>\n\n\n\n<p>Er ist ein Mann, der f\u00fcnf Frauen verschliss und nur eine davon nicht zu seiner Ehefrau machen konnte: Die Krankenschwester Agnes von Kurowsky pflegte den Kriegsverwundeten im Lazarett in Italien. Aus dieser Aff\u00e4re entsteht 1929 sein einziger Liebesroman \u201eIn einem anderen Land\u201c. Der Entt\u00e4uschung \u00fcber die Frau, die ihn verschm\u00e4ht hat, macht er Luft, indem er sie im Roman sterben l\u00e4sst. Der Tod, eine Situation, die der Mensch nicht ver\u00e4ndern kann. Der Moment des Todes hat den Schriftsteller von jeher so fasziniert, dass er ihn am liebsten h\u00e4tte zu Eis erstarren lassen. Einfach aus Angst, dass er eintritt, aber auch, um zu erforschen, warum. Fr\u00fch wird er mit gewaltsamem Tod konfrontiert, nicht nur in diesem \u201eanderen Land\u201c im ersten, sondern auch im Deutschland des zweiten Weltkriegs. Grund genug, um ihn in sein Schaffen einzubeziehen, sich zur Aufgabe zu machen, den Tod zu entmystifizieren, um dem menschlichen Leben einen Hauch von Ewigkeit zu verleihen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hemingway.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5772\"\/><figcaption>Hemingway 1953. Quelle: Von Look Magazine, Photographer (NARA record: 1106476) &#8211; U.S. National Archives and Records Administration, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=17194665<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Gegner verurteilten ihn wegen seiner brutalen Dialoge,\nseine Verehrer liebten ihn f\u00fcr die oft melancholisch anmutenden Erz\u00e4hlpassagen,\nf\u00fcr die Sehnsucht, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser in\ndie Tiefen seiner Seele f\u00fchrt. So paradox dieser lakonische Stil war, so\nparadox war der Autor selbst. Als psychisch kranker Alkoholiker gilt er, und\ndiesem Umstand schreibt man auch seinen Selbstmord zu: \u201eEr war ein Mann der\nExtreme, er wollte leben und t\u00f6ten, lieben und k\u00e4mpfen &#8211; und alles am besten\nexzessiv\u201c, so Anne Lederer im <em>\u00c4rzteblatt<\/em>.\nSeine Hobbys hatten allesamt mit dem Tod zu tun: Krieg und Hochseefischen,\nStierkampf und Gro\u00dfwildjagd &#8211; ein ausgestopfter L\u00f6we und die H\u00f6rner eines Kudu\nzieren noch heute sein Archiv in der John F. Kennedy Library in Boston. Ein\nMacho also, dessen M\u00e4nnlichkeitswahn gar die Liebe zu sich selbst \u00fcbersteigt,\nso dass er sich nach dem Genuss eines New York Strip Steak mit gebackener\nKartoffel und Sour Cream am 2. Juli 1961 mit seiner Lieblingsflinte, seiner \u201eglatten,\nbraunen Geliebten\u201c erschoss: Ernest Hemingway.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edie Kunst des\nWeglassens\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wurde Ernest Miller Hemingway am 21. Juli 1899 als\nzweites der insgesamt f\u00fcnf Kinder eines Landarztes und einer eher erfolglosen\nOperns\u00e4ngerin in Oak Park\/Illinois. Von 1913 bis 1917 besuchte er die Oak Park\nHigh School und begann seine Laufbahn als Lokalreporter in Kansas City. 1918\nmeldete er sich im Ersten Weltkrieg freiwillig als Fahrer des \u201eAmerican Field\nService\u201c, eine Art Sanit\u00e4tstransportgruppe, an der norditalienischen und\nfranz\u00f6sisch-deutschen Front, wo er zweimal schwer verwundet und von Kurowsky monatelang\ngesundgepflegt wurde. 1919 kehrte er in die USA zur\u00fcck, begann sich erstmals an\nProsa zu probieren und wurde 1920 erst Mitarbeiter beim <em>Toronto Star<\/em> und dann Polizeireporter in Chicago. Hier lernte er\nseine erste Liebe Hadley kennen und heiratete sie sogleich. Private und\nberufliche Reisen in die Schweiz, nach Italien, Spanien und in den Nahen Osten\nfolgten. <\/p>\n\n\n\n<p>1921 zog er nach Paris und verschrieb sich der Schriftstellerei ganz, wobei er die Bekanntschaft anderer dort lebender Amerikaner machte, darunter F. Scott Fitzgerald, Ezra Pound und Gertrude Stein, die zwei Jahre sp\u00e4ter auch Taufpatin seines ersten Sohns John Hadley Nicanor wurde. Stein und Pound lehrten ihn die Kunst des Weglassens und sahen seine Texte durch. Hemingway revanchierte sich, indem er Steins Arbeiten korrigierte und Pound das Boxen lehrte. Das Jahr 1923 f\u00fchrte ihn erstmals ins spanische Pamplona, der Stadt der Stiertreiberei und des Stierkampfs, der f\u00fcr Hemingway eine besondere Bedeutung hatte, betonte er doch Eleganz, Mut und M\u00e4nnlichkeit. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hemingway-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5773\"\/><figcaption>Geburtshaus in Oak Park. Quelle: Von I, Padraic Ryan, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3511070<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im selben Jahr erschien seine Erstlingsanthologie \u201eThree\nStories and Ten Poems\u201c mit seiner Premierenerz\u00e4hlung \u201eUp in Michigan\u201c (1921).\nWeitere Kurzgeschichten folgten, die gepr\u00e4gt sind von Hemingways hochgelobtem\nStil, auch komplizierte Gef\u00fchlsverzweigungen durch eine einfache Sprache und\nWortwahl zum klaren Ausdruck zu bringen. Viele dieser Shortstories sind heute\nHemingway-Klassiker wie etwa \u201eIndianerlager\u201c, \u201eDer Doktor und seine Frau\u201c oder\n\u201eDas Ende von Etwas\u201c. 1926 erzielte er einen ersten Erfolg mit dem Roman\n\u201eFiesta\u201c, der die \u201eLost Generation\u201c thematisiert, die den ersten Weltkrieg\nmiterlebte. <\/p>\n\n\n\n<p>1927 wurde \u201eM\u00e4nner ohne Frauen\u201c ver\u00f6ffentlicht, 14\nKurzgeschichten, die von Krieg, Sport und dem Mann-Frau-Verh\u00e4ltnis handeln. Er lernt\nPauline Pfeiffer kennen, seine zweite Frau, die er 1927 heiratete, nachdem er\nsich im gleichen Jahr von Hadley hatte scheiden lassen. Nach sechs Jahren\nAufenthalt in Paris, in denen Hemingway den Wandel vom Journalist zum\nSchriftsteller vollzog, ging er mit seiner neuen Ehefrau im Fr\u00fchjahr 1928\nzur\u00fcck in die USA und bezog in Haus in Key West. Mit Patrick und Gregory\nfolgten bis 1931 zwei weitere S\u00f6hne. <\/p>\n\n\n\n<p>Hemingway reiste 1929 abermals nach Spanien und ver\u00f6ffentlichte 1932 den Roman \u201eTod am Nachmittag\u201c, in den seine Leidenschaft f\u00fcr den Stierkampf einfloss. Im selben Jahr nahm er mit seiner Frau erstmals an einer Safari in Afrika teil. 1935 erschien \u201eDie gr\u00fcnen H\u00fcgel von Afrika\u201c, in dem er Erlebnisse und Eindr\u00fccke der Reise verarbeitete, 1936 dann die Kurzgeschichte \u201eSchnee auf dem Kilimandscharo\u201c. Davor hatte er das zw\u00f6lf Meter lange Fischerboot \u201ePilar\u201c gekauft und unternahm Segelt\u00f6rns in der Karibik. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hemingway-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5774\"\/><figcaption>Joris Ivens (links) mit Ernest Hemingway (Mitte) und Ludwig Renn 1937 w\u00e4hrend des Spanischen B\u00fcrgerkriegs. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-84600-0001 \/ Autor unbekannt \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5665527<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1937 ging Hemingway im Auftrag der North American Newspaper\nAlliance NANA erneut nach Spanien und publizierte im Jahr darauf \u201eWem die\nStunde schl\u00e4gt\u201c, in dem er seine Erlebnisse aus dem spanischen B\u00fcrgerkrieg\nverarbeitete und den viele Kritiker als seinen gelungensten Text lobten.\nParallel dazu betrieb er die Scheidung von seiner zweiten Ehefrau Pauline und lebte\nmit seiner dritten Ehefrau, der Journalistin Martha Gellhorn, ab 1939 auf Kuba.\nDas Ehepaar erwarb nahe Havanna das Landgut Finca La Vig\u00eda im sp\u00e4ter\neingemeindeten San Francisco de Paula. Er nahm die \u201ePilar\u201c mit und wurde Stammgast\nin der Bar El Floridita, wo heute eine Bronzestatue von ihm steht und der\nlegend\u00e4re \u201eHemingway\u201c-Cocktail entstand: Ein Daiquiri ohne Zucker, daf\u00fcr mit doppeltem\nRum (\u201ePapa Doble\u201c), erg\u00e4nzt um Grapefruitsaft und Maraschinolik\u00f6r. Auf Kuba\nwird Hemingway heute noch verehrt: Es gibt Museen, Literaturfestivals und\nM\u00fcnzen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeine neue Milde\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1941 wird er vom KGB angeworben, als \u201edilettantischer Spion\u201c\naber rasch wieder fallen gelassen. 1943 begab er sich samt Frau in das\nasiatische Kriegsgebiet des Zweiten Weltkrieges, im Jahr darauf fuhr er allein\nnach Europa und nahm zun\u00e4chst an der Ardennenoffensive als\nKriegsberichterstatter teil. Zeitweilig wechselte er auf die Seite der Aktiven\nund f\u00fchrte in einer umstrittenen Rolle als Kommandeur oder Berater eine kleine\nGruppe von Widerstandsk\u00e4mpfern in Rambouillet. Im August 1944 erlebte er die\nBefreiung von Paris mit und beobachtete als Kriegsreporter im November 1944 die\nSchlacht im H\u00fcrtgenwald. Die grausamen K\u00e4mpfe an der deutschen Westfront bei\nAachen f\u00fchrten bei ihm nicht nur zur Ver\u00e4nderung seines bisher kriegsverherrlichenden\nWeltbilds, sondern auch zu lange andauernden Irritationen bez\u00fcglich seines\nVerh\u00e4ltnisses zur Wehrmacht.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEinmal habe ich einen besonders frechen SS-Kraut umgelegt. Als ich ihm sagte, dass ich ihn t\u00f6ten w\u00fcrde, wenn er nicht seine Fluchtwegsignale rausr\u00fcckte, sagte der Kerl doch: Du wirst mich nicht t\u00f6ten. Weil du Angst davor hast und weil du einer degenerierten Bastardrasse angeh\u00f6rst. Au\u00dferdem verst\u00f6\u00dft es gegen die Genfer Konvention. Du irrst dich, Bruder, sagte ich zu ihm und schoss ihm dreimal schnell in den Bauch, und dann, als er in die Knie ging, schoss ich ihm in den Sch\u00e4del, so dass ihm das Gehirn aus dem Mund kam, oder aus der Nase, glaube ich.\u201c Das schrieb Hemingway am 27. August 1949 seinem Verleger Charles Scribner. \u201eIch t\u00f6te gern\u201c, verlautbarte er und schrieb am 2. Juni 1950, dass er 122 Deutsche get\u00f6tet habe. Eines seiner letzten Opfer sei ein junger, auf einem Fahrrad fl\u00fcchtender Soldat gewesen \u2013 \u201eungef\u00e4hr im Alter meines Sohnes Patrick\u201c. Er habe ihm mit einer M1 von hinten durch das R\u00fcckgrat geschossen. Die Kugel zerfetzte die Leber.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hemingway-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5776\"\/><figcaption>B\u00fcffelj\u00e4ger in Afrika. Quelle: Von unattributed &#8211; Photograph in the Ernest Hemingway Photograph Collection, John F. Kennedy Presidential Library, Boston. JFK Library link, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=11539564<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass er gegen die Genfer Konvention versto\u00dfen hat,\nverschweigen selbst seine Bewunderer nicht. Mit der Zahl und Details\nkonfrontiert, wiegeln sie aber meist ab: Man m\u00fcsse verstehen, es sei Krieg\ngewesen. Hemingway hat zwar immer dick aufgetragen, den Macho demonstriert \u2013\naber was trieb ihn ohne Not zu diesem Eingest\u00e4ndnis? Die Briefe blieben bis\nheute in allen Ausgaben unkommentiert. Obwohl es keinen Zeugen f\u00fcr die 122\nMorde gibt, mit denen er prahlt, sind jedoch nicht wenige Verehrer entsetzt\n\u00fcber den \u201eMassenm\u00f6rder an deutschen Kriegsgefangenen\u201c (Alfred Mechtersheimer):\nDie Stadt Triberg im Schwarzwald setzte daraufhin 2002 ihr Festival \u201eHemingway\nDays\u201c ab. Ein Gutachten der Universit\u00e4t Hamburg von 2008 kommt zu dem Ergebnis,\nes handle sich bei den einschl\u00e4gigen Briefpassagen um \u201efiktionale\u201c Aussagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hemingway f\u00e4llt in eine tiefe Depression; der Kriegsroman,\nden alle von ihm erwarten, wird nie erscheinen. \u201eDie reine Friedensliebe ist\nzwar nicht \u00fcber ihn gekommen, aber eine neue Milde und ein \u00fcberraschender\nSanftmut fallen nach 1945 schon an ihm auf\u201c, konstatiert Wolfgang Stock. Ein\nJahr nach dem Krieg begann Ernest Hemingway die Schreibarbeiten zu dem Romanvorhaben\n\u201eLand, See und Luft\u201c, aus dem insgesamt vier Romane\/Novellen wurden, von denen\ndrei erst posthum erschienen. Er lie\u00df sich von seiner dritten Frau Martha\nscheiden und ging seine vierte Ehe mit Mary Welsh ein, die die Finca nach\nseinem Tod dem kubanischen Staat schenken wird. <\/p>\n\n\n\n<p>1948 begann er einen Italientrip, den er zu einer\nEuropa-Reise ausdehnte. Bei einem Venedig-Aufenthalt lernte er die damals\n18-j\u00e4hrige Adriana Ivancich kennen, die ihn zu dem Roman \u201e\u00dcber den Fluss und in\ndie W\u00e4lder\u201c inspirierte. Die platonische Liebesgeschichte belastete die Ehe des\nSchriftstellers bis in die 1950er Jahre. 1952 erschien \u201eDer alte Mann und das\nMeer\u201c, das sein wohl bekanntestes Werk wurde. Innerhalb von zwei Tagen\nverkaufte sich das Buch f\u00fcnf Millionen Mal \u2013 das letzte, das zu seinen\nLebzeiten erschien. Hemingway wurde 1953 daf\u00fcr mit dem Pulitzer-Preis geehrt\nund 1954 mit dem Nobelpreis. Da er gar nicht gerne redete, erschien er nicht\neinmal zur Verleihung und lie\u00df stattdessen in seinem Namen eine knappe\nDankesrede verlesen, in deren Manuskript es unter anderem hei\u00dft: \u201eEin\nSchriftsteller sollte das, was er zu sagen hat, nicht sagen, sondern\nniederschreiben.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201esoll er aussparen,\nwas ihm klar ist\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Mittelpunkt der Handlung steht der alte kubanische Fischer Santiago, der tagelang bei Wind und Wetter, Nacht und Nebel mit einem riesigen Marlin ringt, den er zwar t\u00f6ten und l\u00e4ngsseits vert\u00e4uen kann, der aber letztlich von Haien verspeist wird, so dass er am Ende mit leeren H\u00e4nden wieder in den Hafen einl\u00e4uft. Einige Interpreten sehen darin hintergr\u00fcndig die Beziehung zwischen Mensch und Gott, die Novelle handle im religi\u00f6sen wie im nicht-religi\u00f6sen Sinne von der Begrenztheit des Menschen \u2013 \u201eMan kann vernichtet werden, aber man darf nicht aufgeben\u201c, ruft Santiago immer wieder sich selbst zu \u2013 und der Allmacht der Natur. Die Novelle wurde mehrfach verfilmt: Bereits 1958 mit Spencer Tracy, 1989 entstand als Neuverfilmung ein Fernsehfilm mit Anthony Quinn. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"754\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hemingway-4-754x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5777\"\/><figcaption>Filmplakat mit Spencer Tracy unter der Regie von John Sturges. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/8bfd3efe-0001-0004-0000-000000639568_w920_r0.735742518351214_fpx49.97_fpy57.32.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p> Vorbild f\u00fcr Santiago war der 2002 mit 104 Jahren gestorbene Fischer Grigorio Fuentes, der f\u00fcr 250 Dollar im Monat und freiem Gin und Whiskey Bootsmann der Pilar wurde: \u201eIch war sein Koch, Seemann, Kapit\u00e4n, Begleiter\u201c, sagte er dem <em>Spiegel<\/em>. Fragte man ihn, warum er das Buch nie gelesen habe, antwortete er nur, er wisse ja, was drinstehe. Nur Kritik an seinem Kapit\u00e4n lie\u00df Fuentes nicht zu. Einmal soll ihn ein argentinischer Fernsehmann gefragt haben, ob Hemingway nicht ein manischer S\u00e4ufer und Frauenheld gewesen sei. Da erz\u00e4hlte Fuentes keine seiner Geschichten, sondern antwortete dem frechen Journalisten mit einem Fausthieb.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Novelle bedeutet sicher den H\u00f6hepunkt seines\nliterarischen Schaffens und zugleich auch den &nbsp;Gipfel seines \u201eEisbergmodells\u201c &#8211; ein\nerz\u00e4hltheoretischer Ansatz des \u201emodernen Klassizismus\u201c, den er in einer\nvielzitierten Passage in \u201eTod am Nachmittag\u201c entwickelte: \u201eWenn ein\nProsaschriftsteller genug davon versteht, wor\u00fcber er schreibt, so soll er\naussparen, was ihm klar ist. Wenn der Schriftsteller nur aufrichtig genug\nschreibt, wird der Leser das Ausgelassene genauso stark empfinden, als h\u00e4tte\nder Autor es zu Papier gebracht. Ein Eisberg bewegt sich darum so anmutig, da\nsich nur ein Achtel von ihm \u00fcber Wasser befindet.\u201c Der eigentliche,\ntiefergehende oder symbolische Bedeutungsgehalt einer kunstvoll aufgebauten\nErz\u00e4hlung liegt demzufolge gr\u00f6\u00dftenteils im Verborgenen und muss vom Leser durch\ndessen eigene Vorstellungskraft oder Erfahrung aktiv erschlossen werden: Der\nSubtext dominiert den Text. \u201eEr ist der Meister des hochdramatischen\nSchweigens, der Erfinder des schreienden Understatements\u201c, befand Marcel\nReich-Ranicki.<\/p>\n\n\n\n<p>Auf den Nobelpreis folgten eine Europareise und eine Afrikasafari mit den beiden Abst\u00fcrzen. Er schreibt ohne Ende und zeigt seine \u201eneue Milde\u201c, indem er das Schicksal seiner angefahrenen Katze \u201eUncle Willie\u201c beklagt. Um sie von ihren Qualen zu erl\u00f6sen, t\u00f6tete Hemingway sie mit einem Kopfschuss &#8211; und war am Boden zerst\u00f6rt: \u201eIch habe Menschen erschie\u00dfen m\u00fcssen, doch nie jemanden, den ich gekannt und elf Jahre lang geliebt habe\u201c, klagte er am 22. Februar 1953 in einem Brief. \u201eNicht jemanden, der schnurrte, mit zwei gebrochenen Beinen.\u201c 1959 reiste er letztmals nach Spanien. In dieser Zeit soll er auch f\u00fcr die CIA t\u00e4tig gewesen sein und die Pilar mit einem Maschinengewehr und Handgranaten sowie einem Feuerl\u00f6scher voll Sprengstoff ausgestattet haben. \u201eMein Vater\u201c, sagte Patrick Hemingway dem <em>Spiegel<\/em>, \u201ewollte eben ein bisschen Krieg spielen \u2026 Bis zu seinem Ende tr\u00e4umte er von der R\u00fcckkehr auf die Insel, die er gegen Deutschlands U-Boote zu sch\u00fctzen versucht hatte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hemingway-5-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5778\"\/><figcaption>Der Hemingway-Daiquiri, Quelle: https:\/\/noseychef.com\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/hemingwaydaiquiri.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Da sich Hemingways Gesundheitszustand Ende der 1950er Jahre\nzusehends verschlechterte und die Beziehungen zwischen Kuba und den USA nach\nder kubanischen Revolution ebenfalls zerr\u00fcttet waren, entschied das Ehepaar,\nwegen der besseren Behandlungsm\u00f6glichkeiten in die USA zur\u00fcckzukehren. 1959\nerwarb Hemingway ein Landhaus in Ketchum in den Ausl\u00e4ufern der Rocky Mountains.\n1960 litt Hemingway mehrfach wieder an Depressionen, weshalb er in eine Klinik\nkam und mittels Elektroschock-Therapie behandelt wurde. 1961 unternahm er\nbereits mehrere Selbstmordversuche, bevor er ernst machte \u2013 wie \u00fcbrigens sein\nVater 1928 auch, wie seine Schwester Ursula und sein Bruder Leicester. 35 Jahre\nnach Ernest nahm sich als F\u00fcnfte seine Enkelin Margaux, Schauspielerin und\nFotomodell, ebenfalls das Leben. Mediziner vermuten eine bipolare St\u00f6rung in\nder Familie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAngst vor dem\nNichts\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach seinem Tod wurden zahlreiche Manuskripte aus seinem\nNachlass ver\u00f6ffentlicht, darunter \u201eInseln im Strom\u201c (1970) und \u201eDer Garten Eden\u201c\n(1986). Sein Buch \u201eDie Wahrheit im Morgenlicht\u201c, in dem Hemingway seine letzte\nSafari in Kenia beschreibt, die er 1953 in Begleitung seiner vierten Frau und\nseines Sohnes Patrick unternahm, wurde erst 1999 publiziert. Das Buch \u201eParis \u2013\nEin Fest f\u00fcrs Leben\u201c (1964) ist nach den Anschl\u00e4gen vom 13. November 2015, bei\ndenen in Frankreich 130 Menschen get\u00f6tet wurden, pl\u00f6tzlich zum Bestseller und\nzum Symbol geworden: T\u00e4glich sollen es bis zu 500 Ausgaben sein, die \u00fcber den\nLadentisch gehen &#8211; vorher waren es laut \u201eLe Figaro\u201c zehn am Tag. Mitausl\u00f6ser\nf\u00fcr den Hemingway-Boom war ein TV-Beitrag des franz\u00f6sischen Fernsehsenders\nBFMTV, in dem eine Frau die Lage in Paris reflektierte und dabei das Buch\nerw\u00e4hnte. \u201eEs ist sehr wichtig, \u201aParis &#8211; ein Fest f\u00fcrs Leben\u2018 von Hemingway\nmehrmals zu lesen, denn wir sind eine sehr alte Zivilisation und wir tragen\nunsere Werte sehr stolz\u201c, sagte die 77-J\u00e4hrige kurz nach den Anschl\u00e4gen \u2013 der\nAutor berichtet ganz einfach von seinen Pariser Erlebnissen 1921 &#8211; 1926.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinem Leben widmeten sich mindestens acht Dokumentationen und Theaterst\u00fccke, darunter 1996 \u201eIn Love and War\u201c mit Chris O\u2019Donnell und Sandra Bullock oder 1999 \u201eHemingway Adventure\u201c vom \u201eMonthy Python\u201c Michael Palin. \u201eZeitweise scheint ihm seine perfekte Selbstinszenierung wichtiger gewesen zu sein als seine Prosa\u201c, befindet Reich-Ranicki in der <em>FAZ<\/em>. \u201eAuf der Suche nach der Einheit von Wort und Tat schreckte er vor keinerlei Konsequenzen zur\u00fcck, kein Risiko war ihm zu gro\u00df, um die Synthese von Leben und Literatur zu verwirklichen. Wie dieser Odysseus sein eigener Homer wurde, so wollte dieser Homer um jeden Preis sein eigener Odysseus sein. Er hat zun\u00e4chst erz\u00e4hlt, was er erlebt hat, w\u00e4hrend er sp\u00e4ter zu erleben bem\u00fcht war, was er erz\u00e4hlen wollte.\u201c Seit 1980 richtet die Hemingway Look-Alike Society einen Wettbewerb in Key West aus, auf dem der Mann gesucht wird, der Ernest Hemingway am \u00e4hnlichsten sieht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hemingway-6-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5779\"\/><figcaption>Doppelg\u00e4nger-Wettbewerb 2008. Quelle: https:\/\/www.fr.de\/bilder\/2008\/07\/17\/11603317\/2055498056-896955-Qea.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die besondere Aussage der Werke Hemingways l\u00e4ge in der\nSymbolkraft der Natur, meint Lederer. Im Schutz der B\u00e4ume, in der Macht\ngewaltiger Berge, in der Tiefe der T\u00e4ler und der Unendlichkeit des Meeres\nfindet der Hemingway-Protagonist Zuflucht. Die Natur und ihre Gewalten deuten\nihm seinen Weg, wenn der Autor es regnen und st\u00fcrmen l\u00e4sst, wenn die Sonne\nbrennt und der Schnee f\u00e4llt: \u201eDie Natur ist oft das Letzte, worauf sich der\nMensch bei Hemingway verlassen kann, und oft auch das Einzige, mit dem zu\nkommunizieren sich f\u00fcr ihn lohnt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Bei Hemingway findet jeder seinen Frieden in der Natur &#8211; aber\nnur so lange, wie er auch mit ihr allein ist. Denn es ist die Menschheit, die\neinen immer wieder aufmerksam macht auf die eigenen Schw\u00e4chen. Gelingt es\nnicht, den Konflikt zu bew\u00e4ltigen, dann steht am Ende aller Schw\u00e4chen der Tod.\nDer Mensch als intelligentes Wesen besitzt dann, gegen\u00fcber der Natur, das\nPrivileg, ihn selbst eintreten zu lassen. Diese Freiheit hat Ernest Hemingway\nsich genommen, bilanziert Lederer: \u201eGr\u00f6\u00dfer als die Angst vor dem Nichts war die\nAngst, diesen Moment nicht selbst bestimmen zu k\u00f6nnen\u201c. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Nobelpreistr\u00e4ger \u00fcberlebte zwei Flugzeugabst\u00fcrze, heiratete vier Frauen und gilt als einer der meistgelesenen Autoren des 20. Jahrhunderts: Ernest Hemingway. Vor 60 Jahren erschoss er sich.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5770"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5770"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5770\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5780,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5770\/revisions\/5780"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5770"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5770"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}