{"id":5796,"date":"2021-08-30T06:55:46","date_gmt":"2021-08-30T05:55:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5796"},"modified":"2021-06-25T13:56:07","modified_gmt":"2021-06-25T12:56:07","slug":"reichskanzler-der-physik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5796","title":{"rendered":"\u201eReichskanzler der Physik\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er war einer der einflussreichsten Naturwissenschaftler seiner\nZeit und wurde in Anspielung auf seinen Zeitgenossen Bismarck auch als\n\u201eReichskanzler der Physik\u201c bezeichnet. Dreimal gab es Initiativen, ihn zum\nPaten einer Ma\u00dfeinheit zu machen. So unterbreitete 1939 der NS-Bund Deutscher\nTechnik Hitler den Vorschlag, f\u00fcr die Einheit der Frequenz unter Beibehaltung\nder Abk\u00fcrzung Hz ihn statt Hertz zu verwenden, da dieser j\u00fcdischer Abstammung\nsei. Der Vorschlag wurde nicht verwirklicht.&nbsp;\nDrei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter sollte die physikalische Einheit f\u00fcr das\nelektrische Doppelschichtmoment nach ihm benannt werden \u2013 ebenso erfolglos. \u00dcbrig\nblieb die Bezeichnung musikalischer Tonsymbole mit Kommata vor oder Apostrophen\nnach den Buchstaben wie \u201ea\u2019\u201c f\u00fcr den Kammerton, die nach ihm \u201eHelmholtz-Schreibweise\u201c\ngenannt wird: &nbsp;Hermann Helmholtz, der am\n31. August 1821 in Potsdam als \u00e4ltester Sohn eines Gymnasial-Oberlehrers\ngeboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinem j\u00fcngeren Bruder Otto, der Ingenieur wurde, zeitlebens eng verbunden, besuchte Hermann zun\u00e4chst das Gymnasium \u201eGro\u00dfe Stadtschule\u201c, an dem sein Vater als Direktor t\u00e4tig war und von dem er schon zuvor in Philosophie sowie alten und neuen Sprachen unterrichtet worden war. Schon als 17j\u00e4hriger hatte er gro\u00dfes Interesse an Physik, doch, wie alle Naturwissenschaften galt die als brotlose Kunst. Daher studierte Helmholtz ab 1838 Medizin am Medizinisch-chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin, wo er 1842 mit einer Arbeit in mikroskopischer Anatomie promoviert wurde. Schon fr\u00fch engagierte er sich daf\u00fcr, die Physiologie auf eine streng naturwissenschaftliche Grundlage zu stellen und die omin\u00f6se \u201eLebenskraft\u201c als Erkl\u00e4rungsmodell f\u00fcr physiologische Vorg\u00e4nge zu verbannen. Bereits in diesem Jahr wies er den Ursprung der Nervenfasern aus Ganglienzellen nach.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"338\" height=\"440\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hermann_von_Helmholtz.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5797\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hermann_von_Helmholtz.jpg 338w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hermann_von_Helmholtz-230x300.jpg 230w\" sizes=\"(max-width: 338px) 100vw, 338px\" \/><figcaption> Hermann von Helmholtz. Quelle: Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=74569<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Obwohl er ein \u00fcberdurchschnittlicher Absolvent war, deutete\nzun\u00e4chst nichts auf eine akademische Karriere hin. Er arbeitete ein Jahr lang\nals Unterarzt an der Charit\u00e9 und diente ab 1843 in Potsdam als Milit\u00e4rarzt. Seine\nAusbildung setzte er w\u00e4hrend dieser Zeit fort. Anerkennung in gro\u00dfem Stil\nverschaffte sich Helmholtz erstmals 1847 mit seiner Arbeit \u201e\u00fcber die Konstanz\nder Kraft\u201c. Durch physiologische Untersuchungen \u00fcber G\u00e4rung, F\u00e4ulnis und die\nW\u00e4rmeproduktion der Lebewesen, die er haupts\u00e4chlich auf Muskelarbeit\nzur\u00fcckf\u00fchrte, gelangte er zur Ausformulierung des Energieerhaltungssatzes, also\neines elementaren Gesetzes der Physik. Mit dieser Leistung ebnete sich\nHelmholtz im fr\u00fchen Alter von 26 Jahren den Weg f\u00fcr seine wissenschaftliche\nKarriere. 1848 wurde er auf Empfehlung Alexander von Humboldts vorzeitig\nentlassen und unterrichtete Anatomie an der Berliner Kunstakademie.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Natur-\nkontra Geisteswissenschaften<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 26. August 1849 heiratete er Olga von Velten und erhielt einen\nRuf als Professor der Physiologie und Pathologie nach K\u00f6nigsberg, wo er sich\nvor allem mit der Physiologie von Auge und Ohr auseinandersetzte. In dieser\nZeit gelang ihm seine bedeutendste Erfindung: Mit dem Augenspiegel machte\nHelmholtz erstmals die Netzhaut des menschlichen Auges sichtbar. Zudem verhalf\ner der von Thomas Young aufgestellten Dreifarbentheorie des Sehens zum\nDurchbruch: Sie beschreibt die drei Prim\u00e4rfarben Rot, Gr\u00fcn und Blau, aus denen\nman jede beliebige andere Farbe mischen kann &#8211; auch heute noch das\nFunktionsprinzip aller Farbfernsehbildschirme und Farbmonitore. Analog dazu\nvermutete er, dass es auch im Auge drei Typen von Rezeptoren gibt. Er erfand\n1850 das Ophthalmoskop (Augenspiegel) zur Untersuchung des Augenhintergrundes,\n1851 das Ophthalmometer zur Bestimmung der Kr\u00fcmmungsradien der Augenhornhaut\nsowie 1857 das Telestereoskop. 1852 gelang ihm au\u00dferdem die Messung der\nFortpflanzungsgeschwindigkeit von Nervenerregungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine tuberkulosekranke Frau vertrug jedoch das raue Klima in Ostpreu\u00dfen nicht. Unter Vermittlung von Alexander von Humboldt zog Helmholtz im Jahr 1855 nach Bonn, um dort den vakanten Lehrstuhl f\u00fcr Physiologie anzunehmen. Ab 1858 nahm Helmholtz eine gut bezahlte Professur in Heidelberg an. Im Dezember 1859 starb seine Frau Olga, die ihn mit zwei kleinen Kindern zur\u00fccklie\u00df. Am 16. Mai 1861 heiratete Helmholtz seine zweite Frau Anna von Mohl. Aus beiden Ehen gingen insgesamt f\u00fcnf Kinder hervor: Drei S\u00f6hne und zwei T\u00f6chter, darunter der Eisenbahnkonstrukteur Richard von Helmholtz und Ellen von Siemens-Helmholtz, Ehefrau des Industriellen Arnold von Siemens. Bis 1870 wird er als erster Inhaber eines Physiologielehrstuhls an der Universit\u00e4t Heidelberg lehren, darunter mit Wilhelm Wundt als Assistent, sowie zeitweise als Rektor fungieren. In seiner noch heute aktuellen Rektoratsrede 1862 hatte er erstmals \u201eNaturwissenschaften\u201c und \u201eGeisteswissenschaften\u201c gegen\u00fcbergestellt und die Sch\u00e4den durch die Vernachl\u00e4ssigung rationaler naturwissenschaftlicher Schulbildung aufgezeigt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"641\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hermann_von_Helmholtz-1-1024x641.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5798\"\/><figcaption> Deutsche Sonderbriefmarke 1994 mit Helmholtz-Portr\u00e4t, menschlichem Auge und Farbdreieck. Quelle: Von Deutsche Bundespost &#8211; scanned by NobbiP, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=12731216 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er entwickelte eine mathematische Theorie zur Erkl\u00e4rung der\nKlangfarbe durch Obert\u00f6ne, die Resonanztheorie des H\u00f6rens, und darauf basierend\n\u201eDie Lehre von den Tonempfindungen als physiologische Grundlage f\u00fcr die Theorie\nder Musik\u201c (1863). Mit der Aufstellung der Wirbels\u00e4tze (1858 und 1868) \u00fcber das\nVerhalten und die Bewegung von Wirbeln in reibungsfreien Fl\u00fcssigkeiten,\nlieferte Helmholtz wichtige Grundlagen der Hydrodynamik. 1858 wurde Hermann von\nHelmholtz zum korrespondierenden und 1870 zum ausw\u00e4rtigen Mitglied der\nBayerischen Akademie der Wissenschaften gew\u00e4hlt. 1871 verzichtet er auf eine\nBerufung in Cambridge und kehrt schlie\u00dflich nach Berlin zur\u00fcck, wo er den sehr\ngut dotierten Lehrstuhl f\u00fcr Physik \u00fcbernahm und zeitweise wiederum als Rektor\nwirkte. Mathematisch ausgearbeitete Untersuchungen \u00fcber Naturph\u00e4nomene wie Wirbelst\u00fcrme,\nGewitter oder Gletscher machten Helmholtz zum Begr\u00fcnder der wissenschaftlichen\nMeteorologie: Nur \u201edie Mangelhaftigkeit unseres Wissens und die\nSchwerf\u00e4lligkeit unseres Kombinationsverm\u00f6gens\u201c lie\u00dfen uns von der \u201ewildesten\nLaunenhaftigkeit des Wetters\u201c sprechen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eer sich\nebenso langweilte wie wir\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Mit seinen Vorlesungen hatte er wenig Erfolg: \u201eWir hatten das Gef\u00fchl, dass er sich selber mindestens ebenso langweilte wie wir\u201c, berichtet\u00a0Max Planck. Als Sch\u00fcler hatte er eigentlich nur den ihm kongenialen Heinrich Hertz von 1879-83, der auch 1880 bei\u00a0ihm promovierte. Zu den herausragenden sp\u00e4ten Leistungen z\u00e4hlen die drei Abhandlungen \u00fcber die \u201eThermodynamik chemischer Vorg\u00e4nge\u201c (1882\/1883). Hier wandte Helmholtz die Haupts\u00e4tze der Thermodynamik auf die Elektrochemie an und f\u00fchrte den Begriff der \u201efreien Energie\u201c ein. Die Weite seines systematischen Denkens und seiner Interessen belegen seine erkenntnistheoretischen Arbeiten. Zu ihnen ist die auch auf die Wissenschaftsgeschichte eingehende Behandlung der Allgemeing\u00fcltigkeit des urspr\u00fcnglich auf mechanische Bewegungsvorg\u00e4nge beschr\u00e4nkten \u201ePrinzips der kleinsten Wirkung\u201c (1886) zu rechnen, die er durch \u201eDas Prinzip der kleinsten Wirkung in der Elektrodynamik\u201c (1892) abschlie\u00dft.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"648\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/Hermann_von_Helmholtz-2-648x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5800\"\/><figcaption>Statue vor der Humboldt-Uni Berlin. Quelle: Von Christian Wolf (www.c-w-design.de), Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=43131406<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1886 entschlie\u00dft er sich zur\nAufgabe der Leitung des Institutes, nachdem er seinen theoretischen\nUntersuchungen zuliebe schon einige Jahre auf experimentelle Arbeiten\nverzichtet hat. Mit der Gr\u00fcndung der Physikalisch-Technischen Reichsanstalt, die\ner 1887 zusammen mit Werner von Siemens ins Leben rief, vollendete er seine\nwissenschaftliche Karriere. Bis zu seinem Tod war er Pr\u00e4sident der\nReichsanstalt, die noch heute als Physikalisch Technische Bundesanstalt die\nWissenschaft der exakten Messtechnik vorantreibt.<\/p>\n\n\n\n<p>Viele Schicksalsschl\u00e4ge verd\u00fcsterten sein Leben in der letzten\nPhase, so der Tod seines Sohnes Robert und der seines Freundes Werner von\nSiemens. Im Sommer 1893 besuchte er die Weltausstellung in Chicago und\nverletzte sich auf der R\u00fcckreise schwer bei einem Ohnmachtsanfall. Am 8.\nSeptember 1894 starb Helmholtz an einem zweiten Schlaganfall. Er fand seine\nletzte Ruhe auf dem Friedhof Wannsee; sein Grab ist seit 1967 als Ehrengrab der\nStadt Berlin gewidmet. Der enorme Erkenntniszuwachs, den er im 19. Jahrhundert\ngeschaffen hatte, wurde bald schon durch die Entdeckung der R\u00f6ntgenstrahlung\nsowie der Radioaktivit\u00e4t und durch Albert Einstein Formulierung der\nRelativit\u00e4tstheorie \u00fcberholt, welche die Physik revolutionierten. Nach ihm sind\nnicht nur seit 1995 die Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren, Schulen,\nPl\u00e4tze sowie die Helmholtz-Medaille der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr Akustik\nbenannt, sondern auch Mond- und Marskrater sowie ein Asteroid. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er erarbeitete den Energieerhaltungssatz, die Dreifarbentheorie des Sehens und begr\u00fcndete die wissenschaftliche Meteorologie: Hermann Helmholtz. Vor 200 Jahren kam er zur Welt. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[6,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5796"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5796"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5796\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5801,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5796\/revisions\/5801"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5796"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5796"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}