{"id":5825,"date":"2021-09-22T07:02:47","date_gmt":"2021-09-22T06:02:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5825"},"modified":"2021-08-31T11:28:50","modified_gmt":"2021-08-31T10:28:50","slug":"so-wahr-ich-der-liebe-gott-bin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5825","title":{"rendered":"\u201eSo wahr ich der liebe Gott bin\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Sein Rollenfach sei der Draufg\u00e4nger, ob als Offizier,\nReporter oder M\u00f6belpacker, \u201eein Anarchist des Alltags, ein Desperado, der auf\nkeine andere Fahne schw\u00f6rt als auf den frechen Wimpel der eigenen\nUnwiderstehlichkeit\u201c, wie Hans-Christoph Blumenberg urteilt. Ein anderer Kritiker\nnennt ihn \u201eden Troubadour des 20. Jahrhunderts\u201c, etwas farblos zwar, \u201eaber von\ngewinnender seelischer Blondheit\u201c. Selbst Udo Lindenberg bekennt sich in seinem\nBuch \u201eEl Panico\u201c als Verehrer des \u201eBreitwantologen\u201c, der eins seiner gr\u00f6\u00dften\nVorbilder gewesen sei: Er \u201eguckte nach oben und kriegte deshalb das ber\u00fchmte\nSahneauge, diesen unkopierbaren Geilblick. Irgendwie war der auch nicht so ganz\nvon dieser Welt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Als er im Fr\u00fchjahr 1943 seine Berliner Hotelsuite f\u00fcr den\nK\u00f6nig von Bulgarien r\u00e4umen sollte, weigerte er sich \u2013 mit der Bemerkung, er sei\nselbst ein K\u00f6nig. So eine Tollk\u00fchnheit h\u00e4tte andere sofort den Kopf gekostet.\nSie zeugt von Systemverachtung ebenso wie von Selbstverliebtheit, wie\nSchauspielkollege Fritz Kortner nach dem Krieg betonte: Er habe aus Gespr\u00e4chen\nmit ihm erkannt, \u201edass sich seine Abneigung gegen den Diktator Hitler auch auf\nden Publikumsliebling Hitler bezog. Er fand sich von ihm auch auf diesem Gebiet\nin den Schatten gestellt.\u201c Gern sagt er \u201eSo wahr ich der liebe Gott bin\u201c,\nerscheint wie eine Lichtgestalt am Set und begr\u00fc\u00dft lautstark alle Anwesenden,\ndie den Gru\u00df im Chor erwidern: Hans Philipp August Albers, der am 22. September\n1891 in Hamburg als Sohn eines Schlachtermeisters geboren wurde und als\n\u201eblonder Hans\u201c zum Volksidol wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Vier T\u00f6chter und ein Sohn bev\u00f6lkern das Haus schon; sowohl die Schwestern als auch die Mutter sollten ihn lebenslang verh\u00e4tscheln. Schon als Kind entdeckt er das Theater: Das Hansa-Variet\u00e9 am Steindamm, wo er lernt, was Applaus ist, und wo er Otto Reutter erlebt. In der Schule hat er kein Gl\u00fcck: Von der Uhlenhorster Oberrealschule wurde er nach einem t\u00e4tlichen Konflikt mit einem pr\u00fcgelnden Lehrer als Quartaner verwiesen; \u00e4hnliches erlebte er in der St. Georgs-Realschule. Mehr Anerkennung fand Albers als begeisterter Jungsportler im Schwimmklub Alster. Dort schrubbt er Ausflugsboote, um sich seine wachsende Theaterleidenschaft zu finanzieren. Er ist 14, als er anf\u00e4ngt, die Tapete seines Zimmers mit seinem Namenszug vollzukritzeln: Als \u00dcbung, wie die Unterschrift eines Stars aussehen m\u00fcsste. Denn da wei\u00df er schon, dass er Schauspieler werden muss. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"673\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-4-1024x673.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5828\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-4.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-4-300x197.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-4-768x505.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Hans Albers. https:\/\/www.stuttgarter-nachrichten.de\/media.media.e48a9150-222f-4cfd-9701-becf87be4baf.original1024.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als Lehrling in einer Chemikalienhandlung nimmt er heimlich\nSchauspielunterricht. Der Vater, keineswegs begeistert, verbannt ihn nach\nFrankfurt. Dort steht Hans Albers, tags\u00fcber Kommis in einer Seidenfirma, 1911\nals Bedienter in Kleists \u201eDer zerbrochene Krug\u201c zum ersten Mal auf einer B\u00fchne.\nErfahrungen als Darsteller sammelte er dann am Theater des s\u00e4chsischen Kurorts\nBad Schandau, anschlie\u00dfend am Frankfurter \u201eNeuen Theater\u201c und am Stadttheater\nG\u00fcstrow sowie bei einer mecklenburgischen Wanderb\u00fchne und einem\nVaudeville-Theater in K\u00f6ln. 1913 wird er erstmals in Hamburg engagiert, 1915\nerhielt er in \u201eJahreszeiten des Lebens\u201c seine erste Stummfilmrolle. Bekannt bis\nheute ist er als Protagonist in \u201eDer b\u00f6se Geist Lumpaci Vagabundus\u201c nach der\nZauberposse von Johann Nestroy (1922). Zur Armee eingezogen, wurde er als\nSoldat im Ersten Weltkrieg an der Westfront schwer verwundet und entging nur\nknapp einer Beinamputation.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201evom Kronleuchter\nrunter springen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem 1. Weltkrieg spielte Albers an verschiedenen\nBerliner Theatern und trat in Revuen und Operetten als Schauspieler, S\u00e4nger,\nT\u00e4nzer, Komiker und Artist auf. Er ist ein Kraftprotz, f\u00fcr keinen Gag, kein\nakrobatisches Kunstst\u00fcck ist er sich zu schade: \u201eSo schnell siegt man ja nicht\n\u2026 tausend nackte Beine, da musste ich dann vom Kronleuchter runter springen,\nund da habe ich die harte Schule des t\u00e4glichen Theaterspielens durchgemacht.\u201c \u201eHinrei\u00dfend\nleuchtet dieser Mensch von innerer, mutwilliger Freude, scheint zu jeglicher\nTollheit bereit, scheint zu allem f\u00e4hig, was fr\u00f6hlich, \u00fcbersch\u00e4umend und dabei\nleise selbstparodistisch ist\u201c, formuliert es Bambi-Erfinder Felix Salten. Claire\nDux, Primadonna der Hofoper, verliebt sich in den neun Jahre j\u00fcngeren\nSchauspieler, l\u00e4sst sich f\u00fcr ihn scheiden &#8211; und heiratet doch einen Fleischkonserven-Million\u00e4r\nin den USA. <\/p>\n\n\n\n<p>1928 gelang ihm dann ein gro\u00dfer Erfolg als \u201eseri\u00f6ser\u201c Charaktermime, nachdem er als schurkischer Kellner Gustav Tunichtgut in dem St\u00fcck \u201eDie Verbrecher\u201c besetzt wurde. Albers erntete gl\u00e4nzende Kritiken: \u201eEs war eine Sternstunde des Theaters. Albers ist kein Durchschnittsmime, sondern ein Vollblutk\u00fcnstler.\u201c Die drei Jahre danach verschafften ihm dann den Durchbruch. Nach \u00fcber hundert Stummfilmrollen als charmanter Herzensbrecher, Liebhaber, Schurke, Zuh\u00e4lter, skrupelloser Verf\u00fchrer oder Mann von Welt spielte er 1929 als fast Vierzigj\u00e4hriger in einem der ersten deutschen Tonfilme \u201eDie Nacht geh\u00f6rt uns\u201c. \u201eIch bin ja der gr\u00f6\u00dfte Schauspieler der Welt! Du, ich kann ja wirklich was! Die Sache hat ja hingehauen\u201c: Diese Jubelworte soll Albers ausgerufen haben, als er den Film zu Gesicht bekam. Er war einer der wenigen, die den \u00dcbergang vom Stummfilm zum Tonfilm \u00fcberstanden, da er Mimik und Sprache in gleichem Ma\u00dfe beherrschte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"539\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-5.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5829\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-5.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-5-300x202.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-5-768x517.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>Hans Albers in seiner Lieblings- und Paraderolle als Liliom. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 183-V20141-0043 \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5437654 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Obwohl Hans Albers in vielen Filmen gef\u00e4hrliche Szenen drehen\nwird, lie\u00df er sich nie doubeln. Er war sportlich durchtrainiert und hielt\nnichts davon, andere die Risiken seiner Arbeit tragen zu lassen. Eine Haltung,\ndie in gewissem Sinne typisch f\u00fcr sein Leben war. 1930 folgte der legend\u00e4r\ngewordene \u201eBlaue Engel\u201c nach dem Roman \u201eProfessor Unrat\u201c von Heinrich Mann \u2013\nobwohl Hauptdarsteller Emil Jannings daf\u00fcr sorgte, dass entscheidende Szenen\nmit Albers aus der fertigen Fassung herausgeschnitten wurden. Im gleichen Jahr\nkam der Krimi \u201eDer Greifer\u201c in die Lichtspielh\u00e4user &#8211; knapp drei Jahrzehnte\nsollte Albers diese Figur, allerdings nun als pensionierter Kripo-Kommissar, in\neinem Remake spielen. Und 1931 schlie\u00dflich stellt die Titelrolle als\nKarussell-Ausrufer in Franz Molnars \u201eLiliom\u201c an der Berliner Volksb\u00fchne den\nH\u00f6hepunkt seiner B\u00fchnenkarriere dar \u2013 \u00fcber 1.800 Mal wird er ihn zeitlebens\nspielen: \u201eKomm auf die Schaukel, Luise!\/ Es ist ein gro\u00dfes Plaisir. \/ Du f\u00fchlst\nDich wie im Paradiese \/ und zahlst nur \u2018nen Groschen daf\u00fcr.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Mit \u201eF.P. 1 antwortet nicht\u201c feiert Albers 1932 seinen\nersten gro\u00dfen Filmerfolg, der dazugeh\u00f6rige Filmsong \u201eDas Fliegerlied\u201c (\u201eFlieger,\ngr\u00fc\u00df mir die Sonne\u201c) wird ein popul\u00e4rer Schlager \u2013 wie viele weitere Filmsongs,\ndarunter \u201eJawoll, meine Herr\u2019n\u201c aus der Kriminalkom\u00f6die \u201eDer Mann, der Sherlock\nHolmes war\u201c gemeinsam mit Heinz R\u00fchmann (1937). Als Josef Goebbels den\ndeutschen Film \u201ereformiert\u201c und der Prototyp des Optimismus in den Dienst der\nNazi-Propagandamaschinerie ger\u00e4t, werden Filme und Rollen strammer. Die\nToupets, die er seit zehn Jahren tragen muss, sitzen inzwischen perfekt. \u201eJeder\nZoll ein Nazif\u00fchrer\u201c, urteilt der Philosoph Ernst Bloch 1934 im Exil; \u201eAlbers,\nwas f\u00fcr ein ekelhafter Bursche\u201c, schimpft der ebenfalls geflohene\nSchriftsteller Klaus Mann, \u201edasselbe Volk, das den Autor von \u201aMein Kampf\u2018 zu\nseinem F\u00fchrer, zu seinem Gott gemacht hat, quietscht vor Wonne, wenn Albers,\nder Unausstehlich-Unwiderstehliche, seine rohen Kunstst\u00fccke zeigt.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eich finde alles ganz\ngro\u00dfartig\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eSeine Augen leuchten wie Jupiterlampen, der eisblaue Blick duldet keinen Widerspruch\u201c, meint Emanuel Eckardt in der <em>Zeit<\/em>. Es ist wahr: Der Reichsminister f\u00fcr Volksaufkl\u00e4rung und Propaganda ist von dem \u201eTeufelskerl\u201c fasziniert. Sch\u00fctzend h\u00e4lt er seine Hand \u00fcber ihn. Albers macht sich nie viele Gedanken dar\u00fcber, welche Wirkungen seine Filme und sein pers\u00f6nliches klassisch-deutsches Aussehen aus\u00fcben; als Star wird er verwendbar: Gustav Ucickys \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c (1933), Johannes Meyers \u201eHenker, Frauen und Soldaten\u201c (1935), Herbert Selpins \u201eWasser f\u00fcr Canitoga\u201c (1939), \u201eTrenck, der Pandur\u201c (1940) und \u201eCarl Peters\u201c (1941) geh\u00f6ren zu den sch\u00e4rfsten Propagandafilmen. Das Dubiose dabei: Albers meidet offizielle Veranstaltungen. Bei der Verleihung des Staatspreises f\u00fcr \u201eFl\u00fcchtlinge\u201c l\u00e4sst er sich vertreten \u2013 ein Affront. Es gibt kein Foto, das ihn mit einer Nazigr\u00f6\u00dfe zeigt; anders als die meisten seiner Kollegen erh\u00e4lt er nie ein signiertes Bild des \u201eF\u00fchrers\u201c: Hans Albers verachtet das System, das ihn auf H\u00e4nden tr\u00e4gt, zum \u201eGottbegnadeten\u201c macht und unvorstellbare Gagen zahlt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"635\" height=\"357\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5830\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-6.jpg 635w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-6-300x169.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 635px) 100vw, 635px\" \/><figcaption>Albers als M\u00fcnchhausen. Quelle: https:\/\/srv.deutschlandradio.de\/media\/thumbs\/8\/839140a2f4018a03982e6e2f35028996v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=321a25<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er zieht sich zur\u00fcck, kauft in Garatshausen am Starnberger\nSee ein pr\u00e4chtiges Anwesen, z\u00fcchtet Rosen und weigert sich, der\nReichsfilmkammer beizutreten, was f\u00fcr Schauspieler Pflicht ist. Als sein Pass\ngesperrt wird und f\u00e4llige Gagennachzahlungen einbehalten werden, wird Albers\nProblem namhaft: Es hei\u00dft \u201eHansi, \u201anichtarisch\u2018\u201c \u2013 mit der Tochter seines\nMentors Eugen Burg ist er seit 1925 liiert. Er arrangiert eine Scheinehe mit dem\nNorweger Erich Blydt, doch Hansi wird der Druck zu gro\u00df. 1939 nutzt sie einen\nUrlaub in der Schweiz, um sich nach London abzusetzen. Hans Albers bleibt und\ntr\u00e4gt damit zur Befriedung und Moral der \u201eHeimatfront\u201c bei. Er ist bald\nf\u00fcnfzig, spricht kein Englisch und ist im Ausland kaum bekannt. Au\u00dferdem hat er\ngut zu tun, obwohl er, um sich dem nationalsozialistischen System so weit wie\nm\u00f6glich zu entziehen, bis 1945 nicht mehr Theater spielt.<\/p>\n\n\n\n<p>Albers trinkt mehr und mehr, vor allem Cognac, schwankt aber\nnie, sondern redet frei von der Leber weg: \u201eKinder, ich finde alles ganz\ngro\u00dfartig, nur zwei Sachen m\u00fcssten anders sein. Einmal m\u00fcsste meine Hansi hier\nsein, denn die hat heute nur noch arisches Blut, nachdem ich jahrelang mit ihr\nzusammen war. Und dann reden Rundfunk und Zeitungen seit Jahren dauernd von\nHindenburg und Hitler, da geh\u00f6re ich doch dazu, mein Name ist schlie\u00dflich genauso\nbekannt.\u201c \u201eAlbers ist gewisserma\u00dfen ein ins Filmische transportierter\nNationalsozialismus, die bewusste Flucht aus dem pessimistisch gef\u00e4rbten,\npomadigen Opportunit\u00e4tsdusel des Alltags\u201c, schreibt ein anonymer v\u00f6lkischer\nFilmbeobachter. Denn den Hans lieben sie alle, auch und gerade in den roten\nArbeitervierteln. Albers-Premieren, die jetzt im Abstand von wenigen Monaten\nstattfinden, gehen nie ohne hysterische Tumulte, ohne einen schier rauschhaften\nJubel ab.<\/p>\n\n\n\n<p>In dem Farbfilm \u201eM\u00fcnchhausen\u201c, dessen Drehbuch Erich K\u00e4stner wegen Schreibverbots unter dem Pseudonym \u201eBerthold B\u00fcrger\u201c verfasst hat, kann Albers 1943 als L\u00fcgenbaron nochmals seine schauspielerischen F\u00e4higkeiten beweisen. 6,6 Millionen Reichsmark wird der Streifen am Ende kosten. Die Premierenfeier, einen Monat nach Stalingrad, findet ohne Albers statt, der schon seinen n\u00e4chsten Farbfilm \u201eGro\u00dfe Freiheit Nr. 7\u201c dreht &#8211; seinen gr\u00f6\u00dften und zugleich merkw\u00fcrdigsten Film, ein Meisterwerk. Eigentlich will die Marine ein Denkmal f\u00fcr ihre Heroen. Aber Regisseur Helmut K\u00e4utner macht die Sehnsucht nach der Seefahrt zum Thema und das Leben auf St. Pauli. Die Helden sind betrunken, die deutsche Frau raucht und ist \u00fcberhaupt sehr selbstbewusst, nicht zuletzt in ihrer Partnerwahl. Viele Szenen m\u00fcssen Studios im besetzten Prag gedreht werden, da Hamburg schon zu zerst\u00f6rt ist.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"726\" height=\"427\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5832\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-8.jpg 726w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-8-300x176.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 726px) 100vw, 726px\" \/><figcaption>Albers in der &#8222;Gro\u00dfen Freiheit&#8220;. Quelle: https:\/\/www.filmdienst.de\/bild\/9290  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>K\u00e4utner gelingt es, mitten im \u201etotalen Krieg\u201c eine Welt ohne\nWaffen und Tr\u00fcmmer zu zeigen, dennoch voll bitterer Abschiedsgewissheit und\nexistenzialistischer Melancholie. Dazu gibt es surrealistisch anmutende\nTraumsequenzen und k\u00fchne Schnitte. Kein einziges Hakenkreuz ist zu sehen, nur\nganz am Schluss, der jedes Happy End verweigert, flattert eins. Von Durchhaltepropaganda\nkeine Spur, stattdessen der Titelsong \u201eLa Paloma\u201c mit Zeilen wie \u201eEinmal muss\nes vorbei sein\u201c und \u201eFr\u00fch oder sp\u00e4t schl\u00e4gt jedem von uns die Stunde\u201c: Ein\nstarkes St\u00fcck, mit diesem Film \u00fcberschritt Albers alle Grenzen. Gro\u00dfadmiral\nD\u00f6nitz legt sein Veto ein, der Film wird umgehend verboten, und Goebbels ger\u00e4t\nin Rage, als er von der bizarr hohen Gage von 460.000 Reichsmark erf\u00e4hrt, die\nsein Sch\u00fctzling f\u00fcr dieses \u201edef\u00e4tistische Machwerk\u201c kassiert hat.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDas ist das Ende\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Noch am 4. April 1945 verf\u00fcgt der Minister, dass alle\nVertr\u00e4ge mit dem Schauspieler Albers aufzul\u00f6sen sind \u2013 das ist auch eine\nKapitulation. \u201eNur seine beispiellose Popularit\u00e4t sch\u00fctzte ihn vor Verhaftung,\nwie h\u00e4tte man das Verschwinden des blonden Ideal-Ariers den Millionen Verehrern\nplausibel machen sollen\u201c, erkennt Axel Eggebrecht. Im September 1945 wurde der\nFilm im Berliner Westsektor als erste Filmpremiere nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt,\nein halbes Jahr sp\u00e4ter lief er in den Ostberliner Kinos an. Der Film wurde ein\nbeispielloser Erfolg und mit dem Schwedischen Kritikerpreis ausgezeichnet. Hans\nAlbers galt nach dem Krieg als erster deutscher Star auf der Kinoleinwand. <\/p>\n\n\n\n<p>1946 kehrt Hansi zur\u00fcck, wirft die im Haus wohnende Frau binnen f\u00fcnf Minuten raus, \u00fcbersch\u00fcttet ihn mit Fragen und Vorw\u00fcrfen \u2013 und zieht doch wieder ein: Um 15 Jahre wird sie die Liebe ihres Lebens schlie\u00dflich \u00fcberleben, w\u00e4hrend Albers unverheiratet bleibt. Seine erste Produktion nach Kriegsende war der 1947 gedrehte und in Berlin spielende Film \u201e\u2026und \u00fcber uns der Himmel\u201c, der ihn als Kriegsheimkehrer zeigt. Er konnte seine Filmkarriere nahtlos fortsetzen, unter anderem in dem sehr erfolgreichen Streifen \u201eAuf der Reeperbahn nachts um halb eins\u201c mit Heinz R\u00fchmann. Aus dem Sieger ist ein Melancholiker geworden. Wieder trifft er damit die Stimmung seines Publikums. Der alternde Seemann, der Kapit\u00e4n, der nach Hause zur\u00fcckkehrt, wird seine neue Paraderolle. Ein H\u00f6hepunkt seines sp\u00e4ten Filmschaffens war die 1956 gedrehte Literaturverfilmung \u201eVor Sonnenuntergang\u201c nach Gerhart Hauptmann, die auf der Berlinale einen \u201eGoldenen B\u00e4ren\u201c erhielt. Es folgten Filme wie \u201eDer tolle Bomberg\u201c oder \u201eDas Herz von St. Pauli\u201c. Sein letzter Film \u201eKein Engel ist so rein\u201c 1960 schlie\u00dft mit dem von Hans Albers gesprochenen Satz: \u201eDas ist das Ende\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"684\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-9-1024x684.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5835\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-9.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-9-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-9-768x513.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>&#8222;Vor Sonnenuntergang&#8220;. Quelle: https:\/\/m.media-amazon.com\/images\/M\/MV5BMGQzZDZiMzYtNzljYy00ODA2LWE1MzctNmFhOTY5ZDUxNDFlXkEyXkFqcGdeQXVyMTAyNDU2NDM@.<em>V1<\/em>.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend einer Theaterauff\u00fchrung von Zuckmayers \u201eKatharina\nKnie\u201c war er mit schweren inneren Blutungen zusammengebrochen, konnte aber im\nJuni 1960 noch das Bundesverdienstkreuz aus der Hand von Bundespr\u00e4sident\nHeinrich L\u00fcbke entgegen nehmen. Albers starb am 24. Juli 1960 in einem\nSanatorium im bayerischen Kempfenhausen. Viele, die die Nachricht im Rundfunk\nh\u00f6rten, waren ersch\u00fcttert. Einen Tag nach seinem Tod schreibt eine Hamburger\nZeitung: \u201eEs ist, als ob jemand ein St\u00fcck des Hamburger Michels abgerissen\nh\u00e4tte.\u201c Albers\u2018 Leichnam wurde einge\u00e4schert und die Urne unter gro\u00dfer Anteilnahme\nder Bev\u00f6lkerung \u2013&nbsp; rund drei\u00dfigtausend\nFans nahmen Abschied von dem Schauspieler \u2013 auf dem Friedhof Ohlsdorf in seiner\nGeburtsstadt Hamburg beigesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Er spielte in rund 180 Filmen, stand in zahllosen Rollen auf\nder Theaterb\u00fchne und machte sich auch f\u00fcr nachfolgende Generationen mit rund\nachtzig Schallplattenaufnahmen aus den Soundtracks seiner Filme unsterblich. Der\nTheaterkritiker Friedrich Luft feierte ihn, indem er ein f\u00fcr alle Mal dem\nBegriff \u201eVolksschauspieler\u201c alles Herabsetzende nahm: \u201eEr geh\u00f6rt zu denen,\nderen Rollen man eigentlich gar nicht sehen will. Man geht hin, ihn zu sehen,\nsich an seinem unbeschnipselten Selbstbewusstsein zu st\u00e4rken. Denn\nSchwierigkeiten mit sich selbst scheint Albers nicht zu kennen, er ist immer\nmit Hans Albers gr\u00fcndlich zufrieden. Er strahlt, er gef\u00e4llt sich erst einmal\nselber, darum gef\u00e4llt er auch den Leuten so gut. Kerle wie er sind ein\nGottesgeschenk, weil man selbst gerne so w\u00e4re.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als  \u201eblonder Hans\u201c brachte er M\u00e4nner zum Tr\u00e4umen und Frauen zum Dahinschmelzen: Hans Albers. 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