{"id":5837,"date":"2021-09-09T06:29:09","date_gmt":"2021-09-09T05:29:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5837"},"modified":"2021-09-10T10:19:12","modified_gmt":"2021-09-10T09:19:12","slug":"kommunistischer-kaiser","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5837","title":{"rendered":"Kommunistischer Kaiser"},"content":{"rendered":"\n<p>Im Jahrzehnt 1949-59, auf der H\u00f6he seiner Macht, sah er sich ausgerechnet in der Tradition der chinesischen Kaiser. Sein Vorbild: Reichsgr\u00fcnder Qin Shihuangdi (\u201eErster erhabener Gottkaiser von Qin\u201c), ein besonders grausamer Herrscher, der im Jahr 221 nach Christus das Reich der Mitte mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t einte. Sonst war er kein gro\u00dfer Theoretiker, kein Intellektueller, kein Denker. Die theoretischen Schriften des Marxismus-Leninismus interessierten ihn nie wirklich. Wenngleich er seine eigenen literarischen Erg\u00fcsse millionenfach unter das Volk brachte und als Pflichtlekt\u00fcre verordnete \u2013 und daran vorz\u00fcglich verdiente \u2013, ist er doch nicht als kommunistischer Klassiker in die Literaturgeschichte eingegangen. Seine damals frenetisch gefeierten Phrasen wie \u201eDer Revolution\u00e4r muss sich im Volk bewegen wie im Wasser\u201c zeugen von eher bescheidenem literarischen Talent.<\/p>\n\n\n\n<p>1957 macht er den Spatz als Feind aus, der Getreide wegfrisst und damit verhindert, dass die Ernte noch besser ausf\u00e4llt. Millionen Chinesen werden aufgerufen, so lange L\u00e4rm zu schlagen, bis die Spatzen ersch\u00f6pft vom Himmel fallen, weil sie sich nicht getrauen, zu landen. Zwei Milliarden V\u00f6gel sollen auf diese Art get\u00f6tet worden sein. Dummerweise vermehren sich anschlie\u00dfend: Die Insekten, zumal die Heuschrecken. Er sieht seinen Irrtum zwar ein, hat aber viele neue Ideen. Darunter die, Universalmenschen zu schaffen, die Arbeiter, Bauern und Intellektuelle zugleich sind. Die sind ein Jahr nach dem Spatzenkrieg 1958 aufgerufen, den \u201eGro\u00dfen Sprung\u201c zu schaffen \u2013 den Sprung zum Kommunismus, den Sprung ins 20. Jahrhundert: China soll von einem Agrarland zur Industrienation werden, in k\u00fcrzester Zeit schaffen, wof\u00fcr der Westen 100 Jahre brauchte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"659\" height=\"892\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-10.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5839\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-10.jpg 659w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-10-222x300.jpg 222w\" sizes=\"(max-width: 659px) 100vw, 659px\" \/><figcaption>Mao. Quelle: Von \u043d\u0435\u0438\u0437\u0432\u0435\u0441\u0442\u043d\u044b\u0439 (unknown) &#8211; http:\/\/sarbaharapath.com\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Mao2.jpg, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=70869121<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Was dazu fehlte, war nach seiner Ansicht Stahl. Und der\nsollte nun auf den D\u00f6rfern in kleinen Hoch\u00f6fen aus Lehm von Arbeiterbauern\nhergestellt werden. \u201eDas Problem war allerdings dass sie sehr minderwertigen\nStahl produziert haben und auch die Landwirtschaft stark vernachl\u00e4ssigt und die\nErnte sehr schlecht eingeholt wurde\u201c, so der K\u00f6lner China-Experte Felix Wemheuer\nim <em>mdr<\/em>. Der gro\u00dfe Sprung endet\ndeshalb in einer Katastrophe: Am Ende gibt es weder Stahl noch Getreide,\nsondern eine der gr\u00f6\u00dften Hungersn\u00f6te auf Erden mit 30 Millionen Toten. Der\nUrheber dieser Katastrophe: Mao Zedong (Tse-tung; \u201eWohlt\u00e4ter des Ostens\u201c), der\nam 9. September 1976 in Peking starb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hoffnungstr\u00e4ger Oktoberrevolution<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wurde er am 26. Dezember 1893 in Shaoshan (Provinz Hunan)\nals Sohn eines Bauernpaars nicht unbedingt in verelendeten Verh\u00e4ltnissen, er lernte\nbeispielsweise lesen und schreiben. Seine Mutter war sehr religi\u00f6s, ihr\nVolksbuddhismus beeinflusste Mao f\u00fcr sein ganzes Leben.&nbsp; Doch wie alle b\u00e4uerlichen Existenzen wurde\nauch er mit Entbehrungen, Hunger und Not konfrontiert, denn China war ein Armenhaus.\nDie im Reich der Mitte herrschende Dynastie der sp\u00e4ten Kaiserzeit war\ninkompetent und korrupt. Die Folge: Landesweit verelendete die chinesische\nBev\u00f6lkerung. Von innen heraus schlecht gef\u00fchrt und v\u00f6llig bankrott, wurde China\nvon au\u00dfen durch Kolonialm\u00e4chte bedr\u00e4ngt und geknechtet: Das Deutsche Reich,\nItalien, die USA, vor allem aber Japan hatten China im W\u00fcrgegriff. <\/p>\n\n\n\n<p>Im Alter von vierzehn Jahren wurde Mao mit der achtzehnj\u00e4hrigen Luo Yigu zwangsverheiratet. Mao lehnte diese Ehe ab und versteckte sich; sie blieb unvollzogen. Nach der Schule absolvierte er von 1913 bis 1918 ein Lehrerseminar in Changsha. Dann wechselte Mao nach Beijing (Peking), wo er sich vor\u00fcbergehend als Aushilfe in der Universit\u00e4tsbibliothek verdingte. Der ihm vorgesetzte Bibliothekar beeinflusste ihn nachhaltig im Sinne des Marxismus, zu dem er sich fortan bekannte. Viele Chinesen, die unter den politischen und sozialen Missst\u00e4nden des fr\u00fchen 20. Jahrhunderts schwer leiden mussten, f\u00fchlten sich zum Kommunismus hingezogen, schien er doch die einzige M\u00f6glichkeit, die bestehenden, ungerechten Verh\u00e4ltnisse umzukehren und aus der Verelendung herauszukommen. Als 1918 die Oktoberrevolution in Russland ausbrach, sch\u00f6pften viele Chinesen Hoffnung. Die ersten Kommunisten waren also unzufriedene Idealisten, die die bestehenden Zust\u00e4nde \u00e4ndern wollten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-11-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5841\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-11-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-11-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-11-768x432.jpg 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-11.jpg 1920w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption> Geburtshaus von Mao Zedong in Shaoshan, heute vor allem f\u00fcr Chinesen eine Touristenattraktion. Quelle: Von Br\u00fccke-Osteuropa &#8211; Eigenes Werk, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=9733746<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mao geh\u00f6rt dazu. Er gab eine Jugendzeitung heraus, bekam\neine Stelle als Grundschuldirektor, er\u00f6ffnete ein Buchgesch\u00e4ft f\u00fcr politische\nLiteratur und gr\u00fcndete eine Gesellschaft zum Studium Russlands. 1920 traf er\ndie Tochter seines mittlerweile verstorbenen Lehrers und Freundes, Yang Kaihui,\nund heiratete sie. Erst 1921 bezogen sie eine gemeinsame Wohnung. In diesem\nJahr wirkte Mao an der Gr\u00fcndung der Kommunistischen Partei KP Chinas in\nShanghai mit. Bereits zwei Jahre sp\u00e4ter trat der wissbegierige und belesene\njunge Mann in deren Zentralkomitee und Politb\u00fcro ein. Nachdem sich die KP mit\nder herrschenden Volkspartei Guomindang KMT unter Chian Kai-shek verbunden\nhatte, \u00fcbernahm Mao bedeutende Koordinierungsaufgaben zwischen beiden\nOrganisationen. Etwa ab Mitte der 1920er Jahre wandte sich der KP-Funktion\u00e4r\nder Bauernbev\u00f6lkerung zu, deren revolution\u00e4res Massenpotential er erkannte und\nf\u00fcr kleinere Aufst\u00e4nde zu nutzen begann. Sein Traktat \u201e\u00dcber die Lage der Bauern\nin Hunan\u201c brachte ihn 1927 in Konflikt zur offiziellen Parteilinie, die das\nst\u00e4dtische und nicht das l\u00e4ndliche Proletariat zur treibenden Kraft einer\nk\u00fcnftigen Revolution erhoben wissen wollte. 1930 wurde Yang Kaihui von der KMT\nverhaftet und ermordet, sie hatte drei S\u00f6hne geboren.<\/p>\n\n\n\n<p>Gegen Ende der 1920er Jahre zogen die sich versch\u00e4rfenden\nparteiinternen Differenzen den vor\u00fcbergehenden Ausschluss Maos aus den\nF\u00fchrungsgremien der KP nach sich. Zur gleichen Zeit erfolgte 1927 der Bruch\nzwischen KMT und KP, worauf die KMT unter der milit\u00e4rischen F\u00fchrung von Chiang\nKai-Shek eine blutige Unterdr\u00fcckung der Kommunisten einleitete. Mao lie\u00df sich\nindessen in der s\u00fcd\u00f6stlichen Provinz Jiangxi nieder, um dort mit\nGuerillaverb\u00e4nden einer eigens geschaffenen chinesischen Roten Armee eine\nR\u00e4terepublik zu errichten, die auf einer grundlegenden Umw\u00e4lzung der\nAgrarordnung gr\u00fcndete. Ein Guerillaf\u00fchrer betrieb 1928 aus Machttaktik die\nHeirat der Dolmetscherin He Zizhen mit Mao, der nie hochchinesisch sprach. Beide\nbekamen bis 1938 sechs Kinder; zwei davon gingen auf Fluchtwirren verloren,\nzwei weitere verstarben fr\u00fch, ein Sohn fiel im Koreakrieg. <\/p>\n\n\n\n<p>Auf die Milit\u00e4rschl\u00e4ge der KMT-Regierung gegen die\nkommunistische Republik reagierte Mao mit dem sogenannten \u201eLangen Marsch\u201c 1934\nbis 1935 in die nordwestliche Provinz Shaanxi. Der Fluchtweg erstreckte sich\n\u00fcber eine L\u00e4nge von 12.000 Kilometern. Von urspr\u00fcnglich 100.000 bis 120.000\nKommunisten, die sich auf den Weg machten, \u00fcberlebten nur etwa 10.000 die Entbehrungen\nund Strapazen der Irrfahrt. Es gab Fl\u00fcgelk\u00e4mpfe zwischen den Moskau-treuen\nKommunisten und dem chinesischen Fl\u00fcgel, dem Mao vorstand. Durch Seilschaften,\nIntrigen und taktisches Geschick putschte sich Mao ganz nach oben und machte\nsich zur Nummer Eins in der KP. Gegen Jahresende 1936 erzielte Mao einen\nWaffenstillstand mit den KMT-Truppen, um sich fortan gemeinsam gegen die\njapanischen Besatzer zu wenden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Landbev\u00f6lkerung als Tr\u00e4ger\nder Revolution<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der 1937 er\u00f6ffnete chinesisch-japanische Krieg endete 1945 mit der Niederlage Japans, auf die nach erfolglosen Koalitionsbem\u00fchungen erneut der B\u00fcrgerkrieg zwischen KMT und KP folgte. Die Rote Armee eroberte in der Folge das gesamte chinesische Territorium, das Mao am 1. Oktober 1949 in Peking zur Volksrepublik China proklamierte. Als Vorsitzender der nun gebildeten \u201eZentralen Volksregierung\u201c und der \u201eRevolution\u00e4ren Milit\u00e4rkommission\u201c vereinte Mao die h\u00f6chsten Staats\u00e4mter auf sich. Um die Unterst\u00fctzung in der Bev\u00f6lkerung zu verbreitern und aus Sorge um den Zusammenhalt der KP hatte Mao ab Ende 1939 \u2013 in dem Jahr heiratete er seine vierte Frau Jiang Qing \u2013 das Konzept der \u201eNeuen Demokratie\u201c entwickelt. Es umfasste die staatliche Achtung von Eigentum, die F\u00f6rderung des chinesischen Unternehmertums, die F\u00f6rderung ausl\u00e4ndischer Investitionen, die Kontrolle von Schl\u00fcsselsektoren durch den Staat, ein Mehrparteiensystem mit Koalitionsregierung und demokratische Freiheiten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"948\" height=\"533\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-12.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5842\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-12.jpg 948w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-12-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-12-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 948px) 100vw, 948px\" \/><figcaption>Mao beim Arbeiten. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/662b5cf2-0001-0004-0000-000000818029_w948_r1.778_fpx39.03_fpy49.85.jpg  <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Kommunistische Partei beanspruchte in diesem Konzept\njedoch die F\u00fchrungsrolle. Gegen\u00fcber ausl\u00e4ndischen Besuchern erkl\u00e4rte Mao, dass\ndie Neue Demokratie ein notwendiger Zwischenschritt Chinas auf dem Weg zum\nSozialismus und letzten Endes dem Kommunismus sei. 1954 wurde Mao nach der\nVerk\u00fcndung einer neuen Verfassung zus\u00e4tzlich auch zum Staatspr\u00e4sidenten\nerhoben. Zu Beginn der Macht\u00fcbernahme wurde er vom chinesischen Volk begeistert\ngefeiert. Er verstand es, den Chinesen etwas Entscheidendes zur\u00fcckzugeben:\nSelbstwertgef\u00fchl und Vertrauen in die Zukunft. Mao versprach das Ende der\nUnterdr\u00fcckung und propagierte die glorreiche Wiederauferstehung des Reichs der\nMitte \u2013 Balsam f\u00fcr die geschundene chinesische Seele. <\/p>\n\n\n\n<p>Und er versprach eine gerechtere Gesellschaft, eine radikale\nUmverteilung. Auf diese Weise richtete Mao gleich zu Anfang seiner Herrschaft\ndie Identit\u00e4t der Chinesen wieder auf und einte das Land mit einem neuen\nNationalgef\u00fchl. Er begr\u00fcndete auf philosophisch-ideologischem Gebiet eine neue\nInterpretation der Lehren von Marx, Engels und Lenin und entwickelte eine neue\nRevolutionstheorie, die die besonderen Bedingungen der sogenannten \u201eDritten\nWelt\u201c ber\u00fccksichtigte und daher nicht die st\u00e4dtische Arbeiterschaft, sondern\ndie unterdr\u00fcckte Landbev\u00f6lkerung zum Tr\u00e4ger der proletarischen Revolution\nerhob. Nach Auffassung des \u201eMaoismus\u201c war die Revolution in einem Land der\nDritten Welt durch einen Guerillakrieg auszul\u00f6sen, der sich sukzessive zum\nVolkskrieg ausweiten sollte, dessen Ziel der Sturz der herrschenden Klasse und\ndie Errichtung der Diktatur des Proletariats waren. Kambodscha sollte sich als\ngrausames Experimentierfeld dieser Lehre erweisen. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die nachrevolution\u00e4re Errichtung einer sozialistischen Gesellschaft propagierte der Maoismus die Aufrechterhaltung einer permanenten inneren Revolution, durch die nicht nur die Wirtschafts- und Sozialstruktur, sondern auch die individuellen Bewusstseinslagen nachhaltig ver\u00e4ndert und hinsichtlich der Ausbildung neuer Hierarchien und Klassengegens\u00e4tze immer wieder hinterfragt werden sollten. Mit Hilfe seiner enormen Machtf\u00fclle trieb Mao in den 1950er Jahren gem\u00e4\u00df den ideologischen Pr\u00e4missen des Maoismus die grundlegende Umgestaltung der chinesischen Gesellschaft voran, die eine Bodenreform, die Gleichstellung der Frau und die Verstaatlichung der Wirtschaft umfasste. Verschiedene propagandistische Kampagnen wie die \u201eHundert-Blumen-Bewegung\u201c von 1956\/57 sollten den Umbau im Innern ideologisch absichern. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"532\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-13.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5843\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-13.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-13-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-13-768x511.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption>Mao mit Nixon 1972. Quelle: Von White House Photo Office (1969 \u2013 1974) &#8211; White House Photo Office (1969 \u2013 1974), Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=50321500<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im au\u00dfenpolitischen Bereich kam es im Verh\u00e4ltnis zur\nkommunistischen F\u00fchrung der Sowjetunion nach dem Tod Josif W. Stalins und der\nMacht\u00fcbernahme durch Nikita Sergejewitsch Chruschtschow im Jahre 1953 zu\nerheblichen Meinungsverschiedenheiten, die schlie\u00dflich um 1960 in einen\nlangfristigen Bruch der beiderseitigen Beziehungen m\u00fcndeten. Schon Stalin hatte\nMao misstraut, den er wiederholt als \u201eH\u00f6hlenmarxisten\u201c bezeichnet hatte. Mao\nsinnierte etwa, dass ein Atomkrieg zwar die H\u00e4lfte der Menschheit ausrotten,\ndaf\u00fcr aber dem Kommunismus zum Sieg \u00fcber den Kapitalismus verhelfen w\u00fcrde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>zu \u201e70 Prozent\npositiv\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Aufgrund des Misserfolgs seiner Wirtschaftspolitik, die\nkeinen Durchbruch zur Industrialisierung zeitigte, trat Mao auf parteiinternen\nDruck 1959 als Staatspr\u00e4sident zur\u00fcck. In der Folge wirkte er vor allem als\nideologischer F\u00fchrer der KP. Ab 1962 er\u00f6ffnete Mao mit Unterst\u00fctzung der Armee\neine \u201esozialistische Erziehungskampagne\u201c unter der Bev\u00f6lkerung. Die \u201eGro\u00dfe\nProletarische Kulturrevolution\u201c von 1965\/66 sollte kapitalistischen und\nb\u00fcrgerlichen Tendenzen in Partei, Staat und Gesellschaft entgegenwirken. Mit\nder Parole \u201eDie Liebe zu Mutter und Vater gleicht nicht der Liebe zu Mao\nZedong\u201c forderte er Kinder auf, ihre Eltern als \u201eKonterrevolution\u00e4re\u201c oder\n\u201eRechtsabweichler\u201c zu denunzieren \u2013 wie \u00fcberhaupt die F\u00f6rderung der\nDenunziation eines von Maos wirksamsten Herrschaftsinstrumenten war. <\/p>\n\n\n\n<p>Das erkl\u00e4rte Ziel der Kampagne war die Beseitigung reaktion\u00e4rer Tendenzen unter Parteikadern, Lehrkr\u00e4ften und Kulturschaffenden. In Wirklichkeit sollte durch das entstehende Chaos die erneute Machtergreifung Mao Zedongs und die Beseitigung seiner innerparteilichen Gegner erreicht werden. Durch die Einsetzung von Revolutionskomitees riss er erneut die Macht an sich, um fortan einen F\u00fchrerkult um seine Person aufzubauen. Mao regierte im folgenden Jahrzehnt als \u201egro\u00dfer Vorsitzender und Steuermann\u201c \u00fcber das chinesische Riesenreich, \u00fcber dessen Grenzen hinaus seine im \u201eroten Buch\u201c gesammelten politischen Weisheiten als \u201eMao-Bibel\u201c mit einer Milliardenauflage seit 1964 weltweite Verbreitung fanden. Innenpolitisch fiel er 1968 nochmals durch einen absurden \u201eMango-Kult\u201c auf, au\u00dfenpolitisch war die Aufnahme Chinas in die UNO 1971 Maos gr\u00f6\u00dfter Erfolg. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"489\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-14-1024x489.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5844\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-14-1024x489.jpg 1024w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-14-300x143.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-14-768x367.jpg 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Lem-14.jpg 1136w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>37 Meter hohe Statue &nbsp;im Bezirk Tongxu in der zentralen Provinz Henan. Quelle: https:\/\/img.welt.de\/img\/vermischtes\/mobile150674533\/7361626707-ci23x11-w1136\/title.jpg&nbsp; <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Mao genoss ungeheure Privilegien und verstie\u00df gegen alle\nSittlichkeitsvorstellungen, Zw\u00e4nge und Entbehrungen, die er seinem\nleidgepr\u00fcften Volk auferlegte. Mao a\u00df und trank im \u00dcberfluss, war zeitweise\nKettenraucher und f\u00fchrte ein ausschweifendes Sexualleben mit zahlreichen jungen\nM\u00e4dchen, da er fest an die lebensverl\u00e4ngernden Praktiken der taoistischen\nTradition glaubte. Er besa\u00df Luxusautos, Villen und Schwimmb\u00e4der, auf\nSonderkonten verf\u00fcgte er \u00fcber enorme Summen. Mit \u00e4u\u00dferster Brutalit\u00e4t und\nMenschenverachtung unterdr\u00fcckte Mao jede Opposition und \u00fcberzog China mit einem\nNetz aus Terror und Misswirtschaft. Er war schlau, gerissen und instinktsicher,\nund besonders in sp\u00e4teren Jahren nur sich und seinen Interessen verpflichtet,\nausgestattet mit einem absoluten Willen zur Macht. Dadurch bis ins Mark\nkorrumpiert, bestimmte schlie\u00dflich tiefes Misstrauen seinen Umgang selbst mit\nseiner engsten Umgebung, er schottete sich am Ende gegen alles und jeden ab, verlor\nden Bezug zur Realit\u00e4t, zu seinem eigenen Volk. Seinen Leitspruch \u201e<em>die\nWahrheit in den Tatsachen suchen<\/em>\u201c aus den 1920er Jahren kehrte er selbst\nins Gegenteil. Seine \u00dcberreste wurden 1977 in einem Mausoleum am \u201ePlatz des\nHimmlischen Friedens\u201c aufgebahrt. Selbst sein Schlafanzug ist noch\nMuseumsst\u00fcck. Mao ziert mehr als 2.000 Statuen und bis heute alle Geldscheine\nder Volksrepublik. <\/p>\n\n\n\n<p>Und bis heute diskutiert die westliche\nGeschichtswissenschaft, ob ein China ohne Mao eine schnellere und menschlichere\n\u00f6konomische Entwicklung erfahren h\u00e4tte. Zwangsl\u00e4ufig musste er von seinen\npolitischen Nachfolgern immer neu erfunden, zu einem Zerrbild uminterpretiert\nwerden. Die Kulturrevolution wurde erst nach Maos Tod offiziell als beendet\nerkl\u00e4rt. 1981 gestand die KP erstmals offiziell die Misserfolge der Kampagnen\nein, ohne sich dabei gegen Mao auszusprechen: Die Kulturrevolution sei ein\n\u201egrober Fehler\u201c gewesen, Maos Wirken insgesamt aber zu \u201e70 Prozent positiv\u201c zu\nbewerten, da die Leistungen die Irrt\u00fcmer mehr als ausgeglichen h\u00e4tten. Heute\nspricht man von einer \u201esozialistischen Marktwirtschaft mit chinesischen\nBesonderheiten\u201c. Maos politische \u201eKampagnen\u201c sollen insgesamt 76 Millionen Tote\nnach sich gezogen haben. Der Spatz steht in China heute noch auf der Liste der\nbedrohten Arten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein Name ist mit Kampagnen wie dem \u201eGro\u00dfen Sprung\u201c oder der \u201eKulturrevolution\u201c verbunden, die 76 Millionen Tote forderten: Mao Zedong. Vor 45 Jahren starb er. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5837"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5837"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5837\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5861,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5837\/revisions\/5861"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5837"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5837"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5837"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}