{"id":5846,"date":"2021-09-01T06:11:56","date_gmt":"2021-09-01T05:11:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5846"},"modified":"2021-08-31T13:01:39","modified_gmt":"2021-08-31T12:01:39","slug":"haeftling-nr-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5846","title":{"rendered":"H\u00e4ftling Nr. 5"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eDas Geheimnis liegt in seiner leisen Beredsamkeit, seinem\nscharfen Verstand und seiner angeborenen F\u00e4higkeit, die Menschen um ihn herum\nzu bezaubern und zu manipulieren, sei es die Richter in N\u00fcrnberg oder die\nJournalisten, Verleger und Filmemacher. Das half ihm, die Vergangenheit und\nseinen eigenen Anteil daran neu zu schreiben.\u201c So beschreibt die israelische\nFilmemacherin Vanessa Lapa das Charisma des gutaussenden, kultivierten Mannes,\ndas mitverantwortlich war f\u00fcr eine Legendenbildung, die sich \u00fcber viele Jahre\nhalten konnte. In ihrem Streifen \u201eSpeer goes to Hollywood\u201c wollte sie zeigen,\nwie es Hitlers R\u00fcstungsminister fast gelang, Hollywood f\u00fcr diese\nLegendenbildung einzuspannen. Sein Name zieht bis heute: Der Film feierte auf\nder 70. Berlinale vor einem Jahr mit ungeheurem Publikumszuspruch auch aus dem\nAusland Premiere.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschichte dahinter: 1971 planten die <em>Paramount<\/em>-Studios des Ex-Ministers Bestseller \u201eErinnerungen\u201c zu verfilmen: Zu gro\u00df war die Versuchung, das Thema Nationalsozialismus in Kombination mit einem \u00dcberlebenden, der zum engsten F\u00fchrungszirkel der Nazis geh\u00f6rte, auf die Leinwand zu bringen. Der damals 26 Jahre alte Andrew Birkin &#8211; der Bruder von Jane Birkin und sp\u00e4ter erfolgreicher Regisseur und Drehbuchautor (\u201eDer Name der Rose\u201c, \u201eDas Parfum\u201c) &#8211; traf sich damals mit ihm, um \u00fcber Drehbuch und Filmfassung zu sprechen. Diese Gespr\u00e4che, rund 40 Stunden Ton-Material, hat Lapa f\u00fcr ihren Film ausgewertet und bebildert. Er spr\u00e4che \u201efrei und ohne Hemmungen\u201c und \u201ekorrigiert\u00a0die Vergangenheit, w\u00e4hrend er spricht. Die Aura, die er ausstrahlt, ist die von einem eleganten Mann, der eher einem Landjunker \u00e4hnelt als dem Massenm\u00f6rder von Millionen\u201c, so Lapa.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"992\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5849\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-242x300.jpg 242w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-768x952.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption> Albert Speer als Ange\u00adklagter bei den N\u00fcrnberger Prozessen 1946. Quelle: Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=299919<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p><em>Paramount<\/em> gab das\nProjekt, das unter dem Titel \u201eInside the Third Reich\u201c ins Kino kommen sollte,\nschlie\u00dflich kurzfristig auf, zu risikoreich erschien der Film. Ein Jahrzehnt\nsp\u00e4ter wurden die \u201eErinnerungen\u201c \u00fcbrigens doch noch verfilmt: Der US-Sender <em>ABC<\/em> machte eine mehrteilige Fernsehserie\ndaraus. Nicht zuletzt sorgten auch gro\u00dfe Kinoproduktionen wie der\noscarnominierte deutsche Spielfilm \u201eDer Untergang\u201c (2004) daf\u00fcr, dass die\n\u201eLegende\u201c weiter bestehen konnte. Die akribisch erarbeiteten Erkenntnisse der\nHistoriker setzten sich bei einem breiten Publikum kaum durch. Erst langsam,\nauch wiederum durch einen Film, n\u00e4mlich Heinrich Breloers \u201eSpeer und Er\u201c\n(2005), brach der Mythos vom \u201eguten Nazi\u201c in sich zusammen: dem des Architekten\nBerthold Konrad Hermann Albert Speer, der am 1. September 1981 in London starb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201egeringe Anspr\u00fcche an\nsein architektonisches K\u00f6nnen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Am 19. M\u00e4rz 1905 in Mannheim als mittlerer von drei S\u00f6hnen hineingeboren\nin eine Architektendynastie, besuchte er Schulen in Mannheim und Heidelberg und\nstudierte auf Dr\u00e4ngen des Vaters Architektur in Karlsruhe und M\u00fcnchen, bevor er\n1925 nach Berlin wechselte und Sch\u00fcler beim Gartenstadt-Vater Heinrich Tessenow\nwurde. Von ihm \u00fcbernahm er einen mit kargen Mitteln arbeitenden, die vertikalen\nLinien betonenden monumentalen Baustil, wurde nach dem Diplom 1927 dessen\nAssistent und blieb es bis Anfang 1932. Als Student hatte er in Heidelberg die\ngleichaltrige Margarete Weber kennengelernt, die er 1928 in Berlin gegen den\nWillen von Speers Mutter heiratete. Zwischen 1934 und 1942 bekamen sie sechs\nKinder, von denen einige selbst bekannte Pers\u00f6nlichkeiten wurden. Sein Sohn\nAlbert war ebenfalls Architekt und Stadtplaner von internationalem Rang, seine\nTochter Hilde Schramm Erziehungswissenschaftlerin und ehemalige Vizepr\u00e4sidentin\ndes Berliner Abgeordnetenhauses f\u00fcr die Alternative Liste.<\/p>\n\n\n\n<p>Speers Hinwendung zum Nationalsozialismus Anfang der 1930er Jahre erfolgte aus eigenem Antrieb und nicht aus dem Wunsch nach Versorgungssicherheit: \u201eF\u00fcr einen gro\u00dfen Bau h\u00e4tte ich, wie Faust, meine Seele verkauft.\u201c Er wollte bewusst nicht \u2013 wie sein Vater \u2013 Miets- und Privath\u00e4user, Gewerbebauten, Villen oder vereinzelt auch mal \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude errichten. 1930 erhielt er den ersten Bauauftrag einer nationalsozialistischen Organisation: Eine Berliner NS-Kreisleitung beauftragte ihn, eine angemietete Villa in Berlin-Grunewald in ein Parteib\u00fcro umzubauen. Danach erhielt er von Joseph Goebbels den Auftrag, das neue Gauhaus in der Vo\u00dfstra\u00dfe f\u00fcr Parteizwecke umzugestalten. Beide Auftr\u00e4ge \u201estellten geringe Anspr\u00fcche an sein architektonisches K\u00f6nnen, gaben ihm aber die Gelegenheit, sein Organisationstalent unter Beweis zu stellen und sich bekannt zu machen\u201c, so sein Biograph Ludolf Herbst. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"800\" height=\"542\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5850\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-1.jpg 800w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-1-300x203.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-1-768x520.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption> Speer, Hitler, Architekt Ruff mit Baupl\u00e4nen und Modellen des Reichsparteitagsgel\u00e4ndes in N\u00fcrnberg. Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146-1971-016-31 \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5482586<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Entw\u00fcrfe entsprachen dem Repr\u00e4sentationsbed\u00fcrfnis der\nschnell wachsenden Partei; er \u00fcbertrug den nationalsozialistischen Gedanken\nerfolgreich in eine architektonische \u00c4sthetik. Im Januar 1931 trat Speer der\nNSDAP bei. Seit 1933 entwarf er die Bauten und die Fahnen- und\nScheinwerferinszenierungen f\u00fcr die Maifeier der NSDAP und die N\u00fcrnberger\nReichsparteitage. Besonders Hitler und Goebbels fanden Gefallen an dieser\nChoreographie, die der nationalistischen Propaganda eine ins Grandiose\ngesteigerte Fassade gab. Hitler begriff Speer \u201eals K\u00fcnstler, dem es gelungen\nwar, ein Lebensziel zu verwirklichen, an dem er selbst gescheitert war\u201c, meint Herbst.\nBald geh\u00f6rte er zur engsten Entourage des F\u00fchrers und nutzte die M\u00f6glichkeit,\nMacht zu akkumulieren, die seinen fehlenden R\u00fcckhalt in der NSDAP mehr als\nkompensierte. 1933 wurde er in Anerkennung seiner wichtigen Rolle als\nPropagandachoreograph zum \u201eAmtsleiter der NSDAP f\u00fcr die k\u00fcnstlerische Gestaltung\nvon Gro\u00dfveranstaltungen\u201c berufen, seit 1934 leitete er das Amt \u201eSch\u00f6nheit der\nArbeit\u201c in der Deutschen Arbeitsfront. <\/p>\n\n\n\n<p>Speer war verantwortlicher Leiter der \u201eLichtdome\u201c im Rahmen\ndes Parteitages von 1934. Im selben Jahr ernannte ihn Hitler nach dem Tod\nseines bevorzugten Architekten Paul Ludwig Troost zum \u201eArchitekten des F\u00fchrers\u201c,\n1936 zum Professor und 1937 zum \u201eGeneralbauinspekteur f\u00fcr die Reichshauptstadt\nBerlin\u201c (Germania) im Rang eines Staatssekret\u00e4rs. Daf\u00fcr sollte im Spreebogen\nals gr\u00f6\u00dfter Kuppelbau der Welt die Gro\u00dfe Halle n\u00f6rdlich des Reichstagsgeb\u00e4udes\nentstehen, die \u00fcber die \u201eNord-S\u00fcd-Achse\u201c mit einem neuen \u201eS\u00fcdbahnhof\u201c an der\nStelle des heutigen Bahnhofs S\u00fcdkreuz in Berlin-Tempelhof verbunden werden\nsollte. Zwischen 1938 und 1939 baute Speer in Berlin die neue Reichskanzlei. In\ndiesem Zusammenhang war Speer direkt f\u00fcr die \u201eEntmietung\u201c der j\u00fcdischen\nBev\u00f6lkerung Berlins und deren Abtransport in die Konzentrationslager\nverantwortlich. Auf diese Weise wurden bis zu 18.000 Wohnungen \u201erequiriert\u201c. Nur\nwenige seiner Geb\u00e4ude sind erhalten, die Neue Reichskanzlei ist g\u00e4nzlich\nzerst\u00f6rt. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit Heinrich Himmler vereinbarte Speer die Herstellung und\nLieferung von Baumaterial durch KZ-H\u00e4ftlinge. Das Kapital f\u00fcr die von der SS\ngegr\u00fcndete Firma \u201eDeutsche Erd- und Steinwerke GmbH (DEST)\u201c wurde aus dem\nHaushalt Speers finanziert. Das Geld floss direkt in den Aufbau des KZ-Systems.\nDer zinslose Kredit f\u00fcr die SS-Totenkopfverb\u00e4nde war r\u00fcckzahlbar an Speers\nBeh\u00f6rde in Form von Steinen. Deshalb wurden fast alle KZs zwischen 1937 und\n1942 in der N\u00e4he von Tongruben oder Steinbr\u00fcchen gebaut. Nach der Besetzung\nFrankreichs im Juni 1940 wurde in den Vogesen auf Vorschlag Speers das\nKonzentrationslager KZ Natzweiler-Struthof errichtet, um den dort vorkommenden\nroten Granit zu brechen. Auch f\u00fcr das KZ Gro\u00df-Rosen in Schlesien legte Speer\n1940 den Standort nahe den dortigen Granitvorkommen selbst fest.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das \u201eR\u00fcstungswunder\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wenige Stunden nach dem t\u00f6dlichen Flugzeugabsturz des R\u00fcstungsministers Fritz Todt im Februar 1942 ernannte Hitler f\u00fcr viele \u00fcberraschend Speer zu dessen Nachfolger in allen \u00c4mtern, also zum Reichsminister f\u00fcr Bewaffnung und Munition, Leiter der Organisation Todt und zum Generalinspektor f\u00fcr das deutsche Stra\u00dfenwesen, Generalinspektor f\u00fcr Festungsbau und Generalinspektor f\u00fcr Wasser und Energie. Von seinen Aktivit\u00e4ten als Organisator des Stra\u00dfenbaus ist die Linienf\u00fchrung einiger Autobahnstrecken, die er der Landschaft harmonisch einzuf\u00fcgen versuchte, \u00fcbriggeblieben. Im September 1942 besprach Speer mit Oswald Pohl die Vergr\u00f6\u00dferung von Auschwitz und stellte dazu ein Bauvolumen von 13,7 Millionen Reichsmark zur Verf\u00fcgung. In einer auf Gespr\u00e4che von Speer, Pohl und dem Leiter f\u00fcr das Bauwesen der SS Hans Kammler basierenden Bauakte sind auch die \u201eKosten\u00fcberschl\u00e4ge\u201c zur \u201eSonderbehandlung\u201c mit dem \u201eGleisanschluss\u201c f\u00fcr die Rampe, die neuen Krematorien und andere Ma\u00dfnahmen festgehalten. Nach Abschluss der Verhandlungen hob Amtschef Kammler das \u201eau\u00dferordentlich gro\u00dfe Bauvolumen\u201c des Bauvorhabens hervor, das er \u201eSonderprogramm Prof. Speer\u201c nannte. Speer h\u00f6rte auch Himmlers ber\u00fcchtigte Rede auf der Gauleitertagung in Posen am 3.10.1943, in der dieser die Praxis der Massenvernichtung offenlegte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"608\" height=\"800\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5851\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-2.jpg 608w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-2-228x300.jpg 228w\" sizes=\"(max-width: 608px) 100vw, 608px\" \/><figcaption> Modell Berlins von 1939 zur Neugestaltung nach Speers Pl\u00e4nen: Blick vom geplanten S\u00fcdbahnhof \u00fcber den Triumph\u00adbogen bis zur Gro\u00dfen Halle (Nord-S\u00fcd-Achse). Quelle: Von Bundesarchiv, Bild 146III-373 \/ CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5484311<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im selben Jahr erfolgte Speers Berufung zum Reichsminister\nf\u00fcr R\u00fcstung und Kriegsproduktion. In dieser Funktion war er f\u00fcr die Ausbeutung\nund Vernichtung Tausender von Zwangsarbeitern und KZ-H\u00e4ftlingen verantwortlich,\nmit deren Hilfe er die Kriegs- und R\u00fcstungsziele zu erreichen suchte. Speer\nkonnte seinen Machtbereich erheblich ausdehnen: Im Juli 1943 kam die\nMariner\u00fcstung hinzu. Im September \u00fcbernahm er wesentliche Funktionen des\nReichswirtschaftsministeriums. Damit war er auch f\u00fcr die wichtigsten Bereiche\nder zivilen Wirtschaft zust\u00e4ndig \u2013 jetzt lautete sein Titel \u201eReichsminister f\u00fcr\nR\u00fcstung und Kriegsproduktion\u201c. Schlie\u00dflich \u00fcbernahm er 1944 auch die\nLuftr\u00fcstung. Bis zum Herbst 1944 stieg die R\u00fcstungsproduktion in einer als\nerstaunlich wahrgenommenen Weise an, trotz der Zerst\u00f6rungen durch alliierte\nBombenangriffe. Sp\u00e4ter sprach man zum Teil von einem \u201eR\u00fcstungswunder\u201c. <\/p>\n\n\n\n<p>Zu dieser Zeit begannen seine Handlungen widerspr\u00fcchlich zu\nwerden, er erkannte die bevorstehende Niederlage. So f\u00fchrte er heftige\nAuseinandersetzungen mit Joseph Goebbels: W\u00e4hrend Speer die R\u00fcstungsproduktion\nsteigern wollte, suchte Goebbels dieser die Arbeiter zu entziehen, um sie der\nWehrmacht zuzuf\u00fchren. Im M\u00e4rz 1945 verweigerte Speer die Ausf\u00fchrung des Befehls\n\u201everbrannte Erde\u201c, die gesamte deutsche Infrastruktur zu zerst\u00f6ren. Hitler\nernannte Speers Stellvertreter Karl Saur in seinem Politischen Testament vom\n29. April 1945 zu Speers Nachfolger. Speer widersetzte sich nicht. Am 24. April\ntraf er sich in Berlin ein letztes Mal mit Himmler, wobei offen bleibt, ob er\nbei diesem Treffen sondieren wollte, inwieweit er Himmlers Kontakte zu\nMittelsm\u00e4nnern im Westen f\u00fcr sich selbst nutzen k\u00f6nne. Jedenfalls hielt er sich\nanschlie\u00dfend bei Karl D\u00f6nitz in Schleswig-Holstein auf und geh\u00f6rte nach Hitlers\nTod dem Kabinett D\u00f6nitz an, bevor er am 23. Mai 1945 von den Briten auf Schloss\nGl\u00fccksburg verhaftet wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er sich zu einer Mitschuld bekannte, gar ein eigenes\nGasattentat auf Hitler erfand, wurde er 1946 durch das Internationale\nMilit\u00e4rtribunal in N\u00fcrnberg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit f\u00fcr\nschuldig befunden und zu einer 20j\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilt, die er bis\n1966 als \u201eH\u00e4ftling Nr. 5\u201c im internationalen Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis in Berlin-Spandau\nverb\u00fc\u00dfte. Seine langj\u00e4hrige Sekret\u00e4rin Annemarie Kempf hatte als Zeugin durch\npositive Aussagen und gesammeltes Entlastungsmaterial versucht, das Urteil zu\nmildern. Der Todesstrafe entkam Speer nur sehr knapp. Zun\u00e4chst votierten der\nsowjetische und der amerikanische Richter f\u00fcr Tod durch den Strang, w\u00e4hrend der\nfranz\u00f6sische sowie der britische Richter eine Haftstrafe verh\u00e4ngen wollten. Da\neine Mehrheit notwendig war, musste sp\u00e4ter die Abstimmung wiederholt werden, in\nder sich der amerikanische Richter schlie\u00dflich umstimmen lie\u00df. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeine Nase gedreht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Haft verfasste er seine Memoiren. Deren Dreh- und Angelpunkt ist die pers\u00f6nliche Beziehung zwischen ihm und Hitler; sie zeigen, in welchem Umfang er von dem Diktator psychisch abh\u00e4ngig war \u2013 in seinem \u201eBann\u201c stand, wie er selbst formulierte. Da von anderen F\u00fchrungsgestalten des Dritten Reiches keine Memoiren vorliegen, kommt den Speer-Erinnerungen (1969) und seinen \u201eSpandauer Tageb\u00fcchern\u201c (1975), die die Memoiren fortsetzten und erg\u00e4nzten, eine erhebliche Bedeutung als Quelle zu. Doch damit konstruierte Speer die Legende von seiner Schuldlosigkeit auf literarischer und filmischer Ebene als unpolitischer Technokrat, ja \u201eguter Nazi\u201c weiter. Dabei unterst\u00fctzte ihn unabsichtlich Hitler-Biograph Joachim Fest, der 1969 einen dokumentarischen Film mit Speer drehte und sp\u00e4ter \u00e4u\u00dferte, Speer habe \u201euns allen mit der treuherzigsten Miene der Welt eine Nase gedreht.\u201c Bei Speers Entlassung waren Hunderte Journalisten und Tausende Zuschauer zugegen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1009\" height=\"774\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5852\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-3.jpg 1009w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-3-300x230.jpg 300w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-3-768x589.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1009px) 100vw, 1009px\" \/><figcaption>Speers Bestseller. Quelle: eigene Darstellung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Von Verlegerseite bekam Speer bei der Konstruktion seiner\ngesch\u00f6nten Lebensgeschichte unfreiwillige Unterst\u00fctzung durch Wolf Jobst\nSiedler, der seine B\u00fccher verlegte: Neben den \u201eErinnerungen\u201c 1981, f\u00fcr deren\nVorabdruck Speer von der <em>Welt<\/em> 600.000\nDM kassierte, auch \u201eDer Sklavenstaat &#8211; Meine Auseinandersetzung mit der SS\u201c. Speers\nB\u00fccher werden zu einem der gr\u00f6\u00dften Memoirenerfolge der Bundesrepublik:\n\u201eDeutschlands liebster Ex-Nazi\u201c nannte ihn Klaus Wiegrefe im <em>Spiegel<\/em>. Ein Neuanfang als Architekt\nscheiterte: Einen Anschluss an moderne Tendenzen der Architektur hatte er nicht\ngesucht, zum Bauhaus und zu Repr\u00e4sentanten der Moderne wie Mies van der Rohe\nund Le Corbusier stand er in Distanz. Er lebte \u00fcberwiegend in der Heidelberger\nStadtvilla seines Vaters und verkaufte regelm\u00e4\u00dfig auch heimlich Werke aus einer\nNS-Raubkunst-Bildersammlung. <\/p>\n\n\n\n<p>Speers Ver\u00f6ffentlichungen verursachten ein Zerw\u00fcrfnis mit vielen ehemaligen Mitarbeitern und Weggef\u00e4hrten, die ihm \u2013 \u00e4hnlich wie Kreise der intellektuellen Linken \u2013 vorwarfen, sich wie in den 1930er Jahren erneut v\u00f6llig dem Zeitgeist zu unterwerfen. Demnach sei Speer ein \u00fcberzeugungsloser Opportunist, der versuchte, in der \u00d6ffentlichkeit der Bundesrepublik Fu\u00df zu fassen. Es kam zum endg\u00fcltigen Zusammenbruch seiner Beziehung zu seinem engen Freund aus Studienzeiten, Rudolf Wolters. Dieser stie\u00df sich vor allem an der Diskrepanz zwischen Speers \u00f6ffentlichen Bu\u00df-Bekenntnissen und seinem Lebensstil sowie Speers angeblichem Bruch mit Hitler. Albert Speer, so Wolters, sei \u201eein Mann, f\u00fcr den Geld und Geltung entscheidend waren\u201c. In der Folge machte Wolters seine Akten dem Historiker Matthias Schmidt zug\u00e4nglich, der 1982 eine erste kritische Biografie ver\u00f6ffentlichte. Im Jahr zuvor war Speer nach einem <em>BBC<\/em>-Interview in einem Hotelzimmer in London im Beisein seiner deutsch-englischen Freundin an einem Schlaganfall verstorben und in Heidelberg begraben worden. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"707\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-4-707x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5853\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-4-707x1024.jpg 707w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-4-207x300.jpg 207w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-4-768x1113.jpg 768w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/08\/Speer-4.jpg 800w\" sizes=\"(max-width: 707px) 100vw, 707px\" \/><figcaption>Speer, Hitler und Arno Breker in Paris. Quelle: Von Autor unbekannt oder nicht angegeben &#8211; U.S. National Archives and Records Administration, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=16454191<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eSpeer ist ein Prototyp f\u00fcr die gesellschaftliche Gruppe der\nFunktionseliten, die sich bewusst f\u00fcr Hitler entschieden und dem\nNationalsozialismus durch ihre Fachkenntnisse erst seine eigentliche Dynamik gegeben\nhaben\u201c, bilanziert der Historiker Magnus Brechtken. \u201eOhne die ganzen Mediziner,\nJuristen und Verwaltungsfachleute h\u00e4tte die Herrschaft gar nicht so gut\nfunktionieren k\u00f6nnen. Speer war im Grunde nur einer der Engagiertesten,\nEhrgeizigsten und Flei\u00dfigsten. Deswegen war er nach 1945 auch die ideale Figur\nf\u00fcr alle, die sagen wollten: \u201aIch habe zwar mitgemacht, aber von den Verbrechen\nhabe ich nichts mitbekommen.\u2018 Selbst Leute, die ganz vorne mitmarschiert sind,\nwaren ja hinterher angeblich nicht beteiligt. Speer wusste wie alle anderen\ngenau, was er getan hatte. Er hat das nachher sehr erfolgreich geleugnet und\nverdr\u00e4ngt.\u201c Zeitlebens r\u00e4umte er eine Gesamtverantwortung ein. Pers\u00f6nliche\nSchuld aber nie.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er plante Hitlers \u201eGermania\u201c, war unter ihm Superminister und wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt: Albert Speer, der als einziger in N\u00fcrnberg eine NS-Mitverantwortung zugab. Vor 40 Jahren starb er. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5846"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5846"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5846\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5854,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5846\/revisions\/5854"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5846"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5846"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5846"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}