{"id":5863,"date":"2021-10-21T06:12:13","date_gmt":"2021-10-21T05:12:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5863"},"modified":"2021-09-30T19:55:49","modified_gmt":"2021-09-30T18:55:49","slug":"der-grossvater-karls-des-grossen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5863","title":{"rendered":"Der Gro\u00dfvater Karls des Gro\u00dfen"},"content":{"rendered":"\n<p>Der italienische Liedermacher Fabrizio Cristiano de Andr\u00e9 widmete\nihm noch Ende der 1960er Jahre eine 28 Terzetten umfassende Ballade. Das Lied\nbelegt in poetischer Weise, dass der fr\u00e4nkische Herrscher Spuren hinterlassen\nhat, die bis in unsere Gegenwart hinein reichen. Der \u00f6sterreichische Medi\u00e4vist\nAndreas Fischer wei\u00df in der <em>Welt<\/em>, dass\nma\u00dfgeblich seine milit\u00e4rischen Erfolge dazu beigetragen haben, die ihm ab 875 seine\nBeinamen Tudites (\u201eSto\u00dfer\u201c), sp\u00e4ter Malleus bzw. Martellus (\u201eHammer\u201c)\neinbrachten: \u201eInsbesondere sein Sieg \u00fcber die Araber und Berber in der Schlacht\nbei Poitiers im Jahr 732 hat ihn zur Identifikationsfigur f\u00fcr die Verteidigung\ndes christlichen Europa gegen den Islam werden lassen.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>Allerdings hinterlie\u00df die Schlacht auch in der sp\u00e4teren\narabischen Geschichtsschreibung tiefe Furchen \u2013 und kommt freilich in ihrer\nSynthese zu einem anderen Ergebnis, wie, auch in der <em>Welt<\/em>, der Bonner Islamist Stephan Conermann berichtet: \u201eZur\nVerteidigung der eigenen Kultur hat man Anfang des 20. Jahrhunderts von\narabischer Seite behauptet, wenn dieser Karl uns nicht besiegt h\u00e4tte, dann\nh\u00e4tten wir eben tats\u00e4chlich das gesamte Abendland besiegt. Dann w\u00e4re es\nallerdings auch nie dazu gekommen, dass Europa uns im 16., 17., 18. Jahrhundert\nso besiegt und so dominiert h\u00e4tte wie es jetzt der Fall ist.\u201c Wie auch immer \u2013\ner st\u00e4rkte damit seine Stellung innerhalb der fr\u00e4nkischen Notablen und wurde\nzum Begr\u00fcnder der Karolinger-Dynastie: Karl Martell, der am 22. Oktober 741 in\nder K\u00f6nigspfalz Quierzy nach schwerer Krankheit ruhig im Bett starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war seine dynastische Karriere gar nicht vorgesehen: Der Sohn Pippins des Mittleren &#8211; der zuerst Hausmeier in Austrasien, sp\u00e4ter Neustrien war -, kam zwischen 688 und 691 unehelich zur Welt und wurde von Bischof Rigobert von Reims getauft. \u00dcber das Verh\u00e4ltnis des Heranwachsenden zu seinem Vater, seinen Halbbr\u00fcdern Drogo und Grimoald und seiner Stiefmutter Plektrud ist nichts bekannt. Ebenso unklar sind seine Ausbildung, sein tats\u00e4chliches Aussehen und seine Jugend; angeblich lernte er nie richtig lesen und schreiben. Er ist der einzige zur Herrschaft aufgestiegene Karolinger, \u00fcber dessen Aktivit\u00e4ten vor dem Tod seines Vaters keine Nachrichten vorliegen, und wurde, anders als die beiden S\u00f6hne von Pippin, in keiner Weise an der Herrschaftsaus\u00fcbung beteiligt. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"1001\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-19-1024x1001.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5905\"\/><figcaption>Karl Martell. Quelle: https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/history\/mobile100679096\/8552508707-ci102l-w1024\/Martell5-DW-Sonstiges-Monte-Carlo-jpg.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>705 heiratete er Chrotrud, die ihm die S\u00f6hne Karlmann und\nPippin den J\u00fcngeren sowie die Tochter Hiltrud geb\u00e4ren wird. Es sei eine\nLiebesheirat gewesen, wird bis heute kolportiert: Laut Thomas R.P. Mielke\nf\u00fchrte Karl stets einen Becher mit sich, der aus der Wurzel des Rosenbuschs\ngeschnitzt war, unter dem Karl und Chrotrud das erste Mal beieinander lagen.\nNach ihrem Tod 725 ehelicht er die bayrische Prinzessin Swanahild, mit der er\nnoch den Sohn Grifo bekommt. Diese Ehe bildete die Grundlage f\u00fcr\nfreundschaftliche Beziehungen zum Langobardenk\u00f6nig Liutprand. Mit seiner\nNebenfrau Ruadheid zeugt er noch drei weitere S\u00f6hne, darunter Remigius, sp\u00e4ter Bischof\nvon Rouen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>&nbsp;\u201esorgte f\u00fcr das eigene Seelenheil vor\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da die beiden Halbbr\u00fcder fr\u00fch starben, sicherte Plektrud nach\nPippins Tod 714 ihrem Enkel Theudoald die Nachfolge im Hausmeieramt und nahm, um\nAnspr\u00fcchen Karls vorzubeugen, ihn kurzerhand in Haft: die \u201epippinidisch-karolingische\nSukzessionskrise\u201c begann. Gegen Plektrud rebellierten zun\u00e4chst neustrische\nGro\u00dfe, die 715 Theudoald besiegten, 716 einen M\u00f6nch Daniel als neuen K\u00f6nig Chilperich\nII. erhoben und bis nach K\u00f6ln vordrangen, um sich Plektruds Sch\u00e4tzen zu\nbem\u00e4chtigen. Unterdessen war es Karl gelungen, aus der Haft zu entkommen, f\u00fchrende\nAnh\u00e4nger Plektruds auf seine Seite zu ziehen und sich die Unterst\u00fctzung des\nangels\u00e4chsischen Missionars Willibrord zu sichern. Nach einer Niederlage gegen\ndie Friesen von Radbod &nbsp;&#8211; es blieb zeitlebens\nseine einzige &#8211; besiegte er die Neustrier 716\/17 in zwei Schlachten. Anschlie\u00dfend\nbelagerte er Plektruds K\u00f6lner Residenz und zwang sie zur Herausgabe des\nmerowingischen K\u00f6nigsschatzes, womit der \u00dcbergang der Herrschaft\nversinnbildlicht wurde: Der K\u00f6nigsschatz als Machtmittel erm\u00f6glichte es seinem\nBesitzer, Gefolgsleute materiell zu belohnen und so deren Loyalit\u00e4t zu sichern.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Plektrud gab ihre politischen Ambitionen auf und wurde Stifterin des K\u00f6lner Konvents von St. Maria im Kapitol. Nach mehrj\u00e4hrigen Wirren erkannte Karl Chilperich an &#8211; ein kluger Schachzug, denn so konnten die Neustrier an ihrem K\u00f6nig festhalten, w\u00e4hrend Karl damit die Akzeptanz seiner Herrschaft erh\u00f6hte. Nach Chilperichs Tod 721 erhob er mit dem etwa zehnj\u00e4hrigen Theuderich IV. einen neuen Merowingerk\u00f6nig und beendete zwei Jahre sp\u00e4ter die Sukzessionskrise, indem er zwei Halbneffen Drogos inhaftieren lie\u00df, da er Anspr\u00fcche von ihnen bef\u00fcrchtete. Bis 737 nun versuchte er als \u201eReisek\u00f6nig\u201c seine Herrschaft auch an den \u00e4u\u00dferen Grenzen des Frankenreichs zur Geltung zu bringen. Die kriegerischen Aktivit\u00e4ten richteten sich gegen die V\u00f6lker der Friesen, Sachsen, Alemannen und Bayern sowie die Regionen Aquitanien, Burgund und Provence. Dabei variierte das Ausma\u00df der Einverleibung der jeweiligen Territorien: Offenbar beabsichtigte Karl die nicht immer.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"642\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-20-1024x642.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5906\"\/><figcaption> Ausschnitt aus der Belagerung von Avignon. Quelle: Von Autor unbekannt &#8211; http:\/\/www.bl.uk\/catalogues\/illuminatedmanuscripts\/ILLUMIN.ASP?Size=mid&amp;IllID=43773, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=59392215<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So veranstaltete er mehrere Strafexpeditionen gegen die\nSachsen als Vergeltungsschl\u00e4ge f\u00fcr deren Vorst\u00f6\u00dfe und betrieb die Eingliederung\nAlemanniens ins Frankenreich. Mit Karls Hilfe gr\u00fcndete der heute als heilig\nverehrte Abtbischof Pirmin zwischen Bodensee\/Schwarzwald und Vogesen mehrere\nKl\u00f6ster, darunter Reichenau (724), Gengenbach (nach 727) und Maursm\u00fcnster (728).\nDie Eingliederung Mainfrankens und Th\u00fcringens gelang Karl ohne Kriegszug, auch\nhier kam es durch Bonifatius zur Gr\u00fcndung von Kl\u00f6stern, ja ganzen Bist\u00fcmern. Die\nHildesheimer Historikerin Monika Suchan beschreibt diese Herrschaftspraxis im <em>DLF<\/em> so: \u201eEr band Gefolgsleute und\nFamilienangeh\u00f6rige durch die \u00dcbertragung von Funktionsstellen wie Bischofs-\noder Abtsw\u00fcrden an sich, setzte sich aber auch f\u00fcr den Schutz kirchlichen und\nkl\u00f6sterlichen Besitzes ein und sorgte damit f\u00fcr das eigene Seelenheil vor.\u201c\nAndererseits s\u00e4kularisierte er auch Kircheneigentum nach Belieben, um seine\nArmee zu finanzieren. Im weiteren Verlauf des Mittelalters bildeten sich daher zwei\nErinnerungsstr\u00e4nge heraus: Das negative Bild eines Kirchenr\u00e4ubers und das\nh\u00f6chst positive eines glorreichen Feldherrn.<\/p>\n\n\n\n<p>734 besiegte er das Heer der Friesen und t\u00f6tete Herzog Bubo\n(Poppo) in der Schlacht an der Boorne, womit der Niedergang des Friesischen\nGro\u00dfreichs begann. Auch in Bayern mischte er sich ein und unterwarf zuletzt\nschrittweise Burgund und die Provence. Der Koblenzer Medi\u00e4vist Ulrich Nonn\nbilanziert im <em>DLF<\/em>: \u201eSein ganzes Leben\nist im Wesentlichen gepr\u00e4gt von einer Vielzahl von Feldz\u00fcgen. Es gibt in den\nkargen Annalen, den Jahrb\u00fcchern aus dieser Zeit, zum Jahr 740 ist es, glaube\nich, die Nachricht: kein Feldzug. Das wurde als eine Besonderheit dargestellt,\nweil Karl fast jedes Jahr \u2013 sei es gegen Sachsen an der Grenze, sei es gegen\nAlemannen, sei es gegen Aquitanien, also modern: im S\u00fcden Frankreichs k\u00e4mpfte,\nund eben in einer Reihe von Schlachten gegen die gro\u00dfe Bedrohung der\nSarazenen.\u201c Denn letztere setzten 711 bei Gibraltar \u00fcbers Mittelmeer,\nzerschlugen s\u00e4mtliche Heere der spanischen Westgoten und eroberten nur drei\nJahre sp\u00e4ter fast die gesamte iberische Halbinsel.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein zu Eis\nerstarrter G\u00fcrtel\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die Pyren\u00e4en ging die Invasion jetzt nordw\u00e4rts; 725 wird das Heer des Herzogs Eudo von Aquitanien geschlagen. Eudo flieht nach Paris, in Karls Residenz, und macht ihm Angst: Die wilden Reiter aus dem Morgenland seien pfeilschnell, grausam und zahllos, verspeisen mit Vorliebe Herz und Leber ihrer gefallenen Gegner und pl\u00fcndern und sengen, so dass ganz S\u00fcdfrankreich einer W\u00fcstenei gleiche. Karl springt darauf an, wei\u00df aber, dass er sich auf sein kampferprobtes Heer verlassen kann. Das besteht zum einen aus dem mit der \u201eFrancisca\u201c bewaffneten Fu\u00dfvolk &#8211; einer Streitaxt, die mit einer Schnur auf kurze Distanz gegen den Feind geschleudert wird und f\u00fcr deren Zustand ihr Tr\u00e4ger pers\u00f6nlich verantwortlich ist: F\u00fcr Nachl\u00e4ssigkeit sind hohe Geldstrafen f\u00e4llig. Karls entscheidende Streitkraft bilden zum anderen die schweren Reiter auf holzverst\u00e4rkten Leders\u00e4tteln und Steigb\u00fcgeln mit Helm, Beinschienen und Panzerhemden; die Ausfuhr letzterer war bei Todesstrafe verboten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"842\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/1024px-Steuben_-_Bataille_de_Poitiers-1024x842.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-5907\"\/><figcaption>Schlacht von Poitiers, gemalt von Carl von Steuben. Quelle: Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=363367<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Abd er-Rachman, Feldherr des m\u00e4chtigen Kalifen von Damaskus,\nwei\u00df zwar, dass bei diesen schweren Kavalleristen Vorsicht geboten ist. Doch\nals ihm seine Sp\u00e4her melden, das Frankenheer sei mit allenfalls 15.000 Mann\nl\u00e4cherlich klein, wird er wagemutig: Schlie\u00dflich haben die Truppen der Moslems\nnoch nie eine Niederlage im Feld erlitten. Normalerweise sind die arabischen\nHeere jener Zeit allen anderen an Beweglichkeit weit \u00fcberlegen. Doch auf ihrem\nRaubzug haben sich die leicht bewaffneten und berittenen Soldaten derart mit\nBeute bepackt, dass sie diesen Vorteil einb\u00fc\u00dfen. Karl hingegen l\u00e4sst nur wenig\nGep\u00e4ck zu und kann die Araber ausman\u00f6vrieren. Bei Tours verlegt er ihnen den\nWeg. Abd er-Rachman hat nur zwei M\u00f6glichkeiten: Kampf oder R\u00fcckzug. Letzteres\nist f\u00fcr den stolzen Moslem undenkbar, also w\u00e4hlt er am 10. Oktober 732 (nach\nanderen Angaben auch am 18. oder 25.) mit knapp 50.000 Mann die Offensive.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Schlachtordnung der Araber besteht aus drei Linien mit\nallegorischen Titeln: Die erste \u201eMorgen des Hundegebells\u201c wird von\nausgeschw\u00e4rmten Reitern gebildet; die zweite \u201eTag der Hilfe\u201c und die dritte\n\u201eAbend der Ersch\u00fctterung\u201c bestehen aus dichten Reiter- und Fu\u00dfvolkkolonnen. Die\nunaufh\u00f6rlichen Angriffe der arabischen Kavallerie prallen an dem Fu\u00dfvolk der\nFranken ab. Der spanische Chronist Isidorus Pacensis berichtet: \u201eDie M\u00e4nner aus\ndem Norden standen bewegungslos wie eine Mauer. Wie ein zu Eis erstarrter\nG\u00fcrtel wichen sie nicht und erschlugen ihre Feinde mit dem Schwert.\u201c Karl\nbeschlie\u00dft nun, diesen Erfolg auszunutzen, und l\u00e4sst seine Panzerreiter\neingreifen. Er durchbricht an ihrer Spitze die feindlichen Reihen, dringt bis\nzum arabischen Hauptlager vor und vernichtet alles, was sich den Franken in den\nWeg stellt. Dass er pers\u00f6nlich seinen Widersacher Abd er-Rachman erschlagen\nhat, ist eine fromme Legende \u2013 der Feldherr kommt w\u00e4hrend der regellosen Flucht\nums Leben. Paulus Diaconus gab in der Historia Langobardorum die Verluste der\nSarazenen mit 375.000 Mann an; auf fr\u00e4nkischer Seite seien nur 1.500 Mann\ngefallen. Real d\u00fcrften es 5.000 bzw. 1.000 sein.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eRetter des\nAbendlandes\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter beginnt mit dem Tod von Theuderich Karls kurze Zeit der Alleinherrschaft: Bis zu seinem Tod regiert er das fr\u00e4nkische Gesamtreich allein, er war Hausmeier ohne K\u00f6nig &#8211; eine in der Geschichte des Frankenreichs bislang einmalige Konstellation, deren Beurteilung die ung\u00fcnstige Quellenlage dieses Zeitraums erschwert. Er hatte seine Stellung durch seine milit\u00e4rischen Erfolge weitgehend abgesichert, dadurch auch sein Ansehen gesteigert und zugleich wichtige Positionen mit seinen Gefolgsleuten und Verwandten besetzt. Seine Stellung als \u201eerw\u00e4hlter Hausmeier\u201c lie\u00df er laut Andreas Fischer und Matthias Becher von den Franken auf einer Reichsversammlung absichern. Damit setzte sich die Entwicklung zur k\u00f6nigsgleichen Herrschaft der Hausmeier fort: Seit 697 ist keine einzige Hofversammlung in Anwesenheit des K\u00f6nigs \u00fcberliefert. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"828\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-21-1024x828.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5908\"\/><figcaption> Vor seinem Tod teilt Karl  Martell das Reich zwischen seinen S\u00f6hnen Karlmann und Pippin auf.  Buchmalerei in einer Handschrift der <em>Grandes Chroniques de France<\/em>, Quelle: Von Autor unbekannt &#8211; Dieses Bild stammt aus der Digitalen Bibliothek Gallica und ist verf\u00fcgbar unter der ID btv1b55013869k\/f149, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=8999821<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am Ende dieses Prozesses waren die merowingischen K\u00f6nige nur\nnoch Marionetten der rivalisierenden Adelsfraktionen. Denn Karl hatte vor\nseinem Tode eine Reichsteilung nach K\u00f6nigsart vorgenommen, indem er dem \u00e4lteren\nSohn Karlmann Austrien mit Alemannien und Th\u00fcringen, Pippin dem J\u00fcngeren\nNeustrien mit Burgund und der Provence zusprach \u2013 er wird der Vater Karls des\nGro\u00dfen werden. Grifo sollte im Reichsinnern ausgestattet werden; Bayern und\nAquitanien blieben au\u00dferhalb dieser Teilung. Ihren Halbbruder Grifo und dessen\nMutter setzten Pippin und Karlmann nach Karls Tod gefangen und nahmen 742 eine\nerneute Reichsteilung vor, die Grifo nicht mehr ber\u00fccksichtigte. Veranlasst\ndurch Aufst\u00e4nde erhoben sie 743 mit Childerich III. letztmals einen\nMerowingerk\u00f6nig. Mit Pippins Erhebung zum K\u00f6nig der Franken endete 751 die\nPhase von machtvollem Hausmeier und schwachem K\u00f6nig. Den letzten\nMerowingerk\u00f6nig setzte Pippin ab und wies ihn ins Kloster ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Bestatten lie\u00df sich Karl Martell in der einstigen\nAbteikirche Saint-Denis, seit 564 Grablege aller fr\u00e4nkischen und lange Zeit\nauch der franz\u00f6sischen Herrscher. Ab Mitte des 11. Jahrhunderts verblasste im\nReich die Erinnerung an Karls Sieg; f\u00fcr Marianus Scottus und Frutolf von\nMichelsberg war die Schlacht keinen Jahreseintrag wert. Eine Aufwertung seiner\nStellung erfuhr er im 13. Jahrhundert: Bei der Grabmalanordnung unter Ludwig\nIX. 1246\/47 wurde er in die Reihe der K\u00f6nige eingeordnet. Der britische\nHistoriker Edward Gibbon nannte ihn 1788 erstmals \u201eRetter des Abendlandes\u201c und\nbehauptete, ohne den Sieg Karls h\u00e4tte es l\u00e4ngst in Paris und London Moscheen\ngegeben, und in Oxford w\u00e4re statt der Bibel der Koran gelehrt worden. Ein\nSchlachtschiff der franz\u00f6sischen Kriegsmarine wurde 1897 nach Karl Martell\nbenannt. Seit den 1990er Jahren mehren sich dagegen Stimmen, welche die\nBedeutung von Karls Schlachtensieg relativieren und den Erfolg als Abwehr einer\ninsgesamt schon abflauenden Bewegung ansehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 2020, nach der vorl\u00e4ufigen Urlaubs-Wieder\u00f6ffnung\nder pandemiegeschlossenen Grenzen, ver\u00f6ffentlichte die <em>FAZ<\/em> \u00fcbrigens eine Anti-Serie \u201eReisewarnungen\u201c mit Zielen, \u201edie man\ntunlichst vermeiden sollte\u201c. Gleich die zweite Folge widmete sich dem\nfranz\u00f6sischen Poitiers. Darin hie\u00df es: \u201eEs lohnt sich nicht. Es gibt nichts zu\nsehen, au\u00dfer einer alten, d\u00fcsteren Kathedrale, ein paar unbehauenen\nSteinbl\u00f6cken aus der Vorzeit und einer Erinnerungstafel an eine Schlacht im 8.\nJahrhundert, bei der Karl Martell die Muslime zur\u00fcckgeschlagen haben soll.\nInzwischen wird die Bedeutung der Schlacht von Historikern angezweifelt. Dass\ndas Abendland hier gerettet wurde, glauben nur noch ein paar Identit\u00e4re, die\nauf dem Dach der \u00f6rtlichen Moschee mit Plakaten fuchteln, auf denen steht:\n\u201aGallier wach auf, Du bist hier zu Hause\u2018.\u201c So tragen Medien Tradition und\nGeschichte nicht weiter, sondern schreiben sie bewusst klein und schaffen sie damit\nab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gewann die Schlacht von Poitiers, stieg so zum \u201eRetter des Abendlands\u201c auf und begr\u00fcndete die Dynastie der Karolinger: Karl Martell. Vor 1280 Jahren starb er. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5863"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5863"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5863\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5909,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5863\/revisions\/5909"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5863"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5863"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5863"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}