{"id":5865,"date":"2021-10-27T06:17:41","date_gmt":"2021-10-27T05:17:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5865"},"modified":"2021-10-27T18:59:20","modified_gmt":"2021-10-27T17:59:20","slug":"genosse-pablo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5865","title":{"rendered":"\u201eGenosse Pablo\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Kein anderer K\u00fcnstler seiner Generation war, noch dazu bis\nins hohe Alter, so produktiv: Allein sein k\u00fcnstlerischer Nachlass wurde 1976\nauf einen Wert von 1,275 Milliarden Franc gesch\u00e4tzt. Er umfasst: 1885 Gem\u00e4lde,\n7089 Zeichnungen, 19.134 Grafiken, 3222 Keramik-Arbeiten, 1228 Skulpturen und\nObjekte sowie 175 Skizzenb\u00fccher mit rund 7000 Zeichnungen, die er oft als\nVorskizzen zu gro\u00dfen Arbeiten angefertigt hat. Hinzu kommen Gedichte,\nSchauspiele &#8211; eins \u00fcbersetzte Paul Celan (\u201eTodesfuge\u201c) ins Deutsche -, Kost\u00fcme\nund B\u00fchnenbilder. Schon damit nimmt er eine Ausnahmestellung in der neueren\nKunstgeschichte ein. Weil er kein Testament hinterlie\u00df, zerstritten sich seine Erben\nheillos und zahlten die Erbschaftssteuer in Kunst: Gem\u00e4lde, Zeichnungen und\nSkulpturen, die zum Grundstock seines 1985 er\u00f6ffneten Museums in Paris wurden, das\nbis heute Publikumsmagnet ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei zeugen die Schicksale seiner Erben von seinem eigenartigen Verwobensein mit dem Tod. Enkel Pablito versuchte sich unmittelbar nach dem Tod des Gro\u00dfvaters zu vergiften und starb mehrere Monate sp\u00e4ter. Sohn Paulo erlag 1975 seiner Drogen- und Alkoholsucht. Marie-Th\u00e9r\u00e8se Walter, die langj\u00e4hrige Geliebte des Malers, erh\u00e4ngt sich 1977; und seine zweite Ehefrau, Jacqueline Roque, erschoss sich 1986. Doch schon als Jugendlicher musste er den Tod seiner achtj\u00e4hrigen Schwester Conchita verkraften, als junger Mann den Selbstmord seines K\u00fcnstlerfreundes Carles Casagemas, in dessen Pariser Haus er dann zog. Als Reaktion auf den Suizid begann er seinen ersten Schaffensabschnitt, die \u201eBlaue Periode\u201c, mit schwerm\u00fctigen, pessimistischen, naturalistischen Bildern, die oft abgemagerte Menschen im Elend zeigen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5910\"\/><figcaption>Picasso 1962. Quelle: Von Argentina. Revista Vea y Lea &#8211; http:\/\/www.magicasruinas.com.ar\/revistero\/internacional\/pintura-pablo-picasso.htm, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3257370<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zeitlebens wird er auch mit Russland\/der Sowjetunion\neigenartig verwoben sein. Seine erste Frau Olga Koklowa war eine russische\nPrimaballerina. Der Textilmagnat Sergej Schtschukin kaufte seit 1908 \u00fcber 50\nseiner Bilder und legte damit den Grundstock f\u00fcr das 1923 gegr\u00fcndete Museum f\u00fcr\nNeue Westliche Kunst in Moskau. Die weltweit erste Monografie \u00fcber den K\u00fcnstler\nwurde 1917 in Russland ver\u00f6ffentlicht. F\u00fcr Igor Strawinskys Ballett \u201e<em>Pulcinella\u201c (1920)<\/em> schuf er die\nB\u00fchnenbilder. Der befreundete Schriftsteller Ilja Ehrenburg, der ihn halb im\nScherz \u201eguter Teufel\u201c nannte, half 1956, seine Parallelausstellung in Moskau\nund Leningrad zu organisieren, mit der die Tauwetter-Periode nach der\nStalin-\u00c4ra begann. Der Andrang war so gro\u00df, dass die Besucher die ganze Nacht\nSchlange standen und er das Publikum beruhigen musste: \u201eSie haben 25 Jahre auf\ndiese Ausstellung gewartet, jetzt k\u00f6nnen Sie auch noch 25 Minuten warten\u201c. 1962\n\u00fcberbrachte er ihm gar noch den Lenin-Friedenspreis: Pablo Ruiz y Picasso, der\nam 25. Oktober vor 140 Jahren in Malaga geboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Das Wunderkind als Autodidakt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Sein Vater ist Maler und Zeichenlehrer an der\nKunstgewerbeschule, Malmaterial steht bei ihnen \u00fcberall zu Hause herum. Sein\nVater sieht in ihm das \u201eWunderkind\u201c und unterrichtete ihn schon fr\u00fch in\nakademischem Zeichnen. Sein erstes Bild ist gleich ein \u00d6lgem\u00e4lde \u2013 \u201eDer kleine\nPikador\u201c, wozu ihn der Besuch eines Stierkampfes inspiriert hat. Da ist Pablo\ngerade mal 9 Jahre alt. 1892 wird er an der Kunstschule von Malaga aufgenommen.\nNeben dem normalen Schulunterricht malt und zeichnet Pablo in jeder freien\nMinute und qualifiziert sich schnell f\u00fcr h\u00f6here Ausbildungsg\u00e4nge. Nach der\nOberstufe wechselt er an die Kunstakademie in Barcelona, kurz danach an die\nrenommierte Akademie San Fernando in Madrid. Aber die Unterrichtsmethoden\ngefallen dem jungen Maler nicht. Schon nach einem halben Jahr verl\u00e4sst er das\nInstitut \u2013 und bildet sich fortan selbst aus und weiter. <\/p>\n\n\n\n<p>1895 schuf er sein erstes gro\u00dfes Bild im akademischen Stil \u201eDie Erstkommunion\u201c. Seinen Wissensdurst stillt er in Museen, Salons und Ateliers, er studiert die Techniken anderer K\u00fcnstler und saugt alles auf, was um ihn herum an neuartiger Kunst, Literatur und Musik entsteht. 1899 wurde er Mitglied der Gruppe \u201eDie vier Katzen\u201c und hatte 1900 eine erste gemeinsame Ausstellung. Zugleich wurden in Zeitungen seine Illustrationen ver\u00f6ffentlicht. &nbsp;Zum Leben reichen die Verk\u00e4ufe aber noch nicht, im Gegenteil. Nicht selten \u00fcbermalt er seine Bilder, weil ihm das Geld f\u00fcr neue Leinwand fehlt. Er lernt den Kunsth\u00e4ndler Pedro Manach kennen, der ihm einen monatlichen Festbetrag f\u00fcr seine Bilder anbietet. Von den Museumsdirektoren und internationalen Kunstsammlern wird Picasso sp\u00e4t entdeckt: erst 1932 hat er seine erste gro\u00dfe Einzelausstellung \u2013 im Kunsthaus Z\u00fcrich in der Schweiz.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"471\" height=\"600\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5912\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-1.jpg 471w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-1-236x300.jpg 236w\" sizes=\"(max-width: 471px) 100vw, 471px\" \/><figcaption>Picassos Isabeau. Quelle: https:\/\/uploads4.wikiart.org\/images\/pablo-picasso\/queen-isabella-1908.jpg!Large.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seiner Blauen (\u201eK\u00f6nigin Isabeau\u201c, \u201eDie Absinthtrinkerin\u201c, \u201eFrau\nmit F\u00e4cher\u201c) schloss sich dann die Rosa Periode an (\u201eM\u00e4dchen auf der Kugel\u201c, \u201eHarlekin\nund seine Gef\u00e4hrtin\u201c, \u201eDie Gaukler\u201c). Ab 1908 begr\u00fcndete Picasso mit dem Maler\nGeorges Braques den als revolution\u00e4r aufgefassten Kubismus. Der neu entwickelte\nStil ging einerseits auf afrikanische Masken zur\u00fcck und andererseits auf eine\nver\u00e4nderte \u00c4sthetikvorstellung, in der Formen und Farben als Zersplitterungen\nvorherrschen.&nbsp;Die Bildfl\u00e4che ist dabei in rhythmische Fl\u00e4chen zerkleinert.\nEine Folge davon ist, dass Formen in Zeichen aufsplittern und Farben in\nverschiedene T\u00f6ne wie Grau, Braun oder Gr\u00fcn. Geometrische Formen geben die\nGegenst\u00e4ndlichkeit wieder, Bildstrukturen werden abstrakter. Bilder wie \u201eFrau\nmit Gitarre\u201c oder \u201eMa Jolie\u201c zeugen von dieser neuen Maltechnik. 1906 macht er\ndie Bekanntschaft mit dem damals bedeutendsten franz\u00f6sischen K\u00fcnstler, Henri\nMatisse, der ihm zahlreiche Kontakte verschafft. Durch ihn lernt Picasso auch\nAmbroise Vollard kennen, der ihm alle Bilder seiner \u201eRosa Periode\u201c abkaufte und\nihn zum ersten Mal finanziell sorgenfrei macht. Sp\u00e4ter tr\u00e4gt der Kunsth\u00e4ndler\nDaniel-Henry Kahnweiler dazu bei, dass Picasso einer der teuersten K\u00fcnstler des\n20. Jahrhunderts wird.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eIch suche nicht, ich\nfinde\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In die Zeit zwischen 1911 und 1914 fiel die Anfertigung der\nersten Klebebilder, der papiers coll\u00e9s. Sp\u00e4ter verwendete Picasso noch weitere\nMaterialien wie Blech, Holz oder Sand. In der Zeit des Kubismus nutzt er aber\nauch parallel dazu andere Stile, etwa den Realismus bei seinen Portr\u00e4tarbeiten.\nF\u00fcr die Pariser Urauff\u00fchrung des Balletts \u201eParade\u201c 1917, das auf einem Einakter\nmit Gedichten Jean Cocteaus basiert und von Eric Satie komponiert wurde, entwarf\nPicasso das B\u00fchnenbild und die Kost\u00fcme \u2013 eine Z\u00e4sur in seinem Leben. Zum einen\n\u00fcbertraf das Ergebnis alle Erwartungen: Statt Ballett-Tutus trugen die T\u00e4nzer\nsperrige Kost\u00fcme aus Pappmach\u00e9, Holz und Metall \u2013 so unbequem, dass die\nBewegungen mechanisch und unbeholfen wirkten. Zum anderen lernte er dabei Olga kennen,\ndie er im Jahr darauf heiratete und mit ihr ein Kind hatte. <\/p>\n\n\n\n<p>1918 malte er sie als Ikone, als seine russische Angebetete, elf Jahre sp\u00e4ter als ein ihn verschlingendes Ungeheuer. Seine Ehe mit ihr war zerr\u00fcttet, und jahrelange Auseinandersetzungen brachten ihn an den Rand der Ersch\u00f6pfung, sodass er f\u00fcr Monate das Malen ganz aufgab: Emp\u00f6rung schreit aus jenem Bild, jedoch formuliert Picasso dort auch die Frau in ihrer ambivalenten Rolle als Gl\u00fccks- und Todesbringerin. Sechs Jahre sp\u00e4ter &#8211; die Scheidung war gescheitert, innerlich und \u00e4u\u00dferlich getrennt blieb das Paar zeitlebens juristisch aneinander gebunden &#8211; malte Picasso ein surrealistisches Portr\u00e4t von Olga, das die ganze Hohlheit eines verpfuschten Lebens in gro\u00dfen Augen darstellt. \u201eAuf das Bild vom Menschen in seinem Werk \u00fcbertr\u00e4gt Picasso sein Gegen\u00fcber intuitiv und unvoreingenommen, mit einer diagnostischen Haltung, die man von einem guten Arzt erwartet\u201c, befindet Johannes M. Fox im <em>\u00c4rzteblatt<\/em>. Daher trifft sein ber\u00fchmtes Bonmot \u201eIch suche nicht, ich finde\u201c ins Schwarze: Er findet in Portr\u00e4ts von ihm Nahestehenden vision\u00e4r deren untergr\u00fcndige psychische Befindlichkeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"413\" height=\"602\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5915\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-2.jpg 413w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-2-206x300.jpg 206w\" sizes=\"(max-width: 413px) 100vw, 413px\" \/><figcaption> Picasso vor seinem Gem\u00e4lde <em>Der Aficionado<\/em>. Quelle: Von Anonym &#8211; RMN-Grand Palais, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=65268198<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ab 1919 orientierte sich der Maler in seinem Schaffen an\nantiker Mythologie, so sehr gern am Minotaurus. Zwischen 1924 und 1926 wurden\ngro\u00dfe abstrakte Stillleben sein Schwerpunkt. Als Salvador Dal\u00ed erstmals nach\nParis reiste und Picasso besuchte, war er \u201eso tief bewegt und voller Respekt,\nals h\u00e4tte ich eine Audienz beim Papst\u201c. 1927 begegnete er Marie-Th\u00e9r\u00e8se Walter,\ndie sein Modell und seine Geliebte wurde und 1935 eine Tochter gebar. Picassos\nBilder zeichnen sich in dieser Zeit dadurch aus, dass sie fast keine Figuren\nmehr enthalten. Picasso wurde f\u00fcr die Surrealisten eine Symbolfigur der\nModerne; in ihren Publikationen brachten sie zahlreiche Abbildungen seiner\nkubistischen und neoklassizistischen Werke und stellten diese in einen\nsurrealistischen Zusammenhang. Von 1928 und 1929 arbeitete er an Drahtplastiken\nund erstmals an Eisenskulpturen. Mit einem Besuch in Spanien 1934 tauchten in\nPicassos Werken Motive aus dem Stierkampf auf. <\/p>\n\n\n\n<p>1936 zum Direktor des Prado ernannt, beauftragte ihn die\nrepublikanische Regierung mit dem monumentalen und kriegskritischen Gem\u00e4lde\n\u201eGuernica\u201c f\u00fcr den spanischen Weltausstellungspavillon 1937. Es gilt heute als\nein Schl\u00fcsselwerk in der Kunst des 20. Jahrhunderts und wurde\nfoto-dokumentierend von seiner Geliebten Dora Maar begleitet, die als Vorlage\nf\u00fcr alle \u201eWeinenden Frauen\u201c diente, M\u00fctter, die Blut weinen angesichts ihrer\ntoten Kinder. Picasso klagt die Grauen der Bombardierung der nordspanischen\nStadt im Spanischen B\u00fcrgerkrieg durch die deutsche Legion Condor an. \u201ePicasso\nmalte nicht seine Destruktivit\u00e4t, sondern er gab einer aus den Fugen rasenden\nWelt Gestalt. Er malte die grausame Konsequenz menschlichen Handelns im Krieg\u201c,\nso Fox. <\/p>\n\n\n\n<p>Bis 1940 hielt sich Picasso in S\u00fcdfrankreich auf und trat am\n5. Oktober 1944 der Kommunistischen Partei Frankreichs bei \u2013 in Moskau wurde er\ndarum \u201eGenosse Pablo\u201c genannt. Die Allgegenwart von Tod, Leiden und Angst sublimierte\nder Maler in einem rauen, schonungslosen und bisweilen wenig gef\u00e4lligen Stil.\nAuffallend sind die ungest\u00fcmen Verzerrungen, die Picasso den Bildgegenst\u00e4nden\nund Menschen in seinen Bildern auferlegte. Zum Symbol der Hoffnung wird f\u00fcr ihn\nder \u201eMann mit Schaf\u201c, eine antiheroische Figur als Besch\u00fctzer der Schwachen und\ndamit ein Gegenbild zu Arno Brekers Skulpturen, die Picasso 1942 in der\nOrangerie des Tuileriengartens gesehen hatte. Obschon ab 1940 als \u201eentartet\u201c\ndiffamiert, arbeitete der Maler wie besessen an \u00d6lgem\u00e4lden und Plastiken\nweiter. Bis zur Befreiung von Paris lebte er dort zur\u00fcckgezogen in seinem\nAtelier.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eVanitas eines\nsch\u00f6pferischen Menschenlebens\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg z\u00e4hlte Picasso zu den ber\u00fchmtesten lebenden K\u00fcnstlern seiner Zeit. Er nahm 1948 und 1950 an Weltfriedenskongressen teil und entwarf f\u00fcr letzteren die Lithografie \u201eFliegende Taube\u201c, die als Friedenstaube zum Symbol des Friedens schlechthin wurde. Die Lithografie sollte in den folgenden Jahren zu Picassos meist verwendeter grafischer Technik werden, au\u00dferdem experimentierte er mit Glasmalerei und der Herstellung von Keramiken. Der Abstraktion \u00f6ffnete er sich zeitlebens nie. Der gro\u00dfe Aachener Kunstm\u00e4zen Peter Ludwig, der neunzehn Museen in f\u00fcnf L\u00e4ndern etablierte, verfasste 1949\/50 seine Dissertation \u00fcber das Menschenbild bei Picasso. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5917\"\/><figcaption>Keramik von Picasso. Quelle: https:\/\/de.amorosart.com\/bild-werk-visage_aux_yeux_rieurs_laughing_eyed_face_1969-1000-1000-82260.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seit 1943 mit der franz\u00f6sischen K\u00fcnstlerin Fran\u00e7oise Gilot\nliiert, mit der er zwei Kinder hatte, lernte er 1951 die 46 Jahre j\u00fcngere Jacqueline\nRoque kennen, die er zehn Jahre sp\u00e4ter heiratete. Ab 1953 wurde der\nJahrhundertmaler in unz\u00e4hligen Retrospektiven geehrt. 1958 hatte Picasso das\nSchloss Vauvenargues am Fu\u00df der Mont Sainte-Victoire in der N\u00e4he von\nAix-en-Provence bezogen, wo er auch begraben wird. Der letzte Lebens- und\nArbeitsort Picassos sollte ab Juni 1961 die Villa Notre-Dame-de-Vie in der N\u00e4he\ndes Dorfes Mougins in den Bergen oberhalb von Cannes werden. In den folgenden\nelf Jahren, die Picasso bis zu seinem Herztod am 8. April 1973 noch blieben,\nkreiste sein Werk um die Alten Meister \u2013 wie Rembrandt van Rijn \u2013 und\nJacqueline, die sein meist dargestelltes Modell wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Die letzten sehr bewegenden Selbstportr\u00e4ts von 1972, die ihn als todesangstbeladenen alten Mann zeigen, k\u00fcnden bei aller positiven Bilanz eines sch\u00f6pferischen (K\u00fcnstler-)Lebens auch von der \u201eVanitas eines sch\u00f6pferischen Menschenlebens. Im Angesicht des nahen Endes tragen weder Ruhm noch ein gewaltiges \u0152uvre, es tragen nicht die menschlichen Beziehungen, keine Religion gibt Halt: ein Scherbenhaufen bleibt. Ersch\u00fctternd und desillusioniert dokumentiert Picasso, dass alles Aufb\u00e4umen in den letzten Jahren, alles Getriebensein nicht half, sein imposantes Lebenswerk als Ernte einzufahren\u201c, erkennt Fox. Am Abend vor seinem Tod \u00fcberarbeitete er noch den stark abstrahierten \u201eLiegenden weiblichen Akt und Kopf\u201c. Die \u00fcberbordende Sexualit\u00e4t und Virilit\u00e4t von Picassos Sp\u00e4twerk wird hier in einer geometrisch-stilisierenden Darstellung geb\u00e4ndigt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-4-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5918\"\/><figcaption> Chateau Vauvenargues. Quelle: Von Malost &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=2092520<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn Beziehungen und Sexualit\u00e4t waren wohl seine Lebensthemen:\nDie Frauen an seiner Seite behandelte der K\u00fcnstler oftmals vollkommen\nr\u00fccksichtslos, verletzend und zerst\u00f6rerisch, um sie anschlie\u00dfend besch\u00e4digt\nzur\u00fcckzulassen. Biograph John Richardson meint: \u201eWenn eine andere Frau in\nPicassos Leben auftaucht, \u00e4ndert sich alles f\u00fcr ihn. Der Dichter \u00e4ndert sich,\nder Freundeskreis \u00e4ndert sich, das Haus \u00e4ndert sich. Alles ver\u00e4ndert sich mit\nder Geliebten.\u201c Seine au\u00dferordentliche F\u00e4higkeit, bestehende Konventionen der\nKunst, der Lust und des Lebens auszumessen, auszudehnen, zu \u00fcberschreiten und\nden Rahmen neu zu setzen, ist bis heute nicht nur bewunderns-, sondern auch\ngeldwert: Der bei einer Auktion 2015 in New York erzielte Umsatzrekord f\u00fcr ein\nGem\u00e4lde von Picasso (\u201eLes Femmes d\u00b4Algier\u201c, 1955) betr\u00e4gt 179,4 Millionen\nUS-Dollar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Jahrhundertgenie hinterlie\u00df \u00fcber 35.000 Werke, darunter das Weltfriedenssymbol, aber auch sieben zerst\u00f6rte Frauen, von denen zwei Selbstmord begingen: Pablo Picasso w\u00fcrde jetzt 140 Jahre. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5865"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5865"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5865\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5939,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5865\/revisions\/5939"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5865"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5865"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5865"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}