{"id":5867,"date":"2021-10-28T06:20:33","date_gmt":"2021-10-28T05:20:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5867"},"modified":"2021-09-30T20:25:58","modified_gmt":"2021-09-30T19:25:58","slug":"pull-it-sir","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5867","title":{"rendered":"\u201ePull-it-Sir\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er ist zu gro\u00df, zu d\u00fcnn, sieht schlecht \u2013 und will doch\nSoldat werden. Allerdings wird er von einer Armee nach der anderen abgelehnt:\nvom \u00f6sterreichischen Milit\u00e4r, der franz\u00f6sischen Fremdenlegion, der britischen\nArmee. Ein anderes Land, weiter weg, befindet sich jedoch im Krieg und braucht\njeden Mann: In den Vereinigten Staaten k\u00e4mpfen S\u00fcdstaaten gegen Nordstaaten. In\nHamburg verpflichtet er sich f\u00fcr die U.S. Union Army, die Nordstaatentruppe;\nf\u00fcr Kriegsfreiwillige ist die Atlantik\u00fcberfahrt kostenlos. Er landet 1864 in\nBoston und k\u00e4mpft auf der Seite der Nordstaaten \u2013 ohne ein Wort Englisch zu\nsprechen.<\/p>\n\n\n\n<p>19 Jahre sp\u00e4ter kauft er die Abendzeitung <em>New York World<\/em> f\u00fcr 346.000 Dollar und steigert die Auflage von 15.000 auf 600.000 Exemplare. Sein erstes Editorial geriet zu einem Manifest f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit des Journalismus. Dessen Aufgabe sei der Kampf f\u00fcr Fortschritt und Ver\u00e4nderung, gegen Ungerechtigkeit, Armut und Korruption. Verleger und Journalisten d\u00fcrften keiner Partei angeh\u00f6ren und m\u00fcssten auch sonst \u201eradikale Unabh\u00e4ngigkeit\u201c bewahren. Kurz zusammengefasst: Zeitungsmenschen seien nicht spezifischen Interessen, sondern dem Allgemeinwohl verpflichtet. Diese wesentlichen Grundprinzipien schreibt rund 150 Jahre sp\u00e4ter der Bundesverband deutscher Zeitungsverleger als \u201eW\u00e4chterrolle\u201c in sein Leitbild. Seit 1969 vergibt die \u201eStiftung Freiheit der Presse\u201c j\u00e4hrlich einen \u201eW\u00e4chterpreis der deutschen Tagespresse\u201c, darunter 1990 an Michael Klonovsky.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"576\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-5-1024x576.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5920\"\/><figcaption>Pulitzer. Quelle https:\/\/www1.wdr.de\/radio\/wdr5\/sendungen\/zeitzeichen\/joseph-pulitzer-102~_v-gseagaleriexl.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er wie auch sein Hauptkonkurrent William Randolph Hearst\nversuchten dennoch mit wahren, aber auch gef\u00e4lschten Sensationsmeldungen die\n\u201ekleinen Leute\u201c auf ihre jeweilige Seite zu bringen. H\u00f6hepunkt: der Aufstand\nder Kubaner gegen die spanische Kolonialmacht und der daraus folgende\namerikanisch-spanische Krieg. Die Kubaner wurden zu Opfern einer\nr\u00fccksichtslosen Kolonialmacht stilisiert \u2013 und die US-Amerikaner als ihre\nRetter: Der Kongress stimmte schlie\u00dflich einer Kriegserkl\u00e4rung von US-Pr\u00e4sident\nWilliam McKinley zu, nachdem das Kriegsschiff \u201eUSS Maine\u201c am 16. Februar 1898\naus ungekl\u00e4rter Ursache im Hafen von Havanna explodiert war und 260 Menschen\nstarben. Die \u201eGoldenen Tage des Printjournalismus\u201c, in denen mehrere Ausgaben\nt\u00e4glich gedruckt, von den Zeitungsjungen, den \u201eNews Boys\u201c, auf der Stra\u00dfe\nausgerufen und an den Leser gebracht wurden, waren geboren, und er war einer\nder Geburtshelfer: Joseph Pulitzer, der am 29. Oktober 1911 starb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>stark\nsensationalistisch<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Pulitzer wurde am 10. April 1847 als \u00e4ltester Sohn eines\nwohlhabenden ungarisch-j\u00fcdischen Kornh\u00e4ndlers und einer streng katholischen\ndeutschen Mutter in Mak\u00f3 bei Szeged geboren und nach dem Umzug der Familie nach\nBudapest auf Privatschulen und von Privatlehrern unterrichtet. Nach dem Tod des\nVaters ging es aber rapide bergab, so dass er die Chance in den USA wahrnahm\nund bis zum Ende des B\u00fcrgerkriegs im 1. New Yorker Kavallerie-Regiment diente,\ndas haupts\u00e4chlich aus Deutschen bestand. Nach vielen Gelegenheitsjobs, unter\nanderem als Koffertr\u00e4ger und Kellner, die er teilweise als Obdachloser\nbestritt, wurde er 1867 nach mehreren Schummeleien amerikanischer Staatsb\u00fcrger:\ner sei f\u00fcnf und nicht erst drei Jahre im Land, und er erfand zudem einen\nAbschluss in Jura. Auf Arbeitsuche kam er 1868 nach St. Louis (Missouri).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Anekdote besagt, er habe in einem Schachklub zwei spielende M\u00e4nner beobachtet und einen Schachzug kommentiert. So lernte er Emil Preetorius kennen, Mitherausgeber der \u00fcberregionalen deutschen Zeitung <em>Westliche Post<\/em>, bei dem er als \u201eM\u00e4dchen f\u00fcr alles\u201c anheuert. Er folgt Ger\u00fcchten, deckt Missst\u00e4nde auf, lernt den Job von der Pike auf. Als Lokalreporter wichtigen Leuten nachzurennen, in Gesch\u00e4ften sich nach Stories umzuh\u00f6ren war alles andere als ein Vergn\u00fcgen, noch dazu, wenn man wegen einer gr\u00f6\u00dferen Nase mit der Verballhornung \u201ePull-it-Sir\u201c geh\u00e4nselt wurde. Doch er machte seine Sache gut, wurde bald von Kollegen anerkannt und zum Lieblingssch\u00fcler von Preetorius. Durch den Kontakt zu den richtigen Leuten fand Pulitzer sehr schnell heraus, wie Politik im Land gemacht wurde: \u00fcber und mit der Presse.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"752\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-6-1024x752.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5922\"\/><figcaption>Pulitzer vs. Hearst. Quelle: https:\/\/www.wikiwand.com\/simple\/Yellow_journalism<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So lernte er, wie freundliche Berichterstattung \u00fcber\nParteien oder Personengruppen sich in Form von Inseratenauftr\u00e4gen bezahlt\nmachte &#8211; eine Erkenntnis, die im \u00dcbrigen auch heute noch gilt. F\u00fcr den Amerikanisten\nWolfgang Hockbruck ist er im <em>WDR<\/em> \u201eeigentlich\nder Erfinder einer unabh\u00e4ngigen Presse in den Vereinigten Staaten gewesen.\nRegierungskritisch. Immer da, wenn eine Regierung oder Regierungs\u00e4mter &#8211; was in\nWashington damals schon ziemlich h\u00e4ufig vorkam &#8211; in Korruptionsskandale\nverwickelt waren. Gleichzeitig arbeitet er stark sensationalistisch.\u201c <\/p>\n\n\n\n<p>In den folgenden Jahren machte er seine ersten politischen\nGehversuche&nbsp; als Unterst\u00fctzer von\nFreunden des liberalen Fl\u00fcgels der Republikaner in St. Louis. Durch einen\nZufall &#8211; ein anderer Kandidat war erkrankt und Pulitzer war bei der Wahl\nzuf\u00e4llig anwesend &#8211; kam er auch kurzfristig ins Parlament von Missouri.\nPolitisch verfolgte er ein Hauptziel: den Kampf gegen die Korruption und\nVerschwendung von \u00f6ffentlichen Geldern. Einer der Anl\u00e4sse war der Bau eines\nAsyls f\u00fcr Geisteskranke in St. Louis, bei dem einiges schief gelaufen war.<\/p>\n\n\n\n<p>1872 stand die <em>Westliche Post<\/em> ziemlich schlecht da: Sie hatte bei Wahlen die falschen Kandidaten unterst\u00fctzt, so dass jetzt Leser, Unterst\u00fctzer und Inserate ausblieben. Doch Pulitzer, inzwischen durch seine politische T\u00e4tigkeit zu bescheidenem Verm\u00f6gen gekommen, half aus und erwarb einen Anteil an der Zeitung. Doch bald kam es zu Unstimmigkeiten mit den Mitherausgebern. Pulitzer lie\u00df sich ausbezahlen und erhielt ein Vielfaches seiner Einlagen zur\u00fcck &#8211; \u00fcber 30.000 Dollar. Pl\u00f6tzlich war er ein gemachter Mann, der nicht mehr regelm\u00e4\u00dfig arbeiten musste. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"725\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-7-1024x725.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5923\"\/><figcaption>Pulitzers Yellow Kid. Quelle: https:\/\/www.boweryboyshistory.com\/wp-content\/uploads\/2020\/07\/D_1602-1024&#215;725.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er reiste nach Europa, befasste sich privat ein wenig mit\njuristischen Studien, um im amerikanischen Rechtssystem sattelfest zu werden,\npasste Kleidung und Wohnadresse an die neuen finanziellen Verh\u00e4ltnisse an und\nwar bereit f\u00fcr risikoreichere Investitionen. So kaufte er eine bankrotte\nZeitung auf, die aber einen lukrativen Anteil an einem Vertriebssystem hatte.\nKeine zwei Tage sp\u00e4ter verkaufte er sie wieder mit dem beachtlichen Gewinn von\n20.000 Dollar. Aus einer risikoreichen Investition in den Bau eines\nSchifffahrtskanals zum Mississippi generierte er ebenfalls einige zehntausend\nDollar.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eKonzentration auf\ndas Wesentliche!\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch politisch orientierte sich Pulitzer neu: Nach\nUnstimmigkeiten mit seinen republikanisch orientierten Freunden und ehemaligen\nF\u00f6rderern wechselte er die Seite und wurde im Herbst 1874 Demokrat. Vor allem seine\nj\u00fcdische Herkunft, die er zu verschleiern suchte, machte es ihm nicht leicht: Die\n<em>New York Times<\/em> schrieb 1876: \u201ePulitzer\ngeh\u00f6rt zu der gro\u00dfen Gruppe unbeachteter Narren, die sich f\u00e4lschlicherweise f\u00fcr\nbedeutende M\u00e4nner halten\u201c. &nbsp;1878 gelang\nPulitzer die famili\u00e4re Etablierung: Er heiratete Kate Davis, Tochter eines\nheruntergekommenen Plantagenbesitzers. Wenige Tage vor der Hochzeit brachte er\nseine Braut zur Verzweiflung, weil er pl\u00f6tzlich nach New York verschwand, um\neine bankrotte Zeitung zu kaufen &#8211; was er dann aber doch nicht tat. Mit Kate\nhatte er dann sieben Kinder haben, von denen zwei sehr fr\u00fch starben.<\/p>\n\n\n\n<p>Im selben Jahr kaufte Pulitzer in St. Louis eine finanzschwache Zeitung, die er sp\u00e4ter mit einer anderen kr\u00e4nkelnden lokalen Zeitung zum <em>St. Louis Post-Dispatch<\/em> verband. Damit beherrschte er den boomenden Abendzeitungsmarkt in St. Louis. In kurzer Zeit konnte er die Auflage von 4.000 auf 20.000 Exemplare steigern. Sein Erfolgsgeheimnis: \u201eWir brauchen in der Zeitung jeden Tag mindestens eine au\u00dfergew\u00f6hnliche, eine gut recherchierte Geschichte.\u201c Eine Geschichte \u201eto talk about at dinner table\u201c sagte er dazu \u2013 <em>Stern<\/em>-Chef Henri Nannen nannte das rund 100 Jahre sp\u00e4ter \u201eK\u00fcchenzuruf\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"766\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/1280px-Grave_of_Joseph_Pulitzer-1024x766.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5924\"\/><figcaption>Pulitzers Grab. Quelle: Von Anthony22 in der Wikipedia auf Englisch, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=6576850<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So wurden die Steuererkl\u00e4rungen sehr wohlhabender Mitb\u00fcrger\nver\u00f6ffentlicht, die sich dem Finanzamt gegen\u00fcber als mittellos deklarierten.\nAuch die schamlos hohen Monopoltarife der St. Louis Gas-Light Company konnte\ndas Blatt mit Erfolg bek\u00e4mpfen. Pulitzers Jahreseinkommen lag jetzt bei rund\n50.000 Dollar, seine Zeitung&nbsp; warf einen\nJahresgewinn von 150.000 Dollar ab. 1883 gelang es Pulitzer, eine gro\u00dfe Werbe-\nund Spendenkampagne f\u00fcr den Bau des Sockels der Freiheitsstatue zu initiieren,\num die n\u00f6tigen Finanzmittel zu sammeln. Im selben Jahr wurde er ins\nUS-Repr\u00e4sentantenhaus gew\u00e4hlt.<\/p>\n\n\n\n<p>Prompt wurde es ihm in St. Louis zu eng. Die Familie\n\u00fcbersiedelte nach New York, wo auch sein j\u00fcngerer Bruder Albert im\nZeitungsgesch\u00e4ft t\u00e4tig war \u2013 und er bei der <em>New\nYork World<\/em> zugriff. Der Spruch in seinem Arbeitszimmer \u201eThe World has no\nfriends\u201c sollte die Unabh\u00e4ngigkeit des Blattes dokumentieren. 1895 war sie die\nerste Zeitung auf der Welt, die mit teilweisem Farbdruck erschien und auch\nComics ver\u00f6ffentlichte. Manche sagen, die Schlagzeilen seien nur so gro\u00df, damit\nder aufgrund seiner Diabetes fast blinde Pulitzer sie selbst lesen kann. Der Comic\nmit dem Yellow Kid, einem grinsenden Kind mit gelbem Kittel, wird das\nMarkenzeichen der Zeitung und gibt der Yellow Press, der Sensationspresse,\nihren Namen. \u201eGenauigkeit! Klarheit! Konzentration auf das Wesentliche!\u201c &#8211; das\nsind Pulitzers Prinzipien f\u00fcr guten Journalismus. Er hatte auch ein gutes\nGesp\u00fcr f\u00fcr junge Journalisten: So stellte er etwa Nellie Bly an. Sie war mit\nverdeckten Reportagen bekannt geworden und lie\u00df sich unter anderem einmal in\nein Haus f\u00fcr nervenkranke Frauen einweisen, um dort \u201eundercover\u201c zu\nrecherchieren. Sie gilt als erste Investigativjournalistin der Welt.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem viermonatigen Spanien-Krieg distanzierte sich\nPulitzers<em> World<\/em> von dieser Art\nJournalismus, betrieb wieder schonungslosen, gut recherchierten, investigativen\nJournalismus und setzt auf gut recherchierte Stories \u2013 vielleicht auch, weil\ndie Hearst-Presse derart skrupellos vorging, dass man sie in dieser Hinsicht\nperspektivisch schlecht \u00fcbertrumpfen konnte. Dies brachte ihn und seine Zeitung\nin gro\u00dfe Schwierigkeiten, als er 1909 den Bestechungsskandal um den\nPanamakanal, d. h. die Zahlung von 40 Millionen US-Dollar der USA unter dem\nUS-Pr\u00e4sidenten Theodore Roosevelt an die French Panama Canal Company,\naufdeckte. Pulitzer wurde daraufhin von Roosevelt und dem Finanzier J. P.\nMorgan verklagt. Aus dem Verleumdungsprozess ging Pulitzer siegreich hervor,\nwas er als Sieg des freien Journalismus feierte und ihn noch popul\u00e4rer machte &#8211;\ndoch lange konnte er sich nicht dar\u00fcber freuen, denn zwei Jahre sp\u00e4ter starb\ner.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDemokratieressource\nJournalismus dauerhaft sichern\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Schon 1892 wollte Pulitzer der Columbia University in New York einen hohen Geldbetrag f\u00fcr die Gr\u00fcndung eines Journalismus-Instituts spenden. Die Annahme wurde von der Universit\u00e4t, m\u00f6glicherweise wegen Pulitzers dr\u00e4ngendem Auftreten, jedoch abgelehnt. Nach seinem Tod vermachte er der Universit\u00e4t zwei Millionen Dollar, und 1912 wurde das Institut, das sich \u201eColumbia University Graduate School of Journalism\u201c nannte, er\u00f6ffnet. Seit 1917 wird von der Universit\u00e4t ebenfalls aus Pulitzers Nachlass j\u00e4hrlich der Pulitzer-Preis f\u00fcr hervorragende journalistische Arbeiten in verschiedenen Kategorien vergeben, seit 1948 auch f\u00fcr Publizistik. Die Liste der Preistr\u00e4ger liest sich wie ein Who is Who moderner US-Literatur: Ernest Hemingway, William Faulkner, Harper Lee, Saul Bellow, Norman Mailer, John Updike, Philip Roth. Die <em>World<\/em> wurde nach Pulitzers Tod von seinem Sohn weitergef\u00fchrt, der 1913 das erste Zeitungs-Kreuzwortr\u00e4tsel der Welt ver\u00f6ffentlichte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5925\"\/><figcaption>Pulitzerpreis. Quelle: https:\/\/static.dw.com\/image\/43393349_303.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Den New Yorker Philharmonikern vermachte er daneben 700.000\nDollar, wogegen seine Erben erfolglos klagten. Zu seinen bekanntesten Zitaten\ngeh\u00f6rt: \u201eEs gibt kein Verbrechen, keinen Kniff, keinen Trick, keinen Schwindel,\nkein Laster, das nicht von Geheimhaltung lebt. Bringt diese Heimlichkeiten ans\nTageslicht, beschreibt sie, macht sie vor aller Augen l\u00e4cherlich. Und fr\u00fcher\noder sp\u00e4ter wird die \u00f6ffentliche Meinung sie hinwegfegen. Bekannt machen allein\ngen\u00fcgt vielleicht nicht \u2013 aber es ist das einzige Mittel, ohne das alle anderen\nversagen.\u201c Wie aber w\u00fcrde dann Pulitzer heute \u00fcber das urteilen, was sich in\nDeutschland Journalismus nennt? \u201eWie bereits zu Pulitzers Zeiten kann das\nVerh\u00e4ltnis zwischen Medien und Politik als mindestens kompliziert bezeichnet\nwerden. Wenn es aber um den Erhalt der Demokratie geht, so sitzen beide im selben\nBoot\u201c, befand 2018 Hamburgs Mediensenator Carsten Brosda (SPD) in der <em>Journalistik<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<p>Prompt fragte Brosda, \u201eob&nbsp;\ndie \u00f6konomischen Probleme vieler Medienunternehmen perspektivisch die\nQualit\u00e4t, Vielfalt und Freiheit der Presse strukturell einschr\u00e4nken.\u201c Und\nebenso prompt kritisierte er: \u201eNoch&nbsp;\nimmer&nbsp; wird&nbsp; die&nbsp;\nF\u00f6rderung&nbsp; von&nbsp; Journalismus&nbsp;\nnicht&nbsp; als eigenst\u00e4ndiger\ngemeinn\u00fctziger Zweck anerkannt.\u201c Und genauso prompt forderte er \u201eeinen\nneuerlichen Blick darauf, welche Schritte notwendig sind, um die\nDemokratieressource Journalismus dauerhaft zu sichern.\u201c Das hat der Bundestag\nsicher auch im Blick gehabt, als er ein 200 Millionen Euro schweres\nF\u00f6rderprogramm unter der Federf\u00fchrung des Bundeswirtschaftsministeriums\nbeschloss. Der T\u00fcbinger Medienwissenschaftler Bernhard P\u00f6rksen jubelte, dass\nkritischer, unabh\u00e4ngig recherchierender Journalismus unbedingt erhalten werden\nm\u00fcsse, da er in einer Demokratie \u201esystemrelevant\u201c sei \u2013 das Wort kennen wir\nseit der Bankenkrise. <\/p>\n\n\n\n<p>Dass nahezu alle Zeitungen in Gr\u00f6\u00dfenordnungen Leser\nverlieren, hat aber auch, wenn nicht nur, mit der Staatsh\u00f6rigkeit sowie\nJournalisten wie Relotius, Restle oder Reschke zu tun, sondern vor allem mit\nder Glaubw\u00fcrdigkeitskrise eines Berufsstands, der weder seine Blase verlassen\nnoch seinen volkp\u00e4dagogisch-linken Impetus ablegen will. Selbst der US-Reporter\nMatt Taibbi befindet aktuell in der <em>NZZ<\/em>:\n\u201eDoktrin\u00e4rer Aktivismus ist ein Problem. Wenn ich die Storys eines bestimmten\nMediums vorhersagen kann, weil ich seine politische Sto\u00dfrichtung kenne, dann\nbetreibt es f\u00fcr mich Propaganda &#8230; Aktivistischer Journalismus macht abh\u00e4ngig\n\u2013 er ist intellektuell uninteressant, aber h\u00f6chst effizient\u201c. Subventionen\nf\u00f6rdern nun aber nicht die journalistische Unabh\u00e4ngigkeit, sondern f\u00fchren zur\nHuldigung der Subventionierenden. Es ist ein Zeichen demokratischer Reife, wenn\nLeser aufwachen und sich dem gesteuerten Zugriff auf die eigene\nUrteilsf\u00e4higkeit entziehen. Das ist das eine.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201efreiwillige\nGleichschaltung\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das andere ist ein \u201eTendenz-Journalismus\u201c als \u201eBegleiterscheinung einer Gesellschaft, die immer mehr von staatlicher Bevormundung, Intoleranz und Beschr\u00e4nkung der Freiheit gepr\u00e4gt ist, in der Ideologie Pragmatismus verdr\u00e4ngt, Emotion die Vernunft, Radikalit\u00e4t das Augenma\u00df, elit\u00e4res Bewusstsein die N\u00e4he zu den B\u00fcrgern\u201c, wie Laszlo Trankovits auf <em>Tichys Einblick<\/em> erkennt. \u201eUnsere Medien werden schon seit Jahren ihrer Bedeutung als \u201evierte Gewalt\u201c in der Demokratie immer weniger gerecht, sie vernachl\u00e4ssigen str\u00e4flich ihre Aufgabe, vor allem den M\u00e4chtigen \u2013 im eigenen Land, nicht in den USA, Israel, Ungarn oder Gro\u00dfbritannien \u2013 auf die Finger zu schauen\u201c, bilanziert er. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/800px-Pablo_picasso_1-9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5926\"\/><figcaption>ARD-Volo-Umfrage. Quelle: https:\/\/uebermedien.de\/wp-content\/uploads\/journalist-grafik-volo-wahl.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Leipziger Kommunikationswissenschaftler Christian\nHoffmann betonte gar in der<em> NZZ<\/em>, dass\ndie \u201eSchlagseite der Branche\u201c sogar noch zunehme, weil sich immer mehr\nJournalisten in den Redaktionen ohne jedes Unrechtsbewusstsein auch als\nAktivisten f\u00fcr das Gute in der Welt ans\u00e4hen. Die linke Ausrichtung der <em>ARD<\/em>-Anstalten wurde auch von einer\nUmfrage unter den <em>ARD<\/em>-Volont\u00e4ren aus\ndem vergangenen Herbst best\u00e4tigt, der zufolge sich 57 Prozent zu den Gr\u00fcnen, 23\nProzent zu den Linken und elf Prozent zur SPD bekannten. Fazit: \u201eDer\nHaltungsjournalismus heute ist im Grunde nichts anderes als die \u00dcbernahme des\nmarxistischen Objektivit\u00e4tsbegriffs: Objektivit\u00e4t als Parteinahme im Sinne der\nGeschichte, und zwar der Geschichte der richtigen Entwicklung der Gesellschaft.\n<\/p>\n\n\n\n<p>Nur dass Geschichte ersetzt wird durch \u201emoralisch richtige\nSeite\u201c, erbost sich Hans Mathias Kepplinger auf <em>Tichys Einblick<\/em> und spricht von \u201efreiwilliger Gleichschaltung\u201c. Der\nLeipziger Journalistik-Emeritus Michael Haller, der die bislang umfassendste\nwissenschaftliche Studie vorlegte, die sich mit der Rolle der deutschen Medien\nw\u00e4hrend der Hochphase des Fl\u00fcchtlingszustroms besch\u00e4ftigte, zieht im R\u00fcckblick seiner\nvon der Otto Brenner Stiftung in Auftrag gegebenen Studie ebenfalls ein\nern\u00fcchterndes Fazit. Journalisten seien ihrer Rolle als Aufkl\u00e4rer nicht gerecht\ngeworden; statt kritisch zu berichten, habe der \u201eInformationsjournalismus die\nSicht, auch die Losungen der politischen Elite\u201c \u00fcbernommen und sei selbst mehr\nals politischer Akteur denn als neutraler Beobachter aufgetreten. Sorgen und\n\u00c4ngste der Bev\u00f6lkerung seien hinter der gro\u00dfen Erz\u00e4hlung von der\n\u201eWillkommenskultur\u201c fast v\u00f6llig zur\u00fcckgedr\u00e4ngt, Andersdenkende diskursiv\nausgegrenzt worden. <\/p>\n\n\n\n<p>Haller geht davon aus, dass dies eine \u201eFrontbildung\u201c in der\nGesellschaft bef\u00f6rdert habe. Erst nach den Ereignissen der K\u00f6lner\nSilvesternacht 2015 \u201eentdeckten die Medien die reale Wirklichkeit hinter der\nwohlklingenden Willkommensrhetorik\u201c. Haller sieht Parallelen zur\nFl\u00fcchtlingskrise, \u201eals viele Journalisten ihre Willkommenseuphorie im R\u00fcckblick\nals naiv und parteiergreifend erkannten\u201c. Prompt macht er heute die\n\u00dcbereinstimmung von Journalisten mit Regierungspositionen als gro\u00dfes Problem\naus. Im <em>Tagesspiegel<\/em> kritisiert er\nMalte Lehming vom <em>Tagesspiegel<\/em>, der\ndas Ph\u00e4nomen als \u201eAusdruck einer Wertegemeinschaft\u201c verteidigt hat. Die\nhandwerklichen F\u00e4higkeiten, die seri\u00f6sen Journalismus ausmachen, w\u00fcrden so \u201eunter\nden Meinungsteppich\u201c gekehrt. Pulitzer d\u00fcrfte ob solcher Befunde im Grab\nrotieren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ohne ihn g\u00e4be es weder die Freiheitsstatue noch den Begriff \u201eYellow Press\u201c oder den bedeutendsten Publizistik-Preis der Welt: Joseph Pulitzer. Der Deutsch-Ungar starb vor 110 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5867"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5867"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5867\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5927,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5867\/revisions\/5927"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5867"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5867"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5867"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}