{"id":5869,"date":"2021-10-08T05:21:53","date_gmt":"2021-10-08T04:21:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5869"},"modified":"2021-10-08T06:09:34","modified_gmt":"2021-10-08T05:09:34","slug":"der-suppenalchemist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5869","title":{"rendered":"Der Suppenalchemist"},"content":{"rendered":"\n<p>Dass aus dem Dorf am Berg Hohentwiel eine florierende Stadt\nwurde, hat viel mit seinem unternehmerischen Geschick zu tun \u2013 aber auch mit\nden Zollbestimmungen im damaligen Gro\u00dfherzogtum Baden sowie damit, dass Singen\nam Gleisnetz der deutschen Eisenbahn lag. Das erleichterte den Weitertransport seiner\nProdukte in alle Teile des wichtigen, weil im Vergleich zur Schweiz vielfach\ngr\u00f6\u00dferen deutschen Markts. 1887 hatte dort Frauen, zum damaligen Spitzenlohn\nvon 80 Pfennigen pro Tag, zun\u00e4chst die Abf\u00fcllung einer Sauce begonnen, die\nheute weltweiten Erfolg hat. Seit Corona sei die Nachfrage nach seinen Produkten\num zehn Prozent gestiegen, berichtet Betriebschef Alfred Gruber im <em>S\u00fcdkurier<\/em>: \u201eDie Kulinarik boomt, weil\ndie Leute zu Hause mehr kochen\u201c. Im M\u00e4rz 2020 gab es sogar Hamsterk\u00e4ufe bei den\nRavioli. F\u00fcr die \u00fcber 600 Besch\u00e4ftigten bedeutet das teilweise zus\u00e4tzliche\nSchichten an Sonntagen. <\/p>\n\n\n\n<p>Dabei war er in seinem F\u00fchrungsstil geradezu revolution\u00e4r, erz\u00e4hlt die Historikerin Daniela Schilhab ebenfalls dem <em>S\u00fcdkurier<\/em>. Er hatte f\u00fcr seine Arbeiter zahlreiche soziale Verbesserungen eingef\u00fchrt: unter anderem einen werkseigenen Kindergarten und ein betriebseigenes Ferienheim, Regelungen bei Lohnausfall, Arbeiterwohnungen, eine Betriebskrankenkasse und sp\u00e4ter bezahlten Urlaub. 1912 sei ein Arbeiterausschuss gegr\u00fcndet und der erste Tarifvertrag in der Lebensmittelindustrie geschlossen worden. Noch heute sind je nach Schicht Vesper, Mittag- und Abendessen sowie Getr\u00e4nke kostenlos. Der Grund sei damals schlicht Angst vor Betriebsspionage gewesen: Die Firma Knorr soll 1893 versucht haben, Fabrikarbeiter abzuwerben, um so hinter seine geheimen Rezepturen zu kommen: Julius Michael Johannes Maggi, der am 9. Oktober 1846 als f\u00fcnftes von sechs Kindern eines italienischen M\u00fcllers aus der Lombardei und einer Z\u00fcricher Lehrerstochter in Frauenfeld zur Welt kam.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"460\" height=\"580\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5879\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi.jpeg 460w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-238x300.jpeg 238w\" sizes=\"(max-width: 460px) 100vw, 460px\" \/><figcaption>Der gealterte Maggi. Quelle: https:\/\/img.luzernerzeitung.ch\/2018\/4\/14\/48f0f734-3835-46bc-8ab6-f8c7f9be85e3.jpeg?width=1360&amp;height=1863&amp;fit=crop&amp;quality=75&amp;auto=webp<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Jugendzeit verl\u00e4uft turbulent, Julius wechselt h\u00e4ufig\ndie Schule. Nach der Schulzeit nahm er 1863 eine Lehre im Handelshaus Ger\u00f4me\nStehelin in Basel auf. Dort zeichnete sich der flei\u00dfige und patente Maggi durch\nsein unternehmerisches Geschick aus und kam nach verk\u00fcrzter Lehrzeit 1867 als\nFabrikbeamter in die Erste Ofen-Pester Dampfm\u00fchlen-Aktiengesellschaft in\nBudapest, wo ihm nach zwei Jahren das Amt des stellvertretenden Direktors\n\u00fcbertragen wurde. Dazwischen besuchte er noch die Rekrutenschule der Kavallerie.\nIm praktischen Gesch\u00e4ftsleben ist er voller Tatendrang. So gewinnt er\nschlie\u00dflich das Vertrauen seines Vaters, von dem er 1869 die Hammerm\u00fchle im\nKempttal \u00fcbernimmt. 1871 heiratet er Helene, die schon zwei Jahre sp\u00e4ter\nstirbt, 1879 die Pfarrerstocher Louise. Er hatte insgesamt sechs Kinder. Die\nFamilie erwirbt weitere M\u00fchlen und Gem\u00fcseanbaubetriebe in der Schweiz: Keine handwerklichen\nTraditionsbetriebe mehr, sondern halbindustrielle Unternehmen \u2013 denen es\nschlecht ging. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201evolkst\u00fcmliche\nNahrungsmittel\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn technische Neuerungen brachten erh\u00f6hte Produktivit\u00e4t\nauf einem begrenzten Markt, und auch zunehmender Importhandel verst\u00e4rkte den\nKonkurrenzdruck; Pleiten waren keine Seltenheit. Das Unternehmen \u2013 seit 1872\nJulius Maggi &amp; Cie., einige Teilhaber hatten zus\u00e4tzliches Kapital\neingebracht \u2013 durfte sich nicht l\u00e4nger ausschlie\u00dflich auf die Herstellung und\nden Handel von Getreidemehlen verlassen, wenn es \u00fcberleben wollte. In dieser\nZeit trafen zwei gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde zusammen. Zum einen befreundete er sich\nmit dem Arzt Fridolin Schuler, der sich jahrelang mit der Ern\u00e4hrungssituation\nder Arbeiterschicht befasst hatte. Deren Ern\u00e4hrung war damals einseitig und\nungesund, es fehlt an Zeit und Geld f\u00fcr eine gesunde Ern\u00e4hrung. Die Arbeitswege\nsind lang, die Essenpausen kurz, manchmal ersetzt Schnaps die Mahlzeit; und so\nbleibt die K\u00fcche immer \u00f6fter kalt: Den schlecht ern\u00e4hrten Fabrikarbeitern\nfehlten schlicht Platz, Zeit und Geld, um Obst und Gem\u00fcse anzubauen oder gute\nLebensmittel zu kaufen.&nbsp; <\/p>\n\n\n\n<p>Zum anderen hatte 1882 auf Schulers Initiative die Schweizerische Gemeinn\u00fctzige Gesellschaft (SGG) angesichts weit verbreiteter Unterern\u00e4hrung bei Fabrikarbeitern und deren Familien Alarm geschlagen. Und so machte sich Maggi als SGG-Mitglied, anfangs zusammen mit Schuler, an die Entwicklung einer Spezialkost nach den Vorgaben der SGG: Guter N\u00e4hrwert, leichte Zubereitung und vor allem ein selbst f\u00fcr Geringverdiener bezahlbarer Preis. Ein wichtiger Grundstein war zwei Jahrzehnte zuvor gelegt worden: 1863 hatte die gro\u00dfindustrielle Produktion von Fleischextrakten zur Herstellung von Suppen begonnen. Traditionelle Suppen aus Bier, Obst, Milch, Brot und Mehl verloren an Bedeutung. Die Basis f\u00fcr den Aufstieg auf Pflanzen basierender W\u00fcrze und Suppen war geebnet. Das Zauberwort hie\u00df Leguminosen: H\u00fclsenfr\u00fcchte wie Bohnen, Erbsen, Linsen, Erdn\u00fcsse und Lupinen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"478\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-1-1024x478.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5880\"\/><figcaption>Fr\u00fche Maggi-Produkte. Quelle: https:\/\/www.maggi.de\/sites\/g\/files\/cisvdi421\/files\/inline-images\/Maggi-U%CC%88ber-Maggie-Boullions-1900_0.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als M\u00fcller kennt sich Maggi mit Mehl aus. Daher versucht er\nsich zuerst an einem Leguminosenmehl aus Bohnen und Erbsen, das sich durch\nBeigabe von Wasser in eine Suppe verwandeln l\u00e4sst, und richtete im Kempttaler\nM\u00fchlenbetrieb 1882 eine R\u00f6stpfanne ein. Zwei Jahre sp\u00e4ter bringt er schlie\u00dflich\ndas erste nahrhafte Leguminosen-Mehl auf den Markt \u2013 und forscht immer weiter.\nSeine Begeisterung f\u00fcr die Arbeit bei der Herstellung von Suppenkonzentraten\nauf dieser Basis war so gro\u00df, dass er eine seine drittgeborene Tochter Lucy\nfast \u201eLeguminosa\u201c genannt h\u00e4tte \u2013 was nur sch\u00e4rfste Familienproteste\nverhinderten. Die SGG \u00fcbte anfangs eine Art Schirmherrschaft aus, unterst\u00fctzte\ndie Popularisierung des neuen Produkts und behielt sich dabei eine\nPreiskontrolle vor \u2013 heute w\u00fcrde man \u201epublic-private partnership\u201c sagen. Als\nZweck der 1886 neu gebildeten Kommanditgesellschaft \u201eJ. Maggi &amp; Co.\u201c mit\nihm als unbeschr\u00e4nkt haftendem Teilhaber wurden \u201eHerstellung und Verkauf von\nvolkst\u00fcmlichen Nahrungsmitteln\u201c genannt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im selben Jahr kommt die erste kochfertige Maggi Suppe aus\nErbsen-und Bohnenmehl auf den Markt. Bald sind es 22 Sorten. Da der Geschmack\nanfangs noch nicht optimal war, widmete sich der Fastfood-Pionier nun der\nEntwicklung des Bouillon-Extracts, der heutigen Suppenw\u00fcrze. Kurioserweise\nwurde in der Folge Liebst\u00f6ckel auf Grund der \u00c4hnlichkeit des Aromas im\nVolksmund als \u201eMaggi-Kraut\u201c bezeichnet \u2013 obwohl es gar nicht enthalten ist.\nDieses \u201egewisse Tr\u00f6pfchen Etwas\u201c machte ihn in aller Welt bekannt. Eigenh\u00e4ndig\nentwirft Julius ein Jahr sp\u00e4ter die typische braune W\u00fcrzflasche mit dem\ngelb-roten Etikett und dem Kreuzstern. Die Farben und die Form der Flasche sind\nmit leichten Modifizierungen bis heute gleich geblieben. Sogar sein\nDirektionszimmer wurde komplett in gelb-rot eingerichtet \u2013 ein erster\nMeilenstein auf dem Weg zum Konzept der Integrierten Kommunikation. 1972 machte\nJoseph Beuys das kleine Fl\u00e4schchen gar zum Kunstobjekt f\u00fcr seine Installation\n\u201eIch kenne kein Weekend\u201c &#8211; und das Seite an Seite mit einem Reclam-Band von\nImmanuel Kants \u201eKritik der reinen Vernunft\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eAlles Wohl beruht\nauf Paarung\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gerade weil diese Produkte nicht sinnlich-konkret N\u00e4hrwert und Geschmack kommunizieren konnten, bedurfte es noch anderer \u201ekommunikativer Stellvertreter\u201c der Marke: Reisende H\u00e4ndler, firmenintern anerkennend als \u201eApostel des Maggi-Evangeliums\u201c bezeichnet. Die \u201eApostel\u201c f\u00fchrten auch vor, wie man mit Maggi-Produkten das Essen verfeinern konnte. Diese Tradition der Kochvorf\u00fchrungen wurde sp\u00e4ter im 20. Jahrhundert fortgesetzt, in den 1950er-Jahren mit dem reisenden \u201eFridolin\u201c und dann bis heute mit dem Maggi-Kochstudio. Maggi ging es darum, eine pers\u00f6nliche Beziehung zwischen K\u00e4ufer und Produkt zu schaffen. Die daf\u00fcr n\u00f6tige Kommunikation sollte ein \u201eReclame- und Pressebureau\u201c leisten, das er ebenfalls 1886 gr\u00fcndete und mit dem damals unbekannten, aber begabten 22-j\u00e4hrigen sp\u00e4teren Dramatiker Frank Wedekind besetzte \u2013 der hatte sein Jurastudium abgebrochen und war in finanzieller Not. Er pr\u00e4sentierte er 1887 die Firma bei der I. Internationalen Ausstellung f\u00fcr Kochkunst und Volksern\u00e4hrung in Leipzig und kassierte dort stellvertretend eine Goldmedaille. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"478\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-2-1024x478.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5881\"\/><figcaption>Maggi-Flaschen im Wandel der Zeit. Quelle: https:\/\/www.maggi.de\/sites\/g\/files\/cisvdi421\/files\/inline-images\/Maggi-U%CC%88ber-Maggie-Wu%CC%88rzflaschen-U%CC%88bersicht.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Obwohl die Produkte als g\u00fcnstige und nahrhafte Mahlzeit f\u00fcr\ndie Arbeiterschaft beabsichtigt waren, sprach die Werbung vor allem reichere\nB\u00fcrgersfrauen, Hotels und Restaurants an. Dank der Strahlkraft der b\u00fcrgerlichen\nWertvorstellungen wirkte die am B\u00fcrgertum ausgerichtete Werbung aber auch in\nden Unterschichten. Wedekind hielt es allerdings nur acht Monate bei Maggi aus,\ndenn er f\u00fchlte sich \u201emit Leib und Seele verschachert\u201c, wie er in einem Brief an\nseine Mutter schrieb. Zu seinen Hauptaufgaben geh\u00f6rte das Verfassen von 12 bis\n18 Reklametexten in Prosa oder Vers pro Woche, deren &nbsp;handschriftlichen Originale in einer\nSondersammlung der Aargauer Kantonsbibliothek zu sehen sind. Resultate waren\nK\u00f6stlichkeiten wie \u201eFrohsinn, Scherz und Maggiw\u00fcrze bessern jedes Mahl in K\u00fcrze!\u201c\noder gar solche Elogen: <\/p>\n\n\n\n<p>Was dem einen fehlt, das findet<br>\nIn dem Andern sich bereit;<br>\nWo sich Mann und Weib verbindet<br>\nKeimen Gl\u00fcck und Seligkeit.<br>\nAlles Wohl beruht auf Paarung;<br>\nWie dem Leben Poesie<br>\nFehle Maggi\u2018s Suppen-Nahrung<br>\nMaggi\u2018s Speise-W\u00fcrze nie!<\/p>\n\n\n\n<p>1897 wird die Maggi Gesellschaft mbH in Singen als\neigenst\u00e4ndige deutsche Firma gegr\u00fcndet. In Berlin entsteht das erste\nAuslieferungslager. Ab 1900 f\u00fchrt Maggi den Suppenw\u00fcrfel, den So\u00dfenw\u00fcrfel und\nden Fleischbr\u00fchw\u00fcrfel ein. Besonders letzterer wird ein voller Erfolg; ein\nFleischbr\u00fchw\u00fcrfel ist um 1910 circa 30mal g\u00fcnstiger als ein Kilo Suppenfleisch.\nDaneben verlagert Maggi seine Aktivit\u00e4ten zunehmend nach Frankreich und suchte dort\ndie Unterst\u00fctzung des ber\u00fchmten Meisterkochs Auguste Escoffier f\u00fcr die \u201eNobilitierung\nseiner Produkte\u201c. 1899 gr\u00fcndete er in Paris ein Unternehmen f\u00fcr\nnichtalkoholische Getr\u00e4nke, zog zur Weltausstellung 1900 mitsamt seiner Familie\nf\u00fcr f\u00fcnf Monate nach Paris und baute 1902 mit der \u201eSoci\u00e9t\u00e9 laiti\u00e8re Maggi\u201c ein\nVerteilersystem f\u00fcr pasteurisierte Milch auf, deren Qualit\u00e4t durch ein von ihm\ngegr\u00fcndetes Labor kontrolliert wurde. Vor der Einf\u00fchrung der pasteurisierten\nMaggi-Milch waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts 90.000 Kinder in Frankreich,\ndavon 20.000 in Paris, an infantiler Cholera gestorben.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Saarland als\nMaggi-Weltmeister<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In der Pariser Zeit hatte Julius Maggi eine Liaison mit einer Schauspielerin und geizte nicht mit repr\u00e4sentativen Ausgaben. Den erworbenen Lebensstandard trugen er und seine Familie durchaus offen zur Schau: Sie waren im Besitz von Dienern, einer viersp\u00e4nnigen Kutsche und den Dampfjachten \u201eMaggi I\u201c bis \u201eMaggi IV\u201c an der franz\u00f6sischen K\u00fcste. In Z\u00fcrich lie\u00df er die \u201eVilla Sumatra\u201c repr\u00e4sentativ umbauen und ausgestalten. Er arbeitete nahezu ununterbrochen. Der Unternehmer vertrat dabei die eigenwillige Theorie, seinen Schlafmangel \u2013 er schlief t\u00e4glich nur drei bis vier Stunden \u2013 durch zus\u00e4tzliche Nahrungsaufnahme ausgleichen zu k\u00f6nnen. 1911 fuhr Maggi schlie\u00dflich in Folge einer Blinddarmentz\u00fcndung das erste Mal in seinem Leben in den Erholungsurlaub. Doch schon im Jahr darauf litt der Unternehmensgr\u00fcnder unter Bewusstseinsst\u00f6rungen, die sich innerhalb weniger Wochen verschlimmerten. W\u00e4hrend einer Arbeitssitzung erlitt er einen Schlaganfall und wurde noch in die Schweiz \u00fcberf\u00fchrt, wo er am 19. Oktober 1912 in einem Sanatorium starb und auf dem Gemeindefriedhof Lindau im Kanton Z\u00fcrich begraben wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"478\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-3-1024x478.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5882\"\/><figcaption>Erste Ravioli 1958. Quelle: https:\/\/www.maggi.de\/sites\/g\/files\/cisvdi421\/files\/inline-images\/Maggi-U%CC%88ber-Maggie-Historie-Eier-Ravioli-Kult-Kollage_0.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als sein Nachfolger leitete in der Folge Sohn Harry die\n\u201eMaggi AG\u201c. Die starke Abwehr der \u00fcbrigen Pariser Milchh\u00e4ndler und das schon\nung\u00fcnstig gewordene politische Klima f\u00fchrten zu verschiedensten, teilweise\naggressiven Kommunikationsaktivit\u00e4ten. Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges\nwurden das Labor und fast alle 850 Auslieferungsstellen der \u201eSoci\u00e9t\u00e9 laiti\u00e8re\nMaggi\u201c in Paris von einem w\u00fctenden Mob angegriffen und verw\u00fcstet. Es kursierte\ndas Ger\u00fccht, dass die Maggi-Produkte und insbesondere die Milch vergiftet seien\n&#8211; man hielt Maggi f\u00fcr ein deutsches Unternehmen, das nur als Tarnung f\u00fcr\nSpionageaktivit\u00e4ten gegen\u00fcber Frankreich diente. <\/p>\n\n\n\n<p>Ein anderes Ger\u00fccht besagte, dass Monsieur Maggi, der in Wirklichkeit schon fast zwei Jahre tot war, bei dem Versuch verhaftet worden sei, mit 40 Millionen Francs, die in Milchkannen versteckt waren, aus Paris zu fliehen. 1934 wurden alle Maggi-Gesellschaften in der Holding \u201eAlimentana AG\u201c zusammengefasst und 1947 mit \u201eNestl\u00e9\u201c zur \u201eNestl\u00e9 Alimentana AG\u201c in Vevey (Schweiz) vereinigt. Ein mit Erbsenmehl verfertigtes Nebenprodukt war \u00fcbrigens Hoosh, suppen\u00e4hnliche Eintopfgerichte auf englischsprachigen Antarktisexpeditionen zu Beginn des 20. Jahrhunderts. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"478\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-4-1024x478.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5883\"\/><figcaption>Maggi-Kochstudio heute. Quelle: https:\/\/www.maggi.de\/sites\/g\/files\/cisvdi421\/files\/styles\/maggi_desktop_image_style\/public\/maggi-events-frankfurt.jpg?h=4f5b30f1&amp;itok=8lx8T5D6<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In keinem anderen Bundesland \u00fcbrigens verbrauchen die\nMenschen so viel Maggi-W\u00fcrze wie im Saarland: Fast ein Liter j\u00e4hrlich. Der hohe\nVerbrauch h\u00e4ngt auch mit der Industriegeschichte des Landes zusammen. So\nw\u00fcrzten sich insbesondere die Bergm\u00e4nner fr\u00fcher ihre oft kargen Mahlzeiten mit\nein paar Tropfen Maggi. Bis heute genie\u00dft die W\u00fcrze in der braunen Flasche in\nweiten Teilen des Saarlandes Kultstatus und gilt im Volksmund als eine Art\nsaarl\u00e4ndisches Grundnahrungsmittel. So setze sich der saarl\u00e4ndische\nAdventskranz angeblich aus einem Ringel Lyoner und vier Maggi-Flaschen\nzusammen. Uwe Hoffmann vom Eiscaf\u00e9 \u201eFavretti\u201c in Saarbr\u00fccken kreierte 2017 gar\nein \u201eMaggi-Eis\u201c. Dazu passt eine Nachricht aus diesem Fr\u00fchjahr: Danach wollten\n\u201eAxe\u201c und das \u201eMaggi-Kochstudio\u201c als Kooperationspartner ein neues Duschgel mit\ndem unverwechselbaren \u201eMaggi-W\u00fcrze-Geruch\u201c auf den Markt bringen. Das Saarland\nsollte als Testregion dienen. Manche Saarl\u00e4nder sollen traurig gewesen sein,\nals die Meldung als Aprilscherz enttarnt wurde.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er erfand T\u00fctensuppen, Suppenw\u00fcrze und Br\u00fchw\u00fcrfel: Julius Maggi. Der rastlose M\u00fcller, der f\u00fcr den Aufstieg des badischen Dorfs Singen sorgte, wurde vor 175 Jahren geboren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5869"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5869"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5869\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5884,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5869\/revisions\/5884"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5869"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5869"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5869"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}