{"id":5873,"date":"2021-10-12T06:28:29","date_gmt":"2021-10-12T05:28:29","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5873"},"modified":"2021-09-30T19:40:26","modified_gmt":"2021-09-30T18:40:26","slug":"praezeptor-orbis-terrarum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5873","title":{"rendered":"\u201ePraezeptor orbis terrarum\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Es war die nach ihm benannte Studie im Auftrag der von ihm\nmitgegr\u00fcndeten Deutschen Anthropologischen Gesellschaft von 1874, die ihn heute\nje nach Perspektive als \u201ewissenschaftlichen Rassisten\u201c oder \u201eobjektiven\nAnthropologen\u201c erscheinen l\u00e4sst. Daf\u00fcr sollten 6,7 Millionen Schulkinder in\nDeutschland (mit Ausnahme Hamburgs) anhand von Kriterien wie Sch\u00e4delformen,\nHaut-, Haar- und Augenfarbe auf Unterschiede zwischen j\u00fcdischen und\nchristlichen Kindern untersucht werden. Dazu wurden damals auch Sch\u00e4del\nvermessen \u2013 heute ein unverzeihliches Vergehen! Die Forscher wollten durch die\nStudie Aufschluss \u00fcber die Verbreitung und die Beschaffenheit der Rassen in\nDeutschland erhalten, wobei die besonderes Augenmerk auf das Erscheinungsbild\neiner \u201ej\u00fcdischen\u201c und einer \u201egermanischen Rasse\u201c legten. <\/p>\n\n\n\n<p>Laut seiner Statistik machten im gesamten Deutschen Reich bei nichtj\u00fcdischen Kindern die Blonden nur 31,8 Prozent aus; die Mischtypen \u00fcberwogen weit mit 54,15 Prozent; bei den j\u00fcdischen Kindern wurden 11 Prozent rein blonde Kinder angetroffen. Dabei gab es bedeutende regionale Unterschiede. Gegen\u00fcber der Ideologie vom reinrassigen deutschen Ariertum zog Virchow die Folgerung, dass die Juden ein Volk, aber keine Rasse seien; wolle man ein germanisches Deutsches Reich, m\u00fcsse man weite Teile S\u00fcd- und Westdeutschlands davon ausschlie\u00dfen. Den Vertretern der \u201eV\u00f6lkischen Bewegung\u201c gefiel diese Erkenntnis naturgem\u00e4\u00df gar nicht, sie entwickelten daraus ihre Thesen von \u00dcberfremdung oder der j\u00fcdischen Gefahr, die Jahrzehnte sp\u00e4ter bittere Fr\u00fcchte trug.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"737\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-9-737x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5891\"\/><figcaption>Virchiw 1891. Quelle: Von Hanns Fechner &#8211; http:\/\/www.kunsttexte.de\/download\/bwt\/werner.pdf Gabriele Werner, Das Bild vom Wissenschaftler &#8211; Wissenschaft im Bild, in: kunsttexte.de Seite 2, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=892753<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein Res\u00fcmee \u201eJa, meine Herren, wohin soll denn das f\u00fchren,\nwenn wir pl\u00f6tzlich eine Art von ethnologischer Heraldik treiben, um zu\nuntersuchen, wo jeder einzelne sein Blut hergenommen hat?\u201d, f\u00fchrte gar zu\nseiner Verunglimpfung im Film \u201eRobert Koch, der Bek\u00e4mpfer des Todes\u201c mit Emil\nJannings in der Titelrolle von 1939. Doch das schm\u00e4lerte seinen Ruhm nicht, im\nGegenteil \u2013 er wird bis heute als Universalgenie gefeiert, der als Arzt,\nSozialmediziner, Anthropologe, Ethnologe, Pr\u00e4historiker und Politiker\nunsch\u00e4tzbare Verdienste erlangte: Rudolf Ludwig Karl Virchow, der am 13.\nOktober 1821 als einziges Kind des Landwirts und Stadtk\u00e4mmerers Carl Virchow im\npommerschen Schievelbein (heute Swidwin\/Polen) geboren wurde. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ePolitik ist Medizin\nim Gro\u00dfen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Virchow wuchs in bescheidenen Verh\u00e4ltnissen auf und war oft\nkrank \u2013 vielleicht ein Grund f\u00fcr seinen Berufswunsch. Nach der Reifepr\u00fcfung am\nGymnasium in K\u00f6slin studierte er ab 1839 mit Hilfe eines Stipendiums der\nBerliner milit\u00e4r\u00e4rztlichen Akademie Medizin und promovierte 1843. Bereits mit\n24 Jahren hielt er Privatvorlesungen und bezeichnete das allgemeinen\nphysikalischen und chemischen Gesetzen unterliegende Leben im Wesentlichen als\nAktivit\u00e4t der Zelle. Auch seine Vorstellungen zur Entstehung von\nVenenentz\u00fcndungen, die bei der Zuh\u00f6rerschaft erheblichen Widerspruch bewirkten,\nentwickelte er zu dieser Zeit. 1845 beschrieb er Wei\u00dfes Blut bei Blutkrebs,\ndessen Namen Leuk\u00e4mie er ab 1847 pr\u00e4gte. Auch die Bezeichnungen Thrombose und\nEmbolie gehen auf Virchow zur\u00fcck: Ihm zu Ehren wird sein Geburtstag seit 2014 als\nWelt-Thrombose-Tag gefeiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Unterarzt der Charit\u00e9 legte er 1846 sein Staatsexamen ab, habilitierte sich ein Jahr sp\u00e4ter und gr\u00fcndete das \u201eArchiv f\u00fcr pathologische Anatomie und Physiologie\u201c, das bis heute als \u201eVirchows Archiv\u201c ein zentrales Publikationsorgan f\u00fcr die Pathologie ist. Im Auftrag der preu\u00dfischen Regierung reiste er Anfang 1848 nach Oberschlesien, um eine grassierende Hungertyphus-Epidemie zu untersuchen. Er erkannte deren Ursachen in sozialen Missst\u00e4nden, der Armut und Unwissenheit der Bev\u00f6lkerung. Die Verantwortung daf\u00fcr sieht er bei Staat und Kirche. Politische und soziale Reformen, Einf\u00fchrung der Demokratie, Aufbau eines Bildungssystems, lauteten seine Rezepte: \u201eDie Medizin ist eine soziale Wissenschaft, und die Politik ist weiter nichts als Medizin im Gro\u00dfen.\u201c Er forderte einen Gesundheitsrat von Sachverst\u00e4ndigen f\u00fcr die \u00f6ffentliche Gesundheitspflege; an den Universit\u00e4ten solle der medizinische Unterricht auf eine empirische Basis gestellt werden, um die Medizin zu einer \u201epositiven Wissenschaft\u201c zu machen. Sein Abschlussbericht rief bei der Regierung keine Begeisterung hervor. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"841\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-10-1024x841.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5893\"\/><figcaption>Virchows Hauptwerk. Quelle: Von \u00a9 Foto H.-P.Haack (H.-P.Haack) &#8211; Antiquariat Dr. Haack Leipzig, CC BY 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=2507319<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Und kaum wiedergekehrt, bringt Virchow die preu\u00dfische\nF\u00fchrung v\u00f6llig gegen sich auf: W\u00e4hrend der M\u00e4rzrevolution beteiligt er sich am\nBarrikadenbau in der Berliner Innenstadt und wurde Mitherausgeber einer\nsozialpolitischen Wochenschrift namens \u201eMedicinische Reform\u201c. Darin forderte er\nerneut eine \u201e\u00f6ffentliche Gesundheitspflege\u201c und gebraucht erstmals den Begriff\n\u201eVolksgesundheit\u201c. Infolge seiner politischen Bet\u00e4tigungen drohte ihm die\nEntlassung aus der Charit\u00e9, und so nahm er Ende 1849 einen Ruf auf den\nLehrstuhl f\u00fcr Pathologische Anatomie in W\u00fcrzburg an \u2013 gegen das Versprechen,\nsich nicht mehr radikal politisch zu bet\u00e4tigen. Im Jahr darauf heiratete er Rose\nMayer, die Tochter eines Geheimen Sanit\u00e4tsrats, und hat mit ihr insgesamt sechs\nKinder. <\/p>\n\n\n\n<p>Zwei Jahre sp\u00e4ter ging Virchow erneut mit politischen\nForderungen an die \u00d6ffentlichkeit: nach einer im Auftrag der W\u00fcrttembergischen\nRegierung durchgef\u00fchrten Untersuchung der Bev\u00f6lkerung in den Elendsquartieren\nverk\u00fcndete er, dass Bildung, Wohlstand und Freiheit Voraussetzung f\u00fcr die\nGesundheit der Bev\u00f6lkerung seien. Die sieben Jahre in W\u00fcrzburg geh\u00f6ren aus\nmedizinischer Sicht zu Virchows bedeutendster Zeit. Einen Gro\u00dfteil seiner bekanntesten\nSchriften verfasst er hier, darunter seine \u201eCellularpathologie\u201c, in der er\nseine \u00dcberlegung von den Zellen als kleinste eigenst\u00e4ndige Einheiten im K\u00f6rper\nskizzierte und darin alle Krankheiten auf Ver\u00e4nderungen der K\u00f6rperzellen\nzur\u00fcckf\u00fchrte. Diese \u201eSolidarlehre\u201c l\u00f6st die jahrhundertealte\n\u201eHumoralpathologie\u201c ab, die Krankheit als eine St\u00f6rung des S\u00e4ftesystems (Blut,\nSchleim, Galle und Schwarzgalle) versteht. So zu Ber\u00fchmtheit gelangt, holte\nBerlin Virchow 1856 schlie\u00dflich auf einen eigens f\u00fcr ihn geschaffenen und in\nDeutschland einmaligen Lehrstuhl f\u00fcr Pathologische Anatomie zur\u00fcck. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die \u201eTrachten der\nWeiber\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von 1859 bis zu seinem Tod war Virchow Mitglied der Berliner Stadtverordnetenversammlung. In diesem Gremium setzte er sich f\u00fcr den Bau von Krankenh\u00e4usern ein und sorgt f\u00fcr eine Professionalisierung der Krankenpflege sowie eine strukturierte Ausbildung an Krankenpflegeschulen, die an die gro\u00dfen Krankenh\u00e4user angegliedert werden. Zudem f\u00fchrte er das System der Wasserversorgung und Abwasserbeseitigung Berlins ein. W\u00e4hrend der Schwerpunkt der Medizin traditionell auf einem individualistischen Ansatz lag, hatte Virchow die Gesundheit der Gruppe, der Stadt, des ganzen Volkes im Blick \u2013 heute w\u00fcrde man \u201epublic health\u201c dazu sagen. Dieser soziale Blick auf eine Medizin, die nicht nur die Gesundheit Einzelner, sondern die der ganzen Gesellschaft im Blick hatte, drehte sich im Dritten Reich ins Negative. Das Individuum z\u00e4hlte nicht mehr, das Volk stand im Mittelpunkt. Dass nach dem Krieg die Individualmedizin wieder dominierte und Virchows Errungenschaften zun\u00e4chst in den Hintergrund traten, verwundert deshalb nicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-11.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5894\"\/><figcaption>Deutsche Freisinnige Gruppe mit Virchow im Reichstag.  Quelle: Von Julius Braatz &#8211; Deutsches Bundesarchiv (German Federal Archive), Bild 147-0935, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5420166<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1861 geh\u00f6rte Virchow zu den Mitbegr\u00fcndern der liberalen \u201eDeutschen\nFortschrittspartei\u201c, deren Mitglieder haupts\u00e4chlich in besser verdienenden und\nstudierten Berufen arbeiten und f\u00fcr die er von 1862 bis 1867 im preu\u00dfischen\nAbgeordnetenhaus vertreten war. Hier geh\u00f6rt er bald zu den sch\u00e4rfsten Kritikern\nBismarcks. Dieser wurde gerade zum preu\u00dfischen Ministerpr\u00e4sidenten berufen, um\nim Verfassungskonflikt zwischen dem preu\u00dfischen K\u00f6nig Wilhelm I. und dem\nParlament zu vermitteln. Geschickt versucht Bismarck den Konflikt in seinem\nSinne zu l\u00f6sen: Da eine L\u00fccke in der Verfassung bestehe und die Exekutive die\ntragende Kraft sei, falle dieser \u2013 also dem K\u00f6nig \u2013 im Zweifel die\nEntscheidungsgewalt bei. Von dieser Machtbeschneidung des Parlaments h\u00e4lt\nVirchow nat\u00fcrlich wenig. Genauso wenig kann er mit Bismarcks Machtpolitik \u2013\n\u201eBlut und Eisen\u201c \u2013 anfangen. Er sieht die St\u00e4rke und Expansion nach au\u00dfen vor\nallem als Weg, um von den Problemen im Inneren abzulenken, und meint, die\npreu\u00dfischen \u201eEinigungskriege\u201c von 1864 (und 1866 sowie 1870) g\u00e4ben ihm Recht.<\/p>\n\n\n\n<p>Am 2. Juni 1865 kam es zu einer hitzigen Budgetdebatte im\nLandtag &#8211;&nbsp; Virchow wollte das Geld f\u00fcr\nden Ausbau des Kieler Kriegshafens lieber in eine Verbesserung der\nInfrastruktur und in so\u00adziale Ma\u00dfnahmen wie Parks und Spielpl\u00e4tze stecken.\nBismarck explodiert, er fordert &nbsp;Virchow\nzum Duell. Doch der lehnt ab. Ein Waffenduell sei keine zeitgem\u00e4\u00dfe Art der\nDiskussion, belehrt er seinen Widersacher k\u00fchl. Der <em>Cottbuser Anzeiger<\/em> berichtete von Virchows Studenten, die sich an\nStelle ihres Lehrers mit dem Ministerpr\u00e4siden\u00adten schlagen wollten: \u201eNun sei es\nihnen ja klar, welchen unersetzlichen Verlust die Wissenschaft und die Nati\u00adon\ndurch einen unzeitigen Tod Dr. Virchow\u2018s erleiden w\u00fcrde. Der Gedanke sei ih\u00adnen\nentsetzlich, dass er bei einem Spiel, dass sie selbst wahrscheinlich bes\u00adser\nverst\u00fcnden als ihr ber\u00fchmter Lehrer, der Welt entrissen werden k\u00f6nnte.\u201c Nach dem\nEingreifen des Kriegsministers sah Bismarck dann von seiner Forderung ab. Ab\n1880 sa\u00df Virchow zun\u00e4chst f\u00fcr die Fortschrittspartei, ab 1884 dann f\u00fcr die\nFreisinnige Partei im Deutschen Reichstag, wo er sich erneut f\u00fcr den Aufbau\neiner staatlichen Gesundheitsf\u00fcrsorge einsetzte \u2013 und von Bismarck erneut\nattackiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Dar\u00fcber hinaus forschte Virchow zur Anthropologie und\nUrgeschichte, wozu er schon 1857 seine \u201eUntersuchungen \u00fcber die Entwicklung des\nSch\u00e4delgrundes\u201c vorlegte, der eine zentrale Rolle auf dem Weg von der\npathologischen Anatomie zur Anthropologie zukam. Er trug wesentlich zur\nProfessionalisierung und Institutionalisierung des Fachs in Deutschland bei und\nreiste zu Studienzwecken nach \u00d6sterreich-Ungarn und in den Kaukasus, aber auch nach\nPommern und in die Mark. Er pr\u00e4gte den Begriff der \u201eLausitzer Kultur\u201c,\nunterschied als erster zwischen der slawischen Keramik des Burgwalltyps und der\nbronzezeitlichen Keramik des Lausitzer Typs und beschrieb 1875 nach einer\nExkursion \u201eDie \u201aTrachten der Weiber\u2018 und das wendische kirchliche Leben\u201c.\nAu\u00dferdem besuchte er Heinrich Schliemann in Troja und ging mit ihm nach\nGriechenland und \u00c4gypten. 1881 gab Schliemann auf Virchows Vermittlung den \u201eSchatz\ndes Priamus\u201c zur ungeteilten Aufbewahrung nach Berlin.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eder rassistische\nGehalt seines Tuns\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Von 1886 bis 1888 beteiligte sich Virchow an der Gr\u00fcndung des Ethnologischen Museums und des V\u00f6lkerkundemuseums in Berlin: Er und andere Forscher wollen mehr \u00fcber unbekannte V\u00f6lker, Kulturen und die Physiognomie des Menschen erfahren. Zu diesem Zweck sammeln sie alles, was von Fernreisen und Expeditionen mitgebracht wird: Neben Artefakten wie Keramiken werden auch menschliche Knochen untersucht, diskutiert und katalogisiert. Virchow tr\u00e4gt in dieser Zeit mehr als 5.000 Skelette und Sch\u00e4del aus aller Welt zusammen: Die \u201eVirchow-Sammlung\u201c entstand. Zumeist waren es Schiffs\u00e4rzte, die in seinem Auftrag aus allen Kontinenten Skelette und Sch\u00e4del mitbrachten. F\u00fcr Wissenschaftler sind solche ethnografische Sammlungen von unsch\u00e4tzbarem Wert: Sie betrachten diese Skelette als biohistorische Urkunden, \u201eSachzeugen\u201c. Die Kritiker dieser Sammlungen dagegen fordern eine R\u00fcckgabe der menschlichen \u00dcberreste an die V\u00f6lker der Ursprungsorte, damit sie dort w\u00fcrdig bestatten werden k\u00f6nnen. Die sogenannte Virchow-Sammlung wird heute vom anthropologischen Institut der Humboldt-Universit\u00e4t verwaltet. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"764\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-12-1024x764.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5895\"\/><figcaption>Virchow in seinem Berliner Arbeitszimmer. Quelle: Von Internet Archive Book Images &#8211; https:\/\/www.flickr.com\/photos\/internetarchivebookimages\/14578454228\/Source book page: https:\/\/archive.org\/stream\/lemondemoderne16pari\/lemondemoderne16pari#page\/n684\/mode\/1up, No restrictions, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=43783432<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Daneben beteiligt sich der Freigeist und Humanist auch an\nder Praxis, Untersuchungen am \u201elebenden Objekt\u201c vorzunehmen. Hierzu holte man\nsich in die Studierzimmer Menschen aus den sogenannten \u201eV\u00f6lkerschauen\u201c wie die\ndes Hamburger Tierparkunternehmer Carl Hagenbeck, die Ende des 19. Jahrhunderts\nin allen gro\u00dfen europ\u00e4ischen St\u00e4dten zu sehen waren: Feuerl\u00e4nder und Lappen,\nIndianer und Nubier wurden dem neugierigen Publikum als \u201eunverf\u00e4lschte\nNaturmenschen\u201c vorgef\u00fchrt. \u201eGanz dem Anspruch wissenschaftlicher Objektivit\u00e4t\nverpflichtet, entging Virchow die \u00dcberheblichkeit und der rassistische Gehalt\nseines Tuns\u201c, dekretiert ebenso ahistorisch wie arrogant und ideologisch das <em>ARD<\/em>-Portal <em>Planet Wissen<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Doch der geniale Wissenschaftler ist Zeit seines Lebens l\u00e4ngst nicht in allen Bereichen genial: Auch ihm unterlaufen Fehler. So giftet er offen \u00fcber den \u201eBazillenzirkus\u201c, wie er die These seines einstigen Sch\u00fclers Robert Koch bezeichnet, wonach Bakterien Krankheiten wie Tuberkulose und Milzbrand ausl\u00f6sen k\u00f6nnten. Diese Hartn\u00e4ckigkeit selbst angesichts sich h\u00e4ufender, gegenteiliger Befunde erkl\u00e4rt die Universit\u00e4t W\u00fcrzburg in einer Abhandlung zur Geschichte ihres Pathologischen Instituts mit dem ungeheuren Selbstbewusstsein Virchows und vielleicht auch einem gewissen Hang zur Eitelkeit: \u201eW\u00e4hrend Virchow seine eigenen Hypothesen mit einer fast lutherischen Selbstgewissheit verteidigte, hatte er gro\u00dfe M\u00fche, bahnbrechende Ergebnisse anderer gro\u00dfer Forscher anzuerkennen \u2026 Manchmal hat man den Eindruck, dass Virchow deren Ideen durchaus enthusiastisch akzeptiert h\u00e4tte, w\u00e4ren sie nur seiner eigenen Einsicht entsprungen\u201c. Er stand Darwins Evolutionstheorie ebenso skeptisch gegen\u00fcber wie dem Befund Johann Carl Fuhlrotts, dass die in der sogenannten Kleinen Feldhofer Grotte bei D\u00fcsseldorf gefundenen Sch\u00e4delknochen einem Urmenschen geh\u00f6rten. Dass sie tats\u00e4chlich 42.000 Jahre alt waren, wurde 1903 kurz nach seinem Tod festgestellt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/09\/Maggi-13-768x1024.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5896\"\/><figcaption>Denkmal f\u00fcr Rudolf Virchow nahe der Charite. Quelle: Von Andreas Steinhoff, Attribution, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=527267<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Denn im Januar 1902 st\u00fcrzte Virchow beim Abspringen von\neiner noch fahrenden Stra\u00dfenbahn, brach sich den Oberschenkelhals und erholte\nsich von diesem Unfall nicht mehr. Er starb am 5. September 1902 und wurde auf\ndem Alten St.-Matth\u00e4us-Kirchhof in Sch\u00f6neberg begraben, seit 1952 als Ehrengrab\nder Stadt Berlin gewidmet. Er war Mitglied vieler Akademien der Wissenschaften\nweltweit. Die Rudolf-Virchow-Medaille ist die h\u00f6chste Auszeichnung der\nDeutschen Gesellschaft f\u00fcr Pathologie. Zudem wurden der Rudolf-Virchow-Preis (DDR)\nsowie der Virchow-Preis des Aktionsb\u00fcndnisses Thrombose nach ihm benannt,\ndaneben ein Campus-Klinikum der Charit\u00e9, Stra\u00dfen, Pl\u00e4tze, ein Mondkrater, ein\nAsteroid \u2013 und die Rudolf-Virchow-Vorlesung des R\u00f6misch-Germanischen\nZentralmuseums Mainz. Sein Nachfolger als Professor in Berlin, sein ehemaliger\nAssistent Johannes Orth, w\u00fcrdigte seinen Lehrer in einem Nachruf als\n\u201ePraezeptor orbis terrarum\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er  begr\u00fcndete die moderne Pathologie, die moderne Sozialhygiene und die Deutsche Fortschrittspartei &#8211; und wurde von Bismarck zum Duell gefordert: Rudolf Virchow. Vor 200 Jahren kam er zur Welt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5873"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5873"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5873\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5897,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5873\/revisions\/5897"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5873"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5873"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5873"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}