{"id":5940,"date":"2021-11-10T06:01:13","date_gmt":"2021-11-10T05:01:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5940"},"modified":"2021-10-27T19:12:50","modified_gmt":"2021-10-27T18:12:50","slug":"ein-vertrauter-der-hoelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5940","title":{"rendered":"\u201eein Vertrauter der H\u00f6lle\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Stirbt die Natur zum Winter hin, werden die Menschen im\nSternbild Skorpion geboren. Kein Wunder, dass ihnen zu Leid, Verg\u00e4nglichkeit, Tod,\nTrauer und Erl\u00f6sung eine besondere existenzialistische N\u00e4he nachgesagt wird &#8211;\ndie sie manchmal suchen, die sie manchmal aber auch ungewollt ereilt. Sein\nLeben und Werk ist ein Paradebeispiel daf\u00fcr. Als kleiner Junge lief er voller\nAngst vor einem Wolf durch ein Sonnenblumenfeld in die Arme des Bauern Marai,\nder mit seinen erdverschmierten Fingern ein Kreuz auf seine Stirn malt, erinnert\ner sich. \u201eEr war ein Vertrauter der H\u00f6lle\u201c schrieb Thomas Mann. Seit seiner\nKindheit Epileptiker, erlebte er bei seinen Anf\u00e4llen Gef\u00fchle, die aus\nNahtod-Erfahrungen bekannt sind: \u201eIch f\u00fchlte mich, als wenn der Himmel auf die\nErde herabgekommen w\u00e4re und mich einh\u00fcllte\u201c, schreibt er in einem Brief.<\/p>\n\n\n\n<p>Die tiefste Erfahrung aber wurde ihm am 22. Dezember 1849 in Petersburg zuteil \u2013 der 28j\u00e4hrige war gemeinsam mit anderen wegen des Vorwurfs umst\u00fcrzlerischer Umtriebe zum Tod durch Erschie\u00dfen verurteilt worden. In wei\u00dfe Leichenkittel und Kappen eingekleidet und bereits an den Pfl\u00f6cken festgebunden, wurde dann ein Erlass von Zar Nikolaus verlesen, der ihm alle Verm\u00f6gensrechte absprach, ihn f\u00fcr vier Jahre zur Zwangsarbeit in die Verbannung schickte und danach zum einfachen Soldaten verpflichtete &#8211; Stefan Zweig gestaltet dieses Ereignis in den <em>Sternstunden der Menschheit<\/em>. 1864 musste er dann den Tod seiner ersten Frau, seines Bruders Michail und eines guten Freundes verkraften, woraufhin er 1865 nach Wiesbaden fuhr und aus Verzweiflung versuchte, seine finanzielle Lage durch das Roulettespiel zu verbessern. Er verlor jedoch alles, was er besa\u00df, und wurde spiels\u00fcchtig. Auch zwei der vier Kinder seiner zweiten Frau musste er fr\u00fch begraben \u2013 und lebte und schrieb weiter. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Dosto.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5942\"\/><figcaption>Dostojewski. Quelle: Von Wassili Grigorjewitsch Perow &#8211; kgHBFHS7SpcayQ at Google Arts &amp; Culture, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=13499483<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der d\u00e4nische Slawist Adolf Stender-Petersen hat sein Schreiben\nals \u201epsychologischen Realismus\u201c charakterisiert. Jahrzehnte vor der Begr\u00fcndung\nder Psychoanalyse sondierte er minuti\u00f6s die menschliche Seele, zeigte ihre\ninneren Widerspr\u00fcche und die Macht des Unbewussten auf und bem\u00fchte sich um eine\nRehabilitierung des Irrationalen. Sigmund Freud und Alfred Adler haben sein\nWerk studiert und konnten bei der Entwicklung ihrer Lehren aus Entdeckungen\nsch\u00f6pfen, die er bereits ausf\u00fchrlich dargestellt hatte. Friedrich Nietzsche hat\neinmal geschrieben, er sei der einzige Psychologe, von dem er habe lernen\nk\u00f6nnen. \u201eEr hat die Herrschaft der Gro\u00dfinquisitoren und den Triumph der Macht\n\u00fcber die Gerechtigkeit vorausgesehen\u201c, wies ihm Albert Camus gar eine\nprophetische Begabung zu: Fjodor Michajlowitsch Dostojewski, der am 11.\nNovember 1821 als j\u00fcngster Sohn einer verarmten Adelsfamilie in Moskau geboren\nwurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ideal eines\nchristlichen Sozialismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Er hatte acht Geschwister, von denen sieben das\nErwachsenenalter erreichten. Der russisch-orthodoxe Glaube spielte in der\nFamilie eine gro\u00dfe Rolle: Die Mutter hatte die S\u00f6hne mit religi\u00f6sen\nKinderb\u00fcchern alphabetisiert. Einen Gro\u00dfteil seiner Kindheit verbrachte\nDostojewski in der Klinik, in der sein Vater als Arzt arbeitete. Diese\nbedr\u00fcckende Atmosph\u00e4re pr\u00e4gte den Charakter des jungen Fjodor, der wenig\nKontakt zur Au\u00dfenwelt hatte und fr\u00fch die Welt der B\u00fccher f\u00fcr sich entdeckte.\nVor allem Puschkin verehrte Dostojewski sein ganzes Leben lang als Halbgott. Er\nwar Vielleser und verschlang daneben auch popul\u00e4re Unterhaltungsliteratur der\nZeit. Von 1833 bis 1837 besuchten er und sein Lieblingsbruder Michail zwei\nprivate Internatschulen. Nach dem fr\u00fchen Tod der Mutter siedelte die Familie 1837\nnach St. Petersburg \u00fcber, wo zwei Jahre sp\u00e4ter auch sein Vater starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1838 studierte Dostojewski an der Milit\u00e4rakademie und begann im August 1843 seinen Dienst als Milit\u00e4ringenieur, zun\u00e4chst als unbedeutender Milit\u00e4rzeichner. Als ihm eine Versetzung au\u00dferhalb Petersburgs drohte, reichte er 1844 seinen Abschied ein. In diesem Jahr hatte sich Dostojewski mit der \u00dcbersetzung franz\u00f6sischer Prosa besch\u00e4ftigt; seine \u00dcbertragung von Balzacs <em>Eug\u00e9nie Grandet<\/em> wurde gedruckt. Aus Briefen ist bekannt, dass er daneben eigene schriftstellerische Versuche unternahm, die jedoch verloren gegangen sind. Sein erster erhaltener Text ist 1845 der Briefroman <em>Arme Leute<\/em>. Er portr\u00e4tierte als erstes Werk in der russischen Literatur Menschen in Armut und Elend mit der ganzen Zartheit und Komplexit\u00e4t ihrer Gef\u00fchle und ihres Leidens. Die russische Intelligenzija feierte es enthusiastisch. Im selben Jahr lernte er den Kritiker Belinskij kennen, der einen atheistischen Sozialismus vertrat, ihn f\u00fcr die Lekt\u00fcre von Ludwig Feuerbach warb und 1846 seine Novelle <em>Der Doppelg\u00e4nger<\/em> ver\u00f6ffentlichte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"743\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Dosto-1-1024x743.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5943\"\/><figcaption>zeitgen\u00f6ssische Darstellung der Schein-Erschie\u00dfung. Quelle: Von B. Pokrovsky &#8211; This file is available from the \u00abRunivers\u00bb project website (runivers.ru)and its original description available at the link.This tag does not indicate the copyright status of the attached work. A normal copyright tag is still required. See Commons:Licensing for more information., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=10535140<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p> Parallel zur Publikation weiterer kleiner Prosaarbeiten wie \u201eWei\u00dfe N\u00e4chte\u201c (1848) nahm er an Treffen der Petraschewzen teil und las dort ein \u201ekriminelles Schreiben\u201c Belinskijs an Nikolai Gogol vor &#8211; nach Denunziation f\u00fchrte diese Lesung zum Prozess und zum Todesurteil. 1850-54 verbrachte er in Ketten in der Omsker Katorga, wo die politischen H\u00e4ftlinge zusammen mit gew\u00f6hnlichen Kriminellen untergebracht waren. Er durfte nicht schreiben, lag aber einige Zeit in der Krankenstation, wo er heimlich ein Notizbuch f\u00fchren konnte. Revolutionsideen und fr\u00fcheren politischen \u00dcberzeugungen schwor Dostojewski w\u00e4hrend der Gefangenschaft und des anschlie\u00dfenden Milit\u00e4rdienstes vollst\u00e4ndig ab, hielt jedoch sein Leben lang am Ideal eines christlichen Sozialismus fest: der Idee, dass Menschlichkeit durch ihre spirituelle Kraft ein Paradies auf Erden schaffen k\u00f6nne. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Entlassung musste er sich im westsibirischen\nSemipalatinsk (heute Semei\/Kasachstan) dem 7. Sibirischen Linienbataillon\nanschlie\u00dfen. Weil sich Freunde f\u00fcr ihn einsetzten, brauchte er nicht in der\nKaserne zu wohnen, wurde 1855 zum Offizier bef\u00f6rdert und durfte seit 1856 wieder\nver\u00f6ffentlichen. Sein erster Text waren die \u201eAufzeichnungen aus einem\nTotenhaus\u201c, in denen er pr\u00e4zise und authentisch die d\u00fcrftigen Bedingungen der\nKatorga schilderte. Die Ver\u00f6ffentlichung mehrerer Kapitel scheiterten zuerst an\nder Zensur: Dostojewski hatte bef\u00fcrchtet, dass seine Enth\u00fcllung der Grausamkeit\nder Lagerrealit\u00e4t Ansto\u00df erwecken w\u00fcrde. Doch das Gegenteil war der Fall: Ein\nZensor kritisierte, dass potenzielle Straft\u00e4ter durch die Schilderung nicht\nausreichend abgeschreckt w\u00fcrden. Der Text begr\u00fcndete das Genre der\n\u201eLagerliteratur\u201c, in dessen Tradition sp\u00e4ter auch Solshenizyn schrieb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>finsterste Winkel der\nmenschlichen Seele<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1857 heiratete er die Witwe Marija Issajewa, die einen 9-j\u00e4hrigen Sohn mit in die Ehe brachte, erhielt seine B\u00fcrgerrechte zur\u00fcck und schrieb weiter, so die Novelle <em>Onkelchens Traum<\/em> oder den Roman <em>Erniedrigte und Beleidigte<\/em>. Da sich seine Epilepsie verschlimmerte, wurde er 1859 aus dem Milit\u00e4rdienst entlassen, siedelte erst nach Twer und nach Zar Nikolaus\u2018 Tod wieder nach Petersburg \u00fcber. Ab 1861 gab er zusammen mit seinem Bruder die Zeitschrift <em>Die Zeit<\/em> heraus, nach deren Verbot <em>Die Epoche<\/em>. Seine Einnahmen erm\u00f6glichten ihm dann drei gr\u00f6\u00dfere Europareisen, auf denen ihn teilweise seine Geliebte Polina Suslowa begleitete. Die dritte diente zur Bew\u00e4ltigung seines Schicksalsjahres 1864. Die Zeit der gro\u00dfen Ideenromane begann \u2013 insgesamt 35 Romane wird Dostojewski am Ende geschrieben haben, in denen er die finstersten Winkel der menschlichen Seele ausleuchtet, auch die seiner eigenen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"578\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Dosto-2-1024x578.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5944\"\/><figcaption>Gesamtausgabe des Aufbau-Verlags. Quelle: https:\/\/images.booklooker.de\/x\/024sHI\/Fjodor-Dostojewski+S%C3%A4mtliche-Romane-und-Erz%C3%A4hlungen.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1866 erschien <em>Schuld\nund S\u00fchne<\/em>, in dem er die seelischen Reuequalen von Rodion Raskolnikow gestaltet,\nder aus N\u00e4chstenliebe und Mitleid zum M\u00f6rder wird. Im selben Jahr engagierte er\ndie 20-j\u00e4hrige Stenographin Anna Snitkina, der er in 24 Tagen den Kurzroman \u201eDer\nSpieler\u201c diktierte \u2013 und die er 1867 heiratet. Die Personalie \u201ek\u00f6nnte im\nZeitalter von MeToo Brisanz entfalten\u201c, zieht Tilman Krause in der <em>Welt<\/em> gen\u00fcsslich vom Leder. Denn seine\nzweite Gattin sei nicht nur \u201ezur kompetenten Mitarbeiterin, ja sogar zur\nVerlegerin mutiert. Sie schrieb dann auch die erste Dostojewski-Biografie. War\ndas nun Ausbeutung oder F\u00f6rderung?\u201c Im selben Jahr fl\u00fcchtet er wegen\nanhaltender finanzieller Schwierigkeiten mit Anna bis 1871 ins Ausland,\ndarunter lange nach Deutschland. Er spielte wieder, \u00fcberwarf sich mit\nTurgenjew, erlebte in der Schweiz Geburt und Tod seiner ersten Tochter und ver\u00f6ffentlichte\n1868 <em>Der Idiot<\/em>, in dem er seinen\nF\u00fcrst Myschkin mit seiner christus\u00e4hnlichen Mitleidskraft zum Sonderling der\nGesellschaft macht. Im Jahr darauf kam seine zweite Tochter Ljubow in Dresden zur\nWelt, wo er mit Unterbrechungen zwei seiner vier Auslandsjahre verbrachte.\nHeute erinnert ein Denkmal an der Elbe nahe dem S\u00e4chsischen Landtag daran. <\/p>\n\n\n\n<p>Die Eheleute Dostojewski spazieren auf den Spuren des hoch verehrten Friedrich Schiller, trinken Kaffee in der &nbsp;\u201eSchillerlinde&#8220;, h\u00f6ren im Gro\u00dfen Garten die Konzerte der Regimentskapelle, machen Dampferfahrten auf der Elbe oder holen sich russische B\u00fccher aus der Pachmann\u2018schen Leihbibliothek in der Wilsdruffer Stra\u00dfe. Und fast t\u00e4glich besuchen sie die Gem\u00e4ldegalerie und dort immer wieder Raffaels \u201eSixtinische Madonna&#8220;, wobei er \u00c4rger mit einem W\u00e4rter bekommt, da der Kurzsichtige auf einen Stuhl steigt, um sie besser betrachten zu k\u00f6nnen. Hier schreibt Dostojewski die ersten zwei B\u00e4nde der <em>D\u00e4monen<\/em> und nennt darin Dresden einen \u201eSchatz in einer Schnupftabakdose\u201c, der \u201enoch dazu eine kleine Schweiz im Taschenformat hat\u201c. In den fast 60 Briefen, die Dostojewskij aus Dresden schrieb, spielt ihr Leben in der Stadt jedoch kaum eine Rolle. Mit seinen Gedanken war er allein in Russland, von dessen missionarischer Sendung f\u00fcr die Welt er sich durch seine Erfahrungen in Westeuropa best\u00e4tigt f\u00fchlte. In einem Brief spricht er vom \u201eLicht aus dem Osten, das zu der erblindeten Menschheit im Westen str\u00f6mt, die Christus verloren hat\u201c. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Dosto-3-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5945\"\/><figcaption>Denkmal in Dresden. Quelle: Von Corradox &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=9382696<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zur\u00fcck in Petersburg gebar seine Frau den ersten Sohn\nFjodor. Er vollendet den dritten Teil der <em>D\u00e4monen<\/em>\nund ver\u00f6ffentlicht 1875 <em>Der J\u00fcngling<\/em>.\nIm selben Jahr kommt sein zweiter Sohn Aljoscha zur Welt, der drei Jahre sp\u00e4ter\nschon wieder stirbt. 1880 erschien der letzte und umfangreichste Roman <em>Die Br\u00fcder Karamasow<\/em>, eine hochkomplexe\nkriminalistische Familiengeschichte mit einer immensen Anzahl an Figuren und\nvielen Handlungsstr\u00e4ngen, in denen Dostojewski s\u00e4mtliche Ideen und Menschenentw\u00fcrfe,\ndie ihn bis dahin bewegt hatten, erneut behandelte. Die zentralen Fragen, die\nvon den Protagonisten auf jeweils eigene Weise beantwortet werden, sind die\nnach der Existenz Gottes und dem Sinn des Lebens. Das k\u00fcnstlerische Autorentum\nDostojewskis erreicht hier seinen H\u00f6hepunkt, was Sigmund Freud zu dem Urteil\nveranlasste, dies sei \u201eder gro\u00dfartigste Roman, der je geschrieben wurde\u201c. Hermann\nHesse las ihn als Prophezeiung des Unterganges des europ\u00e4ischen Geistes.\nDostojewskis mehrdeutige Sentenz \u201eWir sind Revolution\u00e4re (\u2026) aus\nKonservatismus\u201c wurde 1921 von Thomas Mann aufgegriffen und in das Schlagwort\neiner \u201ekonservativen Revolution\u201c umgem\u00fcnzt. Seine finanzielle Lage hatte sich\nin den letzten Jahren aufgrund seines Ruhmes verbessert, doch sein\nGesundheitszustand verschlechterte sich rapide. Fjodor Dostojewski verstarb am\n28. Januar 1881 nach einem Blutsturz infolge eines Lungenemphysems.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>getrieben von Liebe\nund Sehnsucht<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An der Trauerfeier am 31. Januar nahmen 60.000 Menschen teil. Begraben ist er auf dem Tichwiner Friedhof im Alexander-Newski-Kloster. Mit Iwan Turgenjew und Leo Tolstoi geh\u00f6rt Dostojewski zum unangefochtenen Dreigestirn des russischen Romans, zu den Giganten der russischen Literatur. Er avancierte mit moderner psychologischer Erz\u00e4hlweise und der philosophischen Komplexit\u00e4t seiner Gedankenwelt zu einem der bedeutendsten Autoren des 19. Jahrhunderts, der seinerseits nahezu alle namhaften Autoren nach ihm beeinflusste. Bezeichnend f\u00fcr seinen Stil ist die gro\u00dfe emotional-emphatische Eindringlichkeit der Beschreibung der Charaktere seiner Protagonisten. Seine Gestalten sind entweder von einem b\u00f6sen D\u00e4mon gerittene Wesen, andere wieder von einer fast \u00fcberirdischen Reinheit und Weichheit. Immer ist er von tiefstem Mitleid und Verstehen der gequ\u00e4lten Menschheit besessen. \u201eThema seines gesamten Schaffens ist das Leben der Erniedrigten und die verzweifelte Menschenseele, die aber trotz aller Verirrungen sich immer wieder erhebt, getrieben von Liebe und Sehnsucht nach dem Guten\u201c, befindet Georg B\u00fcrke auf dem Blog <em>Deutschland-Lese<\/em>. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Dosto-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5946\"\/><figcaption>Begr\u00e4bniszug. Quelle: Von V. Porfiryev &#8211; http:\/\/www.smolgazeta.ru\/culture\/5895-k-godovshhine-uxoda-smert-i-poxorony-dostoevskogo.html, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=19043421<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Romane spielen fast ausnahmslos in der Gro\u00dfstadt,\nbesonders in Petersburg, dessen Elendsviertel er mit ungeheurer Kraft und\nAnschaulichkeit schildert und ins Unheimliche, ja D\u00e4monische steigert. Doch er lehnt\nalle Versuche ab, die sozialen Probleme durch \u00e4u\u00dfere Mittel zu l\u00f6sen, und ersehnt\nErl\u00f6sung allein durch die erbarmende Liebe Gottes, der sich dem Dem\u00fctigen und\nLiebenden offenbart, selbstherrliches \u00dcbermenschentum aber an der eigenen\n\u00dcberheblichkeit scheitern l\u00e4sst. Besonders in seinem Sp\u00e4twerk zeigt sich als\nleitendes Motiv die vom Sozialismus \u00fcbernommene Idee eines goldenen Zeitalters.\nTrotzdem wurde er, beginnend bei Lenin und Maxim Gorki, bis 1956 in seiner\nHeimat als \u201ereaktion\u00e4r\u201c, \u201ebourgeois\u201c und \u201eindividualistisch\u201c verfemt. Seine\nWerke wurden in mehr als 170 Sprachen \u00fcbersetzt. \u201eBei Dostojewski gab es\nGlaubhaftes und Unglaubhaftes\u201c, bilanzierte Ernest Hemingway seine Lekt\u00fcre, \u201eaber\nmanches davon so wahr, dass es beim Lesen einen anderen Menschen aus dir macht\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war begnadeter Seelenschilderer, suchte im Menschen Gott und Teufel und nannte sich \u201eProletarier-Literat\u201c: Fjodor Dostojewski. Der Autor unvergleichlicher Romane kam vor 200 Jahren zur Welt. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5940"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5940"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5940\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5950,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5940\/revisions\/5950"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5940"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5940"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5940"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}