{"id":5948,"date":"2021-11-26T06:12:13","date_gmt":"2021-11-26T05:12:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5948"},"modified":"2021-10-27T19:24:27","modified_gmt":"2021-10-27T18:24:27","slug":"tragoedie-am-kilometerstein-88","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5948","title":{"rendered":"\u201eTrag\u00f6die am Kilometerstein 88\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Als er unter dem Vorwand einer wichtigen\nwirtschaftspolitischen Beratung kurzfristig f\u00fcr den 23. M\u00e4rz 1968 nach Dresden\ngerufen wird, ahnt er nicht, mit welch massivem Aufwand alle anderen bereits in\nden letzten drei Wochen, seit Aufhebung der Zensur in der \u010cSSR, Informationen\n\u00fcber seine Politik der \u00d6ffnung gesammelt und eine konzertierte Aktion\nvorbereitet haben. Als sich in Elbflorenz die Generalsekret\u00e4re der sechs\nsozialistischen Bruderparteien versammeln (UdSSR, Polen, Ungarn, Bulgarien, DDR\nund \u010cSSR \u2013 das eigensinnige Rum\u00e4nien wurde ganz bewusst nicht eingeladen) und\nin einer gemeinsamen Attacke versuchen, ihn und seine Genossen einzusch\u00fcchtern,\nwird streng darauf geachtet, das nichts nach au\u00dfen dringt. Und so machen sich\nwestliche Zeitungen \u2013 ohne wirkliche Quellen \u2013 ihren Reim darauf.<\/p>\n\n\n\n<p>Der <em>Daily Express<\/em> schreibt nach der Konferenz in Dresden: \u201eDer ruhige Tscheche geht als Sieger nach Hause.\u201c Der neue Parteichef habe in Dresden triumphiert. Ein paar Meter weiter, beim konservativen <em>Daily Telegraph<\/em>, das komplett gegenteilige Bild: \u201eNach der panischen kommunistischen Supergipfeltagung scheint es m\u00f6glich, dass Russland bereit sei, Gewalt anzuwenden.\u201c Zwei Mal ein Blick in die Glaskugel \u2013 denn valide Informationen besitzen beide Bl\u00e4tter nicht. Ganz bewusst wurde in Dresden kein offizielles Protokoll angefertigt: Auch 1968 schon hatte man Angst vor den Leaks im eigenen Apparat. Aber ein inoffizielles gibt es, heimlich stenografiert und von Walter Ulbricht, m\u00f6glicherweise in Absprache mit Leonid Breschnew, angeordnet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/dubcek.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5952\"\/><figcaption>Alexander Dubcek. Quelle: https:\/\/www1.wdr.de\/stichtag\/stichtagnovemberzwoelf138~_v-gseapremiumxl.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend Breschnew in Dresden versucht, zwei Rollen auf\neinmal zu bedienen \u2013 die des aggressiv Parteidisziplin einfordernden\nChef-Generalsekret\u00e4rs und die des sorgenden Vaters, f\u00fcr den das Wohl der\nsozialistischen Gemeinschaft an oberster Stelle steht, erweist sich\nausgerechnet Polens Parteichef W\u0142adys\u0142aw Gomu\u0142ka als Scharfmacher: \u201eIhre\nF\u00fchrung und Ihre Regierung haben im Wesentlichen nichts in der Hand. Sie f\u00fchren\nnicht. Sie regieren nicht. \u2026 Wir haben nicht die Absicht, uns in die inneren\nAngelegenheiten einzumischen, aber es gibt Situationen, wo so genannte innere\nAngelegenheiten \u00e4u\u00dfere Angelegenheiten werden, also Angelegenheiten des ganzen\nsozialistischen Lagers.\u201c Und dann schl\u00e4gt Breschnew zu: \u201eWir k\u00f6nnen der\nEntwicklung in der Tschechoslowakei nicht mehr l\u00e4nger unbeteiligt zuschauen.\u201c Damit\nist das Schicksal des \u201ePrager Fr\u00fchlings\u201c und auch seins als Parteichef fr\u00fch\nbesiegelt: Alexander Dub\u010dek, der am 27. November vor 100 Jahren im\nnordwestslowakischen Uhrovec als zweiter Sohn eines Tischlers und Kommunisten\ngeboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201esozialistisch\u201c nicht\ngerechtfertigt<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Vater folgt dem Aufruf der \u201eInternationalen\nArbeiterhilfe\u201c, sich am Aufbau der Sowjetunion zu beteiligen, \u00fcbersiedelt mit\nseiner Familie 1925 und lebt bis zur R\u00fcckkehr 1938 anfangs im kirgisischen Bischkek\n(heute Frunse), ab 1933 in Zentralrussland. In dieser Zeit lernte Alexander Maschinenschlosser.\n1939 wurde er Mitglied der Kommunistischen Partei der Slowakei (KPS), war ab\n1941 Facharbeiter in den Skoda-Werken in Dubnica nad V\u00e1hom und nahm 1944 zusammen\nmit der Partisaneneinheit \u201eJan Ziska\u201c am Slowakischen Nationalaufstand teil. In\nden K\u00e4mpfen kommt sein \u00e4lterer Bruder ums Leben. 1945 beginnt er als Schlosser\nin einer Hefefabrik in Trencin zu arbeiten und heiratet seine Kindheitsfreundin\nAnna. Aus der Ehe gehen drei S\u00f6hne hervor. Ab 1949 machte der als spr\u00f6de, blass\nund unscheinbar beschriebene Dub\u010dek \u00fcber verschiedene Partei\u00e4mter Karriere,\nging 1955 f\u00fcr drei Jahre zum Studium an die Moskauer Parteihochschule und\nerlebt das Tauwetter nach Stalins Tod. <\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner R\u00fcckkehr ger\u00e4t er prompt in Konflikt mit Anton\u00edn Novotn\u00fd, dem damaligen Ersten Sekret\u00e4r des Zentralkomitees der KP\u010c. So lehnt er dessen Verfassungsreform von 1958 ab: Nach seiner Meinung war bspw. die Namens\u00e4nderung von \u010cSR in \u010cSSR \u2013 also der Zusatz \u201esozialistisch\u201c \u2013 nicht gerechtfertigt. Der Kampf kulminierte am 31. Oktober 1967: Dubcek fordert auf einer ZK-Tagung seinen R\u00fccktritt, da dessen autorit\u00e4res und starres System immer mehr auf Ablehnung innerhalb der Bev\u00f6lkerung sto\u00dfe. An diesem Tag hatten Studenten gegen die Zust\u00e4nde in ihren Wohnheimen protestiert, Novotn\u00fd\u00a0lie\u00df die Proteste gewaltsam aufl\u00f6sen. Letztlich ging es dabei um Banales, meint der M\u00fcnchner Historiker Martin Schulze Wessel im <em>DLF<\/em>: \u201eEs ging darum, dass es in dem Studentenwohnheim keinen Strom und keine Heizung gab. Und man ging dann mit Losungen auf die Stra\u00dfe\u201a wir wollen mehr Licht, mehr W\u00e4rme, was auch sehr bildhaft zu verstehen war.\u201c Am 5. Januar 1968 l\u00f6ste Dub\u010dek Novotn\u00fd als Ersten Sekret\u00e4r der KP\u010c ab \u2013 noch mit Moskauer Zustimmung.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/dubcek-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5953\"\/><figcaption>Auf dem Wahlparteitag. Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/7\/7c2d28f537fec5866d0883ce89a32a54v1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=49b886<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eWir wussten nicht viel \u00fcber ihn, aber die Slowaken\nversicherten uns, dass er einen betr\u00e4chtlichen Schub in Sachen Freiheit bringen\nw\u00fcrde. Man konnte mit ihm reden. Im Grunde genommen war er ein lieber Mensch,\nder versuchte, mit jedem gut auszukommen. Er war nicht dieser traditionelle\nKommunist, der genau wusste, was die Wahrheit ist\u201c, so der Schriftsteller Ivan\nKl\u00edma. Schl\u00fcsseldokument wurde ein Aktionsprogramm, das Dub\u010dek vor dem\nZentralkomitee verteidigte: \u201eWir m\u00fcssen der Initiator f\u00fcr die Verfassungs\u00e4nderung\nunserer Republik werden. Dabei geht es nicht nur um die Verbesserung von\nMissst\u00e4nden, sondern tats\u00e4chlich um ein neues Konzept, das den Bed\u00fcrfnissen\nunserer Gesellschaft in den kommenden Jahren gerecht wird.\u201c Eine\ntechnokratische Expertenregierung sollte die Krise beenden und wurde im April\nunter Oldrich Cernik gebildet, und auch die langj\u00e4hrigen Forderungen der\nSlowaken nach st\u00e4rkerer Selbstbestimmung sollten die Reformer erf\u00fcllen. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edie B\u00fcrger konnten\nEinfluss nehmen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Das Parteiorgan <em>Rud\u00e9\nPravo<\/em> schrieb von einem \u201etschechoslowakischen Weg zum Sozialismus\u201c. Besonders\ndie Gesellschaft soll liberalisiert werden, um dem \u201eSozialismus ein\nmenschliches Antlitz\u201c zu geben. Unter anderem wird die Zensur abgeschafft, den\nB\u00fcrgern die Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit garantiert, Reisen ins\nwestliche Ausland erlaubt sowie Privatisierungen kleinerer Betriebe sowie\nEntscheidungskompetenzen f\u00fcr Betriebsr\u00e4te eingeleitet. Kommunismus,\nEinparteiensystem und die Treue zu Moskau dagegen stellte Dub\u010dek nicht in Frage:\n\u201eEs ist nicht n\u00f6tig, dar\u00fcber zu diskutieren, ob die Partei die f\u00fchrende Rolle\nbehalten soll oder nicht, aber wir m\u00fcssen die Art der tats\u00e4chlichen Anwendung\ndieser Rolle \u00fcberpr\u00fcfen.\u201c Er wird zur weltweit ber\u00fchmten Symbolfigur des\nsogenannten Prager Fr\u00fchlings, erh\u00e4lt den Tschechoslowakischen Friedens- und den\nDimitroff-Preis. <\/p>\n\n\n\n<p>In kurzer Zeit entwickelte sich in der Tschechoslowakei eine kritische \u00d6ffentlichkeit, sagt der Historiker V\u00edt\u011bzlav Sommer ebenfalls im <em>DLF<\/em>: \u201eDie Medien wurden zu einer mehr oder weniger freien Trib\u00fcne f\u00fcr den Austausch dar\u00fcber, in welche Richtung die Reform gehen sollte. Nun wurde die Entwicklung nicht nur von oben, von Politikern und Experten gesteuert, sondern auch die B\u00fcrger konnten Einfluss nehmen, von unten.\u201c Jenseits der Partei entstanden offene politische Gruppierungen wie der \u201eKlub der engagierten Parteilosen\u201c und unabh\u00e4ngige Studentenorganisationen. Zum bedeutenden Zeugnis des aufkeimenden Pluralismus wurde das \u201eManifest der 2000 Worte\u201c, das im Juni massive Kritik an der Politik der Partei \u00e4u\u00dferte. Im September sollte ein vorgezogener gro\u00dfer Parteitag die Reformer endg\u00fcltig legitimieren. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"688\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/dubcek-2-1024x688.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5954\"\/><figcaption>Prager Fr\u00fchling. Quelle: Von The Central Intelligence Agency &#8211; 10 Soviet Invasion of Czechoslovakia, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=29195095<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Doch als Anfang August in Bratislava ein letzter Versuch der\n\u201esozialistischen Bruderl\u00e4nder\u201c scheiterte, die tschechoslowakischen Genossen zur\npolitischen Umkehr zu bewegen, okkupieren in der Nacht auf den 21. August\nTruppen des Warschauer Paktes das Land. Die DDR-Volksarmee blieb hinter der Grenze,\ndenn man wollte jede Erinnerung an den Einmarsch der deutschen Wehrmacht\n1938\/1939 vermeiden. Historiker sprechen von mehr als 100 Toten und 500\nVerletzten. Die NATO musste dem Einmarsch tatenlos zusehen, jede Hilfe war\nwegen der atomaren Bedrohung v\u00f6llig ausgeschlossen. Am 12. November 1968 erl\u00e4sst\nder sowjetische Parteichef dann seine \u201eBreschnew-Doktrin\u201c, die von einer\nbeschr\u00e4nkten Souver\u00e4nit\u00e4t der sozialistischen Staaten&nbsp;sprach und eine neue\nErstarrung der beiden Bl\u00f6cke im \u201eKalten Krieg\u201c ausl\u00f6ste.<\/p>\n\n\n\n<p>Dub\u010dek verharrt im Prager ZK-Geb\u00e4ude, bis er verhaftet wird. Anschlie\u00dfend wird er nach Moskau verschleppt und unterzeichnet dort mit dem \u201eMoskauer Protokoll\u201c die Kapitulationsurkunde des Reformprozesses sowie die Einf\u00fchrung politischer Verh\u00e4ltnisse nach sowjetischem Vorbild. Er kehrt als gebrochener Mann zur\u00fcck. Als er vor dem Radiomikrophon sa\u00df, um die Ergebnisse aus Moskau zu verk\u00fcnden, versagte ihm mehrmals die Stimme. Am 17. April 1969 musste er als Parteichef der KP\u010c zur\u00fccktreten und durfte ein halbes Jahr den unbedeutenden Posten des Parlamentspr\u00e4sidenten bekleiden. Danach f\u00fcr kurze Zeit als Botschafter in die T\u00fcrkei abgeschoben, wird ihm im Januar 1970 sein Platz im ZK der Partei, im April sein Mandat im Slowakischen Nationalrat und im Juni seine Parteimitgliedschaft entzogen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/dubcek-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5955\"\/><figcaption>Nach der Niederschlagung. Quelle: https:\/\/ghdi.ghi-dc.org\/images\/30015713%20copy1.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dub\u010dek weigert sich, das Land zu verlassen, und arbeitet bis\nzu seiner Pensionierung, abgeschirmt von der \u00d6ffentlichkeit durch den\nSicherheitsdienst, als Aufseher eines Fuhrparks der Waldarbeiter in einem\nForstbetrieb in Bratislava. 1974 beschwert er sich in einem Brief an den neuen\nParteichef Hus\u00e1k \u00fcber die Verweigerung der Promotionsfeier f\u00fcr seinen Sohn und\nkritisiert zus\u00e4tzlich die politische Situation im Lande. Hus\u00e1k, der kein\nStalinist war, aber Realismus mit Opportunismus auf den einen Nenner der Macht\nbrachte, bescheinigte dem Vorg\u00e4nger \u201eehrliches Bem\u00fchen\u201c plus Naivit\u00e4t und\nRomantik. Die 1977 vor allem von V\u00e1clav Havel initiierte \u201eCharta 77\u201c unterschrieb\nDub\u010dek nicht.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>unvorsichtige Politik?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1988 darf er auf Dr\u00e4ngen der italienischen Kommunisten die\nEhrendoktorw\u00fcrde f\u00fcr politische Wissenschaften der Universit\u00e4t Bologna im\nRahmen ihrer 900-Jahres-Feier entgegennehmen. Die Prager Reformbewegung w\u00e4re\nohne das gewaltsame Eingreifen der Sowjetunion sicherlich erfolgreich gewesen,\nihre Ziele \u00e4hnelten denen der Reformpolitik Michail Gorbatschows, sagte er in\nseiner Rede. Noch immer jedoch w\u00fcrden Menschen, die so d\u00e4chten wie er, in der\n\u010cSSR verfolgt. Es war Dub\u010deks erster \u00f6ffentlicher Auftritt in einem westlichen\nStaat \u00fcberhaupt. Im Zuge der Reformpolitik ab 1989 wird er Mitbegr\u00fcnder der\nBewegung \u201e\u00d6ffentlichkeit gegen Gewalt\u201c (VPN). <\/p>\n\n\n\n<p>Er trat am 22. November im Rahmen der \u201eSamtenen Revolution\u201c erstmals wieder in Prag \u00f6ffentlich auf. Zwei Tage sp\u00e4ter sprachen Havel und er am Wenzelsplatz zu hunderttausenden Demonstranten und forderten den R\u00fccktritt des Politb\u00fcros der Kommunistischen Partei. \u201eEs kommt, glaube ich, sehr selten vor, dass ein Mensch, der bei der Geburt einer gro\u00dfen Bewegung dabei ist, 20 Jahre sp\u00e4ter wieder in dieselbe Politik zur\u00fcckkehrt\u201c. Doch es ist nicht dieselbe Politik. Die Bev\u00f6lkerung will keinen demokratischen Sozialismus, sondern einen freiheitlichen Kapitalismus. Seine Zeit ist vorbei, obgleich die alte Parteif\u00fchrung ging und er rehabilitiert wurde.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/dubcek-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5957\"\/><figcaption>Dubcek und Havel. Quelle: https:\/\/www.l-iz.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/schmidt_havel.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 28. Dezember 1989 wieder zum Parlamentspr\u00e4sidenten\ngew\u00e4hlt, erh\u00e4lt er den Sacharow-Menschenrechtspreis und in den n\u00e4chsten 20\nMonaten die Ehrendoktorw\u00fcrde der Universit\u00e4ten Madrid, Washington, Bratislava,\nBr\u00fcssel und Dublin. 1990 stirbt seine Frau Anna. Er verl\u00e4sst die VPN wegen\nderen nationalistischen Bestrebungen, tritt 1992 in die Sozialdemokratische Partei\nder Slowakei (SDSS) ein, deren Vorsitz er im Juni \u00fcbernimmt, und wird als\nhei\u00dfer Kandidat f\u00fcr das Amt des slowakischen Pr\u00e4sidenten gehandelt. Am 1. September\nerleidet er dann auf der Autobahn nahe der Stadt Humpolec mit seinem Dienst-BMW\neinen schweren Unfall: Aquaplaning und \u00fcberh\u00f6hte Geschwindigkeit, hei\u00dft es\nsp\u00e4ter. Er bricht sich R\u00fcckgrat und Becken und stirbt am 7. November im Prager\nHomolka-Krankenhaus. Die Aufspaltung des Landes in Tschechien und Slowakei\nerlebt er nicht mehr.<\/p>\n\n\n\n<p>Da der Chauffeur und ehemalige Mitarbeiter des tschechischen\nGeheimdienstes, Jan Resnik, der zudem als rasanter Fahrer verschrien war,\nlediglich leicht verletzt wurde, nur wenige Vertraute Route und Ziel kannten\nund die Aktentasche Dub\u010deks, die brisante Dokumente \u00fcber die Rolle des KGB bei\nder Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings enthalten haben soll, spurlos\nverschwindet, wird von seinem Sohn Pavol und anderen bis heute die These eines\ngezielten Anschlags diskutiert. Letzteren versuchte der Jurist Liboslav Leksa\nin seinem 1998 ver\u00f6ffentlichten Buch \u201eTrag\u00f6die am Kilometerstein 88\u201c zu\nbeweisen. Doch mehrere staatliche Untersuchungen, die diesem Verdacht\nnachgingen, fanden \u2013 zuletzt und endg\u00fcltig 1999 \u2013 keine Hinweise auf Unregelm\u00e4\u00dfigkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>Sowohl in der Tschechischen Republik als auch in der Slowakei wird der \u201ePrager Fr\u00fchling\u201c heute zum gro\u00dfen Teil als unvorsichtige Politik gewertet, die die Tschechoslowakei danach zu einem der repressivsten kommunistischen Staaten \u00fcberhaupt werden lie\u00df. Denn Dub\u010deks \u201edritter Weg\u201c h\u00e4tte unweigerlich in eine Demokratie gef\u00fchrt: Zu schnell entwickelte sich in breiten Schichten der Bev\u00f6lkerung der Wunsch, nun alle Freiheiten zu genie\u00dfen. Jede dieser Freiheiten, zumindest aber ein Mehrparteiensystem, h\u00e4tte den Sozialismus zweifellos beendet. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/dubcek-5-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5958\"\/><figcaption>Grab in Bratislava. Quelle: Von Teodor Ban\u00edk (sculptor) \u2039\u203aKelovy (photo) &#8211; Eigenes Werk, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=1746925<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>So hat der tschechische Reformer ungewollt eines endg\u00fcltig\nbewiesen: Einen \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c, wie ihn Teile der\nbundesdeutschen Linken bis heute propagieren, kann es nie geben. \u201eWer den\nSozialismus vermenschlichen will, muss ihn beseitigen\u201c, meint der Politologe Andreas\nvon Delhaes-Guenther im <em>Bayernkurier<\/em>.\n\u201eDenn der Allmachtsanspruch dieser Ideologie, das Gleichmachen von Ungleichem,\ndas zwangsweise zum Scheitern verurteilte Wirtschaftskonzept und die Idee, den\nMenschen jede Eigenverantwortung zu nehmen, f\u00fchrt zwangsl\u00e4ufig immer in die\nDiktatur.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war der Protagonist des \u201ePrager Fr\u00fchlings\u201c, kehrte 20 Jahre sp\u00e4ter in der \u201eSamtenen Revolution\u201c in die Politik zur\u00fcck und starb tragisch: Alexander Dub\u010dek. Vor 100 Jahren kam er zur Welt. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5948"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5948"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5948\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5959,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5948\/revisions\/5959"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}