{"id":5969,"date":"2021-11-16T06:20:45","date_gmt":"2021-11-16T05:20:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5969"},"modified":"2021-10-27T20:23:13","modified_gmt":"2021-10-27T19:23:13","slug":"der-puls-beschleunigte-sich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5969","title":{"rendered":"\u201eder Puls beschleunigte sich\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Was w\u00e4re in diesem Jahr f\u00fcr eine Diskussion entbrannt! \u201eWie\nkann man die Pockenimpfung einf\u00fchren, ohne selbst mit gutem Beispiel\nvoranzugehen?\u201c, schrieb sie in einem privaten Brief an Friedrich II. von\nPreu\u00dfen. Sie lie\u00df Mitte Oktober 1768 eigens den britischen Arzt Tomas Dinsdale\nkommen, der die Impfmethode der sog. \u201eInokulation\u201c praktizierte, die in Indien\nseit der Antike bekannt war: Bis zu 15 winzige Schnitte wurden in der Haut\ngemacht, so dass es kaum blutete. Auf die Wunden wurde ein St\u00fcck Stoff gelegt,\ndas mit einer L\u00f6sung aus Wasser und Fl\u00fcssigkeit aus Pockenpusteln getr\u00e4nkt war,\nin ihrem Fall von einem 6-j\u00e4hrigen Jungen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Arzt f\u00fchrte ein Tagebuch \u00fcber ihren Zustand: \u201eIn der Nacht nach der Impfung schlief die Kaiserin gut, es gab leichte Schmerzen und der Puls beschleunigte sich. Der Gesamtzustand war ausgezeichnet. Das Essen bestand aus Eintopf, Gem\u00fcse und etwas H\u00fchnerfleisch.\u201c Am 18. Oktober hatte sie zum ersten Mal Fieber, verlor den Appetit, und an ihrem K\u00f6rper bildeten sich Pockenpusteln. Nach zehn Tagen waren alle Symptome vollst\u00e4ndig abgeklungen, und am 1. November nahm sie nicht nur die Gl\u00fcckw\u00fcnsche ihres Hofstaates entgegen, sondern lie\u00df auch ihren Sohn Paul Petrowitsch erfolgreich impfen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Katha.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5971\"\/><figcaption>Katharina nach 1780. Quelle: Von Nachahmer von Johann Baptist von Lampi &#8211; Kunsthistorisches Museum, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=4724494<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dass sie Angst vor den Pocken hatte, lag auch an ihrem Mann\nPeter III., der als Kind schwer erkrankt war und noch immer unter den Folgen\nlitt: seine Gesundheit war irreversibel besch\u00e4digt und sein Gesicht f\u00fcr immer\nentstellt von Pockennarben \u2013 was erotisch so wenig anziehend war, dass sie sich\nmit \u00fcber 20 Liebhabern umgab.&nbsp;Ob ihrer erfolgreichen Immunisierung ernannte\nsie Dinsdale zum Baron und gab ihm eine j\u00e4hrliche Rente. Dann impfte der\nenglische Arzt den h\u00f6chsten russischen Adel. Nach seiner R\u00fcckkehr nach England\nwar Dimsdale so reich, dass er eine Pockenimpfklinik und eine Bank er\u00f6ffnete.\nEr kehrte 1781 noch einmal nach Russland zur\u00fcck, um auch Konstantin und Alexander\nzu impfen, ihre Enkel: Katharina II. \u201edie Gro\u00dfe\u201c, die vor 225 Jahren, am 17.\nNovember 1796, an einem Schlaganfall in Petersburg starb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Hochzeit und erste\nLiebhaber<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Als Sophie Auguste Friederike Prinzessin von Anhalt-Zerbst\nkam sie am 2. Mai 1729 als Tochter des preu\u00dfischen Generals und Staathalters\nvon Stettin in der Ostseestadt zur Welt. Ihre unbeschwerte Kindheit verbrachte\nsie, die anfangs als unscheinbar, aber bildungs- und sprachbegeistert beschrieben\nwird, im Stettiner Schloss, unterbrochen von Verwandtschaftsbesuchen in Zerbst,\nBraunschweig oder Berlin sowie 1739 im Eutiner Schloss, wo sie ihrem\nzuk\u00fcnftigen Gatten Karl Peter Ulrich von Schleswig-Holstein-Gottorf, einem Cousin\nzweiten Grades, erstmals begegnete. Nach dem Tod ihres Gro\u00dfvaters und der\ndadurch bedingten Regierungs\u00fcbernahme ihres Vaters zog die Familie im Dezember\n1742 ins Zerbster Schloss. Fast parallel dazu entschloss sich die kinderlose Kaiserin\nElisabeth Petrowna, ihren Neffen Karl Peter zum Thronfolger zu ernennen. Der\nnahm an, trat zum russisch-orthodoxen Glauben \u00fcber und wurde als Peter\nFjodorowitsch Gro\u00dff\u00fcrst. Im Jahr darauf riet Friedrich II. Elisabeth, ihren\nNachfolger mit Sophie zu verm\u00e4hlen. <\/p>\n\n\n\n<p>Elisabeth folgte dem Rat, und so traf die 14j\u00e4hrige im Februar 1744 in Moskau ein. Mit Ehrgeiz und Zielstrebigkeit lernte sie Russisch und versuchte, sich am Hof zu integrieren. Der Verlobung im selben Jahr folgte im Sp\u00e4therbst 1745 die Hochzeit, die zehn Tage dauerte. Trotz gro\u00dfer Vorbehalte ihres Vaters konvertierte sie vom evangelisch-lutherischen zum orthodoxen Glauben und bekam zu Ehren der Kaiserinmutter den Namen Jekaterina Alexejewna. Ein Portr\u00e4t von Louis Caravaque zeigt sie 1745 als bildh\u00fcbsche junge Frau. Doch die Ehe war weder harmonisch geschweige gl\u00fccklich. Schon in der Hochzeitsnacht wurde deutlich, dass der Gro\u00dff\u00fcrst nur wenig Interesse f\u00fcr Katharina empfand: W\u00e4hrend sie auf ihn im Schlafgemach wartete, kam er sp\u00e4t nachts betrunken von seiner Feier wieder. Er selbst unterhielt ein Verh\u00e4ltnis mit Gr\u00e4fin Woronzowa. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"339\" height=\"434\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Katha-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5972\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Katha-1.jpg 339w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Katha-1-234x300.jpg 234w\" sizes=\"(max-width: 339px) 100vw, 339px\" \/><figcaption> Die etwa 15-j\u00e4hrige auf einem Gem\u00e4lde von Caravaque. Quelle: Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3844093<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Katharina wird jetzt als lebensfroh beschrieben, reitbegeistert,\nintelligent, musikalisch und belesen, wobei sie neben historischen auch\npolitische B\u00fccher von Montesquieu oder Voltaire las. W\u00e4hrend sie jeden\nGottesdienst besuchte und am religi\u00f6sen, aber auch h\u00f6fischen Leben teilnahm,\nschuf sich Gro\u00dff\u00fcrst Peter seine eigene Welt in Oranienbaum (heute Lomonossow).\nPeter liebt Preu\u00dfen, Katharina Russland; Peter begeistert sich f\u00fcr Zinnsoldaten,\nKatharina f\u00fcr Voltaire; Peter mag Uniformen, Katharina gr\u00fcndet\nWohlfahrtsverb\u00e4nde. Anfangs band er Katharina noch in seine Spiele mit den kleinen\nSoldatenfiguren ein und lie\u00df sie die preu\u00dfische Uniform tragen. Doch schon bald\nverloren beide jeglichen Bezug zueinander, sie nimmt ihn als kindisch und\nunwissend wahr.<\/p>\n\n\n\n<p>Als nach sieben Jahren das Gro\u00dff\u00fcrstenpaar immer noch\nkinderlos ist, verliert Kaiserin Elisabeth die Geduld und verlangt nach einem\nThronfolger, den der Ehemann nicht zeugen kann oder will. Der Kammerherr Sergej\nSaltykow wird mit Hilfe Elisabeths der Liebhaber Katharinas und kann als Vater\ndes Erben, Paul I., gelten, der am 1. Oktober 1754 zur Welt kommt \u2013 und von\nPeter als sein eigener Sohn anerkannt wird. Doch schnell wird Sergej ihr untreu,\nverr\u00e4t sie, berichtet sogar \u00fcber die Aff\u00e4re mit ihr. Das trifft Katharina sehr\nund pr\u00e4gt ihr Verh\u00e4ltnis zu M\u00e4nnern im weiteren Leben. Saltykow wird von der\nZarin als Diplomat nach Schweden, sp\u00e4ter nach Hamburg geschickt.<\/p>\n\n\n\n<p>Der polnische Politiker Stanis\u0142aw Poniatowski wird ihr\nzweiter Liebhaber. Er hat gute Manieren, ist der gebildetste Mann, den sie\njemals haben wird. Und f\u00fcr ihn ist Katharina die Liebe seines Lebens. Am 9.\nDezember 1757 bringt sie die kleine Anna zur Welt, die mit Sicherheit als Tochter\nPoniatowskis gilt. Die Erziehung beider Kinder, die jeweils sofort nach der\nGeburt von ihrer Mutter getrennt wurden, \u00fcbernahm Elisabeth selbst. Anna starb\nbereits nach zwei Jahren. Katharina schickt den Vater nach Polen zur\u00fcck und\nmacht ihn dort 1764 zum polnischen K\u00f6nig Stanislaus II. August. Mit dem&nbsp; dritten Liebhaber, dem adligen\nEskorteoffizier Grigori Orlow, hat sie 1762 wiederum einen Sohn, Alexei. Orlow\nk\u00e4mpfte im Siebenj\u00e4hrigen Krieg, war wohl ein Kerl wie ein Baum \u2013 und sollte\ndas Schicksal seiner Dienstherrin und seines Landes entscheidend beeinflussen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Staatsstreich und\nMacht\u00fcbernahme<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Denn 1761 starb Elisabeth, und Peter wird neuer Zar. Sein angeblich ungeb\u00fchrliches Auftreten w\u00e4hrend der Trauertage ver\u00e4rgerte Katharina und auch gro\u00dfe Teile des Hofes und des Volkes. Zudem schlie\u00dft er au\u00dfenpolitisch einen Separatfrieden mit Preu\u00dfen, der zwar das Ende des Siebenj\u00e4hrigen Krieges bedeutete, f\u00fcr Russland allerdings Nachteile brachte, und f\u00fchrte innenpolitisch ein umfangreiches Reformprogramm ein, wodurch er sich die Feindschaft der konservativen Kr\u00e4fte des Landes zuzog, zumal der Kleinadligen. Zudem besagten Ger\u00fcchte, dass Peter plante, nach seiner Thronbesteigung Katharina aus dem Weg zu r\u00e4umen, um dann seine M\u00e4tresse zur neuen Zarin zu machen. Orlow nun will Peters schwache Regierung und Preu\u00dfenliebe sowie ihn als Konkurrenten nicht hinnehmen, Katharina nicht ihre Kaltstellung, und so schmieden beide den Plan f\u00fcr einen Staatsstreich. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Katha-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5973\"\/><figcaption>Die Gebr\u00fcder Orlow. Quelle: https:\/\/upload.wikimedia.org\/wikipedia\/commons\/f\/f3\/Alexey_and_Grigory_Orlov.jpg?1635362223763<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am 9. Juli 1762 proklamieren die Garderegimenter in einer\nKirche Katharina II. als neue Kaiserin Russlands. Zugleich legt Grigori Orlow\ndem Herrscher des gr\u00f6\u00dften Reichs Europas die Abdankungsurkunde vor. Peter III.\nunterschreibt. \u201eDer Zar lie\u00df sich entthronen wie ein Kind, das man zu Bett\nschickt\u201c, h\u00f6hnt Friedrich der Gro\u00dfe in Potsdam. Damit nicht genug: Elf Tage\nsp\u00e4ter starb er unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden. In einigen Quellen wird Alexei\nOrlow, der Bruder von Katharinas Liebhaber, des Mordes beschuldigt. Dabei\ndiente die Kopie eines Briefs von Orlow an Katharina II. lange Zeit als Indiz; sie\nwird nach neueren linguistischen Untersuchungen als F\u00e4lschung angesehen. Andere\nsprechen von einem nat\u00fcrlichen Tod. Inwieweit Katharina II. etwas mit einer\nm\u00f6glichen Ermordung zu tun hat, l\u00e4sst sich nicht mehr eindeutig kl\u00e4ren. W\u00e4hrend\neinige Historiker annehmen, dass die Gebr\u00fcder Orlow auf eigene Faust gehandelt\nhatten, bezichtigen andere Katharina der Mitwisserschaft oder sehen sie sogar\nals m\u00f6gliche Auftraggeberin des Mordes. Orlow wird f\u00fcr die n\u00e4chsten zw\u00f6lf Jahre\nder neue Mann an ihrer Seite, sie ernennt ihn zum General und Befehlshaber der\nArtillerie, nimmt ihn jedoch nicht zum Ehemann.<\/p>\n\n\n\n<p>Stattdessen st\u00fcrzt sich die 33j\u00e4hrige in die Politik und\nbeginnt, inspiriert von den Ideen der Aufkl\u00e4rung, das zersplitterte,\nverkn\u00f6cherte Russland zu einen und in die Gegenwart zu f\u00fchren. Sie setzt\nzahllose Reformen durch, spannt ein Wirtschafts- und Verwaltungsnetz \u00fcber das\nRiesenreich und baut Schulen in jedem Winkel. So wurde Russland in 40\nGouvernements eingeteilt und bekam eine neue Lokalverwaltung. In allen\nrussischen Bezirksst\u00e4dten gab es gegen Ende ihrer Regierungszeit eine\nVolksschule und in jeder Provinz bis auf den Kaukasus ein Gymnasium. Der\nSchulbesuch war freiwillig und kostenfrei. Ab 1764 erweiterte Katharina den\nWinterpalast in Sankt Petersburg um einen Anbau f\u00fcr Ihre Gem\u00e4ldesammlung: Es\nentstand die Eremitage.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine ihrer ersten Amtshandlungen war am 22. Juli 1763 das \u201eEinladungsmanifest\u201c, das alle Ausl\u00e4nder aufforderte, \u201ein Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gef\u00e4llig, h\u00e4uslich niederzulassen\u201c. Darin versprach Katharina zahlreiche Anreize f\u00fcr die Einwanderer aus dem Westen: Befreiung vom Milit\u00e4rdienst, Selbstverwaltung, Steuerverg\u00fcnstigungen, finanzielle Starthilfe, 30 Hektar Land pro Kolonistenfamilie. Zudem wurde die Sprachfreiheit zugesichert, speziell f\u00fcr die deutschen Einwanderer. Vor allem aber: \u201efreie Religions-\u00dcbung nach ihren Kirchen-Satzungen und Gebr\u00e4uchen\u201c. Damit beginnt die lange Migrationsgeschichte der Russlanddeutschen auf der Suche nach Heimat zwischen Deutschland und Russland. Bereits in den ersten f\u00fcnf Jahren nach dem Manifest kamen \u00fcber 30.000 Menschen nach Russland, die meisten davon aus Deutschland. Sie siedelten sich vor allem in der Umgebung von Sankt Petersburg, in S\u00fcdrussland, am Schwarzen Meer und an der Wolga an: Allein im Wolgagebiet entstanden \u00fcber 100 neue D\u00f6rfer. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Katha-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5974\"\/><figcaption>Eremitage. Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunk.de\/media\/thumbs\/e\/e1bcbdc1f4579805da0360d06266398cv1_max_755x566_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=ffbf88<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sie bildet ihr Politikverst\u00e4ndnis im intensiven Briefwechsel\nmit Aufkl\u00e4rern wie Voltaire, der sie wiederum in den h\u00f6chsten T\u00f6nen preist wie\nin diesem Brief vom 22.12.1766: \u201eDiderot, d\u2019Alembert und ich errichten Ihnen\nAlt\u00e4re. Sie machten mich wieder zum Heiden: ich werfe mich mit Anbetung zu den\nF\u00fc\u00dfen Ihrer Majest\u00e4t und bin mit der tiefsten Hochachtung der Priester Ihres\nTempels \u2013 Voltaire.\u201c Franz\u00f6sisch erhob sie sp\u00e4ter zur Hofsprache. Katharina\nhasst Despotismus, verteidigt aber unnachsichtig die absolute Macht, um ihren\nIdeen in allen Winkeln Russlands Geltung zu verschaffen. Aufst\u00e4nde von\nVolksgruppen wie den Kosaken werden niedergeschlagen. Selbst eine Bauernrevolte,\nden Pugatschow-Aufstand 1773 &#8211; 75, l\u00e4sst sie blutig unterdr\u00fccken: Obwohl sie kritisch\nzur Leibeigenschaft stand, verschlechterte sich die Lage der Bauern w\u00e4hrend\nihrer Regentschaft dramatisch, gleichzeitig wurden die Privilegien des Adels gest\u00e4rkt.\nIn der alten Heimat half sie w\u00e4hrend der gro\u00dfen Hungersnot des Jahres 1772,\nindem sie eine gro\u00dfe Menge Roggen zollfrei nach Zerbst schickte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>hemmungsloses\nSexmonster<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Orlow muss schlie\u00dflich Major Grigori Potemkin den Platz\nr\u00e4umen. Der soll nicht sch\u00f6n gewesen sein, aber charismatisch und wohl auch\neitel. Als Liebespaar halten sie es nur etwas mehr als zwei Jahre miteinander\naus, doch als Regenten des Landes bis zum Lebensende. Potemkin half ihr als\nMitglied des Reichsrates und Pr\u00e4sident des Kriegskollegiums am meisten, den\nMachtbereich Russlands in einem Ma\u00dfe auszubauen wie kein russischer Herrscher\nvor ihr; er baute die Schwarzmeerflotte auf, gr\u00fcndete St\u00e4dte wie Sewastopol und\nOdessa und organisiert die Landwirtschaft. In zwei russisch-t\u00fcrkischen Kriegen\n1768\u20131774 sowie 1787\u20131792 eroberte Russland den Zugang zum Schwarzen Meer und\nweite K\u00fcstengebiete und gewann im Ergebnis der drei Teilungen Polens eine\nMillion km\u00b2 Landgebiete und sechs Millionen Menschen dazu. Die Eroberung\nKonstantinopels und die Neugr\u00fcndung des Byzantinischen Reiches unter russischer\nHerrschaft scheiterten geradeso am einseitigen Kriegsaustritt \u00d6sterreichs im\nletzten der beiden T\u00fcrkenkriege. Die Krim wurde 1783 annektiert. Und nebenbei\nwurde durch Katharinas Vermittlerrolle im Frieden von Teschen der Bayerische\nErbfolgekrieg beendet.<\/p>\n\n\n\n<p>An ihrem Lebensende hat sie mit Alexander Mamonow, der sie wegen einer sechzehnj\u00e4hrigen Hofdame verlie\u00df, und F\u00fcrst Subow, der bei ihrem Tod gerade 29 Jahre alt war, noch weitere verb\u00fcrgte Liebhaber. Zahlreiche Pamphlete und Karikaturen stellten sie als hemmungsloses Sexmonster dar, das sich kompanieweise von M\u00e4nnern, ja Pferden befriedigen lie\u00df. Motiviert wurden die Bettgeschichten zum einen durch schw\u00fcle Tr\u00e4ume von der Favoritenkultur am Hof der Zarin, zum anderen durch politische Publizisten im Zuge der Franz\u00f6sischen Revolution. Die Autokratin sollte damit desavouiert werden. Die Franz\u00f6sische Revolution versetzte sie \u00fcbrigens in Schrecken und bewirkte eine Ver\u00e4nderung ihrer Innenpolitik: Erstmals in ihrer Regierungszeit kam es zur massiven Verfolgung regierungskritischer Intellektueller.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Im Jahr vor ihrem Tod hatte sie aus ihrer privaten Sammlung und den angekauften Best\u00e4nden der Bibliotheken von Voltaire und Denis Diderot die Russische Nationalbibliothek gegr\u00fcndet, die erste \u00f6ffentlich zug\u00e4ngliche Bibliothek des Reiches. Au\u00dferdem probierte sie sich als Dramatikerin, schrieb den F\u00fcnfakter \u201eAus Rjuriks Leben\u201c um den Gr\u00fcnder der Kiewer Rus sowie \u201eDrey Lustspiele wider Schw\u00e4rmerey und Aberglauben\u201c und verfasste ihre Memoiren. Die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit ihres Reiches und dessen ungeheure Ausdehnung setzen ihrem Gestaltungswillen Grenzen. Trotzdem errichtet Katharina bis zu ihrem Tod die Grundmauern der russischen Nation. Sie ist bis heute die einzige Frau unter den \u201eGro\u00dfen\u201c der Geschichte. Ihr wurde der Titel \u201edie Gro\u00dfe\u201c von ihrer Gesetzgebenden Kommission verliehen, die dabei wiederum Peter I. vor Augen hatte. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Katha-4-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5976\"\/><figcaption>Grab in Petersburg. Quelle: Von Deror avi &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=8368283<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das englische <em>Gentleman\u00b4s\nMagazine<\/em> bezeichnete Katharina als \u201egro\u00dfe F\u00fcrstin\u201c, der die \u201ebedeutendste\naller Revolutionen in der Geschichte der Menschheit gelungen war, n\u00e4mlich die\nZivilisierung eines so gro\u00dfen Teiles der Erdbev\u00f6lkerung und die Kultivierung\nder wildesten und unerschlossensten Ein\u00f6den.\u201c&nbsp;F\u00fcr die Historikerin Jill\nGraw sticht sie \u201eauch hinsichtlich ihrer religi\u00f6sen Toleranz, ihrer F\u00fcrsorge\nf\u00fcr die Schwachen, ihrer Bescheidenheit und ihrer in allen Lebensbereichen\ngelebten Authentizit\u00e4t aus der Masse anderer Herrscherfiguren hervor.\u201c Zahlreiche\nSpiel- und Fernsehfilme wurden \u00fcber Katharina produziert, in denen sie unter\nanderem von Marlene Dietrich, Julia Ormond und Catherine Zeta-Jones verk\u00f6rpert\nwurde. Ihre Erinnerung wird in zahlreichen Denkm\u00e4lern bewahrt. Sie regierte im\n\u201egoldenen Jahrhundert f\u00fcr den russischen Adel\u201c 34 Jahre; von den Romanows hatte\nnur Peter I. der Gro\u00dfe l\u00e4nger regiert.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie stieg von der Zerbster Prinzessin zur Zarin auf, galt als sexs\u00fcchtig und errichtete in 43 Jahren die Grundmauern der russischen Nation: Katharina II. die Gro\u00dfe. Vor 225 Jahren starb sie. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5969"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5969"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5969\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5977,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5969\/revisions\/5977"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5969"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5969"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5969"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}