{"id":5978,"date":"2021-11-22T06:35:23","date_gmt":"2021-11-22T05:35:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5978"},"modified":"2021-10-27T20:35:58","modified_gmt":"2021-10-27T19:35:58","slug":"er-verstroemte-barrikadenduft","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=5978","title":{"rendered":"\u201eEr verstr\u00f6mte Barrikadenduft\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Keiner kann so ausrasten wie er: 1972 br\u00fcllt er den\nRegisseur Werner Herzog an, der mit ihm \u201eAguirre, der Zorn Gottes\u201c in Peru\ndreht. \u201eSie sind kein Regisseur, Sie m\u00fcssen bei mir lernen!\u201c, schreit er. \u201eSie\nsind ein Anf\u00e4nger, ein Zwergen-Regisseur sind Sie, aber kein Regisseur f\u00fcr\nmich!\u201c Die Ureinwohner, mit denen Herzog drehte, boten ihm damals an, den\nSchauspieler zu t\u00f6ten, wenn er nicht aufh\u00f6rte, am Set herumzuschreien. \u201eDieses\nAngebot war sehr ernst gemeint. Ich h\u00e4tte blo\u00df nicken m\u00fcssen\u201c, sagte Herzog\n2018 dem <em>Tagesspiegel<\/em>. \u201eDas\nInteressante daran war, dass die Leute im Dschungel, unglaublich stille\nMenschen, eher dazu bereit waren, einen Mord zu begehen, als st\u00e4ndiges Geschrei\nzu ertragen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei erweckte zumindest der junge Darsteller mit seinem\nunschuldigen Schmollmund, dem entr\u00fcckten Himmelfahrtsblick und der hohen Stimme\nso gar nicht den Eindruck des unberechenbaren Egomanen. Mit markantem Gesicht\nund stechendem Blick ist er sp\u00e4ter der ideale Darsteller f\u00fcr Besessene aller\nArt. Rund 140 Filme dreht er \u2013 darunter viel Schrott, wie er selbst findet.\n\u201eIch habe in meinem Leben auch Klosetts gescheuert. Und pl\u00f6tzlich hab\u2018 ich,\nanstatt Toiletten zu scheuern, eben Schei\u00dffilme gedreht, weil ich es auch\nkonnte\u201c, sagt er einmal. Obwohl er von vielen seiner Filme nichts h\u00e4lt, hat er\nvon sich selbst doch immer die h\u00f6chste Meinung gehabt und konnte nie genug\nbekommen, nicht genug Geld, nicht genug Sex, nicht genug Verehrung: Klaus\nKinski, der am 23. November 1991 in seiner Wahlheimat San Francisco unerwartet an\neinem Herzinfarkt stirbt.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Klaus G\u00fcnter Karl Nakszynski kommt er 18. Oktober 1926 im Danziger Stadtteil Zoppot als letztes von vier Kindern eines Apothekers zu Welt. 1930 zog die Familie nach Berlin. Nach eigenen Aussagen musste sich Kinski w\u00e4hrend der Schulzeit Geld zum Unterhalt selbst verdienen: Als Schuhputzer, Laufjunge und Leichenw\u00e4scher. Das ist nicht weiter belegt. Im Zweiten Weltkrieg wurde er 1944 zu einer Fallschirmj\u00e4gereinheit der Wehrmacht eingezogen, geriet an der Westfront in den Niederlanden, offensichtlich verwundet, in britische Kriegsgefangenschaft und wurde Im Fr\u00fchjahr 1945 aus einem Lager in Deutschland in das Kriegsgefangenenlager \u201eCamp 186\u201c in Berechurch Hall bei Colchester in Essex gebracht. Hier spielte er am 11. Oktober in der Groteske \u201ePech und Schwefel\u201c seine erste Theaterrolle auf der provisorischen Lagerb\u00fchne, die vom Schauspieler und Regisseur Hans Buehl geleitet wurde. In den folgenden Auff\u00fchrungen spielte er regelm\u00e4\u00dfig Frauenrollen. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Kinski.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5980\"\/><figcaption>Klaus Kinski 1976 in Paris. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/83ac4150-0001-0004-0000-000001372359_w996_r1.778_fpx42.09_fpy49.98.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Fr\u00fchjahr 1946 geh\u00f6rte er zu den letzten Gefangenen, die aus dem Lager zur\u00fcck nach Deutschland geschickt wurden. Nach eigener Darstellung habe er zun\u00e4chst mit einer sechzehnj\u00e4hrigen Prostituierten, die er im Zug kennengelernt habe, sechs \u201ewilde\u201c Wochen in Heidelberg verbracht, diese aber verlassen und danach an Theatern in T\u00fcbingen und Baden-Baden gearbeitet, wo er auch vom Tod seiner Mutter durch einen Luftangriff in Berlin erfahren habe. Im Herbst habe er sich illegal nach Berlin begeben, wohin ihn Boleslav Barlog zum Schlosspark-Theater holte. <\/p>\n\n\n\n<p>Doch schon bald brach Kinski mit seinem F\u00f6rderer, warf ihm die Fensterscheiben der Wohnung ein und begann seine Laufbahn \u201eals Exzentriker der B\u00fchne und des Lebens\u201c, wie die <em>FAZ<\/em> meinte. Seinen ersten triumphalen Erfolg feierte Kinski mit Jean Cocteaus Einakter \u201eLa voix humaine\u201c, wieder verkleidet als Frau &#8211; f\u00fcr das pr\u00fcde Berlin ein Skandal. Er besuchte kurz die Schauspielschule von Marlise Ludwig, wo er unter anderem mit Harald Juhnke Szenen aus William Shakespeares Romeo und Julia einstudierte: \u201eIch wirkte wortlos und leise neben ihm. Er verstr\u00f6mte Barrikadenduft\u201c, erinnert sich Juhnke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zertr\u00fcmmerte\nLuxusrestaurants und verpr\u00fcgelte Polizisten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seine erste Filmrolle erhielt er in Eugen Yorks \u201eMorituri\u201c, gedreht zwischen September 1947 und Januar 1948. Darin ging es um geflohene KZ-Insassen, die sich vor den Deutschen verstecken. Der Film war umstritten; es gab Drohbriefe, und ein Hamburger Kino wurde zerst\u00f6rt. Kinski befand sich im Jahr 1950 drei Tage lang in psychiatrischer Behandlung in der Berliner Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, nachdem er eine ihm bekannte \u00c4rztin bel\u00e4stigt und t\u00e4tlich angegriffen und einen Suizidversuch mit Medikamenten unternommen hatte. Kinski zog dann nach M\u00fcnchen und bewohnte eine Pension mit dem damals noch Jugendlichen Werner Herzog, der ihn als bereits zu dieser Zeit mit exzentrischen All\u00fcren auffallend beschrieb. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Kinski-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5981\"\/><figcaption> Werner Herzog und Klaus Kinski in dem Fim \u201eMein liebster Feind\u201c, Ghana, 1987. Quelle: https:\/\/www.deutschlandfunkkultur.de\/media\/thumbs\/f\/f93e8c21fb829cad5465104604a8debcv1_max_635x357_b3535db83dc50e27c1bb1392364c95a2.jpg?key=212755<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1951 lernte er Gislinde K\u00fchbeck auf dem Schwabinger Fasching\nin M\u00fcnchen kennen, heirate sie nach der Geburt der gemeinsamen Tochter Pola und\nlie\u00df sich 1955 scheiden. Neben seiner Theaterarbeit machte er sich in dieser\nZeit mit seiner \u201eEin-Mann-Wanderb\u00fchne\u201c einen Namen. Mit seinen leidenschaftlichen\nRezitationen der Werke Baudelaires und Nietzsches, Villons und Dostojewskis\nf\u00fcllte er S\u00e4le. 1955 verursachte Kinski einen Autounfall, zudem ereignete sich\nein Bootsunfall auf dem Starnberger See. Gerichtsverfahren und Strafen\nschlossen sich an, die finanziellen Folgen belasteten den Schauspieler\njahrelang.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Sommer 1955 dreht er in Wien mit \u201eUm Thron und Liebe\u201c einen\nFilm \u00fcber das Attentat von Sarajevo auf den \u00d6sterreich-Ungarischen Thronfolger\nErzherzog Franz Ferdinand \u2013 er wurde als Attent\u00e4ter Nedeljko \u010cabrinovi\u0107 besetzt.\nIn \u201eLudwig II \u2013 Glanz und Elend eines K\u00f6nigs\u201c mit O. W. Fischer in der\nTitelrolle mimte er dessen Bruder, den geisteskranken Prinz Otto, und empfahl\nsich so schon fr\u00fch f\u00fcr weitere Rollen dieses Typus. Anl\u00e4sslich der Verleihung\ndes \u201eDeutschen Filmpreises\u201c &nbsp;brachte\nKinski die Gestaltung dieser Figur eine Nominierung f\u00fcr das \u201eFilmband in Gold\u201c\nein. Fischer war von seinem jungen Kollegen derma\u00dfen beeindruckt, dass er ihn\nf\u00fcr sein Biopic \u201eHanussen\u201c \u00fcber den b\u00f6hmischen \u201eHellseher\u201c engagierte. <\/p>\n\n\n\n<p>Die internationale Filmszene war ebenfalls auf den Deutschen aufmerksam geworden, vor allem durch die uns\u00e4glichen, dennoch heute zum Kult gewordenen Edgar-Wallace-Verfilmungen in den 1960er Jahren, in denen Kinski mit irrem Blick und zuckenden Mundwinkeln durch Gr\u00fcnanlagen und Herrenh\u00e4user hastete und als wahnsinniger Psychopath Kinogeschichte schrieb. Erstmals zeigte er sich 1960 in \u201eDer R\u00e4cher\u201c, 14 weitere Produktionen sollten bis 1969 folgen, darunter \u201eDie Toten Augen von London\u201c, \u201eDer schwarze Abt\u201c und \u201eDas indische Tuch\u201c. Nach Berlin \u00fcbergesiedelt, traf er die 20-j\u00e4hrige S\u00e4ngerin Brigitte Ruth Tocki und heiratete sie 1960. Aus dieser Ehe, die 1969 geschieden wurde, ging die Tochter Nastassja Kinski hervor, die ebenfalls Schauspielerin wurde. Nach dem Tatort \u201eReifezeugnis\u201c von Wolfgang Petersen, in dem sie mit 15 Jahren eine lehrerverf\u00fchrende Lolita geben muss, sagten 55 Prozent der befragten deutschen M\u00e4nner, sie h\u00e4tten von Sex mit ihr getr\u00e4umt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Kinski-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5982\"\/><figcaption>Klaus und Nastassja. Quelle: https:\/\/i.pinimg.com\/originals\/ac\/a3\/c5\/aca3c51b1ffa311bc63828d6f8ae7330.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1965 \u00fcbersiedelte Kinski nach Rom und erhielt durch seine\nNebenrolle des Anarchisten Kostoyed Amourski in dem Kassenschlager \u201eDoktor\nSchiwago\u201c (1965) nach dem gleichnamigen Roman von Boris Pasternak vermehrt\ninternationale Angebote. Haupts\u00e4chlich fand er Besch\u00e4ftigung im neuen Genre des\nItalo-Western, wo er als perfider Schurke endlich Hauptrollen spielen durfte.\nZum Kultfilm des Western-Genres geriet Sergio Corbuccis \u201eLeichen pflastern\nseinen Weg\u201c (1968), in der Kinski als skrupelloser Kopfgeldj\u00e4ger Loco\ntriumphierte. Er lernte 1969 die 19-j\u00e4hrige vietnamesische Sprachstudentin\nMinho\u00ef Genevi\u00e8ve Loanic kennen, die er 1971 heiratete. 1976 kam der Sohn Nanho\u00ef\nNikolai zur Welt, im Februar 1979 lie\u00dfen sich Klaus und Minho\u00ef scheiden. Zertr\u00fcmmerte\nLuxusrestaurants, verpr\u00fcgelte Polizisten und unz\u00e4hlige Aff\u00e4ren erz\u00e4hlen von dem\nWeg eines kompromisslosen Egomanen, der b\u00fcrgerliche Konventionen weder\nbeachtete noch respektierte. Um sein Luxusleben zu finanzieren \u2013 er fuhr allein\nsieben Ferraris \u2013, &nbsp;dreht er manchmal bis\nzu 10 Filme pro Jahr. Das Enfant terrible des internationalen Films war zunehmend\nexzentrisch, wirkte krank, ausgemergelt, dem Wahnsinn nahe und gab sich gerne\nlasziv und ungepflegt mit seinen str\u00e4hnigen Haaren. Talkshow-Auftritte mit ihm\nendeten fast regelm\u00e4\u00dfig als Skandal. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSelbstinszenierung\nals Wahrheitsverk\u00fcnder\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Kinski zeigte sich seit Rom als der Furcht einfl\u00f6\u00dfende\nB\u00f6sewicht in vielen weiteren Wildwest-, Action- und Agentenfilmen. Ein Angebot\nvon Fellini, das mit einer Gage aufwartet, die eine \u201eUnverfrorenheit\u201c ist,\nschmettert er mit den Worten \u201eLass\u2018 Dich in den Arsch ficken\u201c ab. Wenn er\nakzeptiert wird, ist er am Set zumeist diszipliniert und sorgt f\u00fcr&nbsp; einen reibungslosen und schnellen Arbeitsgang\nwie bei Jess Francos \u201eJack the Ripper\u201c, den er in acht Tagen abdreht. Am 20.\nNovember 1971 versuchte sich Kinski als Jesus-Rezitator mit einem\nskandaltr\u00e4chtigen Auftritt in der Berliner Deutschlandhalle mit dem Titel \u201eJesus\nChristus Erl\u00f6ser\u201c. Nach Zwischenrufen von Zuschauern und einem harten Wortgefecht\nkam es zu einem fr\u00fchen Abbruch der Veranstaltung und der geplanten Tournee. Der\nentstandene Dokumentarfilm erhielt das Pr\u00e4dikat \u201eBesonders wertvoll\u201c: \u201eDer Sog\nvon Kinskis besonderer Diktion, seine rebellische, antikapitalistische\nInterpretation der Bibel in der Melange mit seiner Selbstinszenierung als\nWahrheitsverk\u00fcnder und Ankl\u00e4ger machen diesen Auftritt zu einer Provokation,\ndie das Publikum im Saal aufheizt und sich schnell in einer rasenden Beschimpfungsorgie\nentl\u00e4dt\u201c, ist auf der Webseite der Filmbewertungsstelle zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Kinski hat einen sicheren Instinkt, der ihm die Kraft gibt, das zu sein, was er will. Er spielt seine Rollen aus dem Stehgreif. Drehb\u00fcchern oder Anweisungen von Regisseuren schenkt er keine Beachtung. Auf Proben pfeift er. \u201eHin- und Herlatschen, damit die Regisseure auch mal sehen, warum sie keine Fantasie haben, das mache ich nicht.\u201c Publizit\u00e4t erh\u00e4lt seine Arbeitsweise besonders im Zusammenhang mit Werner Herzog, mit dem er ab den 1970er Jahren \u201eAguirre\u201c, \u201eNosferatu\u201c, \u201eWoyzeck\u201c, \u201eFitzcarraldo\u201c und \u201eCobra Verde\u201c drehte. \u201eFitzcarraldo\u201c wurde f\u00fcr den \u201eGolden Globe\u201c nominiert: Der Abenteurer und Fantast dieses Namens ist als Caruso-Fan von der Idee besessen, in der peruanischen Amazonas-Stadt Iquitos ein Opernhaus zu errichten, und zieht zu diesem Zweck gar einen alten Dampfer in einer tollk\u00fchnen Aktion \u00fcber eine Urwaldh\u00f6he. Obgleich Kinski\u00a0 einmal \u00f6ffentlich zugibt, gut damit beraten zu sein, nur noch mit Herzog zu drehen, empfindet er nichts weiter als Spott und Verachtung f\u00fcr den selbsterkl\u00e4rten Autodidakten: \u201eHerzog ist ein miserabler, geh\u00e4ssiger, missg\u00fcnstiger, vor Geiz und Geldgier stinkender, b\u00f6sartiger, sadistischer, verr\u00e4terischer, erpresserischer, feiger und durch und durch verlogener Mensch.\u201c <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Kinski-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5983\"\/><figcaption>Szenenbilde &#8222;Aguirre&#8220;. Quelle: https:\/\/de.web.img3.acsta.net\/r_1920_1080\/medias\/nmedia\/18\/66\/32\/78\/18930519.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Das Drehbuch zu \u201eAguirre\u201c tut er als \u201eanalphabetisch\nprimitiv\u201c ab. Es ist die Geschichte des spanischen Conquistadors Don Lope de\nAguirre, der sich mit einer Expedition im 16. Jahrhundert auf den Weg durch die\nperuanischen Anden macht, um \u201eEl Dorado\u201c, das sagenhafte Goldland, zu finden.\nMit der Zeit wird durch Ersch\u00f6pfung, Krankheit und auch Meuterei die Gruppe um\nAguirre immer kleiner, so dass zum Schluss nur noch der Don \u00fcbrigbleibt und als\neinsamer Irrer auf einem Flo\u00df den Amazonas hinunterf\u00e4hrt. Ganz anders \u201eWoyzeck\u201c,\nder ihn ob der frappierenden charakterlichen \u00c4hnlichkeit zu dieser Person erschauern\nl\u00e4sst. Es ist so, als w\u00fcrde Kinski das alles schon einmal erlebt haben: \u201eDas\nSchlimmste, das ich je beim Film durchmachen musste. Ich habe bereits gesagt,\ndass die Geschichte von Woyzeck Selbstmord ist. Selbstzerfleischung. Jeder\nDrehtag, jede Szene, jede Einstellung, jedes Photogramm ist Selbstmord.\u201c Nach\nnur 16 Drehtagen ist der B\u00fcchner-Streifen abgedreht. Es ist der mit Abstand\nbeeindruckendste Kinski-Film, dessen Intensit\u00e4t nie mehr erreicht wurde. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ezu viel Brutalit\u00e4t\nund Pornographie\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1979 erhielt er das Filmband in Gold f\u00fcr das Murnau-Remake\n\u201eNosferatu\u201c als bester deutscher Schauspieler, erschien jedoch nicht zur Preisverleihung.\nKinski wirkte auch in mehreren Hollywood-Spielfilmen mit, unter anderem spielte\ner mit Jack Lemmon und Walter Matthau im letzten Billy-Wilder-Film \u201eBuddy Buddy\u201c.\nIn \u201eLittle Drummer Girl\u201c spielte er neben Diane Keaton die Hauptrolle. In dem\nUS-Fernsehfilm \u201eThe Beauty and the Beast\u201c (1983) war er Hauptfigur neben Susan\nSarandon und Anjelica Huston. Mitte der 1980er Jahre drehte er die Action-Filme\n\u201eCodename: Wildg\u00e4nse\u201c und \u201eKommando Leopard\u201c mit Lewis Collins in der\nHauptrolle. Die beiden Schauspieler kamen jedoch nicht miteinander aus, sodass\nim zweiten Film keine einzige Szene mit beiden zusammen gedreht wurde. 1987\nging Kinski eine Beziehung mit der damals 19-j\u00e4hrigen italienischen\nSchauspielerin Debora Caprioglio ein, die sich aber 1989 wieder von ihm\ntrennte. Im selben Jahr stellte er mit \u201eKinski Paganini\u201c sein letztes Filmwerk\nfertig: Nachdem er den Stoff \u00fcber Jahre hinweg vergeblich Produzenten und\nRegisseuren angetragen hatte, \u00fcbernahm er schlie\u00dflich Regie, Drehbuch, Schnitt\nund Hauptrolle selbst. Die Rohschnittversion von knapp zwei Stunden L\u00e4nge wurde\njedoch von der Jury der Filmfestspiele von Cannes wegen \u201ezu viel Brutalit\u00e4t und\nPornographie\u201c vom Wettbewerb ausgeschlossen, was Kinski zu einer wutentbrannten\nPressekonferenz vor Ort veranlasste. <\/p>\n\n\n\n<p>Sein Privatleben dokumentierte er als einen einzigen Exzess, nachzulesen in seinen Autobiografien \u201eIch bin so wild nach Deinem Erdbeermund\u201c (1975) sowie \u201eIch brauche Liebe\u201c (1991) \u2013 B\u00fccher, die von vielen als Skandal empfunden wurden. Seine Todesursache Herzversagen ist selbst f\u00fcr die Boulevard-Presse zu unspektakul\u00e4r, um daraus einen gro\u00dfen Aufrei\u00dfer zu machen. Die Obduktion ergab, dass das Herz vernarbt war &#8211; wahrscheinlich eine Folge mehrerer unbehandelter Herzinfarkte. Der Leichnam wurde seinem Wunsch gem\u00e4\u00df verbrannt, die Asche mit einem Boot zur \u201eGolden Gate Bridge\u201c gefahren und in den Pazifik gestreut. Sein Tod ist schnell abgetan, die \u00fcblichen Nachrufe sind schon nach wenigen Tagen durchgestanden. \u201eKinski spielte Unholde, Vision\u00e4re, Besessene, Erotomanen, Narzisse, Magiere, Berserker, Verbrecher, Exhibitionisten\u201c, w\u00fcrdigt ihn das Lexikon des Internationalen Films. \u201eAn diesem nerv\u00f6sen Seher von Innenwelten wirkte deshalb alles \u00fcbersteigert. Rasender und Meditierender zugleich, war er gestisch und mimisch das perfekte Medium seiner inneren Stimmen und Alptr\u00e4ume, denen er wortgewaltig Ausdruck verlieh. Er war ein Avantgardist der Artikulation, das Sprechen entwickelte er zur eigenst\u00e4ndigen Kunstform.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/10\/Kinski-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-5984\"\/><figcaption>Tod-Story in der BILD. Quelle: https:\/\/image.kurier.at\/images\/cfs_616w\/894954\/13219757730577.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1999 brachte Herzog mit \u201eMein liebster Feind\u201c ein Portr\u00e4t\nKinskis in die Kinos, in dem das besondere Verh\u00e4ltnis der beiden noch einmal\nreflektiert wird. \u201eEr war einfach die ultimative Pest. Leute wie Marlon Brando\nwaren Mustersch\u00fcler im Vergleich zu ihm\u201c, sagte er, erinnerte sich an \u201emonstr\u00f6se\nK\u00e4mpfe\u201c in einer \u201etiefen, tiefen Freundschaft\u201c. 2001 erschien aus dem Nachlass\nder Band \u201eFieber \u2013 Tagebuch eines Auss\u00e4tzigen\u201c, eine Sammlung mit insgesamt 52\nzum Teil w\u00fctenden Gedichten. 2011 erhielt er auf dem Berliner Boulevard der\nStars einen Stern. Zwei Jahre sp\u00e4ter wurde der Avantgardist von seinen T\u00f6chtern\nvom Sockel gest\u00fcrzt: In ihrem Buch \u201eKindermund\u201c beschreibt Pola, wie ihr Vater\nsie seit ihrem 9. Lebensjahr missbraucht hat. Nastassja wurde nach den\nEnth\u00fcllungen ihrer Schwester gefragt: \u201eHat Ihr Vater auch Sie missbraucht?\u201c Kinski antwortete: \u201eNo, not in the\nway that you mean, but in other ways, yes.\u201c \u201eEine Heldin, die ihr Herz,\nihre Seele und damit auch ihre Zukunft von der Last des Geheimnisses befreit hat\u201c,\nsagte sie \u00fcber ihre Schwester. In einem posthumen Brief an seinen Sohn hatte Kinski\neinst geschrieben: \u201eWenn Dir jemand sagt, ich sei tot, glaube es nicht. Ich bin\nder Regen und das Feuer, das Meer und der Wirbelsturm. Sei nicht traurig. Ich\nsterbe niemals.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er f\u00e4hrt sieben Ferraris, dreht 15 Edgar-Wallace-Streifen als D\u00e4mon vom Dienst und mit Werner Herzog f\u00fcnf deutsche Kino-Meisterwerke: Klaus Kinski. Das enfant terrible des Films starb vor 30 Jahren.  <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5978"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5978"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5978\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5985,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5978\/revisions\/5985"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5978"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5978"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5978"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}