{"id":6041,"date":"2021-12-25T06:18:00","date_gmt":"2021-12-25T05:18:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6041"},"modified":"2021-11-30T22:18:36","modified_gmt":"2021-11-30T21:18:36","slug":"der-himmelsmechaniker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6041","title":{"rendered":"Der Himmelsmechaniker"},"content":{"rendered":"\n<p>Als er 1613 seine zweite Frau heiratete, die 18 Jahre j\u00fcngere Susanna Reutinger, geschah dies nach einem Auswahlverfahren, bei dem er nicht weniger als elf Kandidatinnen \u00fcber viele Monate begutachtet hatte. Weil er eine falsche Abrechnung der Weinmenge f\u00fcr seine Hochzeitsfeier vermutete, besch\u00e4ftigte er sich prompt mit Formeln zur Fl\u00e4chen- und Volumenbestimmung, was 1615 zu seinem Buch \u201eNova Stereometria Doliorum Vinariorum\u201c (\u201eNeue Raumgeometrie f\u00fcr Weinf\u00e4sser\u201c) und seiner \u201eFassregel\u201c f\u00fchrte, mit der er Fl\u00e4chen und Volumen mit Hilfe von Indivisibilien berechnete. Sie trug ma\u00dfgeblich zur sp\u00e4teren Infinitesimalrechnung bei. \u00dcberhaupt werden ihn Abrechnungen noch \u00fcber den Tod hinaus besch\u00e4ftigen: So nahm sein Sohn Ludwig eine kaiserliche Obligation \u00fcber die dem Vater geschuldeten 12.694 Gulden entgegen &#8211; den letzten, ergebnislosen Versuch, diese Honorare einzutreiben, unternahm fast ein Jahrhundert sp\u00e4ter der Ehemann einer Enkelin von Ludwig.<\/p>\n\n\n\n<p>1619 ver\u00f6ffentlichte er in der f\u00fcnfb\u00e4ndigen \u201eHarmonia mundi\u201c (\u201eWeltharmonik\u201c) sein drittes und letztes Gesetz der Planetenbewegung: Die zweite Potenz der Umlaufzeit von Planeten verh\u00e4lt sich wie die dritte Potenz ihrer mittleren Entfernung von der Sonne. Oder anders: Die dritten Potenzen der gro\u00dfen Halbachsen der Planetenbahnen verhalten sich wie die Quadrate der Umlaufzeiten. Damit waren die Gesetzm\u00e4\u00dfigkeiten der Planetenbewegung als Grundlage der modernen Astronomie vervollst\u00e4ndigt, die heute als sein gr\u00f6\u00dftes Verdienst neben vielen weiteren gelten: Johannes Kepler, der am 27. Dezember 1571 im w\u00fcrttembergischen Weil der Stadt geboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Fr\u00fchgeburt wurde er immer als schwaches und krankes, dennoch hochbegabtes Kind bezeichnet. Obschon sein Gro\u00dfvater noch B\u00fcrgermeister war, befand sich seine Familie im wirtschaftlichen Niedergang. Sein Vater verdiente einen unsicheren Lebensunterhalt als H\u00e4ndler, verdingte sich mehrfach als S\u00f6ldner und kehrte, als Johannes f\u00fcnf Jahre alt war, nicht aus dem Krieg zur\u00fcck. 1575 \u00fcberstand er eine Pockenerkrankung, die jedoch bleibend sein Sehverm\u00f6gen beeintr\u00e4chtigte. Seine Mutter Katharina, eine Leonberger Gastwirtstochter, war Kr\u00e4uterfrau und vererbte ihm ihre zarte Konstitution. Zwei Erlebnisse blieben ihm besonders im Ged\u00e4chtnis: der Anblick des Kometen 1577 und die Beobachtung einer Mondfinsternis 1580. Seine Eltern beschrieb er als j\u00e4hzornig und streits\u00fcchtig; als 25j\u00e4hriger suchte er in den Geburtskonstellationen seiner Vorfahren nach einer gleichsam entschuldigenden Begr\u00fcndung f\u00fcr deren weniger gute Charaktereigenschaften.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Domino-18.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Domino-18.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6042\"\/><\/a><figcaption>Kepler. Quelle: https:\/\/www.kloster-maulbronn.de\/fileadmin\/Bilder\/27_maulbronn_alte-website\/Wissenswert_und_Amuesant\/Persoenlichkeiten\/27_maulbronn_detail_aufnahme_johannes_kepler_museum_infozentrum_dsc_0155_mod_foto-ssg-julia-haseloff.crop859x573.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach dem Besuch der Lateinschule in Leonberg erhielt er ein Begabten-Stipendium f\u00fcr ein evangelisches Theologiestudium, f\u00fcr das er 1584 die niedere Klosterschule in Adelberg, 1586 die h\u00f6here in Maulbronn besuchte und sich 1589 schlie\u00dflich an der Artistenfakult\u00e4t der Universit\u00e4t T\u00fcbingen einschrieb. Nach der Magisterpromotion 1591 begann er das 3j\u00e4hrige Studium der Theologie und \u00fcberwand h\u00e4ufig wiederkehrende Erkrankungen. Als pr\u00e4gendes Element stellte sich damals seine Auseinandersetzung mit dem kopernikanischen Weltbild heraus: Er h\u00f6rte zum ersten Mal von Kopernikus\u2018 umw\u00e4lzender These, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt des Planetensystems stehe. Weil sein kritischer Geist nicht mit den Dogmen der lutherischen Orthodoxie \u00fcbereinstimmte &#8211; so hatte er neben der Frage des geozentrischen Weltbildes auch Differenzen in der Lehre \u00fcber das Abendmahl &#8211; bekam er nicht die gew\u00fcnschte Anstellung als Pfarrer in W\u00fcrttemberg.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die ersten zwei Kepler\u2018schen Gesetze<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>So trat er 1594 eine Stelle als Professor f\u00fcr Mathematik und Astronomie in der obersten Klasse der evangelischen Stiftsschule in Graz an, die mit dem Amt des \u201eLandschaftsmathematikers\u201c verbunden war \u2013 Landesastrologe trifft es eher, denn von ihm wurde die Abfassung des j\u00e4hrlichen Kalenders erwartet, der neben dem Kalendarium vor allem ein angeh\u00e4ngtes \u201ePrognosticum\u201c beinhaltete: Voraussagen \u00fcber das im kommenden Jahr zu erwartende Wetter, Krankheiten und politische Ereignisse auf der Grundlage der Planetenaspekte. Drei davon sind erhalten, darunter gleich das erste f\u00fcr das Jahr 1594, das ihm erstes Ansehen bescherte: Der vorausgesagte kalte Winter und der prognostizierte T\u00fcrkenangriff trafen wirklich ein. Dabei kann er auch Einfluss nehmen auf die verderblichen Begierden der sterngl\u00e4ubigen Menge und ihr, als Heilmittel, geeignete Mahnungen eintr\u00e4ufeln.<\/p>\n\n\n\n<p>Da er nur wenig, dann gar keine H\u00f6rer mehr hatte, wurde er auch zum Unterricht in Arithmetik und Rhetorik, sp\u00e4ter in noch anderen F\u00e4chern herangezogen. Seine Gelehrsamkeit erlaubte ihm, jeglichen Unterricht aus dem Stegreif zu erteilen. Die Grazer Hochschule war das protestantische Gegenst\u00fcck zur Universit\u00e4t, die von Jesuiten geleitet wurde, und Motor der Gegenreformation. Hier begann Kepler mit der Ausarbeitung einer kosmologischen Theorie, die sich auf das kopernikanische Weltbild st\u00fctzte, Ende 1596 als \u201eMysterium Cosmographicum\u201c erschien und ihn als hoffnungsvollen Nachwuchswissenschaftler bekannt machte. Ein Jahr sp\u00e4ter heiratete er die 25-j\u00e4hrige Barbara M\u00fcller, eine zweifache Witwe mit Tochter: Aufgrund des von ihren Ehem\u00e4nnern ererbten Verm\u00f6gens eine gute Partie. Das Paar bekam f\u00fcnf Kinder, von denen zwei ihre Kindertage nicht \u00fcberlebten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20200502_154917.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/IMG_20200502_154917.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6043\"\/><\/a><figcaption>Geburtshaus von Keplers Mutter in Leonberg. Quelle: eigene Darstellung<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Zuge der Gegenreformation musste Kepler 1600 Graz verlassen. Er lie\u00df sich in Prag nieder, wo er zun\u00e4chst als Assistent des d\u00e4nischen Astronomen und kaiserlichen Hofmathematikers Tycho Brahe t\u00e4tig war. Obwohl sich beider Begabungen erg\u00e4nzten \u2013 Brahe war ein exzellenter Beobachter, aber kein Mathematiker, der hervorragende Mathematiker Kepler hingegen fast blind \u2013 erwies sich die Kooperation als schwierig. Nach Brahes \u00fcberraschendem Tod 1601 folgte Kepler als kaiserlicher Mathematiker nach und erg\u00e4nzte die Theorie von Kopernikus um die Annahme einer Ellipsenbahn, auf der sich die Planeten um die Sonne bewegen. Seinen Posten hatte er w\u00e4hrend der Herrschaft der drei habsburgischen Kaiser Rudolf II., Matthias I. und Ferdinand II. inne und \u00fcbernahm damit auch die Zust\u00e4ndigkeit f\u00fcr die kaiserlichen Horoskope und den Auftrag, die \u201eRudolfinischen Tafeln\u201c zu erstellen: Eine Sammlung von Tabellen und Rechenvorschriften zur Vorhersage der Planetenstellungen als Grundlage von Himmelsberechnungen aller Art wie Finsternisse, Feste oder eben auch Horoskope.<br><br>1609 ver\u00f6ffentlichte er als Ergebnis seiner Ellipsentheorie in seinem Hauptwerk \u201eAstronomia nova\u201c seine Gesetze der Planetenbewegung: Der Mars bewegt sich in einer Ellipse, in deren einem Brennpunkt die Sonne steht (1. Planetengesetz, auch \u201eEllipsensatz\u201c) und zwar so, dass der Radius Vector (Verbindungslinie Sonne-Planet) in gleichen Zeiten gleiche Fl\u00e4chen bestreicht (2. Planetengesetz). Die Aufgabe, den Ort eines Planeten in seiner Bahn f\u00fcr einen gegebenen Zeitpunkt zu berechnen, konnte er nur indirekt l\u00f6sen. Die Sonne ist der Sitz einer Kraft, das Planetensystem wird von inneren Gesetzen beherrscht, von physikalischen Kr\u00e4ften regiert \u2013 mit diesen neuartigen Gedanken setzte er als erster an Stelle des formalen Schemas fr\u00fcherer Astronomen ein dynamisches System, statt der mathematischen Regel das Naturgesetz, an Stelle der geometrischen Beschreibung der Planetenbewegung die kausale Erkl\u00e4rung. Er begr\u00fcndete damit eine neue Wissenschaft, die Himmelsmechanik.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Optik und Tod<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Im Umgang mit Brahes Erbe kam er zur Einsicht, dass dessen vervollkommnete Beobachtungstechnik neuartige und gr\u00f6\u00dfere Anforderungen auch an die astronomische Optik stellte. So \u00fcbernahm er die Darstellung der astronomischen \u201eOptik\u201c in allen ihren Teilen 1604. Der Text fasst Einzelerscheinungen zu einem Ganzen zusammen, das \u201ef\u00fcr die Physik die grundlegende Erkl\u00e4rung des optischen Bildes, die in ihren wesentlichen Z\u00fcgen endg\u00fcltige Theorie des Sehvorganges und das Grundgesetz der Photometrie als Vorstufe des Gravitationsgesetzes, f\u00fcr die Astronomie die rechnerische Auswertung der Finsternisse sowie eine rein theoretisch gewonnene verbesserte Refraktionstafel, f\u00fcr die Geometrie endlich eine neue Betrachtungsweise der Kegelschnitte gebracht hat\u201c, so sein Biograph Franz Hammer. Die Auffindung des Brechungsgesetzes ist ihm, in physikalischen Vorstellungen seiner Zeit befangen, nicht gelungen; doch stellte er eine \u00fcberraschend gute N\u00e4herungsformel auf.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Domino.png\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Domino.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6045\"\/><\/a><figcaption>Kepplers Modell des Sonnensystems. Quelle: Von Johannes Kepler &#8211; Johannes Kepler: Mysterium Cosmographicum, T\u00fcbingen 1596, Tabula III: Orbium planetarum dimensiones, et distantias per quinque regularia corpora geometrica exhibens., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=37300 <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>1611 verfasste er innerhalb weniger Wochen eines seiner bedeutendsten Werke, in dem er eine neue optische Disziplin vorstellte und mit dem er neben dem Praktiker Galilei als Theoretiker den Siegeszug des Fernrohrs in der Astronomie einleitete: die \u201eDioptrik\u201c als Bezeichnung f\u00fcr die Optik der brechenden Medien. Er untersucht darin, geleitet auch von eigener Erfahrung im Schleifen von Linsen und im Bau von Fernrohren, die Wirkungsweise der einzelnen Linsen wie der Kombinationen von solchen und begr\u00fcndet damit die Theorie des nach ihm benannten astronomischen Fernrohrs. Au\u00dferdem entdeckte er durch geeignete Kombination einer Konvex- und einer Konkavlinse das Prinzip des Teleobjektivs. Im selben Jahr starb Keplers Frau und erschien auch sein Buch \u201e\u00dcber die sechseckige Schneeflocke\u201c mit der Vermutung des atomaren Aufbaus der Materie, gewonnen durch die Besch\u00e4ftigung mit Schneekristallen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach dem Tod seines G\u00f6nners Kaiser Rudolf II. ging Kepler aus finanziellen Gr\u00fcnden 1612 als Professor nach Linz an die protestantische Landschaftsschule, wo er bis 1626 lehrte. Von den sechs Kindern, die er mit seiner zweiten Frau bekam, starben die drei zuerst geborenen fr\u00fch. 1613 unterst\u00fctzte er die Vorschl\u00e4ge von Papst Gregor XIII. zur Kalenderreform. Von 1615 an musste er sich um die Verteidigung seiner Mutter Katharina k\u00fcmmern, die unter dem Verdacht der Hexerei angeklagt war, nach seinen Intervention 1621 freikam und an den Haftschikanen kurz danach starb. Nach der \u201eWeltharmonik\u201c bereicherte er 1621 die kopernikanische Lehre durch die These, dass eine von der Sonne ausgehende Kraft die Planetenbewegung verursache &#8211; erst Newton wird 1687 die Gravitation entdecken. Kepler wertete die aus wissenschaftlicher Beobachtung und Erfahrung gewonnenen Erkenntnisse h\u00f6her als ihnen widersprechende Aussagen der kirchlichen und weltlichen Autorit\u00e4ten. Zwischen 1618 und 1621 verfasste er den \u201eAbriss der kopernikanischen Astronomie\u201c, der seine Entdeckungen in einem Band zusammenfasste: Das erste Lehrbuch des heliozentrischen Weltbildes.<\/p>\n\n\n\n<p>1626 zwang ihn die Gegenreformation auch zum Verlassen von Linz. Er fand im kaiserlichen General Albrecht von Wallenstein einen neuen F\u00f6rderer, der von Kepler zuverl\u00e4ssige Horoskope erwartete und ihm im Gegenzug in Sagan (Schlesien) eine Druckerei zur Verf\u00fcgung stellte. Kepler publizierte 1627 die \u201eRudolfinischen Tafeln\u201c, die bis ins 19. Jahrhundert hinein als Grundlage f\u00fcr astronomische und astrologische Berechnungen dienten. Ein Meilenstein der Wissenschaftsgeschichte war seine Vorhersage eines Venustransits 1631. Mit seiner Einf\u00fchrung in das Rechnen mit Logarithmen trug er zur Verbreitung dieser neuen Rechenart in Deutschland bei. Als Wallenstein jedoch 1630 auf dem Reichstag in Regensburg seine Funktion als Oberbefehlshaber verlor, reiste Kepler dorthin, um seine ausstehenden Gehaltsforderungen einzufordern, was ihm aber nicht gelang. Wallenstein stellte ihm als Herzog von Mecklenburg eine Professur an der Universit\u00e4t Rostock in Aussicht, doch vor deren Antritt starb er am 15. November 1630. Sein Grab und das Grabdenkmal auf dem Regensburger Petersfriedhof gingen im Drei\u00dfigj\u00e4hrigen Krieg verloren.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sch\u00f6pfung als zusammenh\u00e4ngendes Ganzes<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Naturphilosoph, Mathematiker, Astronom, Astrologe, Optiker und evangelische Theologe entwickelte vor allem das heliozentrische Weltbild weiter, indem er es statt eines hypothetischen Modells zur einfacheren Berechnung der Planetenpositionen als eine physikalische Tatsache sah. Als \u201epythagoreischer Mystiker\u201c glaubte er, dass die Grundlage der Natur mathematische Beziehungen seien und alle Sch\u00f6pfung ein zusammenh\u00e4ngendes Ganzes. Das stie\u00df nicht nur in der katholischen Kirche, sondern auch bei seinen protestantischen Vorgesetzten auf erbitterten Widerstand, da auf beiden Seiten die Lehren von Aristoteles und Ptolem\u00e4us als unantastbar galten. Zeitlebens suchte er nach einer Harmonie im Aufbau des Universums, und als tief religi\u00f6ser Mensch war er davon \u00fcberzeugt, dass es einen Sch\u00f6pfungsplan geben m\u00fcsse, der auf geometrischen Proportionen beruht. Zu einer Zeit, in der zwischen Astronomie und Astrologie noch nicht eindeutig unterschieden wurde, schrieb er: \u201eIch glaube, dass die Ursachen f\u00fcr die meisten Dinge in der Welt aus der Liebe Gottes zu den Menschen hergeleitet werden k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Domino-19.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"768\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2021\/11\/Domino-19-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6046\"\/><\/a><figcaption>Denkmal f\u00fcr Kepler und Brahe in Prag. Quelle: Von Pmk58 &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=37738508<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Kepler war auch davon \u00fcberzeugt, dass Himmelsk\u00f6rper irdische Ereignisse beeinflussten. Ein Ergebnis seiner \u00dcberlegungen war die richtige Einsch\u00e4tzung der Rolle des Mondes auf die Entstehung der Gezeiten, Jahre vor Galileis gegenteiliger falscher Formulierung. Des Weiteren glaubte er, dass es eines Tages m\u00f6glich sein werde, eine \u201ewissenschaftliche\u201c Astrologie zu entwickeln, trotz seiner generellen Abneigung gegen die Astrologie seiner Zeit. Mehr als 800 von Kepler gezeichnete Horoskope und Geburtskarten sind erhalten. \u201eDie Sterne zwingen nicht, sie machen nur geneigt\u201c: Kepler r\u00e4umte der menschlichen Willk\u00fcr die M\u00f6glichkeit ein, himmlische Zw\u00e4nge zu durchbrechen und von dem astrologisch vorgezeichneten Weg abzuweichen. Wallenstein soll er f\u00fcr 1634 erhebliche Schwierigkeiten vorausgesagt haben: In dem Jahr wurde der Generalissimus tats\u00e4chlich ermordet.<\/p>\n\n\n\n<p>1608 schrieb Kepler die Erz\u00e4hlung \u201eSomnium\u201c (\u201eDer Traum\u201c), die so realistisch wie damals m\u00f6glich eine Mondfahrt beschreibt. Man kann sie als eine der ersten Science-Fiction-Erz\u00e4hlungen bezeichnen. Sie wurde 1634 postum von seinem Sohn ver\u00f6ffentlicht und erst 2011 vollst\u00e4ndig \u00fcbersetzt auf Deutsch publiziert. Zu einer bedeutenden, aber wenig gew\u00fcrdigten Erfindung f\u00fchrte eine andere Gelegenheitsarbeit, zu der Kepler durch Gespr\u00e4che mit einem Bergwerksbesitzer angeregt wurde. Dabei ging es um die Entwicklung einer Pumpe, mit der Wasser aus Bergwerksstollen herausgehoben werden sollte. Nach fehlgeschlagenen Experimenten kam Kepler der Gedanke, zwei in einem Kasten angebrachte \u201eWellen mit je sechs Hohlkehlen\u201c, also Zahnr\u00e4der mit abgerundeten Ecken, mit einer Kurbel anzutreiben, so dass die Radh\u00f6hlungen das Wasser nach oben bef\u00f6rderten. Er hatte eine ventillose und daher fast wartungsfreie Zahnradpumpe erfunden, die heute in prinzipiell gleichartiger Form in Automotoren als \u00d6lpumpe eingebaut wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Keplers Ehrungen sind kaum \u00fcberschaubar. Die Linzer Universit\u00e4t wurde nach ihm benannt, viele Schulen, geographische Orte nicht nur auf der Erde, selbst eine Palmenart. Eine B\u00fcste Keplers wurde 1842 in die Walhalla aufgenommen. Paul Hindemith setzte ihm mit seiner Oper <em>Die Harmonie der Welt<\/em> ein musikalisches Denkmal. Die Kepler-Gesellschaft verleiht seit 2006 Kepler-Preise an Sch\u00fcler aus den 22 Kepler-Gymnasien der EU. Die Oper <em>Kepler<\/em> von Philip Glass wurde als Auftragswerk f\u00fcr Linz als Kulturhauptstadt Europas 2009 uraufgef\u00fchrt. Die Evangelische Kirche in Deutschland erinnert mit einem Gedenktag im Evangelischen Namenkalender am 15. November an ihn. Leonberg und Weil der Stadt, wo es neben Museen etwa einen \u201ePlanetenweg\u201c gibt, erkl\u00e4rten 2021 zum Kepler-Gedenkjahr.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er stellte Wallenstein Horoskope, rettete seine Mutter vor dem Hexen-Scheiterhaufen \u2013 und schuf mit seinen Planetengesetzen die moderne Astronomie: Johannes Kepler. Vor 450 Jahren kam er zur Welt. <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7,9],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6041"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6041"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6041\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6047,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6041\/revisions\/6047"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6041"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6041"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6041"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}