{"id":6122,"date":"2022-01-05T07:52:00","date_gmt":"2022-01-05T06:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6122"},"modified":"2022-01-02T17:53:37","modified_gmt":"2022-01-02T16:53:37","slug":"der-allzweck-intellektuelle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6122","title":{"rendered":"Der Allzweck-Intellektuelle"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eIch hatte den Drang, einen M\u00f6nch zu vergiften\u201c, beschrieb er in seiner typisch subtilen Ironie die \u201evage Idee\u201c, die ihn 1978 antrieb, seinen Bestseller <em>Der Name der Rose<\/em> zu beginnen. Darin setzt er nicht nur seinem Vorbild Arthur Conan Doyle &#8211; der Held hei\u00dft William von Baskerville nach einer Sherlock-Holmes-Geschichte &#8211; ein Denkmal, sondern vor allen Jorge Luis Borges: Dessen magisch-realistische \u201eBibliothek zu Babel\u201c inspirierte ihn zu dem Roman; den B\u00f6sewicht lie\u00df er Jorge von Burgos hei\u00dfen. Das erste Jahr der Arbeit \u201everging mit dem Aufbau der Welt \u2026 ausgedehnte architektonische Studien\u2026, um den Plan der Abtei festzulegen, die Entfernungen, ja selbst die Anzahl der Stufen einer Wendeltreppe.\u201c Der Roman verkn\u00fcpfte Krimi, Historie, Schauerroman, philosophische und literarische Anspielungen sowie unz\u00e4hlige Zeichen und R\u00e4tsel \u2013 eine Vielschichtigkeit, die zusammen mit der Ich-Erz\u00e4hlung mittelalterlicher Gedanken- und Gef\u00fchlswelten Hunderte von Deutungsversuchen nach sich zog und zieht.<\/p>\n\n\n\n<p>Den \u201ekl\u00fcgsten Mittelalterroman der Welt\u201c erkennt Constanze Reuscher in der <em>Welt<\/em>. Der Vatikan verurteilte das Buch als ein \u201eerz\u00e4hlerisches \u00c4rgernis, das die Bedeutung des Glaubens entstellt, entweiht und beleidigt\u201c &#8211; \u201e\u00fcberambitioniert\u201c gestand der Autor sp\u00e4ter selbst. In 40 Sprachen \u00fcbersetzt und mehr als 14 Millionen Mal verkauft, wurde die vor allem im Kloster Eberbach im Rheingau realisierte Verfilmung von Jean-Jacques Annaud ebenso erfolgreich: innerhalb der ersten 3 Wochen zog der Streifen allein in Deutschland 4 Millionen Zuschauer ins Kino. Die Besetzungsliste liest sich wie ein Who is Who der namhaftesten Schauspieler der 80er Jahre: Von Sean Connery \u00fcber Christian Slater, Helmut Qualtinger oder F. Murray Abraham bis zu \u201eHellboy\u201c Ron Perlman. Wissenschaftliche Arbeiten befassen sich sogar mit dem Einsatz des Films im Geschichtsunterricht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"682\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-1-682x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6123\"\/><\/a><figcaption>Umberto Eco. Quelle: Von Bogaerts, Rob \/ Anefo &#8211; http:\/\/hdl.handle.net\/10648\/ad390f7a-d0b4-102d-bcf8-003048976d84; Beeldbank Nationaal Archief, CC0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=47166028<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als \u201eMeister der Kolportage\u201c bleibt er in den vielen Zeit- und Handlungsebenen seiner Romane stets eng an unterschiedlichsten \u201eQuellen, die er mit fiktionalen Mitteln zu spekulativen Erz\u00e4hlungen ausbaut\u201c, so Arno Frank im <em>Spiegel<\/em> \u2013 egal ob es um Verschw\u00f6rungstheorien geht, j\u00fcdische Zahlenmystik, Kaiser Barbarossa oder barocke Expeditionen in die S\u00fcdsee. Befragt, was er vom damals extrem erfolgreichen Roman <em>Sakrileg<\/em> von Dan Brown halte, sagte er mit wegwerfender Geste, er kenne das Buch nicht; aber jede der darin beschriebenen Theorien. \u201eGeben Sie mir f\u00fcnfzig Euro, und ich schreibe Ihnen dieses Buch. Und zwar besser als Dan Brown.\u201c Dieses Selbstbewusstsein geh\u00f6rte Umberto Eco, der am 5. Januar seinen 90. Geburtstag feierte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eauf wundersame Weise vom Glauben geheilt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Geboren als Sohn eines Buchhalters in Alessandria im Piemont, wird er sich \u00fcber die Stadt und die Landschaft, den Charakter und die Grundstimmung der dort lebenden Menschen sowie den Alltag in den drei\u00dfiger und fr\u00fchen vierziger Jahren unter Mussolini an mehreren Stellen seiner Werke direkt oder indirekt auslassen. Sein streng katholischer Vater legt ihm ein Studium der Rechtswissenschaften nahe. Da hat sich der Knirps aber l\u00e4ngst mit Literatur angesteckt. Im B\u00fccherkeller seines Gro\u00dfvaters verschlang er Jules Vernes, Charles Darwin, Marco Polo und Comic-Hefte. Ab 1948 studierte er in Turin Philosophie und Literatur und promovierte 1955 \u00fcber Thomas von Aquin. Mit der Kirche hat er gebrochen: \u201eSie h\u00e4lt uns in Angst vor der nat\u00fcrlichsten Sache der Welt, dem Tod, und lehrt uns Hass auf die sch\u00f6nste Sache, die das Schicksal f\u00fcr uns bereith\u00e4lt, das Leben\u2026 Man kann sagen, dass er, Thomas von Aquin, mich auf wundersame Weise vom Glauben geheilt hat.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anschlie\u00dfend arbeitete er als Kulturredakteur f\u00fcr den Rundfunksender RAI und sp\u00e4ter als Sachbuchlektor f\u00fcr den Mail\u00e4nder Verlag Bompiani, f\u00fcr den er bis 1975 t\u00e4tig blieb und in dem seither fast alle seine B\u00fccher erschienen sind. Von 1962 bis zu seinem Tod war Eco mit der geb\u00fcrtigen Deutschen Renate Ramge verheiratet, einer in Frankfurt am Main geborenen Expertin f\u00fcr Museums- und Kunstdidaktik. Sie bekamen einen Sohn und eine Tochter. Mit dem 1962 erschienenen \u201eOpera aperta\u201c (deutsch \u201eDas offene Kunstwerk\u201c, 1973) wurde er schlagartig als brillanter Kulturtheoretiker bekannt, der 1963 seine akademische Karriere als Dozent f\u00fcr \u00c4sthetik und visuelle Kommunikation am Polytechnikum in Mailand begann, um sie \u00fcber eine Zwischenstation an der Universit\u00e4t in Florenz schlie\u00dflich 1975 an der Universit\u00e4t Bologna, der \u00e4ltesten Universit\u00e4t Europas, zu beenden \u2013 auf dem ersten italienischen Lehrstuhl f\u00fcr Semiotik.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6124\"\/><\/a><figcaption>Szenenbild aus &#8222;Der Name der Rose&#8220;. Quelle: https:\/\/a2.tvspielfilm.de\/imedia\/2484\/1352484,MjTVw1D3bzurh+7Bm7V5ZGh3buoV99AbhiDheGxUu_rCV8Q3BdM1DxXZOPxS0PzveIisV+FhjwZiGoYtGjA+YQ==.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Sein schon 1968 (deutsch 1973) erschienenes Buch \u201eEinf\u00fchrung in die Semiotik\u201c gilt bis heute auch international als Standardwerk. Zugleich war er im Umfeld des Gruppo 63 aktiv, einer der literarischen Bewegung der Neoavanguardia zugerechneten Gruppierung. \u00dcber seine wissenschaftliche Arbeit hinaus war Eco Mitarbeiter der UNESCO, der Triennale von Mailand, der EXPO 1967 in Montreal, der \u201eFondation Europ\u00e9enne de la Culture\u201c und zahlreicher weiterer Organisationen und Akademien. Eco hat in unterschiedlichen Disziplinen Forschung betrieben. Dazu z\u00e4hlten F\u00e4cher wie etwa die Geschichte der \u00c4sthetik, der Poetik der Avantgarde, der Massenkommunikation oder die Kultur des Konsums.&nbsp;Seine Essays umfassten Gebiete von der \u00c4sthetik des Mittelalters \u00fcber die klassische Semiotik als Zeichenlehre bis hin zu Kodizes k\u00fcnstlerischer Kommunikation.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seinem ersten Roman schrieb er seit 1985 regelm\u00e4\u00dfig \u2013 erst w\u00f6chentlich, ab 1998 vierzehnt\u00e4glich \u2013 eine Kolumne in der Wochenzeitschrift <em>L\u2019Espresso<\/em> unter dem Titel \u201eLa Bustina di Minerva\u201c (deutsch: \u201eStreichholzbriefe\u201c). Von diesen hunderten sprachgewitzten Kleinoden Eco\u2019scher Weltbeobachtung sind mehrere Ausgaben auf Deutsch erschienen, am k\u00f6stlichsten liest sich wohl \u201eWie man mit einem Lachs verreist\u201c. 1988 erschien dann der Roman <em>Das Foucaultsche Pendel<\/em>, an dem er nach eigener Aussage acht Jahre schrieb und es fertig brachte, \u201edie Leser der Leichtigkeit vor den Kopf zu sto\u00dfen und sie in dem Gewirr der R\u00e4tsel einfach alleinzulassen\u201c, so Volker Weidermann im <em>Spiegel<\/em>. Der Titel bezieht sich auf den bekannten Pendel-Versuch, mit dem der franz\u00f6sische Physiker L\u00e9on Foucault 1851 die Erdrotation laientauglich zur Schau stellte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eMischung aus Geheimlehre und Partywissen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>In postmoderner Manier verbindet Eco Motive des Abenteuer-, Historien- und Kriminalromans mit derart zahlreichen gelehrten Bez\u00fcgen zu Geschichte, Verschw\u00f6rungstheorien, Esoterik, Philosophie und Physik, dass Anthony Burgess vorschlug, das Buch solle als Enzyklop\u00e4die mit einem Register versehen werden. Der Roman wurde \u2013 wie auch die folgenden \u2013 in alle Weltsprachen \u00fcbersetzt: <em>Die Insel des vorigen Tages<\/em> (1995), <em>Baudolino <\/em>(2001), <em>Die geheimnisvolle Flamme der K\u00f6nigin Loana<\/em> (2004), <em>Der Friedhof in Prag<\/em> (2011) und <em>Nullnummer<\/em> (2015).<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem er sich schon im \u201ePendel\u201c ausf\u00fchrlich dem Thema Verschw\u00f6rungstheorien gewidmet hat, schafft er im \u201eDer Friedhof in Prag\u201c mit seinem fiktiven Ich-Erz\u00e4hler Simon Simonini einen berufsm\u00e4\u00dfigen F\u00e4lscher, den er als Hauptautor der Protokolle der Weisen von Zion einf\u00fchrt. Er selbst ist unschwer in der Figur des Commendatore Vimercate in <em>Nullnummer<\/em> zu entdecken, einem satirischen Roman \u00fcber die Wirkung von Korruption und Medien auf die moderne Gesellschaft. In einem <em>Zeit<\/em>-Interview sagte Eco: \u201eAlle meine B\u00fccher handeln von B\u00fcchern. W\u00e4re ich Strauss-Kahn, meine B\u00fccher handelten vom Sex. W\u00e4re ich Berlusconi, sie handelten vom Geld.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-3.jpeg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-3.jpeg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6125\"\/><\/a><figcaption>&#8222;Rose&#8220;-Drehort Kloster Eberbach. Quelle: https:\/\/www.billiger-mietwagen.de\/reisewelt\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/kloster-eberbach-rheingau-deutschland-139408943.jpeg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Einem breiteren Publikum ist der Name Umberto Eco daher vor allem durch diese literarischen Werke bekannt, in denen er bei aller Freude am farbigen Erz\u00e4hlen und an spannenden Plots ausgiebig von Zitaten und Montagetechniken Gebrauch macht, was zu ihrer Charakterisierung als den postmodernen Romanen schlechthin gef\u00fchrt hat. Er selbst stand dem Begriff der Postmoderne eher skeptisch gegen\u00fcber und zog es vor, von Intertextualit\u00e4t zu sprechen, d. h. von der inneren Verflechtung und Verwobenheit aller literarischen Texte miteinander. Zu seinem 80. Geburtstag stellte die <em>Welt <\/em>fest: \u201eMit ihrer Mischung aus Geheimlehre und Partywissen ebneten Ecos Romane eine Mystery-Stra\u00dfe, die mittlerweile von vielen Dan Browns erfolgreich, wenn auch weniger bildungsbeflissen befahren&nbsp;wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er war Mitgr\u00fcnder und -herausgeber der Internetzeitschrift Golem l\u2019Indispensabile und verbrachte, obwohl er auch in Florenz und Rom arbeitet, doch den gr\u00f6\u00dften Teil seines Lebens mit seiner deutschen Frau in Mailand. \u201eAber seltsamerweise ist es mir nie gelungen, Mailand als \u201emeine Stadt\u2018 zu empfinden\u201c, sagte er 2015 in einem Interview mit der <em>S\u00fcddeutschen<\/em>. Erst nach Jahrzehnten habe er sich mit der Metropole ausges\u00f6hnt und in ihr \u201eeine sp\u00e4te Liebe\u201c gefunden. Ein wesentlicher Teil von Ecos literarischem Werk waren Schriften zur Theorie und Praxis der Zeichen, zur Massenkultur und zur Kunst (\u201eDie Geschichte der Sch\u00f6nheit\u201c und als Gegenst\u00fcck \u201eDie Geschichte der H\u00e4sslichkeit\u201c). In einem 2008 im <em>SZ-Magazin<\/em> erschienenen Gespr\u00e4ch am\u00fcsierte sich Eco \u00fcber den gro\u00dfen Erfolg der \u201eGeschichte der Sch\u00f6nheit\u201c: \u201eWir h\u00e4tten auch ein Telefonbuch unter dem Titel verkaufen k\u00f6nnen, so sehr rissen sich selbst Verlage aus Osteuropa und Asien um die&nbsp;Rechte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Seit 1999 leitete er die Scuola Superiore di Studi Umanistici in Bologna. 2005 wurde Umberto Eco in dem englischen Magazin <em>Prospect<\/em> nach Noam Chomsky und vor Richard Dawkins zum zweitwichtigsten Intellektuellen weltweit gew\u00e4hlt. Fast drei Dutzend Universit\u00e4ten rings um den Erdball machten ihn zum Ehrendoktor; au\u00dferdem bekam er Dutzende italienische und internationale Buchpreise, vom spanischen Prinz-von-Asturien-Preis \u00fcber das Gro\u00dfe Verdienstkreuz mit Stern der BRD bis zum American Academy Award of Arts and Letters. In Mainz wurde Eco 2014 mit dem Gutenberg-Preis geehrt. Das Kuratorium w\u00fcrdigte seine \u201ebrillanten kulturtheoretischen \u00dcberlegungen\u201c und bezeichnete den Norditaliener als \u201ebegnadeten Erz\u00e4hler\u201c, der Millionen von Lesern in Buchkultur und -geschichte eingef\u00fchrt habe. Er blieb stets \u00fcberzeugt davon, dass sich noch die dunkelsten Stunden leichter mit Humor durchstehen lassen, und sei es mit Galgenhumor.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edass es in der Welt keine Ordnung gibt\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Eco avanciert zum \u201eRundum-Intellektuellen (Reuscher), ja \u201eAllzweck-Intellektuellen, der sich auch f\u00fcr Ph\u00e4nomene des Alltags nicht zu fein ist\u201c, meint Frank. Mit den Werkzeugen der Semiotik zerlegt er alles in unterhaltsame Einzelteile, von Pornodarstellern bis zu Plastikbesteck. Mickey Mouse k\u00f6nne perfekt sein \u201ewie ein japanisches Haiku\u201c, und die unterschiedlichen Betriebssysteme von Apple und Microsoft vergleicht er mit Katholizismus und Protestantismus. Fremd bleiben ihm nur Sport, Kochen, Mathematik, Botanik sowie \u201ealles, was an Unterhaltungsmusik nach den Beatles kam\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-4-scaled.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"726\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Eco-4-726x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6126\"\/><\/a><figcaption>Altersbild in seiner Bibliothek. Quelle: https:\/\/media0.faz.net\/ppmedia\/aktuell\/feuilleton\/1230837405\/1.1087426\/default-retina\/eco.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Als B\u00fcrger und politischer Autor war Eco ein aktiver und vehementer Gegner von Silvio Berlusconi. In zahlreichen Zeitungs- und Zeitschriftenartikeln hat er dessen Politik scharf kritisiert. Noch kurz vor der Wahl im April 2006, die Berlusconi dann knapp verlor, ver\u00f6ffentlichte Eco seine gesammelten politischen Schriften nochmals in Buchform unter dem Titel <em>Im Krebsgang voran:<\/em> <em>Hei\u00dfe Kriege und medialer Populismus<\/em>. Er zog sich im Oktober 2007 aus der aktiven Lehrt\u00e4tigkeit zur\u00fcck und war ab 2008 Professor emeritus, blieb aber politisch \u201elinks\u201c: Ohne Utopie, sagt Eco, kann die Menschheit nicht auskommen. Freilich ist die Utopie, da ist er sicher, nur so lange attraktiv, wie sie nicht verwirklicht wird. \u201eAls Lenin die Marx&#8217;sche Utopie realisieren wollte, wurde es furchtbar.\u201c Die Utopie, sagt Eco, \u201eist kein fixes Ziel, sondern immer ein Horizont in Bewegung\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Vor dem Aufflammen neuer Religionskriege in einer intoleranten Welt warnte Eco schon 2001 in weiser, aber machtloser Voraussicht. Das \u201eleidenschaftliche Festhalten an vereinfachenden Gegens\u00e4tzen, wie etwa wir und die anderen, Gut und B\u00f6se, Wei\u00df und Schwarz\u201c seien immer deren Wurzeln gewesen. \u201eWir begreifen uns als pluralistische Gemeinschaft, weil wir es zulassen, dass bei uns Moscheen gebaut werden, und wir nicht darauf verzichten k\u00f6nnen, nur weil sie in Kabul die christlichen Propagandisten ins Gef\u00e4ngnis werfen. Wenn wir es doch t\u00e4ten, w\u00fcrden auch wir zu Taliban werden.\u201c Donnerwetter.<\/p>\n\n\n\n<p>Unter den italienischen Schriftstellern galt Eco immer der beste Wissenschaftler, unter den Wissenschaftlern wiederum war er der beste Schriftsteller. Er war durchaus ein Genussmensch, liebte Zigarillos und Whisky und litt dementsprechend, wenn die \u00c4rzte Verbote aussprachen. Auch dass er im Alter zu kurzatmig war, um seine Barockfl\u00f6ten zu spielen, von denen er eine pr\u00e4chtige Sammlung besa\u00df, bek\u00fcmmerte ihn. Selten hat ein Intellektueller \u201eseine eigene Intellektualit\u00e4t so souver\u00e4n als freundliche Einladung an alle, mitzudenken oder zu widersprechen, begriffen, als eine Haltung, die sich dem Publikum ganz grunds\u00e4tzlich zuwandte, ohne den geistigen Anspruch aufzugeben\u201c, feierte ihn Claudius Seidl in der <em>FAZ<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt besa\u00df er 50.000 B\u00fccher, organisierte regelm\u00e4\u00dfig B\u00fccherverschenkungsaktionen f\u00fcr Studenten, die er \u201eTake a book and run\u201c nannte. Nachdem er am 19. Februar 2016 in Mailand an den Folgen einer Krebserkrankung starb, wurde seine Bibliothek vom Kulturministerium aufgekauft. Sie soll mit der Rekonstruktion seines Arbeitszimmers an der Universit\u00e4t Bologna einen eigenen Neubau erhalten. Heute sind Universalgelehrte wie er eine aussterbende Spezies. \u201eIch h\u00e4tte wissen m\u00fcssen, dass es in der Welt keine Ordnung gibt\u201c, l\u00e4sst er Bruder William sagen, nachdem seine Suche nach der Aufkl\u00e4rung der Klostermorde in einer Feuerkatastrophe endet. <\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcr den Wissenschaftler bilanziert Michael Braun in der <em>taz<\/em>: \u201eEr versteckte sein Wissen nie \u2013 doch er setzte es auch nie ein, um sich zu erheben \u00fcber seine Leser; stattdessen lie\u00df er sie, tats\u00e4chlich ohne jeden Anflug von Snobismus, einfach teilhaben an seiner unendlichen Neugier.\u201c Den Romancier dagegen kann man kaum knapper und treffender w\u00fcrdigen als Christopher Schmidt in der <em>S\u00fcddeutschen<\/em>, f\u00fcr den er \u201edas Individuelle und das Allgemeine in ein anderes Verh\u00e4ltnis setzte und die Historie als Echoraum des Nachdenkens \u00fcber die Gegenwart\u00a0rehabilitiert\u201c hatte. \u201eDer Mann, der alles wusste\u201c, ruft Eco online<em> La Repubblica<\/em> emphatisch hinterher \u2013 und kaum jemand w\u00fcrde dieses Diktum zu einer \u00dcbertreibung erkl\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er galt als begnadeter Romancier, wissenschaftliche Koryph\u00e4e, witzig-subversiver Essayist, rastloser Denker und moralische Instanz Italiens: Umberto Eco. Jetzt w\u00fcrde der Semiotiker 90 Jahre alt.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6122"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6122"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6122\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6128,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6122\/revisions\/6128"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}