{"id":6129,"date":"2022-01-15T07:00:00","date_gmt":"2022-01-15T06:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6129"},"modified":"2022-01-02T18:00:37","modified_gmt":"2022-01-02T17:00:37","slug":"den-anderen-verstehen-zu-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6129","title":{"rendered":"\u201eden Anderen verstehen zu lernen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Er versuchte sp\u00e4ter, sein Verhalten in den Jugendjahren nicht zu bagatellisieren, sondern nannte sich selbst einen Nazijungen. Er war als junger Mensch gefangen in der Ideologie des 3. Reichs \u2013 wie der gr\u00f6\u00dfte Teil seiner Altersgef\u00e4hrten auch. Doch im Gegensatz zu vielen anderen Schriftstellern, K\u00fcnstlern und Intellektuellen dieser Jahrg\u00e4nge hat er aus dieser Vergangenheit nie ein Geheimnis gemacht, die eigene Vergangenheit nicht verdr\u00e4ngt, anstatt ihr auf den Grund zu gehen. Diese vers\u00e4umten es, von den \u201eKindheitsmustern\u201c (Christa Wolf) zu sprechen, in die sie gepresst worden waren, und die noch lange als Herkunftsmonster in ihrem Bewusstsein spukten. Er tat es.<\/p>\n\n\n\n<p>Denn gerade solche Dokumente intensiver Selbstanalyse einer politischen Verirrung sind f\u00fcr eine lebendige Demokratie wertvoll. In der DDR war Franz F\u00fchmann, neben Wolf, eine Ausnahme. Seine Werke sind zu einem ganz wesentlichen Teil ein radikaler Versuch, den Wurzeln eines ideologischen und totalit\u00e4ren Denkens auf die Spur zu kommen. Ein Versuch, der nie bis zum Roman reichte, sondern immer nur h\u00e4ppchenweise zu bew\u00e4ltigen war, in Erz\u00e4hlungen, Novellen, Essays oder Fragmenten wie seinem letzten, dem Haupt- und Alterswerk \u201eIm Berg\u201c: Franz F\u00fchmann, der am 15. Januar 1922 in Rochlitz im Riesengebirge (heute: Rokytnice nad Jizerou) geboren wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sein Vater war Apotheker und hatte mit einem Knoblauchsaft gegen Arterienverkalkung eine kleine pharmazeutische Fabrik auf die Beine gestellt. Er wuchs nach eigenen Angaben in einer \u201eAtmosph\u00e4re von Kleinb\u00fcrgertum und Faschismus\u201c auf: Das Zusammenleben mit einem autorit\u00e4ren und zugleich an den Kindern kaum interessierten Vater und mit einer fr\u00f6mmelnden, bigotten Mutter, die eine Ehe voll Zank und Streit f\u00fchrten, muss bedr\u00fcckend gewesen sein. Also fl\u00fcchtete Franz in die Phantasie. Jeden Winter wurde Rochlitz eingeschneit \u2013 und da fing er an zu fabulieren und sp\u00e4ter zu schreiben: Anfangs wurde er von einer Hauslehrerin unterrichtet. In seiner Heimat gab es \u00fcberall Eulen, Abh\u00e4nge, Steinbr\u00fcche mit geheimnisvollen Eing\u00e4ngen, B\u00fcschen, verkr\u00fcppelten B\u00e4umen. In jeder H\u00f6hle wohnte ein Geist, f\u00fcr den er einen Namen und eine Genealogie erfand. Auf diese Weise gr\u00fcndete er ein eigenes Reich mit Zwergen und Zauberern, R\u00e4ubern und Kobolden, Geistern und D\u00e4monen. Die Natur schien beseelt, doch nur wenige dieser versteckten Gesch\u00f6pfe waren freundlich gesonnen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6130\"\/><\/a><figcaption>Franz F\u00fchmann. Quelle: https:\/\/henschel-schauspiel.de\/serve_image\/5a631270b9bb1df913282255<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ab 1932 besuchte er das Jesuitenkonvikt Kalksburg bei Wien, aus dem er 1936 fl\u00fcchtete. Er ging dann auf das Gymnasium in Reichenberg (Liberec), trat dem Deutschen Turnverein bei und wurde 1937 Mitglied der pennalen Burschenschaft Hercynia. Als 15-J\u00e4hriger ist er dabei, als am 9. November 1938 die Synagoge in Reichenberg zerst\u00f6rt wird. Er tritt in die Reiter-SA ein. Seine freiwillige Meldung zur Wehrmacht 1939 wird abgelehnt, weil er noch zu jung ist. 1941 darf er dann endlich an die Front, als Funker erst nach Russland, sp\u00e4ter nach Griechenland. Doch F\u00fchmann will dichten. Sein Vater sei stolz gewesen, als \u201eNacht am Peipussee\u201c und vier weitere Gedichte des 20-j\u00e4hrigen Soldaten gedruckt werden. Noch im Januar 1945 schafft es der junge F\u00fchmann mit einem Gedicht sogar auf Seite eins der Wochenzeitschrift <em>Das Reich<\/em>: Deren Herausgeber, dem promovierten Germanisten Hermann Goebbels, gefiel die heroische Endzeit-Lyrik: \u201eKarg und klar ist die Zeit. \/ Ehern waltet die Not\u201c. Dann ger\u00e4t er in sowjetische Kriegsgefangenschaft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eEr hatte recht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die vier Jahre unter anderem an der Antifa-Schule in Noginsk verwandeln F\u00fchmann in einen gl\u00e4ubigen Kommunisten, der 1949 in die DDR zieht &#8211; Mutter und Schwester hatte es bereits dorthin verschlagen, sein Vater war kurz nach Kriegsende gestorben. Inzwischen ist seine sowjetische Abschlussbeurteilung zug\u00e4nglich: \u201eAm Anfang war er gepr\u00e4gt von halbfaschistischen und kleinb\u00fcrgerlichen Vorurteilen. Er war voll von deutschem pseudointelligenten Hochmut und Individualismus und missachtete das Kollektiv. Unter dem Einfluss der intensiven Besch\u00e4ftigung mit dem Lehrgangsprogramm und der politischen Erziehungsarbeit der Gruppe hat F\u00fchmann diese Eigenschaften abgelegt und gewann gr\u00f6\u00dfere Autorit\u00e4t im Kollektiv, entwickelte sich zu einem klugen Antifaschisten, der die Grundlagen des Marxismus-Leninismus gut beherrscht, einige theoretische Grundwerke durchstudiert hat und st\u00e4ndig bereit zum Kampf um das neue demokratische Deutschland ist.\u201c F\u00fcr G\u00fcnther R\u00fcther gleicht F\u00fchmanns Wandlung vom Nationalsozialisten zum Stalinisten \u201edamit einem Film, in dem das Negativ zum Positiv entwickelt wird\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Prompt wurde er f\u00fcr leitende T\u00e4tigkeiten etwa in der zentralen SED-Presse empfohlen. Gern w\u00e4re er der SED beigetreten, aber er wurde zur NDPD abkommandiert: Die Nationaldemokratische Partei &nbsp;sollte ehemalige Nationalsozialisten, Offiziere, Soldaten, Mittelst\u00e4ndler an die DDR binden. Vorsitzender war der Altkommunist Lothar Bolz, der lange als Au\u00dfenminister der DDR fungierte. lm F\u00fchrungspersonal gab es viele umerzogene Milit\u00e4rs, auch Mitglieder des von Stalin gegr\u00fcndeten \u201eNationalkomitees Freies Deutschland\u201c wie Wehrmachtsgeneral Vinzenz M\u00fcller, der die Volksarmee der DDR aufbaute und dessen pers\u00f6nlicher Referent F\u00fchmann zun\u00e4chst wurde. Er heiratete 1950 Ursula B\u00f6hm, zwei Jahre sp\u00e4ter kam die gemeinsame Tochter Barbara zur Welt. Er schrieb Artikel f\u00fcr parteieigene Zeitungen, war ab 1952 Mitglied des NDPD-Landesvorstands und von 1954 bis 1959 von der Stasi als IM \u201eSalomon\u201c erfasst. Da er jedoch weder Berichte lieferte noch zu konspirativen Treffen bereit war, entpflichtete die Stasi ihn wieder. Sp\u00e4ter wurde er selbst Beobachtungsobjekt unter dem Decknamen \u201eFilou\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen ersten gro\u00dfen literarischen Erfolg und damit auch Durchbruch als Prosaautor erlebt F\u00fchmann mit der Novelle \u201eKameraden\u201c. Sie erscheint 1955, wird in viele Sprachen \u00fcbersetzt und zwei Jahre nach ihrem Erscheinen auch verfilmt. Er leitete bis 1958 die Hauptabteilung Kulturpolitik der NDPD und geh\u00f6rt der Partei bis 1972 an. Der Funktion\u00e4r F\u00fchmann dichtete und schrieb weiter, Lieder junger Traktoristen oder den Chor der Komsomolzen \u2013 eine aufstrebende literarische Karriere in der DDR. Prompt bekam er 1955 den Vaterl\u00e4ndischen Verdienstorden in Bronze, 1956 den Heinrich-Mann-Preis und 1957 den Nationalpreis der DDR. Von 1958 bis zu seinem Tode war F\u00fchmann freier Schriftsteller und Nachdichter, letzteres vorrangig im Bereich der Lyrik (vor allem aus dem Tschechischen und Ungarischen), nachdem die Quelle des eigenen lyrischen Schaffens versiegt war \u2013 die Abkehr vom Stalinismus auf dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 ersch\u00fctterte seine \u00dcberzeugungen nachhaltig. Einen Abschluss dieser Periode bildet der Band \u201eDie Richtung der M\u00e4rchen\u201c (1962).<\/p>\n\n\n\n<p>Marcel Reich-Ranicki f\u00e4llte in diesem Jahr sein Verdikt \u00fcber den fr\u00fchen F\u00fchmann in der <em>Zeit<\/em>: \u201eUnverf\u00e4lschte NS-Lyrik aus der Feder eines Mannes, der mit dem Nationalsozialismus nichts mehr zu tun haben wollte und ihn \u2013 daran kann kein Zweifel bestehen \u2013 zutiefst hasste.\u201c Und: \u201eMan hatte ihn auf der \u201aAntifaschule\u2018 nur \u201aumfunktioniert\u2018: Daher schrieb er HJ-Gedichte mit FDJ-Vorzeichen.\u201c F\u00fchmann sp\u00e4ter schonungslos gegen\u00fcber sich selbst: \u201eEr hatte recht.\u201c F\u00fchmann ging h\u00e4rter mit sich ins Gericht, als jeder andere es h\u00e4tte tun k\u00f6nnen: \u201eEr \u00fcbersteigerte seine Schuld selbstqu\u00e4lerisch, anstatt sie zu bagatellisieren\u201c, befand Uwe Wittstock in der <em>Welt<\/em>. Prompt r\u00fcckte in den sp\u00e4teren Texten die Verarbeitung der Vergangenheit aus Sicht der unschuldig-schuldhaft in die Nazi-Verbrechen verstrickten jungen Generation in den Vordergrund, so in \u201eDas Judenauto\u201c (1962), seiner wohl ber\u00fchmtesten Erz\u00e4hlung, in der er Grundmotive antisemitischer Hetze vorf\u00fchrt, oder \u201eK\u00f6nig \u00d6dipus\u201c (1966).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201es\u00fc\u00dfes Rauschgift zerbrannter Saaten\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Der Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in Prag 1968 war f\u00fcr ihn das n\u00e4chste einschneidende Moment. Hatte er 1961 den Mauerbau noch gerechtfertigt &#8211; es sei gut, dass sozialistische Panzer am Brandenburger Tor st\u00fcnden, denn er kenne den Unterschied zwischen roten und braunen Panzern, obwohl beide aus Stahl gebaut und mit Kanonen best\u00fcckt seien &#8211; war F\u00fchmann zu Rechtfertigungen dieser Art nicht mehr bereit. Aber er geriet in der kritischen Situation, wie er sp\u00e4ter formulierte, auf den \u201eschwarzen Weg des Alkoholismus\u201c. Die Metaphern vom \u201ewei\u00dfen Magier\u201c und dem \u201es\u00fc\u00dfen Rauschgift zerbrannter Saaten\u201c nutzt er oft. Seine existentielle Krise \u00fcberwand er durch ein radikales Umdenken. \u201eDie hartn\u00e4ckige, sich \u00fcber Jahrzehnte erstreckende Besch\u00e4ftigung mit den Verirrungen seiner Jugend weiteten sich zur psychoanalytischen Trauerarbeit\u201c, bilanziert Wittstock.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"815\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-2-1024x815.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6131\"\/><\/a><figcaption>Schaffensquerschnitt. Quelle: eigene Collage<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>\u201eDu h\u00e4ttest in Auschwitz vor der Gaskammer genauso funktioniert, wie Du in Charkow oder Athen hinter dem Fernschreiber funktioniert hast\u201c, schrieb F\u00fchmann selbst. Er ging zunehmend auf Abstand zur Politik der DDR, zog sich aus dem Schriftstellerverband zur\u00fcck und unterst\u00fctzte diskriminierte Autoren: Er wird zu den Erstunterzeichnern der Petition gegen die Ausb\u00fcrgerung von Wolf Biermann geh\u00f6ren. 1977 schrieb er an Klaus H\u00f6pke, damals als Leiter der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel einer der h\u00f6chsten Zensoren des Landes, einen offenen Brief: \u201eWeder ein Einzelner, noch ein Berufsstand, noch irgendeine soziale Organisation oder politische Gruppierung ist im alleinigen Besitz der Wahrheit.\u201c H\u00f6pke d\u00fcrfte der Atem gestockt haben \u2013 und der offene Brief wurde selbstverst\u00e4ndlich nicht ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n\n\n\n<p>Da war F\u00fchmann l\u00e4ngst die Selbstbefreiung gelungen, in st\u00e4ndigen K\u00e4mpfen gegen den Alkohol und die Machthaber: \u201eZweiundzwanzig Tage oder Die H\u00e4lfte des Lebens\u201c, ein Ungarn-Reisetagebuch, wird 1973 zu einem bahnbrechenden fragmentarischen Memoir. In dem Werk, mit dem der Autor seine literarische Existenz am liebsten erst beginnen lie\u00dfe, kann man nachlesen, wie schwer es ihm wurde, die Entscheidung zu annullieren, als \u201ewillenloses Werkzeug\u201c der neuen guten Ordnung zu wirken. Mit dem SED-Staat hatte er innerlich gebrochen \u2013 nicht mit dem Sozialismus. Zunehmend verzweifelt, aber unerm\u00fcdlich setzt er sich f\u00fcr diejenigen ein, die in der DDR nicht gedruckt werden. Als einer der Ersten erkennt er das Genie des dichtenden Heizers Wolfgang Hilbig. \u201eEr hatte ein Gesp\u00fcr daf\u00fcr, ob Texte echt sind\u201c, erkl\u00e4rte 1997 Uwe Kolbe die Wirkung seines Mentors auf seine eigenen Gedichte. \u201eDa sagt er dir schon mal: \u201aNe, in der Zeit h\u00e4ttest du auch was anderes machen k\u00f6nnen\u2018.\u201c In Uwe Tellkamps \u201eDer Turm\u201c tr\u00e4gt die Figur des Georg Altberg deutlich F\u00fchmann\u2018sche Z\u00fcge.<\/p>\n\n\n\n<p>In vielen Texten der 70er Jahre vollzog er eine R\u00fcckbesinnung in seine Kindheit in Form einer st\u00e4rkeren Hinwendung zu Mythos und Phantasie, erg\u00e4nzt um Traum und Sprachspiel, so in \u201eDie dampfenden H\u00e4lse der Pferde im Turm von Babel\u201c (1978). Einen bedeutenden Teil im Gesamtwerk nimmt bei F\u00fchmann die Essayistik ein, wof\u00fcr Titel wie \u201eDas mythische Element in der Literatur\u201c (1975) und \u201eEtwas \u00fcber das Schauerliche bei E.T.A. Hoffmann\u201c (1979) stehen. Nach der Ausreise von Sarah Kirsch und Bernd Jentzsch aus der DDR sowie dem Austritt Jurek Beckers trat F\u00fchmann 1977 endg\u00fcltig vom Vorstand des Schriftstellerverbands zur\u00fcck und war in der Folgezeit in der DDR k\u00fcnstlerisch wie politisch zunehmend isoliert: mit seiner gnadenlosen Ehrlichkeit eckt er bei allen an und will anecken. Er trat f\u00fcr die Friedensbewegung ein und nahm 1981 an der ersten Berliner Begegnung zur Friedensf\u00f6rderung teil. Eine von F\u00fchmann initiierte Anthologie junger kritischer DDR-Autoren wurde im selben Jahr durch die Leitung der Akademie der K\u00fcnste und f\u00fchrende Kr\u00e4fte der SED verhindert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"510\" height=\"333\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6132\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-3.jpg 510w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-3-300x196.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 510px) 100vw, 510px\" \/><\/a><figcaption>Im Bergwerk (2.v.l.) Quelle: https:\/\/www.cinema.de\/sites\/default\/files\/styles\/cin_landscape_510\/public\/sync\/cms3.cinema.de\/imgdb\/import\/dreams2\/1000\/961\/3\/1000961316.jpg?itok=XVDrY5ca<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Erz\u00e4hlband \u201eSai\u00e4ns-fiktschen\u201c mit ihren alptraumhaften Negativ-Utopien wird ebenfalls 1981 zur Geburtsstunde der Dystopie in der DDR. Ein Jahr sp\u00e4ter entdeckt er in \u201eVor Feuerschl\u00fcnden\u201c die Lyrik Georg Trakls f\u00fcr DDR-Leser. Hier beschreibt F\u00fchmann sprachgewaltig, ja in nahezu manischer Intensit\u00e4t den Versuch, sich von jeder ideologischen Doktrin zu befreien, und bekam daf\u00fcr den Geschwister-Scholl-Preis. Daneben schrieb er das Ballett \u201eKirke und Odysseus\u201c, einige Filmdrehb\u00fccher und brachte zusammen mit dem Fotografen Dietmar Riemann den Bildband \u201eWas f\u00fcr eine Insel in was f\u00fcr einem Meer\u201c \u00fcber Menschen mit geistiger Behinderung heraus, mit denen er drei Jahre lang immer wieder gearbeitet hatte.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eder Ort der Wahrheit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Quer durch alle Schaffensphasen hinweg schuf er immer auch Literatur f\u00fcr Kinder, die f\u00fcr Generationen pr\u00e4gend waren: Beginnend mit \u201eVom Moritz, der kein Schmutzkind mehr sein wollte\u201c (1959), die er auf Anregung seiner Tochter schrieb, \u00fcber \u201eKabelkran und Blauer Peter\u201c (1961) oder \u201eDie Suche nach dem wunderbunten V\u00f6gelchen\u201c (1964) bis hin zu etlichen Nacherz\u00e4hlungen klassischer literarischer Stoffe und Sagen wie \u201eReineke Fuchs\u201c, \u201eDas H\u00f6lzerne Pferd\u201c, \u201ePrometheus. Die Titanenschlacht\u201c oder \u201eDas Nibelungenlied\u201c (1971-80). An seinem letzten, dem \u201eBergwerk-Projekt\u201c, angelegt zwischen Erz\u00e4hlung, Essay und Reportage, verzweifelte er. Mit dem Bergwerk verband sich f\u00fcr F\u00fchmann vieles. F\u00fcr ihn war es ein Ort der Mythologie, in der der Bergmann &#8211; Atlas gleich &#8211; den Berg zu tragen schien, ein \u201ejungfr\u00e4ulicher Ort\u201c, in dem \u201ejedes Streb Pionierland war\u201c, das Einblicke in l\u00e4ngst vergangene Zeiten bot, aber ebenso Ort, der &#8211; Modellcharakter besitzend -, einem die M\u00f6glichkeit bot, den Prozess des Eindringens in unbekannte Bezirke zu studieren. In aller erster Linie war f\u00fcr F\u00fchmann die Grube jedoch \u201eder Ort der Wahrheit, in der jeder Handgriff gnadenlos gewogen\u201c wurde.<\/p>\n\n\n\n<p>Sechs Monate vor seinem Tode brach er die Arbeit an dem Projekt ab und versah das Fragment mit dem Untertitel \u201eBericht eines Scheiterns\u201c. Am 8. Juli 1984 starb F\u00fchmann an Krebs. Auch sein Testament ist ein Dokument der Bedingungslosigkeit: \u201eIch habe grausame Schmerzen. Der bitterste ist der, gescheitert zu sein: In der Literatur und in der Hoffnung auf eine Gesellschaft, wie wir sie alle einmal ertr\u00e4umten.\u201c Und er verf\u00fcgte, dass kein offizieller Vertreter des Schriftstellerverbands der DDR an seiner Beerdigung teilnehmen soll. Drei Monate danach sendete der Rundfunk der DDR erstmals ein Originalh\u00f6rspiel f\u00fcr Erwachsene von ihm: \u201eDie Schatten\u201c. Bis zum Umbruch 1989 folgten j\u00e4hrlich weitere Originalh\u00f6rspiele, die F\u00fchmann kurz vor seinem Tod im Krankenhaus geschrieben hatte. 1993 ver\u00f6ffentlichte Hinstorff, sein Hausverlag, eine \u201eAutorisierte Werkausgabe\u201c in 8 B\u00e4nden mit \u00fcber 3500 Seiten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-4.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Fuehmann-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6133\"\/><\/a><figcaption>F\u00fchmann bei Trakl. Quelle: https:\/\/pbs.twimg.com\/media\/DhkavuKW0AErgcg.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Am Ende bleibt mehr als einer, der \u201e\u00fcber Auschwitz zum Sozialismus\u201c kam, mehr als ein \u201eT\u00e4ter mit gutem Gewissen\u201c, wie Lothar Fritze behauptete. Er wollte die ganze Wahrheit, \u201enicht abgewogen, nicht zugemessen, nicht ausgew\u00e4hlt und nicht abgestuft, nicht in irgendeinem Dienste stehend, der sie nach Belieben gebraucht und von daf\u00fcr Befugten verwalten l\u00e4sst, nicht f\u00fcr Programme zugeschnitten, nicht Strategien untergeordnet, nicht modifiziert nach Erfordernissen, nicht Pr\u00e4zeptoren vorbehalten, die das Volk als das schlechthin Unm\u00fcndige ansehen, nicht wie Tranquilizer auf Rezepten verordnet\u2026\u201c, wie er in seiner Dankesrede zum Scholl-Preis sagte. Ein dualistisches Weltbild, das nur zwischen Gut und B\u00f6se, richtig und falsch unterscheidet, zugunsten eines offenen und differenzierten Blicks auf die Realit\u00e4t in ihrer Konflikttr\u00e4chtigkeit und Komplexit\u00e4t \u00fcberwunden zu haben, war nicht vielen Menschen verg\u00f6nnt \u2013 ihm schon. \u201eSich als Mensch verstehen zu lernen, setzt voraus, den Anderen verstehen zu lernen\u201c \u2013 dieses Credo ist heute n\u00f6tiger denn je.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war einer der vielseitigsten und anspruchsvollsten Autoren der DDR \u2013 und zugleich einer der kritischsten: Franz F\u00fchmann. Der einstige SA-Mann und Ex-Kommunist w\u00fcrde jetzt 100 Jahre.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6129"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6129"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6129\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6134,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6129\/revisions\/6134"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6129"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6129"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6129"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}