{"id":6154,"date":"2022-02-04T06:12:00","date_gmt":"2022-02-04T05:12:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6154"},"modified":"2022-02-16T19:55:24","modified_gmt":"2022-02-16T18:55:24","slug":"er-verdient-seinen-platz-in-der-weltliteratur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6154","title":{"rendered":"\u201eEr verdient seinen Platz in der Weltliteratur\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eEr ist Ehemann, Vater und Vorstand eines Kleinbetriebs mit der Verantwortung f\u00fcr Familie und Angestellte. Daneben k\u00e4mpft er auf Tausenden von Seiten mit den Gestalten seiner Phantasie, erfindet deren Lebenswege und spielt f\u00fcr sie Schicksal. Eine weitere Sph\u00e4re und ebenso abgeschlossen vom \u201awirklichen Leben\u2018 ist die Welt der Sanatorien, Kuranstalten und Nervenkliniken, die er in immer k\u00fcrzeren Abst\u00e4nden aufsuchen muss.\u201c So beschreibt der Germanist Peter Walther die an Gegens\u00e4tzen reichen Lebenssph\u00e4ren jenes Autors der \u201eNeuen Sachlichkeit\u201c, der am 5. Februar vor 75 Jahren starb: Rudolf Ditzen, der sich sp\u00e4ter Hans Fallada nannte.<\/p>\n\n\n\n<p>Geboren wird er am 21. Juli 1893 als Sohn eines Reichsgerichtsrats in Greifswald. 1899 zog die Familie mit vier Kindern nach Berlin, zehn Jahre sp\u00e4ter nach Leipzig. Doch trotz harmonisch und gesichert anmutender Familienverh\u00e4ltnisse entwickelte sich der kleine Rudolf zu einem Knaben, der sich von Konflikten, Krankheiten und Katastrophen verfolgt sah. Neben der unsteten Kindheit litt er unter dem Verh\u00e4ltnis zum Vater, der f\u00fcr seinen Sohn eine Juristenlaufbahn vorgesehen hatte. F\u00fcr seine fr\u00fchen Jahre zeichnet sich ein Muster ab, in dem sich Rudolf und die Familie einzurichten versuchen: \u201eIch bin ein t\u00fcchtiger Pechvogel gewesen, der jede Treppe hinunterfiel, sich M\u00fchlsteine auf die Finger warf, unter galoppierende Pferde sich legte, immer auf der Schule erwischt wurde, wenn er mal mogelte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Er galt an allen Schulen als Au\u00dfenseiter und zog sich immer mehr in sich selbst zur\u00fcck \u2013 trotz des Versuchs, sein Pechvogel-Muster herumzudrehen und daraus das Signum einer besonderen, gegen alle Welt kritischen Au\u00dfenseiterhaltung zu machen. 1911 wird er mehrfach in Sanatorien eingewiesen \u2013 er schrieb \u201eSatanorien\u201c. Mit seinem Freund Hanns Dietrich von Necker beschloss er am 17. Oktober, einen als Duell getarnten Doppelsuizid zu vollziehen. Bei dem Schusswechsel starb von Necker, w\u00e4hrend Ditzen schwer verletzt \u00fcberlebte. Er wurde wegen Totschlags angeklagt und landete in der der psychiatrischen Klinik Tannenfeld. Wegen Schuldunf\u00e4higkeit wurde die Anklage fallengelassen. Ditzen verlie\u00df das Gymnasium ohne Abschluss.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6155\"\/><\/a><figcaption>Fallada. Quelle: https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile196647435\/1992505887-ci102l-w1024\/Hans-Fallada.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach der Entlassung arbeitet er ab 1913 in der Landwirtschaft, meldet sich 1914 als Kriegsfreiwilliger, wird aber wegen seiner Alkohol- und Morphiumsucht f\u00fcr untauglich befunden. Bis 1919 kommt er immer wieder in Entzugskliniken, vor allem nach Posterstein\/Th\u00fcringen, eine dauerhafte Heilung erreicht er aber nicht. Er beginnt zu schreiben, 1920 ver\u00f6ffentlicht er den expressionistisch beeinflussten Deb\u00fctroman \u201eDer junge Goedeschal\u201c, drei Jahre sp\u00e4ter \u201eAnton und Gerda\u201c \u2013 beide im Rowohlt-Verlag, dem er bis 1945 verbunden bleibt. Seit dem Goedeschal nannte er sich Hans Fallada in Anlehnung an zwei M\u00e4rchen der Br\u00fcder Grimm: Der Vorname bezieht sich auf den Protagonisten von \u201eHans im Gl\u00fcck\u201c und der Nachname auf das sprechende Pferd Falada aus \u201eDie G\u00e4nsemagd\u201c &#8211; der abgeschlagene Kopf des Pferdes verk\u00fcndet so lange die Wahrheit, bis die betrogene Prinzessin zu ihrem Recht kommt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>im Einklang mit den eigenen Defekten<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Da Fallada in Posterstein eine landwirtschaftliche Lehre absolviert hatte, konnte er sich in Berlin mit Gelegenheitst\u00e4tigkeiten \u00fcber Wasser halten: Vor allem als Gutsverwalter, aber auch als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter der Landwirtschaftskammer Stettin und sp\u00e4ter als Angestellter einer Kartoffelanbaugesellschaft. Zur Finanzierung seines Morphin- und Alkoholkonsums beging er Unterschlagungen, die 1923 zu einer dreimonatigen Haftstrafe f\u00fchrten. Es folgte 1926 eine zweieinhalbj\u00e4hrige Haftstrafe wegen Betrugs. Nach seiner zweiten Haftentlassung 1928 lernte er in Hamburg Anna kennen, von ihm Suse genannt \u2013 das Vorbild f\u00fcr seine Romanfigur L\u00e4mmchen. Nach der Heirat 1929 bekommen sie zwei S\u00f6hne und zwei T\u00f6chter &#8211; eine davon starb als Baby, mit 17 die andere. Fallada arbeitete zun\u00e4chst als Anzeigenwerber und Reporter f\u00fcr den <em>General-Anzeiger<\/em> und war vor\u00fcbergehend Mitglied der Guttempler und der SPD.<\/p>\n\n\n\n<p>Ab 1930 \u2013 inzwischen ist er Lektor im Rowohlt-Verlag \u2013 hat er mit seinen Texten zunehmend Erfolg. Sein erster gro\u00dfer Roman \u201eBauern, Bonzen und Bomben\u201c (1931) zeigt eine Kleinstadt w\u00e4hrend der Bauernunruhen Ende der zwanziger Jahre. Er beruht auf Falladas Erfahrungen als Gerichtsreporter beim \u201eLandvolk-Prozess\u201c 1929. In ihm zeichnet er ein realistisches Bild der Zust\u00e4nde und der Unzufriedenheit der Bev\u00f6lkerung. Fallada wendet sich vermehrt sozialkritischen Themen zu, bem\u00fcht sich um die Darstellung der Realit\u00e4t, beinahe im Stile einer dokumentarischen Literatur. Das bevorzugte Milieu seiner Romane wird das Kleinb\u00fcrgertum, das unter den Auswirkungen der Wirtschaftskrise zu leiden hat. Durch die einfache, leicht verst\u00e4ndliche Sprache seiner Werke wird Fallada nicht nur zum Autor \u00fcber, sondern besonders f\u00fcr diese Gesellschaftsschicht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"381\" height=\"548\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6156\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-1.jpg 381w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-1-209x300.jpg 209w\" sizes=\"(max-width: 381px) 100vw, 381px\" \/><\/a><figcaption>Als Wandervogel 1910. Quelle: http:\/\/www.literaturland-thueringen.de\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/Hans-Fallada-als-Wandervogel-1910-Hans-Fallada-Archiv-179&#215;258.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Roman \u201eKleiner Mann, was nun\u201c bringt Fallada 1932 Weltruhm ein; er kommt auf 45 Auflagen und 20 Auslandsausgaben. Er schildert das Leben eines kleinen Angestellten, der unter der Weltwirtschaftskrise leidet und statt des erhofften sozialen Aufstiegs den Abstieg in Arbeitslosigkeit und Armut erlebt. Ab 1933 bewirtschaftet er sein eigenes Gut in Carwitz (Mecklenburg), das er nach dem Erfolg seines letzten Buchs erworben hat \u2013 Biographen meinen, es seien die sch\u00f6nsten Jahre seines Lebens gewesen. Fallada galt als fanatischer Schreiber, erf\u00fcllte pedantisch sein Tagespensum, bevor er Zeit f\u00fcr Frau Anna und die drei Kinder er\u00fcbrigte. Dann aber erwies er sich als r\u00fchriger Vater, der seine B\u00fccher auch f\u00fcr den eigenen Nachwuchs schrieb. \u201eWir schenken ihnen eine Kindheit, deren Gl\u00fcck man aus ihren Augen abliest\u201c, sagte er. \u201eHoppelpoppel wo bist du\u201c oder die \u201eGeschichten aus der Murkelei\u201c wurden bis ins 21. Jahrhundert verlegt.<\/p>\n\n\n\n<p>1934 schildert er in dem Roman \u201eWer einmal aus dem Blechnapf frisst\u201c das Schicksal eines ehemaligen Strafgefangenen, der vergeblich versucht, in ein \u201enormales\u201c Leben zur\u00fcckzufinden. Das Werk wird von der nationalsozialistischen Kritik abgelehnt. Nahezu die gesamte Spanne von Falladas Schriftstellerleben fiel mit dem Dritten Reich zusammen. Das hatte Konsequenzen f\u00fcr seinen Ruf, seine Arbeit, seine Entwicklung. Von den nationalsozialistischen Machthabern wurden seine B\u00fccher unterschiedlich beurteilt. Joseph Goebbels und seine Reichsschrifttumskammer waren von Fallada sehr angetan. Sein Buch \u201eWolf unter W\u00f6lfen\u201c, als Kritik an der Weimarer Republik interpretiert, wurde positiv beurteilt und von Goebbels ausdr\u00fccklich gelobt. Alfred Rosenberg dagegen und das ihm unterstellte Amt Rosenberg sahen Fallada sehr kritisch; er lie\u00df das Buch verbieten.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu den \u00fcberraschendsten Folgen geh\u00f6rte, dass Falladas Autorenflei\u00df, der zwischen 1933 und 1944 zwanzig Romane hervorbrachte, darunter ebenso wenig litt wie sein finanzieller Erfolg: Seine j\u00e4hrlichen Einnahmen aus Buch- und Zeitungsver\u00f6ffentlichungen, Film- und Auff\u00fchrungsrechten haben sich von 1941 bis 1943 auf hohem Niveau zwischen 61.000 und knapp 75.000 RM eingepegelt. Dabei wurde ihm die permanente Grenz\u00fcberschreitung zwischen b\u00fcrgerlicher Sph\u00e4re und den Anstalten f\u00fcr psychisch Kranke oder Gesetzesbrecher scheinbar zur Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Sp\u00e4ter ging Fallada, wann immer es geboten erschien, in Nervenheilanstalten oder Entzugskliniken wie andere ins Hotel. Das war seine Art, sich im Einklang mit den eigenen Defekten durchs Leben zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eetwas Erfreuliches schreiben\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Fallada verzichtet auf eine klare politische Stellungnahme. Es erscheinen \u201eneutral\u201c gehaltene Werke wie \u201eDas M\u00e4rchen vom Stadtschreiber, der einmal aufs Land flog\u201c, \u201eWir hatten mal ein Kind\u201c, \u201eKleiner Mann, gro\u00dfer Mann &#8211; alles vertauscht\u201c, \u201eDer ungeliebte Mann\u201c sowie seine Autobiographie \u201eDamals bei uns daheim\u201c. Neben \u201eWolf unter W\u00f6lfen\u201c ver\u00f6ffentlichte er mit \u201eDer eiserne Gustav\u201c eine weitere zeitkritische Milieustudie, die er auf Gehei\u00df des Propagandaministeriums 1938 sogar umschreibt. F\u00fcr gewisse Kompromisse war er zu haben, zum platten Gesinnungsknecht eignete er sich dagegen nicht. Dem Verlangen von Goebbels nach einem antisemitischen Roman zur Kutisker-Aff\u00e4re mochte er nicht nachkommen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-2.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6157\"\/><\/a><figcaption>Falladas Frau Suse mit Sohn Ulrich auf Usedom 1932. Quelle: https:\/\/img.welt.de\/img\/kultur\/literarischewelt\/mobile177675832\/1830245987-ci3x2l-w780\/Fallada-Archiv-Carwitz.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ebenfalls 1938 lernte er die 18-j\u00e4hrige Marianne kennen, sp\u00e4ter unter dem Namen Wintersteiner Autorin mehrerer Frauenbiographien. Es entstand eine tiefe, aber platonische Liebesbeziehung, die fast bis zu seinem Tod anhielt. Zu ihrem 19. Geburtstag schenkte Fallada ihr das Manuskript \u201ePechvogel und Gl\u00fcckskind\u201c. Seine Ehe dagegen scheitert: Nach seiner R\u00fcckkehr als \u201eSonderf\u00fchrer des Reichsarbeitsdiensts\u201c in Frankreich lie\u00df sich das Paar 1944 scheiden. Bei einem Besuch, um einige Habseligkeiten abzuholen, brach ein Streit zwischen ihm und Anna aus, schlie\u00dflich zog Fallada eine Taschenpistole, die Kugel traf einen Tisch. Das Gericht wies Fallada nach einem Verfahren wegen versuchten Totschlags zur Beobachtung in die Landesanstalt Neustrelitz ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier entstand das Manuskript zum \u201eTrinker\u201c &#8211; erst 1950 wird der Roman ver\u00f6ffentlicht. Er konnte nicht ahnen, dass der Titel ein Menetekel war. Kurzzeitig B\u00fcrgermeister in Feldberg, \u00fcbersiedelte er auf Wunsch des sp\u00e4teren DDR-Kulturministers Johannes R. Bechers nach Berlin, schreibt f\u00fcr die <em>T\u00e4gliche Rundschau<\/em> und heiratet die ebenfalls alkoholabh\u00e4ngige Ursula Boltzenthal. Seine letzten Lebensjahre verbringt Fallada h\u00e4ufig schwer krank in Berliner Krankenh\u00e4usern, darunter der Charite. 1946 schreibt er hier innerhalb von nur dreieinhalb Wochen \u201eJeder stirbt f\u00fcr sich allein\u201c. Lange Zeit war es ruhig um die Geschichte eines Berliner Ehepaars, das den Nationalsozialisten Widerstand leistete, nachdem ihr Sohn im Frankreichfeldzug gefallen war.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Buch beruht auf einer wahren Begebenheit. Ab 1940 legten Otto und Elise Hampel in Berlin zwei Jahre lang rund 200 Karten in ungelenkem Deutsch mit Forderungen wie \u201eDeutsche M\u00e4nner und Frauen Wir m\u00fcssen an uns selbst glauben! Nicht dem Schurken Hitler\u201c in Treppenh\u00e4usern, Telefonzellen und U-Bahnh\u00f6fen aus. Beide werden verhaftet, in Verh\u00f6ren gegeneinander ausgespielt und verurteilt &#8211; er wird hingerichtet, sie kommt kurz vor Kriegsende im Gef\u00e4ngnis bei einem Bombenangriff ums Leben. Becher gab Fallada die Gestapo-Akte des Falls. Seine Bitte, daraus einen Roman zu schreiben, lehnte der Schriftsteller zun\u00e4chst ab, weil er lieber \u00fcber \u201eetwas Erfreuliches schreiben m\u00f6chte\u201c und nicht \u201emit mahnendem Zeigefinger erinnern\u201c. Doch Becher hat gute Argumente: Er sorgt f\u00fcr eine Wohnung, Lebensmittel und Morphium, ohne das Fallada zu jener Zeit nicht mehr leben konnte \u2013 der Autor hatte 30.000 Mark Steuerschulden, dazu kam eine ausstehende Geldstrafe von 10.000 Mark und mehrere tausend Mark Zechschulden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-3.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6158\"\/><\/a><figcaption>Werke in Einzelausgaben. Quelle: https:\/\/www.zvab.com\/servlet\/BookDetailsPL?bi=30935911753&amp;cm_mmc=ggl-<em>-ZVAB_Shopp_Rare-<\/em>-naa-_-naa&amp;gclid=Cj0KCQiAi9mPBhCJARIsAHchl1ywD4QhyOEnsdVHWx6j_LfgfTRtwfvyxxmhy9juMFUnhchpyaAzz-MaAkg6EALw_wcB#&amp;gid=1&amp;pid=1<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In einem rauschhaften Zustand tippte er 36 Schreibmaschinenseiten pro Tag. Ergebnis: ein Meisterwerk, das 60 Jahre fast vergessen war. Seit 2009 ist das anders: \u00dcbersetzt in \u00fcber 30 Sprachen, darunter Hebr\u00e4isch und Norwegisch, hat es eine sp\u00e4te Karriere hingelegt. Der Roman gilt als das erste Buch eines deutschen nicht-emigrierten Schriftstellers \u00fcber den Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Unter dem Titel \u201eAlone In Berlin\u201c wurde es in Gro\u00dfbritannien zum Bestseller, 300.000 Exemplare sind verkauft. In den USA, dort hei\u00dft das Buch \u201eEvery Man Dies Alone\u201c, sind es 200.000 St\u00fcck &#8211; bemerkenswert in einem Land, dessen Leser sich f\u00fcr europ\u00e4ische Literatur kaum interessieren. Insgesamt sind 18 Neu\u00fcbersetzungen in Arbeit oder bereits ver\u00f6ffentlicht. Dennis Johnson, bei Melville House Falladas amerikanischer Verleger, kann nicht verstehen, dass die englischsprachige Welt den Autor 60 Jahre lang kaum wahrgenommen habe: \u201eEr verdient seinen Platz in der Weltliteratur.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ewenn ich h\u00e4tte tanzen k\u00f6nnen\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Fallada sollte die Ver\u00f6ffentlichung seines letzten Romans nicht mehr erleben. Im Dezember 1946 wurde er in die Berliner Charit\u00e9 zwangseingewiesen. Ein Professor f\u00fchrte den Patienten im Rollstuhl seinen Medizinstudenten vor: \u201eDas, meine Herren, wie Sie sehen, ist der Ihnen allen bekannte Schriftsteller Hans Fallada, oder vielmehr das, was die Sucht nach dem Rauschgift aus ihm gemacht hat: Ein Appendix.\u201c Fallada erlitt in der Folge dieser Dem\u00fctigung einen Schw\u00e4cheanfall. Es gelang seiner Frau noch, ihn in ein anderes Krankenhaus verlegen zu lassen, wo er dann an Herzversagen starb \u2013 als \u201ehochbegabter Selbstzerst\u00f6rer\u201c, so Thomas H\u00fcetlin im <em>Spiegel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Fallada schrieb mit leidenschaftlicher Hingabe und konnte in erstaunlich kurzer Zeit riesige Textmengen produzieren. Im Hinblick auf seine erz\u00e4hlerischen Impulse bezeichnete er sich einmal als \u201eMenschensammler\u201c, das hei\u00dft seine Figuren, ihre Beweggr\u00fcnde und Geschichten waren f\u00fcr ihn wichtiger als alle hehren Ziele. Das Schreiben sei bei ihm Teil seiner Triebstruktur, befindet Walther: \u201eDie Gestalten seiner Phantasie dr\u00e4ngen darauf, in die Welt entlassen zu werden; sich von ihnen zu entlasten ist ein notwendiges Ereignis, keines, das nach Sinn oder Unsinn, Zweckhaftigkeit oder Zwecklosigkeit fragt.\u201c Er erkannte Anzeichen daf\u00fcr, dass das Schreiben bei Fallada ebenfalls Suchtcharakter hatte. Schreibr\u00e4uschen konnte er sich sogar dort hingeben, wo andere verstummt w\u00e4ren, in Heilanstalten, Entzugskliniken oder Gef\u00e4ngnissen. Wenn er mit einem Text durch war, litt er wie unter Entzugserscheinungen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-4.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hans-Fallada-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6159\"\/><\/a><figcaption>Armin Mueller-Stahl in &#8222;Wolf unter W\u00f6lfen.&#8220; Quelle: https:\/\/www.filmdienst.de\/bild\/filmdb\/226757<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Etliche seiner Werke sind verfilmt worden, so 1933 \u201eKleiner Mann was nun?\u201c mit Victor de Kowa, 1958 \u201eDer eiserne Gustav\u201c mit Heinz R\u00fchmann, 1964 \u201eWolf unter W\u00f6lfen\u201c mit Armin Mueller-Stahl, 1975 \u201eJeder stirbt f\u00fcr sich allein\u201c mit Hildegard Knef und, vielbeachtet und hochgelobt, 1995 \u201eDer Trinker\u201c mit Harald Juhnke. Auch auf deutschen B\u00fchnen kehrt Fallada zur\u00fcck. In Erinnerung an den Schriftsteller vergibt die Stadt Neum\u00fcnster seit 1981 den Hans-Fallada-Preis. Jedes Jahr um seinen Geburtstag herum erinnert die Hans-Fallada-Gesellschaft an seinem einstigen Wohnort Carwitz in der Feldberger Seenlandschaft \u2013 das Haus ist heute Museum \u2013 mit den Hans-Fallada-Tagen an den Schriftsteller. \u201eManchmal glaube ich, mein ganzes Leben w\u00e4re anders verlaufen, wenn ich h\u00e4tte tanzen k\u00f6nnen\u201c, hei\u00dft es in seiner Autobiographie. Er konnte es nicht. Aber schreiben, das konnte er.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Alkohol trinken, Drogen konsumieren, B\u00fccher schreiben \u2013 was er tat, tat er als S\u00fcchtiger: Hans Fallada. Der vielgelesene Autor sozialkritischer Romane wie \u201eKleiner Mann, was nun\u201c starb vor 75 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6154"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6154"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6154\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6215,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6154\/revisions\/6215"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6154"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6154"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6154"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}