{"id":6162,"date":"2022-02-18T06:36:00","date_gmt":"2022-02-18T05:36:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6162"},"modified":"2022-01-30T14:36:33","modified_gmt":"2022-01-30T13:36:33","slug":"gesten-gebaerden-und-gelaechter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6162","title":{"rendered":"\u201eGesten, Geb\u00e4rden und Gel\u00e4chter\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Sein erster Roman, den er in gewisser Weise nicht mehr \u00fcberboten hat, handelt von der Erfahrung des Hungers &#8211; eine Erfahrung, die er am eigenen Leib gemacht hatte, in der Stadt, die damals noch nicht Oslo, sondern Kristiania hie\u00df. \u201eEs war zu jener Zeit, als ich in Kristiania umherging und hungerte, in dieser seltsamen Stadt, die keiner verl\u00e4sst, ehe er von ihr gezeichnet worden ist &#8230;\u201c &#8211; Es gibt B\u00fccher, die schon mit ihrem ersten Satz faszinieren und eine unverwechselbare Melodie anstimmen, und ihm gelang eine dieser Melodien. Viele andere sollten folgen.<\/p>\n\n\n\n<p>Freilich ist das Autobiographische stark stilisiert und literarisch transponiert. Das Buch wird aus der Perspektive eines jungen Mannes erz\u00e4hlt, der in Norwegens Hauptstadt in den achtziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts auf der sozial tiefsten Stufe dahinvegetiert. Vergeblich versucht er, die von ihm verfassten Zeitungsartikel in verschiedenen Redaktionen unterzubringen, seine finanziellen Reserven sind l\u00e4ngst ersch\u00f6pft, aber in verbissener Selbstachtung lehnt er fremde Hilfe ab, so dass er immer mehr in eine k\u00f6rperliche und seelische Notlage ger\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Beschreibung des Hungers und des nackten Existenzkampfes, die ungemein einpr\u00e4gsame Wirklichkeitsschilderung l\u00e4sst einen Schriftsteller des Naturalismus vermuten. Doch nicht die soziale Komponente des Hungers steht im Vordergrund, sondern es sind seine psychischen Auswirkungen, die Ekstase, die Gewalt der Fieberphantasie, die Spannung zwischen dem verfallenden K\u00f6rper und der sich leidenschaftlich zur Wehr setzenden Seele, die er zu erfassen sucht: Knut Hamsun, der vor 70 Jahren, am 19. Februar 1952, starb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6164\"\/><\/a><figcaption>Hamsun. Quelle: https:\/\/img.nzz.ch\/2019\/10\/13\/c32891e8-537e-4d0b-8e3f-62bce650c58a.jpeg?width=654&amp;height=872&amp;fit=crop&amp;quality=75&amp;auto=webp<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Geboren wurde Hamsun am 4. August 1859 als Knud Pedersen in der s\u00fcdnorwegischen Provinz. Der sp\u00e4tere Eigent\u00fcmer eines Gutshofs im klassizistischen Stil kam aus kleinsten Verh\u00e4ltnissen. Hamsun verbringt seine Kindheit auf dem Hof mit den Eltern, als viertes von sieben Geschwistern. Die Mutter ist nervenkrank. Immer \u00f6fter rennt sie aus dem Haus \u00fcber die Felder, schreit wirres Zeug. Die Leute im Dorf tuscheln. Sie wird zum siebten Mal schwanger, das schw\u00e4cht sie weiter. F\u00fcr liebevolle Zuneigung fehlt die Kraft. Der Vater kann nicht mit Geld umgehen, im zugigen Holzhaus ist kaum genug Platz f\u00fcr alle. Also wird Knut 1868 in den Nachbarort zum Onkel geschickt, einem Junggesellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der leidet, obwohl erst Anfang vierzig, bereits an Parkinson, pr\u00fcgelt ihn, l\u00e4sst ihn schuften. Hamsun will fliehen, wieder und wieder, versucht es mit einem Ruderboot. Einmal, als es ganz schlimm wird, hackt er sich mit einer Axt in den Fu\u00df, in der Hoffnung, verletzt zur\u00fcck zu den Eltern zu d\u00fcrfen. Erfolglos. Der Junge wurde aber nicht nur f\u00fcr harte k\u00f6rperliche Arbeit, sondern dank seiner sch\u00f6nen Schrift auch f\u00fcr Schreibdienste eingesetzt. Und weil der Onkel nebenbei die Gemeindeb\u00fccherei verwaltete, kam er an B\u00fccher und Traktate \u2013 der Anfang autodidaktischer Lehrjahre.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach seiner Konfirmation war er bei einem Kaufmann als Ladengehilfe besch\u00e4ftigt und kritzelte dort erste Verse auf die T\u00fcrrahmen des Ladens. Die Hamsun-Biografin Ingar Sletten Kolloen schreibt dar\u00fcber: \u201eZum ersten Mal erlebte Knut einen Menschen, den er vorbehaltlos bewunderte: einen souver\u00e4nen Patriarchen, einen Mann mit mysteri\u00f6sem Wissen und gro\u00dfen Geheimnissen, unnachgiebig, wenn n\u00f6tig, milde, wo Milde verdient war.\u201c Das Problem dieser biographischen Episode hie\u00df Laura, war 16 und die Tochter des Kaufmanns. Knut verliebt sich, doch dem Chef gef\u00e4llt nicht, dass ein junger Handlanger sich f\u00fcr seine Tochter interessiert. Nach nur einem Jahr muss Hamsun wieder gehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>nicht gut genug zu sein<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Einige Biographen vertreten die Theorie, dass Hamsun wegen Laura den Job verlor, und sind \u00fcberzeugt, dass sie die Vorlage f\u00fcr viele Frauen in Hamsuns Romanen ist. Ein Indiz daf\u00fcr, wie eng Leben und Werk miteinander verbunden sind. Und ein Hinweis darauf, wie sehr diese fr\u00fchen Jahre, die Erfahrung, nicht gut genug zu sein, nicht dazuzugeh\u00f6ren, ihn gepr\u00e4gt haben. Diese Rolle hat Hamsun in seinem sp\u00e4teren Leben nicht nur immer wieder erlebt, \u201eer hat sie nahezu gesucht und gelernt, sich darin zu gefallen. Und was w\u00e4re die gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Au\u00dfenseiterrolle in einem Land, das gegen die Nazis k\u00e4mpft, als sich f\u00fcr die Nazis einzusetzen\u201c, fragt Christian Vooren im <em>Tagesspiegel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"306\" height=\"471\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6165\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-1.jpg 306w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-1-195x300.jpg 195w\" sizes=\"(max-width: 306px) 100vw, 306px\" \/><\/a><figcaption>Als Stra\u00dfenbahnschaffner in Chicago. Quelle: Von Autor unbekannt &#8211; Ursprung unbekannt, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=826314<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die H\u00e4rte und Strenge hat er sich zu Eigen gemacht, die in vielerlei Hinsicht r\u00fcckst\u00e4ndige, fast feudale Gesellschaft mit ihren patriarchalischen Beziehungen zwischen Herren und Untergebenen seine konservative Grundeinstellung mit bedingt. In seinen Romanen erkl\u00e4rte er das Leben auf dem Land, die feudalen Strukturen, die Entbehrungen und die Einfachheit zum Ideal. Zugleich wurde ihm der Hass auf England eingepflanzt: Er h\u00f6rte immer wieder, wie die Engl\u00e4nder Norwegen ausbeuteten. England beherrschte den Welthandel. Hunger, Notjahre, Krieg und Engl\u00e4nder, das alles h\u00e4nge zusammen, erfuhr er \u2013 auch ein entscheidender Punkt f\u00fcr sein Verhalten nach 1933.<\/p>\n\n\n\n<p>1875, mit sechzehn Jahren, begab sich Hamsun auf Wanderschaft durch Norwegen, um das Land kennenzulernen, arbeitete als Hafenarbeiter, fahrender H\u00e4ndler und Gemeindeschreiber. Seine ersten literarischen Versuche unternahm er 1877 mit \u201eDer R\u00e4tselhafte\u201c und der Bauernnovelle \u201eDer B\u00fcrger\u201c von 1878, die in Kleinst\u00e4dten des Nordens gedruckt und vertrieben, andernorts aber nicht wahrgenommen wurden. Im selben Jahr f\u00fcgte er den Hofnamen als Autornamen hinzu: Knut Pedersen Hamsund. In einem Essay von 1885 tauchte erstmals, angeblich durch einen Druckfehler, der Name Hamsun auf, den er fortan beibehielt &#8211; Pflicht wurde ein Familienname in Norwegen erst 1923.<\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen 1882 und 1888 wanderte er zweimal in die USA aus und arbeitete unter anderem als Stra\u00dfenbahnschaffner, Farmarbeiter, Handlungsgehilfe und Sekret\u00e4r, sp\u00e4ter als Redakteur. Hamsun vermochte in den USA nie richtig Fu\u00df zu fassen; der American Way of Life stie\u00df ihn von vornherein ab. Der 1890 erschienene Roman \u201eHunger\u201c brachte ihm erste literarische Anerkennung. Heute gilt er als Pionierwerk der literarischen Moderne, der ein neues Interesse an psychischen Grenzzust\u00e4nden zeigt, die bereits in einer Art Bewusstseinsstrom protokolliert werden. Seine ersten B\u00fccher flankierte Hamsun mit provokativen Vortr\u00e4gen, in denen er die Gr\u00f6\u00dfen der skandinavischen Literatur vom Sockel zu sto\u00dfen suchte. Vor allem schoss er sich auf Ibsen ein, diesen \u201eTypendichter\u201c. Anschlie\u00dfend lebte er f\u00fcr mehrere Jahre in Paris, wo er mit seinen Defiziten konfrontiert wurde: Das hohe Aufkommen von gebildeten, wohlstudierten Menschen weckte seine alten Minderwertigkeitsgef\u00fchle.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach unternahm er ausgedehnte Reisen in verschiedene L\u00e4nder, darunter Finnland, Russland, T\u00fcrkei und Persien. Mit seinem n\u00e4chsten Roman \u201eMysterien\u201c schrieb sich Hamsun an die Spitze der europ\u00e4ischen Avantgarde. Inzwischen war das Publikum der naturalistischen Elends-Inszenierungen \u00fcberdr\u00fcssig geworden und suchte psychische Raffinessen. \u201eMysterien\u201c bot sie im \u00dcberma\u00df. Das Delirierende, Fieberhafte, Halluzinierende, wie man es von den Bildern Edvard Munchs kennt, bestimmt diesen Roman, mit dem Unterschied, dass Hamsun viel Komik hinzu gibt. Die Hauptfigur Johan Nilsen Nagel ist die Verk\u00f6rperung der \u201eNervosit\u00e4t\u201c, ein raffinierter Hysteriker, der sich selbst unerm\u00fcdlich inszeniert. Das Faszinierende besteht darin, dass nicht nur \u00fcber Nagel erz\u00e4hlt wird, sondern dass die Sprache selbst in den \u201eNagel-Zustand\u201c ger\u00e4t: \u201eeine geschmeidige, geistreich flirrende Verunsicherungs-Prosa, voller Gesten, Geb\u00e4rden und Gel\u00e4chter\u201c, so Wolfgang Schneider im<em> Deutschlandfunk<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"766\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-2-1024x766.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6166\"\/><\/a><figcaption>Mit Marie und Kindern. Quelle: Von Anders Beer Wilse &#8211; Norwegische Nationalbibliothek, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=38224031<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eines seiner Hauptwerke wurde der 1894 erschienene \u201ePan\u201c. Das Werk wurde anf\u00e4nglich als Glorifizierung der Natur aufgefasst, jedoch wird diese Stimmung von Hamsun im zweiten Teil des Buches konterkariert. Zwischen 1895 und 1898 entstand eine Dramen-Trilogie, 1898 heiratete Hamsun Bergljot Bech, mit der er eine Tochter hatte und von der er sich 1906 wieder scheiden lie\u00df. In den Jahren danach erschien seine \u201eWandertrilogie\u201c, in deren Zentrum ein Wanderer steht, der sich nicht binden will, zuletzt \u201eDie letzte Freude\u201c (1912). Dies waren die letzten in der Ich-Form geschriebenen Werke.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ewirklich der Allergr\u00f6\u00dfte\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1909 heiratete Knut Hamsun eine 22 Jahre j\u00fcngere Schauspielerin, die als Kinderbuchautorin Marie Hamsun bekannt wurde. Das Paar bekam vier Kinder. 1911 erwarb er einen Bauernhof. Das Landleben sollte Marie dem Theaterbetrieb und den verderblichen Einfl\u00fcssen der Stadt entziehen. Auch f\u00fcr ihn selbst war es ein ethisches Programm: \u201eIch war von all den Feinheiten, die ich mir in vielen Jahren angew\u00f6hnt hatte, verdorben worden, musste erst wieder zum Bauern zur\u00fcckstudieren\u201c, hei\u00dft es im Roman \u201eGed\u00e4mpftes Saitenspiel\u201c. Er wollte seine \u00fcberreizten Nerven und seine Melancholie kurieren. Aber bald meldete sich der literarische Impuls zur\u00fcck, und er ging monatelang auf Reisen, um zu schreiben, so zwei Romane \u00fcber den Untergang alter Gutsbesitzerfamilien.<\/p>\n\n\n\n<p>1917 erschien sein bekanntester Roman \u201eSegen der Erde\u201c, f\u00fcr den er 1920 den Literaturnobelpreis erhielt und in dem er die Geschichte des tugendhaften \u00d6dlandbauern Isak beschreibt, der \u00fcber Jahre hinweg sein Land urbar macht und von den Fr\u00fcchten seiner Arbeit lebt. Thomas Mann fand, die Wahl sei \u201enie auf einen W\u00fcrdigeren\u201c gefallen, auch Hermann Hesse, Stefan Zweig und Kurt Tucholsky \u00e4u\u00dferten sich euphorisch. Die Ehrung gerade dieses einen Werks bedeutete in der noch jungen Geschichte des Preises ein Novum, denn alle bisher Geehrten waren f\u00fcr ihr Gesamtwerk oder gro\u00dfe Teile davon ausgezeichnet worden. Zudem, folgenreich f\u00fcr die Hamsun-Rezeption, war es die Hervorhebung des einzigen seiner Romane, der eine \u201epositive\u201c Botschaft vermittelt. \u201eHamsuns Gesang von der Landlust, vom einfachen, naturverbundenen Leben wirkte nach dem Horror der Materialschlachten wie ein Therapeutikum\u201c, w\u00fcrdigt Schneider den Text.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWer sich der Stadt anheimgibt, verfehlt das richtige Leben. Mit diesem doppelten Signal beeinflusste \u201aSegen der Erde\u2018 die rechtsgewirkte, industrie- und zivilisationskritische deutsche Heimatliteratur der 20er und 30er Jahre\u201c, befindet dagegen Jochen Pohlandt in der <em>Frankfurter Rundschau<\/em> und schreibt von einer \u201efragw\u00fcrdigen Ehrung\u201c. Wer selektiv liest &#8211; die Charaktere sind sehr komplex, die raffinierte Handlungsf\u00fchrung verunsichert den Leser immer wieder &#8211; kann in \u201eSegen der Erde\u201c eine heile Welt finden, die den Roman f\u00fcr die NS-Ideologie anschlussf\u00e4hig machte. NS-Literaturkritiker sahen in ihm ein idealtypisches Werk der Blut-und- Boden-Literatur und verengten ihn zum Bauernroman. Goebbels sorgte f\u00fcr eine billige Frontbuchausgabe. Chefideologe Alfred Rosenberg machte Isak \u201emit dem rostigen Bart und dem zu untersetzten K\u00f6rper, er war wie ein gr\u00e4ulicher M\u00fchlgeist\u201c gar zum sch\u00f6nen nordischen Menschen schlechthin.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"632\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-3-632x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6167\"\/><\/a><figcaption>Die Landstreichertrilogie in einem Band. Quelle: https:\/\/images-na.ssl-images-amazon.com\/images\/I\/91N4r-ed70L.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Es folgten weitere Romane wie \u201eDas letzte Kapitel\u201c (1923) \u00fcber ein Sanatorium, das den \u201eZauberberg\u201c (1924) des Hamsun-Verehrers Thomas Mann vorwegnahm. Eine weitere Trilogie erschien in den Jahren 1927 bis 1933 mit den drei \u201eLandstreicher August\u201c-Romanen, die die Themen Auswanderung, Heimat und Industrialisierung in Norwegen thematisierten. 1936 erschien sein letzter Roman \u201eDer Ring schlie\u00dft sich\u201c, der am Beispiel eines jungen Totalverweigerers alle traditionellen Werte in Frage stellt. Die Hauptfigur w\u00e4re in Deutschland ein Fall f\u00fcrs Arbeitslager gewesen, belustigt sich Schneider: \u201eAbel, der Nichtstuer und Tr\u00e4umer, eine der antriebs\u00e4rmsten Gestalten der Weltliteratur, die viel von Camus\u2018 \u201aFremdem\u2018 vorwegnimmt.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>In seinen Romanen zeigte Hamsun eine gewisse Sympathie f\u00fcr die Schwachen, gleichzeitig verherrlichte er den Hang Nazideutschlands zu vermeintlicher St\u00e4rke und zu H\u00e4rte. Hamsun verachtete die Briten mit ihrer Aristokratie, ihrer High Society und ihrem Kolonialismus. Sie waren der Gegenentwurf zu Hamsuns Lebensideal des einfachen Mannes auf dem Land. Und: W\u00e4hrend Hamsuns Erfolg als Schriftsteller sich zun\u00e4chst nicht einstellen wollte, weder in Norwegen, England oder sonst in Europa, verkauften sich seine Geschichten in Deutschland schon fr\u00fch sehr gut. Eine f\u00fcr ihn ungewohnte Erfahrung: gefragt und angesehen zu sein. Auch diese Erfahrung f\u00fchrte zu seiner fast irrationalen Haltung zu Hitler und dem NS-Deutschland.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eGeste der Ritterlichkeit\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Deutschland, dessen Sprache er nie beherrschte, symbolisierte f\u00fcr Hamsun das \u201ejunge Europa\u201c. Er bezog in Zeitungsartikeln f\u00fcr die Politik Hitlers Stellung, w\u00e4hrend seine literarische Produktion zum Erliegen kam. 1935 unterstellte er dem \u201emerkw\u00fcrdigen Friedensfreund\u201c Carl von Ossietzky, der im KZ Esterwegen gefangen sa\u00df, dass er vors\u00e4tzlich in Deutschland geblieben sei, um als M\u00e4rtyrer zu erscheinen. Als Ossietzky den Friedensnobelpreis erhielt, \u00e4u\u00dferte er \u00f6ffentlich massive Kritik und rechtfertigte die Errichtung von Konzentrationslagern. 1936 rief Hamsun zur Wahl des F\u00fchrers der norwegischen \u201eNasjonal Samling\u201c, Vidkun Quisling, auf und appellierte w\u00e4hrend der deutschen Invasion 1940 an seine Landsleute: \u201eWerft das Gewehr weg und geht wieder nach Hause! Die Deutschen k\u00e4mpfen f\u00fcr uns alle und brechen jetzt Englands Tyrannei \u00fcber uns und alle Neutralen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-4.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"751\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-4-1024x751.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6169\"\/><\/a><figcaption>Hamsuns Gut. Quelle: https:\/\/www.gbm.no\/media\/1521\/kjoep-av-noerholm.jpg?width=1200<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In Deutschland wirkte in vier Kriegswintern derweil Hamsuns Frau Marie, eingeladen von der Nordischen Gesellschaft, deren Schirmherr Alfred Rosenberg war. Bei mehr als hundert Auftritten von Tilsit bis Karlsruhe, von Kiel bis Wien \u00fcberbrachte sie Gr\u00fc\u00dfe von Knut und las vor durchschnittlich 500 Menschen aus Hamsuns Werken. \u201eDie Hauptnummer waren die ersten Kapitel in ,Segen der Erde\u2018\u201c, berichtet Thorkild Hansen in seinem Buch \u201eDer Hamsun-Proze\u00df\u201c und charakterisiert diese Auftritte als Feiern, bei denen Marie als \u201ePriesterin\u201c und das Publikum sich dem gro\u00dfen Dichter Knut Hamsun andachtsvoll hingaben.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcbergriffe der Besatzungsmacht auf die norwegische Bev\u00f6lkerung erf\u00fcllten Hamsun dagegen mit Sorge. Er setzte sich f\u00fcr einige Norweger ein, die von der Besatzungsmacht hingerichtet werden sollten, teilweise auch mit Erfolg, f\u00fcr andere aber auch nicht, obwohl er dazu aufgefordert worden war. Das brutale Auftreten des Reichskommissars Josef Terboven veranlasste Hamsun 1943 schlie\u00dflich pers\u00f6nlich, auf dessen Abl\u00f6sung hinzuwirken. Einem Besuch von Propagandaminister Joseph Goebbels, der Hamsuns Werke sehr sch\u00e4tzte, am 18. Mai 1943 in dessen Berliner Privatwohnung schloss sich im Juni die Schenkung seiner Nobelpreis-Medaille an Goebbels an. Tage sp\u00e4ter hielt Hamsun auf der ersten, von Goebbels organisierten Tagung der Union der nationalen Journalisten-Verb\u00e4nde in Wien vor ca. 500 Journalisten aus 40 L\u00e4ndern eine englandfeindliche Rede, in der er sich offen f\u00fcr den Nationalsozialismus aussprach.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Treffen mit Hitler Ende Juni geriet dagegen zum Desaster. Hamsun wagte es, den F\u00fchrer mit den Worten zu unterbrechen: \u201eDie Methoden des Reichskommissars eignen sich nicht f\u00fcr uns, seine \u201aPreu\u00dferei\u2018 ist bei uns unannehmbar, und dann die Hinrichtungen \u2013 wir wollen nicht mehr!\u201c Als Hamsun nicht locker lie\u00df, brach Hitler das Gespr\u00e4ch ab und sparte seinen Wutausbruch aus Respekt f\u00fcr Hamsun auf, bis er gegangen war. Dessen ungeachtet pries Hamsun Hitler in einem Nachruf als einen \u201eVerk\u00fcnder des Evangeliums vom Recht aller Nationen\u201c, als eine \u201ereformatorische Gestalt h\u00f6chsten Ranges\u201c. Von seinem Sohn Tore nach der Motivation f\u00fcr diesen Nachruf gefragt, antwortete Knut Hamsun: \u201eEs war eine Geste der Ritterlichkeit einer gefallenen Gr\u00f6\u00dfe gegen\u00fcber.\u201c Manche Literaturwissenschaftler betonen bis heute, Hamsuns Eintreten f\u00fcr Hitler und das Nazi-Regime habe sich nur in seinen politischen Artikeln niedergeschlagen, in denen er gegen Verst\u00e4dterung, Industrialisierung und Demokratisierung polemisiert.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-5.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"769\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-5-1024x769.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6170\"\/><\/a><figcaption>Auf dem Weg in den Gerichtssaal. Quelle: https:\/\/www.gbm.no\/media\/1528\/hovedforhandling-og-dom.jpg?width=1200<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der Charakter der ideologischen N\u00e4he Hamsuns zum Nationalsozialismus ist umstritten: Teils werden gemeinsame Werte von Rasse, Mythos, Blut und Boden, Disziplin und Abenteuer betont, teils dagegen die Ablehnung des B\u00fcrgertums als Bindeglied zu Hitler. \u201eHamsun ist kein ergiebiger Fall f\u00fcr die Literaturgeschichte des B\u00f6sen\u201c, befindet auch Schneider. \u201eDas Faszinosum einer reaktion\u00e4ren Intellektualit\u00e4t, wie es bei Benn, C\u00e9line, Ernst J\u00fcnger oder Carl Schmitt eine Rolle spielt, sucht man bei ihm vergebens.\u201c Starrsinn und Verblendung kennzeichneten seinen Glauben an den Nationalsozialismus, Affinit\u00e4ten gab es allerdings in Bezug auf Germanophilie sowie den Jugend- und Gesundheitskult. Doch \u201enichts in Hamsuns Romanen\u201c berechtige dazu, ihn \u201eals Nazi abzustempeln\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201enachhaltig seelisch geschw\u00e4cht\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach Kriegsende versuchte Norwegen, Hamsun f\u00fcr seine Sympathie mit der Besatzungsmacht zur Rechenschaft zu ziehen. Wegen seines Alters (86) und seiner Verdienste wurde er nicht in Untersuchungshaft genommen, sondern zun\u00e4chst in ein Altersheim in Landvik gebracht, dann zu einer l\u00e4ngeren Untersuchung in die psychiatrische Klinik in Vinderen (Oslo) eingewiesen. Seine Begutachtung als \u201enachhaltig seelisch geschw\u00e4cht\u201c sollte zu seiner Entlastung vor Gericht dienen. Hamsun kommentiert sp\u00e4ter sarkastisch, dass diese Diagnose erst durch den Aufenthalt eingetreten sei, und bestand auf Rechtfertigung seines Verhaltens w\u00e4hrend der Besatzungszeit in einem Gerichtsprozess. Die Anklage vor dem Obersten Gericht wegen einer Straftat wurde als nicht haltbar fallengelassen und der Fall nach der Landesverratsanordnung weiterbehandelt, die Kollaborateure zu Entsch\u00e4digungszahlungen verpflichtete.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Amtsgericht Grimstad verurteilte ihn am 16. Dezember 1947 mit den Stimmen zweier Laienrichter gegen die Stimme des Gerichtsvorsitzenden zu einer \u201eEntsch\u00e4digung\u201c von 425.000 Kronen zuz\u00fcglich Zinsen und Verfahrenskosten wegen \u201eSchadens gegen\u00fcber dem norwegischen Staat\u201c. Im Anschluss an dieses Urteil durfte er auf sein Gut N\u00f8rholm bei Grimstad zur\u00fcckkehren. Im Revisionsverfahren wurde 1948 die Summe zwar auf 325.000 Kronen reduziert, was aber den finanziellen Ruin der Familie nicht abwendete. Er verarbeitete diese Erlebnisse in seinem letzten Werk, dem Tagebuch \u201eAuf \u00fcberwachsenen Pfaden\u201c (1949). Nicht nur nach seinem Tod: Hamsun polarisiert in seiner Heimat bis heute. Vielen kommunalen Ehrungen durch Stra\u00dfen oder Denkm\u00e4ler steht etwa der Intendant des Trondheimer Theaters entgegen, der sein Haus zur hamsunfreien Zone erkl\u00e4rte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-6.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Hamsun-6.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6171\"\/><\/a><figcaption>Sydow als Hamsun. Quelle: https:\/\/m.media-amazon.com\/images\/M\/MV5BMmE2MTJkNzItZTNlNC00YzcwLTg4MmMtZWE5YWI2ZGZmMDlkXkEyXkFqcGdeQXVyMjUyNDk2ODc@.<em>V1<\/em>.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Hamsun-Verehrung in Deutschland endete 1945 keineswegs. Eine 1955 von der Schriftstellerin Hilde F\u00fcrstenberg gegr\u00fcndete Knut-Hamsun-Gesellschaft verschrieb sich bis 1998 der Pflege seines Werks mehr huldigend als kritisch. Der Film \u201eHamsun\u201c (1996) behandelt die letzten 17 Jahre seines Lebens, verk\u00f6rpert wird er von Max von Sydow. Au\u00dferdem wurden mehrere seiner Romane und Erz\u00e4hlungen als Theaterst\u00fccke bearbeitet oder verfilmt. Das Jubil\u00e4um bietet Anlass, einen der gr\u00f6\u00dften europ\u00e4ischen Schriftsteller wiederzuentdecken. Er ist, in Triumph und Verh\u00e4ngnis, auch ein St\u00fcck deutscher Literaturgeschichte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er galt als nordischer \u201eDichter der Scholle\u201c, verehrte Hitler und wurde nach dem Krieg im hohen Alter wegen Kollaboration enteignet: Knut Hamsun. 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