{"id":6187,"date":"2022-03-13T06:41:00","date_gmt":"2022-03-13T05:41:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6187"},"modified":"2022-01-30T16:42:16","modified_gmt":"2022-01-30T15:42:16","slug":"mein-schreiben-glich-einem-bellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6187","title":{"rendered":"\u201emein Schreiben glich einem Bellen\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>\u201eWenn ich einen Roman schreibe, dann besetze ich mit meiner Pers\u00f6nlichkeit alle Rollen in diesem Roman: Ich bin der Kost\u00fcmbildner, ich bin der Maskenbildner, ich bin der Regisseur, ich bin der Kameramann&#8230; Das hei\u00dft: Ich bestimme alle Details. Bei einem Drehbuch bin ich auf das Verm\u00f6gen anderer angewiesen, so wie die auf mein Verm\u00f6gen angewiesen sind. Filmemachen ist Teamwork.\u201c &nbsp;Der das von sich sagte, schrieb mit \u201eJakob der L\u00fcgner\u201c ebenso Weltliteratur wie er mit Manfred Krug als \u201eLiebling Kreuzberg\u201c die Fernsehunterhaltung auf ein kaum wiederholbares Niveau hob: Jurek Becker, der am 14. M\u00e4rz 1997 starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Jerzy Bekker k\u00f6nnte er am 30. September 1937 in Lodz als der Sohn eines aus Litauen stammenden Buchhalters und einer polnischen N\u00e4herin geboren worden sein. K\u00f6nnte, denn die amtlichen Dokumente wurden im Krieg vernichtet, zudem hat ihn sein Vater offensichtlich \u00e4lter gemacht, um ihn vor der Deportation zu bewahren: \u00c4ltere Kinder wurden zum Arbeiten herangezogen. Nach dem deutschen \u00dcberfall auf Polen wird die j\u00fcdische Familie ins Ghetto \u201eLitzmannstadt\u201c umgesiedelt; ab 1943 w\u00e4chst er in den Konzentrationslagern Ravensbr\u00fcck und Sachsenhausen auf. Seine Mutter stirbt kurz nach der Befreiung an Unterern\u00e4hrung, sie gab ihrem Sohn ihre Rationen, damit er \u00fcberlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seinen Vater, der nach Auschwitz deportiert worden war, findet er mithilfe einer amerikanischen Suchorganisation wieder, und zieht mit ihm 1945 nach Ost-Berlin, wo Becker Deutsch lernt und zur Schule geht. \u201eIch war irgendwie Kaspar Hauser, ich war in diese Welt gefallen mit acht Jahren &#8211; und keiner hat mir erz\u00e4hlt, wo ich herkomme\u201c, charakterisiert er sein Lebensgef\u00fchl von Jugend auf \u2013 bis auf eine Tante wurde die gesamte Familie vernichtet. An seine Kindheit erinnert er sich nicht, wohl aber an seine Schulzeit: \u201e\u201eF\u00fcr keine schulische Leistung belohnte mein Vater mich so reichlich wie f\u00fcr gute Noten bei Diktat und Aufsatz. Wir entwickelten gemeinsam ein \u00fcbersichtliches Lohnsystem: F\u00fcr eine geschriebene Seite gab es im Idealfall eine Summe von f\u00fcnfzig Pfennig, jeder Fehler brachte einen Abzug von f\u00fcnf Pfennig. So lernte ich nebenbei Rechnen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"720\" height=\"480\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6189\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker.jpg 720w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-300x200.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a><figcaption>Becker kurz vor seinem Tod. Quelle: Von Leon Becker &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 2.5, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=1232346<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach dem Abitur 1955 wird Becker Mitglied der FDJ und der SED und dient zwei Jahre freiwillig bei der Kasernierten Volkspolizei. Er lernt Manfred Krug kennen, mit dem er f\u00fcnf Jahre in einer WG leben und mit dem ihn eine lebenslange Freundschaft verbinden wird: \u201eW\u00e4ren wir Mann und Frau gewesen, h\u00e4tte man das Liebe auf den ersten Blick nennen k\u00f6nnen\u201c, wird sich viele Jahre sp\u00e4ter Becker erinnern. \u201eWenn er eine Freundin hatte, so war es immer die sch\u00f6nste, die man weit und breit finden konnte. Man h\u00e4tte sie alle an erstklassige Model-Agenturen loswerden k\u00f6nnen, wenn es sowas gegeben h\u00e4tte. Freilich musste er manchmal hinsichtlich des Unterhaltungswertes seiner Geliebten Abstriche machen, aber zum Schwatzen hatte er ja mich\u201c, so Krug r\u00fcckblickend.<\/p>\n\n\n\n<p>1957 beginnt Becker ein Studium der Philosophie an der Humboldt-Universit\u00e4t Berlin &#8211; gegen den Willen seines Vaters, der ihn gern als Arzt gesehen h\u00e4tte &#8211; und wird kurz vor dem Examen 1960 wegen \u201eUmtrieben\u201c relegiert. Seitdem lebt er als Publizist in Ost-Berlin, schreibt zun\u00e4chst Texte f\u00fcr das Kabarett \u201eDie Distel\u201c. Parallel dazu beginnt er ein Studium an der Filmhochschule Babelsberg \u2013 eigentlich eher ein \u201eSkript-Lehrgang\u201c f\u00fcr die Qualifikation zum Drehbuchautor. 1961 heiratet er die Dekorateurin Erika \u201eRieke\u201c H\u00fcttig und bekommt mit ihr zwei S\u00f6hne; die Ehe h\u00e4lt 16 Jahre. Von 1962 bis 1977 arbeitet er als DEFA-Drehbuchautor und freischaffender Schriftsteller.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201edie ganze Spannweite menschlicher Existenz\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Becker verfasst Drehb\u00fccher f\u00fcr satirisch-polemische Kurzspielfilme der \u201eStacheltier\u201c-Produktion der DEFA und schreibt, zum Teil gemeinsam mit Klaus Poche unter den Pseudonym Georg Nikolaus, mindestens f\u00fcnf Filme. Seine fr\u00fche Erfahrungen mit der DEFA und dem Fernsehen gehen in den 1973 erschienenen Roman \u201eIrref\u00fchrung der Beh\u00f6rden\u201c ein, eine sp\u00e4ter mit dem Bremer Literaturpreis gew\u00fcrdigte Fundgrube f\u00fcr die Kuriosa kulturpolitischer Entscheidungsfindungen in der DDR. 1965 schlie\u00dft Becker ein Drehbuch unter dem Titel \u201eJakob der L\u00fcgner\u201c ab \u2013 das wohl unter dem Vorzeichen der kulturpolitischen Krise des Jahres 1965 von der DEFA nicht abgenommen wird: \u201eMeine Entt\u00e4uschung \u00fcber die Ablehnung des Drehbuchs war so gro\u00df, dass ich mich quasi im Affekt hingesetzt und vor Wut meinen ersten Roman geschrieben hab.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"635\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-1-1024x635.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6190\"\/><\/a><figcaption>Jurek Becker &amp; Manfred Krug beim Badeurlaub auf Teneriffa. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/d7da2ca6-0001-0004-0000-000001267052_w1528_r1.6120365394948952_fpx62_fpy49.98.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er schildert darin Begebenheiten in einem polnischen Getto unter der Naziherrschaft, zeigt \u00dcberlebensstrategien unter extremen Bedingungen: Der Schuster Jakob Heym behauptet, ein Radio versteckt zu haben, und wird so mit seinen erfundenen Nachrichten \u00fcber die bevorstehende sowjetische Befreiung zum Hoffnungsvermittler f\u00fcr seine Leidensgenossen. Jakob selbst ist eher das Gegenteil eines Helden, er ist nicht mutig, sondern ger\u00e4t fast wider Willen in die Position des Hoffnungstr\u00e4gers. Konsequenterweise haben seine wortreichen Erfindungen letztendlich auch keinen Einfluss auf den tats\u00e4chlichen Verlauf des Geschehens: Bevor die Russen das Getto erreichen, wird es ger\u00e4umt. Der Roman wird 1969 ver\u00f6ffentlicht, in 24 Sprachen \u00fcbersetzt und erh\u00e4lt mehrere Literaturpreise in Ost und West. Damit war er der erste, der das Holocaust-Tabu der deutschen Literatur brach, befand Thomas Schmid in der <em>Welt<\/em>: \u201eHier ist alle nur denkbare Grazie der Literatur pr\u00e4sent, ohne dass das Grauen des Holocaust verharmlost w\u00fcrde.\u201c Trotzdem war Becker sp\u00e4ter unzufrieden: \u201eIch w\u00fcnschte mir, das Buch k\u00f6nnte sorgf\u00e4ltig lektoriert werden. Aber was soll ich machen? Jakob ist sozusagen ein h\u00fcbsches Kind, das in den Brunnen gefallen ist.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Erst 1974 kann der Film unter der Regie von Frank Beyer als Co-Produktion der DEFA mit dem Fernsehen der DDR realisiert werden. \u201eDie Geschichte von Jakob dem L\u00fcgner ist voller Poesie; Komisches steht neben Tragischem, Absurdes, Reales und M\u00e4rchenhaftes durchdringen einander. Eine Geschichte mit hintergr\u00fcndigem Witz und tiefer Traurigkeit, die ganze Spannweite menschlicher Existenz ausmessend\u201c, erkl\u00e4rte Regisseur Beyer. Als die Meldung von der Verfilmung durch die Medien ging, erhielt Jurek Becker ein Telegramm von Heinz R\u00fchmann, der darum bat, die Rolle des Jakob Heym spielen zu d\u00fcrfen. Dieses sehr verlockende Angebot im Hinblick auf den Erfolg des Films lehnte Erich Honecker pers\u00f6nlich mit der Begr\u00fcndung ab, dass zwei grunds\u00e4tzlich verschiedene deutsche Staaten existierten und es keinen Hinweis auf eine gemeinsame Kultur geben d\u00fcrfe.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Film wird zu einem internationalen Erfolg, erh\u00e4lt einen Nationalpreis der DDR, l\u00e4uft als erster DEFA-Film bei der Berlinale, wo er gleich den Silbernen B\u00e4ren erh\u00e4lt, und wird als einziger DEFA-Film f\u00fcr einen Oscar nominiert. Zwei Jahre nach Beckers Tod kommt ein Remake von \u201eJakob der L\u00fcgner\u201c mit Robin Williams in die Kinos. Die kom\u00f6diantische Behandlung eines ernsten Themas hat Becker bereits in \u201eMeine Stunde null\u201c (1970) versucht, der nach Erinnerungen des deutschen Antifaschisten Karl Krug die turbulenten Abenteuer eines Stabsgefreiten schildert, der 1943 in russische Gefangenschaft ger\u00e4t und als falscher Oberleutnant hinter die deutschen Linien zur\u00fcckgeht, um seinen Major mitten aus einem Offiziersgelage zu entf\u00fchren. Der aufwendig in Farbe und Totalvision inszenierte Film ist ganz auf den trockenen Humor des Hauptdarstellers Manfred Krug zugeschnitten. 1976\/77 dreht Frank Beyer nach einem Drehbuch von Becker die Emanzipationskom\u00f6die \u201eDas Versteck\u201c, in der sich ein geschiedener Architekt \u2013 wiederum Krug \u2013 bei seiner Ex-Gattin zwecks R\u00fcckeroberung einnistet. Der Film kommt erst 1978 und mit nur f\u00fcnf Kopien in die DDR-Kinos, da Krug zuvor nach West-Berlin \u00fcbergesiedelt war.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eKriege ich das durch?\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Auch Becker bleibt nicht mehr lange. Auf seiner Er\u00f6ffnungsrede \u201eLiteratur und Wirklichkeit\u201c zum VII. Schriftstellerkongress der DDR postulierte er, dass es die Aufgabe von Literatur sei, Unruhe zu stiften, indem sie Fragen stelle sowie Widerspr\u00fcche und Fehlentwicklungen in der Wirklichkeit aufzeige. Er sprach sich gegen das Abh\u00e4ngigkeitsverh\u00e4ltnis von Autoren zu ihren Verlagen aus, das gepr\u00e4gt sei durch die Fragestellung \u201eKriege ich das durch?\u201c, was eine sozialistische Gartenlaubenliteratur zur Folge habe. \u201eIch war in der DDR in der letzten Zeit sehr aufgeregt und habe nur noch reagiert. Und mein Schreiben glich einem Bellen, einem aufgeregten Bellen\u201c, erinnert er sich kurz vor seinem Tod im <em>Spiegel<\/em>. 1976 erscheint noch \u201eDer Boxer\u201c, die autobiographisch gef\u00e4rbte Geschichte einer Vater-Sohn-Beziehung im Nachkriegsdeutschland. Er wird als Unterzeichner der Biermann-Petition aus der SED ausgeschlossen und tritt 1977 aus dem DDR-Schriftstellerverband aus. Eine Ver\u00f6ffentlichung des Romans \u201eSchlaflose Tage\u201c \u00fcber die Schwierigkeiten eines undogmatisch-sozialistischen Lehrers in der DDR wird abgelehnt. Den P\u00e4dagogen l\u00e4sst er, ersch\u00fcttert von der Gleichg\u00fcltigkeit seiner Sch\u00fcler, sagen: \u201eIch selbst, sagte er sich, habe meinen traurigen Anteil daran, denn ich habe sie zielstrebig erzogen, sich vor jeder Beunruhigung zu verschlie\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"716\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-2-1024x716.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6191\"\/><\/a><figcaption>Jurek &amp; Christine. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/39d44d8a-0001-0004-0000-000001267050_w1528_r1.4306151645207439_fpx31.44_fpy54.99.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er lebt ab Ende 1977 mit einem Zweijahresvisum im Westen, das im Dezember 1979 auf zehn Jahre verl\u00e4ngert wird \u2013 eine weitere Verl\u00e4ngerung war dann nicht mehr n\u00f6tig. Seine pers\u00f6nlichen Erfahrungen nach seiner \u00dcbersiedlung in den Westen verarbeitet Becker sp\u00e4ter im Roman \u201eAller Welt Freund\u201c (1983). Mit dem Staat war er nie wirklich fertig geworden und wollte es wohl auch nicht: \u201eIch h\u00e4tte mir gew\u00fcnscht, dass die DDR mehr Erfolg gehabt h\u00e4tte, dass das nicht so miserabel gemanagt worden w\u00e4re, dass nicht alles so ungedacht geblieben w\u00e4re und so unausgegoren und verlogen und korrupt. Dass die DDR untergegangen ist, darum ist es nicht schade, diese DDR hatte es nicht besser verdient. Aber dass das, was die DDR h\u00e4tte sein k\u00f6nnen, nach meiner Vermutung, untergegangen ist, darum tut es mir sehr leid\u201c, sagte er noch kurz vor seinem Tod dem <em>Spiegel<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>1978-82 ist er mit Unterbrechungen \u201ewriter in residence\u201c am Oberlin College, Ohio, \u00fcbernimmt weitere Gastprofessuren in den USA, sp\u00e4ter an der Gesamthochschule Essen und der Universit\u00e4t Augsburg, und lebt f\u00fcnf Jahre mit einer amerikanischen Studentin zusammen. 1980 erscheint der Roman \u201eNach der ersten Zukunft\u201c. 1982 wird er Stadtschreiber von Bergen-Enkheim, einem Stadtteil von Frankfurt am Main, und hat ein einj\u00e4hriges Wohnrecht im dortigen Stadtschreiberh\u00e4uschen. Christine Harsch-Niemeyer absolvierte zu dieser Zeit eine Ausbildung als Verlagsbuchh\u00e4ndlerin in dem renommierten Wissenschaftsverlag ihres Vaters, verliebt sich w\u00e4hrend einer Lesung in den \u201erichtig gestandenen, kr\u00e4ftigen Kerl\u201c, heiratet ihn 1986 und schenkt ihm einen weiteren Sohn. Im selben Jahr erscheint \u201eBronsteins Kinder\u201c, der dritte Roman, der sich mit dem Holocaust und dessen Nachwirkungen auf die Verfolgten besch\u00e4ftigt.<\/p>\n\n\n\n<p>Diesmal jedoch schreibt Becker nicht aus der Perspektive der Opfer, sondern aus der der nachgeborenen Generation, die sich in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ihrer Eltern befindet. Ebenfalls verfilmt, wird der Streifen trotz guter darstellerischer Leistungen von Rolf Hoppe und Armin Mueller-Stahl, die sich als faschistischer T\u00e4ter und j\u00fcdisches Opfer gegen\u00fcberstehen, als \u201eschwitzender Lichtbildervortrag\u201c (<em>Zeit<\/em>), als zu aufdringlich-belehrend wahrgenommen. Au\u00dferdem wird Becker als Drehbuchmitarbeiter zu Spielfilmen von Peter Lilienthal (\u201eDavid\u201c) und Thomas Brasch (\u201eDer Passagier\u201c) hinzugezogen; beide behandeln Geschichten von Juden in der Nazizeit.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-3.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-3.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6192\"\/><\/a><figcaption>Liebling Kreuzberg \/Szene). Quelle: https:\/\/www1.wdr.de\/stichtag\/stichtag_februar138~_v-gseapremiumxl.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nach einer Idee des Produzenten Otto Mei\u00dfner und des Hauptdarstellers Manfred Krug verfasst Becker ab 1986 Drehb\u00fccher f\u00fcr die Fernsehserie \u201eLiebling Kreuzberg\u201c, in der der leicht phlegmatische Rechtsanwalt Robert Liebling (Krug) versucht, im Westberliner Kiez \u201edie Verh\u00e4ltnisse kapitalistischer Klassenjustiz etwas zum Tanzen zu bringen\u201c, wie die <em>taz<\/em> befand. Insgesamt 58 Episoden in f\u00fcnf Staffeln wurden gedreht, Becker schrieb f\u00fcr vier die Drehb\u00fccher. Die Mischung aus Alltagsf\u00e4llen, die mit Witz, kleinen juristischen Tricks und pers\u00f6nlichen Marotten gel\u00f6st werden, findet bei Kritik und Fernsehpublikum Anklang: Die Einschaltquoten der ersten Folgen liegen bei 45%. Zahlreiche Wiederholungen belegen die andauernde Popularit\u00e4t dieses Gl\u00fccksfalls in der Geschichte deutscher Fernsehserien. Mehrere Fernsehpreise, darunter der Grimme-Preis, waren die logische Folge.<\/p>\n\n\n\n<p>Dabei beklagte sich Becker in der ersten Staffel \u00fcber Zensurversuche, die er erfolgreich abwehren konnte. \u201eDa haben die eine Passage gestrichen, in der jemand wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt vor Gericht stand, und es stellte sich w\u00e4hrend der Verhandlung heraus, dass nicht er Widerstand geleistet hat, sondern dass er von der Polizei verpr\u00fcgelt worden ist. Ein Vorgang, der damals in Berlin tausendfach in den Akten gestanden hat. Aber die Redakteure, die die erste Staffel gemacht haben, f\u00fchlten sich als verl\u00e4ngerter Arm der Berliner Fremdenverkehrswerbung, die wollten ein h\u00fcbsches, friedliches, nettes Kreuzberg zeigen, wo die N\u00e4chte lang sind und wo\u2018s die interessanten Restaurants gibt. Und daran wollte ich mich nicht beteiligen. Das w\u00e4re mir zu l\u00e4ppisch gewesen. Ich wollte keinesfalls f\u00fcr eine dieser bel\u00e4mmerten Unterhaltungsserien verantwortlich sein, denen man ansieht, dass die Macher ihr Publikum f\u00fcr Idioten halten.\u201c Mit dem Honorar erwirbt er ein Haus in Sieseby an der Schlei.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eeinen Westmenschen muss ich erfinden\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Inzwischen Mitglied der Akademie f\u00fcr Sprache und Dichtung sowie der Akademie der K\u00fcnste, h\u00e4lt Becker Poetikvorlesungen an der Universit\u00e4t Frankfurt, schreibt die Ehe-Tragikom\u00f6die \u201eNeuner\u201c, die 1991 mit dem Deutschen Filmpreis in Gold ausgezeichnet wird, und ver\u00f6ffentlicht 1992 den Roman \u201eAmanda herzlos\u201c, der sich mit dem Alltag in der DDR der sp\u00e4ten 1980er Jahre besch\u00e4ftigt. Von der Kritik fast einhellig abgelehnt, ist er beim Publikum erfolgreich. Seine Sicht auf die DDR-Literatur blieb bis zum Ende eigenwillig: \u201eDa ihr in der Vergangenheit eine Aufmerksamkeit zuteil geworden ist, die sie sich nicht zu verdienen brauchte, wird ihr nun der gr\u00f6\u00dfte Schaden zusto\u00dfen, den man sich vorstellen kann: sie wird untergehen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-4.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"683\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-4-1024x683.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6193\"\/><\/a><figcaption>Guenter Grass w\u00e4hrend seiner Rede auf dem Ostberliner Schriftstellertreffen am 14. Dezember 1981 im Hotel Stadt Berlin, daneben Becker. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/d5105ff5-0001-0004-0000-000001266734_w1528_r1.5_fpx30_fpy53.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Eine weitere Becker-Krug-Gemeinschaftstat gelingt 1994 mit der neunteiligen <em>ARD<\/em>-Produktion \u201eWir sind auch nur ein Volk\u201c. Hier wird zwar der p\u00e4dagogische Zweck verfolgt, Ost-West-Vorurteile zu \u00fcberwinden, doch ist das Ganze so kurzweilig-\u00fcberdreht gespielt und inszeniert, dass die belehrenden Absichten das Publikum nicht verstimmen: Der schlitzohrige arbeitslose Ost-Berliner (Krug) wird zum Studienobjekt des West-Schriftstellers Steinheim (Dietrich Mattausch). Der Zuschauer durchschaut, was dem naiven Steinheim lange noch ein R\u00e4tsel bleiben wird: Realit\u00e4t muss inszeniert werden, damit sie in ihren tats\u00e4chlichen Ost-West-Unterschieden deutlich wird. Die Aufhebung dieser Ost-West-Entfremdung erfordert l\u00e4ngere Zeitr\u00e4ume als politischer Voluntarismus es m\u00f6chte: \u201eSteinheim ist ein Westmensch, und einen Westmenschen muss ich erfinden. Es ist mir bis heute nicht gegl\u00fcckt, einer zu sein\u201c, wird Becker sagen.<\/p>\n\n\n\n<p>1995 wird bei ihm Darmkrebs diagnostiziert. Im Jahr darauf ver\u00f6ffentlicht er den Band \u201eEnde des Gr\u00f6\u00dfenwahns\u201c mit Aufs\u00e4tzen und Vortr\u00e4gen aus den Jahren 1971 bis 1995. Er wird in Sieseby begraben und gelangt posthum noch als Postkartenautor zu Ruhm: Bis zu seinem Tod d\u00fcrfte Becker Tausende Postkarten verschickt haben, etwa 1000 gelten als erhalten \u2013 an seine Frau und die S\u00f6hne, an Krug und dessen Frau, an Freunde, Verlagsmitarbeiter &#8211; alle getragen von tiefer Zuneigung. Er schrieb manchmal an seine Frau aus dem Nebenzimmer, griff eine Situation auf, nahm sie auf die Schippe und lief dann zum Briefkasten, damit seine Liebste am n\u00e4chsten Tag etwas zum Lachen hatte.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eLiterarische Miniaturen, feinsinnig, voller Sprachwitz und listiger Ironie\u201c, ja ein eigenes literarisches Genre erkennt Janko Tietz im <em>Spiegel<\/em>. Brachte Krug kurz nach seines Freundes Tod bereits einen Band damit heraus, zog Christine Becker 2018 mit einem weiteren Band nach. Darin Bonmots wie \u201eKanada macht auf mich irgendwie den Eindruck, als w\u00e4re eine DDR-Firma beauftragt worden, USA-Verh\u00e4ltnisse hier einzuf\u00fchren. Das macht es mir leicht, mich gut zu f\u00fchlen\u201c (18.04.1980, an Krug). Bei den Anreden lie\u00df er sich immer den Anl\u00e4ssen entsprechend komische Titulierungen einfallen. Seine Frau nannte er mal \u201eDu alter Wackelpudding\u201c, oder \u201eDu verlorene Liebesm\u00fch\u00b4\u201c, seinen j\u00fcngsten Sohn Jonathan \u201eDu lieber Kullerpfirsich\u201c oder \u201eDu alte Fahrradantenne\u201c.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-style-default\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-5.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"732\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/Becker-5-1024x732.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6194\"\/><\/a><figcaption>Eine der letzten Karten. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/808c708b-0001-0004-0000-000001266709_w1528_r1.3982102908277405_fpx40.04_fpy50.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er \u201ez\u00e4hlte zu den Zeitgenossen, bei denen sich hinter Schalk und Schlitzohrigkeit jene tiefe Ernsthaftigkeit zeigt, die mehr als blo\u00df Sympathie beim Publikum weckt\u201c, textete der <em>Spiegel<\/em> in seinem Nachruf. Inwieweit dies auf seine Herkunft zur\u00fcckzuf\u00fchren ist, hat er nie eindeutig gekl\u00e4rt: \u201eIch bin nicht unentwegt auf Identit\u00e4tssuche. Ich wei\u00df, dass ich ohne diese konkrete Herkunft ein v\u00f6llig anderer w\u00e4re. Dass ich einen anderen Geschmack h\u00e4tte, andere Vorlieben, eine andere Vorstellung von Gerechtigkeit, von Sprache, von Erz\u00e4hlen, von Witz, der Himmel wei\u00df, wovon. Das ist \u00fcberhaupt keine Frage. Die Frage ist nur, ob das Jude-Sein bedeutet.\u201c Sein Verh\u00e4ltnis zu seinen Romanen blieb ambivalent: \u201eSobald ich ein Buch abgeschlossen habe, ist mein Verh\u00e4ltnis zu ihm grunds\u00e4tzlich verdorben. Meine B\u00fccher ekeln mich an. Ich kann sie nicht mehr anschauen, nachdem sie einmal gedruckt sind. Ich habe vor der Drucklegung so lange an ihnen herumgedoktert und herumkorrigiert, dass ich sie nicht mehr sehen kann. Ich korrigiere so lange, so fanatisch an meinen Texten herum, bis ich jegliche Distanz zu ihnen verloren habe.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eWenn Sie Schriftsteller sein wollen\u201c, so sagte er im Sommer 1989 in einer Poetikvorlesung, \u201eleiden Sie an etwas, seien Sie \u00fcber etwas zu Tode erschrocken, stemmen Sie sich gegen etwas, werden Sie verr\u00fcckt von etwas. Sonst sind Ihre B\u00fccher zur M\u00e4\u00dfigkeit verurteilt, es fehlt darin das Rasende, das Unausweichliche. Ohne ein Ungl\u00fcck k\u00f6nnen Sie nicht einmal Witze \u00fcber Ihr Ungl\u00fcck machen.\u201c Sp\u00e4ter wich das Rasende einer melancholischen Abgekl\u00e4rtheit, wie er dem <em>Spiegel<\/em> sagte: \u201eAm Schreibtisch kann ich ein kleines bisschen fliegen. Ich lese manchmal Texte von mir und komme zu dem Schluss: Eigentlich sind diese Texte intelligenter, als ich es bin. Und ich frage mich, wie das m\u00f6glich ist &#8211; ich habe sie doch geschrieben, da war kein Dritter in dem Gesch\u00e4ft dabei. Das bringt mich zu dem Schluss, dass ich nicht immer, aber vielleicht manchmal am Schreibtisch etwas kann, was ich sonst nirgends kann.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er \u00fcberlebte zwei NS-Todeslager, holte als erster den Holocaust in die deutsche Literatur und sorgte damit f\u00fcr den Stoff zum einzigen oscarnominierten DEFA-Film: Jurek Becker. Vor 25 Jahren starb er.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6187"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6187"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6187\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6195,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6187\/revisions\/6195"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6187"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6187"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6187"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}