{"id":6221,"date":"2022-04-17T06:23:00","date_gmt":"2022-04-17T05:23:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6221"},"modified":"2022-03-24T19:35:24","modified_gmt":"2022-03-24T18:35:24","slug":"er-war-mutig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6221","title":{"rendered":"\u201eEr war mutig\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Als Kind hatte der introvertierte Naturbursche Angst vor dem Wasser, nachdem er zweimal beinahe ertrunken w\u00e4re. Sogar als Jugendlicher weigerte er sich, Schwimmen zu lernen, bis er 1937 auf Tahiti in einen rei\u00dfenden Fluss st\u00fcrzte und um sein Leben k\u00e4mpfen musste. Zudem wusste er nichts von der Seefahrt. Und doch lie\u00df sich er ab 1947 mehrmals mit primitiven Wasserfahrzeugen furchtlos \u00fcber die Ozeane treiben. Sein erster, packend beschriebener Reisebericht \u201eKon-Tiki. Ein Flo\u00df treibt \u00fcber den Pazifik\u201c wurde in 67 Sprachen \u00fcbersetzt, darunter Urdu und Mongolisch, und fast hundert Millionen Mal verkauft, seine selbstgedrehte Reportage dazu 1951 mit dem Oscar als bester Dokumentarfilm geehrt: Thor Heyerdahl, der am 18. April vor 20 Jahren starb.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Walfangst\u00e4dtchen Larvik am 6. Oktober 1914 als Sohn eines schon \u00e4lteren Brauereibesitzers geboren, befasste er sich schon in seiner Kindheit mit Flora und Fauna, war mit Zelt und Schlafsack im nahen Gebirge unterwegs und hegte fr\u00fch den Wunsch, einige Zeit in einer von der Zivilisation m\u00f6glichst unber\u00fchrten Gegend zu verbringen. 1933 begann er das Studium der Zoologie, Geografie und Anthropologie an der Universit\u00e4t Oslo und heiratete am Weihnachtsabend 1936 seine erste Frau Liv, mit der er am n\u00e4chsten Tag nach Fatu Hiva auf Tahiti aufbrach \u2013 zugleich Hochzeitsreise und Vorbereitung f\u00fcr das Staatsexamen \u00fcber die Herkunft der dortigen Fauna. W\u00e4hrend des urw\u00fcchsigen Aufenthalts inmitten von Eingeborenen wandte sich Heyerdahl mehr und mehr der Ethnologie zu und begann, die Herkunft der Insulaner \u201eaus einem gro\u00dfen Land im Osten\u201c ernsthaft in Erw\u00e4gung zu ziehen: Ein Autodidakt, \u201eder versucht hat, mit Hilfe seiner Reisen und spektakul\u00e4rer Aktionen festgefahrene Theorien aufzubrechen\u201c, so der Bonner Ethnologe Nikolai Grube im <em>Spiegel<\/em>. Sein Studium wird er nie abschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der R\u00fcckkehr 1938 wurde sein erster Sohn geboren. Heyerdahls Forschung zur Herkunft der Polynesier f\u00fchrte ihn samt Familie 1939 nach Kanada, wo er festsa\u00df, nachdem Norwegen 1940 von deutschen Truppen besetzt worden war. Um sein nahezu publikationsreifes englischsprachiges Manuskript zur Besiedlung Polynesiens \u201ePolynesia and America\u201c zu vollenden, reiste er an die Nordwestk\u00fcste Kanadas, wo ihn Fotos und Objekte aus dem Bella-Coola-Tal frappant an polynesische Arbeiten erinnerten. Es gab damals mindestens zwei relevante, aber einander widersprechende Thesen: F\u00fcr die einen war Polynesien \u00fcber Melanesien besiedelt worden, was die anderen bestritten, weil Blutgruppen von Melanesiern und Polynesiern nicht zusammenpassten. Heyerdahl erkl\u00e4rte aufgrund seiner Kenntnisse \u00fcber Meeresstr\u00f6mungen beide Fachmeinungen f\u00fcr \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"685\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-685x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6222\"\/><\/a><figcaption>Heyerdahl. Quelle: Von Magnussen, Friedrich (1914-1987) &#8211; Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0 de, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=69632446<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Seine Begr\u00fcndung: da der Philippinenstrom (Japanstrom) von Asien Richtung Nordwestamerika verl\u00e4uft, wo er dann nach Hawaii und Polynesien abbiegt, h\u00e4tten die Seefahrer einen Gro\u00dfteil der Strecke von Amerika nach Polynesien neben der Str\u00f6mung auch den Passatwind im R\u00fccken gehabt. Diesen m\u00f6glichen Verlauf der Besiedelung hatte zuvor noch niemand bedacht, obwohl bekannt war, dass eine maritime Bev\u00f6lkerung der Inseln Britisch-Kolumbiens aus Asien gekommen sein musste und noch in der Steinzeit lebte, als erste Europ\u00e4er eintrafen. Ein Artikel der <em>New York Times<\/em> \u00fcber Heyerdahls Arbeit wurde gleichzeitig mit einem vernichtenden Kommentar der popul\u00e4ren Ethnologin Margaret Mead abgedruckt: Auftakt der jahrzehntelangen Anfechtungen von Heyerdahls Theorien.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eDie Norweger sind t\u00fcchtige Seeleute\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Um am Kampf f\u00fcr die Befreiung Norwegens teilzunehmen, meldete sich Heyerdahl freiwillig im norwegischen Rekrutierungsb\u00fcro. Nach einer Funker- und Fallschirmausbildung war der Rekrut 1945 kurzzeitig in der Finnmark eingesetzt, ohne einen Schuss abzugeben. Sofort nach Kriegsende wollte er praktisch beweisen, dass Polynesien von S\u00fcdamerika und nicht von Asien aus besiedelt wurde. Dabei setzte er auf ein Boot, das nach altindianischem Vorbild gebaut worden war: ein Flo\u00df, das ganz ohne Schrauben und N\u00e4gel auskommen musste, nur von Tauen zusammengehalten und nach einem Inka-Gott \u201eKon-Tiki\u201c getauft wurde. Diese leichten Fl\u00f6\u00dfe aus Balsaholz hatten die spanischen Eroberer vorgefunden, als sie nach Peru kamen. Und so fuhr er mit vier Norwegern und einem Schweden im Fr\u00fchjahr 1947 in 101 Tagen vom peruanischen Callao rund 4000 Seemeilen zum Raroia-Atoll in Franz\u00f6sisch-Polynesien. Die Brandung schleudert Kon-Tiki auf die felsenharten Korallen, Brecher zerschlagen sie, alle \u00fcberleben unverletzt. Versicherungen hatten sich geweigert, Lebensversicherungen abzuschlie\u00dfen.<\/p>\n\n\n\n<p>Ralph Linton, ein bekannter amerikanischer Kulturanthropologe, kommentierte nur trocken: \u201eHeyerdahl hat nichts anderes bewiesen als das, was wir schon vorher wussten: Die Norweger sind t\u00fcchtige Seeleute.\u201c Das war lange der Tenor in der Fachwelt. \u201eEr war mutig\u201c, bescheinigt ihm Grube im <em>DLF<\/em>, \u201eweil er versucht hat, mit experimenteller Arch\u00e4ologie, die M\u00f6glichkeit solcher Kontakte nachzuweisen. Er hat viel geleistet, um zu zeigen, dass wir den V\u00f6lkern des Altertums viel zu wenig Technologie zutrauen.\u201c Erst 2020 bewies eine Genstudie, dass amerikanische Ureinwohner tats\u00e4chlich die Polynesischen Inseln besuchten &#8211; lange vor Kolumbus. Allerdings irrte er sich laut den Forschern im Abfahrtsort der S\u00fcdamerikaner: Die Studie sieht die gr\u00f6\u00dfte genetische \u00c4hnlichkeit zu den Ureinwohnern Kolumbiens, nicht Perus. Das Flo\u00df, das heute im Osloer Kon-Tiki-Museum wie aus dem Ei gepellt zu bewundern ist, ist eine Rekonstruktion dessen, was der Pazifik \u00fcbrig lie\u00df.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"731\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-1-1024x731.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6223\"\/><\/a><figcaption>Kon-Tiki. Quelle: Von Nasjonalbiblioteket from Norway &#8211; Expedition Kon-Tiki 1947. Across the Pacific.Uploaded by palnatoke, CC BY 2.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=26765008<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Heyerdahls Buch \u00fcber das Abenteuer nannte Udo Zindel im <em>Spiegel<\/em> den \u201ewohl popul\u00e4rsten Expeditionsbericht aller Zeiten\u201c. Bis heute fiebert man bei solchen S\u00e4tzen mit: \u201eLinks sehe ich die m\u00e4chtige blaue See mit ihren sch\u00e4umenden Wogen, die sich in endlosem Lauf vorbeiw\u00e4lzen. Rechts liegt in einer d\u00e4mmrigen H\u00fctte, die seit Wochen unsere Heimstatt ist, ein b\u00e4rtiges Individuum auf dem R\u00fccken, liest Goethe und gr\u00e4bt seine blo\u00dfen Zehen nachdenklich zwischen die Querleisten des niedrigen Bambusdachs.\u201c Ein Reporter will von ihm noch fast drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter wissen, wie sie monatelang ohne Nachschub an frischem Trinkwasser \u00fcberlebt haben. \u201eWir haben Regen gesammelt\u201c, erkl\u00e4rt Heyerdahl seinem erstaunten Zuh\u00f6rer, \u201eund jeden Tag fingen wir Fische und pressten ihre Lymphfl\u00fcssigkeit aus. Die schmeckt zwar nicht gut, hat aber weniger Salz als das menschliche Blut &#8211; so kann man ohne Schwierigkeiten \u00fcberleben!\u201c Eine Wiederholung der Flo\u00dfreise durch eine internationale Besatzung scheiterte 2015 nach 114 Tagen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eein transatlantischer Impuls\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Seine Ehe zerbrach nach Kon-Tiki, er heiratete 1949 seine zweite Frau Yvonne, mit der er nochmal drei T\u00f6chter hat. Nach Studienaufenthalten unter anderem auf Galapagos, am Titicacasee und den Osterinseln gelang Heyerdahl 1970 der zweite gro\u00dfe Streich: Er \u00fcberquerte mit einem Segelschiff aus Papyrus den Atlantik, um zu demonstrieren, dass theoretisch schon die alten Sumerer und \u00c4gypter h\u00e4tten nach S\u00fcdamerika gelangen k\u00f6nnen. Denn \u00e4hnlich wie die Menschen des Zweistromlands und des Niltals bauten die Azteken, Mayas und Inkas gro\u00dfe St\u00e4dte und m\u00e4chtige Pyramiden, kannten Kalendersysteme und eine Schriftsprache. \u201eHier glaube ich, dass es in Mexiko und Peru etwas gab, was die Indianer anderer Regionen nicht hatten\u201c, erz\u00e4hlt Heyerdahl. \u201eUnd das, glaube ich, war ein transatlantischer Impuls!\u201c F\u00fcr Grube verbirgt sich hinter dieser Haltung Ethnozentrismus, wenn nicht gar Rassismus: Heyerdahl unterstelle den indigenen V\u00f6lkern Amerikas, dass sie nicht in der Lage gewesen seien, diese kulturellen Errungenschaften eigenst\u00e4ndig hervorzubringen.<\/p>\n\n\n\n<p>1969 l\u00e4sst der geschickte Selbstvermarkter an den Pyramiden von Gizeh ein 15 Meter langes Boot aus Papyrusb\u00fcndeln von Bootsbauern vom Volk der Buduma vom Tschadsee zusammenbinden, nach Vorbildern auf antiken Wandmalereien. Dieses schwankende Gef\u00e4hrt steuern er und eine sechsk\u00f6pfige Crew wenige Wochen sp\u00e4ter unter der Flagge der UNO aus Safi an der marokkanischen K\u00fcste Richtung Mittelamerika. \u201eIch m\u00f6chte gerne beweisen, dass es m\u00f6glich w\u00e4re, dass viele Menschen zusammenleben. Ich hatte an Bord Jude und Moslem und Katholik und Hindu, Buddhist und Atheist. Und wir hatten nicht dieselbe Ideen, aber immer freundliche Diskussionen. Und es war immer interessant\u201c, wird er in seiner Autobiographie schreiben. Doch auf hoher See verliert die \u201eRa\u201c, das &#8222;Sonnenboot&#8220;, wie ihr medienerfahrener Kapit\u00e4n sie nennt, die H\u00e4lfte ihres Materials. Immer wieder zerbrechen die baumstarken Steuerruder wie Streichh\u00f6lzer.<\/p>\n\n\n\n<p>Und nachdem ein Orkanausl\u00e4ufer \u00fcber das Schiff hinweggezogen ist, kentert es schlie\u00dflich mehrere hundert Seemeilen von der Karibikinsel Barbados entfernt. Ein Jahr sp\u00e4ter gelingt Heyerdahl unter gro\u00dfen M\u00fchen und Gefahren die \u00dcberfahrt mit der drei Meter k\u00fcrzeren Ra II \u2013 die nunmehr von Anden-Indianern vom Titicaca-See gebaut wurde, weil Heyerdahl zur \u00dcberzeugung gekommen war, dass deren Schiffbautechnik der \u00e4gyptischen n\u00e4her sei als die aus dem Inneren Afrikas. Nach 57 Tagen und 6100 Kilometern landet das Boot gl\u00fccklich \u2013 mit dem Affen Safi als Maskottchen an Bord. Und, wie bei Kon-Tiki, h\u00e4lt er seine These damit f\u00fcr bewiesen: Die Indianer wurden in vorgeschichtlicher Zeit von hellh\u00e4utigen Kulturbringern besucht, die den Weg zu ihnen \u00fcber den Atlantik fanden.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"686\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-2-1024x686.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6224\"\/><\/a><figcaption>Nachbau der Ra II. Quelle: Von Berthold Werner &#8211; Eigenes Werk, Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=3753749<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In diesen Jahrzehnten wird Thor Heyerdahl zum popul\u00e4rsten Forscher \u00fcberhaupt, seine Expeditionen begeistern Millionen Menschen und lassen selbst die Bekanntheit eines Jacques-Yves Cousteau verblassen. \u201eUnd sie br\u00fcskieren mit ihrer Mischung aus Querdenkerei, Wagemut und tatkr\u00e4ftiger Naivit\u00e4t immer wieder die etablierte V\u00f6lkerkunde\u201c, so Zindel. Eine andere Entdeckung \u00fcberraschte und entsetzte Heyerdahl und seine Crew: Im Atlantik schwammen schwarze \u00d6lklumpen. Sowas hatte die Mannschaft noch nicht gesehen und funkte die Information noch auf Reisen an die Vereinten Nationen (UNO). Der damalige UNO-Generalsekret\u00e4r beauftragte Heyerdahl damit, die Wasserverschmutzung t\u00e4glich zu beobachten. Die Crew der Ra II entdeckte an 43 von 57 Tagen der Reise \u00d6lklumpen im Atlantik. Heyerdahl verfasste Berichte zur Umweltverschmutzung auf See und legte sie zu unterschiedlichen Anl\u00e4ssen vor, unter anderem auf der Dritten UN-Seerechtskonferenz. 1972 verabschiedete die internationale Gemeinschaft daraufhin ein Verbot zur Entsorgung von Alt\u00f6l auf offener See.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vertreter des Diffusionismus<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Nach der Ra II-Expedition zerbrach seine zweite Ehe: Heyerdahl r\u00e4umte bei der Scheidung ein, dass er schuld daran gewesen ist, weil er zu viel weg war. Eine dritte gro\u00dfe Expedition f\u00fchrte Heyerdahl 1977 mit dem Schilfboot \u201eTigris\u201c vom Irak \u00fcber den Persischen Golf und den Indischen Ozean nach Dschibuti in Ostafrika. In der Hochzeit des Kalten Kriegs heuert er f\u00fcr die Besatzung einen sowjetischen Raumfahrtarzt und einen US-amerikanischen Navigator an und findet das einen der interessantesten Aspekte seiner Expeditionen: \u201eIch habe Leute verschiedener L\u00e4nder, politischer Ideen und Hautfarben zusammengebracht, um zu beweisen, dass es nur eine menschliche Familie gibt.\u201c Damit erweist er sich nicht nur als markanter Vertreter des Diffusionismus, der auf der These basiert, dass kulturelle Innovationen weltweit nur selten erfunden werden, aber sich anschlie\u00dfend zu anderen Kulturen ausbreiten, sondern sucht ihn auch zu leben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Tigris w\u00e4re noch l\u00e4nger seet\u00fcchtig gewesen, doch wegen der damaligen kriegerischen Lage am Horn von Afrika durch den Ogadenkrieg, die eine Einfahrt ins Rote Meer verhinderte, wurde die Reise abgebrochen. Weder im Nord- noch im S\u00fcdjemen, die sich gerade bekriegen, darf die Tigris landen, weder in Somalia noch in \u00c4thiopien, wo die Superm\u00e4chte einen Stellvertreterkrieg gegeneinander f\u00fchren. Erst im franz\u00f6sisch kontrollierten, neutralen Dschibuti am Horn von Afrika findet das Schilfboot endlich einen Hafen. Und dort verbrennt Thor Heyerdahl schlie\u00dflich sein letztes Expeditionsschiff, \u201eals Fackel des Protestes gegen den Wahnsinn des modernen Kriegs\u201c, wie Berndt Schulz, ein deutscher Biograf, schreibt. Politisch bleibt das lodernde Schilfboot ein Strohfeuer, das die Krieg f\u00fchrenden Parteien nicht im Geringsten beeindruckt. Aber f\u00fcr Heyerdahl selbst markieren die gl\u00fchenden Reste der Tigris den endg\u00fcltigen Abschied von seinen wagemutigen Fahrten &#8211; er ist mittlerweile 64 Jahre alt.<\/p>\n\n\n\n<p>Seine Expeditionen trugen Heyerdahl zahlreiche Mitgliedschaften, Auszeichnungen und Buch- und Filmerfolge ein \u2013 14 B\u00fccher kommen am Ende zusammen. Doch die meisten seiner recht steilen historischen Thesen konnten sich nicht durchsetzen. Die Vorstellung etwa, dass sich Untertanen der Pharaonen vor vielleicht 4000 Jahren auf die lange Reise gemacht haben sollen, konnte die Frage kaum beantworten, wie sie denn bis nach Marokko gelangt sein sollen. Daf\u00fcr setzte Heyerdahl Ma\u00dfst\u00e4be im Einsatz f\u00fcr die Natur sowie in der Organisation arch\u00e4ologischer Experimente und ihrer medialen Aufbereitung. In den achtziger Jahren wandte sich Heyerdahl der Erforschung indianischer Hochkulturen in S\u00fcdamerika und auf vorgelagerten Inseln zu, um Verbindungen zu anderen Fr\u00fchkulturen der Menschheit wie in \u00c4gypten nachzuweisen. Vielfach preisgekr\u00f6nt und mit elf Ehrendoktortiteln ausgezeichnet, blieb Heyerdahl bis ins hohe Alter aktiv und war zuletzt auf Teneriffa, in Russland und Aserbeidschan unterwegs.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"768\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-3-768x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6225\"\/><\/a><figcaption>Die Ex-&#8222;Tinka&#8220;. Quelle: Von Ap1279 &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=46465004<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Der \u201eArch\u00e4onautiker\u201c, der \u201eForscher mit Wikingerblut\u201c, stirbt schlie\u00dflich in seiner Wahlheimat Italien an einem Gehirntumor. Heyerdahl hatte kurz vor seinem Tod eine weitere \u00e4rztliche Behandlung sowie Essen und Trinken verweigert. Als er starb, waren drei seiner Kinder und seine Frau Jaqueline bei ihm &#8211; Jaqueline Beer, fr\u00fchere \u201eMiss France\u201c, hat er nach seinem 75. Geburtstag als seine dritte Frau geheiratet. Bis heute f\u00e4hrt die 1930 gebaute Thor Heyerdahl \u2013 fr\u00fcher Tinka, Marga Henning, Silke und Minnow \u2013 unter deutscher Flagge als Dreimast-Toppsegelschoner im Sinne der Erlebnisp\u00e4dagogik vor allem mit Mannschaften von jungen Mitseglern auf dem Atlantik und in der Ostsee: Mit dem schwimmenden Gymnasium kreuzen sie sieben Monate in der Karibik, schreiben Klausuren auf Deck und lernen, die Seekrankheit zu \u00fcberstehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das <em>Zeit-Magazin<\/em> erkl\u00e4rt den Norweger zum \u201eEnfant terrible der Naturwissenschaft\u201c, die <em>FAZ<\/em> sieht in ihm einen \u201eunerschrockenen Ernstnehmer eigenen Seemannsgarns\u201c. Die<em> Welt<\/em> feiert ihn in einem Nachruf als \u201eUrvater der Living History\u201c \u2013 der am eigenen Leib nacherlebten Geschichte: \u201eGanz gleich, wie stimmig Heyerdahls Thesen waren, er infizierte mit unheilbarer Neugier auf das Altertum, weit mehr noch als der ebenso umstrittene gro\u00dfe Popul\u00e4rarch\u00e4ologe C. W. Ceram mit seinen G\u00f6ttern, Gr\u00e4bern und Gelehrten. Heyerdahl bl\u00e4tterte die aufregendste Seite der Geschichte auf. Das fr\u00fche Reisen, das Entdecken, die Suche nach neuen Welten, die Ferne schlechthin.\u201c Das kann man getrost auch heute unterschreiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war Wissenschaftler und Oscar-Preistr\u00e4ger, begr\u00fcndete die Experimentelle Arch\u00e4ologie und blieb zeitlebens umstritten: Thor Heyerdahl. 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