{"id":6227,"date":"2022-04-03T06:51:00","date_gmt":"2022-04-03T05:51:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6227"},"modified":"2022-03-24T19:52:04","modified_gmt":"2022-03-24T18:52:04","slug":"psychische-grundzustaende-reanimieren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6227","title":{"rendered":"\u201epsychische Grundzust\u00e4nde reanimieren\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Neben Sergei Eisenstein gilt er als einflussreichster russischer Regisseur aller Zeiten. F\u00fcr Ingmar Bergman war er der gr\u00f6\u00dfte Filmemacher der Welt, \u201eF\u00fcr mich ist er Gott\u201c, sagte gar Lars von Trier und widmete ihm seinen Film \u201eAntichist\u201c (2009). Vier seiner Filme wurden in die <em>BBC<\/em>-Liste der 100 gr\u00f6\u00dften fremdsprachigen Filme aller Zeiten aufgenommen \u2013 obwohl er gerade sieben Streifen selbst drehte: Allesamt metaphysische und spirituelle Erkundungen der Menschheit, und jeder einzelne ist weltweit als k\u00fcnstlerisches Meisterwerk anerkannt, deren Komplexit\u00e4t ihn zum Kultfilmer zivilisationskritischer Intellektueller machte: Andrei Tarkowski, der am 4. April 1932 im Dorf Sawraschje in der heutigen Oblast Kostroma im nordwestlichen Russland zur Welt kam.<\/p>\n\n\n\n<p>Aus einer K\u00fcnstlerfamilie stammend \u2013 sein Vater war ein namhafter Lyriker, seine Mutter Schauspielerin \u2013, wuchs er nach deren Trennung bei Mutter und Gro\u00dfmutter in Zentralrussland auf. Andreis k\u00fcnstlerische Begabung wurde von seiner Mutter fr\u00fch erkannt und gef\u00f6rdert. 1944 zog die Familie nach Moskau, wo er nach einem mittelm\u00e4\u00dfigen Schulabschluss 1950 erst ein Studium in Musik, Malerei, Bildhauerei, Orientalistik und Geologie begann, um 1954 an der Filmhochschule Moskau das Regiehandwerk zu erlernen. Er heiratete 1957 eine Schauspielerin und schloss sein Studium 1961 mit dem Diplomfilm \u201eDie Stra\u00dfenwalze und die Geige\u201c ab, den er selbst nie zu seinem Werk z\u00e4hlte, der aber schon seine Eigenwilligkeit zeigte: Es geht um das Verh\u00e4ltnis von K\u00fcnstler und Arbeiter in Phantasie und Realit\u00e4t. Viele motivische Metaphern, etwa davonrollende \u00c4pfel oder verschiedene Aggregatzust\u00e4nde des Wassers werden danach immer wieder auftauchen. 1962 kommt sein Sohn zur Welt.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-4.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-4.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6228\"\/><\/a><figcaption>Tarkowski. Quelle: https:\/\/www.dekoder.org\/sites\/default\/files\/tarkowski_festival-de_cine_africano.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In seinem ersten Spielfilm \u201eIwans Kindheit\u201c (1962) nach einer Erz\u00e4hlung von Wladimir Bogomolow &nbsp;verarbeitete Tarkowski pr\u00e4gende autobiographische Erlebnisse wie die Abwesenheit seines Vaters und den Krieg. Im Mittelpunkt steht ein 12-j\u00e4hriger Kriegswaise, der seine Verst\u00f6rung durch H\u00e4rte niederk\u00e4mpft, sich in vorderster Front einen Posten in der Roten Armee erobert und zwischen den Linien in Lebensgefahr ger\u00e4t \u2013 ob er stirbt, bleibt offen: \u201eeine expressive Angsterfahrung, kein propagandistisch verwertbares Heldentum\u201c, erkennt Claudia Lenssen im <em>Tagesspiegel<\/em>. Allein an den heimischen Kinokassen wurden 16,7 Millionen Tickets verkauft. Der Streifen errang auf Anhieb den \u201eGoldenen L\u00f6wen\u201c der Filmfestspiele von Venedig (1962) und war 1964 der erste Kandidat, den die Sowjetunion \u00fcberhaupt ins Rennen um den Auslandsoscar schickte. \u201eMeine Entdeckung von Tarkowskis erstem Film war wie ein Wunder\u201c, erkl\u00e4rte Bergman. \u201ePl\u00f6tzlich fand ich mich vor der T\u00fcr zu einem Raum stehen, dessen Schl\u00fcssel mir bis dahin nie gegeben worden waren. Es war ein Raum, den ich immer hatte betreten wollen und wo er sich frei und voller Leichtigkeit bewegte.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Drama um Schuld<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Dieses Werk sicherte Tarkowski direkt im Anschluss an sein Studium einen Job bei der sowjetischen Filmgesellschaft Mosfilm und markiert den Anfang einer au\u00dfergew\u00f6hnlichen Karriere. Mit seinem zweiten Film \u201eAndrej Rublijow\u201c (1966) zog Tarkowski schon fr\u00fch die Aufmerksamkeit der Regierung auf sich, die den Film aufgrund von Nackt- und Gewaltdarstellungen zensierte, nachdem er sich weigerte, alle geforderten \u00c4nderungen daran vorzunehmen. Der episodische Film zeigt, oft schwarzwei\u00df, acht Momente im Leben des russischen Ikonenmalers, Glockengie\u00dfers und Wanderm\u00f6nchs Andrej Rubljow im 15. Jahrhundert, beleuchtet das Spannungsfeld von K\u00fcnstler und Gesellschaft und wurde von vielen als Allegorie f\u00fcr die Notlage des K\u00fcnstlers unter dem Sowjetregime interpretiert.<\/p>\n\n\n\n<p>Folglich wurde er in der Heimat bis 1971 nicht kommerziell ver\u00f6ffentlicht, allerdings 1969 bei den Filmfestspielen in Cannes gezeigt: Obwohl so fr\u00fch morgens, dass m\u00f6glichst viele Juroren die Vorstellung vers\u00e4umen sollten, erhielt er sofort den Kritikerpreis, die erste von insgesamt neun Auszeichnungen. F\u00fcr Chris Marker zeigt sich, dass Tarkowskis Kameraperspektive der des klassischen Hollywood-Kinos entgegengesetzt sei: W\u00e4hrend man dort eine leichte Untersicht bevorzuge, die die Personen exponiert und effektvolle Himmelsaufnahmen erm\u00f6glicht, schaue Tarkowskis Kamera leicht von oben auf die Menschen herab, die wie mit der Erde verwachsen scheinen, mit dem \u201eUrschlamm\u201c, aus dem sie hervorgegangen und wie noch nicht ganz befreit sind &#8211; Tarkowski selbst bezeichnete seinen Rubljow als einen \u201eFilm der Erde\u201c und setzte mit Birken, Laub und Spiegeln weitere Motive, die er in seinen weiteren Filmen immer wieder variierte.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-5.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"742\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-5-1024x742.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6229\"\/><\/a><figcaption>Rubljow. Quelle: https:\/\/www.trigon-film.org\/de\/movies\/Andrei_Rubljow\/photos\/1200\/rubljow_04.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Nicht so h\u00e4ufig, aber umso auff\u00e4lliger sei die \u201est\u00fcrzende Sicht\u201c seiner Kamera, bei der sie sich emporschwingt und senkrecht \u00fcber dem Geschehen verharrt, als schaue sie mit den Augen des richtenden Pantokrator von der Kuppel einer orthodoxen Kirche herab. International, so auch in der DDR, erschien der Streifen erst 1973. Zuvor scheiterte 1970 seine Ehe, noch im selben Jahr heiratete er erneut: Seine Regieassistentin Larissa Jegorkina, beide bekommen einen Sohn. Aus Anlass des 100-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4ums des Kinos nahm der Vatikan 1995 den Film in seine Liste der \u201e45 gro\u00dfen Filme\u201c mit auf. \u00dcber den Rubljow wird aber bis heute weltweit geforscht und publiziert, seine gr\u00f6\u00dfte Wirkung entfaltete er erst im 21. Jahrhundert. 2010 etwa, als der <em>Guardian<\/em> nach den 25 \u201eBesten Arthouse-Filmen aller Zeiten\u201c fragte, setzten ihn die Kritiker auf Rang eins.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch Tarkowskis weitere Filme waren kontrovers und wurden vorerst zensiert. Auf Stanley Kubricks Welterfolg \u201e2001 &#8211; Odyssee im Weltraum\u201c (1968) erwartete man in der Sowjetunion eine angemessene Antwort von Tarkowski und bedachte ihn mit dem Auftrag. Er verfilmte dazu die Erz\u00e4hlung \u201eSolaris\u201c von Stanis\u0142aw Lem \u2013 in einer ganz eigenen Interpretation. Der 1972 fertiggestellte Film hatte mit der Vorlage fast nur noch den Titel gemeinsam. Tarkowski verzichtete auf alle spektakul\u00e4ren technischen Details und schuf ein Drama um Schuld, individuelle Erinnerung und kollektives Ged\u00e4chtnis. Die Geschichte handelt von einem Wissenschaftler, der geschickt wurde, um mysteri\u00f6se Ereignisse auf einer Raumstation im Orbit des Planeten Solaris zu untersuchen. Bei der Ankunft findet er seine tote&nbsp;ehemalige Geliebte lebendig auf der Station vor und versucht, sie zu t\u00f6ten, aber sie kommt immer wieder zur\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>In dieser Meditation \u00fcber die Kultur- und Evolutionsgeschichte und den stets pr\u00e4senten Vater-Sohn-Konflikt wird nach einer Instanz gesucht, die unsere Tr\u00e4ume speichert. War schon im Rubljow der Zuschauer gefordert zu mutma\u00dfen, wie die Episoden der Handlung zusammenh\u00e4ngen, so nimmt in \u201eSolaris\u201c die f\u00fcr den reifen Tarkowski typische R\u00e4tselhaftigkeit noch deutlich zu. Sp\u00e4testens hier zeigt sich, dass Tarkowski gern mit den gleichen Schauspielern arbeitet und auch die Kameraleute nicht st\u00e4ndig austauscht. Eduard Artemjew schrieb ihm f\u00fcr diesen und zwei weitere Filme die zum Teil experimentelle elektronische Musik, die er mit dem ersten in Russland gebauten Synthesizer einspielte \u2013 f\u00fcr Tarkowski eine \u201eprivilegierte Klangsprache\u201c f\u00fcr eine \u201eSymbiose mit den Bildern\u201c. Die Geschichte wurde 2002 mit anderen thematischen Schwerpunkten von Steven Soderbergh mit George Clooney neu verfilmt. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eSie glauben an nichts\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDer Spiegel\u201c (1975) mit seinen vielen Zeitebenen und Politbez\u00fcgen ist als \u201eeindringliche autobiografische Tr\u00e4umerei\u201c (Norbert Franz in <em>Dekoder<\/em>) wohl der Schl\u00fcsselfilm in Tarkowskis Kanon und so nah an Poesie, wie Kino nur sein kann. Noch konsequenter als in seinen \u00fcbrigen Filmen befreite er sich darin von den Konventionen des Erz\u00e4hlkinos. Erz\u00e4hlt wird assoziativ eine Kindheit in den Jahren der Stalin\u2018schen Herrschaft, jedoch so, dass sich viele in Situationen und Konstellationen erkannten. Der Spiegel wird hier Symbol und Metapher des Selbsterkennens in der Erinnerung. Die fragmentierten Reminiszenzen an den sterbenden Dichter Alexei sind verwoben mit Gedichten von Tarkowskis Vater Arseni. Der kaleidoskopische Ansatz des Films kombiniert Ereignisse, Tr\u00e4ume und Erinnerungen mit Filmmaterial aus der sowjetischen Wochenschau, manche Kritiker erkennen eine strophische Reihung von Augenblicken, in denen im Angesicht des Todes das Leben vorbeizieht. In der Sowjetunion wurden dem Film, den Tarkowski seiner Mutter widmete, Vorw\u00fcrfe wie unverst\u00e4ndlich, \u00fcberladen oder d\u00fcster gemacht.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-6.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"760\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-6-1024x760.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6230\"\/><\/a><figcaption>&#8222;Spiegel&#8220;. Quelle: https:\/\/testkammer.com\/2016\/12\/19\/der-spiegel-1975\/ <\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>In seinem Schaffensdrang hatte er sich Zeit seines Lebens der sowjetischen B\u00fcrokratie zu erwehren, wurde bei Auftragsvergaben immer wieder ignoriert. Geldsorgen zwangen ihn, kommerzielle Drehbucharbeiten und Vortr\u00e4ge in der Provinz anzunehmen, au\u00dferdem H\u00f6rspiele zu verfassen und Theaterinszenierungen zu besorgen. \u00dcberraschenderweise hatte er bei seiner n\u00e4chsten Produktion \u201eStalker\u201c einigen Freiraum, obwohl der Film Andeutungen auf die politische Situation der Sowjetunion machte. Es war wie schon \u201eSolaris\u201c eine individuelle Adaption einer literarischen Vorlage, diesmal des dritten Kapitels des Romans \u201ePicknick am Wegesrand\u201c von Arkadi und Boris Strugazki, das beide umschrieben. Aber erst mit der neunten Drehbuchversion war Tarkowski zufrieden.<\/p>\n\n\n\n<p>Schauplatz ist eine \u201eZone\u201c, in der Au\u00dferirdische aus unbekannten Gr\u00fcnden Spuren hinterlassen haben: Vor allem Gegenst\u00e4nde teilweise unbekannter Funktion, stets ungekl\u00e4rten Prinzips, oftmals furchtbarer oder gar t\u00f6dlicher Wirkung, manchmal aber auch h\u00f6chster N\u00fctzlichkeit. Sie werden von illegalen Schatzsuchern, den \u201eStalkern\u201c, geborgen. Ein Stalker macht sich mit zwei M\u00e4nnern, die einander nicht mit Namen kennen, sondern mit \u201eProfessor\u201c und \u201eSchriftsteller\u201c ansprechen sollen, auf den Weg zu einem Raum, der einer Person ihre tiefsten W\u00fcnsche erf\u00fcllen soll. Nach sage und schreibe neun Minuten f\u00e4llt im Film das erste Wort; der Anfang ist schwarzwei\u00df, erst in der geheimnisumwitterten <em>Zone <\/em>wird er farbig. Wege durch das trostlose Gebiet &#8211; &nbsp;ein Geisteszustand wie ein wirklicher Ort &#8211; k\u00f6nnen in diesem metaphysischen Labyrinth nur gesp\u00fcrt, nicht gesehen werden. Am Ziel \u2013 vor dem verhei\u00dfungsvollen, unwirklichen Zimmer, in dem es auch noch regnet \u2013 machen beide einen R\u00fcckzieher und gehen nicht hinein. Telekinetisch sind sie auf einmal wieder in einer Kneipe, dem Ausgangspunkt ihrer Expedition.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Tarkowski lehnte eine eindeutige Interpretation dieser Zone immer ab \u2013 dieses mystisch-entr\u00fcckten Ortes, der f\u00fcr viele Cineasten damals wie heute die Konturen eines br\u00fcchig gewordenen Fortschrittsglaubens tr\u00e4gt. Dabei l\u00e4sst sich Tarkowskis Klassiker vor allem als eine traumwandlerische Reise ins menschliche Selbst interpretieren. Zunehmend setzt sich die Auffassung durch, Professor, Schriftsteller und Stalker hegelianisch zu lesen: Sie stehen dann f\u00fcr Wissenschaft, Kunst und Religion; nach Hegel die Modi, in denen das Wissen zu seiner Vollendung kommt &#8211; Religion (Anschauung) und Kunst (Vorstellung) sind in der Philosophie (Selbsterkenntnis) dialektisch aufgehoben. Im Film ist die dialektische Trias umgekehrt: Wissenschaft und Kunst sind ungen\u00fcgende Ann\u00e4herungen an die Wirklichkeit, die der Vollendung durch den Glauben bed\u00fcrfen. Wissenschaftler und Schriftsteller aber sind dazu nicht f\u00e4hig. Tats\u00e4chlich mahnt der Stalker, in der Zone Ehrfurcht zu zeigen und zu glauben. Resigniert muss er aber feststellen: \u201eSie glauben an nichts, an gar nichts. Bei ihnen ist das Organ mit dem man glaubt, an Nahrungsmangel zugrunde gegangen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-7.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-7-1024x768.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6231\" width=\"667\" height=\"500\"\/><\/a><figcaption>&#8222;Stalker&#8220;. Quelle: https:\/\/lwlies.com\/wp-content\/uploads\/2016\/05\/stalker-andrei-tarkovsky.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Tarkowskis Bilder geh\u00f6ren allerdings nicht zu einer konkreten Form des Glaubens, nicht zu einer bestimmten Religion. Es geht um die eher unspezifische Sehnsucht nach einem Absoluten, das die menschliche Rationalit\u00e4t \u00fcbersteigt und zu dem man Kontakt haben m\u00f6chte. \u201eDie heutige Zivilisation ist in eine Sackgasse geraten\u201c, schrieb er selbst. \u201eDie Zeit, um unsere Gesellschaft geistig umzubauen, fehlt. Die Menschen, die Politiker sind Sklaven des Systems geworden. Der Computer hat die F\u00fchrung \u00fcbernommen. Die einzige Hoffnung, die bleibt, ist, dass der Mensch in jenem letzten Moment, in dem er den Computer ausschalten kann, von oben erleuchtet wird.\u201c Tarkowski kn\u00fcpft da an Dostojewski an, der das Leiden \u201eeine gute Sache\u201c genannt hatte. Ganz \u00e4hnlich spricht die Frau des Stalkers, w\u00e4hrend sie direkt in die Kamera schaut: \u201eWenn es in unserem Leben keinen Kummer g\u00e4be, besser w\u00e4re das nicht. Es w\u00e4re sogar schlechter, denn dann g\u00e4be es kein Gl\u00fcck.\u201c Gl\u00fcck wird nicht mit Wohlbefinden verbunden, sondern mit Erl\u00f6sung, die aber nur der erfahren kann, der um seine Erl\u00f6sungsbed\u00fcrftigkeit wei\u00df. Einen Dostojewskij-Roman zu verfilmen ist ihm nie erlaubt worden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>nie geschaute Sch\u00f6nheit<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trotz der erarbeiteten Freiheiten blieben f\u00fcr Tarkowski die politischen und materiellen Produktionsbedingungen in der UdSSR schwierig, zudem ging es ihm nach mehreren Herzinfarkten gesundheitlich schlecht. Lust am Widerspruch auf der einen und eine eher diffuse Religiosit\u00e4t mit Hang zu Esoterik auf der anderen Seite machten ihn ebenso aus wie der tiefe Wunsch, seiner eigenen Kunstvorstellung zu folgen und trotzdem in der Heimat bleiben zu k\u00f6nnen, was ihm nicht gelang: Um dem Korsett des sowjetischen Filmbetriebs zu entweichen, nahm er 1981 schlie\u00dflich einen Auftrag in Italien an, obwohl ihm klar war, dass er seine Familie in der Sowjetunion zur\u00fccklassen musste. So entstand zun\u00e4chst die Fernsehdokumentation \u201eTempo di Viaggio\u201c, gefolgt von seinem vorletzten Spielfilm \u201eNostalghia\u201c (1983).<\/p>\n\n\n\n<p>Darin bereist ein russischer Schriftsteller mit seiner\u00a0Dolmetscherin die Toskana und untersucht einen selbstm\u00f6rderischen russischen Komponisten des 18. Jahrhunderts. Heimweh und Verzweiflung frustrieren ihn, bis er einen Wahnsinnigen trifft, der ihn \u00fcberzeugt eine Aufgabe zu \u00fcbernehmen &#8211; mit einer angez\u00fcndeten Kerze von einem Ende eines Spa-Pools zum anderen zu gehen &#8211; um die Welt zu \u201eretten\u201c. Der Wahnsinnige verbrennt sich \u00f6ffentlich, dem Schriftsteller geht zweimal die Kerze aus, bis er den Weg erfolgreich zur\u00fccklegt \u2013 und stirbt. \u201eDie sanfte Gewalt, die nie geschaute Sch\u00f6nheit seiner Bilder ist so heftig, dass man sie im Kopf beh\u00e4lt wie einen Traum, den man immer wieder tr\u00e4umt\u201c, so Ulrich Greiner in der <em>Zeit<\/em>. Daf\u00fcr bekam er in Cannes gleich drei Preise, darunter den als bester Regisseur.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full is-resized\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-8.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-8.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6232\" width=\"667\" height=\"416\"\/><\/a><figcaption>&#8222;Nostalghia&#8220;. Quelle: https:\/\/www.filmingo.ch\/images\/films\/98-800&#215;500.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Er hielt sich in der Folgezeit in Paris, London und Berlin auf, wo er Stipendiat des Deutschen Akademischen Austauschdienstes war. 1985 ver\u00f6ffentlichte er das Buch \u201eDie versiegelte Zeit\u201c, in dem er seine wesentlichen Gedanken zu \u00c4sthetik und Poetik des Films darlegte. Zugleich wird bei ihm Krebs diagnostiziert. Parallel dazu entstand in Schweden sein letzter Film \u201eOpfer\u201c: Eine Allegorie individueller Verantwortung, in der ein von Erland Josephson gespielter, zur\u00fcckgezogen auf einer Sch\u00e4ren-Insel lebender Schauspieler den Atomkrieg durch ein mystisch-sakrales Selbstopfer r\u00fcckg\u00e4ngig macht \u2013 im Jahr von Tschernobyl. Auch daf\u00fcr bekam er in Cannes drei Preise, dazu die Goldenen \u00c4hre des Filmfests Valladolid; 1988 wurde \u201eOpfer\u201c in England als bester fremdsprachiger Film ausgezeichnet.<\/p>\n\n\n\n<p>Tarkowskis geschw\u00e4chte Gesundheit verschlimmerte sich, sodass er die Arbeit zu seinem letzten Film \u201eHoffmanianna\u201c, eine Dokumentation \u00fcber E.T.A. Hofmann, nie zu Ende f\u00fchren konnte. Am 29. Dezember 1986 erlag er in Paris dem Krebsleiden. Seine Witwe Larissa widmete sich nach seinem Tod der Erhaltung von Tarkowskis Erbe, beteiligte sich aktiv an der Gr\u00fcndung des \u201eInstitut international Andre\u00ef-Tarkovski\u201c in Paris und der Publikation seiner Schriften, darunter auch seinen als \u201eMartyrolog\u201c bezeichneten Tageb\u00fcchern: Er schrieb nicht nur, sondern kritzelte, erstellte Listen, zeichnete Pl\u00e4ne und traurige Gesichter. Ein Eintrag laut etwa: \u201eGestern war ich besoffen und hab mir den Schnurrbart abrasiert. Heute Morgen fiel mir ein, dass ich auf allen Ausweisen einen Schnurrbart trage. Dann muss ich ihn wohl nachwachsen lassen!\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Durch lange Takes und handlungsarme Szenen erzieht sich Tarkowski seinen Zuschauer, der genau hinschauen, betrachten lernt. Er muss sich das wackelige Beistelltischchen im Schlafzimmer ansehen, die Tabletten, das Glas mit Wasser, das auf dem Tischchen verrutscht. Dazu h\u00f6rt er das Ger\u00e4usch eines vorbeifahrenden Zuges. Er wei\u00df nicht, wogegen die Tabletten helfen sollen, wer sie nimmt. Und er erf\u00e4hrt es auch sp\u00e4ter nicht. Tarkowskis Filme tragen in der Regel keine Antworten zu den Fragen vor, die sie stellen. Und wenn sie L\u00f6sungen suggerieren, stehen wiederum andere Fragen dahinter.\u00a0Seine Filme handeln von K\u00fcnstlern, Wissenschaftlern, Kindern, hochsensibel introvertierten Individuen, die immer auch als Alter Ego des Regisseurs fungieren.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-9.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/03\/800px-Thor_Heyerdahl_Kiel_77.935-9.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6233\"\/><\/a><figcaption>Tarkowskis Grab. Quelle: https:\/\/media-cdn.sygictraveldata.com\/media\/800&#215;600\/612664395a40232133447d33247d383739303832343839<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die Handlung ist jedoch in keinem seiner Filme im engen Sinne bedeutsam, vielmehr vermitteln gedehnte Kamerafahrten, entleerte Innenr\u00e4ume, Blicke auf Dinge des Alltags, an denen sich Erinnerungen kristallisieren, von Wasser \u00fcberstr\u00f6mte R\u00e4ume und Landschaften ein traumartiges Gewebe, in dem sich Zeiterfahrungen aufl\u00f6sen. \u201eEin wahrer K\u00fcnstler ist immer auch ein Vision\u00e4r, der in die Zukunft sieht\u201c, befand Tarkowskis Sohn 2020. \u201eDas erschreckt seine Mitmenschen. Aus diesem Grund wird er meist sehr viel sp\u00e4ter verstanden.\u201c Seine Filme sollten mit dem Zuschauer \u201enicht \u00fcber eindeutig nacherz\u00e4hlbare Inhalte kommunizieren\u201c, sondern \u201epsychische Grundzust\u00e4nde reanimieren\u201c: \u201eM\u00f6ge jeder, der dies w\u00fcnscht, sich meine Filme wie einen Spiegel anschauen, in dem er sich selber erblickt\u201c. Auf seinem Grab in Paris steht geschrieben: \u201eDer Mann, der den Engel gesehen hat\u201d.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er gilt mit gerade sieben Filmen als der sowjetische Meisterregisseur und setzte Standards nicht nur in der Science Fiction: Andrei Tarkowski. Der preisgekr\u00f6nte Autorenfilmer w\u00fcrde jetzt 90.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[5,4],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6227"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6227"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6227\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6234,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6227\/revisions\/6234"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6227"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6227"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6227"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}