{"id":6242,"date":"2022-05-06T06:46:00","date_gmt":"2022-05-06T05:46:00","guid":{"rendered":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6242"},"modified":"2022-04-28T14:05:29","modified_gmt":"2022-04-28T13:05:29","slug":"die-vaterlandsverraeterin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/?p=6242","title":{"rendered":"Die Vaterlandsverr\u00e4terin"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach ihrem \u00dcbernacht-Erfolg im \u201eBlauen Engel\u201c gestaltete sie ihre nicht minder spektakul\u00e4ren Auftritte als begnadete K\u00f6chin, Idealmutter, Liebhaberin, Stilikone und Antifaschistin rasch selbst. Genau wie die der GI-Unterhalterin im 2. Weltkrieg und noch drei Jahrzehnte lang der glamour\u00f6sen alterslosen Show-Diva danach. Was nicht in ihre perfekten, mutigen und m\u00fchsam ausgefeilten Selbstdarstellungen passte, stritt und streifte sie schlicht ab. Darunter auch ihre zwei Jahre \u00e4ltere Schwester Elisabeth, die sie 1945 in Bergen-Belsen wiederfand: Hier betrieb sie zusammen mit ihrem Mann eine kleine Kantine f\u00fcr die Wehrmacht, im Truppenlager-Kino in den Kasernen der Panzerschule &#8211; nur wenige hundert Meter entfernt vom KZ, errichtet zur Entspannung der Soldaten wie der SS-Leute.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachbarschaft zum Todeslager, der st\u00e4ndige Kontakt zum SS-Lagerpersonal und der wirtschaftliche Gewinn, den sie als Kantineninhaber daraus zogen, r\u00fcckten Elisabeth nebst Mann Georg moralisch gef\u00e4hrlich nahe an die T\u00e4ter. Diese Verwandtschaft konnte ihren Weltruhm besch\u00e4digen \u2013 weshalb sie sie rasch umdeutete. Doch sprach Elisabeth tats\u00e4chlich noch Jahre nach dem Krieg von der \u201emoralischen Integrit\u00e4t\u201c des Dritten Reichs: Die Nazis h\u00e4tten, bei allem \u00dcbel, doch nur die deutsche Ehre wiederherstellen wollen. Kein Wunder, dass sie die verlogene M\u00e4r vom Nazi-Opfer Elisabeth bald wieder aufgab und die Schwester fortan lieber verleugnete, obwohl der geschwisterliche Kontakt privat bis zu Elisabeths Tod 1973 unver\u00e4ndert bestehen blieb.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6268\"\/><\/a><figcaption>Die Dietrich. Quelle: Von Eric Koch \/ Anefo &#8211; http:\/\/proxy.handle.net\/10648\/aa4985ce-d0b4-102d-bcf8-003048976d84, CC BY-SA 3.0 nl, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=97835859<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Zu prominenten Fans ihrer B\u00fchnenkunst z\u00e4hlen Willy Brandt und Ronald Reagan gleicherma\u00dfen wie David Bowie, die Beatles, Bryan Ferry, Udo Lindenberg, Ute Lemper, Jean Cocteau, Karl Lagerfeld oder die ebenfalls aus Berlin stammende Hildegard Knef, mit der sie eine tiefe Freundschaft pflegt. Beide \u00fcberf\u00fchren in der Nachkriegszeit ihr charismatisches K\u00f6nnen erfolgreich auf die Chanson-B\u00fchne, wo sie mit Stimmen begeistern, deren Charme vor allem aus der Verweigerung von Perfektion und pr\u00e4tenti\u00f6sem Ton erw\u00e4chst. Ernest Hemingway, zeitweise ihr Liebhaber, bringt die Faszination von ihr einmal so auf den Punkt: \u201eSelbst wenn sie nichts anderes als ihre Stimme h\u00e4tte, k\u00f6nnte sie damit dein Herz brechen\u201c: Marlene Dietrich, die am 6. Mai vor 30 Jahren starb.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201eNimm dich in Acht vor blonden Frau\u2018n\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Marlene kommt am 27. Dezember 1901 in Berlin-Sch\u00f6neberg als Marie Magdalene Dietrich zur Welt. Ihre Eltern sind ein preu\u00dfischer Polizeioffizier und eine Juwelierstochter. Aufgewachsen in gutb\u00fcrgerlichen Verh\u00e4ltnissen, genie\u00dft sie fr\u00fch au\u00dfer Schulstunden auch privaten Unterricht und den restlichen Tag die Rundumbetreuung einer Gouvernante. Einen ersten Einschnitt in ihr beh\u00fctetes Leben stellt der Tod ihres Vaters 1907 dar, und auch der Stiefvater l\u00e4sst 1917 als Leutnant schon fr\u00fch sein Leben. Das habe zur Vatersehnsucht in ihren vielen Beziehungen gef\u00fchrt, so Hellmuth Karasek im <em>Spiegel<\/em>. Sex sei ein n\u00fctzliches Mittel, um ein emotionales Gleichgewicht herzustellen, \u201eaber keine ihrer Aff\u00e4ren hatte auch nur vor\u00fcbergehend jene Ausschlie\u00dflichkeit, die auf einen Wunsch nach tiefer, geschweige denn dauerhafter Liebe schlie\u00dfen l\u00e4sst.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Nachdem die musikalisch begabte Marlene fr\u00fch privaten Klavier- und Geigenunterricht erh\u00e4lt, beginnt sie 1919 ein Studium in Weimar zur Konzertgeigerin. \u00dcber ihre Studienzeit ist wenig \u00fcberliefert, ebenso wie \u00fcber die Gr\u00fcnde der Mutter, ihre Tochter 1921 praktisch \u00fcber Nacht zur weiteren Ausbildung nach Berlin zur\u00fcck zu holen. Kurz darauf beendet eine durch h\u00e4ufiges \u00dcben verursachte Sehnenscheidenentz\u00fcndung j\u00e4h Marlenes Karrierew\u00fcnsche. Ihre Liebe zu Literatur bringt die Anfangszwanzigerin auf die Idee, ihr Gl\u00fcck am Theater zu versuchen: \u201eDas Theater war der einzige Ort, wo man sch\u00f6ne Texte und sch\u00f6ne Verse vortragen konnte, wie die von Rilke, die mir das Herz brachen\u2026 Gibt\u2019s was Sch\u00f6neres als Rilke? Nein, nein, niemals!\u201c Sie absolviert die Max-Reinhardt-Schauspielschule und ergattert ab 1922 erste kleine Rollen an Theater, in Revues und Kabaretts als Fotomodell, Tanzgirl und Statistin. Ihr Leinwanddeb\u00fct gab sie als Zofe in \u201eSo sind die M\u00e4nner\u201c (1923); \u201eeine Kartoffel mit Haaren\u201c, sagte sie sp\u00e4ter \u00fcber die Rolle. In 18 Stummfilmen wird sie verpflichtet.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963-1.jpg\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6269\"\/><\/a><figcaption>In den 20er Jahren. Von George Grantham Bain Collection (Library of Congress) &#8211; Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3b24379 in der Abteilung f\u00fcr Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugeh\u00f6rigen Werks an. Es ist in jedem Falle zus\u00e4tzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen f\u00fcr weitere Informationen., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5930332<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend der Dreharbeiten zum Film \u201eTrag\u00f6die der Liebe\u201c lernt Marlene den Regieassistenten Rudolf Sieber kennen, den sie ein Jahr sp\u00e4ter heiratet. Im Dezember 1924 kommt die Tochter Maria zur Welt. Ihre zahlreichen Engagements f\u00fcr zumeist unbedeutende Unterhaltungsfilme der 20er, oft auch durch Ehemann Rudi vermittelt, f\u00fchren sp\u00e4ter zu phantasievollen Interpretationen &#8211; die Zeit vor dem \u201eBlauen Engel\u201c l\u00e4sst sie in ihren Erinnerungen sp\u00e4ter konsequent aus. Doch ohne ihre Rolle in \u201eZwei Krawatten\u201c mit Hans Albers und den Comedian Harmonists w\u00e4re ihr Leben anders verlaufen. Denn an einem der Abende sitzt auch Regisseur Josef von Sternberg im Publikum, der nach einer weiblichen Besetzung f\u00fcr eine Verfilmung des Heinrich Mann-Romans \u201eProfessor Unrat\u201c sucht. Begeistert von ihrer unterk\u00fchlten Ausstrahlung, l\u00e4dt er die Jungschauspielerin nach der Vorstellung zu Probeaufnahmen f\u00fcr das Filmprojekt \u201eDer Blaue Engel\u201c aufs Ufa-Gel\u00e4nde nach Babelsberg ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Seit dem Casting ist Dietrich als Bart\u00e4nzerin Lola Lola gesetzt, sehr zum Missfallen Heinrich Manns, der seine Lebensgef\u00e4hrtin Trude Hesterberg f\u00fcr die Rolle empfahl. Auch der eigentliche Star des Films, der bereits in den USA zu Ruhm gekommene Professor Unrat-Darsteller Emil Jannings, hat nach der Urauff\u00fchrung am 1. April 1930 im Berliner Gloria-Palast seine Probleme damit, dass ihm in Filmkritiken weniger Platz einger\u00e4umt wird als der Dietrich, dem vermeintlich unbeschriebenen Blatt. Sie bekommt f\u00fcr die Rolle 20.000 Reichsmark, Jannings das Zehnfache. Das Berliner Premierenpublikum feiert sie bereits wie einen Star, und der Rest der Welt reiht sich bald ein. Ihre frivol zur Schau gestellte Unschuld im \u201eBlauen Engel\u201c bleibt Marlene lebenslang als Image erhalten. Neben ihrer frechen Berliner G\u00f6ren-Schnauze begeistert besonders ihr Interpretationstalent der Friedrich Hollaender-Filmkompositionen. \u201eM\u00e4nner umschwirrn mich wie Motten das Licht\u201c, singt sie in weiser Voraussicht im Filmhit \u201eIch bin von Kopf bis Fu\u00df auf Liebe eingestellt\u201c, und auch \u201eIch bin die fesche Lola\u201c und \u201eNimm dich in Acht vor blonden Frau\u2018n\u201c mutieren zu Erfolgsschlagern.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201emein Gesch\u00f6pf\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zwischen ihr und Sternberg beginnt eine zarte Romanze; das Erfolgspaar arbeitet danach noch f\u00fcr weitere sechs Paramount-Filme in den USA zusammen, darunter der \u201eBlonden Venus\u201c (1932) im Hosenanzug und \u201eDer Teufel ist eine Frau\u201c (1935). Nicht all ihre Produktionen werden Kassenmagneten, belegen daf\u00fcr aber von Sternbergs unnachahmliches Talent, per gezielter Ausleuchtung von Dietrichs hohen Wangenknochen, den sinnlichen Lippen und ihrem m\u00e4nnermordenden Augenaufschlag in k\u00fcnstlerischer Hinsicht Ma\u00dfst\u00e4be zu setzen. Sie ging so weit, sich f\u00fcr die Betonung ihrer Wangenknochen vier Backenz\u00e4hne ziehen zu lassen. Unter Sternbergs F\u00fchrung vollzieht Marlene die Wandlung von der pummeligen Gro\u00dfstadt-G\u00f6re zum erotischen und unnahbaren Vamp. Die Dietrich nennt nicht umsonst ihren Entdecker mitunter halb scherzend \u201eGott\u201c, er sie im Gegenzug \u201emein Gesch\u00f6pf\u201c. Alle k\u00fcnftigen Regisseure der Diva m\u00fcssen sich fortan an von Sternbergs hohen Standards messen lassen. Mit Frack und Zylinder wischt Marlene das herk\u00f6mmliche Rollenklischee der Frau offensiv beiseite und verleiht ihrem \u00d6ffentlichkeitsbild zus\u00e4tzlich einen androgynen sowie hedonistisch-verruchten Anstrich. Vorw\u00fcrfe der Bisexualit\u00e4t lassen nicht lange auf sich warten.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-full\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963.png\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"334\" height=\"405\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-6270\" srcset=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963.png 334w, https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963-247x300.png 247w\" sizes=\"(max-width: 334px) 100vw, 334px\" \/><\/a><figcaption>Ikonisch in &#8222;Der blaue Engel&#8220;. Quelle: Von George Grantham Bain Collection (Library of Congress) &#8211; Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3b24379 in der Abteilung f\u00fcr Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugeh\u00f6rigen Werks an. Es ist in jedem Falle zus\u00e4tzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen f\u00fcr weitere Informationen., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5930332<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Dennoch will Goebbels die Berlinerin unbedingt f\u00fcr den deutschen Film zur\u00fcckgewinnen: F\u00fcr jeden Film, den sie in Deutschland dreht, soll sie 200.000 Reichsmark bei freier Wahl des Stoffes, des Produzenten und des Regisseurs erhalten. Doch Marlene macht die Begleitung ihres Mannes zur Bedingung &#8211; wohlwissend, dass Rudi Sieber als Jude niemals Teil dieses Angebots sein w\u00fcrde. Sie wird eine erbitterte Feindin Hitlers und gilt in ihrer Heimat erst als \u201eJudenfreundin\u201c, sp\u00e4ter als \u201eAmi-Hure\u201c. Nach dem Cut mit Sternberg arbeitet sie mit dem emigrierten Ernst Lubitsch zusammen und erlebt, wie ihr heller Stern langsam erblasst. 1938 nimmt sie die amerikanische Staatsb\u00fcrgerschaft an, kehrt Hollywood den R\u00fccken und verbringt in Europa viel Zeit mit ihrer Familie und rasant wechselnden Liebschaften. Im Sommer 1939 &#8211; sie weilt mit ihrem Liebhaber Erich Maria Remarque gerade an der franz\u00f6sischen Mittelmeerk\u00fcste &#8211; erh\u00e4lt sie ein Western-Angebot und sagt zu. Mit \u201eDer gro\u00dfe Bluff\u201c an der Seite von James Stewart feiert Marlene ein \u00fcberraschendes Comeback, der Thekenschunkler \u201eThe Boys In The Backroom\u201c mausert sich zu einem ihrer bekanntesten Songs.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach einigen weniger Aufsehen erregenden Filmen f\u00fchlt sich die Schauspielerin 1943 in der Pflicht, die GIs im Kampf gegen Hitler-Deutschland zu unterst\u00fctzen. Auch Schauspieler Jean Gabin, mit dem sie zu jener Zeit liiert ist, tritt in die franz\u00f6sische Armee ein. Marlene meldet sich f\u00fcr die amerikanische Truppenbetreuung an und reist bis 1945 teilweise an vorderster Front von Gr\u00f6nland \u00fcber Frankreich bis Nordafrika. Ein Filmstar in Uniform, ohne Leibw\u00e4chter und Stargehabe &#8211; das macht Eindruck auf die Hundertschaften an Soldaten, die Marlene im Gegenzug auf H\u00e4nden tragen. Sp\u00e4ter gesteht sie, ihre Zeit bei den Soldaten sei die gl\u00fccklichste ihres Lebens gewesen. Eine jener Shows vor alliierten Truppen findet 1945 sogar in der niederbayerischen Spargelstadt Abensberg statt. Nach dem Krieg erh\u00e4lt sie die \u201eMedal Of Freedom\u201c als h\u00f6chste zivile Auszeichnung des US-amerikanischen Kriegsministeriums, Frankreich ernennt sie zum \u201eRitter der Ehrenlegion\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>\u201ezu Tode biografiert\u201c<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>1945 stirbt Marlenes Mutter im ausgebombten Berlin, auch das verhei\u00dfungsvoll gestartete Liebesgl\u00fcck mit Gabin geht in die Br\u00fcche. Grunds\u00e4tzlich ist es Dietrich, die auf der Stelle kehrt macht, sobald ihr ein Liebhaber zu nahe kommt oder gar mehr Aufmerksamkeit von ihr einfordert. Seitenlange Liebesbriefe ihrer Verehrer beantwortet sie in der Regel mit wenigen S\u00e4tzen, oft auf eigenen Autogrammkarten. Auch als der von Kinderw\u00fcnschen getriebene Gabin ihr seine Familienplanungen er\u00f6ffnet, bleibt sie zur\u00fcckhaltend. Gabin zieht die f\u00fcr Marlene wohl ungeahnte Konsequenz und wendet sich von der Schauspielerin ab: 1949 heiratet er Christiane Fournier, die ihm drei Kinder schenkt. Somit ist Gabin der einzige Mann, der die Dietrich je verlassen hat. Vergessen konnte sie ihn nie.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963-2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"706\" height=\"1024\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963-2-706x1024.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6271\"\/><\/a><figcaption>Berliner Ehrengrab. Quelle: Von George Grantham Bain Collection (Library of Congress) &#8211; Dieses Bild ist unter der digitalen ID cph.3b24379 in der Abteilung f\u00fcr Drucke und Fotografien der US-amerikanischen Library of Congress abrufbar.Diese Markierung zeigt nicht den Urheberrechtsstatus des zugeh\u00f6rigen Werks an. Es ist in jedem Falle zus\u00e4tzlich eine normale Lizenzvorlage erforderlich. Siehe Commons:Lizenzen f\u00fcr weitere Informationen., Gemeinfrei, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=5930332<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Doch l\u00e4ngst ist Marlene wieder mit ihrer Karriere besch\u00e4ftigt, die sie mit der ihr eigenen Gr\u00fcndlichkeit und Ausdauer vorantreibt. Sie nimmt Rollen in Billy Wilders \u201eEine ausw\u00e4rtige Aff\u00e4re\u201c (1947), Alfred Hitchcocks \u201eDie rote Lola\u201c (1950) und Fritz Langs \u201eEngel der Gejagten\u201c (1952) an, moderiert Radio-Shows und spricht Krimi-H\u00f6rspiele ein. Bis in die 60er Jahre ist sie fast ausschlie\u00dflich als Diseuse und Entertainerin auf Achse und findet in Orchester-Dirigent Burt Bacharach erneut einen feinsinnigen F\u00f6rderer ihres Talents. Der Startschuss f\u00fcr ihre zweite Karriere f\u00e4llt 1953 im Hotel \u201eSahara\u201c in Las Vegas.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit einer Mischung aus alten Filmsongs und Neuinterpretationen von Hollaender, Cole Porter, Bob Dylan oder Pete Seeger nimmt die Dietrich in atemberaubenden B\u00fchnenoutfits die Herzen des Theaterpublikums f\u00fcr sich ein. So sorgt ihr B\u00fchnenmantel aus Brustdaunen von Schw\u00e4nen mit einer drei Meter langen Schleppe immer f\u00fcr gro\u00dfes Aufsehen; angeblich sollen 3000 Schw\u00e4ne f\u00fcr zwei dieser M\u00e4ntel ihr Leben gelassen haben. Nur bei ihrer Deutschland-R\u00fcckkehr 1960 wird sie unsch\u00f6n von ihrer Vergangenheit eingeholt. Zahlreiche Medien versuchen teils populistisch, teils hetzerisch ihre Haltung w\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs gegen sie auszuspielen: \u201eDie war\u2018n mir beese\u201c, sagte sie oft. 1961 hatte Dietrich ihre letzte Hauptrolle in dem Film \u201eJudgment at Nuremberg\u201c, in dem sie die Witwe eines zum Tode verurteilten deutschen Generals mimte.<\/p>\n\n\n\n<p>Reibungsloser verlaufen die Auslandsreisen: Sie singt in Paris und Cannes (1962), Monte Carlo und Mexico City (1963), Leningrad und Edinburgh (1964) oder auch S\u00fcdafrika und Australien (1965). Sie war nach dem Zweiten Weltkrieg die erste deutsche K\u00fcnstlerin, die in Russland auftrat, und die erste, die in Israel deutsche Texte auf der B\u00fchne singen durfte. In jener Zeit besucht Marlene auch immer mal wieder die Schweiz, wo sie ihre ber\u00fcchtigten Frischzellenkuren erh\u00e4lt, mit denen sie das Altern aufzuhalten versucht. Doch nat\u00fcrlich wird auch ein \u201eBlauer Engel\u201c irgendwann fl\u00fcgellahm. Nach einem weiteren B\u00fchnensturz 1975 in Sydney, bei dem sie einen Oberschenkelhalsbruch erleidet, beendet sie im Alter von 74 Jahren ihre Laufbahn als Showstar. Die Einsamkeit, eine Legende zu sein, \u00fcberf\u00e4llt sie am Ende ihres Lebens.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><a href=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963-3.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" width=\"1024\" height=\"770\" src=\"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/wp-content\/uploads\/2022\/04\/Marlene_Dietrich_in_1963-3-1024x770.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-6272\"\/><\/a><figcaption>&#8222;Sch\u00f6ner Gigolo, armer Gigolo&#8220; 1978. Quelle: https:\/\/cdn.prod.www.spiegel.de\/images\/2dd59321-0001-0004-0000-000000637514_w1200_r1.33_fpx39_fpy28.jpg<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Film \u201eSch\u00f6ner Gigolo, armer Gigolo\u201c mit David Bowie hat sie 1978 einen letzten Kurzauftritt. \u201eDer lange Fall der Filmg\u00f6ttin &#8211; 13 Jahre auf dem Sterbebett\u201c, titelte der <em>Spiegel<\/em>. 1987 publizierte die Diva ihre Memoiren unter dem Titel \u201eIch bin, Gott sei Dank, Berlinerin\u201c. Bis zu ihrem Tod lebt sie abgeschottet sowie alkohol- und tablettenabh\u00e4ngig in ihrem Pariser Appartement, nicht gewillt, der \u00d6ffentlichkeit auch nur einen winzigen Blick auf ihren alternden K\u00f6rper zu gestatten. 40.000 Mark nahm sie zuletzt f\u00fcr ein <em>Stern<\/em>-Interview. Ihr Grab befindet sich neben dem ihrer Mutter auf dem Friedhof Sch\u00f6neberg an der Stubenrauchstra\u00dfe. Die Grabinschrift \u201eHier steh ich an den Marken meiner Tage\u201c ist eine Zeile aus Theodor K\u00f6rners Sonett \u201eAbschied vom Leben\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch bin zu Tode fotografiert und zu Tode biografiert worden\u201c, klagt sie 1983 in Maximilian Schells ergreifender Dokumentation, der Dietrich als einer der wenigen engen Freunde im Alter noch einmal besuchen darf. F\u00fcr seinen Oscar-nominierten Film \u201eMarlene\u201c f\u00fchrt Schell mit ihr sechs Tage lang Gespr\u00e4che in ihrer Wohnung und nimmt diese auf Tonband auf, das Filmen ist selbstredend auch ihm strengstens untersagt. Das Ergebnis beeindruckt: In Dietrichs br\u00fcchiger und dauern\u00f6rgelnder Stimme spiegelt sich einerseits die Unzufriedenheit der Diva wieder, die Welt nicht mehr aktiv mitgestalten zu k\u00f6nnen, wie auch ihr unbedingter Wille, den Mythos Marlene Dietrich bis zum Tod zu kontrollieren. Dabei konnte sie \u00e4tzend, ja verletzend zu Kollegen, anderen Promis, ja selbst Freunden sein &#8211; Sternberg bekam am Ende seines Lebens Wutausbr\u00fcche, wenn er nur ihren Namen h\u00f6rte. Die Liste ihrer Telefonpartner, beginnend mit der Queen, war ein Who\u2019s Who der Elite der Welt. <\/p>\n\n\n\n<p>Fritz Lang soll gesagt haben, Marlene sei nie eine gute Schauspielerin gewesen, aber sie habe ohne Unterlass eine Rolle gespielt: \u201eSie wei\u00df selbst nicht mehr, wer sie ist.\u201c Als \u201eVamp und Emanze zugleich\u201c vereinte sie \u201eHollywood-Glamour und preu\u00dfische Disziplin\u201c, so Karasek. \u201eKeine wird je sein wie sie\u201c, bilanziert Martina Pock in der <em>S\u00fcddeutschen<\/em>. In Berlin erinnern der Marlene-Dietrich-Platz und die Dauerausstellung \u201eMarlene Dietrich\u201c im Filmmuseum an sie. Eine Luxus-Edition des F\u00fcllfederhalter-Herstellers Montblanc und ein ICE 4 tragen ihren Namen, eine deutsche Briefmarke ihr Konterfei. Das American Film Institute w\u00e4hlte sie 1999 unter die 25 gr\u00f6\u00dften weiblichen Leinwandlegenden aller Zeiten. Durch Joseph Vilsmaiers Film \u201eMarlene\u201c (2000) mit Katja Flint in der Titelrolle setzte hierzulande eine neue Dietrich-Manie ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie erlangte als deutsche S\u00e4ngerin und Schauspielerin Weltruhm und machte als \u201eBlonde Venus\u201c den Hosenanzug frauenf\u00e4hig: Marlene Dietrich. Die \u201efesche Lola\u201c starb vereinsamt vor 30 Jahren.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[4,8],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6242"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=6242"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6242\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":6273,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/6242\/revisions\/6273"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=6242"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=6242"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.dr-thomas-hartung.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=6242"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}